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Die Kategorie des Numerus

Die Kategorie des Numerus ist vielen Wortarten eigen. Doch ist das We­sen dieser Kategorie beim Substantiv grundsätzlich anders als bei allen an­deren Wortarten.

So ist zum Beispiel der Numerus beim fmiten Verb auf die Zahlform des
Subjekts im Satz abgestimmt (das Kind schläft — die Kinder schlafen) also
synsemantisch nach seiner Bedeutung und syntaktischnach seiner Funkti­
on. Auch der Numerus der Adjektive, der adjektivischen Pronomen und der
Ordnungszahlwörter hängt von der Zahlform des Substantivs in der attribu­
tiven Wortfügung ab {alter Mann alte Leute; dieses Gespräch diese
Gespräche; der erste Versuch
die ersten Versuche), er ist also wiederum
synsemantisch und ein Mittel der Kongruenz in der Wortfügung. Beim Sub­
stantiv dagegen tritt uns der Numerus als eine autosemantische,dem Sub­
stantiv als solchem, außerhalb jeglicher syntaktischer Beziehungen anhaf­
tende und mit dem Begriff der Gegenständlichkeit eng verbundene Katego­
rie entgegen, vgl. der Mensch die Menschen, das Haus die Häuser, der
Gedanke — die Gedanken,
, . .

Die Kategorie des Numerus ist so charakteristisch für das Substantiv, sie entspricht so sehr seiner verallgemeinerten Wortklassenbedeutung, dass Gjmz sie als das Hauptkennzeichen des Substantivs betrachtet, das „direkt auf den Sachtem" der Substantive geht [81], und sie in die Charakteristik des Suo-


stantivs als Wortart aufnimmt: als Wesen, Größe, Einheit geprägt; ein Mo­ment der Zahlenthaltend" (ebenda).

Die Kategorie des Numerus ist mit den Begriffen der Gattungund der Zählbarkeitder Gegenstände innerhalb der Gattung verbunden. Sie beruht auf der Opposition: ein Gegenstand / viele Gegenstände von derselben Gat­tung.

Diese Opposition kennzeichnet vor allem Namen für konkrete Gegen­stände, und zwar Gattungsnamen: der Mensch I die Menschen, das Haus I die Häuser, der Baum I die Bäume, Auch viele Abstrakta haben die Fähig­keit zur Zählbarkeit: die Idee I die Ideen, die Bestrebung I die Bestrebungen, die Eigenschaft I die Eigenschaften, die Tugend/ die Tugenden u. Ä.

Es ist zu berücksichtigen, dass es sich bei der Bedeutung der Pluralform nicht um die Vielheitdurchweg handelt, sondern um eine gegliederte Viel­heit, um eine Summe von Einheiten. Als Beweis dafür dienen die singula­risch gebrauchten Kollektiva,die auch eine Vielheit ausdrücken, aber „als eine undifferenzierte, unzerlegbare Ganzheit"; vgl. das Gebüsch (eine nicht­gegliederte Vielheit, eine undifferenzierte Ganzheit) und die Büsche (eine differenzierte Summe von Einheiten); ähnlich: das Laub und die Blätter, das Proletariat und die Proletarier, die Studentenschaft und die Studenten. Ei­nen weiteren Beweis für die Wichtigkeit der Gegenüberstellung von geglie­derter Vielheit und undifferenzierter Ganzheit liefern die Stoffnamen. Als Bezeichnungen einer undifferenzierten Ganzheit haben die Stoffnamen in der Regel nur die Singularform: das Wasser, der Wein, der Stahl, das Öl. Sobald aber der Stoff nach den Sorten oder Arten gegliedert wird, bekom­men die Stoffnamen die Pluralform: die Weine (= Weinsorten), z. B. alte Weine, starke Weine; die Stähle (= Stahlsorten), die Öle (= Ölsorten) u, a.



Die grammatische Bedeutung der Zahlformen bei den zählbaren Sub­stantiven ist also

 

Grammem Bedeutungskomponenten (Seme)
Singular „Zählbarkeit" \ „Einheit"
   
Grammem ' Bedeutungskomponenten (Seme)
Plural [ „Zählbarkeit" „gegliederte Vielheit"

Die grammatische Opposition: ein Gegenstand / viele Gegenstände von derselben Gattung wird manchmal neutralisiert.Ein typischer Fall der Neu­tralisation dieser Opposition ist die synonyme Verwendung von Singular und Plural bei der Bezeichnung der ganzen Gattung (die sog, Generalisierung):

Der Mensch ist sterblich. I {die) Menschen sind sterblich. Die Katze ist ein Haustier, l {Die) Katzen sind Haustiere.

Koschmieder beschreibt diese Verwendung wie folgt: „Singular und Plu­ral dienen der Unterscheidung von einem und mehreren gezählten oder zähl-


baren Individualitäten (Einzelbegriffen) einer „Klasse"; für den Gattungsbe­grifffehlt dem Deutschen eine grammatische Kategorie. Soll er ausgedrückt werden, so müssen, weil jede Form des betreffenden Wortes entweder im Singular oder im Plural steht, mangels einer anderen Kategorie Singular oder Plural verwendet werden" [147].

Die grammatische Kategorie des Numerus wird in diesem Fall nach dem Ausdruck von Koschmieder „im Leerlauf verwendet (ebenda).

Eine verwandte Erscheinung ist die stilistische Transposition eines Nu­merus auf die Ebene des anderen Numerus, und zwar die Transposition des Singulars auf die Ebene des Plurals in der dichterischen Sprache:

Im düstem Auge Die Welle wieget unser Kahn

Keine Träne, Im Rudertakt hinauf. (Goethe)

Sie sitzen am Webstuhl Und fletschen die Zähne, (Heine)

Über den Ausdruckswert dieser stilistischen Figur s.: [229].

Ähnliche Transposition ist in einigen festen Redewendungen zu beob­achten: ein gutes Ohr haben, ein scharfes Auge auf jemand haben, Hand und Fuß u.a. (ebenda).

Anders steht es um eine große Schicht von unzählbaren Substantiven, die nur die Singularform haben,— die sog. Singulariatantum.Es sind hier einige Bedeutungsgruppen und Wortbildungs typen zu nennen:

Nur die Singularform besitzen die sog. Unika,z. B. die Erde, der Mond.

Ähnlich die meisten Kollektive:das Proletariat, der Adel Personenbe­zeichnungen auf -tum und -schaff, die Studentenscliafi, die Mannschaft, das Bauerntum; weiter: das Laub, das Wild, das Vieh u. a.; eine Reihe von Sam­melnamen auf ge-\ das Geflügel, das Gefieder, das Geschirr, Vorgangsna­men: das Gerede, das Getue, das Geplätscher; Substantive wie: das Schuh­werk, das Backwerk u.a.

Eine bedeutende Anzahl von Singulariatantum bilden die Stottnamen:das Wasser, das Brot, die Milch, das Fleisch das Fett; das Kupfer, das Ei­se}!, die Wolle, der Gummi, der Sauerstoff, der Schwefel # _

Keinen Plural besitzen viele Namen für Naturprodukte, die nicht gezählt werden: das Korn, der Weizen, der Hafer, das Gras, das Heu, der Kohl, der Salat.

Eine besonders zahlreiche Gruppe von Singulariatantum bilden die un­zählbaren Abstrakta:das Bewusstsein, die Entschlossenhat, die Achtung, die Klarheit, die Wärme, die Freundschaft, die Ankunft u. A.

Niemals haben die Pluralform auch die durch Substantivierung entstan­denen Adjektiv- und Verbalabstrakta: das Gute, das Neue, das Schone, das Unendliche; das Laufen, das Wachen, das Kämpfen u. a._

Der Singular all dieser Substantive la'sst sich kaum auf eine Gesamtbe-deotung zurückführen. Er steht bgleicher Weise bei Urnka wie bei Koliek-tiva, bei Stoffnamen, die nicht durch das Zahlen gemessen werden, doch andere quantitative Charakteristiken haben können, wie bei Absüakta, cue keiner quantitativen Charakteristik unterzogen werden können. Entscheidende


Bedeutung bei der Beurteilung der Singularform von unzählbaren Substanti­ven hat für uns weiter, dass bei diesen Substantiven dem Singular kein Plural gegenübersteht, so dass ihnen die Opposition nach den Numeri fremd ist.

Aus dem Gesagten können wir schlussfolgern, dass die unzählbaren Sub­stantive keine Kategorie des Numerus besitzen und dass die Singularform bei ihnen, um mit Koschmieder zu sprechen, „im Leerlauf verwendet ist, aus dem einzigen Grande, dass jedes Substantiv entweder in der Singular­oder in der Pluralform gebraucht werden muss, „denn eine neutrale nicht grammatische Form besitzen wir nicht" [147].

Die Singularform wird, da sie die bei weitem häufigste ist, als die „allge­meine" Form [38] oder die „Grundform" [2] bezeichnet.

Bedeutend geringer ist die Anzahl der sog. Pluraliatantum.Die Plural­form ist hier bei einigen Kollektiva motiviert, so bei Personennamen: die Eltern, die Geschwister, die Gebrüder, die Zwillinge, die Drillinge; bei eini­gen Sachnamen: die Gliedmaßen, die Trümmer, die Briefschaften, die Geld­sachen, die Kurzwaren. Doch unmotiviert sind solche Pluralformen wie: die Ferien, die Einkünfte, die Kosten, die Spesen, die Machenschaften', geogra-fische Namen: die Alpen, die Vogesen, die Karpaten, die Dardanellen, die Apenninen, die Pyrenäen, die Sudeten, die Azoren, die Bälearen; die Namen einiger Feste: die Ostern, die Pfingsten, die Weihnachten; die Namen für einige Krankheiten: die Masern, die Blattern, die Röteln, die Pocken. Auch hier handelt es sich in erster Linie um den formalen Numerus.

§ 53. Die lexikalische Potenz des Numerus

Die Verwendung der Numerusformen hängt so eng mit der lexikalischen Bedeutung der Substantive zusammen, dass der Numerus sehr oft als diffe­renzierendes Merkmal der einzelnen Bedeutungen eines mehrdeutigen Wor­tes dient oder gar die Zerlegung des Wortes in Homonyme signalisiert und prägt. Das erklärt sich dadurch, dass das mehrdeutige Substantiv in einigen Bedeutungen zählbar, in den anderen dagegen unzählbar sein kann. Dassel­be gilt noch mehr für Homonyme.

So ist zum Beispiel das Substantiv der Gebrauch unzählbar und ein Sin­gulariatantum in der Bedeutung „Verwendung, Benutzung" (der Gebrauch von Messer und Gabel); die Pluralform die Gebräuche bedeutet „volkstüm­liche Sitten" (alte ländliche Gebräuche). Es ist klar, dass die Singularform der Gebrauch und die Pluralform die Gebräuche nicht als Formen eines Wortes gelten können, da sie in lexikalischer Hinsicht weit auseinanderge­gangen sind. Auch bei Substantiven, die nicht in Homonyme zerlegt werden, verhalten sich die einzelnen Bedeutungen unterschiedlich zum Numerus.

Das Substantiv die Industrie ist eigentlich ein Singulariatantum. Doch bei der Einengung der Bedeutung entwickeln sich die Formen die Industrie! die Industrien (= „Industriezweige").

Vgl. a) Von der Landwirtschaft lebten in Deutschland jener Jahre 14 373 000 Erwerbstätige mit ihrem Anhang. 25 781 000 von Handwerk und Indu­strie. (Feuchtwanger)


b) Die Kaugummi-Erzeugung ist die nationalste Industrie von den USA.

(Kisch)

Nun schüttete Taubenhaus ein wahres Füllhorn von Reichtümern über die Stadt aus. Neue Industrien, neue Gewerbe wollte er einbürgern, das Hand­werk sollte neu erstehen und vervollkommnet werden. Die Bürger saßen mit trunkenen Augen. (Kellermann)

Vgl. auch die unterschiedlichen Bedeutungen der mehrdeutigen Wörter und Homonyme, wie sie sich im Numerusgebrauch widerspiegeln und von ihm geprägt werden:

die Unruhe Sg. die Unruhen PL;

die Gesellschaft Sg. die Gesellschaft — die Gesellschaften;

die Süßigkeit Sg. die Süßigkeiten PL;

die Schönheit Sg. die Schönheiten Pl;

der Fortschritt Sg. die Fortschritte PL;

die Zärtlichkeit Sg. die Zärtlichkeiten PL;

die Wahl Sg. die Wahlen PL;

das Wesen Sg. das Wesen — die Wesen.

Nicht nur die Abstrakta weisen je nach dem Numerus unterschiedliche Bedeutungen auf. Einen Wandel der Bedeutung mit entsprechendem Wan­del der Numerusverhältnisse erfahren auch die Konkreta, indem sie übertra­gene und abstrakte Bedeutungen entwickeln.

Vgl.: das Brett I die Bretter die Bretter Ï.= à) »Schiert

b) „bunne ;

der Kern I die Kerne der Kern Sg.

der Grund Sg. der Grund I die Gründe;

Unterschiedliche Numerusverhältnisse kennzeichnen auch den Stoffna­
men und den auf seiner Grundlage entstandenen Gattungsnamen.
Vgl.: das Brot Sg. das {ein) Brot — die Brote;

das Panier S 2 das (ein) Papier die Papiere;

der sZtsl der (ein) Stahl - die Stähle (-Drehstahl);

der Karton Sg. der (ein) Karton - die Kartons;

das Glas Sg. das (ein) Glas die Glaser.

Eine wortbildende Funktion hat der Numerus, und Z^M die Pluralform
bei der Bildung von Kollektiva durch Substantivierung von A^etavra. ¹■
tizipienundPronomen, z. B. die Versammelten, die Umstehenden, die Hauch­
dünnen, die Meinigen
[149]. .. , r,,,eQmni«n_

Ähnlich bei der Bildung von Pluraliatantum mit H¹ te éèèøìà Setzung: die Gewissensbisse (zu der Biss I die Bisse), ^Êã°1îØãà nen (zu die Träne I die Tränen); die Anfangsgründe, die Gebietsforderun

^Über'die doppelten Pluralformen und die differenzierende Rolle der Plu­ralform bei der Unterscheidung von Homonymen s.: [üb, aäij.


DIE KASUS

§ 54. Die Kategorie des Kasus

Die Veränderung der Substantive nach den Kasus verleiht ihnen j ene Lenk­barkeit, die ihr vielfältiges Funktionieren im Satz erfordert. Die Kasus die­nen zum Ausdruck der syntaktischen Beziehungen zwischen den nominalen Satzgliedern und dem Prädikat des Satzes sowie zum Ausdruck der syntak­tischen Beziehungen zwischen den Substantiven in der Wortfügung. Diese Funktionen erfüllen sowohl reine Kasus als auch Präpositionalkasus. Die Präpositionen konkretisieren durch ihre lexikalische Bedeutung die Bezie­hungen, die der Kasus nur in sehr allgemeiner Form angibt.

Die grammatische Bedeutung der Kasus ist sehr abstrakt und der Sprach­forschung ist es bis heute nicht gelungen, das Problem der Kasusbedeutung befriedigend zu lösen.

Es bestehen zwei Grandtendenzen in der Erforschung der Kategorie der Kasus. Einige Forscher interpretieren die Kasus semantisch. Jakobson sucht in seiner bekannten Untersuchung über das Kasussystem des Russischen aus der Fülle der konkreten Verwendungsweisen einzelner Kasus die invariante Gesamtbedeutung eines Kasus abzuleiten [130], Er unterscheidet die Ge­samtbedeutungeines Kasus, die von seiner Umgebung unabhängig ist, und die Sonderbedeutungendes Kasus, die durch verschiedenartige Wortgefü-ge oder durch die Bedeutung der umgebenden Wörter bestimmt werden und daher als kombinatorische Varianten der Gesamtbedeutung zu betrachten sind (ebenda). Kennzeichnend für R. Jakobson ist das Bestreben, Kasusbe­deutung und Kasusfunktion auseinander zu halten und zu beweisen, dass der Kasus in verschiedenen syntaktischen Funktionen eine und dieselbe Gesamt­bedeutung aufweist. So definiert er den Akkusativ und sein Gegenglied, den Nominativ, wie folgt: „Der Akkusativ besagt stets, daß irgendeine Hand­lungauf den bezeichneten Gegenstand gewissermaßen gerichtetist, an ihm sich äußert, ihn ergreift" (ebenda). Er unterstreicht, dass diese Gesamtbe­deutung sowohl dem Akkusativ in der Funktion des Objekts: einen Brief schreiben, ein Buch lesen als auch dem Akkusativ in der Funktion einer Umstandsergänzung: ein Jahr leben, den Weg gehen, Geld kosten eigen ist. Der Akkusativ bezeichnet in den letzten Beispielen einen „Zeit- oder Raum-abschnitt, der von der Handlung restlos umfaßt ist" (ebenda). Der Nomina­tiv ist nach Jakobson gegenüber dem Akkusativ das merkmallose, schwache Oppositiongsglied und Träger der reinen Nennfunktion.Diese Bedeutung bewahrt er in allen syntaktischen Verwendungs weisen, d. h. als Subjekt, Prä­dikativ und Apposition.

Von einer „verallgemeinerten Bedeutung" der Kasus schreibt auch Ad-moni [2]. Brinkmann bestimmt die „allgemeine Relation", die durch den Kasus angegeben wird, wie folgt: „Beim Nominativ eine Identität, beim Dativ eine Finalität, beim Akkusativ eine Alterität (bzw. Kausalität)" [38]. Auch die Namen, die GHnz den deutschen Kasus gibt, und zwar Grundgröße (= No­minativ), Zielgröße (= Akkusativ), Zuwendgröße (= Dativ), Anteilgröße


{= Genitiv) zeugen davon, dass der Verfasser von einer bestimmten Grund­bzw. Gesamtbedeutung der betreffenden Kasus ausgeht [81].


is

Der semantischen Interpretation der Kasus widersprechen jedoch die Tat­sachen, die bereits vor geraumer Zeit im Zusammenhang mit der Theorie der Genera verbi ermittelt worden sind. Es ist nämlich bekannt, dass der Nomina­tiv als Kasus des Subjekts nicht nur den Täter, von dem die Handlung ausgeht, das Agens, sondern auch sein Gegenteil, das Patiens bezeichnen kann. Es steht auch fest, dass das Patiens in einem Satz je nach der syntaktischen Ge­staltung desselben als Nominativ und als Akkusativ auftreten kann. Ahnliche Erkenntnisse brachte die in der neueren Zeit entstandene Theorie der seman­tischen bzw. Tiefenstruktorkasus, die durch die Untersuchungen im Bereich der Satzsemantik angeregt wurde [65, 66]. Eine ausführliche Darstellung der Theorie der Tiefenstrakturkasus (s.: [116]). Vom Standpunkt der Satzseman­tik enthält der Satz in seiner Inhaltsstraktur ein semantisches Prädikat (das Abbild einer Eigenschaft oder Beziehung der außersprachlichen Realität) und je nach der Beschaffenheit des Prädikats ein oder mehrere semantische Argu­mente (Abbilder von Gegenständen, die am Sachverhalt beteiligt sind). Die semantischen Kasus oder die sog. Tiefenstrakturkasus (Tiefenkasus) kenn­zeichnen die Rolle der einzelnen Argumente im Vollzug des im Satz abgebil­deten Sachverhalts der außersprachlichen Realität. Obwohl es noch kernen vollständigen Katalog der möglichen Rollen der Argumente gibt, nennt Fill-more folgende wichtige semantische Relationen oder Rollen: Agentiv (= der Täter, das Agens), Instrumental, Dativ(= die Person, die durch das Gesche­hen atßziert wird), Faktitiv(= Objekt, das aus der Tätigkeit resultiert), Loka­tiv(= lokale Position, räumliche Ausdehnung), Objektiv(= Objekt, das durch die Tätigkeit oder den Zustand affiziert wird). Die Tiefenkasus sind den Ka-

vertreten werden. Folgende Beispiele zeigen, dass der Nominativ als Oberriä-chenkasus sehr verschiedene semantische Relationen ausdrücken kann [1Ù\

Der Lehrer schließt die Tür. (Agentiv)

Der Schlüssel schließt die Tür. (Instrumental)

Die Tür wird geschlossen. (Objektiv)

Der Kuchen wird gebacken. (Faktitiv)

Der Schüler erhält ein Buch geschenkt. (Dativ)

In ähnlicher Weise können verschiedene semantische Relationen durch den Akkusativ ausgedrückt werden (ebenda):

Erzerbrach das Glas. (Objektiv)

Er schrieb das Buch. (Faktitiv)

Er unterstützt seinen Freund. (Dativ)

Er betritt den Garten. (Lokativ)

Er benutzt den Schlüssel, um die Tür zu Öffnen. (Instrumental)

Die gleiche semantische Rolle kann durch verschiedene Oberflächenka­sus ausgedrückt werden, so das Instrumental (ebenda):


Der Dieb zerschlug die Scheibe mit dem Stein. (Präpositionalkasus)

Der Stein zerschlug die Scheibe. (Nominativ)

Er bediente sich eines Steines, um die Scheibe zu zerschlagen. (Genitiv)

Aus diesen Beispielen geht hervor, dass die herkömmlichen Kasus nicht zum Ausdruck von semantischen Relationen, sondern vor allem zur Gestal­tung der Satzglieder in der Oberflächenstruktur des Satzes dienen. Das un­terstützt die zweite Tendenz in der Untersuchung der Kasus, und zwar die Tendenz, die Kasus aus syntaktischer Sicht, als Komponenten der Satzstruk­tur zu deuten. Diese Tendenz liegt der Kasustheorie von Kuritowicz zugrun­de, der im Gegensatz zu Jakobson von dem syntaktischen Funktionieren der Kasus, von ihrer satzgliedgestaltenden Rolle ausgeht. Kuritowicz unterschei­det die primäre Kasusfunktion und die sekundärenKasusfunktionen.

Die primäre Funktion eines Kasus ist nicht semantisch gebunden, sie ist rein grammatischer Art. Der Kasus nimmt dabei eine zentrale Stellung in der Satzstruktor ein. So ist zum Beispiel die primäre und zentrale Funktion des Akkusativs die des Objekts, das nach einem beliebigen transitiven Verb er­scheinen kann., die primäre Funktion des Nominativs die des Subjekts.

Die sekundären und peripheren(marginalen) Funktionen des Akkusa­tivs sind verschiedene durch die Semantik der umgebenden Wörter und des Substantivs selbst bedingte Verwendungsweisen: die Umstandsergänzungen des Ortes, der Zeit, des Maßes, des Wertes (eine Stunde dauern, einen gera­den Weg gehen, ein Kilo wiegen, viel Geld kosten). Die sekundäre Funktion des Nominativs ist die des Prädikativs.

Die syntaktische Rolle der Kasus wird auch von Paul, Fourquet, Kaznel-son u. a. hervorgehoben [191, III, 16,142].

Die moderne Grammatikforschung betrachtet die Kasus einer Sprache nicht einzeln, isoliert voneinander, sondern auf Grund der Oppositionsver­hältnisse im Kasussystem der betreffenden Sprache. Sowohl Jakobson als auch Kurilowicz bringen ein Schema von binären Oppositionen innerhalb des Kasussystems, der erste für das Russische, der zweite für die indoeuro­päischen Sprachen [130,153].

Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Valenztheorie und der Rol­le, die die Valenz des Verbs in der Satzgestaltung spielt, verbindet man den Kasusgebrauch im Satz auch mit den Valenzverhältnissen in verschiedenen Satzstrukturen [116].

Die Distribution der Kasus ist in der deutschen Gegenwartssprache ent­sprechend ihren primären syntaktischen Funktionen folgende:

Im einwertigen aktivischen und passivischen Satz erscheint das einzige substantivische Satzglied im Nominativ, dessen primäre syntaktische Funk­tion die des Subjektskasus ist.

Vater schläft.

Eine Patrouille wurde ausgeschickt. Die Tür schließt sich leicht.

Im zwei- bzw. dreiwertigen aktivischen und passivischen Satz stehen ein­ander der Nominativ als Kasus des Subjekts einerseits, der Akkusativ und


Dativ als reine bzw. Präpositionalkasus andererseits als zwei Hauptkasus des Objekts gegenüber.

Karl pflückt Äpfel.

Mutter schenkte Karl ein Buch.

Der Kontrolleur prüft die Qualität der Waren.

Die Qualität der Waren wird vom Kontrolleur geprüft.

Karl erhielt von Mutter ein Buch geschenkt.

Der Akkusativ und der Dativ haben außer dieser primären Funktion auch die des Adverbiales (der Akkusativ zum Teil als reiner Kasus, der Dativ immer als Präpositionalkasus).

Im Gegensatz zum Akkusativ und Dativ erscheint der Genitiv nur selten als Ergänzung zum Verb. Sein Hauptbereich ist die substantivische Wort­gruppe:

Das Haus des Vaters. Die Schönheit der Natur. Die Entdeckung neuer Länder.

Der Genitiv steht also als adnominales Kasus dem Akkusativ und Dativ als Objektskasus gegenüber.

Auf Grand dieser allgemeinen Darstellung wird in den nachstehenden Paragrafen die Funktion der Kasus im Einzelnen erläutert.

§ 55. Der Nominativ

Der Nominativ unterscheidet sich von den anderen Kasus durch folgen­de Besonderheiten:

a) durch das Vermögen, außerhalb des Satzes als Name für einen Gegen­
stand oder eine Erscheinung verwendet zu werden: der Mensch, das Haus,
die Zeit
(der sog. Benennungsnominativ);

b) durch die Fähigkeit zum satzwertigen Gebrauch: Feuerl Dunkle Nacht.
Diebel

1. Der Benennungsnominativ ist die Wortform, in der die Substantive als
Stichwörter in ein Wörterbuch aufgenommen werden.

Der Benennungsnominativ steht allen Kasus gegenüber auf Grund der
Opposition: autonome oder außersyntagmatische Wortform / syntagmaüscn
bedingte Wortformen (im gleichen Verhältnis zu den finiten Verbalformen
steht der Infinitiv sowie die Kurzform des Adjektivs gegenüber seinem De­
klinationssystem). . , . , j ë

2. Die primäre syntaktische Funktion des Nominativs, bei der das Op­
positionsverhältnis: Subjekt / Objekt zur Geltung kommt, ist die des Sub­
jekts. Als Subjektskasus ist der Nominativ das notwendige Hauptglied ei­
nes jeden zweigliedrigen Satzes, das zusammen mit der finiten Verbaltorm
den strukturellen Satzkern bildet, daher die hohe Frequenz des Nomma-
tivs im Text (nach S t ã î j e w à [260] 29,8 %, nach H. M e i e r [168], der
den Nominativ der Pronomen mitrechnet, 41,6 % aller Kasusformen im
Text).


Der Subjektsnominativ nennt den Gegenstand einer Äußerung (unab­hängig davon ob Agens oder Patiens):

Silberne Wasser brausten, süße Waldvögel zwitscherten, die Herdeng-löckkchen läuteten, die mannigfaltig grünen Bäume wurden von der Sonne goldig angestrahlt... (Heine)

3. Mit dem Subjektsnominativ hängt der sog. Vorstellungsnominativ

zusammen, eine stilistische Figur — die Prolepse(Vorwegnahme) eines im Weiteren genannten Satzgliedes:

Bah, diese blaue, duftige Ferne, wie oft hab ich mich von ihr verlocken lassen (Raabe; zitiert nach A d m î n i [2]).

Durch die Prolepse wird die Aufmerksamkeit des Hörenden gefesselt und gleich am Anfang des Satzes auf einen im Weiteren erwähnten Gegen­stand gelenkt (vgl. vow ihr, darüber), der zum eigentlichen Thema der Äuße­rung wird.

Aus den Beispielen ist zu ersehen, dass das Substantiv, das mit der Pro­lepse am Satzanfang vorweggenommen und zum Thema der Äußerung wird, im Satzinnera als ein abhängiges Satzglied erscheint. Es handelt sich also beim Vorstellungsnominativ um die Transposition eines abhängigen Satz­gliedes auf die Ebene des Subjektsnominativs.

4. Zum Subjektsnominativ kommt im Satz häufig ein zweiter Nomina­
tiv
hinzu, der mit dem Subjekt kongruiert:

a) das Prädikatsnomen: Diederich Heßling war ein weiches Kind.

b) das prädikative Attribut: Als junges Mädchen verließ sie ihre Heimat­
stadt.

c) die Apposition:

Der Vorsitzende, der Landesgerichtsdirektor Dr. Hartl, jovialer blonder Herr, verhältnismäßig jung, noch nicht Fünfzig, leicht beglatzt, liebte eine elegante, schmissige Prozessfiihrung. (Feuchtwanger)

d) das Adverbiale des Vergleichs: Du benimmst dich wie ein dummer
Junge.

Die zweiten Nominative sind auf den Subjektsnominativ inhaltlich und syntaktisch abgestimmt, stellen aber keineswegs selbstständige syntaktische Funktionen des Nominativs als Kasus dar, da außer beim Prädikatsnomen überhaupt kein notwendiger Zusammenhang zwischen diesen syntaktischen Funktionen und dem Nominativ besteht. Das prädikative Attribut, die Appo­sition und das Adverbiale des Vergleichs ändern ihren Kasus je nach dem Satzglied wert des Bezugssubstantivs bzw. -pronomens. Vgl.:

Als junges Mädchen (N.) verließ sie ihre Heimatstadt. Ich kannte sie als junges Mädchen (A.). Du benimmst dich wie ein dummer Junge (N.) Man behandelt dich wie einen dummen Jungen (A.) Man schmeichelt dir wie einem dummen Jungen (D.).


Es handelt sich also beim zweiten Nominativ nicht um eine selbstständi­ge, wenn auch sekundäre Kasusfunktion, sondern um die Kongruenz der auf den Subjektsnominativ bezogenen Satzglieder mit demselben.

Auch der Prädikatsnominativ bildet keine Ausnahme, nur dass der No­minativ hier als einzig möglicher Kasus erscheint, da es sich beim Prädikat immer und ausschließlich um die Kongruenzmit dem Subjekt handelt. Glinz nennt das Prädikatsnomen „Gleichgröße" zur „Grundgröße", d. h. zum Sub­jekt und zeigt, dass Gleichgrößen auch zum Akkusativobjekt möglich sind: Seine Landsleute nannten ihn den Großen [81]).

5. Einige besondere Verwendungen des Nominativs sind mit der Nenn­
funktion
verbunden (s. über den Benennungsnominativ S. 159).

Eine davon ist der sog. vokativischeNominativ (der Anredenominativ):

Herwegh, du eiserne Lerche,

Mit klirrendem Jubel steigst du empor

Zum heiligen Sonnenlichte*. (Heine)

Der vokativische Nominativ wird zwar in den Satz eingebettet, steht aber in keiner syntagmatischen Beziehung zu den anderen Wörtern im Satz, ist also syntagmatisch unabhängig. Es tritt uns hier also wieder jene für den Benennungsnominativ charakteristische Autonomie entgegen, von der oben im Zusammenhang mit dem Benennungsnominativ die Rede war.

6. Mit der Nennfunktion des Nominativs hängt auch der sog. Gemein-
schaftskasus oder die Nullformdes Substantivs zusammen. Es handelt sich
um die Verwendung des deutschen Nominativs als Nullform (unflektierte
Form) des Substantivs. Otto Mensing, der auf diese eigenartige Verwendung
einer unflektierten Form des Substantivs im Zusammenhang mit solchen
Beispielen wie Zwischen Affe und Mensch ist ein großer Unterschied; Er
steht auf der Altersstufe zwischen Knabe und Jüngling
verwiesen hat, nennt
die Verwendung des Nominativs den „allgemeinen Kasus" (bei den anderen
Verfassern auch „Gemeinschaftskasus") und verbindet sie mit der Nennfunk­
tion des Nominativs und der syntaktischen Autonomie des Benennungsno­
minativs [62, /7].

Kennzeichnend für den Gemeinschaftskasus ist nicht nur das Fehlen der Kasusflexion, das auch den Nominativ auszeichnet, sondern auch der arti­kellose Gebrauch, was ihn noch mehr als „Nullform" des Substantivs prägt (über den Artikelgebrauch s. auch S. 187).

Dieselben Charakterzüge des Gemeinschaftskasus oder der Nullform des Substantivs finden wir in den Wortfügungen zwei Sack Mehl, einige Glas Tee, eine Flasche Wein, eine Menge Leute u. a. sowie Anfang Juni, Ende Oktober usw. Dieselbe Tendenz erklärt „die Verletzung der Kongru­enz" beim prädikativen Attribut mit als: die Verdienste Humboldts als Na­turforscher; die Einßhrung der Deutschen Mark als allgemeines Zahlungs­mittel u. Ä.

Schließlich hängt mit der Nennfunktion des Nominativs auch der sog. satzwertigeNominativ zusammen, ein verbreiteter Typ eingliedriger Sätze:


6 Ìîñ

Êïëüñêïè


Im großen Zimmer wurde eine Abendmahlzeit gehalten. Ein langer Tisch mit zwei Reihen hungriger Studenten. Im Anfange gewöhnliches Universi­tätsgespräch: Duette, Duelle und wieder Duelle. Die Gesellschaft bestand aus Hallensern, und Halle wurde daher Hauptgegenstand der Unterhaltung. (Heine)

Sowohl der vokativische als auch der satzwertige Nominativ und der sog. „Gemeinschaftskasus" sind periphere Verwendungsweisen des Nominativs, in denen das Oppositionsverhältnis: Subjekt / Objekt, das die primäre syn­taktische Funktion des Nominativs kennzeichnet, aufgehoben ist.

§ 56. Der Akkusativ

1.Die primäre syntaktische Funktion des Akkusativs ist die Bezeich­
nung des direktenObjekts.

Der Akkusativ steht in direktem Oppositionsverhältnis zum Nominativ; beide bilden die Opposition: Subjekt / Objekt des Satzes:

Sie schüttete den gemahlenen Kaffee in den Kaffeebeutel und goss ko­chendes Wasser darüber. (Bredel)

Es werden allgemein 2 Arten des Akkusativobjekts unterschieden: a) das äußere oder affizierteObjekt (lat. afficere „auf jmdn. etw. einwirken"): das Brot schneiden, einen Brief erhalten; der Gegenstand wird von der Hand­lung erfasst, existiert aber unabhängig von dieser Handlung; b) das innere oder effixierte Objekt(lat. efficere „hervorbringen"); Brot backen, einen Brief schreiben-, der Gegenstand ist das Ergebnis der genannten Handlung. [130, 221, 2 u. a.]. Doch ist diese Einteilung rein semantischer Art; sie er­gibt sich nicht aus der Struktur des Satzes oder der Form des Objekts, son­dern aus der Bedeutung der zusammengefügten Wörter und aus den bezeich­neten Sachverhalten. (Vgl. zum Objektiv und Faktitiv als semantische Ka­sus S. 157).

2. Implizit ist das Objektverhältnis auch in dem sog. absoluten Akkusativ
enthalten, obwohl die gesamte Wortfügung einen adverbialen Charakter hat:

Tüverlin mittlerweile war weggegangen. Gähnend, faul, den Hut in der Hand, sommerlichen Wind um das nackte Gesicht, strich er durch die hei~ ßen Straßen, ziellos. (Feuchtwanger)

Der Leutnant Fabian kam vergnügt gegangen, einen kleinen, schwarz­lackierten Tornister wie einen Schulranzen auf seinen breiten Schultern. (Renn)

Dieses Objektverhältnis tritt deutlich hervor, wenn der absolute Akkusa­tiv von einem 2. Partizip begleitet wird:

Er lag den Rest der Nacht auf dem Feldbett, die Arme unter dem Kopf verschränkt. (Seghers)

Mit breitem Steingesicht, den Blick verborgen in den grauen Augenhöh­len, die massige Gestalt von schweren Gedanken eingehüllt, stieg der Gene*


ml v. Hecht-Babenberg langsam und ohne jede Eile die breite Granittreppe zum Foyer hinab. (Kellermann)

3. Die sekundären oder peripheren (marginalen) Funktionen des reinen Akkusativs sind verschiedene Umstandsergänzungen -(Adverbialien). Syn-tagmatisch sind sie dadurch gekennzeichnet, dass der Akkusativ freiist; er wird vom Verb nicht regiert.Die Art der Umstandsergänzung ergibt sich aus der lexikalischen Bedeutung der umgebenden Wörter und des Substan­tivs selbst. Es sind:

a) temporale Umstandsergänzung (Zeitangabe):

Ich blieb die Nacht ebenfalls in der „Krone". (Heine)

b) lokale Umstandsergänzung (Raumangabe):

Fabian kam den Meinen Seitenweg aus dem Hofgarten gegangen. (Kel­lermann)

c) Umstandsergänzungen des Maßes oder des Wertes (Maß- und Wertan­
gaben):

Die Frau legte auf dem Acker ihr kleinstes Kind in der Furche ab. Sie 'war viel flinker als der Mann; zwei Mäher war sie wert. (Seghers)

Die freien adverbialen Akkusative nehmen an der Opposition Subjekt / Objekt des Satzes nicht teil.

Quantitativ ist der Anteil des advrbialen reinen Akkusativs am Gesamt­gebrauch des Akkusativs sehr gering, da er auf fest umrissene lexikalische Wortklassen eingeschränkt ist. Als Zeitangaben fungiert eine verhältnismä­ßig kleine Gruppe von Substantiven mit temporaler Bedeutung: der Tag, der Morgen, der Abend, die Nacht; die Woche, der Monat, das Jahr; der Augen­blick, die Minute, die Stunde u. Ä. Noch seltener sind präpositionslose akku­sativische Raumangaben; sie sind auf ein Dutzend Substantive wie der Weg, die Straße, der Gang, die Treppe, der Berg, der Abhang u. Ä. beschränkt, die sich immer mit denselben Verben der Bewegung verbinden. Ähnlich steht es um Maß- und Wertangaben.

Sehr beträchtlich dagegen ist die Zahl der adverbialen sowie der objekti­ven Präpositionalfügungen mit dem Akkusativ.

, 4. Von keiner selbstständigen Kasusbedeutung oder -funktion lässt sich ø den außerordentlich zahlreichen festen Verbindungen reden, die nach dem Modell Akkusativ + Verb gebildet sind. Zum Teil sind es idiomati­sche Wortverbindungen: Pech haben, Fuß fassen, ein Auge aufjmdn. wer­fen, seinen Mann stehen, Rede stehen, zum größeren Teil aber nichtidio-matische feste Wortverbindungen: Abschied nehmen, einen guten I schlech­ten / angenehmen Eindruck machen, Verzicht leisten, Notiz nehmen, Un­terricht halten, Anerkennung finden u a. m. Die einen wie die anderen sind syntaktisch nicht zu gliedernde lexikalische Einheiten, die Handlun­gen und Vorgänge bezeichnen und im Satz im Rahmen des Prädikats fun­gieren.


Auch in den Wortfügungen einen tiefen Schlaf schlafen, einen gerechten Kampf kämpfen, einen schweren Gang gehen (der sog. Akkusativ des In­halts)sowie in den Wortfügungen Schlittschuh laufen, Ball spielen, Schlan­ge stehen (das sog. Umstandsobjekt) ist kein echtes Akkusativobjekt, son­dern eine objektähnliche Komponente einer festen Wortfügung enthalten.

§ 57. Der Dativ

1. Obwohl die Verwendung des reinen Dativs im Vergleich nur ein Viertel des Gesamtgebrauchs dieses Kasus ausmacht (die absolute Frequenz des Dativs im Text ist nach [260] 31,2 %, die des reinen Dativs unter 10 %), muss sein Anteil am Oppositionsverhältnis zwischen den Kasus doch aus der Verwendung des reinen Dativs erschlossen werden.

Die primäre syntaktische Funktion des reinen Dativs wie des Akkusativs ist die des Objekts, so dass der Dativ zusammen mit dem Akkusativ dem Nominativ gegenübersteht und an der Opposition: Subj ekt / Objekt teilnimmt.

Den Bedeutungsunterschied zwischen Akkusativ und Dativ als Objekts­kasus gibt die traditionelle Grammatik in den Termini direktes Objekt (Ak­kusativobjekt) und indirektes Objekt (Dativobjekt) wieder.

W. Schmidt kennzeichnet das Dativobjekt als die Bezeichnung für das zweite an der Verbhandiung „interessierte und beteiligte Wesen" [221]; Glinz, als „Zuwendgröße" oder „indirekt beteiligte Größe" [81]. Brinkmann kenn­zeichnet den Dativ als den Kasus „des persönlichen Bereichs". Der Dativ nennt die Person (oder das persönlich Gedachte), „der das verbale Gesche­hen zugewendet ist" [38].

Das Dativobjekt tritt zu den Verben des Sich-Zuwendens, Zuneigens, des Zustrebens, Zusagens, Zukommens, Zuteil werdens, des Zuteilens, Zufügens, Mitteilens, Nehmens. (Erbe n):

Sie versprach der Tochter, dass es nie wieder vorkommen werde. (Bre­del)

Jetzt hing selbst das kleine Mädchen, das der verstorbenen Frau an Fin­sterkeit glich, an seiner neuen Mutter. (Seghers)

Eine Sondergrappe sind die Verben des Sich-Entfernens. (Erben):

Während er über die Bühne ging, den Bühnenarbeitern auswich, über­legte er unausgesetzt, was Brenten wohl von ihm wollte. (Bredel)

Das Dativobjekt tritt auch in Verbindung mit dem nominalen Prädikat auf, nach Adjektiven, die ähnliche Bedeutungen wie die oben genannten Klassen von Verben (s. o.) aufweisen:

Loth: Dieser Mischmasch, wie du dich ausdrückst, sah nämlich einem alten Universitätsfreunde von mir furchtbar ähnlich ■— ich hätte schwören können, dass er es sei —einem gewissen Schimmelpfennig. (Hauptmann)

Der Dativ verbindet sich in der Gruppe des Prädikats mit den Adjektiven behilflich, förderlich, vorteilhaft, hinderlich, schädlich, dankbar, böse, gele-


gen, gewachsen, gehorsam, gleich, nahe, fern, ergeben, verhasst, verwandt, überlegen, Untertan, zugetan, lieb, teuer, treu u, a.

2. Eine Sonderart des Dativobjekts ist der sog. freie Dativ.Der freie Dativ bezeichnet die Person, die an der Handlung interessiert ist, daher wird er auch der Dativ des Interessesgenannt. Zum Unterschied von dem not­wendigen Dativobjekt (s. o.) ist der freie Dativ für die Vollständigkeit des Satzes nicht unbedingt erforderlich; vgl.:

a) Er ähnelt seinem Vater (notwendiges Dativobjekt).

b) Wie herrlich leuchtet mir die Natur... (Goethe; freier Dativ)

Im Rahmen des freien Dativs unterscheidet man nach der Bedeutung;

a) dativus commodiund incommodi— sie bezeichnen die Person, für
die das Geschehen günstig oder ungünstig ist:

Wie herrlich leuchtet

Mir die Naturl

Wie glänzt die Sonne l

Wie lacht die Flurl (Goethe)

Seither war ihm dieser Nachbar noch widerwärtiger. (Bredel)

b) dativus sympatheticus■— er bezeichnet die interessierte Person, zu
der das Subjekt oder das Objekt des Satzes im Verhältnis der Zugehörigkeit
stehen:

Dem Nachbar Gleimer sind erst gestern wieder ein paar Knechte fortge­gangen. (Rosegger)

Schuld war, dass er sich um diesen Krüger zu wenig gekümmert hatte, wäre ihm der Junge nicht erschossen worden. (Feuchtwanger)

Kennzeichen des dativus sympatheticus ist die Möglichkeit der Transfor­mation: D. -> G.

Z, B. Ein paar Knechte des Nachbars Gleimer sind erst gestern fortge­gangen.

Oft steht der dativus sympatheticus in Verbindung mit den Benennungen für Körperteile; er lässt sich in den Genitiv oder das Possessivpronomen transformieren:

Ich habe meinem Freund die Hand verbunden (Vgl. Ich habe die Hand des Freundes verbunden.);

Das Wasser stieg ihm bis ans Knie. (Vgl. Das Wasser stieg bis an sein Knie.);

Die Hände zitterten ihm. (Vgl. Seine Hände zitterten.)

Auf ähnliche Weise tritt der dativus sympatheticus zu den Bezeichnun­gen von Gemütsbewegungen, menschlichem Charakter, physischem Wohl­oder Unwohlsein:

Ihm riss die Geduld.

Mir ist der Appetit (die Lust usw.) vergangen.


ñ) dativus ethicas— gewöhnlich Dativ der 1. oder 2. Person der Perso­nalpronomen und der Indefinitpronomen — bezeichnet die Interessiertheit des Sprechenden am Geschehen:

Na, das nenn ich mir ein Geschenk. (Bredel)

Nur sagte die Mutter, als sie wiederkam: „Nimm dich in Acht! Wir haben eine frische Tischdecke. Dass du mir nicht gleich im neuen Jähr Flecken machst?' (Becher)

Die Gegenüberstellung: Subjekt / Objekt, die beim dativus commodi / incommodi ziemlich deutlich hervortritt, wird beim dativus sympatheticus und besonders beim dativus ethicus zum großen Teil neutralisiert. Wir zäh­len sie zum Objektdativ, da sie sich von der Grundbedeutung des Dativs: „am Geschehen interessierte, beteiligte Person" unmittelbar ableiten lassen.

Der Anteil des freien Dativs am Gesamtgebrauch des Dativs ist verschwin­dend gering; seine Verwendung ist auf einige Stilarten der Rede (Dichter­sprache, Umgangssprache) beschränkt.

§ 58. Der Genitiv

1. Die primäre syntaktische Funktion des Genitivs ist die des Attributs. Als adnominaler Kasus stellt der Genitiv das Substantiv in Beziehung za einem anderen Substantiv, dem Bezugswort, versieht es mit einer näheren Bestimmung, einer Charakteristik. Es ist „der Kasus der adnominalen Deter­mination" [221].

Der Charakter der Determination kann sehr verschieden sein. Er hängt von der lexikalischen Bedeutung der in Beziehung zueinander gesetzten Sub­stantive ab. Es handelt sich dabei nicht um verschiedene grammatische Be­deutungen des attributiven Genitivs, sondern um eine gewisse Gruppierung der logisch-semantischen Beziehungen, die dem attributiven Verhältnis zweier Substantive zugrunde liegen und von ihrer lexikalischen Bedeutung und ih­rer Valenz abhängig sind.

Es werden von der traditionellen Grammatik folgende „Bedeutungen des Genitivs" unterschieden:

a) Genitiv des Besitzesoder der Zugehörigkeit(„genitivus possessivus"). Er bezeichnet:

— das Besitzverhältnis im engeren Sinne

Im Mai 1823 kehrte Heine aus Berlin in das Haus seiner Eltern zurück, die ihren Wohnsitz inzwischen von Düsseldorf nach Lüneburg verlegt hat­ten. (Mehring)

Vgl. auch: die Flinte des Jägers; das Heft des Schülers.

— Die Zugehörigkeit im weiteren Sinne, d. h. die Zugehörigkeit eines
Gegenstandes / einer Person zu einer Organisation, zu einem anderen Men­
schen; zu einer Epoche, einem Milieu, einem Lande u. Ä.

Gertrud Boomgaarden, Gretas ältere Schwester, war Leiterin der Jugend­gruppe Neustadt, die sie vor fast zehn Jahren mitgegründet hatte. (Bredel)

166


Vgl. auch: der Bürger unseres Landes; die Menschen unserer Epoche; der Direktor der Fabrik; der Professor der Universität; die Mitglieder der Gewerkschaft.

— Das Abstammungsverhältais

Durch das Testament des Vaters war Diederich neben dem alten Buchhalter Sötbier zum Vormund seiner beiden Schwestern bestimmt. (H.Mann)

Vgl. auch: der Sohn eines Arbeiters; die Entdeckung des Gelehrten; Schil­lers Balladen.

— Das Verhältnis des Merkmals (der Eigenschaft) zum Merkmalträger

In der Schwärze der Nacht schien sich ein rötlicher Schimmer zu zei­gen... (Kellermann)

Vgl. auch: die Tapferkeit des Soldaten; die Schönheit der Landschaft; die Höhe des Berges.

— Das Verhältnis eines Teils zum Ganzen

Inspektor Brenten trat zwischen zwei Dampfern an die äußerste Kante der Kaimauer. (Bredel)

Im blumengeschmückten Festsaal des Parteihauses saß ein wahrhaft an­dächtiges Publikum. (Bredel)

Vgl. auch: Die Fenster des Hauses; das Zentrum der Stadt; der Anfang der Rede; der Stamm des Baumes.

b) Genitiv der Eigenschaft (genitivus qualitatis):

Unterdessen ging das Getrommel draußen auf der Straße immerfort, und ich trat vor die Haustür und besah die einmarschierenden französi­schen Truppen, das freudige Volk des Ruhmes, das singend und klingend die Welt durchzog... (Äàþ)

Vgl. auch: der Mann der Wissenschaft; der Stoff bester Qualität; der Wagen erster Klasse; die Menschen guten Willens.

Hierher sollte man am ehesten auch den Genitiv der Steigerung rechnen, z. B. das Fest der Feste, das Lied der Lieder u, Ä.

c) Genitiv der Identität oder der erläuternde Genitiv (genitivus explica-
tivus); er wird mit Abstrakta zur Bestimmung und Abgrenzung ihres begriff­
lichen Inhaltes gebraucht;

Fabian versuchte ein Gefilhl der Scham hinter der ungewöhnlichen Höf­lichkeit zu verbergen, mit der er Fahle empfing und zu einem Sessel ftihrte. (Kellermann)

Inspektor Brenten zog gelassen die Handschuhe über und schob den Sä-bei zurecht. Merbvürdig, er hatte die Vorahnung einer bevorstehenden Un­annehmlichkeit (Bredel)

Vgl. auch: die Geschichte der Klassenkämpfe; das Gefühl der Sicher­heit; die Freude des Wiedersehens.


d) Genitiv des Subjekts(genitivus subjectivus); er tritt an Verbalsub­
stantive und bezeichnet das Agens der Handlung:

Das Hupen der Autos, das Klingeln der Trambahnen, die dahineilenden Menschen erfüllten ihn mit einem neuen, starken Lebensgefühl. (Kellennann)

Vgl. auch: das Weinen des Kindes; das Stampfen des Motors; das Gebell der Hunde.

e) Genitiv des Objekts(genitivus objektivus); er wird ebenfalls mit Ver­
balsubstantiven gebraucht und bezeichnet das Patiens der Handlung:

Während die Melzer nicht nur leicht Ärgernis nahm, sondern Gelegen­heit suchte, um Ärgernis zu nehmen, war ihr Mann nicht besonders verses­sen darauf, in die Lebensumstände der Nachbarn tief einzudringen. Ihm gin­gen viel größere Dinge nah: Entdeckungen neuer Sterne, die Marskanäle, der Gesamtlauf der Welt. (Seghers)

Vgl. auch: die Erfindung des Motors; die Teilung der Arbeit: die Bespre­chung eines Problems.

An dieser herkömmlichen Klassifikation der Genitivbedeutungen wur­den mehrfach Änderungen unternommen. Admoni geht von den traditionel­len „Bedeutungsgruppen" aus, fasst sie aber in dreiKlassen zusammen: 1. Genitivus possessivus, 2. Genitivus subjektivus und objektivus, 3. Genitivus explicativus und qualitatis. Diese größeren Klassen verkörpern natürlich eben­so wie die herkömmlichen „Genitivbedeutungen" keine grammatischen Be­deutungen, sondern sie widerspiegeln die logisch-semantischen Beziehun­gen, die von der lexikalischen Bedeutung und der Valenz der Substantive abhängen. Ein anderes Einteilungsprinzip wird von W. Schmidt vorgeschla­gen. Er unterscheidet zwei große Gruppen von Genitivattributen:

1. Der Genitiv bezeichnet den Merkmalträger,d. i. „den Träger bzw.
Erleider einer Handlung, einer Eigenschaft, eines Zustandes, den Besitzer
oder Schöpfer" (einige seiner Beispiele: das Sausen des Sturmes, das Blau
des Himmels, die Ernennung des Ministers, der Hut des Vaters, die Arbeiter
der Fabrik, die Laune des Schicksals).

2. Der Genitiv bezeichnet das Merkmal,d. i. „eine Beschaffenheit, Ei­
genschaft, die Zugehörigkeit, ein Zeit- oder Maßverhältnis, die Art oder den
Inhalt" (einige seiner Beispiele: Tage der Freude, ein Mann der Arbeit, die
Forderung des Tages, die Freude des Wiedersehens, das Verbrechen des
Hochverrats;
[221]).

3. Als adnominaler Kasus fungieren auch der Genitiv der Teilung(geni­
tivus partitivus) und der quantitative Genitiv. Wir behandeln sie aber entge­
gen der Tradition nicht als Subklassen der attributiven Genitive, denn die
attributive Beziehung zwischen den Komponenten der Wortfügung und so­
mit die primäre Bedeutung des Genitivs als Ausdrucksmittel der adnomina-
len Determination (vgl, S. 166) ist hier trotz attributähnlicher Stellung des
Genitivs aufgehoben.

a) Der partitive Genitiv (Genitiv der Teilung, genitivus partitivus) ver­bindet sich nicht nur mit Substantiven, sondern auch mit Wörtern, die ver-


schiedenen nominalen Wortarten angehören (Zahlwörter, Adjektive, Prono­men) und den Zahlenbegriff ausdrücken:

Fabian fahr zusammen, als habe er einen Stoß vor die Brust bekommen, und blickte das Mädchen mil offenem Munde an, eine Schnitte des Brathuhns an der Gabel. (Keller­mann)

Vgl. auch: die Hälfte des Verdienstes, ein Teil der Arbeit, zwei Drittel der Pro­duktion.

Tschapajew war einer der bekanntesten Volkshelden des Bürgerkrieges.

Vgl. auch: einer der Anwesenden, keiner der Anwesenden, keiner meiner Fre­unde.

Der Leutnant der Carabinieri legte mit Nachsicht, weil es sich um einen Fremden handelte, die große Sicherheit der Straßen dar. Zwei seiner Leute begleiteten stets zu Pferde die Post, und nur einmal hatten sie einzugreifen gehabt. (H. Mann)

Die meisten Bergarbeiter wohnen in Klausthal und in dem damit verbundenen Berg­städtchen Zellerfeld. Ich besuchte mehrere dieser wackem Leute, betrachtete ihre kleine häusliche Einrichtung, hörte einige ihrer Lieder, die sie mit der Zither, ihrem Lieblings­instrumente, gar hübsch begleiten... (Heine)

Der Genitivus partitivus steht auch nach einem Adjektiv im Superlativ: Am gleichgültigsten verhielt sich noch Emil Hardekopf, der politisch Unintei-essierteste der Brüder, der sich stets dort zugesellte, wo er im Au­genblick die größten Vorteile erhoffte. (Bredel)

Vgl. auch: der höchste aller Berge, der älteste meiner Brüder, der beste der Freunde.

In den Wortfügungen mit dem partitiven Genitiv (die Hälfte des Verdien­stes, zwei meiner Freunde, einer meiner Freunde, der höchste aller Berge) kann weder die zweite Komponente (das Substantiv im Genitiv) als Attribut zur ersten Komponente betrachtet werden noch umgekehrt. Diese Wortfü­gungen sind auf der syntagmatischen Ebene ungliederbar und fungieren im Satz als ein mehrwertiges Satzglied.

Mit dem partitiven Genitiv konkurriert im Deutschen als Parallelkon­struktion die Präpositionalfügung von + D. (vgl. zwei meiner Freunde I zwei von meinen Freunden, einige der Anwesenden I einige von den Anwe­senden).

b) Der quantitative Genitiv(genitivus quantitatis) ist mit dem partitiven Genitiv nahe verwandt. Er bezeichnet oft etwas Stoffliches und verbindet sich mit einer substantivischen Maßangabe,

Als die kostbare Flasche alten Rheinweins vom Kellner gebracht wurde, spielte Krieg unter einem Schwall von liebenswürdigen Redensarten den Gastgeber. (Kellermann)

Auf seinem Schreibtisch lag ein Stapel eingegangener Post. (Ebenda)

Vgl, auch: eine Schar fröhlicher Kinder, die Gesamtheit der Bürger, eine Waldung hoher Tannen.

Die Verwendung des quantitativen Genitivs ist im Deutschen noch mehr als die des partitiven Genitivs dadurch eingeschränkt, dass das Maßverhält-


nis auch durch Parallelkonstraktionen ausgedrückt werden kann; durch Prä-positionalfügungen von + D: eine Schar fröhlicher Kinder I eine Schar von fröhlichen Kindern und durch den Gemeinschaftskasus: ein Stück Brot, ein Fass Wein, ein Meter Stoff, ein Dutzend Taschentücher. Der quantitative Genitiv konkurriert erfolgreich mit den oben genannten Parallelkonstruktio­nen nur, wenn das Substantiv von einem Adjektiv oder von einem Possessiv­bzw. Demonstrativpronomen begleitet wird und diese die Genitivflexion auf­weisen.

Vgl.: eine Flasche alten Rheinweins — eine Flasche Rheinwein; eine Rei­he dumpfer Explosionen eine Reihe von Explosionen; eine Schar Kin­dereine Schar Kinder (von Kindern)', eine Anzahl unserer Studenten — eine Anzahl Studenten.

Das bloße Substantiv kommt als quantitativer Genitiv nur ausnahmswei­se vor: Die tausend Seiten Katalogpapiers werden gratis und franko ver­schickt. (Kisch)

Auch in den Fällen, wo das attributive Substantiv von einem Adjektiv oder einem Pronomen begleitet wird, sind neben dem Genitiv Parallel­konstruktionen möglich. So kongruieren oft das Adjektiv und das davon begleitete Substantiv im Kasus mit der substantivischen Maßbestim­mung, z. B. ein Liter frische Milch, ein Glas reines Wasser; ein Sack guter Weizen einen Sack guten Weizen mit einem Sack gutem Weizen.

Die Präpositionaffiigung mit von ist häufig, wenn das Substantiv von ei­nem Possessiv- bzw. Demonstrativpronomen begleitet wird: eine Anzahl von meinen Bekannten, ein Stapel von solchen Büchern,

Wenn keine kongruierenden Attribute vorhanden sind, ist die Wahl zwi­schen dem Genitiv und dem Gemeinschaftskasus dadurch mitbestimmt, ob das Substantiv mit oder ohne Artikel gebraucht wird, vgl. eine Schnitte des Weißbrotes — eine Schnitte Brot. Die Gesamtheit der Bürger eine Anzahl Bürger (von Bürgern).

4. Die sekundäre syntaktische Funktion des Genitivs, deren Anteil am Gesamtgebrauch des Genitivs sehr unbedeutend ist, ist die des Objekts.

a) Das Genitivobjekt wird von einigen Verben als einziges Objekt oder neben dem Akkusativobjekt gefordert (der adverbiale Genitiv):

Eine unbeschreibliche Verwirrung bemächtigte sich der feindlichen Sol­daten in der Ebene. (Bredel)

Fabian hatte sich seiner besonderen Gunst erfreut. (Kellermann) Man beraubte den Pförtner seines Schlüssels.

Der Gebrauch der Genitivobjekte ist in der deutschen Gegenwartsspra­che auf eine kleine Gruppe von Verben beschränkt; die gebräuchlichsten davon sind: anklagen, beschuldigen, überweisen, überführen, lossprechen, jmdn. eines Verbrechens anklagen, entledigen, sich enthalten, einen seines Eigentums berauben, der Last entledigen, bedürfen, sich bedienen, geden­ken, walten (seines Amtes walten), sich annehmen, sich erfreuen, der Pflege


bedürfen, sich des Wagens bedienen, sich einer guten Gesundheit erfreuen, sich eines Kindes annehmen.

b) Einige Adjektive in prädikativer Funktion regieren ebenfalls das Ge­nitivobjekt:

,J)as war doch nicht der Rede wert", stieß er endlich heraus, „ein paar Blumen.1' (H. Mann.)

Die Zahl der Adjektive, die in prädikativer Verwendung den Genitiv re­gieren, ist sehr gering. Es sind: voll, mächtig, teilhaft, bedürftig, verdächtig, schuldig, wert, würdig, bewusst, kundig, fähig, gewiss, überdrüssig, müde, los. Einige davon können auch mit einem Präpositionalobjekt gebraucht werden, z. B. fähig - G. oder zu + D.; müde ~ G. oder von + D.

Außer dem reinen Genitiv fungiert der Genitiv als Objekt auch in Präpo-sitionalfügungen. Doch ist die Zahl der Präpositionen, die den Genitiv als Objekt regieren, sehr spärlich,

5. Als sekundäre syntaktische Funktion des Genitivs erscheint auch sein
adverbialer (also wiederum adverbaler) Gebrauch. Der reine Genitiv ist ein
Adverbiale;

a) als Zeitangabe (der häufigste Gebrauch, doch auch auf eine kleine Grup­
pe von Substantiven beschränkt):

Wachtmeister Hartwig trat eines Nachmittags in Walters Zelle. (Bredel) ...Fabian erwiderte, dass er dieser Tage vorbeikommen werde. (Keller­mann)

Vgl. auch: eines Tages, eines Abends, des Morgens, Sonntags.

b) als Ortsangabe (vereinzelt, meist erstarrt):

Wohin des Weges1} Geh deines Weges. Lasst jeden seines Pfades gehenl (Goethe)

c) als Adverbiale der Art und Weise oder als Prädikatsattribut (in festen
Redewendungen):

Zwischen Morten und seiner Mutter hindurch, ging Herr Grünlich ge­messenen Schrittes zur Tür hinaus. (Th.'Mann)

Vgl. auch: entblößten Hauptes, schnellen Schrittes, fröhlichen Mutes, ^verrichteter Dinge.

6. Als Prädikatsnomen in Verbindung mit dem Verb sein erscheint der
Genitiv zur Bezeichnung der Zugehörigkeit.

Dieses Substantiv ist männlichen Geschlechts: Dieses Wort ist lateini­schen Ursprungs [2].

tBs scheint eine Transposition des adnominalen Genitivs der Zugehörig­keit auf die Ebene des Prädikats zu sein.

Feste syntagmatisch ungliederbare Verbindungen sind: der Meinung sein, Wer Lame sein, guter Dinge sein u. Ä.



Date: 2016-03-03; view: 935


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