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Die Entwicklung der wissenschaftlichen Grammatik der deutschen Sprache am Anfang des 19. Jhs. 1 page

Die wissenschaftliche deutsche Grammatik entsteht zu Beginn des 19. Jhs. Ihr geht eine über zwei Jahrhunderte lang dauernde Periode der Sprach­regelungvoraus. Hauptanliegen der reglementierenden Grammatik des 17. und 18. Jhs. ist die Einigung und Normung der entstehenden deutschen Lite­ratursprache (s. dazu: Jellinek [133, /—//]).

Erst am Anfang des 19. Jhs., als die Sprachwissenschaft in vielen Län­dern Europas raschen Aufstieg nimmt, werden dadurch auch die Vorausset­zungen für die Entstehung der wissenschaftlichen Grammatik der deutschen Sprache geschaffen.- Ihr Wesen wird in dieser Zeit von den raschen Fort­schritten der historisch-vergleichenden Grammatik der indoeuropäischen Sprachen sowie der germanischen, romanischen und slawischen Philologie mitbestimmt. Die gesamte Sprachwissenschaft entwickelt sich in dieser Zeit als eine historische Sprachforschung.Auch die wissenschaftliche Gram­matik entwickelt sich als eine historische Grammatikund ist von der Sprach­geschichte kaum zu trennen. „Grammatik heißt nun nicht mehr Norm und Gesetz, sondern Sprachgeschichte" (Dünninger [55]).

Grundlegend für die Entwicklung der deutschen und germanischen Phi­lologie sowie für den Ausbau der wissenschaftlichen Grammatik der deut­schen Sprache war Jacob Grimms „Deutsche Grammatik", I—IV (1822—1837). Dieses Werk war eine systematische Darstellung der Ent­wicklungsgeschichte aller germanischen Sprachen, angefangen bei ihren äl­testen Denkmälern, da es ja dem Verfasser vor allem daran lag, die Geschichte der deutschen Sprache bis auf ihre germanischen Ursprünge zurückzuver-folgen.

Grimms Interesse galt vor allem der Frühgeschichte der germanischen Sprachen. Daher blieb seine Darstellung im Wesentlichen auf die Frühzeit und das Mittelalter beschränkt, während das Neuhochdeutsche in seinem Werk nur kurz skizziert war.

Der 1. Band der „Deutschen Grammatik" gibt eine umfassende Darstel­lung der historischen Laut- und Formenlehre der germanischen Sprachen, der 2. und 3. Band eine historische Wortbildungslehre. Der 4. Band der „Deut-


sehen Grammatik" hat die Syntax des einfachen Satzes zum Inhalt. Sie ist aber nicht der eigentlichen Satzlehre, sondern dem Gebrauch der Wortarten und Wortformen, d. h. der sog. funktionalen Morphologie gewidmet. Das erklärt sich dadurch, dass die eigentliche Satzlehre zu Grimms Zeiten noch nicht in die sprachhistorische Forschung aufgenommen worden war und ein Domäne der allgemeinen Sprachphilosophie und der Logik blieb. Der Satz wurde aus der Sicht des logischen Urteils behandelt, seine Gliederung als ein unmittelbarer Ausdruck der Struktur des logischen Urteils gedeutet. Die­se Tradition geht auf die antike Grammatik zurück (die sog. Alexandriner Schule in Griechenland; 3. Jh. v. u. Z. -— 7. Jh. u. Z.). Auch in der Zeit der Aufklärung (18. Jh.) blieb die Satzlehre eine Hilfswissenschaft der formalen Logik. Die grammatischen Kategorien wurden als Ausdruck universeller lo­gischer Kategorien aufgefasst und auf alle Sprachen ausgedehnt. In Frank­reich gipfelte diese Lehre in der berühmten „universellen" logischen Gram­matik von Port-Royal („Grammaire generate de Port-Roy al", 1660). In Deutschland lebte sie zu Grimms Zeiten in der logischen Syntax von Karl Ferdinand Becker fort (K.F.B e cker. Organismus der Sprache als Einlei­tung zur deutschen Grammatik, 1827).



Neu im Vergleich zur deduktiven Betrachtungsweise der Sprache bei den deutschen Sprachtheoretikern der Aufklärerzeit sowie zu den Traditionen der universellen Grammatik von Port-Royal war das induktive empirische Verfahrenvon Grimm, das die Forschungsmethode der nächsten Generati­on von Sprachforschern vorwegnahm. Grimm schrieb im Vorwort zur „Deut­schen Grammatik": „Allgemein-logischen Begriffen bin ich in der Gramma­tik feind; sie führen scheinbare Strenge und Geschlossenheit zur Bestim­mung mit sich, hemmen aber die Beobachtung, welche ich als die Seele der Sprachforschung betrachte" [90, /, IV]. Seine Darstellung ging von der Er­forschung der Sprache altgermanischer Schriftdenkmäler aus, sie ist durch eine reiche Beispielsammlung belegt, die das Ergebnis der lebenslangen Sam­melarbeit dieses hervorragenden Philologen war.

§ 2. Junggrammatiker

Der weitere Ausbau der wissenschaftlichen deutschen Grammatik ist mit der junggrammatischen Schule verbunden. Diese Forschungsrichtung bringt eine ganze Reihe hervorragender Sprachforscher sowohl auf dem Gebiete der historischen Sprachvergleichung der indoeuropäischen Sprachen als auch auf dem Gebiet der germanischen und deutschen Sprachgeschichte, der deut­schen Grammatik, Fonetik und Etymologie hervor. Die Tätigkeit der Jung­grammatiker beginnt in den 70er- Jahren des 19 Jhs. und reicht bis weit in das 20, Jh. hinein. In den 70er- Jahren beginnt zum Beispiel die Forschungs­tätigkeit Hermann Pauls (1880 erscheinen seine „Prinzipien der Sprachgeschichte", 1897 das „Deutsche Wörterbuch"), doch seine klassisch gewordene fünfbändige „Deutsche Grammatik" erscheint erst 1916—1920. Auch Otto Behaghels Forschungstätigkeit beginnt in den 80er- Jah­ren, doch stammt sein Hauptwerk, die vierbändige „Deutsche Syntax", aus


den Jahren 1923—1932. Unter den bedeutendsten junggrammatischen Wer­ken im Bereich der deutschen Grammatik sind noch zu nennen: Wilhelm Willmanns „Deutsche Grammatik, Gotisch, Alt-, Mittel- und Neuhoch­deutsch" I—III (1893 — 1897; 2. Aufl. 1896—1909); Oskar Erd­manns „Grundzüge der deutschen Syntax nach ihrer geschichtlichen Ent­wicklung dargestellt" I—II (zweite Abteilung von Otto Mensing; 1886—1898); Hermann Wunderlichs und Hans Reis, „Der deutsche Satzbau" I—II (1892; 1901; 3. Aufl. 1924 vollständig umgearbei­tet); Ludwig Sütterlins „Die deutsche Sprache der Gegenwart" (1901; 2. Aufl. 1907; weitere Auflagen unverändert), seine „Neuhochdeut­sche Grammatik" (1924) u. a.

Die Junggrammatiker verharren bei der geschichtlichen Methode ihrer Vorgänger, so dass die deutsche Grammatik sich auch weiterhin als eine hi­storische Grammatik entwickelt. Doch ändert sich grundsätzlich die Betrach­tungsweise der Sprache. Die spekulativen Ideen des Romantismus, die Ver­herrlichung des Altertums, das Interesse für sprachphilosophische Probleme weichen seit der 2. Hälfte des 19. Jhs. unter dem Einfluss des rasch um sich greifenden naturwissenschaftlichen Positivismus einer eng positivistischen Betrachtungsweise der Sprache. Die Junggrammatiker konzentrieren sich auf die empirische Beschreibung greifbarer Einzelerscheinungen der Sprache und verfolgen jede solche Erscheinung in ihrem Werden und ihrer Entwicklung. Ihre starke Seite wird das methodische Verfahren. Sie erstreben eine beson­dere Exaktheit der Sprachbeschreibung, eine lückenlose Tatsachensammlung, die Aufstellung ausnahmsloser Gesetze der Sprachentwicklung. Während die romantische Verherrlichung des Altertums dem Glauben an den Fortschritt in der Sprachentwicklung weicht, verstärkt sich das Interesse für die neue­ren Sprachen in ihrem gegenwärtigen Zustand (der jedoch immer historisch gedeutet werden soll). Infolge der Ausdehnung des naturwissenschaftlichen Positivismus auf die Sprachbetrachtung sehen die Junggrammatiker das so­ziale Wesen der Sprache nicht. Die Entwicklung der Sprache ist für sie das Ergebnis der individuellen Sprechtätigkeit der Menschen, der psychischen und physischen Vorgänge im Einzelakt des Sprechens, Daher der Psycholo­gismus der Junggrammatiker, das Zurückführen sprachlicher Entwicklung auf seelische Vorgänge in der Psyche eines Einzelindividuums (er macht sich besonders beim Ausbau der Syntax kenntlich, s. u.) und ein besonderes In­teresse für die physiologische Seite der Sprache — das Lautsystem und den Lautwandel. Die Fonetik führt im Zeitalter der Junggrammatiker und ist der Hauptbestandteil aller Grammatiken altgermanischer Sprachen.

Das Gesagte bestimmt Inhalt und Darstellungsweise der oben genannten deutschen Grammatiken. So beginnt Pauls „Deutsche Grammatik" mit einer historischen Übersicht über die Stellung der germanischen Sprachen inner­halb des Indogermanischen, Über die Gliederung der germanischen Spra­chen und die Entwicklung des Neuhochdeutschen sowie mit der historischen Lautlehre (Inhalt des 1. Bandes). Darauf folgt eine entwicklungsgeschichtli­che Darstellung der deutschen Formenlehre, angefangen vom Althochdeut­schen und fortgeführt bis zur Literatursprache des 18/19. Jhs., durch eine

II


erschöpfende Stoffsammlung belegt (2. Band). Wie in den meisten deut­schen Grammatiken wird die Behandlung der grammatischen Kategorien der Wortarten (die Lehre von den Kasus, Tempora, Genera und Modi) der Syntax überlassen. Doch enthält im Gegensatz zu Grimms „Deutscher Gram­matik" auch eine ausführliche und originelle Satzlehre. Die Darstellung der Bedeutung und des Gebrauchs der grammatischen Kategorien der Wortarten (die sog. „Bedeutungslehre") und die eigentliche Satzlehre machen den In­halt des 3. und 4. Bandes aus. Im 5. Band folgt die historische Wortbildungs­lehre. Die Einbeziehung der historischen Lautlehre und Wortbildungslehre bzw. Stammbildungslehre in die Grammatik kennzeichnet alle Grammati­ken dieser Forschungsrichtung, zum Beispiel die Grammatiken von Will­manns, Sütterlin sowie das beliebteste Lehrbuch für höhere Schulen von Heyse-Lyon (Jîh. Christ. Aug. Heóse. Deutsche Grammatik oder Lehrbuch der deutschen Sprache, vollständig umgearbeitet von Prof. Dr. Otto Lyon. 26. Aufl. 1900).

Auch die gesonderte Behandlung der Formen- und der Bedeutungslehre, die Einbeziehung der Bedeutungslehre in die Syntax ist allgemein. So be­handeln die ersten zwei Bände der „Deutschen Syntax" Behaghels die Ent­stehung und den Gebrauch des Artikels, den Gebrauch von Numeri und Ka­sus, die grammatischen Kategorien des Verbs u. Ä., während der 3. Band der Satzlehre, d. h. der eigentlichen Syntax gewidmet ist. Einen ähnlichen Auf­bau haben auch „Der deutsche Satzbau" von Wunderlich und Reis, die „Grundzüge der deutschen Syntax" von Erdmann und Mensing.

Hauptkennzeichen dieser Grammatiken sind eine sehr genaue empirische Beschreibung jedes sprachlichen Phänomens, die erschöpfende Fülle von Beispielen, die entwicklungsgeschichtliche Darstellung jedes einzelnen Phä­nomens angefangen vom Althochdeutschen, meist auch unter Heranziehen anderer altgermanischer Sprachen, hauptsächlich des Gotischen.

Es fehlt aber den Junggrammatikern infolge ihrer positivistischen Sprach­betrachtung das Verständnis und das Interesse für die Zusammenhänge zwi­schen den Einzelphänomenen der Sprache und für deren Wechselwirkung im Prozess der Sprachentwicklung. Trotz aller Exaktheit der Darstellung ist die Erforschung der Sprache auf die Summe der Einzelerscheinungen redu­ziert, was ihnen später als „Atomismus" vorgeworfen wird (s. u.).

Neu in den Schriften der Junggrammatiker ist die Verknüpfung der histo­rischen Darstellung mit der eingehenden Beschreibung des Neuhochdeut­schen, was eigentlich die Begründung der Grammatik des Neuhochdeutschen im Rahmen der historischen deutschen Grammatik bedeutet. Von Paul, Will­manns und den anderen stammt die ausführliche Darstellung der grammati­schen Kategorien des Substantivs und des Verbs sowie der anderen Wortar­ten im Neuhochdeutschen und die Beschreibung des Satzbaus des Neuhoch­deutschen, die auf der Erforschung der Sprache der klassischen deutschen schöngeistigen Literatur beruht.

Neu ist auch die Begründung einer empirisch-deskriptiven Satzlehre, die sich im Kampf mit der alten logischen Syntax entwickelt. Die philosophi­sche Grundlage der Satzlehre der Junggrammatiker ist der Psychologismus.


Sie suchen die Satzlehre auf der Erforschung seelischer Vorgänge, der Ge­setzmäßigkeiten des menschlichen Seelenlebens neu zu begründen. So stützt sich Paul bei der Definition des Satzes auf die psychologische Assoziations­theorie, indem er den Satz auf folgende Weise definiert: „Der Satz ist der sprachliche Ausdruck, das Symbol dafür, daß die Verbindung mehrerer Vor­stellungen oder Vorstellungsmassen in der Seele des Sprechenden sich voll­zogen hat, und das Mittel dazu, die nämliche Verbindung der nämlichen Vor­stellungen in der Seele des Hörenden zu erzeugen" [191, III].

Die junggrammatische Satzlehre bedeutete einen großen Fortschritt ge­genüber der alten logischen Syntax. Wenn die Junggrammatiker auch die Termini des Psychologismus gebrauchten, so haben sie doch den kommuni­kativen Charakter des Satzes erkannt, sie entwickelten die kommunikative Theorie des Satzes, die heute in der Sprachwissenschaft erfolgreich weiter ausgebaut wird. Dank der empirischen deskriptiven Einstellung der Jung­grammatiker und ihrer großen Sammelarbeit an Sprachdenkmälern aus ver­schiedenen Zeitaltern zeigten sie die Vielfalt und die Veränderlichkeit der Satzform und legten den Grundstock zur systematischen Erforschung der grammatischen Struktur des Satzes, seiner Gliederung, der Mittel der syn­taktischen Verbindung der Wörter im Satz, der Stimmführung im Satz, der Gesetze der Wortstellung im Satz u. a. m.

§ 3. Neue Strömungen in der deutschen Grammatik im 20. Jh.

Die ersten Jahrzehnte des 20. Jhs, bringen große Wandlungen im Bereich aller Wissenschaften und deren Forschungsmethoden sowie das Aufkom­men neuer philosophischer Strömungen mit sich. Auf dem Gebiet der Sprach­wissenschaft wird die neue Ära durch eine entschiedene Abkehr von den Ideen und dem methodischen Verfahren der Junggrammatiker und durch die Entstehung zahlreicher neuer linguistischer Forschungsrichtungen gekenn­zeichnet.

Besonders fruchtbaren Boden finden die Lehre Ferdinand de Saussures über den Systemcharakter der Sprache und die daraus ent­standene Forderung der synchronischen Sprachbetrachtung. Trotz der Viel­falt neuer linguistischer Strömungen setzen die Ideen Ferdinand de Saussu­res durch.

Auch das induktive, rein empirische Verfahren der Junggrammatiker und ihr Hang zum Psychologisieren werden einer scharfen Kritik unterzogen. Die Fortschritte in Physik und Mathematik stellen neue Anforderungen an das methodische Verfahren aller Wissenschaften, erhöhen das Ansehen der deduktiven Betrachtungsweise, das Streben nach objektiven Forschungsme­thoden.

In den 30er Jahren des 20. Jhs. münden diese neuen linguistischen Ideen in die Lehren verschiedener Schulen des europäischen und des amerikani­schen Strukturalismus.


Im Bereich der Grammatik setzen sich die neuen Ideen durch, die Syn­tax wird zum Hauptobjekt der Forschung: Dies ermöglicht ein systembezo­genes ganzheitliches oder analytisches, d. h. vom Ganzen ausgehendes und die inneren Zusammenhänge zwischen den Einzelelementen des Sprach­baus erschließendes Verfahren. Die historische Methode wird durch die syn-chronische Betrachtungsweise verdrängt. In den Mittelpunkt des grammati­schen Studiums rücken die Gegenwartssprachen. Auch das Streben nach neuen methodischen Verfahren findet seinen Ausdruck in der fortschreiten­den Formalisierang der Sprachbetrachtung. Die Forderung, bei der Erfor­schung des grammatischen Baus einer Sprache von der Form auszugehen, wird allgemein. Neben dem fonologischen Strukturalismus und unter sei­nem unverkennbaren Einfluss entwickelt sich auch der grammatische Struk­turalismus.

In Deutschland, dem Heimatland der junggrammatischen Forschungs­richtung, hält der Einfluss der Junggrammatiker, wie schon oben gesagt wurde, bis in die 30er- und 40er- Jahre des 20. Jhs. an. Doch werden auch hier die neuen Strömungen in der Grammatik geltend. An die Stelle einer einheitlichen beherrschenden Forschungsrichtung, wie es die Junggramma­tiker waren, treten nun mehrere grammatische Konzeptionen, gefärbt vom Psychologismus, Logizisraus, von den Ideen der funktionalen oder, umge­kehrt, der „immanenten", ausschließlich form- und systembezogenen Gram­matik. Trotzdem sind nicht die gemeinsamen Charakterzüge zu verkennen, die den Umschwung in den grammatischen Ansichten im 20. Jh. in allen Ländern mit sich bringen — die Hervorhebung der Syntax als Hauptobjekt der Grammatik, der Verzicht auf die historische Methode und die synchroni-sche, ausschließlich der deutschen Gegenwartssprache geltende Betrachtungs­weise, das ganzheitliche oder analytische methodische Verfahren (system­bezogen, vom Ganzen aus zum Einzelnen gerichtet).

Als erster Vorläufer des grammatischen Strukturalismus in Deutschland darf wohl der Zeitgenosse der Junggrammatiker John Ries gelten, des­sen Werk „Beiträge zur Grundlegung der Syntax" (1. Was ist Syntax?; 2. Zur Wortgruppenlehre; 3. Was ist ein Satz?, 1927—29) den theoretischen Pro­blemen der Syntax und der Syntax der deutschen Sprache gewidmet ist (die erste Fassung der Abhandlung „Was ist Syntax?" war 1894 erschienen). Das Verdienst von Ries um die Theorie der Syntax ist sehr bedeutend. Er führte eine Abgrenzung von Morphologie und Syntax ein, bestimmte also auf eine neue Weise den Gegenstand der Syntax, hob als erster die Reali-tätsbezogenheit des Satzes hervor, begründete die Wortgruppenlehre als selbstständigen Abschnitt der Syntax (von ihm stammen die Grundbegriffe der Wortgruppenlehre: der Begriff der Wortgruppe als ein besonderes syn­taktisches Gebilde, die Abgrenzung der Wortgruppe von Wort und Satz, die Prinzipien der Klassifikation der Wortgruppen nach dem Charakter der Ver­bindung der Glieder, der Begriff des Kerngliedes und der Anglieder im Wortgefüge u. a.).

Als Zeitgenosse der Junggrammatiker konnte Ries dem Einfluss des Psy­chologismus nicht gänzlich entgehen. Doch ist seine Forschungsmethode


im Wesentlichen formbezogen und strukturell. Bei der Abgrenzung von Mor­phologie und Syntax geht es ihm nicht mehr um die Unterscheidung von Form und Bedeutung (vgl. die „Formenlehre" und die „Bedeutungslehre" bei den Junggrammatikern), sondern um die Eigenart der in jedem Abschnitt der Grammatik behandelten Einheiten der Sprache: Die Syntax soll sich aus­schließlich mit Gefugen, mit Verbindungen von mehreren Wörtern befas­sen, dagegen ist alles, was das Wort betrifft, Gegenstand der Morphologie. Der synthetischen (vom Einzelnen ausgehenden) Sprachbetrachtong der Jung­grammatiker stellte er die ganzheitliche, analytische Betrachtungsweise ent­gegen. Im Mittelpunkt seiner Darstellung stehen die Probleme der syntakti­schen Form, das heißt der inneren Verbindungen zwischen den Elementen der Gefiige. Auf diese Weise erschloss Ries die Eigenart der syntaktischen Verbindungen innerhalb der Wortgruppe gegenüber den syntaktischen Be­ziehungen zwischen den Satzgliedern im Satz.

Dem synchronischen Studium des deutschen Satzes ist auch Erich Drachs Buch „Grundgedanken der deutschen Satzlehre" (1937) gewid­met. Seine Satztheorie ist vor allem eine kommunikative Theorie, wie sie schon in Pauls Lehre vom psychologischen Subjekt und Prädikat ihre Anfän­ge nimmt und dann in den 20er- Jahren des 20 Jhs. von der Prager Schule, vor allem von Mathesius, als Lehre der „aktuellen Gliederung des Sat­zes" weiterentwickelt wird. Drach betont, dass jede natürliche Äußerung in Akteinheit von Sinn, Sprachgestalt (Wortwahl, Satzbau) und Schallform er­zeugt wird. Sie erwächst aus einer bestimmten Erlebnislage (Sprechsituati­on) und richtet sich an einen Gesprächspartner. Hauptabsicht des Sprechakts ist es, das „Sinnwort des Satzes", d. h. das Neue, das Noch-nicht-Gesagte, den wesentlichen Kern der beabsichtigten Äußerung dem Gesprächspartner zu Gehör zu bringen.

Die strukturelle Tendenz der Satztheorie von Drach kommt nicht nur in der analytischen Betrachtungsweise des Satzes zum Ausdruck, sondern vor allem darin, dass er in die deutsche Grammatik den Begriff „Satzplan" ein­führt und die Darstellung der Satzpläne des einfachen und des zusammenge­setzten Satzes zum Hauptanliegen seines Buches macht. Unter Satzplan ver­steht Drach „die immer wieder anwendbaren syntaktischen Schemata, die jeweils mit einmaligem Wortinhalt erfüllt werden" [52]. Es ist also derselbe Begriff, der in der amerikanischen deskriptiven Linguistik mit dem Wort pat­terns („Modelle") bezeichnet wird und auf Edward Sapirs Lehre von den fonetischen und grammatischen Modellen der Sprache zurückgeht. Be­reits auf Drachs Darstellung des Plans einfacher Sätze und Hauptsätze geht die Hervorhebung der besonderen satzprägenden Rolle des Verbs in der Per­sonalform zurück. Den Plan des einfachen bzw, des Hauptsatzes stellt Drach folgenderweise dar:

Vorfeld Mitte Nachfeld

 

* Geschehen (Personalform des \ferbs) *

oder:


oder:


 

Vorfelc l Mitte     Nachfeld
  Geschehen * * *
 
* Geschehen * * * * * *

Besondere Beachtung schenkt Drach aus der Sicht der kommunika­tiven Satztheorie der Wortstellung der beweglichen Satzglieder im Vor- und Nachfeld je nach der Redeabsicht und der Beziehung von S atzplan und Schall­form. Drach vergleicht den Satz mit einem galvanischen Element, wo die Spannung am Ausgangspol A entsteht und zum Zielpol Z läuft: (als Mittel der Überspannung der Pole und Innenstücke dienen Umklammerung und Stimmführung).


À

(À


î î

**


Ö


Drachs kommunikative Satztheorie, seine Gedanken über die Spannung im Satz und über die grammatischen Mittel ihrer Aufrechterhaltung sowie seine Lehre von den Satzplänen wurden in der neueren Zeit weiterentwik-kelt, so vor allem von Karl Boost [31].

Bezeichnend für Drach ist der Versuch, die Ergebnisse seiner Untersu­chungen über die strukturelle Eigenart des deutschen Satzes mit den Ideen des Neohumboldtianismus zu verbinden, der sich in Deutschland gerade in dieser Zeit sowohl auf dem Gebiete der Sprachphilosophie als auch im Be­reich der Wort- und Grammatikforschung zu verbreiten beginnt (s. u., S. 24). Anknüpfend an den Lehrsatz Humboldts über die enge Verschmelzung „der Geisteseigentümlichkeiten und der Sprachgestaltung eines Volkes", versucht Drach solche Erscheinungen des Satzbaus wie die feste Stelle des finiten Verbs im Deutschen, die Umklammerung u. Ä. im Sinne des Neuhumbold-tianismus durch die Eigenart des nationalen Charakters und der Geisteswelt des deutschen Volkes zu erklären. Nach seiner Meinung widerspiegeln sich im deutschen Satz folgende drei Hauptmerkmale der Geisteseigentümlich­keit des deutschen Volkes: a) „die Neigung, die Umwelt geschehnishaft zu deuten", b) „Gründlichkeitsbedürfnis", c) „Widerspiel von strenger Plan­zucht und persönlicher Gestalterfreiheit" [52]. Ein solcher Versuch, den na­tionalen Charakter eines Volkes von rein strukturellen Eigenheiten des Sprach­baus herzuleiten, hat nichts Wissenschaftliches an sich. Doch nicht diese


Ideen bestimmen die Rolle Drachs in der Forschungsgeschichte der deut­schen Grammatik,

Es fehlte in diesen Jahrzehnten nicht an anderen Versuchen, die deutsche Grammatik auf neue Wege zu bringen, ihr dazu zu verhelfen, mit den neuen Ideen in der Sprachwissenschaft Schritt zu halten. Zu nennen sind die Schrif­ten von Theodor Kalepky [139]; Ernst Otto [189,190]; Fritz Rahn [206]; Henrik Becker [21]; Karl Boost [31,32].

§ 4. Das Ringen um eine neue deutsche Grammatik in den 50er und 60er Jahren des 20. Jhs.

Trotz der oben angeführten neuen Ideen im Bereich der deutschen Gram­matik und der Bemühungen mehrerer Sprachforscher um die Schaffung ei­ner neuen deutschen Grammatik wurde die allgemeine Situation auf diesem Wissensgebiet zu Beginn der 50er- Jahre von vielen deutschen Grammati­kern als höchst unbefriedigend bezeichnet. Man charakterisierte gern den Stand der Grammatikforschung und des Grammatikunterrichts mit den Wor­ten: „das Ende der Grammatik", „Grammatik im Kreuzfeuer", „die Krise der Grammatik", „das Wagnis der Grammatik" u. Ä. (vgl.: [221]). Guido Holz nannte seinen Artikel über den Stand der deutschen Grammatik „Es kracht im Gebälk. Eine Betrachtung über die deutsche Grammatik" [126]. Leo Weis­gerber schrieb in seinem Aufsatz „Grammatik im Kreuzfeuer": „Die Gram­matiker haben es schon lange nicht mehr leicht. Die Zeiten, in denen die grammatica unter den artes liberales ihren festen und angesehenen Platz hatte, liegen weit hinter uns, und in Wissenschaft und Unterricht wurde die Grammatik immer mehr auf Rückstellungen beschränkt. Heute scheint sich aber nun alles zusammenzutun, um sie endgültig zu stürzen. Verstärkte An­griffe auf der einen Seite, verächtliches Liegenlassen auf der anderen haben die Grammatik in eine Lage gebracht, in der sie nicht leben und nicht sterben kann. Es ist an der Zeit, eine ernsthafte Anstrengung zu machen, nicht sie zu „retten" (das ist in so einfacher Form weder möglich noch angebracht), wohl aber, sie in neue Formen überzuleiten, ihren Gegenständen einen sinngemä­ßen Platz zu suchen in dem Neubau, auf den Sprachkenntnis und Sprachleh­re immer klarer hinzielen" [277].

Zur dringendsten Aufgabe wurde die Schaffung einer zeitgemäßen Gram­matiktheorie, die Hinwendung der deutschen Grammatikforschung zur deut­schen Sprache der Gegenwart, die Nutzbarmachung sprachtheoretischer Er­kenntnisse für die Praxis des Grammatikunterrichts. Auf der Eröffnungsta­gung des Instituts für deutsche Sprache und Literatur der Deutschen Akade­mie der Wissenschaften zu Berlin sprach 1952 Wolfgang Steinitz von der Notwendigkeit, die starre, praxisferne, pseudohistorische Grammatik durch eine wissenschaftlich adäquate Darstellung der Grammatik der deutschen Sprache der Gegenwart zu ersetzen, die sich nicht mit der Aufzählung von Einzelerscheinungen begnügt, sondern ihre wechselseitige Bedingtheit, die innere Gesetzmäßigkeit des Systems aufzeigt.


Das „Ringen um eine neue deutsche Grammatik" (vgl. den Titel des von Hugo Moser herausgegebenen Sammelbandes von Aufsätzen zu den Pro­blemen deutscher Grammatik: [169]) ging in zwei Richtungen vor sich. Ei­nerseits wurde nach einer neuen theoretischen Basis und nach neuen For­schungsmethoden gesucht, andererseits wurde tatkräftig an der Starrheit des Grammatikunterrichts gerüttelt, der nur sehr wenig von den Ideen der neue­ren Strömungen in der Grammatik beeinflusst war.

Als die ersten Errungenschaften der Grammatikforschung der 50er- Jah­re sind das Erscheinen neuer normativer Grammatiken sowie wissenschaftli­cher Gesamtdarstellungen des deutschen Sprachbaus zu nennen, die den neuen Anforderungen zu genügen suchten. 1954 erscheint in der DDR die von der Dudenredaktion beim Bibliografischen Institut Leipzig herausgegebene nor­mative „Kleine Grammatik der deutschen Sprache" Walter Jungs [137]. 1966 wird eine stark erweiterte, die Ergebnisse neuer Forschungen berücksichti­gende Neufassung dieser Grammatik herausgegeben: Walter Jung „Gram­matik der deutschen Sprache (Neufassung)" [138]. In der BRD gibt Paul Grebe 1959 eine völlig neue Fassung der Duden-Grammatik heraus, die eben­falls vom Bestreben gekennzeichnet ist, Normatives mit gewissen Einblik-ken in die moderne Grammatiktheorie zu verbinden [85, 86, 87].

Eine neue Reihe von wissenschaftlichen, für Philologiestudenten bestimm­ten Gesamtdarstellungen des deutschen Sprachbaus beginnt 1958 mit Johan­nes Erbens „Abriß der deutschen Grammatik" [60, 61]. Es folgen 1962 das Buch von Hennig Brinkmann „Die deutsche Sprache. Gestalt und Leistung" [38, 39], das eine jahrzehntelange Forschungsarbeit des Verfassers auf dem Gebiet der Grammatik der deutschen Gegenwartssprache zusammenfasst, und 1965 Wilhelm Schmidts „Grundfragen der deutschen Grammatik. Eine Einführung in die funktionale Sprachlehre" [221].

Diese Bücher machten zum ersten Mal in einem breiten Leserkreis und unter den Philologiestudenten die Ideen geltend, die in den vorausgegange­nen Jahrzehnten sich allmählich den Weg bahnten; sie widerspiegeln auch mehr oder weniger folgerichtig die neuesten Gedankengänge im Bereich der Grammatiktheorie und der Methodenforschung. Da sich in dieser Zeit in der deutschen theoretischen Grammatik einige Forschungsrichtungen herauskri­stallisierten (s. u.), sind auch die oben genannten normativen Grammatiken und wissenschaftlichen Gesamtdarstellungen methodologisch verschieden geprägt. Es treten aber auch viele gemeinsame Züge hervor, die diese neuen Grammatiken von den deutschen Grammatiken alten Stils grundsätzlich un­terscheiden. Es sind synchrone Darstellungen der Gegenwartssprache, die ganzheitlich und kommunikativ orientiert sind, denn sie betrachten Morpho­logie und Syntax in engster Verbindung miteinander und systemhaft. Außer­dem wird jedes Phänomen der Sprache sowohl aus seiner äußeren Gestalt (Form) heraus als auch aus der Sicht seiner Bedeutung, Verwendung und kommunikativen Leistung geschildert.


Date: 2016-03-03; view: 1174


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