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Die grammatische Kategorie der Genera verbi

Die grammatische Kategorie der Genera verbi erfasst zum " '" von den anderen Kategorien des Verbs sowohl die fmiten atei ř ten Formen des Verbs? ich rufe I ich werde gerufen; nfen ! «ô £» g» der rufende Mensch I der gerufene Mensch. Andererseitslabeiist ihx Gel tungsbereich geringer, da nicht alle Verben genusfahig sind (vgl. ú). . .

In vollem Umfange ist die Kategorie der Genera verbi nur den ^ŕř Verben (Handlungsverben) eigen. Hier bi den das AküvunddasPass!

einander gegenübergestellte Mikroparadigmen, die alle andeien digmen des Verbs überlagern:


transitives Verb


Aktiv

1. Infinitiv

2. Infinitiv
1, Partizip


Passiv

1. Infinitiv

2. Infinitiv
1. Partizip


Indikativ Konjunktiv Indikativ Konjunktiv

Präs. Perf. I. Fut Präs. Perf. 1. Fut Präs. Perf. I. Fut Präs. Perf. 1. Fut.


Prät. 2. Fut


Prät. 2. Fut


Prät, 2. Fut


Prät. 2. Fut,


 


Plqupf.


Plqupf.


Plqupf.


Plqupf.


Eine Ausnahme sind nur einige wenige genusunfähige transitive Verben, z. B. etw. haben, besitzen, umfassen, anhaben, erhalten, bekommen, krie­gen, erfahren, erleiden, wissen, kennen, enthalten, etw. gelten, kosten, wie­gen, d. h. Verben, die zwar ihrer Rektion nach zu den transitiven Verben zählen, doch keine Handlung bezeichnen.

Die intransitiven ein- und zweiwertigen Verben (Vorgangs- und Zustands-verben) kennen die Gegenüberstellung von Aktiv und Passiv nur in der 3. Person Sg. in dem sog. subjektlosen Satz:

Es wurde die ganze Nacht marschiert.

Ihm wurde sofort geholfen.

Über diesen Fall wurde heftig gestritten.

Überdies bilden das subjektlose Passiv nur diejenigen intransitiven Ver­ben, die die Tätigkeit oder den Zustand eines Menschenbezeichnen, wäh­rend die anderen intransitiven Verben genusunfähig sind.

Die subjektlosen Passivformen von intransitiven ein- und zweiwertigen Verben liegen an der Peripherie des Paradigmas dieser Verben und rufen darin eine gewisse Asymmetrie hervor.

§ 41. Die Oppositionsverhältnisse zwischen Aktiv und Passiv

Die Genera verbi sind grammatische Formen des Verbs, die dem Spre­chenden verschiedene Darstellungsmöglichkeiten desselben Sachverhaltes von verschiedenen Blickrichtungen [138; „Sehweisen" 85] aus gewähren.

Wenn am Geschehen zwei oder mehrere Aktanten beteiligt sind, kann der Sachverhalt von folgenden Blickrictitungen aus gesehen, werden: a) vom Handlungsurheber (Agens) aus

Die Komission begutachtete den Bauentwurf.

Der Lehrer hilft dem Schüler.

Wir haben über diesen Fall heftig gestritten.


b) vom Zielpunkt der Handlung (Patiens) aus

Der Bauentwurf wurde (von der Kommission) begutachtet.

c) Vom Adressaten der Handlung aus

Dem Schiller wird (vom Lehrer) geholfen.

d) von der Handlung aus (als immanenter Vorgang)

Es wurde heftig gestritten. Wird hier denn nicht geheizt^

Die letztere Satzform kann auch von einigen einwertigen Verben gebil­det werden:



Man marschierte weiter. Es wurde weiter marschiert.

Der Hauptbereich der Genera veibi sind, wie schon oben gesagt, die tran­
sitiven Verben, d. h. zwei- und mehrwertige Verben, die ein Agens (den Tä­
ter, Urheber der Handlung) und ein Patiens (den betroffenen oder bewirkten
Gegenstand) voraussetzen. . .

Agens und Patiens sind semantische Kategorien, die, Wie die angeführ­ten Beispiele zeigen, in verschiedener Weise zu den Satzgliedern (den Kate­gorien der syntagmatischen Ebene) zugeordnet werden können. Verschiede­ne Zuordnungsmöglichkeiten von Agens und Patiens zu den Satzgliedern nennt man Diathesen(griech. diä thesis „Anordnung"). Man unterscheidet

1. Aktiv-Diathese der transitiven Verben

Aaens x, • Patiens

Agens Verb im Aktiv

—vem im nhjai-i-

Subjekt» Objektakk,

Vgl.: Die Kommission begutachtete den Bauentwurf. Der Sturm beschädigte das Dach des Hauses.

2. Passiv-Diathese der transitiven Verben

*E£L Verb im Passiv

Subjektn

Vgl.: Der Bauentwurf wurde von der Kommission begutachtet. Das Dach des Hauses wurde durch den Sturm beschädigt.

Da die Nennung des Agens im Passivsatz fakultativ* ^ ««g*s un­terbleibt (â. ď.), ist das beständig differenzierende Mf*f**™££Z der Passiv-Dialhese der transitiven Verben die Zuordnung des Agens bzw. des Patiens zum Subjekt (vgl.: [ĎÎ]): 1. Aktiv-Diathese der transitiven Verben

Agens Verb im Aktiv

Subjekt^


Vgl.: Die Kommission begutachtete den Bauentwurf, Der Sturm beschädigte das Dach des Hauses.

2. Passiv-Diathese der transitiven Verben Patiens

Subjektn

Verb im Passiv


Vgl.: Der Bauentwurf wurde (von der Kommission) begutachtet. Das Dach des Hauses wurde (durch den Sturm) beschädigt.

Das Aktiv zeigt, dass der Sachverhalt vom Agens aus gesehen und dar­gestellt wird. Das Subjekt des Satzes ist wirkend, der Handlungsträger, das Agens.

Das Passiv zeigt, dass der Sachverhalt vom Patiens aus gesehen und dar­gestellt wird. Das Subjekt des Satzes ist inaktiv(bewirkt), Zielpunkt der Handlung, das Patiens.

Das Oppositionsverhältnis, das aus der Gegenüberstellung der Aktiv-Dia­these und der Passiv-Diathese abgeleitet werden kann, ist:

vom Agens gesehen / vom Patiens aus gesehen. (Agensbezug) / (Patiensbezug)

Beim Gebrauch der infiniten Formen des Verbs erscheint die Subjekt-Prädikat-Beziehung in reduzierter Form, so dass der Agens- bzw. Patiensbe­zug der Verbalform einen impliziten Charakter hat.

Vgl. bei den Infinitiven:

Lady: Aber wag' es, Unglückliche, wag' es, ihn jetzt noch zu lieben oder von ihm geliebt zu werden\ (Schiller)

Ähnlich bei den Partizipien:

Der pflügende Bauer I der gepflügte Acker. Der lesende Student I das gelesene Buch.

Die ein- und mehrwertigen intransitiven Verben setzen sinngemäß kein Patiens voraus. Daher steht der Aktiv-Diathese eine subjektlosePassiv-Dia­these gegenüber:

1. Aktiv-Diathese intransitiver Verben

Agens

■■,,, ■ Verb im Aktiv

Subjekt,,

Vgl.: Wir marschierten weiter.

Der Lehrer half dem Schüler.

Wir stritten heftig über diesen Fall.

2. Passiv-Diathese intransitiver Verben

Das Subjekt fehlt: -——--------- -• Verb im Passiv

(es, ubjgenidat>p!.apiGrj


Vgl.: Es wurde weiter marschiert.

Dem Schüler wurde (vom Lehrer) geholfen. Über diesen Fall wurde (von uns) heftig gestritten.

Das Fehlen des Patiens in den aktivischen und entsprechenden passivi­schen Strukturen erfordert eine Umformulierung der Aktiv / Passiv-Opposi­tion für intransitive Verben: vom Agens aus gesehen / von der Handlung aus

gesehen.

Nach dem Vorbild der ein- und mehrwertigen intransitiven Verben kann auch von transitiven Verben ein subjektloses Passiv gebildet werden, das ebenfalls die Bedeutung: „von der Handlung aus gesehen" hat.

Vgl.: Hier wird nicht geheizt. Es wurde gesungen.

§ 42. Die Aussparung des Agens in der Passiv-Diathese transitiver Verben (dassog. zweigliedrige Passiv)

Die von Klaus Brinker vorgenommene statistische Analyse deutscher belletristischer und populär-wissenschaftlicher Texte hat für die einzelnen Typen von Passivsätzen folgende zusammenfassende Angaben der absolu­ten und relativen Häufigkeitswerte ergeben [37]:


VerbaueËĺă

 

 

 

 

    Absoluter Relativer
Typ des ?assivsatzes Häufigkeitswert HKufigkeitswert
I. Passivsätze mit 1,1 mit Nennung des    
transitiven Verben Agens (Er wird von mir geschlagen) 13,68%
  l, 2 mit Aussparung des Agens (Er wird geschlagen) 83,29%
II. PassEvsätze mit II, I mit Nennung des    
mehrwertigen Agens (Dir wird von mir 0,06%
intransitiven \feerben geholfen)    
  II, 2 mit Aussparung des   2,03%
  Agens (Dir wird geholfen)
III. Passivsätze mit III, 1 mit Nennung des    
einwertigen Agens (Von ihm wird    
intransitiven \ferben getanzt)    
  III, 2 mit Aussparung des Agens (Es wird getanzt) ^——.^—^—■- 0,94% i '
   

Diese Zahlen zeigen 1) dass Passivste wiegende Mehrzahl aller Passivsätze bilden; 2) Agens in Passivsätzen mit transitiven "^J^ kommt als die Nennung des Agens, also die 2 Sätze ohne Agens gegenüber der der Passivsätze


die Aussparung des Agens auch in den anderen Typen von Passivsätzen bei weitem häufiger als dessen Nennung vorkommt.

Die Möglichkeit der Aussparung des Agens im Passivsatz ist ein sehr wichtiges Kennzeichen des Passivs gegenüber dem Aktiv. Das ist sehr häu­fig entscheidend bei der Bevorzugung der Passivform des Satzes. „Passiv­varianten mit transitiven Verben ohne Agenselement treten wesentlich häu­figer auf, offensichtlich, weil die Ausschaltung des ,Täters' als die eigentli­che kommunikative Funktion der Passivkonstraktion anzusehen ist" [110]. Ähnlich bei Brinker: „Passiv wird in den Fällen gewählt, in denen man den Agens nicht nennen will oder nicht konkret angeben kann" [37]. Erben schreibt: „Die Darstellungsform des Passivs erlaubt also, vom Vorgangsträ­ger, der im Aktiv genannt werden müßte, abzusehen und ihn unerwähnt zu lassen" [60]. Auch Weisgerber sagt, dass die wesentliche Leistung des Pas­sivs „in der Ausschaltung des agierenden „Täter-Subjekts" zu sehen ist" [278]. Heibig charakterisiert das Passiv mit werden als „Prozessual-agensabge-wandt" [115].

Die Aussparung des Agens hat verschiedene Ursachen:

1) Das Agens ist bereits im Vortext genannt worden und die wiederholte
Nennung ist überflüssig.

Ernst Timm aber war anderer Ansicht Er appellierte an die Solidarität der Kolle­gen, berief von sich aus eine Branchenversammlung der Dreher ein und erreichte, dass eine Sammelliste ausgelegt und eine Entschließung angenommen wurde, in der die Dreher von der Direktion laufende Unterstützungen bei Unglücksfällen forderten. (Bredel)

Ich erinnerte mich der Herz-Jesu-Kirche noch von der Taufe her... Dann blies mir Hochwürden Wiehnke dreimal ins Angesicht, das sollte den Satan in mir vertrei­ben, dann wurde das Kreuz geschlagen, die Hand aufgelegt, Salz gestreut und noch einmal etwas gegen Satan unternommen. In der Kirche abermals Halt vor der ei­gentlichen Taufkapelle. Ich verhielt mich ruhig, während mir das Glaubensbekennt­nis und das Vaterunser geboten wurde. (— von Hochwürden Wiehnke; Grass, zit. nach Brinker)

Die Aussparung des Agens ist in solchen Fällen ein Mittel der Textkon­stitution. „Die Aussparung dient als Mittel zur Schaffung von satzübergrei­fenden Bezügen und zur Vermeidung von Redundanz" [230].

2) Das Agens ist nicht bekannt oder ist in allgemeinen Zügen bekannt,
aber nicht konkret angebbar.

Wir werden abgelöst. (Remarque)

Bei dem Ausbruch des Krakatau-Wulkans am 26. August 1883 wurde Flugasche bis auf 83 Kilometer emporgeschleudert. (Gail; zit. nach Brinker)

3) Im Mittelpunkt der Darstellung stehen der Vorgang selbst, seine Fol­
gen, seine Bedeutung für das Patiens oder die Umgebung, während der „Tä­
ter", das Agens für die Erzählung unwesentlich ist und seine Nennung dem
Kommunikationsplan des Textes oder der Redestrategie des Sprechers nicht
entspricht


In der Gießerei zersprang eine Gusspfanne; das flüssige Metall verbrüh­te dem Gießer Franz Lehnsat die Beine. Beide Füße mussten amputiert wer­den. (Bredel)

Die Aussparung des Agens hilft auch eine bestimmte stilistische Wir­kung erzielen. Die Aufzählung einer Reihe von Handlungen unter Ausspa­rung des Agens betont die Dynamik der geschilderten Ereignisse, stellt sie als einen Prozess, einen immanenten Vorgang dar:

Endlich füllte sich der Balkon des Rathauses mit bunten Herren, Fahnen und Trompeten, und der Herr Bürgermeister in seinem berülimten roten Rock kielt eine Rede, die sich etwas in die Länge zog, wie Gummielastikum oder wie eine gestrickte Schlafmütze, in die man einen Stein geworfen nur nicht den Stein der Weisen und manche Redensarten konnte ich ganz deutlich vernehmen, z- B. dass man uns glücklich machen wolle— und beim letzten Worte wurden die Trompeten geblasen und die Fahnen geschwenkt und die Trommel gerührt und Vivat gerufen... (Heine)

Der Bedeutungsgehalt des zweigliedrigen Passivsatzes mit einem transi­tiven Verb ist folgender:

 

Grammem Bedeutungskomponenten (Seme)
Passiv „\bm Patiens aus gesehen" (Subjekt-Patiens) „Aussparung des Agens" „Prozessualität"

Das zweigliedrige Passiv ist nicht die einzige Möglichkeit der Ausspa­rung des Agens. Sein Synonym ist oft der unbestimmt-persönliche ëří-Satz.

Vgl,: Man hat das Referat eingehend besprochen. Das Referat wurde eingehend besprochen. Man lobte ihn. Er wurde gelobt.

Doch wird der Passivsatz unvergleichlich häufiger als der man-Satz gebraucht (letzterer macht nach  e r n e r etwa 20 % aller Sätze mit Aus­sparung des Agens aus). Es wirken hier mehrere Faktoren zugunsten des Passivs zusammen. Vor allem sind der zweigliedrige Passivsatz und der wan-Satz oft inadäquat vom Standpunkt der kommunikativen Satzperspek­tive.

Vgl.: Man hörte plötzlich Gewehrschüsse. Die Gewehrschüsse wurden gehört.

Im Satz Man hörte plötzlich Gewehrschüsse wird das verbale Prädikat dem Zielpunkt der Handlung (=* Patiens) vorausgeschickt. Eine solche Wort­stellung ist erwünscht, wenn das Rhema des Satzes das Objekt ist.

Die Vorbeimarschierenden wechseln mit den auf dem Abbruch Arbeiten­den stumme Blicke. Man sucht Bekannte, Genossen. (Bredel)


Riedel ist plötzlich ruhig geworden. Er ruft ins Fenster der Wachtstube, man solle ihm seine Thermosflasche herausreichen und auch das belegte Brot aus seinem Spind. (Bredel)

Dagegen beginnt der Passivsatz Die Gewehrschüsse wurden gehört mit dem Zielpunkt der Handlung (= Patiens), der hier nicht Mitteilungsgegen­stand (Rhema), sondern der Ausgangspunkt der Mitteilung (Thema) ist; als Rhema tritt uns in diesem Falle das näher zum Satzende verlegte verbale Prädikat entgegen, oft zusammen mit seinen Ergänzungen. Das Passiv ist also das Mittel, die für den neutralen Stil übliche Wortstellung im Satz mit dem Thema am Satzanfang und dem Rhema am Satzende zu wahren, wenn das Geschehen oder seine näheren Bestimmungen als das Rhema des Satzes hervorgehoben werden sollen.

Klemm legte den Arm um ihn und stützte ihn, bis er zu Bett gebracht wurde. Er kam noch einmal herein, als Becker verbunden wurde. (Seghers)

Doktor Franke werden sie nicht mehr antreffen. Er wurde schon vor Mo­naten entlassen. (Kellermann)

Nachstehende Beispiele der Inversion im Passivsatz und der emphati­schen Hervorhebung des Subjekts (= Patiens) am Anfang des Satzes mögen den Kontrast zu dieser neutralen Wortstellung bilden:

In demselben Jahr 1514, ebenfalls im Frühjahr, kam in Ungarn ein all­gemeiner Bauernkrieg zum Ausbruch. Es wurde ein Kreuzzug wider die Tür­ken gepredigt und wie gewöhnlich den Leibeignen und Hörigen, die sich anschlössen, die Freiheit zugesagt. (Engels)!

Berner nennt auch die Fälle, wo keine Synonyme zwischen dem Passiv­satz und dem man-Satz besteht und letzterer nicht gebraucht werden kann:

a) Wenn das Agens eine bestimmte, gut bekannte Person ist, was aus
dem Kontext oder aus der Situation hervorgeht.

Sie waren es also! Ihnen also habe ich es zu danken, dass der zweite Marktplatz in der großen Rede besonders erwähnt wurdel (Kellermann)

Es handelt sich um die Rede des Bürgermeisters Taubenhaus, beide Ge­sprächspartner und der Leser wissen das genau, so dass das unbestimmt-persönliche man sinnwidrig wäre.

b) Das schriftstellerische Passiv (nach Deutschbein [49] „Passi-
vum der Bescheidenheit")

Meine Bücher sind so vergessen, als seien sie nie geschrieben worden. (K.Mann)

c) Sinnwidrig wäre der Gebrauch von man auch, wenn das Agens nicht
als eine (unbestimmte) Person, sondern als ein lebloser Gegenstand oder ein
Abstraktum (Schicksal, Lebensbedingungen u. Ä.) gedacht ist.

1 Engels F. Der deutsche Bauernkrieg. — Berlin: Dietz Verlag, 1974. — S. 61.


Aber Löss wird sehr leicht fortgeschwemmt und sogar fortgeweht. („Neue Zeit")

Andere waren nach Argentinien oder nach China verschlagen worden. (K.Mann)

§ 43. Der Passivsatz mit einem Agensobjekt (das sog. dreigliedrige Passiv)

Eine dreigliedrige passivische Satzstruktur entsteht bei der Nennung von zwei am Geschehen beteiligten Aktanten.

Vgl, Die Qualität der Ware prüft ein Kontrolleur.

Die Qualität der Ware wird von einem Kontrolleur geprüft.

Der Bedeutungsgehalt der dreigliedrigen passivischen Satzstruktur un­terscheidet sich nur in einem Punkt von dem der zweigliedrigen passivi­schen Satzstruktur (vgl. S. 129):

 

Grammem Bedeutungskomponenten (Seme)
Passiv „\bm Patiens aus gesehen" (Subjekt=Patiens) „Nennung des Agens" „Prozessualität"

Bei der Wahl der aktivischen oder passivischen dreigliedrigen Satzstruk­tur wirken sowohl der stilistische als auch der kommunikative Faktor zu­sammen. Was die Stilsphäre betrifft, so überwiegt das Passiv entschieden in der wissenschaftlichen und technischen Literatur, in der Amtssprache und in der Publizistik. Vom Standpunkt der kommunikativen Satzperspek­tive finden wir sowohl adäquate als auch inadäquate aktivische und passi­vische Sätze.

a) Der aktivische und passivische Satz bieten adäquate Ausdracksmög-lichkeiten des Sachverhaltes sowie der kommunikativen Satzperspektive:

Die Qualität der Ware prüft ein Kontrolleur.

Di Qualität der Ware wird von einem Kontrolleur geprüft.

b) Der aktivische und der passivische Satz drücken denselben Sachver­halt aus, sind aber inadäquat hinsichtlich der kommunikativen Satzperspek­tive:

Kontrolleur prüft die Qualität der Ware. Die Qualität der Ware wird von einem Kontrolleur geprüft.

Die Beispiele zeigen, dass der dreigliedrige Passivsatz mit einem Agens­objekt am Ende des Satzes eines der Mittel zur Hervorhebung des Agens als Rhema ist:

Fritz Hardekopf, der blonde Rebell, der Einzelgänger unter den Hardekopfs, war tot- im Kampf ßr die Republik, von der er wahrhaftig nicht sonderlich viel gehalten hatte, war er von Freikorpssöldnern getötet worden. (Bredel)


Im Restaurant war es hell, elegant und gemütlich. Es lag gleich rechts an der Halle, den Konversationsräumen gegenüber, und wurde, wie Joachim erklärte, hauptsächlich von neu Angekommenen, außer der Zeit speisenden Gästen, und von solchen, die Besuch hatten, benutzt. (Th.Mann)

Nicht selten ist ein weiteres Mittel zur Hervorhebung des Agens als Rhe­madie Ausklammerang:

Bremen blieb skeptisch. Er hatte Schönhusen so oft unterschätzt und sich stets verrechnet. Und die Arbeiter hatte er genau so oft überschätzt. Jedoch er wurde mitgerissen von der Begeisterung und Zuversicht seines Sohnes; mehr noch von der wachsenden Kampfentschlossenheit der Massen in den Straßen. (Bredel)

Die Tatsache, dass der dreigliedrige Aktivsatz und der dreigliedrige Pas­sivsatz denselben Informationsgehalt über die Beteiligung des Agens und des Patiens am Sachverhalt bringen, ist für viele Sprachforscher Anlass, das Passiv als „Umkehrform" des Aktivs zu betrachten, die durch Konversion, d. h. durch die Vertauschung der Stellen der Aktanten erzeugt wird. So nennt W. Schmidt das Aktiv die Norm- oder Grundrichtung, das Passiv dagegen, die Umkehr- oder Gegenrichtung [221]. Er zeigt es schematich:

.^ Geschehen r^-i /^ Geschehen

Karl pflückt Äpfel Die Äpfel werden gepflückt (von Kart).

Ähnlich Jung: „Weil das Akkusativobjekt im Aktiv zum Subjekt im Passiv wird, sprechen wir von „Umkehrung":

Er trifft das Ziel Das Ziel wird von ihm getroffen. Angloamenkanische Bomber zerstörten Dresden Dresden wurde von angloamerikanischen Bombern zerstört [138]. Ähnlich [60, 38, 45, 81].

Gegen die Theorie der „Umkehrbarkeit" (Konversion) sprechen zwei Tat­sachen: 1) Diese Interpretation verfehlt das eigentliche Wesen des Passivs, da das dreigliedrige Passiv dem zweigliedrigen Passiv nach der Gebrauchsfre­quenz weit nachsteht. Die Aussparung des Agens in der überwiegenden Mehr­zahl der Passivsätze macht sie den angeblich zugrunde liegenden Aktivsät­zen inadäquat; 2) Sie berücksichtigen ferner nicht, dass auch die dreigliedri­gen Passivsätze den dreigliedrigen Aktivsätzen vom Standpunkt der kom­munikativen Satzperspektive nicht immer adäquat sind (vgl. S. 131—132).

§ 44. Der subjektlose Passivsatz

Der subjektlose Passivsatz ist meistens eingliedrig. Durch Aussparung des Agens und des Patiens (bei transitiven Verben) rückt die Handlung selbst in den Mittelpunkt, wird als ein scheinbar immanentes Geschehen dargestellt

Wo gehobelt wird, fallen Späne. 132


„Wird hier denn nicht gekeiztV' rief er plötzlich und lief zu den Röhren, um die Hände daran zu legen. (Th.Mann)

Ich brauche den Leuten nur noch zu sagen, dass sie mich holten, wenn angerufen wurde. (Remarque)

Weder hier im Dorf noch auf dem Bakkehofwurde bei der Arbeit gesungen. (Nexö)

Der Bedeutungsgehalt dieser Passivkonstraktion ist also:

 

Grammem Bedeutungskomponenten (Seme)
Passiv „von der Handlung aus gesehen" (subjektlos) „ProzessuaUtät"

Die Prozessualität der subjektlosen Passivkonstraktion, ihren stilistischen Ausdruckswert als ein Mittel, das Geschehen als immanenten Vorgang dar­zustellen, veranschaulicht folgender Auszug:

In der Wirtsstube fand ich lauter Leben und Bewegung. Studenten von verschiede­nen Universitäten. Die einen sind kurz vorher angekommen und restaurieren sich, ande-K bereiten sich zum Abmarsch, schnüren ihre Ranzen, schreiben ihre Namen ins Ge-aächmisbmK erhalten Brockensträuße von den Hausmädchen: da wird in die Wangen gekniffen, gesungen, gesprungen, gejohlt, man fragt, man antwortet, gut Wetter, Fuß­weg, Prosit, Adieu. Einige der Abgehenden sind auch etwas angesoffen, und diese haben von der schönen Aussicht einen doppelten Genuss, da ein Betrunkener alles doppelt steht (Heine)

Der subjektlose Passivsatz wird oft das „unpersönliche Passiv" genannt, da die entsprechenden Sätze nach den üblichen Wortstellungsregeln mit es beginnen können:

Es wird hier nicht geheizt.

Es wurde angerufen.

Es wird bei der Arbeit nicht gesungen.

Doch sind diese Sätze trotz der Aussparung des Subjekts ebenso wenig unpersönlich wie die zweigliedrigen subjekthaltigen Sätze im Passiv:

Es soll eine Patrouille ausgeschickt werden.

Die Ursachen der Aussparung des Agens und die Grenzen der Synony-mie mit dem man-Sztz sind wie bei dem zweigliedrigen Passiv (s. S. 130 f.). , Während die subjektlosen Passivsätze mit transitiven Verben meistens emgüedrig sind, sind die subjektlosen Sätze mit intransitiven Verben oft auch 2weigliedrig (mit Angabe des indirekten Objekts) oder dreigliedrig (mit An­gabe des Agensobjekts). Das erklärt sich dadurch, dass auch wenn das Ob­jekt und das Agens erwähnt werden sollen, die subjektlose passivische Satz-strufour für diese Verben die einzige Möglichkeit des Passivgebrauchs bleibt:

_ Um die Kuh dagegen wurde regelrecht gekämpft, Lars Peter wollte auch Sl<z mitnehmen. (Nexö)

Über die Sache selbst wurde nicht mehr gesprochen, weder von uns, noch v°n ihm. (Joho)


Morgen wird von beiden Arbeitsbrigaden mit dem Bau der ersten Häu­ser begonnen. (Bredel)

Die Bevorzugung des Passivs selbst bei der Nennung des Agens wird durch kommunikative und stilistische Gründe bedingt. Erstens wird auch hier ein intensiver Ausdruck der Prozessualität erreicht; zweitens hilft die passivische Satzstruktur, das Verb als das Rhema hervorzuheben.

§ 45. Das Zustandspassiv (Stativ)

An der Seite des werrfen-Passivs steht im Deutschen das sein-Pas&iv, auch Zustandspassiv (im Gegensatz zum Vorgangspassiv) und Stativ genannt, z. Â.: Die Antwort ist gefunden; Die Sperre ist aufgehoben.

Glinz schreibt: „Wir haben drei Geschehensarten, nicht nur zwei" [81]. Diese drei Geschehensarten bestimmt Glinz als:

 

einfach bewirkt gegeben
findet wird gefunden ist gefunden
fand wurde gefunden war gefunden

Jst gefunden führt zu ist vorhanden, ist da, ist hier. Wir sprechen daher hier von „gegeben" (ebenda). Auch W. Schmidt sage: „Es gibt aber im Deut­schen ohne Zweifel noch ein weiteres Genus verbi, nämlich das sogenannte Zustandspassiv.-. Vom Passiv unterscheidet sich dieses Genus verbi dadurch, daß es nicht einen Vorgang ausdrückt, sondern einen Zustand, der sich aus einem Vorgang ergeben hat. Beispiele: Die Sperre ist aufgehoben; Er ist an dem Geschäft beteiligt; Die Tür war geöffnet" [221]. Ähnlich [138, 38, 60, 32, 216,115, 110].

Die Bedeutung des sein-Passivs hat einen Niederschlag gefunden in den Benennungen Zustandspassiv, Stativ. Die Formen ist gefunden, ist beteiligt, war geöffnet, (es) sei gesagt u. Ä. „drücken einen (statischen) Zustand aus, der die Folge, das Resultat eines vorhergehenden (dynamischen) Vorgangs ist: Zuerst wurdedas Fenster geöffnet (Vorgang), im Resultat wares geöff­net (Zustand). Der Zustand muß als nichtprozessuales Resultat eines pro­zeßhaften Vorgangs begriffen werden" [115].

Das rein-Passiv kann mit und ohne Agensangabe gebraucht werden:

Der Brief ist (von mir) geschrieben; Für Arbeit ist (von mir) gesorgt. Wie auch bei den anderen Passivformen dominieren Passiv-Sätze mit Ausspa­rung des Agens.

Der Bedeutungsgehalt des zwei- bzw. dreigliedrigen sem-Passivs (mit bzw. ohne Agensangabe) ist also:

 

Grammem Bedeutungskomponenten (Seme)
Passiv des Zustandes (Stativ) „Vom Patiens aus gesehen" (Subjekt=Patiens) „Aussparung bzw. Nennung des Agens" „Zustand als Resultat einer vorhergehenden Handlung"

Die Opposition zwischen dem werden-Passiv (Vorgangspassiv) und dem sein-Passiv (Zustandspassiv, Stativ) ist also: „Prozessualität" / „Zustand als Resultat".

Mit dem Rückzüge Geismaiers aufvenetianisch.es Gebiet hatte das letzte Nachspiel des Bauernkrieges sein Ende erreicht. Die Bauern waren Überall wieder unter die Botmäßigkeit ihrer geistlichen, adligen oder patrizischen Herren gebracht; die Verträge, die hie und da mit ihnen abgeschlossen wa­ren, wurden gebrochen, die bisherigen Lasten wurden vermehrt durch die enormen Brandschatzungen, die die Sieger den Besiegten auferlegten. (En­gels)1

Das Zustandspassiv nimmt im System der Passivformen eine periphere Stellung ein. Das hängt einerseits mit bestimmten Einschränkungen der Bil­dung des Zustandspassivs gegenüber dem Vorgangspassiv zusammen, ande­rerseits mit der Parallelität zwischen dem Zustandspassiv und solchen Ad-jektivfügungen wie: Er ist erstaunt; Du bist verwöhnt u. Ä.

Das unpersönliche Zustandspassiv wird nicht gebildet von einwertigen intransitiven Verben, so dass die Sätze: Es wurde weiter marschiert; Es wird getanzt keine Parallelformen mit sein haben. Auch nicht alle transitiven und besonders intransitiven zwei- und mehrwertigen Verben mit Vbrgangspassiv bilden das Zustandspassiv. Das Zustandspassiv bilden nur diejenigen Ver­ben, die nach ihrer Bedeutung entweder perfektiv-mutative Verben sind, z. B. Er ist aufgerufen; Die Antwort ist gefunden, aber nicht: +Er ist gerufen; +E>ie Antwort ist gesucht (vgl.: [60; 70]) oder wenigstens eine so starke Af-fizierang des Objekts bezeichnen, dass infolge ihres Vollzugs ein zeitweilig bleibendes Resultat, eine Art QualitätsVeränderung möglich wird. „Ein sol­ches bleibendes Resultat wird nicht erreicht bei Verben wie streicheln, be­glückwünschen, loben, necken, fragen, erinnern, bewundern, bitten usw. (des­halb sind sie auch nicht des Zustandspassivs fähig), wohl aber bei Verben wie verletzen, ernten, pflastern, beleuchten, schreiben usw. (die ein Zustands­passiv bilden können), Wir können die beiden Fälle vergleichen:

1. Der Dieb wird gefasst. 2. Das Kind wird an der Hand gefasst.
Der Dieb ist gefasst. +Das Kind ist an der Hand gefasst.

Bei 1. ist ein zeitweilig bleibendes Resultat ausgesagt, das ein Zustands­passiv ermöglicht; bei 2. dagegen verschließt sich das gleiche Verb — das allerdings einen Distributionsunterschied aufweist— gegen das Zustands­passiv, weil die Affiziertheit zu schwach ist, um ein bleibendes Resultat zu schaffen" [115].

Die Einschränkungen in der Bildung des Zustandspassivs, die eine Asym­metrie im Paradigma vieler passivfähiger Verben hervorrufen, sind aber, wie schon oben gesagt, nicht der einzige Grund, um das sem-Passiv als eine Periphere Erscheinung im System der Genera verbi zu betrachten. Noch mehr sPricht dafür die bereits verzeichnete Parallelität zwischen dem Zustands-

lEnsels F. Der deutsche Bauernkrieg. — Berlin: Dietz Verlag, 1974. — S, 105.


passiv und den Adjektivfügungen, und zwar dem nominalen Prädikat mit einem Prädikatsadjektiv.

Eine rein qualitative Charakteristik, wie sie einem nominalen Prädikat eigen ist, tritt uns in folgenden Beispielen entgegen:

Ihr starkes aschblondes Haar, mit einer dunkelroten Sammetschleife ge­schmückt, war über der Stirn gelockt. (Th.Mann)

Mein Begleiter war entzückt, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben, sein Antlitz erglänzte noch freudiger und bei dem Abschiede war er gerührt, (Heine)

Die Lexikalisierung mehrerer Partizipien in den sei'n-Ftigungen veran-lasst Guchmarm verschiedene Abstufungen in der Bedeutung dieser Fügun­gen zu unterscheiden von einer rein qualitativen, nominalen bis zu den „Syn­onymen des Passivs" [95].

Der verbale Charakter des 2. Partizips und der ganzen Fügung tritt be­sonders stark in den Vordergrund und die Fügung erscheint als eine Passiv-form (Zustandspassiv), wenn der Urheber des geschilderten Zustandes oder die Umstände der vorausgegangenen Handlung im Satz angegeben sind:

Indessen war das Königreich gespalten durch Katholiken und Protestanten, und dies in allen seinen Teilen, schon seit langer Zeit. (H.Mann)

Durch die Unbegrenztheit der Überstunden ist der verträglich normierte achtständi­ge Arbeitstag vollständig illusorisch gemacht. (Kisch)

In Bochum war der Aufstand der Feinde der Republik rasch niedergeworfen, und das Gros der bewaffneten Arbeiter marschierte nach Essen, um die dort im Kampf ste­henden Kollegen zu unterstützen. (Bredel)

„Trösten Sie sich", erwiderte Heuteufel, „Sie werden es bald erleben. Die Klage ist schon eingereicht." (H.Mann)

Der passivische Charakter der Fügung sein + 2. Partizip tritt in den Vor­dergrund auch dann, wenn diese als Äquivalent einer relativen Tempusform der Vorzeitigkeit gebraucht wird, z. Â.:

Als er durch die beiden Tore in den inneren Hof trat, waren bereits die Verhafteten ausgezählt. (Seghers) -... hatte man die Verhafteten bereits ausgezählt.

Die Republikaner auf den umliegenden Höhen hingegen verhielten sich völlig ruhig, Ein Befehl war erlassen, vereinzelte feindliche Kundschafter nicht anzugreifen. (Bredel) = „.Ein Befehl war erlassen worden... oder man hatte einen Befehl erlassen,...

Die Mannschaß hat auszuharren auf ihrem Posten, bis die Passagiere gerettet sind. (Kisch) = ..Ms man die Passagiere gerettet hat.

§ 46. DasPassivfeld

Das Passiv ist Anziehungspunkt für mehrere Typen von Wortfügungen sowie für einige Wortbildungsmodelle, die eine passivähnliche Bedeutung haben. Die beiden bilden zusammen mit dem Genusparadigma des Verbs ein Passivfeld und besetzen dessen Peripherie. In den Grammatiken sind die Wortfügungen mit passivähnlicher Bedeutung als „Varianten des Passivs" [85, 60,37] oder als das „verkleidete Passiv" [145] bekannt.


Bezeichnend für das Passivfeld ist, dass es außer den Wortfügungen mit einer rein passivischen Bedeutung mehrere Passivumschreibungen gibt, die die passivische Bedeutung entweder mit einer modalen Bedeutung (Mög­lichkeit, Notwendigkeit) oder einer akn'onalen Bedeutung (Beginn, Dauer, Resultat) vereinigen.

Rein passivische Bedeutung haben die Wortfügungen bekommen + 2. Partizip und seine Synonyme erhalten+2. Partizip, umgangssprachlich auch kriegen + 2. Partizip.

Er bekommt ein Buch von mir geschenkt / seinen Lohn ausgezahlt I die Strümpfe gestopft I etw. gesagt.

Diese Struktur ist für dreiwertige Verben charakteristisch, die einen Da­tiv der Person und einen Akkusativ der Sache fordern, z. B. schenken, mit­teilen, zeigen, anbieten, auszahlen u. a.

Rein passivische Bedeutung haben auch Wortfügungen, die aus einem Funktionsverb und einem Verbalsubstantiv bestehen, das eine Tätigkeit be­zeichnet

Die Neuauflage des Buches befindet sich in Vorbereitung (wird vorbe­reitet).

Das Haus kommt zur Versteigerung (wird versteigert). Diese Frage steht nicht zur Diskussion (wird nicht diskutiert).

Ahnlich: in der Fertigung sein (gefertigt werden), zur Verlesung kom­men (verlesen werden), zum Verkauf l zur Ausgabe gelangen (verkaufi / aus­gegeben werden), zur Aufführung kommen (aufgeföhrt werden) u. a.

Die Verbindung der passivischen Bedeutung mit modalen Bedeutungen weisen folgende Strukturen auf:

a) sein + zu + Infinitiv (Möglichkeit, Notwendigkeit)

Das Buch ist in allen Buchhandlungen zu kaufen (kann gekauft werden). Er war nicht vom Fleck zu bringen (konnte nicht vom Fleck gebracht werden).

Das Gerät ist sofort zu reparieren (muss repariert werden).

b) bleiben + zu + Infinitiv

Es bleibt noch hinzuzufiigen, dass... (muss hinzugefiigt werden). Es bleibt nichts zu machen (kann nichts gemacht werden).

c) lassen + sich + Infinitiv (Möglichkeit)

Das lässt sich kaum beschreiben (kann kaum beschrieben werden). Das lässt sich machen (kann gemacht werden).

d) Reflexivkonstruktion + Adjektiv / Adverb (Möglichkeit)

Das Bernd pflegt sich leicht (kann leicht gepflegt werden). Das erklärt sich leicht (kann erklärt werden).


e) es gibt + Infinitiv (Möglichkeit)

Es gibt viel Neues zu berichten {kann berichtet werden).

Es gibt nichts daran auszusetzen (kann nichts ausgesetzt werden).

f) sein + Adjektiv auf -bar, -fähig

Das Flugzeug ist bereits sichtbar (kann gesehen werden). Die Wohnung ist ausbaufähig (kann ausgebaut werden).

h) etw. gehört + 2. Partizip (Notwendigkeit, umgangssprachlich) Er gehört aufgehängt (soll aufgehängt werden).

Die passivische Bedeutung verbindet sich mit aktionalen Bedeutungen (Beginn, Dauer, Resultat) in Funktionsverbfügungen mit liegen, stehen, aus­gesetzt (unterworfen) sein, fällen, geraten, finden u. a.

Das Dorf lag unter schwerem Beschuss (wurde beschossen).

Er war dem Spott seiner Kameraden ausgesetzt (wurde verspottet).

Er fiel in einen falschen Verdacht (wurde verdächtigt).

Unser Vorschlag war in Vergessenheit geraten (wurde vergessen).

Der Vortrag fand allgemeine Anerkennung (wurde anerkannt).

Die Struktur des Passivfeldes und die Verbindung passivischer, modaler und aktionaler Bedeutung in den passivähnlichen Wortverbindungen und Wort­bildungsmodellen versucht Oserow wie folgt schematisch darzustellen:


Die einzelnen Wortfügungen, die zum Passivfeld gehören, sind vom Zen­trum des Feldes verschieden distanziert. Dem Feldzentrum am nächsten lie­gen die Wortfügungen, die ein Gegenglied mit aktivischer Bedeutung ha-bert, z. B. ist zu machen I hat zu machen; es kommt zum Ausdruck/ man bringt es zum Ausdruck; unter Beschuss liegen / unter Beschuss nehmen. Weiter vom Zentrum des Feldes befinden sich dagegen die Wortfügungen, die kein Gegenglied mit der Bedeutung des Aktivs besitzen.

Kapitel 5 DAS SUBSTANTIV

§ 47. Allgemeines

Das Substantiv ist die zweitwichtigste Wortart nach dem Verb. Dafür spre­chen seine verallgemeinerte Wortklassenbedeutung, die Größe seines Wort­bestandes und seine Funktionen im Satz.

1) Den semantischen Kern der Substantive als Wortart bilden die Namen für Lebewesen und leblose Dinge {Mensch, Haus, Baum, Berg usw.), wor­auf auch der deutsche Terminus Dingwort hindeutet Doch stehen den Na­men für konkrete Gegenstände viele abstrakte Substantive zur Seite, von denen sehr viele als Sekundärbildungen zu Adjektiven, Verben, Numeralien und anderen Wortarten zu betrachten sind (vgl. schön — die Schönheit, groß die Größe, laufen das Laufen, leben das Leben, zehn die Zehn u. a.). Solche Substantive haben keine Sachbedeutung. „Daß Zerstö­rung oder Röte nicht in derselben Weise Gegenstände sind wie Baum oder Haus, leuchtet ja unmittelbar ein" [200]. Es sind also Namen für Eigenschaf­ten, Handlungen und Vorgänge, Zahlbegriffe, Beziehungen verschiedener Art, die von ihren konkreten Daseinsformen abstrahiert und gegenständlich dargestellt werden.

Vgl. die Landschaft ist schön die Schönheit der Landschaft die Schönheit.

Im Wald leben viele Tiere das Leben der Tiere das Leben.

Die verallgemeinerte Wortklassenbedeutung des Substantivs als Wortart Jst also der Ausdruck der Gegenständlichkeitim weitesten Sinne, Die Lei­stung des Substantivs in der Sprache besteht also darin, dass es die gegen­ständliche Darstellung aller Erscheinungen der materiellen und der ideellen Welt ermöglicht. Dies erklärt, warum der Anteil der Substantive am Gesamt­wortschatz so hoch ist; im Deutschen 50—60 % des Gesamtwortschatzes (Erben). Hinzu kommt die uneingeschränkte Möglichkeit der Substantivie­rung: krank der Kranke, blau — das Blau; aber das Aber; ach das Ach; dasA, von A bis Z; das [>:] usw.

2) Alle Vorzüge der Vergegenständlichung der verschiedenartigsten Er­scheinungen der Wirklichkeit im Substantiv treten aber erst klar zutage, wenn


man die syntaktischen Charakteristiken des Substantivs berücksichtigt. Sei­ne Rolle im Rahmen des Satzes ist „eine kaum weniger bedeutsame als die des Verbs", um mit Erben (95) zu sprechen. Im Gegensatz zu den anderen Wortarten, die auf bestimmte Satzgliedfunktionen angewiesen sind (vgl. das finite Verb, das Adjektiv, das Adverb), hat das Substantiv eine universelle, syntaktische Verwendbarkeit in allen Satzgliedpositionen. Es besetzt am häu­figsten alle Leerstellen, die das finite Verb je nach seiner Valenz eröffnet, — die des Subjekts, des direkten und des indirekten Objekts, des Adverbiales; als Attribut tritt es oft an die Seite eines anderen Substantivs; in Verbindung mit einem finiten Verb erscheint es als Prädikativum. Vgl. den Satzgliedwert der Substantive in folgendem Satz:

Im blumengeschmückten Festsaal des Parteihauses saß ein wahrhaft an­dächtiges Publikum, überwiegend Mütter, ältere, aber auch noch recht jung aussehende, die Töchter oder Söhne in der Jugendgruppe hatten. (Bredel)

Die universelle syntaktische Verwendbarkeit der Substantive ermöglicht auf diese Weise den Ausdruck der vielfältigen Beziehungen, in die die Er­scheinungen der Wirklichkeit zueinander treten und erlaubt es, die Sachver-halte je nach der Sprechabsicht des Sprechers unter verschiedenen Blick­richtungen darzustellen. Was die Bezeichnungen von Eigenschaften, Vor­gängen, Zahlen Verhältnissen u. Ä. betrifft, so können sie in der Substantiv­form in die verschiedensten Satzkonstruktionen „eingebaut" werden. Dies veranschaulichen auch die Beispiele von W. Porzig [200]:

Korinth wurde im selben Jahre zerstört wie Karthago.

Die Zerstörung Korinths geschah im selben Jähre wie die Karthagos.

Auf die syntaktische Gelenkigkeit der Substantive als Beweggrund zur Substantivbildung weisen auch A. Marty, E. Otto, F. Slotty, M Sandmann hin.

3) Das Substantiv verfügt über folgendes System von grammatischen Kategorien:

1. Kategorie des Numerus

2. Kategorie des Kasus

3. Kategorie der Bestimmtheit / Unbestimmtheit

Diese Kategorien sind aufs Engste mit der verallgemeinerten Wort­klassenbedeutung des Substantivs und seinem Funktionieren im Satz ver­bunden.

Zu den grammatischen Kategorien des Substantivs zählt man nach alter Tradition auch das Genus. Doch während die eigentlichen grammatischen Kategorien des Wortes in seiner Formveränderlichkeit und in den dadurch gebildeten oppositionellen Formen ihren Ausdruck finden (vgl, das Buch die Bücher; der Mensch des Menschen dem Menschen den Men­schen; die Übung — eine Übung), ist das Genus ein unveränderliches Cha-rakteristikum eines Substantivs, teils in seiner Bedeutung, teils in seiner Laut­form begründet, teils traditionell dem Worte anhaftend. Das Genus ist eine Kategorie besonderer Art, und zwar eine lexikalisch-grammatische klassiß-


zierende Kategorie des Substantivs, Wir behandeln das Genus der Substan­tive im Abschnitt über die strukturell-semantischen Subklassen der Substan­tive (s. u. S. 146).


Date: 2016-03-03; view: 811


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