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Kein Frühstück und Scherben im Bad

 

Am nächsten Tag war Sonntag. Der Oliver weckte mich auf. Er zog an meiner Bettdecke und raunzte: „Aufstehen! Spiel mit mir!"

Ich bin am Morgen immer sehr verschlafen. Zuerst erinnerte ich mich gar nicht an die vergangene Nacht. Die fiel mir erst wieder ein als ich zum Bett der Ilse hinschaute. Die Ilse schlief noch. Ihre Zehen schauten unter der Decke heraus. Knallgelber Lack war auf den Zehennägeln. „Kein Ausflug heute?", fragte ich den Oliver leise. Er schüttelte den Kopf. „Warum nicht?, fragte ich.

Er zuckte mit den Schultern. „Der Papa ist allein weg", flüsterte er. „Ganz früh schon!" „Und die Mama?",fragte ich. Er zuckte wieder mit den Schultern.

Ich stand auf und ging in die Küche. Der Oliver kam hinter mir her. Am Küchentisch saß die Mama und las in einer alten BRIGITTE.

„Kann ich ein Frühstück haben?", fragte ich. „Mach es die selbst", sagte die Mama. Wenn die Mama kein Frühstück macht, ist sie bitterböse. Ich holte den Milchtopf aus dem Schrank. „Schlag nicht so mit den Schranktüren", raunzte die Mama. Ich goss Milch in den Topf. Zwei winzige Spritzer tropften daneben.

Die Mama schaute von der BRIGITTE hoch. „Musst du immer alles daneben schütten?" Ich nahm ein Tuch und wischte die Milchspritzer weg.

 

„Bist du verrückt? Das ist das Geschirrtuch!", fauchte die Mama. „Magst auch Kakao?", fragte ich den Oliver. „Die Mama hat uns schon Frühstück gemacht", sagte der Oliver. „Sie sind ja wohl noch zu klein, um das selbst zu machen, oder?", sagte die Mama zu mir. Dann stand sie auf, klappte die BRIGITTE zu und bestrich mir zwei Brote mit Butter. Sie nahm ekelhaft viel Butter. Doch ich sagte nichts. Als sie mir die zwei Brote zugeschoben hatte, kam die Tatjana in die Küche. Ihr Nachthemd war voll Kakao. „Der Kakao ist ins Bett gefallen", teilte sie mit. „Ihr geht mir auf die Nerven!", rief die Mama. Sie lief aus der Küche und knallte die Tür hinter sich zu. Ich wollte meinen Kakao trinken und mir die alte BRIGITTE anschauen. Doch der Oliver und die Tatjana ließen mich nicht in Frieden. Die Tatjana wollte „bauen" und der Oliver wollte „boxen".

Also rief ich auch: „Ihr geht mir auf die Nerven", lief aus der Küche und knallte die Tür hinter mir zu.

Am Nachmittag kam der Kurt heim. Er brachte der Mama einen Blumenstrauß mit und die Mama war gerührt. Dann versuchte der Kurt, mit der Ilse zu reden. Sie soll doch sagen, wo sie gewesen ist, sagte er zu ihr. Sie lebe doch nicht mit Unmenschen zusammen. Er hat für viel Verständnis, sagte er.

„Amen", antwortete die Ilse darauf. Und kein Wort mehr! Die Mama redete mit der Ilse überhaupt nicht. Dafür erzählte sie mir, dass jetzt alles anders werden wird! Sie redete so laut, dass es die Ilse hören musste. Sie sagte, dass die Ilse ab jetzt „Hausarrest" habe, dass sie immer gleich nach der Schule heimkommen müsse. Und Taschengeld bekommt sie auch keines mehr! Und neue Kleider auch nicht! „Viel zu gut geht es ihr", rief sie. „Das ist es! Viel zu gut."



Und auf einmal galoppierte sie wie eine Furie ins Bad, riss den Spiegelschrank auf, kreischte: „Da, da, da! Alles hat sie! Alles!", und warf die ganzen Kosmetiksachen von der Ilse aus dem Schrank. Der Eyeliner ging auf den Bodenkacheln zu Scherben, der Lippenstift flog in die Badewanne, eine Tube Make-up in den Waschtisch. Es schepperte ziemlich. Der Kurt kam und bat die Mama, sie möge sich beherrschen. Die Mama biss sich auf die Unterlippe, sagte zu mir: „Räum das bitte weg" und ließ sich vom Kurt aus dem Bad führen.

 


Date: 2015-12-24; view: 806


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