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Die Nacht, in der die Mauer fiel

Ein kleiner Satz öffnet im November 1989 die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland, nach 27 Jahren Teilung. Ein Satz, der das Leben von Millionen Menschen verändert – und so nie im Programm der Politik stand. Schon den ganzen Sommer lang demonstrieren Bürger der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gegen das Regime, Tausende sind über Mittelosteuropa nach Westdeutschland ausgereist. Dann kommt der 9. November. Es ist ein Donnerstag. Im Internationalen Pressezentrum in Ostberlin beginnt eine Presse-konferenz mit Günter Schabowski, dem neuen Regierungssprecher der DDR. Es ist 18 Uhr. Zu dieser Zeit stehen Tom Sello und drei andere Männer im Keller der Zionskirche im Stadtteil Prenzlauer Berg. Sie sind Mitglieder der Umwelt- Bibliothek, einer Gruppe Oppositioneller. Sie arbeiten an einer neuen Ausgabe der Untergrund-Zeitung Telegraph.

18.53 Uhr. Der italienische Journalist Riccardo Ehrmann fragt Schabowski nach dem neuen Reisegesetz, das private Reisen aus der DDR in die Bundesrepublik leichter machen soll. Schabowski sagt: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen ... beantragt wer-den." Ehrmann fragt: „Ab wann?" Schabowski liest in seinen Papieren und antwortet schließlich: „Nach meiner Kenntnis ist das sofort ... unverzüglich." Aber die DDR-Regierung hat das Gesetz noch gar nicht beschlossen. Die neue Regelung sollte bis zum 10. November geheim bleiben. Auch die Offiziere an der Grenze wissen von nichts.

19.17 Uhr. Die westdeutsche Nachrichtensendung „heute" berichtet von Schabowskis Aussage.

19-33 Uhr. Die Moderatorin der DDR- Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera" sagt: „Alle DDR-Bürger dürfen kurzfristig ohne besondere Angabe von Gründen private Reisen ins Ausland unternehmen."

Tom Sello kann die Nachricht kaum glauben: „Wir waren skeptisch, ob man jetzt wirklich reisen durfte", erinnert er sich. Er geht in das Café der Kirchengemeinde und sagt den Besuchern: „Hey, Leute, die haben die Grenze aufgemacht!" Er wird ignoriert. Eine offene Grenze zwischen Ost und West? Unmöglich. Aber kurze Zeit später wollen die Menschen aus dem Café zur Grenze gehen und sehen, was dort passiert. Sello und die anderen arbeiten weiter.

Zum Grenzübergang Bornholmer Straße kommen immer mehr Menschen. Die Grenze ist geschlossen, die Grenzbeamten wollen die Bürger nach Hause schicken. Die Menschen bleiben, es kommen immer mehr, zu Fuß, mit dem Auto, im Taxi " Wir wollen rüber!", rufen die Ostberliner, „Macht das Tor auf!" Die Grenzbeamten wissen nicht, was sie tun sollen. Dann bekommen sie einen Befehl: Sie sollen die Menschen nach Westberlin lassen - aber den Pass ungültig stempeln. Das ist ein Trick: Denn mit einem Stempel über dem Passfoto sind die Menschen keine Bürger der DDR mehr. Sie sollten nicht zurückkommen dürfen.



Auch an anderen Grenzübergängen sammeln sich die Menschen. Westberliner klettern auf die Mauer am Brandenburger Tor. Allein am Grenzübergang Bornholmer Straße sollen mehr als 20000 Menschen zusammengekommen sein. Die Grenzbeamten haben Angst, von der Masse über-rannt zu werden.

22.30 Uhr. Einzelne Grenzoffiziere melden: „Wir können es nicht mehr halten. Wir fluten jetzt." Das bedeutet: Wir machen die Grenze jetzt auf.

„Uns kamen auf beiden Fahrbahnen Tausende von Menschen entgegen", erzählt Klaus Duchstein. Der Westberliner Polizist hat Nachtdienst in der Dienststelle Reinickendorf, als ein Anruf kommt: An der Bornholmer Straße sei etwas los; man wisse aber nicht, was genau. Duchstein und seine Kollegen fahren los. „Ich hatte in den Wochen zuvor so viel Nachrichten gesehen wie noch nie", erinnert sich Duchstein. Aber dass die Mauer an diesem 9. November fallen würde, daran hat er nicht geglaubt. Und nun ist er mittendrin: „So viele Menschen sind mir noch nie um den Hals gefallen." Viele DDR-Bürger sagen: „Das glaubt mir keiner, dass ich in Westberlin war." Sie bitten Duchstein um Polizei-Formulare als Beweis. Viele sagen aber auch: „Wir müssen wieder zurück nach Ostberlin, wir müssen arbeiten." Viele haben Adressen von Freunden und Verwandten im Westen mitgebracht und fragen nach dem Weg. Die Berliner Verkehrsbetriebe schicken Busse, die die Menschen von der Bornholmer Straße ins Zentrum bringen.

Die Grenzbeamten der DDR haben sich in ihre Grenzhäuschen gesetzt und beobachten nur noch. Manche von ihnen haben Angst um ihr Leben, aber: „Alles blieb friedlich", sagt Duchstein, „es war eine Riesen- Euphorie!" Auch die Westberliner Polizisten sind euphorisch. Bis vier Uhr morgens bleibt Duchstein an der Bornholmer Straße, dann machen er und seine Kollegen eine kurze Pause. Ab sechs Uhr sind sie wieder im Ein-satz. am Grenzübergang Chausseestraße.

Tom Sello ist Donnerstagnacht noch lange in der Zionskirche. Es ist sehr spät, als er nach Hause geht. „Ich hatte das Gefühl, ich sei als Einziger 4n der DDR zurückgeblieben", sagt er heute. Am frühen Morgen weckt ihn seine damalige Frau: „Die Grenze ist offen! Aber sie wollen sie um acht Uhr wieder zumachen." Sellos Mutter wohnt in Westberlin. Sie konnte ihren Sohn und dessen Familie besuchen; aber die Enkel hatten nie gesehen, wo sie wohnt. Sello, seine Frau und seine beiden Söhne gehen zum Grenzübergang Invalidenstraße. Die Straßen sind voll von Menschen, zu Fuß und im Auto.

Zur selben Zeit versucht ein Mann aus Hamburg, nach Berlin zu kommen. Wolfgang Templin hatte 1985 die „Initiative Frieden und Menschenrechte" mitgegründet und das DDR-System kritisiert. Im Januar 1988 wurde er verhaftet. Seine Familie und er mussten die DDR verlassen, sie wurden in die Bundesrepublik ausgewiesen. Jetzt will er zurück nach Berlin. Mit dem Auto Sassen ihn die DDR-Beamten nicht einreisen: er und ein westdeutscher Freund fahren zurück nach Hamburg. Templin bekommt noch einen Platz in einem Flugzeug nach Westberlin, Flughafen Tegel. Gegen 16 Uhr ist er an der Invalidenstraße – auf der West-Seite. Noch immer strömen Menschen aus dem Osten nach Westen. Nur Templin nicht: Er hält seinen BDR-Pass hoch und geht in die andere Richtung. Heute sagt er: „Die Menschen haben wahrscheinlich gedacht: Hier kommt ein Verrückter. „

Den Tag der Deutschen Einheit feiern die Deutschen nicht am 9. November, sondern am 3. Oktober – seit dem 3. Oktober 1990 ist Deutschland wiedervereint. Trotzdem ist für viele Menschen der 9. November ein ganz besonderer Tag. Tom Sello muss jedes Jahr weinen, wenn er die Fotos von 1989 sieht. Klaus Duchstein wird noch einmal die Zeitungen lesen, die er am 10. Novemben989 gekauft hat: „Ich hatte erst Tage später begriffen, dass ich an einem ganz großen Tag dabei war."

Wolfgang Templin wird den 9- November 2009 in einem anderen Land verbringen: In Kiew, der Hauptstadt der Ukraine, wird eine Ausstellung über 1989 eröffnet. Aber eine Einheit ist Europa noch immer nicht, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer. Denn die Ost-Grenze der Europäischen Union liegt heute zwischen Polen und der Ukraine.

 


Date: 2015-12-11; view: 721


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