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DIE GRAMMATISCHEN KATEGORIEN DES VERBS

Begriffsbestimmung

Als strukturelles Zentrum des Satzes ist das Verb Träger einer vielseiti­gen Information, ohne die der Satz als Äußerung oder als Konstituente einer Äußerung (eines Textes) undenkbar ist. Diese Information wird durch die lexikalische Bedeutung des Verbs bei weitem nicht erschöpft. Das Verb teilt uns nicht nur von einem Vorgang mit, sondern unterrichtet uns zugleich dar­über, ob die Rede von der Gegenwart, von der Vergangenheit oder von der Zukunft ist (Es ist prächtig hier,Das Flugzeug wird in 20 Minuten an­kommen), ob ein reelles Ereignis gemeint ist oder nicht (Ich wollte, es wäre Frühling), ob das Gesagte von dem Sprechenden auf sich selbst oder auf seinen Gesprächspartner bzw. auf eine dritte, am Gespräch nicht beteiligte Person (auf einen Gegenstand) bezogen wird (Ich muss nach Hause. Willst du mit?). Diese Information verdanken wir den grammatischen Kategorien des Verbs.

Die grammatischen Kategorien sind die in jedem Satz regelmäßig wie­derkehrenden sprachlichen Zeichen besonderer Art, die die lexikalischen


Zeichen überlagern und die Wörter in der Rede zu einem sinngemäßen zu­sammenhängenden Satzganzen, einer Äußerung gestalten.

Wie alle sprachlichen Zeichen außer den Fonemen sind sie sinnhaltigund besitzen zwei unlöslich verbundene Seiten: Gestalt und Gehalt (Form und Inhalt). Das heißt, dass die grammatischen Kategorien bilateraleKate­gorien sind.

Im Gegensatz zum unerschöpflichen Reichtum an lexikalischen. Zei­chen, worin sich die unendliche Vielfalt der objektiven Realität wider­spiegelt, ist die Zahl der grammatischen Kategorien sehr beschränkt und ihre Denotate sind sehr eigenartig. Zwar liegen die Denotate der gram­matischen Kategorien auch in der objektiven Realität, doch sind die mei­sten davon auf nur eineSphäre der objektiven Realität beschränkt, ins­besondere auf den Sprechakt selbst,auf die Gestaltung der Rede. Es sind die Beziehungen, die bei jedem Sprechakt entstehen und deren Ausdruck die Äußerung gestaltet: die Beziehungenzwischen Sprecher, Äußerung und Außenwelt (vgl. den Gehalt der oben skizzierten Katego­rien der Zeit, der Person, des Modus), die Beziehungen zwischen den Teilen der Äußerung (z. B. die Subjekt-Prädikat-Beziehung), die katego-risierten Charakteristiken der einzelnen Wortarten (ã. Â. die Kategorie des Genus beim Substantiv). Über die Einteilung der grammatischen Katego­rien nach dem Charakter der ihr zugrunde liegenden Beziehungen vgl. [2, 221].

Die Morphologie befasst sich mit zwei hierarchisch geordneten Syste­men von grammatischen Kategorien:

a) Die obere Schicht sind die Wortarten selbst; b) Ihnen untergeordnet sind die grammatischen Kategorien der einzelnen flektierenden Wortarten (die Inflexibilia haben keine weiteren Kategorien).

Die äußere Daseinsform der grammatischen Kategorien des Verbs (bzw. einer anderen flektierenden Wortart) ist das Paradigma des Verbs (des flek­tierenden Wortes), seine Wortformen:



Indikativ — Konjunktiv

Reell Nichtreell

Präsens Präteritum 1. Futur

"Zeitlich mit dem "dem Redemoment „auf den Redemoment

Redemoment zu- vorausgehend" folgend"
sammenfallend"

Der Systemcharakter der grammatischen Kategorien findet seinen Aus­druck vor allem darin, dass jede grammatische Kategorie eine geschlossene Reihe von oppositionellen Formen und Bedeutungen ist.Der Indikativ existiert, sofern es einen Konjunktiv gibt, ihre Gegenüberstellung konstitu­iert die Kategorie des Modus; die 1. Person existiert nur, sofern es eine 2. und eine 3. Person gibt, — diese dreifache Gegenüberstellung konstituiert die Kategorie der Person; der Singular besteht als Gegenglied zum Plural und umgekehrt. Das Vorhandensein einer geschlossenen Reihe von Gegenglie-


dem ist die Daseinsbedingung und die Daseinsform der grammatischen Ka­tegorien.

Jakobson bestimmt die grammatischen Kategorien als „rein Gegensatz-Werte" [130]. Diese Auffassung der grammatischen Kategorien als einer Reihe von geschlossenen Gegenüberstellungen wurde von der Prager Schuleentwickelt und hat heutzutage fast allgemeine Anerkennung ge­funden.

Manchmal spricht man von der „Kategorie des Präsens", von der „Kate­gorie der 1. Person", von der „Kategorie des Konjunktivs" u. Ä. Ein solcher Gebrauch des Terminus „Kategorie" stimmt nicht zu der oben angeführten Bestimmung des Begriffs, da es ja nur einzelne Gegenglieder einer Opposi­tion sind. Es kann sich nur um die Kategorie der Zeit, um die Kategorie der Person, um die Kategorie des Modus u. Ä. handeln. Die einzelnen Gegen­glieder einer Opposition im Paradigma einer Wortart bezeichnen die moder­nen Sprachforscher mit dem Terminus Grammem. So besteht zum Beispiel die Kategorie der Person aus 3 Grammemen (L, 2. und 3, Personen), die Kategorie der Zeit umfasst im Deutschen á Grammeme (Präs., Prät., Perf., Plqupf., 1. Fut., 2. Fut.).

Wenn die Gegenüberstellung der Grammeme im Rahmen einer gramma­tischen Kategorie ausbleibt, spricht man von der Neutralisationder betref­fenden Kategorie. Dies geschieht, weil nicht alle strukturell-semantischen Klassen von Wörtern im Rahmen einer Wortart gleichen Anteil am Paradig­ma haben. So ist zum Beispiel die grammatische Kategorie der Person (und mit ihr zusammen die des Numerus) bei den unpersönlichen Verben neutra­lisiert, weil die 3. Pers. Sg, keine Gegenglieder hat

Vgl.: ich spreche/du sprichst/er spricht

es regnet

Die 3. Person des Verbs bedeutet, dass das Subjekt des Satzes keinen Anteil am Gespräch nimmt oder ein Gegenstand ist. Diese Bedeutung ist auf der Opposition: sprechend / angesprochen / besprochen aufgebaut. Bei den unpersönlichen Verben (es regnet, es tagt), wo keine Gegenüberstellung nach dem Anteil am Gespräch möglich ist, verliert auch die Wortform der 3. Per­son ihre Bedeutung, ist eine rein strukturelle Erscheinung.

Auch die Kategorie der Genera verbi besteht nur, sofern zwei entgegen­gesetzte Handlungsrichtungen einander gegenüberstehen: Die Form Er ruft gewinnt ihre Bedeutung gerade, indem sie signalisiert, dass das Subjekt des Satzes nicht gerufen wird, sondern selbst ruft. Wo eine solche Gegenüber­stellung nicht möglich ist (er lebt, er kommt), sind die Verbalformen in Be­zug auf die Genera verbi neutral.

In beiden Fällen handelt es sich um eine paradigmatische Neutralisati­on, da sie auf der Ebene eines Wortes bzw. des Wortparadigmas geschieht. Nicht zu verwechseln mit der paradigmatischen Neutralisation ist die Homo­nymieder Wortformen, Letztere besteht im Zusammenfall des Klangbildes zweier Wortformen, ohne dass die inhaltliche Opposition dieser Wortfor­men aufgehoben wird:


/1. Pers. Sg. Prät. , Prät. Indik.

kam( (ich) lebte/

\ 3. Pers. Sg. Prät. \ Prät. Konj.

Die syntagmatische Neutralisation wird weiter unten behandelt.

§ 21. Die Ausgliederung der grammatischen Kategorien

Die moderne Sprachwissenschaft strebt nach strengen Methoden zur Er­forschung grammatischer Kategorien. Es handelt sich dabei vor allem um die Einhaltung des Prinzips der unlöslichen Einheit von Form und Inhalt und um die Objektivierung der inhaltlichen Interpretation.

Ausgangspunkt der Betrachtung ist das Paradigma, also das Systemvon Formen. Das Paradigma lässt sich durch mehrfache Teilung des Ganzen in dichotorae oder binäre (zweiteilige) Oppositionen gliedern. Der Grund für die jeweilige Teilung der Wortformenreihe ist die Distributionder Wortfor­men (d, h. ihr Vorkommen in einem bestimmten Bereich). Zwei Wortformen oder Wortformengruppen, die niemals in derselben Position vorkommen (d. i. die sog, komplementäreDistribution) bilden die Gegenglieder einer Op­position:

1) finiteVerbalformen / infiniteVerbalformen.

Das differenzierendeMerkmal ist, dass die fimten (persönlichen) Ver­balformen im Satz nur als Prädikate erscheinen und die mit der Prädika­tion verbundenen Kategorien der Person, der Zeit und des Modus (vgl. 70) besitzen, während die infiniten (unpersönlichen) Verbalformen verschie­dene andere Stellen im Satz besetzen können, ausgenommen die Stelle des Prädikats, deshalb haben sie keine Kategorien der Person, der Zeit und des Modus,

Vgl.: l. Er I raucht viel 2. a) Es ist verboten, (rauchen,
| spricht hier zu \ sprechen,

1 schwimmt... L schwimmen.

b) Ich will f rauchen

| sprechen {schwimmen...

c) Der f rauchende Mensch

| sprechende... (schwimmende...

Die grammatische Kategorie, die von dieser Opposition geprägt wird, nennt man die Kategorie der Finität[258] oder die Kategorie der Reprä­sentation[243]. Nach Smirnitzky ist das differenzierende Merkmal dieser Kategorie die Art, wie der Vorgang durch jedes Gegenglied repräsentiert wird: verbalira eigentlichen Sinne des Wortes — finite Verbalformen, sub­stantivisch•— Inf., adjektivisch— Part.

Nach Jakobson ist eines der Glieder der binären Opposition immer starkoder merkmalhaltig(+), das andere schwachoder merkmallos(—). Das

3 Ìîñêîâñêàÿ 65


merkmalhaltige Gegenglied in der Opposition: finite Verbalformen / infinite Verbalformen sind die finite Verbalformen. Sie sind durch den für das Verb spezifischen syntaktischen Gebrauch gekennzeichnet, bei dem sich die Ei­genart des Verbs gegenüber allen anderen Wortarten am krassesten abhebt, sowie durch die volle Entfaltung aller Verbalkategorien.

2) Innerhalb der finiten Verbalformen sind vor allem durch weitere Un­tergliederung zu scheiden:


a) Imp b) Konjunktiv (+) für transitive Verben:

finite Verbalformen

Nichtiroperativ (—) Indikativ (—)

c) Passiv (+) Aktiv (—)

Passiv (+) Aktiv (-—)

zur weiteren Untergliederung s. u.


Die von der grammatischen Tradition abweichende hierarchische Unter­gliederang der finiten Formen in; Imperativ / Nichtimperativ einerseits, in: Konjunktiv / Indikativ innerhalb des zweiten Gliedes dieser Opposition an­dererseits hängt damit zusammen, dass in der modernen Fachliteratur die Überzeugung aufkommt, dass der Imperativ nicht mit dem Indikativ und dem. Konjunktiv in eine grammatische Kategorie zusammengehört, sondern ihnen als eine ganz selbstständige kategorielle Form gegenübersteht [81,16; vgl. auch 282].

In der Tat beruhen die Gegenüberstellungen:


a) Imperativ /

b) Konjunktiv /


f Indikativ l Konjunktiv Indikativ


auf verschiedenen differenzierenden Merkmalen. Der Imperativ steht dem Indikativ und dem Konjunktiv sowohl in syntagmatischer als auch in para-digmatischer Hinsicht isoliert gegenüber. Er ist an einen besonderen Satztyp gebunden, wo normalerweise weder Indikativ noch Konjunktiv vorkommen (über die Neutralisierung der Opposition von Indikativ und Imperativ im Aufforderungssatz s. unten); in paradigmatischer Hinsicht ist der Imperativ seiner Bedeutung gemäß auf die 2. Pers. Sg./Pl. und die inklusive 1. Pers. Pl. {gehen wirl) beschränkt und hat keinen Anteil am Tempussystem. Der Indi­kativ und der Konjunktiv werden in gleicher syntagmatischer Umgebung gebraucht (beide im Aussage- und Fragesatz) und haben beide gleichen An­teil am Paradigma. Das differenzierende Merkmal des Imperativs (als merk­malhaltige kategorielle Form) wäre also der Ausdruck der Aufforderangt der bei Indikativ und Konjunktiv, d, h. dem schwachen Gegenglied der Op­position fehlt. Das Verhältnis der komplementären Distribution kann hier also wie folgt dargestellt werden:


Aufforderang Imperativ


Aussage Frage Indikativ Indikativ Konjunktiv Konjunktiv


Das differenzierende Merkmal, das bei der weiteren Untergliederung den Konjunktiv als merkmalhaltige kategorielle Form gegenüber dem Indikativ kennzeichnet, ist die Irrealitätdes Ausgesagten (der Konjunktiv gilt in die­ser Gegenüberstellung als starke oder merkmalhaltige Form dank seiner spe­ziellen Formenbildung und seiner schärfer umrissenen Bedeutung).

Ob man auch die Genera verbi als eine binäre Opposition betrachtet, hängt davon ab, ob man 2 Genera (Aktiv-Passiv) oder 3 Genera (Aktiv-Passiv-Stativ) unterscheidet (s. darüber § 45). Doch schon bei der Untergliederung der Kategorie der Zeit mit ihren 6 Grammemen im Deutschen müssen wir entscheiden, ob wir bei der binären Teilung stehen bleiben oder die Mög­lichkeit mehrgliedriger Oppositionen und mehrfacher (drei-, vier- usw.-fa­chen) Teilung zugeben.

Gl i nz will für die Zeitformen des Deutschen auch eine binäre Unter­gliederung aufrechterhalten:

Ã81]

Auch die Kategorie der Person, die aus 3 Grammemen besteht, wird von einigen Sprachforschern als eine binäre Opposition dargestellt, wo die 3. Person der 1. und 2. Person gegenübersteht: 3. Person (+) / allgemein (—).

1. und 2, Person (+), beteiligt am Gespräch, 3. Person (-—), unbeteiligt am Gespräch. Doch Glinz: angesprochen — sprechend — besprochen (ebenda).

In der Frage, ob alle Oppositionen als binär dargestellt werden sollen, gibt es in der modernen Sprachwissenschaft keine Einigkeit. Auch E. I. Schen-dels unterscheidet nach der Zahl der Grammeme binäre und mehrgliedrige Oppositionen. So nennt sie zum Beispiel die Opposition der 1., 2. und 3. Pers. eine dreigliedrige Opposition, das deutsche Tempussystem eine sechs-gliedrige Opposition [216].

Der Gegensatz zwischen diesen zwei Gliederungsverfahren ist aber nicht unüberbrückbar; vielmehr bilden sie zwei notwendige Stufen bei der Unter­suchung einer grammatischen Kategorie. Zuerst muss jedes Gegenglied ei­ner mehrgliedrigen Reihe von Wortformen vermittels einer dichotomen (bi­nären) Teilung allen anderen Gegengliedera dieser Reihe gegenübergestellt werden. Diese Operation muss so oft vorgenommen werden, wie binäre Tei­lungen innerhalb einer Wortformenreihe ausgeführt werden können (hier ist also schon die Unterscheidung von zwei-, drei-, viergliedrigen Oppositionen notwendig). Die Konfrontation der Ergebnisse aller binären Teilungen, die an der Wortformenreihe vorgenommen waren, hilft das differenzierende Merk­mal, das die gesamte grammatische Kategorie kennzeichnet, besser erfassen.


Nachstehende Beispiele sollen zeigen, dass die binären Teilungen inner­halb einer mehrgliedrigen Wortformenreihe entweder ein Nacheinander oder ein Nebeneinander bilden können.

1) Beispiel der nacheinandervorzunehmenden binären Teilungen der Wortformenreihe:

1. Person

3. Person Nichtbeteiligung am Gespräch

2. Person

Nach dieser präliminären binären Teilung kann der Gehalt der untersuch­ten grammatischen Kategorie als die Opposition: Nichtbeteiligung am Ge­spräch / Beteiligung am Gespräch bestimmt werden.


Date: 2016-03-03; view: 934


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