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Und sterbensmüde dachte er: War doch alles vorbei! 1 page

 

Holt schlief auf seinem Stuhl und erwachte erst am späten Nachmittag. Dämmerung lag in dem Raum. Alle Tische waren leer. Hinter der Theke spülte niemand mehr Gläser. Alles ge­türmt! Auch die anderen erwachten. Burgkert schickte Vetter in die Stadt. „Nachsehen, wo der LKW bleibt!“ Sie aßen. „Hier lag früher mal eine Husaren-Garnison“, erzählte Wol­zow. „In der Nähe, in Woiselwitz, hat der Baron Warkotsch den alten Fritzen...“ – „Bist du blöd?“ fragte Burgkert. „Bist du auch schon übergeschnappt?“ Holt aß Ölsardinen. „Tja“, sagte Wolzow und brannte sich eine Zigarette an, „wird Zeit, daß was geschieht! Ich will noch Offizier werden!“ Vetter krähte an der Tür: „Meine Herren! Der Wagen!“ Holt kletterte unter die Plane, dann saß er zusammengesunken an der Rückwand. Er fand keinen Schlaf.

 

10.

 

„Wo wir sind? Auf dem rechten Oderufer“, sagte Wolzow. „Vorhin sind wir über die Oder gefahren.“ – „Sind wir eben wieder drüben!“ rief Vetter. Fern grollte Kanonendonner. Der Wald glich einem Heerlager. Schützenpanzerwagen, Panzer­grenadiere, Zugmaschinen, Artillerie, Lastwagen, Selbstfahr­lafetten, Sturmgeschütze, ein Depot von Benzinfässern, ein paar Baracken, auch Zelte im Schnee und überall Soldaten. Burgkert sprach mit einem Oberleutnant. Dann ging er voran. Holt folgte ihm.

Ein Eisenbahngleis schnitt durch den Wald. Ein Güterzug, auf vielachsigen Schwerlastwaggons Panzer mit überdimensio­nal langen, schlanken Rohren. „Panther!“ rief Vetter be­geistert. Motoren brüllten auf. über Stapel auseinanderrollen­der Baumstämme krachten die Panzer von den Waggons und fuhren zum Tanken. Vetter rieb sich die Hände. „Mit solchen Panzern, also da müssen wir siegen, was?“ Die achtzehn Pan­zer rollten ins Dickicht am Waldrand. Die zusammengetrom­melten Panzerleute wurden eingeteilt. Burgkert war auf ein­mal ein wichtiger Mann. „Ich übernehm die Panzer. Dieser Schnösel von Oberleutnant dort, der muß hierbleiben. Die Reise ist ihm zu riskant.“ – „Wir fahren mit Ihnen“, sagte Wolzow, „reden Sie nicht, Herr Oberfeld, ich mach Richt­schütze, Holt Funker, Vetter Ladeschütze, da haben Sie eine Besatzung, auf die Sie sich verlassen können!“ Burgkert sah auf Holt. „Mit zwei Geräten?“ Holt nickte. „Rekruten“, sagte Burgkert, und die Hand, in der er die Zigarette hielt, zitterte, „wenn ihr aus den Latschen kippt! Ich steig um und laß euch im Dreck, mir macht das gar nichts aus!“ Holt nickte aber­mals. Er sah gedankenlos ein paar Panzer-III-Fahrgestelle mit aufmontierter Zwei-Zentimeter-Flak in Vierlingslafette auf die Lichtung hinausrollen. Dann folgte er Wolzow zum Chefpan­zer. Aufmunitionieren! Das erinnerte an die Zeit in der Flak­batterie. Er zog die Granatpatronen aus den Körben, die man zu ihnen heranschleppte, und reichte sie hoch zu Vetter. Der Oberleutnant ging mit Burgkert die Reihe der Panzer entlang. „Schweinerei, verdammte! Die Kerle rauchen! Soll der ganze Wald in die Luft fliegen?“



Holt reichte eine Patrone hoch, er konnte kaum noch die Arme heben. „Bewegt euch!“ Man fluchte: „Antreiber, ver­dammter!“ – „Die Moral der Truppe ist keinen Groschen mehr wert!“ schimpfte Wolzow. Er setzte sich verschnaufend auf einen leeren Korb.

„Fertig!“ Vetter kletterte aus dem Turmluk und sprang auf den Boden. Ein Soldat latschte durch den Schnee, ein kleiner Kerl mit bartstoppeligem Gesicht und einem kalten Zigarren­stummel zwischen den Lippen, die Hände in den Taschen des langen Mantels, unter dem ein paar klobige Filzstiefel hervor­sahen. „Chefwagen?“ Er war zerlumpt und verdreckt. „Klotzsche, nicht bei Dresden. Bin der Fahrer.“ Er stieg durch das Luk. Irgendwo im Wald schrie eine Stimme: „Motoren warmlaufen lassen!“ Unerträglicher Lärm erhob sich. Burgkert brachte die Funkunterlagen. „Nach dem Abstimmen Funk­stille.“ Holt lief die Reihe der Panzer entlang und notierte mit froststarren Fingern die Namen der Funker. Der Schnee leuchtete. Nun stieg der Mond über die Wälder. Wolkenfetzen warfen gespenstische Schatten. Eschenhagen, Papst, Adam in den Zugführerfahrzeugen, Maaß, Jähner, Gehrke und so wei­ter, Wenzlau, Leutka, wie sie alle hießen.

Holt kletterte auf den Panzer, hing in der Luke und suchte mit den Füßen einen Halt. Im Turm brannte elektrisches Licht. An der Kanone stand Wolzow und rieb mit einem Lederläppchen das Okular der Richtoptik blank. „Fabrikneue Wagen!“ schrie er durch das Motorengebrumm. „Sie haben uns zwei davon weggeholt, für den Kommandeur!“

Es war eng im Panzer, alles war mit Patronen vollgestopft. Holt kletterte auf seinen Sitz hinab und setzte die Lederhaube mit den Kopfhörern auf. Er schaltete die Funkgeräte ein und schloß die Morsetaste kurz. Abstimmen auf Dauerton. Er schob sein Gepäck mit den Füßen nach vorn. Vetter hatte ihm Verpflegung hingelegt. Er spürte keinen Appetit. Er fühlte sich beengt zwischen den Stahlplatten, in der stickigen Luft. Ein Lied ging durch seinen Sinn: „Dann wird uns der Panzer zum ehernen Grab .. .“ Er schaltete am Bordsprechkasten und hörte Wolzows unbekümmerte Stimme: „Christian, daß du mir nicht Panzergranaten und Sprenggranaten verwechselst, das kann den Kopf kosten!“ – „Ruhe!“ schrie Holt durchs Kehlt kopfmikrophon. „Gequatsche, unnützes! Vetter, du bist Lade­schütze, nennst du das einen munitionierten Panzer? Ich hab keinen einzigen Gurt am MG!“ Im Mittelwellengerät, das die Verbindung nach oben hielt, pfiff endlich der Dauerton und dann eine scharfe Stimme: „Kommandeur an alle, kommen!“ Holt hörte Sturmartillerie und Panzergrenadiere und gab sei­nen Namen bekannt. „Aber Leute, wozu gibt es Decknamen auf der Funktafel?“ – „Schnauze, Idiot!“ schrie es im Kopf­hörer. „Wer ist hier Kommandeur, du oder ich? Piep nicht so ’n langen Ton, du bist hier nicht in der Kaserne! Funkstille. Bei Abfahrt auf Empfang! Fertig!“ Der Kommandeurfunker war noch nicht verstummt, da brüllte schon Porschke von der Sturmartillerie: „Was ist denn das für ein blöder Heini?“ Fern meckerte eine Stimme: „Der blöde Heini ist ein Leutnant, der soll heißen Josef von Ägypten, denn er trägt einen bunten Rock und dünkt sich mehr denn seine Brüder!“ Holt schüttelte den Kopf und schaltete ab. Über das Ultrakurzwellengerät rief et die Panzer: „Chef an alle . .. kommen!“

Alle fünfzehn Panzer meldeten sich. „Funkstille! Die Rus­sen peilen! Ende.“ Holt saß trübsinnig auf seinem Ledersitz. Vetter kletterte in den Bauch des Panzers hinab und machte Holts MG schußfertig. „Daß du so munter bist!“ sagte Holt; „Wir haben mit der Verpflegung solche Tabletten bekommen, die machen munter, deine hat Gilbert!“

Noch immer klirrte der Frost in den Baumwipfeln. Holt ging langsam durch den Wald, überall liefen die Motoren der Panzer, der Sturmgeschütze und Schützenpanzerwagen. Holt sah Kübelwagen mit aufmontierten Maschinengewehren, Pan-zer-III-Fahrgestelle mit Flak, Feldhaubitzen auf Panzer-IV-Fahrgestellen, eine überlange 8,8-Zentimeter-Kanone auf Selbstfahrlafette. Schwer bepackte Infanteristen zogen im Gänsemarsch durch den Wald und lagerten sich bei den Pan­zern. Die Panzergrenadiere saßen fahrbereit in ihren Wagen. Das Motorengeräusch löschte das ferne Grollen der Front aus. Im Osten, über den Wäldern, dämmerte der Morgen.

Holt lief zum Panzer zurück. Oberfeldwebel Burgkert hatte die Karte über das Schutzblech gebreitet. Wolzow leuchtete mit der Taschenlampe. Er hielt Holt ein kleines Röhrchen hin. Pervitin? Mal sehn, wie’s wirkt. Holt studierte Burgkerts Ge­sicht.

Der Oberfeldwebel war wieder alkoholisiert, seine Stimme rollte, die Hände zitterten nicht mehr, die eingefallene Gesichtshaut straffte sich. Er nestelte an der Feldflasche und trank. Er redete mit Wolzow endlos über den Kampfauftrag. „Sind Kampfgruppe Bredow... die Panzer nehmen die Spitze, Sturmgeschütze, Artillerie auf Selbstfahrlafetten, nennen sich Sturmartillerie-Abteilung, folgen dichtauf, dann zwei Batail­lone Panzergrenadiere, auf Schützenpanzerwagen. Bei uns sitzt eine Sturmkompanie auf. Dann ist noch motorisierte Artillerie da, der müssen wir erst Platz schaffen, ein Regiment Infante­rie auf Lastwagen soll auch noch nachkommen.“ – „Bißchen wenig Panzer“, sagte Wolzow. Burgkert erklärte die Lage, re­dete von einem mächtigen Brückenkopf des Gegners auf derrf linken Ufer, aber weiter nördlich stehe noch der Rest eines deutschen Korps und halte auf dem rechten Ufer einen Brückenkopf mit einer Pontonbrücke... Kennt sich kein Mensch mehr aus, dachte Holt. „Der Russe hat momentan nur Infan­terie in der Front liegen“, sagte Burgkert. „Er formiert sich neu. Das Korps im Norden sollte sich zu uns durchschlagen, ist aber liegengeblieben. Jetzt sollen wir von Süden her durch die Russen zu ihm stoßen und eine Gasse öffnen.“ Er fluchter „Aber das alles geht uns einen Dreck an! Ich hab ganz andere Sorgen! Bis zum Angriffsziel sind es etwa neunzig Kilometer, und die Scheißpanther fahren bloß hundertzehn ... Daß wir mit den Panzern durchrammeln, das halt ich für möglich, wenn wir nicht aus Versehen auf eine Bereitstellung fahren. Aber ob der Sprit reicht! Alles andere ist Sache der Infante­rie.“ Er sah auf die Uhr. „Wir fahren voraus. Holt, sag durch: Chaussee, dann Gelände, bis wir wieder eine Straße schnap­pen.“ Er nahm einen Schluck aus der Feldflasche. Die herum­stehenden Infanteristen saßen auf und zogen sich Zeltbahnen über die Köpfe. Holt glitt auf seinen Sitz hinab. Er fühlte sich in eine eigenartige Stimmung versetzt. Undurchschaubare Gefühlswallungen erschütterten ihn, ihm war seltsam klar­sichtig, alles war nahe herangerückt, die feinsten Knisterge­räusche im Kopfhörer klangen laut und deutlich, das linke Augenlid flatterte. Die Aufregung, dachte er, oder die Ta­bletten ...

Mit einem Ruck zog der Panzer an, und die sechzehn Pan­ther setzten sich an die Spitze der Kampfgruppe, gefolgt von den Sturmgeschützen, den Selbstfahrlafetten und der langen Kette der Schützenpanzerwagen. Holt sah durch die Richt­optik des Bug-MGs. Der Wagen brach durch das Unterholz, walzte ein paar junge Kiefern nieder, überquerte die Lichtung, wo die Selbstfahrlafetten mit der Vierlingsflak darauf warteten, sich anzuschließen, und kroch dann auf die Chaussee.

Er kletterte in den Turm und schob den Oberkörper neben Vetter ins Freie. Der Oberfeldwebel ragte bis zum Gürtel aus dem Turmluk. Der Fahrtwind schlug eisig in die Gesichter. Das fünf Meter lange Rohr der Kanone reichte weit über den Bug hinaus. Sie passierten offene Panzersperren, an denen Solda­ten wachten. Der Himmel war bedeckt, tiefhängende Wolken trieben von Norden her über die Wälder. „Das rettet uns vor den Schlachtfliegern!“ meinte Burgkert mit einem Blick zum Himmel. Vor einer flachen Steigung der Chaussee schaltete der Fahrer und gab Gas. Holt glitt, vom eisigen Fahrtwind durchfroren, in die Tiefe zurück. Auch Burgkert tauchte in den Turm. Holt hörte im Kopfhörer die Stimme des Komman­deurfunkers, der nach der Sturmartillerie schrie: „Kommen! Verdammt, verfluchte Idioten... kommen!“ Ganz schön in Fahrt, dachte Holt. Endlich meldete sich Porschke bei den Sturmgeschützen, dann Klein bei den Panzergrenadieren. „Pennst du? Mensch, es sollen Iljuschins oben sein! Aufpas­sen!“ Holt gab die Warnung weiter. Auf einmal hielt der Wagen mit einem Ruck, der Holt vornüber warf. Soldaten um­ringten den Panzer. Durch die Optik sah Holt am Straßen­rand zwei Panzerwracks liegen, im Gebüsch schwere Flak. Der Panzer fuhr wieder an. Holt bediente mechanisch die Funkgeräte. Der Kommandeurfunker sagte leichthin: „Der Russe trommelt ein bißchen auf die Frontlinie, das ist bloß Nervosität, ihr greift an!“ Und gleich darauf: „Der Komman­deur kommt später mit der Feldartillerie nach. Meldung, wenn ihr durch seid.“ Holt schüttelte den Kopf, aber der Oberfeld­webel begann zu fluchen, dann trank er aus einer Schnapsflasche und schimpfte weiter: „Erst hetzt uns der Alte in sei­nem Knopflochfieber in dieses Scheißunternehmen, und dann bleibt er zurück, so was lieb ich!“

Wieder hielt der Panzer. Holt steckte den Kopf in die eis­kalte Winterluft. Die Chaussee verließ ein dichtes Gehölz. Die Straße lief schnurgerade in die Ebene, in eine öde, weiße Schneewüste. Holt blickte nach Osten; Felder, Wiesen und Buschwerk bis hin zum Horizont. Dort aber, fern, hing es wie ein Nebelvorhang über der Ebene, wie Wolkendunst... Vor dem Panzer standen feldgraue Gestalten mit weißen Hel­men. Burgkert starrte lange durchs Fernglas. Dann befahl er Holt, den Kommandeur zu rufen. „Der wird hier ge­braucht!“ Nichts rührte sich. Nur die freche Stimme Porschkes von der Sturmartillerie lästerte: „Die Herren frühstücken!“ – „Holt, du sollst den Kommandeur rufen!“ schrie Burgkert wütend. Er hörte mit und rief über den Bordfunk: „Nicht so höflich!“ Endlich war die Verbindung hergestellt, und der Kommandeurfunker schnauzte: „Was ist bei euch für eine Sauerei im Gange? Warum greift ihr nicht an?“ Burgkert wurde böse. „Ich seh’s von hier, die fetzen in die Front rein, was das Zeug hält!“ Die Antwort lautete: „Unverzüglich an­greifen.“ Burgkert schrie: „Wir greifen an! Aber wenn die halbe Kompanie liegenbleibt, dann solln sie uns kreuzweis . . .!“ Die können uns nämlich gar nichts! dachte Holt. In einer hal­ben Stunde sind wir hinter den Russen. „Unerhört!“ kam der Kommandeurfunker wieder. „Feldgendarmerie hinterherschicken . . .“ Burgkert brüllte: „Sie sollen! Sollen sie doch! Dann drehn wir die Rohre um!“ Holt schaltete ab.

Die Soldaten, die den Panzer umstanden, grinsten. „Traut euch wohl nicht ins Feuer, ihr Aristokraten? Wir müssen da mit ’m bloßen Wanst rein! Die Herren sind sich wieder mal zu schade!“ Burgkert trank aus der Schnapsflasche. Dann gab er seine Befehle: „Links schwenkt, dann rechts um und durch.“

Mit aufheulendem Motor rollte der Panzer von der Chaus­see, fuhr am Waldrand entlang, schaukelte wie auf hoher See. Die schwierige Wendung klappte, die Panzer rollten ausge­schwärmt über die Ebene. Am Waldrand fuhr auch die Sturm­artillerie in Reihe auf.

Wolzow schrie: „Werner! Laß zwei Wagen vom ersten Zug links rausfahren, daß wir beide Flanken geschützt haben!“ Die abgesessene Sturminfanterie keuchte in Rudeln hinter den Panzern her. Holt hörte Burgkert sagen: „Klotzsche, paß auf, daß wir nachher nicht die eigene Infanterie zermanschen!“ Er starrte durch die Richtoptik seines MGs. Vor ihm endete die Welt in einer schwarzen Rauchwand, in der ununterbrochen rote und weiße Blitze zuckten. Durch das Motorengedröhn drang nun der Donner der Einschläge bis unter den Kopf­hörer. „Luken dicht!“ Der Feuervorhang war da, war kein Vorhang mehr, war trüber Nebel, der um die Panzer wogte, schwarzer Rauch, und vor dem Bug des Wagens sprang eine riesige Erdfontäne auf, der Wagen schwankte hinab in einen Trichter. Holt hörte nichts, nicht das Donnern der Einschläge, nicht das Klirren der Splitter gegen die Panzerung, nicht das Geheul der heranfegenden Granaten, er hörte nur das Aufbrüllen des Motors, als Burgkert schrie: „Klotzsche... Voll­gas! Durch und drauf!“ Der Wagen taumelte durch Trichter, von Einschlägen umzuckt. Holt preßte das Auge an die Op­tik. Der rechte Panzer war etwa dreißig Meter voraus, und die Sturminfanterie keuchte hinter ihm durch die Einschläge und fiel im Feuer zurück... „Klotzsche! Schützenlöcher! Vor­sicht!“ Der Panzer wand sich durch Grabenstücke und Lö­cher. Holt wollte nichts mehr sehen. Der Wald der Einschläge, die Gestalten in den Löchern, die hier in höllischem Feuer lagen, die Trupps der nachfolgenden Sturminfanterie, die der Splitterregen lichtete und die sich verzweifelt an die Panzer klammerten und sich durch Schnee und Dreck schleifen lie­ßen ... er wollte es nicht mehr sehen, aber er hörte Burgkert: „Wir sind durch!“ Schwankende Erde, von Rauch überweht ... und dann zerriß der Nebel, und das Feld lag frei, bis zum buschbestandenen Horizont... Burgkert schrie: „Jetzt paßt auf Nahbekämpf er auf!“ Ein ganzes Ausbildungsprogramm wurde in Holt lebendig: wie man sich in den toten Winkel eines Panzers pirscht, wie man sich überrollen läßt, wie man von hinten auf den Stahlkoloß losgeht... Aber wie man im Innern dieses Stahlgrabes sitzt, die Nerven bis zum Zerreißen gespannt, gelähmt vor Angst, das erlebte er zum erstenmal, die Sinne wach wie ein Tier, das sich in Todesangst duckt... Er umklammerte den Handgriff des Maschinengewehrs, es war wie in der Kaserne auf dem Schlingerstand, er sah durch die Optik einen Graben vor sich und fremdartige Helme, sah weiße Tarnmäntel hinter der Brustwehr, hörte Burgkert schreien und den ersten schmetternden Schlag der Panzer­kanone ... Wolzow schießt! Auf der Grabenböschung sprang eine Fontäne von Feuer, Schnee und Erde hoch. Die Turm-MGs rasselten. Da tauchte der Graben schon unter den Gesichtskreis, der Bug des Panzers senkte sich tief in die Erde und stieg mit brüllendem Motor hoch... Und im Kopfhörer Burgkerts Stimme: „Die Infanterie geht mit dem Bajonett gegeneinander ...“ Und im Kopfhörer der Schrei des rechten Nebenmannes: „Chefpanzer... Bei uns... ist einer aufge­sessen, o Gott, schießt ihn runter! Aaaaah ... schießt ihn runter!“ Holt schrie: „Wolzow... rechter Nebenmann... hilf ihm doch!“ Aber Burgkert brüllte: „Neun Uhr! Spreng­granate!“ – „Hab selbst zu tun!“ Wolzow riß den Turm nach links. Wieder der rechte Nebenmann, die unkenntliche Stimme des Funkers in Todesangst: „Wir brennen ... Hiiiilfe!“ Wolzow eiskalt: „Wieder ’n Graben, Herr Oberfeld, Schüt­zenlöcher!“ Mit einem Ruck hielt der Panzer. Die Kanone schmetterte. Der Fahrer: „Hab ein Schützenloch unter der Kette!“ Der Motor raste, der Panzer drehte sich wie ein Krei­sel um seine Achse... In Holt stieg das Grauen hoch. Aber der Panzer ließ nun die Gräben hinter sich und stieß in eine von kahlem Gebüsch bestandene Senke hinab.

Links um! Von rechts schoß Artillerie. Wieder klappte das Manöver. Weit auseinandergezogen jagte die Kompanie nach Norden. Die Artillerie faßte die letzten Wagen. Im Kopf­hörer Geschrei. Dann Stille. Holt wischte sich über das Ge­sicht, das naß war von Schweiß oder von Tränen. Wo ist die Infanterie?

Es gab keine Sturminfanterie mehr. Der Panzer kroch auf ein fernes Waldstück zu, krachte hinab und durch das Eis eines zugefrorenen Baches, schob sich schwerfällig wieder hin­auf und brach sich dann durch Buschinseln Bahn. Die Züge meldeten sich. Vier Wagen verloren! Der Chef der Sturmartil­lerie kam: „Sind durch mit Verlusten. Folgen euch.“ Und die Panzergrenadiere kamen, schon schwächer: „Kämpfen MGs und Widerstandsnester nieder.“ – „Weiter“, rief Burgkert, „Tempo, Klotzsche!“

Sie näherten sich rasch dem Waldstreifen. Vor dem Wagen fuhr eine Erdfontäne hoch. „Pak! Paaaak!“ brüllte Burgkert. „Nein, Panzer! Panzer... drei Uhr! Wolzow, Panzergrana­ten!“ Und zum Fahrer: „Klotzsche, links hinter die Büsche, schnell! Wolzow, zwei Uhr, die hohe Buche mit dem abge­hackten Gipfel, hast du? Links davon, etwa dreißig Meter, im Gebüsch... hast du ihn?“ Der Wagen verkroch sich im Buschwerk und hielt. Die Kanone schmetterte. Über Funk riefen Stimmen: „Halbrechts am Waldrand Panzer!“ Die Wa­gen verkrochen sich in den Strauchinseln, zwischen Hainbu­chen, jungen Fichten und Gestrüpp. Die Motoren liefen nur noch leise. Die Kanonade der Panzerkanonen schwoll an. Das meterlange, schlanke Rohr ragte durchs Gestrüpp ins Freie. Wolzow rief: „Klotzsche, ich hab einen Zweig vor der Op­tik... ein Stück vor!“ Der Panzer ruckte an und schob den breiten Bug durch die Büsche. Nun konnte auch Holt durch die Optik das weite Feld bis zum Waldrand übersehen. Die Ka­none feuerte. „Der ist gut getarnt!“ rief Wolzow. Wieder krachte die Kanone. „Treffer!“ rief Burgkert. „Gut, er kraucht zurück, rasch noch eins hinterher!“ Die Kanone schmetterte, die Kartusche klirrte in den Sack. Vetter riß das Luk auf und warf die heißen Messinghülsen in den Schnee. Kalte Luft stürzte in den Bauch des Panzers. „Noch einer!“ sagte Burgkert. „Mehr links, Wolzow, ein Uhr, knall mal in den komischen roten Busch... ja, etwas höher!“ Die Ab­schüsse der Kanone füllten den engen Raum bis zum Ber­sten. Da fegte es in die Buschinsel, zerfetzte das Hainbuchengestrüpp, knickte die jungen Eichen, überflammte das dürre Geäst mit gelbem Feuer... „Luke dicht!“ brüllte Burgkert, „Wolzow! Einer hat uns entdeckt! Rechts! Drei Uhr! Nebeii dem Busch ... schnell doch, er schießt!“ Diesmal knallte ein harter Schlag gegen den Panzer. „Treffer! Ist was passiert?“ Der Fahrer rief: „Linke Kette!“ Der Motor dröhnte, der Panzer ruckte an und hielt wieder. „Alles heil!“ Da schlug es drüben flammend in den Waldrand, zerfetzte Bäume und Sträucher, warf Erde und Gebüsch durch die Luft. „Die Fünfzehner!“ rief Burgkert aufatmend. Da kam schon der Ruf über das Mittelwellengerät: „Wir decken sie ein! Geht ran, es sind bloß ganz wenige!“ Holt suchte eine Verbindung zu den Panzergrenadieren; sie meldeten sich, fern, kaum zu verstehen: „Liegen in der Einbruchstelle, in schwerem Feuer, wehren Gegenangriffe ab!“ – „Sie haben den Einbruch schon abgeriegelt!“ schimpfte Burgkert. „Wenn das bloß bei uns mal so schön klappen würde! Los, Klotzsche!“ Wieder stand ein Panzer brennend zwischen den Büschen. Aus dem Wald schlug noch immer Feuer. Sie jagten über die Ebene, bogen nach rechts ab und erreichten endlich eine Straße, überquer­ten einen Bahndamm und rasten weiter, wieder in Wald hinein!

Die Sturmartillerie folgte. Eine halbe Stunde lang fuhren sie die Straße entlang, ohne einen Gegner zu sehen. Burgkert stand im offenen Turmluk. Er brüllte: „Iljuschins!“ und ließ sich in den Turm fallen, die Luke schlug über ihm zu.

Über die Wälder strichen Schlachtflieger, zogen hoch, wen­deten und stießen auf die Straße hinab. Die Panzer verkro­chen sich im Gehölz und hielten. Bomben barsten. Bordkano­nen hackten ins Gebüsch. Die Maschinen kreisten über dem Wald.

„Jetzt sitzen wir erst mal fest! Ruf die Züge, Holt!“ Die Züge meldeten sich. „Ruf die Infanterie!“ Die Grenadiere waren nur noch ganz schwach zu hören: „Wehren uns gegen Flankenangriffe mit Panzern.“ Burgkert hielt eine frischgeöff­nete Schnapsflasche in der Hand. „Panzer? Die haben uns durchgelassen und zerreiben die Grenadiere!“ Er trank. Holt rief: „Vetter, steig aus, ob die Luft rein ist!“ Vetter kam bald zurück. „Ich hör nichts mehr, sie sind weg!“ sagte er. Die elf Panzer krochen auf die Straße und fuhren weiter. Der Wald endete. Ackergelände schloß sich an. Da waren die Schlacht­flieger wieder da, und diesmal blieben drei Wagen brennend liegen, nur acht erreichten den schützenden Waldrand. Die nachfolgende Sturmartillerie lag in einem Gehölz fest, von Schlachtfliegern angegriffen, und hatte Verluste. Dann piepte das Rufzeichen, der Kommandeur meldete sich über Tastfunk. Holt schrieb den Spruch mit, und während er schrieb, dachte er: Das quittier ich nicht! Er reichte das Papier zu Burgkert hoch. Die Kampfgruppe befahl: Panzer und Sturmartillerie kehrt marsch, kämpft Grenadiere frei.

Burgkert las den Spruch. Der Funker der Sturmartillerie rief über Sprechfunk: „Habt ihr auch den Irrsinn gehört? Kehrt! Mensch, da gehn wir bis aufs letzte Geschütz drauf!“ Burgkert: „Aber wenn die Grenadiere nicht durchkommen, dann hat es keinen Zweck, wenn wir weiterfahren!“ Wolzow: „Aber wenn wir umdrehen und die Grenadiere raushauen, ist unser Sprit alle, und dann war der ganze Angriff sinnlos.“ Burgkert: „Der Angriff war überhaupt sinnlos. Holt, hast du den Spruch quittiert? Nein? Schlauer Hund! Dreh das Ge­rät ab! Ruf die Sturmartillerie über UKW, Für den Alten stelln wir uns tot.“ Und zum Fahrer: „Klotzsche, los!“

Sie stießen wieder über die Bahnlinie und blieben abermals in einem Wäldchen liegen, viele Stunden lang. Am Himmel kreisten unermüdlich Flugzeuge. Im Kopfhörer das Gespräch Burgkerts und Wolzows. Wolzow: „Die setzen nicht mal eine Panzerkompanie gegen uns ein.“ Burgkert: „Die Schlachtflie­ger tun’s ja auch.“ Da Burgkert das Kehlkopfmikrophon nicht abschaltete, hörte Holt den Schnaps durch die Kehle gluckern.

Endlich flogen die Schlachtflieger ab. Die Panzer bogen nach rechts und folgten dem Bahndamm. Der Tag neigte sich schon dem Ende zu. In der Dämmerung passierten sie ein Dorf auf einer endlosen, von Bäumen und Buschwerk bestandenen Ebene. Vom Dorf her feuerten ein paar Panzer. Zugleich, im letzten Tageslicht, stürzten sich wieder Schlachtflieger auf sie. Dann war es Nacht.

Die Dunkelheit nahm schützend die sechs Wagen auf, die übriggeblieben waren und einen neuerlichen Übergang über die Eisenbahnlinie gewannen. Wie flüchtendes Wild verkro­chen sie sich in einem Gehölz und hörten auf der nahen Chaus­see eine Stunde lang Panzerketten vorüberklirren. Dann fuh­ren sie weiter, mit offenen Luken, alle Sinne in die Nacht ge­richtet. Vor ihnen flammte der Himmel rot vom Feuer der Salvengeschütze, sie näherten sich dem Ziel. Bei aufgehender Mondsichel prallten sie von hinten auf eine Panzerbereitstel­lung, vielleicht hundert Wagen, die auf einer Lichtung tankten und munitionierten. Als die Kanonade verstummte, waren es noch vier Wagen, die im Dunkel untertauchten. Diese vier Wagen durchbrachen im Morgengrauen mit verzweifeltem Anlauf von hinten die Front, unterliefen noch einmal einen verheerenden Feuervorhang, den Werfer und Artillerie über die deutschen Linien zogen, und rollten dann ein paar Kilo­meter weiter in ein Dorf. Sie hielten. Burgkert stieg aus und suchte eine Befehlsstelle. Als der Panzer mit hartem Ruck stoppte, fiel Holt nach vorn über die Funkgeräte und legte den Kopf in die Arme. Es würgte und schüttelte ihn. Geschafft, dachte er, gerettet! Er nahm sich zusammen und stieg aus. „Friß Pervitin“, meinte Wolzow, „das pulvert auf! Hast du noch Schoka-Kola? Mach bloß nicht schlapp!“ Burgkert war wieder da. „Wir setzen über, eh es hell wird.“

Am vergangenen Tag hatten die Reste zerschlagener deut­scher Truppen die Oder erreicht. In dieser Nacht war der Brückenkopf geräumt worden. Nur ein dünner Schützen­schleier lag noch draußen im Feuer und wartete auf den Be­fehl zum Rückzug.

Die vier Panzer rollten die Straße entlang, die unter schwe­rem Artilleriefeuer lag, erreichten die Oder und kletterten über den Damm. Dort brach ein Wagen im Einschlag einer 21-Zen­timeter-Granate auseinander. Die anderen stießen die steile Böschung hinab zum Strand, zerknirschten das Packeis und schoben sich an die Brücke heran.

Halt! Sie stiegen aus und warteten. Infanterie ging über den Fluß. Es wurde hell. Burgkert fluchte.

Die Pontonbrücke war eingefroren. Nur in der Mitte über­spannte sie freies Wasser. Dort schob sich das Treibeis im­mer wieder an den Pontons hoch, drückte gegen den Belag und wurde von Pionieren gesprengt. Seit zwei Tagen lag die Brücke unter Beschüß. Am Tage strichen Schlachtflieger dar­über hin und machten den Obergang unmöglich. Immer wie­der flickten Pioniere die Einschlagstellen, dichteten die von Splittern zerlöcherten Pontons notdürftig ab.

„Aufsitzen!“ Der Panzer faßte mit den Ketten die Brückenplanken. Holt saß im offenen Luk, seine Beine hingen ins Innere. Vetter saß draußen, beide hatten ihre Ausrüstung an­gelegt. Wolzow stand hinten auf dem Heck, Burgkert im offe­nen Turmluk, er dirigierte den Fahrer, der als einziger wieder in die tödliche Enge des Panzers hinabsteigen mußte.

Die Brücke lag tief im Wasser. Die Einschläge der Granaten überschütteten sie mit Eis und Stahl. Das ferne Ufer lag hinter weißem, eiskaltem Nebel. Das hab ich schon einmal ge­sehn, dachte Holt, diese Brücke kenn ich doch... Aber es war nur ein Ölgemälde, ein Bild, das nun in seiner Erinne­rung hochstieg. Beresina. Als der Panzer seine sechsundvierzig Tonnen auf den Brückenbelag schob, sanken die Pontons bis zum Rand. Die Brücke hielt. Langsam rollte der Panzer zur Strommitte, näherte sich dem linken Ufer, der zweite folgte. Es war nun taghell.


Date: 2015-12-24; view: 154


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