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Stirnstellung Kernstelhmg 1 page

1. Aufforderungssatz 1. Aussagesatz

2. Fragesatz (Satzfrage)2. Fragesatz (Wortfrage)

Das dritte sehr wichtige Gestaltungsmittel der Satzformen ist die selekti­ve Verwendungder Verbalformen. Der Aufforderungssatz steht den ande­ren Satzformen gegenüber, da ihn der Imperativkennzeichnet, während der Aussage- und der Fragesatz je nach ihrem Inhalt in gleicher Weise durch den Indikativ oder den Konjunktiv geprägt werden.

So sind die Kennzeichen der einzelnen Satzformen folgende:

Der Aussagesatzwird geprägt durch:

a) abschließende (terminate) Tonführung (i);

b) Kernstellung der finiten Verbalform;

c) die Verwendung von Indikativ bzw. Konjunktiv.

Das Wasser dampfte auf dem Herd. Es war in der Küche überheiß. (Seg­hers)

Ich hätte ja auch mal gern Glück gehabt in dieser dreckigen Welt. Und abends heimkommen und das junge Ding da. Das hätt mir gefallen können. (Seghers)

Der Fragesatzwird geprägt durch:

a) steigende oder interrogative Tonführung (t);

b) Stirnstellung der finiten Verbalform (Satzfrage) oder Kernstellung der
finiten Verbalform (Wortfrage);

c) die Verwendung von Indikativ bzw. Konjunktiv.

„Sagen Sie mal, ist heute in Hamburg Feiertag!" fragte harmlos einer von den Reisenden. (Bredel)

Was! Räuber wären es gewesen! ... Mörder waren es, erkaufte Mörder. (Lessing)

Der Aufforderungssatzwird geprägt durch:

a) fallende (terminale) Tonfllhrung (i);

b) Spitzenstellung der finiten Verbalform;

c) die Verwendung des Imperativs.

Brecht das Doppeljoch entzwei!

Brecht die Not der Sklaverei!

Brecht die Sklaverei der Not!

Brot ist Freiheit, Freiheit Brot\ (Herwegh)

Wie bei den meisten grammatischen Formen sind auch bei der Verwen­dung der Satzformen Xranspositionenmöglich.


So kann zum Beispiel die Aussageform auf die Ebene der Frageform oder der Aufforderangsform transponiert werden, Kontext und Tonführung ändern sich dabei.

,Meine Frau schläft wohl schon?'fragte er. (Kellermann) »Du schläfst jetzt schön weiter", sagte er zu Christian wie ein Erwachse­ner zu einem Kind. (Kellermann)

Auch die Frageform wird sehr häufig unter Änderung der Tonführung und häufig auch unter Verwendung bestimmter lexikalischer Mittel (im nach­stehenden Beispiel wie) auf die Ebene des Ausrufesatzes (d. h. einer ge-fiihlsgefärbten Aussagefoim) transponiert:

Wie herrlich leuchtet Mir die Natur. Wie scheint die Sonne! Wie lacht die Flur\ (Goethe)

Als Gegenglied der Opposition: Aussage / Frage / Aufforderung dürfen nicht nur Satzfragen, sondern auch Wortfragen mit verschiedenen Frage­wörtern gelten, z. B. Paul wohnt hier, — Wohnt Paul hier! Wer wohnt hier? Wo wohnt Pauli Jedes Fragewort korrespondiert mit einer Komponente der Aussageform des Satzes, so dass die Wortfragen Realisationen desselben Satzmodells sind. Nicht anders steht es mit der Verwendung der Verben machen, geschehen, z. B. Das Streichholz erlosch Was erlosch"? Was ge­schah mit dem Streichholz?



2. Die zweite Ebene des Paradigmas bildet die Opposition zwischen der affirmativen und der negativen Satzform. Ihr liegt die Kategorie der Affir­mationund Negationzugrunde.

Die raerkmalhaltige Satzform ist die negative, da sie meistens durch Hin­zufügimg eines Verneinungswortes geprägt wird, während die korrelierende affirmative Satzform eine Nullcharakteristikhat. Vgl.:

Er kommt. —- Er kommt nicht

Er kommt keinesfalls.

Er kommt keineswegs

Ich interessiere Ich interessiere mich nicht dafür,
mich dafür. Ich interessiere mich dafür nicht im Geringsten.

Auch wenn die affirmative und die negative Satzform korrespondierende Aitikelformen (ein — kein), Pronomen (etwa ■nichts, jemand niemand), Adverbien (jemals nie, niemals, immernimmer), Konjunktionen (so­wohl als auch weder noch) oder Modalwörter (Ja Nein) enthalten, ist die negative Satzform die merkmalhaltige, speziellere Form.

„Ihre Mutter hat Vermögen?" fing der Sekretär wieder an. „Wer hat jetzt in der Inflation noch Vermögen?" fragte Pagel dagegen. »Dann unterstützen Sie also Ihre Mutter?" fragte der Sektretär.

„Nein ", sagte Pagel ärgerlich.

„Sie hat also zu leben?"


AUSSAGEFORM /\ Vater schläft / \ affirmative Satzf. negative Satzf. /\ /\ Vater schläft Vater schläft nicht. \ / \ l

FRAGEFORM /\ Schläft Vater? / \ affirmative Satzf. negative Satzf. /\ /\ Schläft Vater? Schläft Vater nicht? \ / \
negative Satzf. /\ Vater, schlaf nicht! \
Wirklich- Möglich- Wirklich- Möglich- Wirklich- Möglich- Wirklich- Möglich- Wirklich- Möglich- Wirklich- Möglich-keitsf. keitsf. keitsf. keitsf. keitsf. keitsf. keitsf. keitsf. keitsf. keitsf. keitsf. keitsf.

Vater Vater

schläft. schläft wohL

Vater

schliefe

(wenn...)

Möge Vater schlafen!

Wenn Vater schliefe!

Vater soll / muß schlafen.


Vater Vater Schläft schläft schläft Vater? nicht. wohl nicht.

Vater schliefe

nicht

(.wenn...),

Möge Vater

nicht

schlafen!

Wenn Vater

nicht

schliefe!

Vater soll nicht /braucht nicht zu schlafen.


AUFFORDERUNGSFORM

/\

Vater, schlaf!

affirmative Satzf.

/\

Vater, schlaf!

\

Vater schlaf nicht!

Vater Schläft Vater Vater

schläft Vater schläft schlaf!

wohl? nicht? wohl nicht?

Schliefe Schliefe

Vater Vater nicht

(,wenn...)? (.wenn...)?

Soll Soll Vater

Vater nicht

schlafen? schlafen?

Sollte Sollte

Vater Vater nicht

schlafen? schlafen?

Soll / muB Soll / muß

Vater Vater nicht

schlafen? schlafen?


„Sicher!"

„ Und unterstützt vielleicht Sie?"

„Nein ", sagte Pagel wieder.

„Sie verdienen selbst Ihren Unterhalt?"

„Ja." (Fallada)

3. Die dritte Ebene des Satzparadigmas bildet eine mehrgliedrige Oppo­sition, der die Kategorie der Modalität des Satzeszugrunde Hegt. Der Wirk­lichkeitsform Vater schloß stehen mehrere Satzformen gegenüber, denen verschiedene modale Bedeutungen aus dem Bereich der Modalität der Mög­lichkeit eigen sind. Es sind Möglichkeitsformen mit der Bedeutung der Ver­mutung, der Möglichkeit im engeren Sinne, der Irrealität, des realen bzw. irrealen Wunsches, der Notwendigkeit, z. B. Vater schläft wohllVater schliefe (,wenn...) Möge Vater schlafen1. Wenn Vater schliefe] Vater soll I muss schlafen. Ähnlich in der negativen Form: Vater schläft wohl nicht Vater schliefe nicht (,wenn...) Möge Vater nicht schlafen\ —■ Wenn Vater nicht schliefe! —• Vater soll nicht I braucht nicht zu schlafen.

Die modalen Formen des Satzes werden nicht nur durch entsprechende Wortformen (die Modi des Verbs) zum Ausdruck gebracht, sondern auch durch Modalwörter, Modalverben und andere Ausdrucksmittel der Modali­tät des Satzes. Diese Ausdrucksmittel sind zum Teil verschieden für die Aus­sage- und die Frageform des Satzes sowie für die affirmative und die negati­ve Satzform. Vgl die Aussage- und Frageform mit der Bedeutung eines rea­len Wunsches: Möge Vater schlafen] Soll Vater schlafen! Ähnlich bei der affirmativen und negativen Satzform mit der Bedeutung der Notwendigkeit: Vater soll I muss schlafen •Vater soll nicht I braucht nicht zu schlafen.

Das Satzparadigma des Satzes hat eine hierarchische Struktur, die die Tabelle auf S. 248 veranschaulicht.

Das Satzparadigma ist asymmetrisch: auf der modalen Ebene des Para­digmas fehlt die Aufforderungsform. Bei der Anwendung des Modells des Satzparadigmas auf konkrete Sätze entstehen weitere Beschränkungen, die in erster Linie lexikalisch bedingt sind. Der Vollständigkeitsgrad des Satz­paradigmas ist auch bei den einzelnen Modellblöcken verschieden. Am voll­ständigsten ist der Formenbestand des Satzparadigmas bei den zweigliedri­gen Sätzen mit nominalem und verbalem Prädikat (Modellblöcke I und II). Keine Aufforderangsform besitzen die Paradigmen des dritten und des vier­ten Modellblocks. Eine besondere Stellung nehmen die Modelle eingliedri­ger Sätze (Block V) und die idiomatischen Sätze (Block VI) ein. Sie sind der paradigmatischen Formveränderang fast völlig unfähig, wenn sie auch hin­sichtlich aller Kategorien des Satzes bestimmt sind.

• Aussagesatz
Feuer! ■äãÙ^-------- — affirmativer Satz

• Wirklichkeitssatz

■ Aussagesatz Ich ein Lügner! <<^- . negativer Satz

^~*~~~— Wirklichkeitssatz


Nicht hupen!-


-Aufforderungssatz -negativer Satz -Wirklichkeitssatz


§ 95. Das Fassungsvermögen des einfachen Satzes. Die Textverdichtung

Der moderne deutsche Satz ist durch ein großes Fassungsvermögen ge­kennzeichnet. Seine Länge und seine Struktur variieren in den einzelnen Stilgattungen der deutschen Sprache sehr beträchtlich.

Nach Eggers beträgt die Durchschnittslänge einfacher Sätze in der mo­dernen deutschen Prosa 16 Wörter. In den von ihm erforschten populärwis­senschaftlichen Texten enthielten 40 Prozent aller einfachen Sätze 12—23 Wörter, 27 Prozent aller Sätze enthielten über 30 Wörter [56]. Nach H. Mei­er schwankt die Durchschnittslänge des Satzes im modernen Deutsch zwi­schen 19,3 Wörter in Uterarischen Werken und 27,8 Wörter in der philoso­phischen Prosa [168, /]■

Außer der Satzlänge wird das Fassungsvermögen eines Satzes auch durch seine Strakturtiefe bestimmt. Nach Yngve ist die Tiefe eines Satzes dutch die maximale Knotenzahl seines Stammbaumes zu bemessen [292]. Folgen­der Satz hätte also die Satzlänge 21 Wörter und die Satztiefe 6:

Ich blickte auf die mit dreckigem Schnee bedeckte deutsche Erde in unse­rem Garten zum Rhein, über die Trauerweiden hinweg aufs Siebengebirge. (Böll)

Knotenzahl


1. Ich <


blickte


 

2. auf die Erde 91 o-fum Rhein Ü über die ■< > aufs
r ó Trauerweiden Sieben-
3. deutsche <? 9 in Garten hinweg gebirge
4. bedeckte <? ° unserem    
5. mit Schnee <?      
6. dreckigem î      

Mit dem Studium des Satzumfanges, d. h. seines Fassungsvermögens beschäftigen sich jetzt viele Sprachforscher (vgl.: [56, 57, 292,5,156,168, /, 285]; auch: Moser, Ziehe),

Die Angaben über Satzlänge und Satztiefe dürfen natürlich nicht als et­was Absolutes aufgefasst werden.

Die Umgangssprache bedient sich zum Beispiel sehr gern äußerst knap­per elliptischer Sätze.

Mitten in mein Braten (rat die Wirtin ein. Sie sagte freuttdlich: „Guten Abend." Ich erwiderte ihren Gruß, und sie fragte,- „Bitte? " „Ein Zimmer, wenn sie eins frei haben,"


„Gewiss", sagte sie, „zu welchem Preis?" „Das billigste." „Dreißnfzig."

„Schön", sagte ich erfreut, „vielleicht etwas zu essen?" „Gewiss."

„Brot, etwas Käse und Butter und...", ich streifte die Flaschen auf der Theke mit einem Blick, „vielleicht Wein."

„Gewiss", sagte sie, „eine Flasche?" „Nein, nein! Ein Glas". (Böll)

Im. vorstehenden Auszug besteht nur die Autorensprache aus vollständi­gen Sätzen, während der ganze Dialog in elliptischen, meist einwortigen Sätzen gehalten ist.

Auch für die Autorensprache der modernen schönen Literatur ist der lan­ge, tiefstrukturierte einfache Satz nicht sehr typisch, obwohl es hier natür­lich auf den individuellen Stil des SchriftsteHers ankommt. In darstellender und berichtender Autorensprache tiberwiegen kurze einfache Sätze, die mit Satzverbindungen abwechseln, deren Teilsätze auch sehr kurz und einfach gestaltet sind:

Ich nahm eine Zigarette aus der Tasche. Eigentlich konnte ich ganz zu­frieden sein. Es ging mir nicht schlecht, ich hatte Arbeit, ich war kräftig, ich wurde nicht leicht müde, ich war heil, wie man das so nennt; aber es war doch besser, nicht allzu viel darüber nachzudenken, (Remarque)

Eine in der modernen schönen Literatur ziemlich verbreitete Erscheinung, die auch zur Knappheit des Satzes führt, ist die Parzellierung, die auch auf den Rhythmus der mündlichen Rede zurückgeht. Der Satz wird in intonato­risch abgesonderte Teile aufgesprengt, die durch Punkte voneinander ge­trennt werden:

Er war eigentlich ein sanfter Mann, mit abfallenden Schultern und ei­nem kleinen Schnurrbart. Ein bescheidener, pflichttreuer Angestellter, (Re­marque)

Der Bereich längerer, tiefstrukturierter einfacher Sätze ist vor allem die wissenschaftliche, populärwissenschaftliche und zum Teil auch die publizistische Prosa (vgl dazu die statistischen Daten von H. Meier, Eggers, s.S. 250). Werner Winter schreibt zum Beispiel über die Satzlänge und -tiefe in der wissenschaftlichen Prosa, verglichen mit der Sprache des mündlichen Verkehrs: „Für wissenschaftliche Prosa sind weitgespannte verblose Konstruktionen charakteristisch, deren Erfassung oftmals nur ei­nem Leser oder allenfalls noch einem sehr konzentrierten Zuhörer mög­lich ist; in gewöhnlicher Konversation finden sich stattdessen weniger komplexe Konstruktionen, durch die ein müheloses Verstehen möglich wird" [285].

Ein wesentlicher Faktor, der die Satzlänge und Satztiefe bedingt, ist die Textverdichtung,d. h. die Konzentration größerer Informationsmassen in einem Satz durch Verbindung mehrerer Propositionen.


Der Mechanismus der Verdichtung der Information im einfachen Satz besteht darin, dass eine Proposition im Satz die Subjekt-Prädikat-Straktur hat und dadurch zum Träger der gesamten verdichteten Struktur wird, wäh­rend die anderen Propositionen in reduzierter syntaktischer Form erscheinen als genitivische Ketten, Präpositionalgruppen, einfache und erweiterte At­tribute, abgesonderte Partizipialgruppen, freie Appositionen und Parenthe­sen.

In der wissenschaftlichen Prosa und in der Publizistik wird die Verdich­tung des Textes in erster Linie mit Hilfe der Noimnalisierung, d. h. der Substantivierung des prädikativen Teils einer oder mehrerer Propositionen erreicht. Infolge der Substantivierung entstehen Verbalsubstantive, die ih­rerseits zum Kern einer Wortgruppe werden können.

Bei der Zubereitung der Kalkmörtel wird der Kalkteig durch Zugabe von Wasser zunächst verflüssigt und darauf mit dem Sand gut vermischt.

Die Wortgrappen bei der Zubereitung der Kalkmörtel und durch Zugabe von Wasser sind Nominalisieningen, denen folgende Propositionen zugrun­de Hegen:

Bei der Zubereitung der Kalkmörtel Proposition!*. Wenn Kalkmörtel
wird der Kalkteig durch zubereitet werden...

Zugabe von Wasser zunächst P ã î ð î s i t i î n2: Der Kalkteig

verflüssigt und darauf mit wird zunächst verflüssigt

Sand vermischt. P ã î ð î s i t i î n3: Dazu wird

Wasser zugegeben Proposition^ Darauf wird der Kalkteig mit dem Sand vermischt.

Eine einfache Präpositionalfügung mit einem Verbalsubstantiv ist im nach­stehenden Text (Nach kurzer Tätigkeit)...:

Nach kurzer Tätigkeit in Frank- Proposition!: Max Born war

fürt (Main) (1919 bis 1921) kurze Zeit in Frankfurt tätig

kam Max Born nach Göttingen. P ã î ð î s i t i î n2: Das dauerte

von 1919 bis 1921 Proposition^ Dann kam er nach Göttingen.

Eine andere Art von Nominalisierang ist die Bildung von adjektivischen
und partizipialen Attributen, ebenfalls durch Reduktion von Prädikaten:
Es ist möglich, den Frieden zu P ã î ð î s i t i î ù: Es ist möglich,

erhalten und Millionen Men- den Frieden zu erhalten

sehen das unermessliche Leid P ã î ð î s i t i î ï2: Es ist möglich,

der Krieges zu ersparen. Millionen Menschen das Leid

des Krieges zu ersparen Proposition3: Das Leid des Krieges ist unermesslich.


Die gereinigte Luft wird in den Trockenschrank geführt.


Proposition^ Die Luft wird

gereinigt Proposition: Dann wird sie

in den Trockenschrank geßhrt.


Eine beträchtliche Satztiefe entwickeln die sog. erweiterten Attribute mit dem 1. oder 2. Partizip.

Wir danken den auswärtigen Kollegen für ihren von uns sehr hoch ge­schätzten Beistand.


Wir den Kollegen auswärtigen

von uns.


Ein Mittel zur Verdichtung des Textes sind auch Parenthesen (Einschü-be):

Tatsächlich: in dieser eigenartigen Optik und nicht in seiner ein we­nig zu bürgerlichen Seelesteckt Dickens' Genie. (St. Zweig; zit. nach Schneider [229]).

In literarischen Texten sind als Textverdichtungsmittel abgesonderte Par-tizipialgruppen, freie Appositionen und Attribute beliebt.

Träge federnd, mit langsamer Proposition!; Paul Heßreiter ging
Eleganz, ging Paul Heßreiter träge federnd
durch die Junisonne der Stadt
P ã î ð î s i t i î n2: Er guig mit langsamer
München.
(Feuchtwanger) Eleganz

P ã î p î s i t i î n3: Er ging durch die Ju­nisonne der Stadt München.


Da hielt der Major zunächst einmal Gedankenaustausch mit seinem Fahrer einem, wie David erfiihr, Baschkiren, (H. Kant)

Proposition): Da hielt der Major

zunächst einmal Gedankenaustausch mit seinem Fahrer Proposition2: Dieser war

ein Baschkire P ã î p î s i t i î n3: David hatte

die Gelegenheit, das zu erfahren.

Präpositiortalfügungen, abgesonderte Partizipialgruppen, freie Apposi­tionen und Attribute helfen dem Schriftsteller, nicht nur die Sujetiinie fort-



zufuhren, sondern gleichzeitig das Äußere seiner Helden zu beschreiben, ihr Benehmen, ihre Lebensumstände und Gefühle zu schildern.

Im modischen grauen Anzug, den schönen, ererbten Elfenbeinstock leicht schwin­gend, verließ der Kommenienrat Paul Heßreiter, einer der Geschworenen des Prozesses Krliger, seine Villa, ruhig gelegen an der Seestraße in Schwabing, in der Nähe des Eng­lischen Gartens. Da heute der Beginn der Verhandlung aus einem technischen Grund erst auf elf Uhr angesetzt war, benutzte erden Morgen zu einem Spaziergang. Ursprüng­lich hatte er hinausfahren wollen an den Starnberger See, nach Luitspoldbrunn, dem schönen Besitz seiner Freundin, der Frau von Radolny, draußen am See baden und mit ihr frühstücken. Mit dem neuen, amerikanischen Wagen, den er vor drei Wochen gekauft hatte, wäre er bequem noch zu Beginn der Verhandlung zurück gewesen. Aber er hatte die telefonische Auskunft erhalten, Frau von Radolny sei noch zu Bett und habe nicht die Absicht, heute vor zehn Uhr aufzustehen. (Feuchtwanger)

§ 96. Die kommunikative Satzperspektive

_ Dass der Satz eine Äußerung oder Bestandteil einer Äußerung ist, d. h. eine kommunikative Einheit ist und die Partnerschaft des Sprechenden und Hörenden (bzw. des Schreibenden und Lesenden) voraussetzt, wurde bereits gesagt.

Auf diese Partnerschaft hat zuerst in der deutschen Grammatik Hermann Paul in seiner Satzdefinition hingewiesen (vgl. S. 224). Von ihm stammt auch die Erkenntnis, dass die kommunikative Struktur des Satzes und seine (d. l.die S-P-Struktur)auseinander gehen können: daher die Einführung neuer Begriffe psychologisches Subjektund psychologisches Prädikatals Gegenstück zu dem grammatischen Subjekt und dem grammatischen Prädi­kat der traditionellen Grammatik.

Über das psychologische Subjekt und das psychologische Prädikat schreibt Faul: „Em Satz besteht mindestens aus zwei Gliedern. Diese verhalten sich nicht gleich. Das eine vertritt die Vorstellung oder Vorstellungsgruppe, die zuerst in der Seele des Sprechenden vorhanden ist, das andere die daran neu angeknüpfte. Die Erstere bezeichnen wir als das psychologische Subjekt, die Letztere als das psychologische Prädikat. Diese brauchen nicht mit dem grammatischen Subj. oder Präd. identisch zu sein" [191 Iff] ñ J°ifndfs bekannte Paul'sche Beispiel zeigt, dass das psychologische Subjekt und das psychologische Prädikat an kein bestimmtes Satzglied ge­bunden sind und vom grammatischen Subjekt und Prädikat auseinander ge­halten werden müssen;

Karl fährt morgen nach Berlin.

Je nach der Informiertheit des Hörers kann dieser Satz unter stimmlicher Hervorhebung verschiedener Teile auf vier verschiedene Fragen antworten: Wohin fährt Karl morgen? Wann Jährt Karl nach Berlin? Wie kommt Karl morgen nach Berlin? Wer fährt morgen nach Berlin? [192]


Die von Paul verwendeten Termini waren nicht glücklich gewählt, denn durch sie konnte man verstehen, dass es sich bei der Erschließung des kom­munikativen Inhaltes des Satzes um außersprachliche, psychologische Er­scheinungen und Begriffe handle. Daher sind diese Termini in die gramma­tische Tradition nicht eingegangen. Nur oberflächlich streifte Paul auch die Frage über die Formmittel, die zum Ausdruck der kommunikativen Gliede­rung des Satzes dienen.

Grundlegende Bedeutung für die weitere Entwicklung der kommunikati­ven Satztheorie hatte aber das von Paul entwickelte Prinzip der binären Glie­derung des Satzes vom Standpunkt seines kommunikativen Inhaltes. Dieses Prinzip liegt auch heute dem Modell der kommunikativen Struktur des Sat­zes zugrunde.

Die nächste sehr wichtige Stufe in der Entwicklung der kommunikativen Satztheorie in der Sprachwissenschaft waren die Forschungen von Erich Drach, Karl Ammann, Karl Boost und die Entwicklung der syntaktischen Intonationslehre in den Schriften von Otto Essen, Otto Jespersen u. a. [63, 134]. In unserer Germanistik wurde das Interesse für dieses Problem in er­ster Linie durch die Forschungen von Kruschelmtzkaja geweckt (s. u. S. 258 ff.).

Drach spricht in seinem Buch von dem Sinmvort des Satzes als einem der Grundbegriffeder Satzlehre. Er meint damit das Paul'sche psychologi­sche Prädikat. Das Sinnwort ist „das Neue, Noch-nicht-Gesagte, der we­sentliche Kern der beabsichtigten Sprachä'ußerung" [52].

Drach schenkt der Betonung und der Stimmführung für die Hervorhe­bung des Sinnwortes im Satz große Aufmerksamkeit (ebenda).

Neu und sehr wichtig für die Kommunikationsmeorie ist Drachs Darstel­lung der Gesetze der Wortstellung und der Rolle der Wortstellung beim Aus­druck des kommunikativen Inhaltes des Satzes.

Während Paul, Sütterlin, Behaghel und die anderen deutschen Syntax-forscher in erster Linie die Elemente der festen Wortstellung im Deutschen hervorhoben (die Zweitstellung der finiten Verbalform im Aussagesatz, die Klammer, die die Teile des Prädikats um die meisten Satzglieder bildet), würdigte Drach zwei entgegengesetzte Tendenzen im Deutschen: Die Ten­denz zur festen Wortstellung (Zweitstellung des Prädikats, die Umklamme­rung) einerseits sowie die Tendenz zur Verschiebbarkeit von Subjekt, Ob­jekt und Adverbiale andererseits. Er ermittelte auch die Funktion beider Kom­ponenten des deutschen Wortstellungssystems. Wie seine Vorgänger betont Drach die Zweitstellung der finiten Verbalform im einfachen Aussagesatz als eigenartigen Charakterzug des deutschen Satzbaus und misst ihr eine wichtige Rolle im Modell deutscher Sätze als Satzmittebei (s. Schema auf S. 16); große Beachtung schenkt er auch der strukturierenden Rolle der Um­klammerung [52]. Außerdem gelang es Drach zu zeigen, dass für den Aus­druck des kommunikativen Inhaltes des Satzes (der Satzintention)die Ver-setzbarkeit der meisten Satzgliederund die dadurch ermöglichte variierende Ausfüllung des Vor- und Nachfeldes im Satz von entscheidender Bedeutung ist. Er erkannte auch, dass eine genaue Formulierung der in Frage kommen-


den Wortstellungsgesetze nur dann möglich ist, wenn man zwei stilbedingte Grundtypender Besetzung des Vor- und Nachfeldes modelliert:

a) die Voranstellung des Sinnwortes bei der Emphase (die sog. Ausdracks-
stellung);

b) die Nachstellung des Sinnwortes in rahiger, logisch aufgebauter Rede
(die sog. Eindrucksstellung).

Drach formulierte auch die kommunikativ bedingten Regeln der Wort­stellung im mehrgliedrig besetzten Nachfeld: Das Sinnwort steht an letzter oder vorletzter Stelle. Die schwächste Stelle im Nachfeld ist der Platz un­mittelbar hinter dem Geschehen. Zwischen der schwächsten Stelle im Nach­feld und dem Sinnwort steht das Zweitwichtige. Drachs Beispiel:

Die Leute {haben— [* sich dann trotzdem] {** mit großer Ausdauer] [*** gegen die widrigen Verhältnisse] zur Wehr gesetzt). [52]

Sowohl bei Drach als auch bei Atnmann und Boost treffen wir den Be­griff der Spannung im Satz, der von Boost zur Theorie des Spannungsfeldes entwickelt wurde (s. u.). Während Drach den Begriff der Spannung vorwie­gend im physikalischen Sinne zur Veranschaulichung der bindenden Rolle der Umklammerung im Satz verwendete, sprechen Ammann und Boost von einer psychologischen Spannung als Grundlage der sprachlichen Kornmuni­kation. So schreibt zum Beispiel Ammann:, Jedes determiniert auftretende Element—also vor allem das personelle oder sonst identisch gegebene Sub­jekt— ist im Rahmen des Satzes möglicher Träger eines psychologischen Spannungsmoments,sofern der Hörer nur erwartet, über „diesen" Gegen­stand etwas zu erfahren. Ein Satz, der mit „Karl,.", „Dort...", „Hierauf../' anhebt, schafft schon im „anhebenden" Sprechton dieses Spannungsmoment" [10, ff].

Boost definiert die Spannung wie folgt: „Spannung bedeutet also einen Gefühlszustand, der eine Anteilnahme an einem Vorgang oder Zustand dar­stellt in der Erwartung einer Lösung, d,- h. eines Aufhebens der Spannung durch ein befriedigendes Ergebnis..," „Die Spannung zwischen Sprecher und Hörer erwächst aus der verschiedenen Situation, in der sich beide be­finden. Der Sprecher „weiß", was er sagen will, der Hörer „weiß es noch nicht" [31].

Am Beispiel der ersten Sätze aus der Novelle Gottfried Kellers „Kleider machen Leute" zeigt Boost, wie die Spannung mit den ersten Worten dieser Novelle An einem unfreundlichen Novembertage... erzeugt wird; sie wird mit der letzten Komponente des Wortes Novembertage bis zu einem gewis­sen Grade gelöst (Teilspannung), geht aber verstärkt weiter „denn nun fra­gen wir: Was war denn nun an diesem Novembertage?" (ebenda). Das näch­ste Wort wanderte bereichert das Bild, verstärkt aber die Erwartung noch mehr; diese wird dann zum Teil durch die nächsten Worte ein armes Schnei­derlein gelöst. Es folgen die Worte: auf der Landstraße... nach Goldach, ...einer kleinen reichen Stadt... die nur wenige Stunden von Seldwyla- ent­fernt ist. Der Satz ist also nach Boost eine Spannungseinheit, innerhalb welcher Zwischenspannungen auftreten können, also ein Spannungsfeld.


Date: 2016-03-03; view: 1042


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