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Ganz Berlin bei der Fete von Thilo Weißpflug...

GROSSE SOMMERNACHTSPARTY

 

Müller beugt sich vor, um den Text besser lesen zu können.

"Das Ereignis der Saison war die Party bei Thilo Weiß­pflug. Der bekannte Salonlöwe hat wieder eingeladen. Die ganze Film- und Kunstszene folgte der Einladung in seine Villa..."

 

"Oh, Verzeihung, Chef, natürlich, der Sportteil!" Bea faltet die Zeitung und gibt Müller die Sportseiten.

"Ach, nein, könnte ich bitte die letzte Seite haben?"

"Die letzte Seite? Interessieren Sie sich jetzt für die Klatsch­spalte? Oh, ich verstehe! Unser Kunstliebhaber Müller sucht Anschluß an die High Society. Und damit der Smo­king wieder paßt..."

"Bea, Ihr Humor ist heute unerträglich! Und außerdem verstehen Sie gar nichts. Hier geht es nicht um Kunst, sondern ... Ach, lassen wir das." Müller ruft den Kellner.

 

 

Müller schwitzt fürchterlich. Sein alter Trainingsanzug ist vollkommen naß. Diät und Radfahren. Das hält fit und ist gesund, sagt man. Alle anderen Radfahrer überholen ihn. Mountain Bikes und Zehngangschaltung. Er sitzt auf einem alten holländischen Gesundheitsrad mit hohem Lenker und breitem Sattel. Als er es vor ein paar Tagen aus dem Keller holte, mußte er es erst einmal reparieren. Das letzte Mal saß er vor zehn Jahren auf diesem Ding.

Aber er strampelt nicht nur wegen der Diät durch den Grunewald. Die Villa von Thilo Weißpflug, dem Kunsthi­storiker! 'Recherche vor Ort' heißt das im Detektivjargon. Paul Klee, Walter Angermeier, das Bild ...

"Tuut, Tuut!" Ein weißer Jaguar rast den Asphaltweg entlang, und Müller wäre vor Schreck beinahe gegen einen Baum, gefahren.

"Idiot!" Müller blickt dem Fahrzeug nach, das nach einigen hundert Metern in eine Einfahrt abbiegt. Wütend strampelt Müller dem Jaguar hinterher. Vor einer breiten Einfahrt, die mit einem automatischen Eisengitter versperrt ist, steigt Müller ab und erkennt vor der Villa den geparkten Jaguar. Ein schmal gebauter Mann in einem modischen weißen Leinenanzug, mit wirren Haaren und einer vergoldeten Nickelbrille, geht lachend mit zwei Frauen in Sommerklei­dern auf das Haus zu. Müller schaut auf das Messingschild, das in das Einfahrtstor montiert ist: Prof. Dr. Thilo Weiß­pflug.

'Das also ist der berühmte Professor!' denkt Müller. Kein alter dicker Gelehrter, sondern ein schmächtiges Kerlchen, Typ verrückter Intellektueller. Jetzt fällt Müller auch die Villa auf: Gründerzeit, Jugendstil, vornehm und sicher teuer.' Muß der Geld haben!' denkt Müller und steigt wieder auf sein Dinosaurierfahrrad. Er denkt darüber nach, warum die Welt so ungerecht ist und strampelt schwitzend nach Hause. Als er nach dem Duschen auf die Waage steigt, ist er zufrieden: Schon 1350 Gramm abgenommen. Das Lei­den lohnt sich also doch!



 

 

"Ja, Ernst, bestimmt! Nächstes Wochenende. Ich freue mich schon! Tschüs!"

Er hat mit Ernst Bucher telefoniert. Ernst kennt er schon zwanzig Jahre. Philosophische Fakultät FU Berlin. Ernst weiß viel und ist verschwiegen. Seine Informationen über diesen Professor waren sehr interessant. Müller legt den Hörer auf und macht sich Notizen.

Der Herr lebt wie ein Playboy. Feste, Reisen, die Villa, der Jaguar... für einen Professor ein bißchen viel! Müller zeich­net einen Kreis auf seinen Zettel.

Ja, so muß es sein. So schließt sich der Kreis. Der Fall scheint klar. Walter Angermeier, frustriert über seine Mißerfolge als Kunstmaler, beschließt, Bilder zu fälschen. Das Auktionshaus organisiert einen Professor, der die Ex­pertise schreibt, und dann wird das Bild mit großer Publici­ty versteigert. Und bei 120.000 DM verdienen alle drei ganz gut...

 

 

In den folgenden Tagen versucht Müller, seinen Freund Walter Angermeier anzurufen. Er will mit ihm sprechen, ihn fragen, warum er so etwas macht, er will wissen, ob sein Verdacht auch richtig ist. Vielleicht ist es ja doch alles ein Irrtum. Müller will nicht glauben, daß Walter ein Kriminel­ler ist Er ruft täglich an. Doch Walter ist nicht da. Schließ­lich fährt er zu ihm. Er steigt die Treppen hoch und klopft an die Ateliertür. Nichts. Vor der Tür liegt ein Stapel Zeitungen. Im Briefkasten sind eine ganze Menge Karten und Briefe. 'Walter muß schon seit etlichen Tagen weg sein', denkt Müller. Aus dem Briefkasten zieht er einen Umschlag und schreibt auf die Rückseite:

 

'Treten Sie ein, junger Mann!" Die freundliche alte Dame hält Müller die Tür auf und bittet ihn in die Galerie. Schönfeld - Moderne Kunst steht in feiner Goldschrift auf der Glastür. Die Adresse dieser Galerie hat ihm Bea gegeben. Er hat ihr schließlich die ganze Geschichte er­zählt. Zuerst wollte er nicht mit ihr darüber reden. Es war ja kein Fall für die Detektei, sondern seine Privatsache. Aber er wußte einfach nicht mehr weiter. Und mit modemer -Kunst kannte er sich ja wirklich nicht aus. Also hat er ihr von seinem Besuch im Atelier von Walter berichtet, von dem Aquarell, das ihm so gut gefallen hat, von der Auktion, von Thilo Weißpflug. Und Bea konnte ihm wirklich helfen. Bea kannte Sophie Schönfeld seit vielen Jahren. Die alte Dame kam nach dem Ende des Faschismus aus dem Exil zurück nach Berlin und lebte in den fünfziger Jahren im gleichen Haus wie Beas Eltern. Später hat Bea sie oft in ihrer Galerie besucht. "Sie war so etwas wie eine Tante für mich!" hat Bea Müller erklärt. Dann hat sie in der Galerie angerufen und einen Termin für Müller vereinbart.

"Guten Tag, Frau Schönfeld. Sehr freundlich von Ihnen, daß Sie so schnell Zeit hatten." Die alte Dame bittet Müller in ihr Büro. Sie gehen durch den Ausstellungsraum, und Müller schaut sich einige Bilder an.

"Das sind neuere Arbeiten von Karel Appel", erklärt So­phie Schönfeld. "Wir arbeiten schon seit Jahrzehnten zu­sammen. Bitte nehmen Sie doch Platz!"

Das Büro ist einfach eingerichtet. Ein Schreibtisch aus Glas. Moderne Stühle. Ein Regal mit Aktenordnern. Die Wände hängen voller Bilder.

"Das ist meine Privatsammlung. Heute sind das alles Klas­siker und unbezahlbar. Aber ich kannte ja fast alle Maler noch persönlich."

Müller sieht sich um. Alles abstrakte Malerei. Einige Bilder sind mit Widmung: 'Pour Sophie, amicalment Serge Polia-koff" kann Müller lesen.

"Was kann ich für Sie tun, Herr Müller? Bea erzählte mir am Telefon, daß Sie beide zusammenarbeiten, aber worum es geht, hat sie mir nicht gesagt."

"Ja, also, Frau Schönfeld, es geht um das Aquarell von Paul Klee. Ich meine, um das Aquarell, das kürzlich vom Auk­tionshaus König versteigert wurde. Das Bild ist ja nicht signiert, aber dafür gibt es eine Expertise und ..."

Der Blick der alten Dame wird kritisch.

"So, so, das Aquarellvon Paul Klee. Na, ich hoffe nur, daß Sie das Bild nicht gekauft haben."

"Nein, nein, habe ich nicht, aber wieso? Die Expertise ... hier, lesen Sie!" Müller gibt ihr die Fotokopie des Gutach­tens von Thilo Weißpflug. Sophie Schönfeld wirft nur einen kurzen Blick auf das Schreiben und gibt es dann Müller zurück.

"Diese Expertise ist soviel wert wie das Papier, auf das sie geschrieben ist, Herr Müller. Lesen Sie mal: 'Aller Wahr­scheinlichkeit ..., mit großer Sicherheit...'

Das ist doch alles Interpretationssache. Und außerdem höchst unseriös! Leider gibt es in unserer Branche auch schwarze Schafe, Kriminelle, Gangster mit weißer Weste!"

"Sie meinen, daß das Bild nicht echt ist? Und die Experti­se? Und das viele Geld?" Müller denkt an Angermeier.

"Sehen Sie, Herr Müller, der Kunstmarkt ist ein gut organi­siertes Geschäft. Schon immer haben Maler mit Galerien zusammengearbeitet. Die einen malen, die anderen verkau­fen. Beides ist eine Kunst, wenn ich mal so sagen darf. Da taucht nicht plötzlich ein unbekannter Klee auf. Wo war das Bild denn die letzten siebzig Jahre? In irgendeiner Schubla­de vergessen? Und außerdem hat Paul Klee selbst sehr genau Buch geführt über seine Arbeiten. Nein, nein, das Bild brauche ich erst gar nicht zu sehen, um Ihnen zu sagen, daß es kein Klee ist. Es sieht vielleicht so aus, und so steht es auch in der Expertise. Und der Experte, dieser Professor Weißpflug, weiß genau, daß er mit seinem Gutachten aus einem kleinen Aquarell eine teure Ware macht."

"Ja, aber dann kann man doch das Auktionshaus verklagen. Das ist doch Fälschung!" Müller ist ganz aufgeregt. "Nein, eben nicht! Es ist keine Fälschung! Das Bild ist nicht signiert! Und weil es nicht signiert ist, ist es auch keine Fälschung."

"Und das Gutachten? Dann muß man den Gutachter ..."

"Auch nicht, Herr Müller! Das Gutachten sagt an keiner Stelle, daß es sich wirklich um ein Werk von Paul Klee handelt. In der Expertise steht: 'Aller Wahrscheinlichkeit' ...' typisch für seinen Stil' und so weiter. Außerdem können sich auch Experten mal irren, nicht wahr?"

"Und dieser Irrtum kostet 120.000 DM?" Müller ist empört.

"Ach, wissen Sie, Herr Müller, das hat sich bestimmt kein Armer gekauft. Außerdem, die ganze Publicity ... für den Käufer ist dieser Rummel viel mehr wert als der falsche Klee. Stellen Sie sich vor, wenn seine Geschäftsfreunde dann im Büro das Werk bewundem. In gewissen Kreisen gilt das als schick. Und von Kunst verstehen diese Leute! sowieso nichts."

" Und der Maler, der solche Sachen macht ?" fragt Müller vorsichtig.

"Tja, was soll ich sagen. Das ist mehr eine Frage der Ehre und der persönlichen Integrität. Manche Maler haben nicht genug Geduld, manche nicht genug Talent, um um Aner­kennung zu kämpfen. Schade... Ich würde jedenfalls gerne mal den Klee-Imitator kennenlernen und mich mit ihm unterhalten."

Einen Moment überlegt Müller, ob er der Galeristin etwas von Walter Angermeier erzählen soll. Aber dann beschließt er, lieber nichts zu sagen.

Müller bedankt sich bei der Galeristin und verläßt das Ge­schäft Nachdenklich geht er wieder ins Büro. 'Gauner mit weißer Weste!' hat Frau Schönfeld gesagt. Und gegen die Leute kann man nichts machen ...

 

 

Den Abend verbringt Müller zu Hause auf dem Balkon. Es ist ein heißer Sommerabend. Seinen abendlichen Dauerlauf hat er heute ausfallen lassen. Bei dieser Hitze zu joggen ist ja geradezu gefährlich. Aber er bleibt dem Mineralwasser, den Gurken, Tomaten und dem Quark treu. Wenn er noch zwei Monate seine Diät durchhält, schafft er es bestimmt, fünf Kilo abzunehmen. Zwei Monate! Zwei Monate ohne Schweinebraten, ohne Huhn in Sahnesoße, ohne Bratkar­toffeln mit Speck, ohne ...

Während er in Gedanken verschiedene Speisekarten liest, kungelt es an der Wohnungstür. Müller zieht sich ein Hemd an und öffnet.

Walter Angermeier! Braungebrannt lacht er Müller an.

"Ich hab' Licht gesehen und dachte, ich schau mal vorbei." Müller hat vor Staunen den Mund offen. Er überlegt noch, ob er Walter sofort rauswerfen soll, da ist dieser schon ein­getreten.

"Ich war zwei Wochen im Urlaub. Malediven! Tauchen, sonnen, essen ... herrlich. Urlaub am Meer, das würde dir auch guttun, mein Lieber."

Müller ist noch immer sprachlos.

"Ja, Helmut, eigentlich bin ich vorbeigekommen, weil du mich dringend sprechen willst. Ich habe jedenfalls deinen Zettel im Briefkasten gefunden. Aber vorher möchte ich dir etwas geben. Hier, ein kleines Geschenk." Walter gibt Müller einen Umschlag. "Mach auf, guck mal rein!"

Der Detektiv zieht ein kleines Aquarell aus dem Umschlag. "Aber das ist doch ... nein, das kann nicht sein ... das hier ist etwas größer und hat etwas andere Farben, aber das ist.. . noch ein Aquarell von Paul Klee, Walter! Walter, was soll das?"

"Moment, Helmut. Schau mal, da unten." Walter zeigt auf den linken unteren Bildrand.

"Für meinen Freund Helmut. Walter Angermeier", liest Müller laut.

"Siehst du, das ist ein echter Angermeier. Signiert! Keine Fälschung, mein Lieber. Als ich aus dem Urlaub zurück­kam und deine Nachricht fand, dachte ichmir schon, daß du diese Geschichte mit dem falschen Klee-Aquarell mitbe­kommen hast. Mein Pech war, daß du das Bild vorher in meinem Atelier gesehen hast. Wahrscheinlich denkst du jetzt, ich bin ein Schwindler, ein Krimineller oder so etwas Ahnliches. Mag schon sein. Aber bevor du mich nun verdammst, will ich dir etwas erzählen. Du hast ja gesehen, daß ich viele andere Bilder male, und das tue ich seit über zwanzig Jahren. Seit zwanzig Jahren muß ich erleben, wie andere Maler, die vielleicht weniger kompromißlos sind als ich, als 'Junge Wilde' oder als 'Neue Berliner Schule' oder sonstwie vermarktet werden. Jeden Monat habe ich Angst, wie ich mit dem wenigen Geld überleben soll. Vor einem Monat hat mir der Vermieter meines Ateliers ein Ultima­tum gestellt. Entweder zahle ich innerhalb von zwei Wo­chen die Miete der letzten sechs Monate, oder ich fliege raus! Kannst du dir vorstellen, was das heißt? Ein Maler ohne Atelier? Und ohne Geld, um Farben zu kaufen, ohne Leinwände? In dieser Situation hat mir ein Künstlerkollege den Tip gegeben, doch mal Klassische Moderne zu probie­ren. Ich bin ein großer Bewunderer von Paul Klee. In den letzten Jahren habe ich intensiv seine Aquarelltechnik stu­diert und dabei auch viel gelernt So kam ich auf den Stil von Paul Klee. Der Rest der Geschichte ist ziemlich einfach. Mein Künstlerkollege hat dann den Kontakt zu einem Galeristen hergestellt, der gute Beziehungen zum Auk tionshaus König hat. Na, ja, alles Weitere hast du ja dann sicherlich in der Zeitung gelesen. Jetzt habe ich meine Miete bezahlt und noch genügend Geld für meine eigenen Arbeiten. Jetzt kann ich wenigstens ein Jahr lang in Ruhe arbeiten. So, mein Lieber, jetzt weißt du alles."

Was sollte Müller in dieser Situation sagen oder tun? Seinen Freund verurteilen? Die Polizei anrufen? Walter aus der Wohnung werfen? Das ihm gewidmete Bild zurückgeben? Eine zwanzigjährige Freundschaft aufgeben? Er fragt Walter:

"Sag mal, hast du schon zu Abend gegessen? Ich kenne hier gleich in der Nähe ein ausgezeichnetes Restaurant. Italieni­sche Küche aus der Gegend von Imperia, Ligurien. Der Koch hat hervorragende Fischgerichte und macht dir Spa­ghetti mit Pesto, wie du sie noch nie gegessen hast. Und die Desserts sind absolute Spitzenklasse. Tiramisu vom fein­sten ..."


Date: 2016-03-03; view: 415


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