Home Random Page


CATEGORIES:

BiologyChemistryConstructionCultureEcologyEconomyElectronicsFinanceGeographyHistoryInformaticsLawMathematicsMechanicsMedicineOtherPedagogyPhilosophyPhysicsPolicyPsychologySociologySportTourism






Durch die Falltür

Auch in den folgenden Jahren blieb es für Harry immer ein Rätsel, wie er es geschafft hatte, die Jahresabschlussprüfungen zu überstehen, wo er doch jeden Moment damit rechnete, Voldemort könne hereinplatzen. Doch die Tage flossen zäh dahin und hinter der verschlossenen Tür war Fluffy zweifellos noch immer putzmunter.

Es war schwülheiß, besonders in den großen Klassen- zimmern, wo sie ihre Arbeiten schrieben. Für die Prüfungen hatten sie neue, ganz besondere Federn bekommen, die mit einem Zauberspruch gegen Schummeln behext waren.

Sie hatten auch praktische Prüfungen. Professor Flitwick rief sie nacheinander in sein Klassenzimmer und ließ sich zeigen, ob sie einen Ananas-Stepptanz auf seinem Schreibtisch hinlegen konnten. Bei Professor McGonagall mussten sie eine Maus in eine Schnupftabaksdose verwandeln -Punkte gab es, wenn es eine schöne Dose wurde, Punktabzug, wenn sie einen Schnurrbart hatte. Snape machte sie alle nervös; sie spürten seinen Atem im Nacken, während sie verzweifelt versuchten, sich an die Zutaten für den Vergesslichkeitstrank zu erinnern.

Harry strengte sich an, so gut er konnte, und versuchte den stechenden Schmerz in seiner Stirn zu vergessen, der ihn seit seinem Ausflug in den Wald nicht mehr losließ. Neville meinte, Harry litte unter besonders schlimmer Prüfungsangst, weil er nicht schlafen konnte, doch in Wahrheit hielt ihn jener altbekannte Alptraum wach, nur war er

 


 

 

jetzt noch schrecklicher, weil darin eine vermummte, blut- verschmierte Gestalt auftauchte.

Ron und Hermine dagegen schienen sich nicht so viele Gedanken um den Stein zu machen, vielleicht, weil sie nicht gesehen hatten, was Harry gesehen hatte, oder weil ihnen keine Narbe auf der Stirn brannte. Der Gedanke an Voldemort machte ihnen gewiss Angst, doch er besuchte sie ja nicht unablässig in ihren Träumen, und sie waren mit ihrem Wiederholungsstoff so beschäftigt, dass sie keine Zeit hatten, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, was Snape oder jemand anderes vorhaben könnte.

Die allerletzte Prüfung hatten sie in Geschichte der Zauberei. Eine Stunde lang mussten sie Fragen über schrullige alte Zauberer beantworten, die selbst umrührende Kessel erfunden hatten, und dann hatten sie frei, eine ganze herrliche Woche lang, bis es die Zeugnisse gab. Als der Geist von Professor Binns sie anwies, ihre Federkiele aus den Händen zu legen und ihre Pergamentblätter zusammenzurollen, ließ sich auch Harry von den Jubelschreien der anderen mitreißen.

»Das war viel leichter, als ich dachte«, sagte Hermine, als sie sich den Grüppchen anschlossen, die auf das sonnendurchflutete Schlossgelände hinauspilgerten. »Die Benimmregeln für Werwölfe von 1637 und den Aufstand von Elfrich dem Eifrigen hätte ich gar nicht pauken müssen.«

Hermine sprach hinterher immer gern die Arbeiten durch, aber Ron meinte, ihm werde ganz schlecht bei dem Gedanken. Also wanderten sie hinunter zum See und legten sich unter einen Baum. Die Weasley-Zwillinge und Lee Jordan kitzelten die Tentakeln eines riesigen Tintenfischs, der sich im ufernahen warmen Wasser suhlte.



»Endlich keine Lernerei mehr«, seufzte Ron und streckte sich glücklich auf dem Gras aus. »Du könntest auch et-

 


 

 

was fröhlicher aussehen, Harry, wir haben noch eine Woche, bis wir erfahren, wie schlecht wir abgeschnitten haben, also kein Grund, sich jetzt schon Sorgen zu machen.«

Harry rieb sich die Stirn.

»Ich möchte wissen, was das bedeutet!«, stieß er zornig hervor. »Meine Narbe tut die ganze Zeit weh - das ist schon mal vorgekommen, aber so schlimm war es noch nie!«

»Geh zu Madam Pomfrey«, schlug Hermine vor.

»Ich bin nicht krank«, sagte Harry. »Ich glaube, es ist ein Warnzeichen ... es bedeutet Gefahr ...«

Ron mochte sich deswegen nicht aus der Ruhe bringen lassen, dafür war es ihm zu heiß.

»Entspann dich, Harry. Hermine hat Recht, der Stein ist in Sicherheit, solange Dumbledore hier ist. Außerdem haben wir immer noch keinen Beweis dafür, dass Snape herausgefunden hat, wie er an Fluffy vorbeikommen kann. Einmal hat er ihm fast das Bein abgerissen und so schnell wird Snape es nicht wieder versuchen. Und ehe Hagrid Dumbledore im Stich lässt, spielt Neville Quidditch in der englischen Nationalmannschaft.«

Harry nickte, doch er konnte ein untergründiges Gefühl nicht abschütteln, dass er etwas zu tun vergessen hatte -etwas Wichtiges. Er versuchte es den andern zu erklären, doch Hermine meinte: »Das sind nur die Prüfungen. Gestern Nacht bin ich aufgewacht und war schon halb durch meine Aufzeichnungen über Verwandlungskunst, bis mir einfiel, dass wir das schon hinter uns haben.«

Harry war sich jedoch ganz sicher, dass dieses beunruhi- gende Gefühl nichts mit dem Schulstoff zu tun hatte. Seine Augen folgten einer Eule, die mit einem Brief im Schnabel am hellblauen Himmel hinüber zur Schule flatterte. Hagrid war der Einzige, der ihm je Briefe schickte. Hagrid

 


 

 

würde Dumbledore nie verraten. Hagrid würde nie jemandem erzählen, wie man an Fluffy vorbeikam ... nie ... aber -

Plötzlich sprang Harry auf die Beine

»Wo willst du hin?«, sagte Ron schläfrig.

»Mir ist eben was eingefallen«, sagte Harry. Er war bleich geworden. »Wir müssen zu Hagrid, und zwar gleich.«

»Warum?«, keuchte Hermine, mühsam Schritt haltend.

»Findest du es nicht ein wenig merkwürdig«, sagte Harry, den grasbewachsenen Abhang emporhastend, »dass Hagrid sich nichts sehnlicher wünscht als einen Drachen und dann überraschend ein Fremder auftaucht, der zufällig gerade ein Ei in der Tasche hat? Wie viele Leute laufen mit Dracheneiern herum, wo es doch gegen das Zauberergesetz ist? Ein Glück, dass er Hagrid gefunden hat. Warum hab ich das nicht schon vorher gesehen?«

»Worauf willst du hinaus?«, fragte Ron, doch Harry, der jetzt über das Schlossgelände zum Wald hinüberrannte, antwortete nicht.

Hagrid saß in einem Lehnstuhl vor seiner Hütte, die Ärmel und Hosenbeine hochgerollt; über eine große Schüssel gebeugt enthülste er Erbsen.

»Hallooh«, sagte er lächelnd. »Fertig mit den Prüfungen?

Wollt ihr was trinken?«

»Ja, bitte«, sagte Ron, doch Harry schnitt ihm das Wort ab.

»Nein, keine Zeit, Hagrid, ich muss dich was fragen. Er- innerst du dich noch an die Nacht, in der du Norbert gewonnen hast? Wie sah der Fremde aus, mit dem du Karten gespielt hast?«

»Weiß nicht«, sagte Hagrid lässig, »er wollte seinen Ka- puzenmantel nicht ablegen.«

Er sah, wie verdutzt die drei waren, und hob die Augen- brauen.

 

»Das ist nicht so ungewöhnlich, da gibt's 'ne Menge selt- sames Volk im Eberkopf - das ist der Pub unten im Dorf Hätt 'n Drachenhändler sein können, oder? Sein Gesicht hab ich nicht gesehen, er hat seine Kapuze aufbehalten.«


 

 

Harry ließ sich langsam neben der Erbsenschüssel zu Boden sinken.

»Worüber habt ihr gesprochen, Hagrid? Hast du zufällig Hogwarts erwähnt?«

»Könnte mal vorgekommen sein«, sagte Hagrid und runzelte die Stirn, während er sich zu erinnern versuchte. »ja ... er hat mich gefragt, was ich mache, und ich hab ihm gesagt, ich sei Wildhüter hier ... Er wollte hören, um was für Tiere ich mich kümmere ... also hab ich's ihm gesagt ... und auch, dass ich immer gerne einen Drachen haben wollte ... und dann ... ich weiß nicht mehr genau, weil er mir ständig was zu Trinken spendiert hat ... Wartet mal ... ja, dann hat er gesagt, er hätte ein Drachenei und wir könnten darum spielen, Karten, wenn ich wollte ... aber er müsse sicher sein, dass ich damit umgehen könne, er wolle es nur in gute Hände abgeben ... Also hab ich ihm gesagt, im Vergleich zu Fluffy wär ein Drache doch ein Kinderspiel ...«

»Und schien er ... schien er sich für Fluffy zu interessieren?«, fragte Harry mit angestrengt ruhiger Stimme.

»Nun - ja - wie viele dreiköpfige Hunde trifft. man schon, selbst um Hogwarts herum? Also hab ich ihm gesagt, Fluffy ist ein Schoßhündchen, wenn man weiß, wie man ihn beruhigt, spiel ihm einfach 'n wenig Musik vor, und er wird auf der Stelle einschlafen -«

Plötzlich trat Entsetzen auf Hagrids Gesicht.

»Das hätt ich euch nicht sagen sollen!«, sprudelte er hervor.

»Vergesst es! Hei - wo lauft ihr hin?«

Harry, Ron und Hermine sprachen kein Wort miteinan-

 


 

 

der, bis sie in der Eingangshalle ankamen, die nach dem son- nendurchfluteten Schlosshof sehr kalt und düster wirkte.

»Wir müssen zu Dumbledore«, sagte Harry. »Hagrid hat diesem Fremden gesagt, wie man an Fluffy vorbeikommt, und unter diesem Mantel war entweder Snape oder Voldemort - es muss ganz leicht gewesen sein, sobald er Hagrid betrunken gemacht hat. Ich kann nur hoffen, dass Dumbledore uns glaubt. Firenze hilft uns vielleicht, wenn Bane ihn nicht daran hindert. Wo ist eigentlich Dumbledores Arbeitszimmer?«

Sie sahen sich um, als hofften sie, ein Schild zu sehen, das ihnen den Weg wies. Nie hatten sie erfahren, wo Dumbledore lebte, und sie kannten auch keinen, der jemals zu Dumbledore geschickt worden war.

»Dann müssen wir eben -«, begann Harry, doch plötzlich drang eine gebieterische Stimme durch die Halle.

»Was machen Sie drei denn hier drin?«

Es war Professor McGonagall, mit einem hohen Stapel Bücher in den Armen.

»Wir möchten Professor Dumbledore sprechen«, sagte Hermine recht kühn, wie Harry und Ron fanden.

»Professor Dumbledore sprechen?«, wiederholte Professor McGonagall, als ob daran etwas faul wäre. »Warum?«

Harry schluckte - was nun?

»Es ist sozusagen geheim«, sagte er, bereute es jedoch gleich, denn Professor McGonagalls Nasenflügel fingen an zu beben.

»Professor Dumbledore ist vor zehn Minuten abgereist«, sagte sie kühl. »Er hat eine eilige Eule vom Zaubereiministerium erhalten und ist sofort nach London geflogen.«

»Er ist fort?«, sagte Harry verzweifelt. »Gerade eben?«

»Professor Dumbledore ist ein sehr bedeutender Zauberer, Potter, er wird recht häufig in Anspruch genommen -«

 


 

 

»Aber es ist wichtig.«

»Etwas, das Sie zu sagen haben, ist wichtiger als das Zau- bereiministerium, Potter?«

»Sehen Sie«, sagte Harry und ließ alle Vorsicht fahren,

»Professor - es geht um den Stein der Weisen -«

Was immer Professor McGonagall erwartet hatte, das war es nicht. Die Bücher in ihren Armen plumpsten zu Boden.

»Woher wissen Sie das?«, prustete sie los.

»Professor, Ich glaube - ich weiß - dass Sn..., dass jemand versuchen wird den Stein zu stehlen. Ich muss Professor Dumbledore sprechen.«

Sie musterte ihn mit einer Mischung aus Entsetzen und Misstrauen.

»Professor Dumbledore wird morgen zurück sein«, sagte sie schließlich. »Ich weiß nicht, wie Sie von dem Stein erfahren haben, aber seien Sie versichert, dass niemand in der Lage ist, ihn zu stehlen, er ist bestens bewacht.«

»Aber, Professor -«

»Potter, ich weiß, wovon ich spreche«, sagte sie barsch. Sie bückte sich und hob die Bücher auf »Ich schlage vor, Sie gehen alle wieder nach draußen und genießen die Sonne.«

Doch das taten sie nicht.

»Heute Nacht passiert es«, sagte Harry, sobald er sicher war, dass Professor McGonagall sie nicht mehr hören konnte. »Heute Nacht steigt Snape durch die Falltür. Er hat alles herausgefunden, was er braucht, und jetzt hat er Dumbledore aus dem Weg geschafft. Diesen Brief hat er geschickt. Ich wette, im Zaubereiministerium kriegen sie einen gewaltigen Schrecken, wenn Dumbledore dort auftaucht.«

»Aber was können wir -«

Hermine blieb der Mund offen. Harry und Ron wirbelten herum.

Snape stand hinter ihnen.

 


 

 

»Einen schönen Nachmittag«, sagte er sanft. Sie starrten ihn an.

»An so einem Tag solltet ihr nicht hier drin sein«, sagte er mit einem merkwürdigen, gequälten Lächeln.

»Wir waren -«, begann Harry, völlig ahnungslos, was er eigentlich sagen wollte.

»Seid besser etwas vorsichtiger«, sagte Snape. »So, wie ihr hier herumhängt, könnte man auf den Gedanken kommen, dass ihr etwas ausheckt. Und Gryffindor kann sich nun wirklich nicht leisten, noch mehr Punkte zu verlieren, oder?«

Harry wurde rot. Sie waren schon auf dem Weg nach draußen, als Snape sie zurückrief.

»Ich warne dich, Potter, noch so eine Nachtwanderung und ich werde persönlich dafür sorgen, dass du von der Schule verwiesen wirst. Einen schönen Tag noch.«

Er schritt in Richtung Lehrerzimmer davon.

Draußen auf den steinernen Stufen drehte sich Harry zu den andern um.

»Ich weiß jetzt, was wir tun müssen«, flüsterte er. »Einer von uns muss ein Auge auf Snape haben - vor dem Lehrerzimmer warten und ihm folgen, wenn er es verlässt. Am besten du, Hermine.«

»Warum ich?«

»Ist doch klar«, sagte Ron. »Du kannst so tun, als ob du auf Professor Flitwick wartest.« Er ahmte Hermines Stimme nach:

»Oh, Professor Flitwick, ich mache mir solche Sorgen, ich glaube, ich habe Frage vierzehn b falsch beantwortet ...«

»Ach, hör auf damit«, sagte Hermine, doch sie war ein- verstanden, Snape zu überwachen.

»Und wir warten am besten draußen vor dem Korridor im dritten Stock«, sagte Harry zu Ron. »Komm mit.«

Doch dieser Teil des Plans schlug fehl. Kaum hatten sie 292


 

 

die Tür erreicht, die Fluffy von der Schule trennte, als Professor McGonagall abermals auftauchte. Und diesmal verlor sie die Beherrschung.

»sie glauben wohl, man könne schwerer an Ihnen vorbeikommen als an einem Bündel Zauberbanne, was!«' wütete sie. »Genug jetzt von diesem Unfug! Wenn mir zu Ohren kommt, dass Sie noch einmal hier in der Nähe rumstromern, ziehe ich Gryffindor weitere fünfzig Punkte ab! ja, Weasley, von meinem eigenen Haus«

Harry und Ron gingen in den Gemeinschaftsraum. »We- nigstens ist Hermine Snape auf den Fersen«, meinte Harry gerade, als das Porträt der fetten Dame zur Seite klappte und Hermine hereinkam.

»Tut mir Leid, Harry!«, klagte sie. »Snape ist rausgekom- men und hat mich gefragt, was ich da zu suchen hätte, und ich habe gesagt, ich würde auf Flitwick warten. Snape ist reingegangen und hat ihn geholt, und ich konnte mich eben erst loseisen. Ich weiß nicht, wo Snape hin ist.«

»Tja, das war's dann wohl«, sagte Harry.

Die andern beiden starrten ihn an. Er war blass und seine Augen glitzerten.

»Ich gehe heute Nacht raus und versuche als Erster zum Stein zu kommen.«

»Du bist verrückt!«, sagte Ron.

»Das kannst du nicht machen«, sagte Hermine. »Nach dem, was McGonagall und Snape gesagt haben? Sie werden dich rauswerfen«

»NA UND?«, rief Harry. »Versteht ihr nicht? Wenn Snape den Stein in die Hände kriegt, dann kommt Voldemort zurück! Hast du nicht gehört, wie es war, als er versucht hat, die Macht zu übernehmen? Dann gibt es kein Hogwarts mehr, aus dem wir rausgeschmissen werden können! Er würde Hogwarts dem Erdboden gleichma-

 


 

 

chen oder es in eine Schule für schwarze Magie verwandeln! Punkte zu verlieren spielt jetzt keine Rolle mehr, begreift ihr das denn nicht? Glaubt ihr etwa, er lässt euch und eure Familien in Ruhe, wenn Gryffindor den Hauspokal gewinnt? Wenn ich erwischt werde, bevor ich zum Stein komme, sei's drum, dann muss ich zurück zu den Dursleys und darauf warten, dass mich Voldemort dort findet. Das heißt nur, dass ich ein wenig später sterbe, als ich ohnehin müsste, denn ich gehe niemals auf die dunkle Seite! Ich steige heute Nacht durch diese Falltür und nichts, was ihr beide sagt, wird mich aufhalten. Voldemort hat meine Eltern umgebracht, erinnert ihr euch?«

Zornfunkelnd sah er sie an.

»Du hast Recht, Harry«, sagte Hermine leise.

»Ich nehme den Tarnumhang«, sagte Harry. »Ein Glück, dass ich ihn zurückbekommen habe.«

»Aber passen wir alle drei darunter?«, sagte Ron.

»Alle ... alle drei?«

»Aach, hör doch auf, glaubst du etwa, wir lassen dich alleine gehen?«

»Natürlich nicht«, sagte Hermine energisch. »Wie glaubst du eigentlich, dass du ohne uns zu dem Stein kommst? Ich an deiner Stelle würde mir die Bücher vornehmen, da könnte vielleicht was Nützliches drinstehen ...«

»Aber wenn wir erwischt werden, werdet ihr auch raus- geworfen.«

»Das möcht ich erst mal sehen«, entgegnete Hermine mit entschlossener Miene. »Flitwick hat mir schon verraten, dass ich bei ihm in der Prüfung eine Eins plus habe. Mit der Note werfen die mich nicht raus.«

 

Nach dem Abendessen saßen die drei abseits in einer Ecke des Gemeinschaftsraums. Sie waren nervös, aber niemand

 


 

 

kümmerte sich um sie; mit Harry sprach ohnehin keiner von den Gryffindors mehr. An diesem Abend nahm Harry das zum ersten Mal mit Gleichmut hin. Hermine blätterte durch alle ihre Aufzeichnungen, um vielleicht auf einen der Zauberbanne zu stoßen, die sie gleich versuchen würden zu brechen. Harry und Ron redeten nicht viel miteinander. Beide dachten über das nach, was sie gleich unternehmen würden.

Allmählich leerte sich der Raum, es wurde Zeit zum Schlafengehen.

»Hol jetzt besser den Umhang«, murmelte Ron, als Lee Jordan endlich gähnend und sich streckend hinausging. Harry rannte nach oben in ihr dunkles Schlafzimmer. Er zog den Umhang hervor, und dann fiel sein Blick auf die Flöte, die ihm Hagrid zu Weihnachten geschenkt hatte. Er steckte sie ein für Fluffy - nach Singen war ihm nicht besonders zumute.

Dann rannte er wieder hinunter in den Gemeinschaftsraum.

»Wir sollten den Umhang am besten hier anziehen und zusehen, dass wir alle drei darunter passen - wenn Filch einen unserer Füße allein umherwandern sieht -«

»was habt ihr vor?«, sagte eine Stimme aus der Ecke. Neville tauchte hinter einem Sessel auf, mit Trevor in der

Hand, die aussah, als hätte sie wieder einmal einen Fluchtversuch unternommen.

»Nichts, Neville, nichts«, sagte Harry und versteckte hastig den Umhang hinter dem Rücken.

Neville starrte auf ihre schuldbewussten Gesichter.

»Ihr geht wieder raus«, sagte er.

»Nein, nein, nein«, sagte Hermine. »Nein, das tun wir nicht.

Warum gehst du nicht zu Bett, Neville?«

Harry warf einen Blick auf die Uhr bei der Tür. Sie durf-

 


 

 

ten jetzt nicht noch mehr Zeit verlieren, vielleicht sang Snape gerade in diesem Moment Fluffy in den Schlaf

»Ihr könnt nicht rausgehen«, sagte Neville, »sie erwischen euch wieder und Gryffindor kriegt noch mehr Ärger.«

»Das verstehst du nicht«, sagte Harry, »es ist wichtig.«

Doch Neville sprach sich offensichtlich gerade eisernen Mut zu, etwas Verzweifeltes zu tun.

»Ich lass euch nicht gehen«, sagte er und sprang hinüber zum Porträtloch. »Ich - ich kämpfe gegen euch«

»Neville«, schrie Ron auf, »geh weg von dem Loch und sei kein Idiot

»Nenn mich nicht Idiot!«, sagte Neville. »Ich will nicht, dass ihr noch mehr Regeln brecht! Ihr habt mir auch gesagt, ich solle mich gegen die anderen wehren!«

»ja, aber nicht gegen uns«, sagte Ron erschöpft. »Neville, du weißt nicht, was du tust.«

Er trat einen Schritt vor und Neville ließ Trevor fallen, die mit ein paar Hüpfern verschwand.

»Na komm schon, versuch mich zu schlagen«, sagte Neville und hob die Fäuste. »Ich bin bereit!«

Harry wandte sich Hermine zu.

»Unternimm was«, sagte er verzweifelt. Hermine trat vor.

»Neville«, sagte sie. »Das tut mir jetzt arg, arg Leid.« Sie hob den Zauberstab.

»Petrificus Totalus!«, schrie sie, mit ausgestrecktem Arm auf Neville deutend.

Nevilles Arme schnappten ihm an die Seiten. Seine Beine klappten zusammen. Mit vollkommen versteinertem Körper schwankte er ein wenig auf der Stelle und fiel dann, steif wie ein Brett, mit dem Gesicht voraus auf den Boden.

Hermine stürzte zu ihm und drehte ihn um. Nevilles

 


 

 

Kiefer waren zusammengepresst, so dass er nicht mehr sprechen konnte. Nur seine Augen bewegten sich noch und sahen sie mit dem Ausdruck äußersten Entsetzens an.

»Was hast du mit ihm gemacht?«, flüsterte Harry.

»Das ist die Ganzkörperklammer«, sagte Hermine nie- dergeschlagen. »Oh, Neville, es tut mir ja so Leid.«

»Wir mussten es tun, Neville, keine Zeit jetzt, um es zu erklären«, sagte Harry.

»Später wirst du es schon verstehen, Neville«, sagte Ron, als sie über ihn stiegen und sich den Tarnumhang überwarfen.

Den versteinerten Neville zurückzulassen kam ihnen nicht als besonders gutes Omen vor. Nervös, wie sie waren, sah jede Statue wie Filch aus, klang jeder ferne Windhauch wie Peeves, der auf sie herabsauste.

Am Fuß der ersten Treppe bemerkten sie, dass oben, fast am Ende der Treppe, Mrs. Norris lauerte.

»Ach, geben wir ihr einen Fußtritt, nur dieses eine Mal«, flüsterte Ron Harry ins Ohr, doch Harry schüttelte den Kopf Sie kletterten vorsichtig um sie herum, und Mrs. Norris richtete ihre Lampenaugen auf sie, rührte sich jedoch nicht vom Fleck.

Sie trafen niemanden sonst, bis sie die Treppe erreichten, die hoch zum dritten Stock führte. Peeves hüpfte auf halber Höhe umher und zog den Teppich auf den Stufen locker, um die Darübergehenden ins Stolpern zu bringen.

»Wer da?«, fragte er plötzlich, als sie zu ihm hochstiegen. Seine gemeinen schwarzen Augen verengten sich. »Ich weiß, ihr seid da, auch wenn ich euch nicht sehen kann. Wer seid ihr, Gespenster oder kleine Schulbiester?«

Er stieg empor und blieb lauernd in der Luft schweben.

»Sollte Filch rufen, sollte ich, wenn etwas Unsichtbares umherschleicht.«

 


 

 

Harry schoss eine Idee durch den Kopf

»Peeves«, sagte er heiser flüsternd, »der Blutige Baron hat seine Gründe, unsichtbar zu bleiben.«

Peeves fiel vor Schreck fast aus der Luft. Er konnte sich gerade noch rechtzeitig abfangen und blieb einen Meter über der Treppe hängen.

»Verzeihung vielmals, Eure Blutigkeit, Herr Baron, Sir«, sagte er schleimig. »Meine Schuld, ganz meine Schuld -ich hab Sie nicht gesehen - natürlich nicht, Sie sind unsichtbar - verzeihen Sie dem alten Peeves diesen kleinen Scherz, Sir.«

»Ich bin geschäftlich hier, Peeves«, krächzte Harry. »Bleiben Sie heute Nacht von hier fern.«

»Das werde ich, Sir, das werde ich ganz gewiss tun«, sagte Peeves und stieg wieder in die Lüfte. »Hoffe, die Geschäfte gehen gut, Herr Baron, ich werde Sie nicht belästigen.«

Und er schoss davon.

»Genial, Harry!«, flüsterte Ron.

Ein paar Sekunden später standen sie draußen vor dem Korridor im dritten Stock - und die Tür war nur angelehnt.

»Schöne Bescherung«, sagte Harry leise. »Snape ist schon an Fluffy vorbei.«

Die offene Tür schien allen dreien eindringlich zu sagen, was sie erwartete. Unter dem Umhang wandte sich Harry an die beiden andern.

»Wenn ihr jetzt zurückwollt, mach ich euch keinen Vor- wurf«, sagte er. »Ihr könnt den Umhang nehmen, ich brauche ihn jetzt nicht mehr.«

»Red keinen Stuss«, sagte Ron.

»Wir kommen mit«, sagte Hermine. Harry stieß die Tür auf.


 

 

Die Tür knarrte und ein tiefes, grollendes Knurren drang an ihre Ohren. Wie im Wahn schnüffelte der Hund mit allen drei Schnauzen nach ihnen, auch wenn er sie nicht sehen konnte.

»Was liegt da zwischen seinen Beinen?«, flüsterte Hermine.

»Sieht aus wie eine Harfe«, sagte Ron. »Snape muss sie dagelassen haben.«

»Er wacht sicher auf, sobald man aufhört zu spielen«, sagte Harry. »Nun, dann mal los ...«

Er setzte Hagrids Flöte an die Lippen und blies hinein. Es war keine richtige Melodie, doch kaum hatte er einen Ton hervorgebracht, kroch schon die Müdigkeit in die Augen des Untiers. Harry wagte kaum Luft zu holen. Allmählich wurde das Knurren des Hundes schwächer - er torkelte und tapste ein wenig mit den Pfoten, fiel auf die Knie, plumpste dann vollends zu Boden und versank in tiefen Schlaf.

»Spiel weiter«, ermahnte Ron Harry, als sie aus dem Mantel schlüpften und zur Falltür krochen. Sie näherten sich den riesigen Köpfen und spürten den heißen, stinkenden Atem des Hundes.

»Ich glaube, wir können die Tür hochklappen«, sagte Ron und spähte über den Rücken des Tiers. »Willst du zuerst gehen, Hermine?«

»Nein, will ich nicht!«

»Schon gut.« Ron biss die Zähne zusammen und stapfte vorsichtig über die Beine des Hundes. Er bückte sich und zog am Ring der Falltür; sie schwang auf

»Was siehst du?«, fragte Hermine neugierig.

»Nichts - alles dunkel - hinunterklettern können wir nicht, es bleibt uns nichts übrig, als zu springen.«

Harry, der noch immer Flöte spielte, winkte Ron und deutete auf sich.


 

 

»Du willst zuerst? Bist du sicher?«, fragte Ron. »Ich weiß nicht, wie tief das Loch ist. Gib Hermine die Flöte, damit er nicht wach wird.«

Harry gab ihr die Flöte. Während der wenigen Sekunden der Stille knurrte und zuckte der Hund, doch in dem Augenblick, da Hermine zu spielen begann, fiel er wieder in tiefen Schlaf.

Harry stieg über ihn hinweg und blickte durch die Öffnung der Falltür. Er sah in bodenlose Schwärze.

Er stieg durch die Luke, bis er nur noch an den Fingerspitzen baumelte. Dann sah er hoch zu Ron und sagte: »Wenn mir etwas passiert, kommt nicht hinterher. Geht gleich in die Eulerei und schickt Hedwig zu Dumbledore, ja?«

»Gut«, sagte Ron.

»Wir sehen uns gleich, hoffentlich ...«

Und Harry ließ sich fallen. Kalte, feuchte Luft rauschte an ihm vorbei, und er fiel immer weiter, weiter und -

FLUMMPPH. Mit einem merkwürdig dumpfen Aufschlag landete er auf etwas Weichem. Er setzte sich auf; seine Augen hatten sich noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt, und so ertastete er mit den Händen seine Umgebung. Es fühlte sich an, als würde er auf einer Art Pflanze sitzen.

»Alles in Ordnung!«, rief er nach oben zu dem Lichtfleck der offenen Luke, die jetzt so groß wirkte wie eine Briefmarke. »Ich bin weich gelandet, ihr könnt springen!«

Ron folgte ihm ohne Zögern. Er landete auf allen vieren neben Harry.

»Was ist das für ein Zeug?«, waren seine ersten Worte.

»Weiß nicht, eine Art Pflanze. Ich glaube, sie soll den Sturz abfedern. Komm runter, Hermine!«

Die ferne Musik verstummte. Der Hund gab einen lau-


 

 

ten Kläffer von sich, doch Hermine war schon gesprungen. Sie landete auf Harrys anderer Seite.

»Wir müssen Meilen unter der Schule sein«, sagte sie.

»Ein Glück, dass diese komische Pflanze hier ist«, sagte Ron.

»Glück?«, kreischte Hermine. »Schaut euch nur an!«

Sie sprang auf und stakste mühsam zu einer feuchten Wand hinüber. Sie musste alle Kraft aufwenden, denn kaum dass sie gelandet war, hatte die Pflanze begonnen, Ranken wie Schlangen um ihre Fußknöchel zu winden. Und ohne dass sie es gemerkt hatten, waren Harrys und Rons Beine schon fest mit langen Kletten verschnürt.

Hermine hatte es geschafft, sich zu befreien, bevor die Pflanz e sich an ihr festgesetzt hatte. Nun sah sie entsetzt zu, wie die beiden jungen verzweifelt versuchten die Schlingen von sich abzureißen, doch je mehr sie sich sträubten, desto fester und schneller wand sich die Pflanze

 

um sie.

»Haltet still!«, befahl ihnen Hermine. »Ich weiß, was das ist - es ist eine Teufelsschlinge!«

»oh, gut, dass ich weiß, wie das, was mich umbringt, heißt, das ist eine große Hilfe«' fauchte Ron und beugte sich nach hinten, damit die Pflanze sich nicht um seinen Hals schlingen konnte.

»Sei still, ich versuch mich zu erinnern, wie man sie ver- scheuchen kann!«, sagte Hermine.

»Na dann beeil dich, ich ersticke!«, würgte Harry hervor, der mit den Schlingen um seine Brust kämpfte.

»Teufelsschlinge, Teufelsschlinge ... Was hat Professor Sprout gesagt? - Sie mag das Dunkle und Feuchte -«

»Dann mach Feuer!«, ächzte Harry.

»Ja - natürlich - aber hier gibt es kein Holz!«, schrie Hermine händeringend.

 


 

 

»BIST DU VERRÜCKT GEWORDEN?«, brüllt Ron.

»BIST DU NUN EINE HEXE ODER NICHT?«

»Ach ja!«, sagte Hermine und riss ihren Zauberstab hervor, schwang ihn, murmelte etwas und schickte einen Strom der gleichen bläulichen Flämmchen gegen die Pflanze, mit denen sie schon Snape angekokelt hatte. Nach wenigen Augenblicken spürten die jungen, dass die Schlingen sich lockerten und die Pflanze vor dem Licht und der Hitze auswich. Zitternd und mit den Schlingen schlagend löste sie sich von Harry und Ron und sie konnten die Pflanze schließlich vollends abschütteln.

»Ein Glück, dass du in Kräuterkunde aufgepasst hast, Hermine«, sagte Harry, als er zu ihr an die Wand sprang und sich den Schweiß vom Gesicht wischte.

»Ja«, sagte Ron, »und ein Glück, dass Harry den Kopf nicht verliert, wenn's brenzlig wird - >es gibt kein Holz< -also wirklich!«

»Da lang«, sagte Harry und deutete auf den einzigen Weg, der sich bot, einen steinernen Gang.

Alles, was sie außer ihren Schritten hören konnten, war ein sanftes Rieseln von Wasser, das die Wände herablief. Der Gang neigte sich in die Tiefe und Harry musste an Gringotts denken. Mit plötzlichem, schmerzhaftem Herzpochen fiel ihm ein, dass angeblich Drachen die Verliese in der Zaubererbank bewachten. Wenn sie nun auf einen Drachen stießen, auf einen ausgewachsenen Drachen -Norbert war schon schlimm genug gewesen ...

»Kannst du etwas hören?«, flüsterte Ron.

Harry lauschte. Von oben schien ein leises Rascheln und Klimpern zu kommen.

»Glaubst du, das ist ein Geist?«

»Ich weiß nicht ... hört sich an wie Flügel.«

»Da vorn ist Licht und etwas bewegt sich.«

 


 

 

Sie erreichten das Ende des Ganges und sahen vor sich eine strahlend hell erleuchtete Gruft, deren Decke sich hoch über ihnen wölbte. Sie war voller kleiner, diamantheller Vögel, die im ganzen Raum umherflatterten und herumhüpften. Auf der anderen Seite der Gruft war eine schwere Holztür.

»Glaubst du, sie greifen uns an, wenn wir durchgehen?«, sagte Ron.

»Wahrscheinlich«, sagte Harry. »Sie sehen zwar nicht gerade bösartig aus, aber ich glaube, wenn sie alle auf einmal auf uns losgehen ... Nun, es bleibt uns nichts anderes übrig ... Ich renne hinüber.«

Er holte tief Luft, bedeckte das Gesicht mit den Armen und stürmte durch die Gruft. Er rechnete jede Sekunde damit, dass sich die Vögel mit scharfen Schnäbeln und Klauen auf ihn stürzten, doch nichts geschah. Harry erreichte die Tür, ohne dass sie sich um ihn kümmerten. Er drückte die Klinke, doch die Tür war verschlossen.

Die beiden anderen folgten ihm. Sie zogen und rüttelten an der Tür, doch sie gab nicht um Haaresbreite nach, nicht einmal, als es Hermine mit ihrem Alohomora-Spruch probierte.

»Was nun?«, sagte Ron.

»Diese Vögel ... sie können nicht einfach zum Anschauen hier sein«, sagte Hermine.

Sie betrachteten die Vögel, die funkelnd über ihren Köpfen umherschwirrten -funkelnd?

»Das sind keine Vögel!«, sagte Harry plötzlich, »das sind Schlüssel! Geflügelte Schlüssel, seht genau hin. Das muss also heißen ...« Er sah sich in der Gruft um, während die anderen beiden zu dem Schlüsselschwarm emporschauten.

»... ja, seht mal! Besen! Wir müssen den Schlüssel zur Tür einfangen!«


 

 

»Aber es gibt hunderte davon!« Ron untersuchte das Türschloss.

»Wir suchen nach einem großen, altmodischen Schlüssel - vermutlich silbern, wie die Klinke.«

Sie packten jeder einen Besen, stießen sich hoch in die Luft und fegten inmitten der Wolke aus Schlüsseln herum. Sie grabschten und pickten nach ihnen, doch die verhexten Schlüssel schossen pfeilschnell davon oder tauchten weg, so dass es unmöglich schien, einen zu fangen.

Nicht umsonst jedoch war Harry der jüngste Sucher seit einem Jahrhundert. Er hatte ein Talent dafür, Dinge zu sehen, die anderen verborgen blieben. Eine Welle wedelte er durch den Wirbel der Regenbogenfedern, dann fiel ihm ein großer silberner Schlüssel mit einem geknickten Flügel auf. Er sah aus, als hätte ihn schon jemand gepackt und grob ins Schlüsselloch gesteckt.

»Der dort!«, rief er den andern zu. »Dieser große - dort - nein, dort - mit himmelblauen Flügeln - auf der einen Seite ist er ganz zerzaust.«

Ron sauste in die Richtung, in die Harry deutete, krachte gegen die Decke und fiel fast von seinem Besen.

»Wir müssen ihn einkreisen!«, rief Harry, ohne den Schlüssel mit dem beschädigten Flügel aus den Augen zu lassen. »Ron, du kommst von oben - Hermine, du bleibst unten, falls er abtaucht - und ich versuche ihn zu fangen. Los, JETZT«

Ron kam im Sturzflug heruntergeschossen, Hermine raste steil nach oben wie eine Rakete; der Schlüssel wich beiden aus. Harry raste ihm hinterher, der Wand entgegen, er beugte sich weit vor und presste den Schlüssel mit der Hand gegen die Wand. Es gab ein hässliches Knirschen. Die Gruft hallte vor Rons und Hermines Jubelrufen.

Sie ließen sich schnell auf den Boden herunter und


 

 

Harry lief mit dem widerspenstigen Schlüssel in der Hand zur Tür. Er rammte ihn in das Schloss, drehte ihn um - und es klickte. Kaum hatte sich das Schloss geöffnet, flatterte der Schlüssel wieder los, nun, da er zweimal gefangen worden war, sehr mitgenommen aussehend.

»Seid ihr bereit?«, fragte Harry die anderen beiden, die Hand auf der Türklinke. Sie nickten. Er öffnete die Tür.

Die nächste Gruft war so dunkel, dass sie überhaupt nichts sehen konnten. Doch als sie einen Schritt hineintaten, flutete Licht durch den Raum, und ihnen bot sich ein verblüffender Anblick.

Sie standen am Rande eines riesigen Schachbretts, im Rücken der schwarzen Schachfiguren, allesamt größer als sie und offenbar aus einer Art schwarzem Stein gemeißelt. Ihnen gegenüber, auf der anderen Seite der Gruft, standen die weißen Figuren. Harry, Ron und Hermine erschauderten - die riesigen weißen Figuren hatten keine Gesichter.

»Und was sollen wir jetzt tun?«, flüsterte Harry.

»Ist doch klar«, sagte Ron. »Wir müssen uns durch den Raum spielen.«

Hinter den weißen Figuren konnten sie eine weitere Tür sehen.

»Wie?«, sagte Hermine nervös.

»Ich glaube«, sagte Ron, »wir müssen Schachmenschen werden.«

Er ging vor zu einem schwarzen Springer, streckte die Hand aus und berührte ihn. Sofort erwachte der Stein zum Leben. Das Pferd scharrte und der Ritter wandte seinen behelmten Kopf zu Ron hinunter.

»Müssen wir - ähm - mit euch kämpfen, um hinüber- zukommen?«

Der schwarze Ritter nickte. Ron drehte sich zu den andern

um.

 


 

 

»Lasst mich mal nachdenken ...«, sagte er. »Ich denke, wir müssen die Plätze von drei der Schwarzen einnehmen ...«

Harry und Hermine sahen schweigend zu, wie Ron nachdachte. Schließlich sagte er: »Hört mal, seid nicht beleidigt, aber keiner von euch beiden ist besonders gut im Schach.«

»Wir sind nicht beleidigt«, sagte Harry rasch. »Sag uns einfach, was wir tun sollen.«

»Gut. Harry, du nimmst den Platz dieses Läufers ein, und Hermine, du stellst dich neben ihn an die Stelle dieses Turms.«

»Was ist mit dir?«

»Ich bin ein Springer«, sagte Ron.

Die Schachfiguren hatten offenbar zugehört, denn in diesem Augenblick kehrten ein Springer, ein Läufer und ein Turm den weißen Figuren den Rücken und schritten vom Platz. Sie ließen drei leere Quadrate zurück, auf denen Harry, Ron und Hermine ihre Plätze einnahmen.

»Weiß zieht im Schach immer zuerst«, sagte Ron und spähte über das Brett. »Ja ... schaut ...«

Ein weißer Bauer war zwei Felder vorgerückt.

Ron begann die schwarzen Figuren zu führen. Wo immer er sie hinschickte, sie rückten schweigend auf ihre Plätze. Harry zitterten die Knie. Was, wenn sie verloren?

»Harry, rück vier Felder schräg nach rechts.«

Richtig mit der Angst zu tun bekamen sie es erst, als der andere Springer geschlagen wurde. Die weiße Dame schlug ihn zu Boden und schleifte ihn vom Brett, wo er mit dem Gesicht nach unten bewegungslos liegen blieb.

»Ich musste das zulassen«, sagte Ron erschüttert. »Deshalb kannst du jetzt diesen Läufer schlagen, Hermine, geh los.«

Wenn die Weißen eine ihrer Figuren schlagen konnten,

 


 

 

zeigten sie niemals Gnade. Nach kurzer Zeit lagen haufenweise übereinander gekrümmte schwarze Spieler entlang der Wand. Zweimal bemerkte Ron gerade noch rechtzeitig, dass Harry und Hermine in Gefahr waren. Er selbst jagte auf dem Brett umher und schlug fast so viele weiße Figuren, wie sie schwarze verloren hatten.

»Wir haben es gleich geschafft«' murmelte er plötzlich.

»Lasst mich nachdenken ... lasst mich nachdenken ...« Die weiße Königin wandte ihm ihr leeres Gesicht zu.

»ja ...«, sagte Ron leise, »das ist die einzige Chance ... Ich muss geschlagen werden.«

»NEIN!«, riefen Harry und Hermine.

»So ist es eben im Schach«, herrschte sie Ron an.

»Manchmal muss man Figuren opfern! Ich springe vor und sie schlägt mich, dann könnt ihr den König schachmatt setzen. Harry«

»Aber -«

»Willst du Snape aufhalten oder nicht?«

»Ron -«

»Hör zu, wenn du dich nicht beeilst, dann ist er mit dem Stein auf und davon«

Darauf gab es nichts mehr zu sagen.

»Fertig?«, rief Ron mit blassem Gesicht, aber entschlossen.

»Ich springe, und trödelt nicht, wenn ihr gewonnen habt.«

Er sprang vor und die weiße Dame stürzte sich auf ihn. Mit ihrem steinernen Arm schlug sie Ron heftig gegen den Kopf und er brach auf dem Boden zusammen. Hermine schrie, blieb aber auf ihrem Feld. Die weiße Dame schleifte Ron zur Seite. Offenbar hatte sie ihn bewusstlos geschlagen.

Harry ging mit zitternden Knien drei Felder nach links. Der weiße König nahm seine Krone ab und warf sie

 


 

 

Harry zu Füßen. Sie hatten gewonnen. Die Schachfiguren verbeugten sich zum Abschied und gaben die Tür auf ihrer Seite frei. Mit einem letzten verzweifelten Blick zurück auf Ron stürmten Harry und Hermine durch die Tür und rannten den nächsten Gang entlang.

»Was, wenn er -?«

»Er wird schon wieder auf die Beine kommen«, sagte Harry, gegen seine Zweifel ankämpfend. »was, meinst du, kommt als Nächstes?«

»Wir haben den Zauber von Sprout hinter uns, das war die Teufelsschlinge, Flitwick muss die Schlüssel verhext haben, Professor McGonagall hat die Schachfiguren lebendig gemacht, bleibt noch der Zauber von Quirrell und der von Snape ... #

Sie waren an eine weitere Tür gelangt.

»Einverstanden?«, flüsterte Harry.

»Mach schon.«

Harry stieß die Tür auf

Ei widerlicher Gestank schlug ihnen entgegen und beide hielten sich den Umhang vor die Nase. Mit tränenden Augen sahen sie einen Troll, alle viere von sich gestreckt und mit einer blutigen Wunde am Kopf, auf dem Boden liegen, noch größer sogar als der, mit dem sie es schon aufgenommen hatten.

»Ich bin heilfroh, dass wir uns den sparen können«, flüsterte Harry, als sie vorsichtig über eines seiner massigen Beine stapften. »Komm weiter, mir verschlägt es den Atem.«

Er öffnete die nächste Tür, und beide wagten kaum hin- zusehen, was wohl als Nächstes kommen würde. Doch hier drin war nichts besonders Furcht erregend, nur ein Tisch mit sieben aneinander gereihten Flaschen, die alle unterschiedliche Gestalt hatten.

 


 

 

»Snapes Zauber«, sagte Harry. »Was müssen wir tun?«

Kaum waren sie über die Schwelle getreten, loderte hinter ihnen im Türrahmen ein Feuer hoch. Es war kein gewöhnliches Feuer: Es war purpurrot. Im gleichen Augenblick schossen schwarze Flammen im Türbogen gegenüber auf Sie saßen in der Falle.

»Schau mal!« Hermine griff nach einem zusammengerollten Blatt Papier, das neben den Flaschen lag. Harry sah ihr über die Schulter und las:

 

Die Gefahr liegt vor euch, die Rettung zurück, Zwei von uns helfen, bei denen habt ihr Glück, Eine von uns sieben, die bringt euch von dannen,

Eine andere führt den Trinker zurück durch die Flammen, Zwei von uns enthalten nur guten Nesselwein,

Drei von uns sind Mörder, warten auf eure Pein.

Wählt eine, wenn ihr weiterwollt und nicht zerstäuben hier. Euch helfen sollen Hinweis' - und davon ganze vier: Erstens: so schlau das Gift versteckt mag sein,

's ist immer welches zur Linken vom guten Nesselwein; Zweitens: die beiden an den Enden sind ganz verschied'ne Leut, doch wenn ihr eine weitergeht, so ist keine davon euer Freund; Drittens: wie ihr deutlich seht, sind alle verschieden groß.

Doch weder der Zwerg noch der Riese enthalten euren Tod. Viertens: die zweite von links und die zweite von rechts werden Zwillinge sein,

so verschieden sie schauen auf den ersten Blick auch drein.

 

 


 

 

Hermine seufzte laut auf und Harry sah verblüfft, dass sie lächelte, das Letzte, wonach ihm zumute war.

»Ausgezeichnet«, sagte Hermine. »Das ist nicht Zauberei, das ist Logik, ein Rätsel. Viele von den größten Zauberern haben keine Unze Logik im Kopf, die säßen hier für immer in der Falle.«

»Aber wir doch auch, oder?«

»Natürlich nicht«, sagte Hermine. »Alles, was wir brauchen, steht hier auf diesem Papier. Sieben Flaschen: drei enthalten Gift; zwei Wein; eine bringt uns sicher durch das schwarze Feuer und eine bringt uns zurück durch das purpurne.«

»Aber woher sollen wir wissen, welche wir trinken müssen?«

»Gib mir eine Minute Zeit.«

Hermine las das Papier mehrmals durch. Dann ging sie vor den Flaschen auf und ab, vor sich hin murmelnd und auf sie deutend. Schließlich klatschte sie in die Hände.

»Ich hab's«, sagte sie. »Die kleinste Flasche bringt uns durch das schwarze Feuer, zum Stein.«

Harry musterte die kleine Flasche.

»Sie reicht nur für einen«, sagte er. »Das ist kaum ein Schluck.«

Sie sahen sich an.

»Welche führt zurück durch die Purpurflammen?«

Hermine deutete auf eine bauchige Flasche am einen Ende der Reihe.

»Die trinkst du«, sagte Harry. »Nein, hör zu, geh zurück und nimm Ron mit, schnappt euch zwei Besen aus dem Raum mit den fliegenden Schlüsseln, die bringen euch durch die Falltür und an Fluffy vorbei; fliegt sofort in die Eulerei und schickt Hedwig zu Dumbledore, wir brauchen ihn. Vielleicht kann ich Snape eine Weile hin-

 


 

 

halten, aber im Grunde kann ich es nicht mit ihm aufnehmen.«

»Aber, Harry, was ist, wenn Du-weißt-schon-wer bei ihm ist?«

»Tja, das letzte Mal hab ich Glück gehabt«, sagte Harry und deutete auf seine Narbe. »Vielleicht hab ich ja noch mal Glück.«

Hermines Lippen zitterten und plötzlich rannte sie auf Harry zu und warf die Arme um ihn.

»Hermine!«

»Harry, du bist ein großer Zauberer, das weißt du.«

»Ich bin nicht so gut wie du«, sagte Harry ganz verlegen. Sie ließ ihn los.

»Wie ich?«, sagte Hermine. »Bücher! Schlauheit! Es gibt wichtigere Dinge - Freundschaft und Mut und - o Harry, sei vorsichtig!«

»Trink du zuerst« sagte Harry. »Du bist dir sicher, was wo drin ist?«

»Vollkommen«, sagte Hermine. Sie nahm einen großen Schluck aus der runden Flasche und erschauderte.

»Es ist kein Gift?«, sagte Harry beängstigt.

»Nein, aber es ist wie Eis.«

»Schnell, geh, bevor es nachlässt.«

»Viel Glück, pass auf dich auf -«

»GEH!«

Hermine wandte sich um und ging geradewegs durch das purpurne Feuer.

Harry holte tief Luft und nahm die kleinste Flasche in die Hand. Er wandte sich den schwarzen Flammen zu.

»Ich komme«, sagte er und leerte die kleine Flasche mit einem Zug.

Es war wirklich wie Eis, das seinen Körper durchströmte. Er stellte die Flasche zurück, nahm all seinen Mut zu-


 

 

sammen und machte sich auf; er sah die schwarzen Flammen an seinem Körper hochzüngeln, doch er spürte sie nicht. Einen Moment lang konnte er nichts sehen außer dunklem Feuer, dann war er auf der anderen Seite, in der letzten Gruft.

Jemand war schon da, doch es war nicht Snape. Es war auch nicht Voldemort.

 


 


Date: 2015-12-11; view: 260


<== previous page | next page ==>
Der Spiegel Nerhegeb 5 page | Der Mann mit den zwei Gesichtern
doclecture.net - lectures - 2014-2018 year. Copyright infringement or personal data (0.045 sec.)