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Auf die Bühnen dieser Welt Musik Falkenseer Lars Ilmer über seine Jugend in der DDR / Ab 1998 war er Gitarrist von Modern Talking

 

 

Zeit seiner Jugend in der DDR wollte Ilmer die Welt sehen. Mit der Pop-Band Modern Talking erfüllte er sich diesen Traum.

 

Von Marco Paetzel

FALKENSEE Der 7. Mai 1983 ist ein regnerischer Sonnabend im 20 000-Seelen-Städtchen Falkensee. Lars Ilmer muss früh aufstehen, immerhin muss er gleich in die Diesterweg-Schule. Der 14-Jährige muss nur ein paar Meter laufen. Seine Eltern wohnen in der Straße des Friedens (die heutige Potsdamer Straße), fast nebenan also. Die meisten seiner Schulkameraden, viele mit Jeansjacke und Jeanshose, stehen schon brav in Schlangen aufgereiht auf dem Schulhof und warten darauf, von den Lehrern hereinführt zu werden. Freisein ist anders, denkt sich Lars und geht wortlos weiter.

Auf der Treppe im Schulhaus begegnet ihm der Hausmeister. Den grüßt der Achtklässler aber nicht mehr, seit er ihn wegen seiner Jacke mit Borussia-Mönchengladbach-Aufnäher zurechtgewiesen hatte. Das schade dem Sozialismus, hat der Hausmeister damals gezischt und die Jacke demonstrativ in den Müllcontainer geworfen. Lars hat sie wieder herausgefischt und das Logo seiner Lieblingsmannschaft tief aus dem Westen behalten. Sein stiller Protest geht im Unterricht weiter. Immerhin steht heute Morgen wieder mal Staatsbürgerkunde auf dem Stundenplan. Für den Teenager nur sinnloser ideologischer Drill.

Er flüchtet sich wieder in Tagträume. Von der weiten Welt und davon, auf ihren Bühnen zu stehen. Dass er da hingehört, weiß Lars, seit er vor zwei Jahren sein erstes Live-Konzert gesehen hat. Die Ostrocker von City auf der Freilichtbühne am Falkenhagener See. Heute, ein Vierteljahrhundert später, sind die Tagträume wahr geworden. „Ich habe mit Modern Talking schon fast überall gespielt“, sagt Lars Ilmer und deutet auf eine kleine Kiste mit gut und gerne 250 Backstage-Pässen von Konzerten in Moskau, Budapest, New York, Chicago, aber auch von Fernsehshows wie „The Dome“ oder „Wetten, dass . . .?“

Schon als 13-Jähriger spielt er in der Musikschule Falkensee vor, damals noch auf dem Gelände der heutigen Europa-Grundschule. „Die suchten Tubaspieler für ihr Orchester. Ich habe aber gesagt, ich will Gitarre lernen oder ich gehe.“ Seine Sturheit zahlt sich aus. Klaus Beierlein, später Leiter der Musikschule, wird sein Mentor. So beschreibt es Lars Ilmer heute. Weil nämlich seine Hände noch zu klein sind, um ein C zu greifen, wäre er beinahe durch die erste Zwischenprüfung gefallen. Es hätte für ihn das Ende an der Musikschule bedeutet. Doch Beierlein glaubt an seinen Eleven und drückt bei-de Augen zu. Danach wachsen Finger und Selbstbewusstsein. So besteht der Falkenseer die folgenden, halbjährlichen Prüfungen locker. „Ich habe jeden Tag vier Stunden geübt“, erinnert sich Ilmer, dessen Idole damals Depeche Mode und U2 waren. Und es kommt nicht selten vor, dass seine Fingerkuppen danach bluten. Immerhin ist seine erste Gitarre, eine halbakustische aus den Fünfziger Jahren, alt und schwer zu spielen.



In dieser Zeit spielt er auch in seinen ersten Bands. Da ist die Kirchen-Combo Vacatio, mit der der damals 14-Jährige bei Gottesdiensten regimekritische Biermann-Lieder spielt oder ein paar Jahre später die Veltener Coverband Zündholz. Doch um mit Tanzmusik Geld zu verdienen, muss der Gitarrenfanatiker eine Tätigkeit nachweisen. Sein Beruf als „Betriebs-, Mess-, Steuer- und-Regelungstechniker“, er arbeitet nun drei Monate im Möbelwerk Falkensee, ist ihm zu stupide. Und so repariert der 18-Jährige fortan Kaffeemaschinen in Heimarbeit. Die ersten drei Tage der Woche tauscht er eilig Heizelemente und Thermostate aus, der Rest bleibt für seine Musik. „Die war mein Weg, dem sozialistischen Staat den Rücken zu kehren“, erklärt Ilmer, der sich mit seinen Freunden meistens in Ost-Berliner Klubs die Zeit vertreibt. „Da waren die Leute einfach cooler“. Und weil Lars Ilmer eine belgische Mutter hat, beantragt er auch einen belgischen Pass. Sein Ausreiseantrag bleibt ihm trotzdem jahrelang verwährt. Bis er die Genehmigung bekommt, die DDR am 10. November 1989 endlich verlassen zu dürfen. „Beim Kofferpacken am Abend davor guckte ich aus dem Fenster und wunderte mich, warum die Autos so schnell Richtung Berlin fuhren“. Da sind die ersten Grenzübergänge schon offen.

Ilmer zieht zu seinem Onkel nach Wilmersdorf und spielt fast jeden Abend mit der Tanzband Flashback, die später auch Frank Zander begleitet. Irgendwann wird Dieter Bohlen auf den smarten Gitarristen aufmerksam. Er holt ihn 1996 in seine Band Blue System und später dann zu Modern Talking. Die Back-For-Good-Tour 1998 beschreibt der heute 40-jährige Ilmer als das Größte, was er je erlebt hat. „Vor tausenden von Leuten zu stehen, die Party machen, weil du für sie spielst. Das ist geil“.

Und obwohl er seine ganze Jugend lang in den Westen wollte, kehrt der Gitarrist Ende der Neunziger nach Falkensee zurück, um ein paar Jahre an der Musikschule zu unterrichten. Heute hat er hier auch ein Häuschen. „Ich habe die ganze Welt gesehen“, sagt Ilmer, der mittlerweile Vater von zwei Kindern ist und mit Thomas Anders über die Kontinente jettet. „Aber jeder braucht einen Platz, an dem er sich wohlfühlt und mal abschalten kann“. Immerhin geht es Ende August mit Thomas Anders und Band nach Südrussland.

 

Quelle Märkische Allgemeine vom 13.08.2009, Seite NAU6
Lokalausgabe Havelland
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Date: 2015-12-11; view: 2118


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