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Und sterbensmüde dachte er: War doch alles vorbei! 2 page

Da waren die Schlachtflieger da. Am Ufer hämmerte Vier­lingsflak. Der zweite Panzer zerbarst in einem Bomben­treffer und stand als lodernde Fackel über der Mitte des Stro­mes. Holt hob schützend die Arme über den Kopf. Der Panzer unter ihm schwankte, eine riesige Wassersäule, mit Eis ver­mischt, stieg zum Himmel. Zwei Pontons schlugen voll. Die Brücke senkte sich tief, schon war der Belag überschwemmt, der Panzer neigte sich zur Seite, neigte sich mehr, Holt ließ sich auf die Brücke fallen. Auch Wolzow sprang ab. Vetter fiel auf Holt. Burgkert stand noch im Turmluk. Der Panzer kippte von der Brücke in das zerkrachende Eis. Von der Ton­nenlast befreit, schnellte die Brücke hoch. Rohr und Kom­mandantenkuppel ragten aus dem gurgelnden Wasser.

Burgkert gewann einen Ponton. Holt erhob sich taumelig. Ein Schlachtflugzeug fegte mit seinen Maschinengewehren die Brücke leer. Ein schwerer Schlag traf Holt und warf ihn von den Planken in einen Ponton.

Dort lag er, in flachem Wasser, den Kopf nach hinten ge­staucht, und langsam schwand sein Bewußtsein. Er sah den grauen Himmel über sich, von Blitzen überflammt, er hörte wieder Gottesknechts Stimme, doch wie fern war das: Durch die sieben Höllen ... Dann halluzinierte er: Während die Däm­merung tiefer über sein Bewußtsein sank, sah er über sich das zarte und klare Gesicht Gundels, aber die großen Augen sahen ihn nicht an, und der Mund lächelte nicht. Nebel wogte dar­über hin.

 

11.

Holt lag in einer kleinen niederschlesiechen Stadt in einem Lazarett, das einmal Reservelazarett gewesen und geräumt worden war und nun als Feldlazarett die Masse der von Osten zurückflutenden Verwundeten aufnahm und versorgte. Geh­fähige und Leichtverwundete wurden weitergeschickt. Die Front rückte näher und spülte eine Woge verwundeter, kran­ker, zermürbter Soldaten vor sich her. Im Seitenflügel wurde ein Hauptverbandplatz eingerichtet. Geschützdonner drang bis in die Krankenzimmer.

Holt lag mit einem Oberschenkeldurchschuß. Das Geschoß hatte kein größeres Gefäß, keine Nervenbahn getroffen. Vier Wochen, sagte man ihm, höchstens sechs ... Man war Schlim­meres gewöhnt: Schuß- und Splitterverletzungen mit eitriger Wund- oder jauchiger Gewebsinfektion, Gasödem, metastasierende Allgemeininfektion, Tetanus, Wunddiphtherie... Er hatte die erste, schwere Woche der Wundschmerzen und des Fie­bers in einem Zustand der Apathie hinter sich gebracht; dann war die Trübung des Bewußtseins geschwunden, und er hatte in seinem Bett gelegen, an die weiße Decke geschaut und haltlos vor sich hin geträumt, wie als Knabe, als er Weltrei­sen, Ruhm und Macht in endlosen Tagträumen fortspann ... Nun, in den einsamen Krankentagen, malte er sich bunte Traumbilder aus, die in einer abseitigen Welt, in einem zeitlo­sen Frühling spielten ... Die lautlosen Schritte der Ordens­schwestern störten ihn nicht. Das Elend der Verwundeten, die Qual der Sterbenden, das alles drang kaum in seine Traum­welt hinein.



Holt hatte sein Versprechen gehalten und das Bild an Gomulkas Vater geschickt, aber den Brief des Rechtsanwaltes, der bald darauf eintraf, ließ er unbeantwortet. Er hatte auch an Gundel geschrieben und von ihr Post erhalten. Als dann eines Tages die Schritte benagelter Sohlen und rauhe Stimmen laut wurden, schrak er zusammen. Es riß ihn aus seinen Träumen zurück in die Wirklichkeit. Wolzow war gekommen! Frost, Dreck, Schweiß- und Ledergeruch umgaben ihn. Das Leben brach in das stille Krankenzimmer und mahnte Holt, daß noch nicht alles vorbei war.

Es war Mitte März. Seit einer Woche verließ Holt das Bett und humpelte durchs Zimmer, stand am Fenster und blickte in den Garten. Der Schnee schmolz, warme Luft strich durch das Fenster, dann brach wieder klirrender Frost herein. Ge­wölk trieb von Westen heran, es schneite, Schneesturm heulte um die Hausecken. Anderen Tages stand ein frostklarer Him­mel über der Landschaft. Der Winter trotzte dem fortschrei­tenden Jahr.

Und nun war also Wolzow gekommen! Er zog einen Stuhl heran, öffnete die Überkleidung und zeigte die Schulterklap­pen eines Unteroffiziers. „Werner ... alter Krieger!“ Er war ganz der Alte und doch verändert, gealtert: die Augen lagen tief in den Höhlen, das starke Kinn schob sich vor, die Kau­muskeln an den Kiefern waren wulstig erstarrt. Auch Vetter war da. Er war noch hagerer, fast mager geworden und rief: „Haste’s überstanden? Beeil dich!“

Sie kamen aus der Kaserne. Wolzow erzählte. Breslau war seit langem eingeschlossen, lag schon weit hinter der Front. Nach dem Rückzug über die Oder hatte man sie mit einer Alarmeinheit vergebens und sinnlos gegen den Brückenkopf anrennen lassen. Angriff auf Angriff war liegengeblieben. Dann brachen die Panzer aus dem Brückenkopf. Die zertrümmerten Truppen schlugen sich mit der aufgesessenen Infanterie, wurden geworfen. Schließlich schickte ein Auffangkommando Wolzow und Vetter nach hinten.

„Ein Hauptmann war das“, sagte Vetter. „Hat festgestellt, daß wir eigentlich noch gar nicht fertig ausgebildet waren, so was!“ Wolzow sagte: „Hab mir’s gefallen lassen. War ziemlich scheußlich. Immerfort Nahkampf.“ Wolzow sagte „scheußlich“?... „Sind wir zu Wehnert zurück.“

In der Kaserne fanden sie alles beim alten. Ausbildungs­dienst, Revetckis Gebrüll, Wehnerts Unterricht. „Eines Morgens“, erzählte Wolzow, „kommt Wehnert: ,Meinen Glück­wunsch, Unteroffizier Wolzow!’ Meine Offizierslaufbahn sieht also gesichert aus. So schnell wird selten einer ohne Schule befördert. Wehnert hat gesagt, am besten, ich meld mich gleich wieder an die Front. Hab ich mich also gemeldet.“ Vetter: „Ich bin natürlich mitgegangen.“

„Jetzt sind wir auf dem Weg nach vorn“, sagte Wolzow. Er rekelte sich auf dem Stuhl. „Wann bist du wieder soweit? Am besten, du kämst gleich mit! Die Russen machen unerhör­ten Dampf!“

Jetzt wurden aus allen Betten Fragen laut, ängstliche, ver­zweifelte Fragen. Wolzow war bis obenhin voll Neuigkeiten. „Die Amis überall am Rhein, Koblenz muß jede Stunde fal­len ...“ – „Aber das Bein macht’s noch nicht richtig, Gil­bert ...“ – „Beeil dich!“ sagte Wolzow.

Noch einmal verstrich eine Woche, dann war Wolzow wie­der da. Eine unruhige, beängstigende Nacht war vergangen, die Verwundeten hatten kein Auge zugetan; die ferne Kano­nade war näher und näher gerückt, bis sich das helle Krachen der Panzerkanonen deutlich vom dumpfen Grollen der Feld­artillerie abhob ... Als es hell wurde, drang Wolzow ins Zimmer, ungeachtet des Gezeters, das ein paar Schwestern erhoben. Er war verdreckt und band erst an Holts Bett den Helm ab. „Die Russen!“ Der Schwerverwundete, der am ver­gangenen Tag operiert worden war, stöhnte im Fieber. Die anderen lagen vom Schreck gelähmt in den Betten. Wolzow rief: „Panzer sind durchgebrochen! Burgkert holt schon bei der Verwaltung deine Papiere raus.“ Eine Schwester protestierte: „Ohne Untersuchung und...“ – „Los, Werner!“ Holt klei­dete sich an. Es mußte gehen.

Vor dem Lazarett hielt eine Zugmaschine mit einer 7,5-Zentimeter-Pak. Der Oberfeldwebel war schwer alkoholisiert und rief: „Geht’s wieder?“ Die Zugmaschine, mit acht Mann be­setzt, rollte los.

Überall sah Holt die Zeichen völliger Auflösung. Stäbe und Verwaltungen bewegten sich fluchtartig nach Westen. Reste zerschlagener Fronttruppen rissen vorrückende Alarmeinhei­ten in den Strudel des Rückzuges. Durch dieses Chaos schob sich die Zugmaschine mit aufheulendem Motor. Bald zitterte die Luft im Lärm herannahender Panzer. Sie brachten die Pak in Stellung, auf einem verschneiten Hügelkamm. Die Panzer stießen die Chaussee vor, weit hinter der Front, mit aufgeses­sener Infanterie. Wolzow feuerte auf kurze Entfernung. Die Panzer schwenkten von der Chaussee und nahmen ohne Zö­gern die Pak an. Die Panzerkanonen brüllten, die Pak fiel in Schweigen. Flucht hinter den Hügelkamm. Ein T 34 lag bren­nend auf dem Acker. Die Panzer schwenkten auf die Chaus­see zurück. Mit der Zugmaschine nach Norden flohen sechs Mann, denen noch alle Glieder zitterten, und einer davon war schwer verwundet.

Ein einzelnes Schlachtflugzeug stieß vom grauen Himmel herab und machte Jagd auf die Maschine; sie sprangen ab und rannten zum Wald, hinter ihnen flog das vollgetankte Fahr­zeug in die Luft. Sie wanderten durch Wälder und verlassene Bauerndörfer, bis sie endlich auf versprengte Truppen stießen, Feldgendarmerie und SS. Gerüchte: „Der Russe steht vor Gör­litz!“

Burgkert brachte Papiere. Er mußte bleiben. Von Sagan fuhr ein überfüllter Zug nach Cottbus, voller Flüchtlinge und Verwundeter. In Cottbus schickte sich die SS an, die drei in die nächste Alarmkompanie zu stecken und wieder nach vorn zu schicken. Aber Holt mit seinen Lazarettpapieren erhielt auf der Kommandantur für alle drei Marschbefehle.

In der Kaserne saßen die Nachkommandos auf gepackten Koffern. Zwei Kompanien waren nach Mitteldeutschland ver­legt worden. Der Ausbildungszug der Stabskompanie unter Wehnert sollte irgendwo hinter der Neiße auf Feldwache lie­gen. Sie machten sich auf die Suche. Der Zug lag westlich Bautzen in einem Wäldchen und bewachte eine Panzersperre.

Holt konnte sich kaum noch an Wehnert erinnern. Der Leutnant hatte nichts an Glanz und Wichs und Bügelfalte ein­gebüßt; nur ein wenig nervös war er geworden und rückte oft das Koppel, die Mütze zurecht.... Wolzow knallte die Hacken.

Die Panzersperre war noch geöffnet. Zwischen dem nahen Wald und einem fernen Hügelrücken zog sich ein System von Feldstellungen hin, Erdbunker und Laufgräben. Im Wald gab es eine Baracke. Der Zug kampierte in den Bunkern und Grä­ben. Tag und Nacht standen Doppelposten an der Panzer­sperre. Von Osten her schob sich tagaus, tagein der Flüchtlingsstrom über die Chaussee nach Westen, Greise, Frauen und Kinder, zurückgehende Stäbe, fliehende Parteileute. Die Posten kontrollierten die Marschpapiere. Ein paar Kilometer weiter zurück lag ein Kommando Feldgendarmerie.

Revetcki war mit der Genesenenkompanie an die Front ge­schickt worden. Boek führte die erste Gruppe, er schrie und tobte nicht mehr, sondern spielte den guten Kameraden. Die zweite Gruppe übernahm Wolzow. Tauwetter setzte ein, es wurde Frühling. Die Gräben füllten sich mit Schlamm und Wasser. Der Verpflegungsnachschub setzte aus, man hungerte.

Eines Abends riefen die Posten nach Wolzow, dessen Gruppe an der Sperre Wachdienst hatte. Ein großer, offener Mercedes hielt dort, die Scheinwerfer aufgeblendet. Im grel­len Licht stand breitbeinig Vetter, die Maschinenpistole an­geschlagen. Der zweite Posten stand am Fond. Der Fahrer saß in die Polster gelehnt und rauchte. Drei Offiziere, ein Oberst­leutnant und zwei Majore, brüllten durcheinander, in einem schnarrenden Jargon. Einer der Majore, ein hagerer Mann mit Nickelbrille und Geiergesicht, stand neben dem Fahrer, nach vorn über die Windschutzscheibe gebeugt. Wolzow hob grü­ßend die Hand. „Herr Major?“ Vetter kratzte sich mit der freien Linken im Genick und rief unverschämt: „Die haben keine Papiere! Türmen wollen die!“ Nun brüllte auch der Oberstleutnant. Da kam Wehnert. „Leutnant! Endlich!“ Der Major riß den Schlag auf. Leutnant Wehnert stand im Schein­werferlicht und grüßte. Der Major redete auf ihn ein. Wolzow beobachtete die Szene mißtrauisch. Der Oberstleutnant gestikulierte, dann stieg er befriedigt in den Wagen. Wehnert be­fahl: „Geben Sie den Weg frei!“

Wolzow zögerte, aber schließlich machte er einen Schritt zur Seite. Auch Vetter trat an den Straßenrand und warf die Maschinenpistole über die Schulter. Der Wagen stob mit auf­heulendem Motor davon. Wehnert ging wortlos zur Baracke zurück. Später sagte er versöhnlich: „Wolzow, in so einem Fall gehört es sich, daß...“ Wolzow unterbrach den Vorge­setzten schroff: „Die drei Herren vorhin, das wette ich, die sind getürmt!“ Wehnert ließ sich den herausfordernden Ton gefallen. „Die Lage kann es erfordern, daß sich der Offizier als der wertvollste Mann aufspart...“ – „Die Lage!“ rief Wolzow und schnob durch die Nase. „Die Lage erfordert Kampf bis auf den letzten Mann!“ – „Aber nehmen Sie sich doch zusammen!“ sagte Wehnert. „Zusammenneh­men? Wissen Sie, was ich nehmen werde, Herr Leutnant? Einen Strick werde ich nehmen! Und wenn ich in Zukunft noch jemanden türmen sehe, dann ist die Kugel zu schade! Dann hol ich den Strick raus, dann zieh ich die Lumpen eigen­händig an der Laterne hoch!“ Er war bei den letzten Worten zur Tür gegangen, dort schrie er: „Ich halt mich an den Führer­befehl: Kampf bis zum letzten Blutstropfen! Vorhin hab ich’s nicht beweisen können, sonst hart ich bloß dem Vetter ge­winkt, der hat da gar kein Gewissen, Herr Leutnant... Uns macht das nichts aus, jemandem den Tod in Schande zu be­reiten!“

Krachend warf er die Tür hinter sich zu.

Holt verließ die Baracke. Er stieg in den Graben, unter den Schritten krachte Eis. Der Schlamm erstarrte. In einem Sap­penkopf fand Holt Peter Wiese, in die nasse Decke gewickelt, die Zeltbahn darübergezogen, so saß er, den Kopf nach hinten gegen die Grabenwand gelehnt. Holt setzte sich schweigend neben ihn. Sein Magen knurrte. „Jetzt eß ich die eiserne Ra­tion!“ – „Der Leutnant hat’s verboten“, sagte Wiese. Holt kaute. „Du solltest auch was essen, du siehst ja schon halbtot aus ...“ Aber das Wort reute ihn, kaum daß er es gesprochen hatte.

Wiese lächelte, ein bißchen bekümmert. „Ich denke jetzt viel an ein Buch“, sagte er, „von Hugo. Da heißt es: ,... der Mensch hat einen Tyrannen.’ Das sagt ein ehemaliges Kon­ventsmitglied. ,... dieser Tyrann ist die Unwissenheit’

„Hast du deswegen in der Schule so fleißig gelernt?“ fragte Holt.

Wiese rückte zur Seite und zog die Zeltbahn enger um seine Schultern. „Eigentlich, weil mich an der Welt so vieles irritiert hat... Und ich hoffte... es wäre möglich... ,Der Mensch darf nur von der Wissenschaft beherrscht werden!’ – ,Und vom Gewissen’, wird ihm entgegengehalten. Da sagt das Kon­ventsmitglied: ,Das ist dasselbe.’ Stell dir vor, er meint: Wis­senschaft und Gewissen ist dasselbe!“

„Dann sind wir ganz gewissenlose Menschen“, meinte Holt, und das Wort weckte in ihm Beklommenheit. Aber... „Der Knack“, rief er, „hat uns doch immer wieder vor einer Über­schätzung der Wissenschaft gewarnt! Verwelschung, hat er gesagt. Dem nordischen Menschen entspricht die Beziehung auf das Unendliche ...“ Wiese sagte: „Ja ... Aber... wo es hinführt, wenn man das Maß verleugnet, das weiß ich... we­nigstens in der Musik. Dort führt es zu Wagner. Beinahe ins Nichts. Oder überhaupt ins Nichts.“ – „Deshalb steht bei den Germanen am Ende immer der Untergang“, sagte Holt. „Schon im Nibelungenlied heißt es, daß Freude zuletzt mit Leid endet...“ Er glaubte nichts von alldem, was er sagte. Er dachte: Alles falsch, alles Lüge!

Wenn es möglich wäre, dachte er, daß man den Krieg über­steht, dann müßte man ganz von vorn anfangen, umlernen, suchen,fragen ...

„Mach Schluß mit dem Gegrübel, Peter! Jetzt brauchen wir Härte.“ Er wickelte sich in seine Decke und versuchte zu schlafen. Und wieder dachte er: Mit verbundenen Augen ... im dunklen Zimmer...

 

Am anderen Morgen fuhr Wehnert mit Boek nach hinten, um endlich Verpflegung heranzuholen. Er übergab Wolzow das Kommando. Auf der Chaussee nahm der Verkehr immer mehr zu. „Ich hau mich jetzt bißchen hin“, sagte Wolzow. Holt blieb mit Vetter an der Panzersperre. Er rauchte. Gedanken­los blickte er die Chaussee entlang nach Osten, starrte durch den Morgendunst.

Vetter fragte: „Siehst du das, dort hinten?“

Es kroch wie ein riesiger, grauer Wurm heran, fern, die Chaussee entlang, langsam. Ab und zu wehte ein feiner Knall an Holts Ohr.

„Klingt wie Peitschengeknall!“ sagte Vetter.

„Klingt wie Schüsse“, sagte Holt.

Die Posten an der Sperre standen unbeweglich. „Eine Marschkolonne! Eine ganz ulkige! Und so langsam.....“

Ein Auto rollte heran, darin ein dicker Zivilist und drei Frauen. Holt kontrollierte die Papiere. Beruf Betriebsführer. „Sagen Sie mal“, fragte er, „Sie haben da doch eine Kolonne überholt...“ Eine der Frauen rief: „Wir haben nichts ge­sehen, gar nichts ...“ Der Mann gab Gas.

Der graue Zug schob sich näher an die Panzersperre heran und löste sich auf in Trupps. In unregelmäßigen Abständen von zwei oder drei Minuten peitschten dünne Pistolenschüsse durch die Luft. An der Sperre wurde abgelöst. Unter den neuen Posten war Peter Wiese, übernächtig, der Stahlhelm schien ihn zu erdrücken, der Karabiner, der ihm schon immer zu schwer gewesen war, hing schief und kläglich an der Schulter.

„Ausgeschlafen?“ fragte Holt. Wiese hatte noch nie ge­klagt. Holt wendete den Blick wieder nach Osten. Die graue Menschenkolonne schlich langsam näher und passierte die Sperre... An der Spitze SS-Leute, Maschinenpistolen umge­hängt, Handgranaten in den Stiefelschäften, und links und rechts des Zuges SS-Leute, die geöffneten Pistolentaschen vorn am Koppelschloß, die Mützen im Genick, junge Gesichter, stumpf, unbewegt, wachsam... Langsam schleppte sich der lange, graue Zug dahin: Gestalten, lebende Skelette, von gestreiftem Drillich umschlottert ... hautüberspannte Toten­schädel auf dürren Hälsen... nackte, blaugefrorene Füße in Holzpantoffeln ... ein Spuk und doch Wirklichkeit... Das lebte, das schleppte sich gebeugt, tödlich erschöpft die Straße entlang, das zog an Seilen schwere Leiterwagen, wankte in Haufen daher, stützte einander, und ein Stöhnen wehte über den Zug, ein Hauch von Tod und Verwesung...

„Das... das ist ein KZ!“ flüsterte Vetter aufgeregt. „Alles Schwerverbrecher, solche Untermenschen, Kommunisten!“

Eines der lebenden Skelette wankte und fiel. Die Gestalt in dem gestreiften Drillich lag im Chausseedreck, das Gesicht im Schlamm... Auf der dünnen Jacke sah Holt ein rotes, auf die Spitze gestelltes Dreieck ... Die nachdrängenden Gestalten stiegen hilflos darüber hinweg. Ein SS-Mann blieb stehen und stieß mit dem Fuß an das Menschenbündel, nicht derb, mehr probeweise. Der Gestürzte hob mühsam den Kopf, zog ein Knie unter den Leib und blieb dann reglos liegen. Das Gesicht des SS-Mannes blieb unbewegt. Die Runen glitzerten auf den Spiegeln. Er bückte sich und zog den Gestürzten mühelos am Arm hinter sich her zum Straßenrand und warf die gestreifte Gestalt in den Straßengraben. Dann zog er die Pistole. Der Schuß knallte.

Da hing ein spitzer, dünner Schrei in der Luft. Peter Wiese ließ den Karabiner fallen und sprang ungeschickt, mit erhobe­nen Fäusten gegen den SS-Mann los. Ein Fausthieb warf ihn zurück, aber Wiese kam nicht zu Fall, und er stürzte sich zum zweitenmal auf den Posten, mit seinen schwachen Fäu­sten; die Mütze mit den Runen und dem Totenkopf fiel in den Dreck... Wiese klammerte sich verzweifelt an dem Po­sten fest. Der stieß mit dem Pistolenlauf in Wieses Gesicht, schleuderte ihn von sich und schoß.

Mitten auf der Landstraße blieb Peter Wieses Leichnam zu­rück, an dem die gestreiften Gestalten scheu vorbeistrebten. Holt bückte sich, drehte Wiese auf den Rücken und blickte in das Gesicht, das der Schlag mit der Pistole entstellt hatte. Der Schuß war in den Hals gedrungen. „Peter!“ sagte Holt. „Mensch... Wiese!“ Ein Trupp SS-Leute kam die Chaussee zurück. „Hier, Oberscharführer, er liegt noch genau an der Stelle...“

Holt wandte sich nicht um. Die SS-Leute verschwanden hin­ter der Biegung der Straße im Wald. Der graue Zug der dril­lichbekleideten Gestalten endete.

Wolzow fluchte. Er brannte sich eine Zigarette an. „Der Wiese war schon immer verrückt! Was gehn ihn diese Ver­brecher an!“ Vetter rief: „Das hat er von seinem Latein ...!“ Die Soldaten trugen sieben tote Häftlinge zusammen. Leut­nant Wehnert kam zurück und ließ sich von Wolzow unter vier Augen berichten. Man hob unterdessen ein großes Grab aus. Niemand zeigte Mitleid mit Wiese. Wehnert befahl: „Er wird mit den Verbrechern begraben.“

Holt trat an das offene Erdloch. Daß ich jetzt hier zuschau, wie sie ihn verscharren, das ist erbärmlich. Warum lieg ich nicht auch in der Grube, und ein paar SS-Leute dazu? Das wäre eine Lösung gewesen.

Er dachte: Jetzt gibt es für mich überhaupt keine Lö­sung mehr.

„Zuschaufeln!“ befahl Wolzow.

Holt fragte: „Was ist aus... unseren Idealen geworden? Wollten wir nicht für Gerechtigkeit kämpfen? Hast du nicht den Meißner zusammengeschlagen, weil er ein Unrecht be­gangen hatte?“

„Das war Kinderei“, entgegnete Wolzow. „Damals warn wir dumme Jungs.“

„Und heute? Was sind wir heute?“

„Soldaten.“

„Soldaten ...“, wiederholte Holt.

„Jetzt ist es aber genug“, rief Wolzow. „Jetzt reiß dich zu­sammen! Das ist der ganze Miesepeter nicht wert, daß ein Kerl wie du deswegen umkippt!“

Ein Kerl wie ich! dachte Holt.

Ein Erdklumpen fiel auf Wieses Kopf, der nächste Schaufelwurf bedeckte das entstellte Kindergesicht. Leb wohl! Trag mir’s nicht nach!

Er ging davon.

Er dachte: Dieser Wiese war unter uns der wirkliche Held. Panzerknackerei und Nahkampferfahrung, das ist alles Ver­zweiflung. Ich kann mich in der Stadt am Fluß nicht mehr sehen lassen. Wie soll ich Wieses Eltern in die Augen schaun, wo ich zugesehn hab? Wie soll ich vor Gundel hintreten? Ich weiß doch, daß die Gestreiften wie ihr Vater waren. Ich hab keinen Finger krumm gemacht, ich hab zugesehn. Jetzt bleibt mir keine Wahl mehr.

Einen imaginären Punkt suchen, festklammern mit dem Blick ... und vorwärts, marsch!

12.

Eine Volkssturmeinheit löste den Ausbildungszug ab, besetzte die Feldstellung und übernahm den Wachdienst an der Pan­zersperre. Wehnert brachte seinen Zug mit der Eisenbahn in die Nähe von Leipzig, wo die Stabskompanie auf ein paar Bauerndörfer verteilt worden war. Hier sollte der Ausbildungs­dienst weitergehen, aber der Zug lungerte nur untätig herum, denn Wehnert suchte sich ein Quartier im Nachbardorf und kümmerte sich um nichts. Unteroffizier Boek saß den ganzen Tag im Wirtshaus und legte Patiencen. Wolzow riß alle Be­fehlsgewalt an sich. „Noch ein paar Tage Untätigkeit, und der Zug wird nicht wieder kampffähig“, sagte er. „Diese Bandi­ten schreiben sich schon die beste Bahnverbindung nach Hause auf!“ Holt war seit Wieses Tod wie erloschen, interesselos, er ließ sich treiben. Er hörte geflissentlich keine Nachrichten. Zeitungen gelangten nicht ins Dorf. Ostern besuchte Wol­zow die Kompanie, und als er zurückkam, zog er Holt bei­seite: „Wir werden eingesetzt! Es wird höchste Zeit!“ Er trom­melte den Zug aus den Quartieren. „In einer Stunde marsch­fertig!“ Boek zog ein Gesicht, als habe er Essig im Mund. Wolzow setzte sich zu Holt in die Gaststube. „Burgkert ist wieder da. Der Russe steht an Neiße und Oder. Der Ameri­kaner ist überall durchgebrochen. Das Ruhrgebiet ist einge­schlossen. Panzerspitzen nähern sich Fulda und Weser. Osna­brück ist genannt worden. Marburg, Gießen... Da wird es Zeit, daß wir zuschlagen!“

Holt antwortete nicht.

Zwei Lastwagen standen bereit. Wehnert blieb im Nach­bardorf bei der Kompanie. „Möcht wissen, warum der nicht mitkommt“, knurrte Wolzow. Sie fuhren nach Westen. In der Nacht erreichten sie ein einsames Gasthaus, im Walde. Hier lagerten Soldaten über Soldaten. Wilde Gerüchte liefen um. Vetter erzählte: „Panzer sollen bereitstehn, unheimliche Mas­sen! Wir fahren eine ganz große Gegenoffensive!“ Wolzow studierte die Karte. „Wir sind hier südlich Kassel... Der Fluß war die Fulda!“ Er sah sich um, tatsächlich standen Panzer bereit, getankt und munitioniert, Panzer III mit der 5-Zenti­meter-Kanone, ein paar Wagen umbewaffnet auf die 7,5-Zentimeter-Kampfwagenkanone L 24.

Bei der Einteilung wurden sie auseinandergerissen. Wolzow wurde Kommandant, Holt fuhr als Funker. Die Wagen waren klein und eng, drei Kompanien, vierzig Panzer. Die Mann­schaften traten an. Es war noch dunkel. Nun tauchte auch Leutnant Wehnert auf, als Kompanieführer.

Ein Panzer richtete den scharfen Lichtkegel des Schein­werfers auf einen einarmigen Offizier. Hauptmann Weber! Der Einarmige galt als Draufgänger, als einer, der den letzten Mann hinopferte. Er schrie mit heiserer, durchdringender Stimme: „Deutsche Panzersoldaten! Der Führer ruft zu neuem Kampf im alten Geist. Wo immer deutsche Panzermänner fochten, dort fochten sie siegreich. Wo immer ...“

Holt war in Gedanken wieder weit entfernt. Seit ich aus dem Lazarett weg bin, hab ich nichts mehr von Gundel gehört, dachte er. Seine Gedanken flüchteten jetzt oft zu Gundel, um dort nur neue Unruhe zu finden. Der Morgen er­wachte. „Unserem Führer ein dreifaches...“ – „Hurra! Hurra! Hurra!“ – „An die Wagen ... weggetreten!“

Die Motoren liefen warm. Die Abteilung fuhr los. Der Fah­rer in Holts Wagen, ein alter, müder Mann, rief durch den Bordfunk: „Wenn Jabos kommen... sag mir’s ganz schnell, daß ich raus kann!“ Holt saß auf dem Heck. Der Befehl lautete: Die Funker-MGs werden ausgebaut zur Abwehr von Tieffliegern. Holt hielt das kolbenlose MG auf den Knien. Die Chaussee war schlammig. Sie fuhren nach Westen, dann nach Südwesten. Es wurde hell. Der Tag war klar und wolkenlos.

Hoch am Himmel brummte eine Kette Jagdbomber heran. Sie stießen mit heulenden Motoren auf die Straße herab. Fast alle Wagen hielten, die Besatzungen flüchteten nach links in den nahen Wald. Ein paar Panzer fuhren nach rechts auf freies Feld und kurvten in Schlangenlinien über den Acker. Holt warf das MG in den Dreck, rannte zum Wald und ließ sich ins Gebüsch fallen. Auf dem Feld, auf der Chaussee flogen die vollgetankten Panzer in die Luft, beim ersten Anflug drei, beim zweiten vier, dann war schon eine neue Kette Jagdbom­ber am Himmel. Die Raketen zischten. Brennendes Benzin flöß über die Straße. Immer neue Anflüge. Es war ein Scheiben­schießen.

Holt kroch tiefer in den Wald. Er stieß auf Wolzow und Vetter. Eine Mustang raste flach über das Feld, mit stark ge­drosseltem Motor, suchte sich einen unbeschädigten Panzer, feuerte mit Bordkanonen in ihn hinein und zog steil nach oben. Der Panzer krachte auseinander. Der Motorenlärm ver­stummte. In den brennenden Panzern detonierte Munition. „Sammeln!“ rief es dünn durch den Wald.

Auf der Chaussee stand noch ein Dutzend unbeschädigter Wagen zwischen den brennenden Wracks. Holts Panzer war noch ziemlich heil. Die herumstehenden Besatzungen saßen auf. Der Fahrer flehte: „Wenn sie wiederkommen ... sag mir’s rechtzeitig!“

Sie kamen wieder, als die Kolonne ein paar Kilometer gefahren war und zwischen Chaussee und deckendem Wald ein tausend Meter breiter Ackerstreifen lag. Die Jagdbomber lie­ßen die Panzer stehen und fielen über die fliehenden Be­satzungen her. Holt rannte um sein Leben und erreichte den Wald. Die Jagdbomber stürzten sich auf die Panzer, mit Raketen, Bordwaffen und Bomben. Sie ruhten nicht eher, bis auch der letzte Wagen auseinanderbarst.

 

Die Reste der Abteilung marschierten weiter, kaum bewaff­net, noch fünfzig Mann. „Die wenigsten hat’s erwischt“, sagte Wolzow wütend. „Die meisten sind getürmt.“ Sie marschier­ten bis zum Mittag. Der Himmel bewölkte sich mehr und mehr. Sie erreichten ein Dorf. Von allen Häusern wehten weiße Fahnen. Hauptmann Weber tobte: „Die Fetzen ver­schwinden!“ Wolzow, Holt und Vetter streiften durch die Ge­höfte. „Sind noch Truppen in der Nähe?“ Ein Bauer wies mit dem Daumen über die Schulter. „Eine Flakbatterie. Die Flie­ger haben alles zerschossen.“ Sie sprachen mit dem Besitzer einer Tankstelle. Der dicke, rotgesichtige Mann rief gedämpft: „Macht Schluß! Jede Stunde können die Panzer kommen!“ Wolzow brüllte ihn an, durchschnoberte die Reparaturwerk­statt und blieb vor einer verschlossenen Garagentür stehen. „Aufmachen!“ In der Garage stand ein kleiner LKW. „Der Wagen ist beschlagnahmt!“ Wolzow holte Leute. Der dicke Mann schrie verzweifelt: „Sie ... rauben meine ... Existenz!“ Wolzow befahl: „Mach ihm eine Quittung, Vetter, Ordnung muß sein!“ Vetter setzte sich auf den Pumpensockel und schrieb mit seiner steilen Schülerhandschrift: „Bestätige die ordnungsgemäße Beschlagnahme eines Lastwagens zum Zweck der Kriegführung, gez. Vetter, Panzerschütze. 5. April 1945.“ Der Dicke warf ihm den Wisch vor die Füße. Der LKW rollte zum Wirtshaus, wo die Truppe rastete. Die Soldaten stritten sich um die Plätze auf dem Wagen. Hauptmann Weber be­fahl: „Wolzow! Sie führen den Rest der Leute Richtung Hei­ligenstadt–Mühlhausen. Wir fahren voraus.“ Der Wagen rollte davon. Wolzow blieb mit dreißig Mann zurück, es waren fast alles ältere Soldaten, nur wenige vom ehemaligen Aus­bildungszug. Wolzow beriet sich mit Vetter. Vetter erklärte: „Wenn ich nicht erst was zu fressen bekomm, macht mir der ganze Krieg keinen Spaß mehr.“ Wolzow gab ihm eine Stunde Zeit. Vetter brach in den Dorfkrug ein, es gab Gezeter, es gab einen schimpfenden Gastwirt, der mit der Mistforke vor Vetters Gesicht herumfuchtelte. Vetter brüllte: „Du sollst der erste gewesen sein, der die weiße Fahne rausgehängt hat, du Verbrecher!“


Date: 2015-12-24; view: 274


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