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Der Blitz aus heiterem Himmel

Reichenhall, 26. August, mittags Nein, nein, nein! Fünfunddreißig Jahre bin ich alt geworden, ohne ans Heiraten zu denken. Gestern habe ich Trottel mich verlobt. Heute ist alles zu Ende.

Mit dem ersten Autobus fuhr ich früh am Morgen nach Salzburg. Anderthalb Stunden später fuhr ich, völlig durcheinander, nach Reichenhall zurück und stürzte mich in das Schwimmbad des Hotels. Das Wasser war eiskalt und brachte mich wieder zur Besinnung.

Nun liege ich auf der Badewiese. Das im Hotel angestellte Tanzpaar, der Tennistrainer, seine Frau und andere junge Leute schwimmen, spielen Ball und sind vergnügt. Ich komme mir wie ihr Größvater vor. So alt fühle ich mich seit ein paar Stunden. Ach, wenn es einen Hund gäbe, so groß wie der Kölner Dom - mit einem solchen Hund könnte man Mitleid haben!

Doch nun der Reihe nach:

Ich besuchte Karl und Jteüiaihm mit, daß er mich ab heute als zukünftigen Ehemann zu respektieren habe. Er gratulierte. Der Glückwunsch klang ein bißchen kühl. Das fiel mir allerdings erst später auf.

Er führte mich in den Peterskeller und bestellte einen Liter Wein. Während wir tranken, erzählte er mir von einem alten Männerkloster, von den ersten Bischöfen, von alten Dichtern, von gefährlichen

Krankheiten, und schließlich schleppte er mich auf den alten Petersfriedhof. Dort hielt er mir einen Vor­trag über Grabsteine, zeigte mir die Katakomben und die kleine, in einen Felsen gemeißelte Kapelle. Da riß mir die Geduld.

»Warum schleppst du mich gerade heute hierher?« fragte ich ärgerlich. »Warum erzählst du mir von Klö­stern, gefährlichen Krankheiten und Friedhöfen? Soll ich ins Kloster gehen? Ich bin ein glücklicher Mensch, du Trottel!«

Er legte mir die Hand schwer auf die Schulter.

»Mein lieber Georg«, sagte er, »ich war gestern im Mirabell-Kasino und habe beim Roulettespiel hundert Schilling verloren.«

»Und?« fragte ich. »Hast du mich hierhergebracht, um mir mitzuteilen, daß du meinen Smoking versetzt hast?«

»Ich habe ihn nicht versetzt«, sagte er. »Wenn die zwei jungen Leute neben mir nicht die ganze Zeit gewonnen hätten, wäre ich auf sie nicht aufmerksam

 

Die Wendung

 

gelang, rief er: »Bravo!« Ich blickte ihn an, und ich glaube nicht, daß mein Blick besonders freundlich war.

Er verbeugte sich leicht und sagte: »Entschuldigen Sie, mein Herr! Spielen Sie noch lange? Ich muß Sie unbedingt sprechen. Ich habe sehr wenig Zeit.«

»Ich bin bald zu Ihrer Verfügung«, sagte ich.

»Ausgezeichnet. Ich muß nämlich sofort nach Salz­burg zurück.«

Nach Salzburg zurück? Was wollte er von mir?

Ich verlor natürlich das Spiel, gab dem Trainer die Hand und ging zu dem jungen Mann.

»Ich bin Konstanzes Bruder«, sagte er, »ich heiße Franz Xaver Graf H. und werde Franzl genannt.«



Das war der Franzl? Und Franzl war ihr Bruder?

»Es freut mich!«

»Auch mich! Wie schon gesagt, habe ich wenig Zeit. Ich muß zu Hause den Abendtisch decken.«

Den Abendtisch decken?

»Ich will Sie nicht 'aufhalten«, sagte ich.

»Wunderbar! Ich bin hier, weil mich Konstanze darum bat und weil zwischen ihr und Ihnen Mißverständnisse entstanden sind, die beseitigt werden müs­sen.«

»Meines Wissens gab es keinen Grund, solche Mißverständnisse überhaupt erst entstehen zu lassen.«

»Die Mißverständnisse waren nicht zu Vermeiden!«

»Das kann ich nicht einsehen.«

»Ich bin hierhergekommen, Herr Doktor, um Ihnen das zu erklären.«

»Da bin ich aber neugierig, Herr Graf!«

Der junge Mann zupfte an seinem Schnurrbart. »Wir müssen den Ton unbedingt mildern, sonst endet unsere freundschaftliche Unterhaltung damit, daß wir uns mit Säbeln auf einer Waldwiese schlagen.«

»Bevor wir uns dazu entschließen, bitte ich Sie, mir klipp und klar mitzuteilen, aus welchem Grund Ihr Fräulein Schwester gezwungen war, die Mißverständ­nisse entstehen zu lassen. Wie vorauszusehen war, mußten diese Mißverständnisse höchst unerfreuliche Folgen haben.«

Er nahm meinen Arm und führte mich in den Park.

»Konstanze hat Ihnen erzählt, Graf H. sei mit seiner Familie während der Festspiele verreist und habe sein Personal bei den amerikanischen Mietern zurückge­lassen. Es ist wahr, daß Amerikaner bei uns wohnen. Es ist nicht wahr, daß wir verreisten. Wir blieben im Schloß. Die Diener verreisten, und unsere Familie übernahm ihre Aufgaben. Konstanze wurde Stuben­mädchen, ich wurde Kellner, unsere Tante ist die Köchin, Mizzi, unsere jüngste Schwester, hilft der Tante. Und das Oberhaupt der Familie, der Herr Vater, ist Portier, Empfangschef und Geschäftsführer.«

Ich mußte mich auf eine Bank setzen.

»Haben Sie eine Zigarette?« fragte ich.

Ich bekam Zigarette und Feuer und schaute vor mich hin.

»Die Idee ist von Papa«, sagte er. »Er schreibt Thea­terstücke. Und eines Tages beschloß er, eine Situa­tionskomödie zu schreiben, die in einem Schloß spielt. Er wollte den als Dienerschaft maskierten österreichi­schen Adel mit Millionären aus der 'Neuen Welt' ver­gleichen.«

Franz Xaver Graf H. zündete sich eine Zigarette an.

»Unser Familienoberhaupt hoffte, für seine Komö­die Erfahrungen sammeln zu können und seiner Phan­tasie damit auf die Beine zu helfen. Er wollte Material für sein Stück sammeln. Im Frühjahr setzte er uns von seinem Vorhaben in Kenntnis. Wir mußten ihm ver­sprechen, mitzumachen und den Mund zu halten. Das Projekt machte uns sogar Spaß. Schließlich sind wir die Kinder dieses komischen Herrn. Und wir sind nicht zufällig in Salzburg zur Welt gekommen.«

»Bestimmt nicht«, erklärte ich.

Er lachte.

»Wie das so ist: An die Hauptsache hatte der Herr Vater nicht gedacht. Das Stubenmädchen verliebte sich! In einen Herrn aus Deutschland, der ohne Geld nach Salzburg gekommen war. Heute nachmittag fuhr die Schwester wieder in die Stadt. Sie, mit dem Konstanze sich treffen wollte, waren nicht da. Sie wurde unruhig und beschloß, wieder nach Hause zu fahren. Da stand ein Herr am Nebentisch auf.«

»Karl«, sagte ich.

»Ganz recht. Ihr Freund. Der Maler. Er hatte uns gestern im Kasino beobachtet. Er sprach sie an und erklärte ihr, warum Sie nicht da wären. Sie rief mich an. Ich putzte gerade das Silber. Ich ließ alles stehen und liegen und fuhr ins Cafe 'Glockenspiel'. Nun bin ich hier, und ich wüßte nicht, was ich Ihnen noch zu erzählen hätte.«

Ich drückte ihm die Hand.

»Entschuldigen Sie mein Benehmen, Herr...«, sagte ich.

»Franzl heiße ich«, sagte er.

»Ich bitte sehr um Entschuldigung, Franzi!«

»Warum denn, Georg? Ich hätte es genau wie Sie gemacht.«

»Wo ist Konstanze? Ich muß sie sprechen. Können Sie mich im Wagen mitnehmen?«

»Im Wagen ist leider kein Platz mehr.«

Franzi kniff ein Auge zu.

»Der Wagen steht drüben vor dem Hotel.«

Ich sprang auf, rannte mit Riesenschritten durch den Park, durch das Tor, auf die Straße, sah das Auto und sah Konstanze. Sie war blaß und hatte Tränen in den Augen. Wir küßten uns und sprachen kein Wort. Die Leute, die an uns vorübergingen, blieben stehen und verstanden die Welt nicht mehr.

»Mein Georg«, flüsterte sie, »daß du mir nie wieder davonläufst!«

»Nie wieder! Nie wieder!«

Herzlichen Glückwunsch«, sagte jemand neben uns. Es war der Bruder.

»Ich danke dir schön, Franzi«, sagte Konstanze.

»Hören Sie zu, Georg! Wir machen Ihnen einen Vorschlag. Der erste Sekretär unseres Amerikaners ist gestern abgereist. So ist also ein Zimmer frei gewor­den. Wir laden Sie nun ein, zwei Tage unser Gast zu sein. Unserem Herrn Vater erzähle ich Vorläufig ein Märchen. Die Gebühren bezahle ich in Ihrem Namen. Sobald die Amerikaner fort sind, erzählen wir ihm die Wahrheit. Dann muß er mir das Geld zurückgeben.«

Er lachte vergnügt wie ein Schuljunge.

»Morgen früh kommen Sie als Gast bei uns an, spie­len den Ahnungslosen und schauen sich unser lebendi­ges Theater aus der Nähe an. Wie vor Jahrhunderten, als die vornehmen Zuschauer auf der Bühne saßen. Warum sollen Sie es nicht auch einmal so gut haben?«

Konstanze drückte meine Hand. »Wenn du nicht kommst, heirate ich einen anderen.«

Franzi fuhr fort: »Wegen des alten Herrn können Sie unbesorgt sein. Der merkt nichts. Und wenn er schließlich erfährt, wer Sie sind, wird er Ihnen für die Mitarbeit an seinem Theaterstück dankbar sein und Ihnen seinen väterlichen Segen geben.«

Er stieg ins Auto.

»Ich komme«, sagte ich.

Konstanze gab Gas.

»Das wird herrlich!« rief sie.

Sie fuhren los. Ich winkte.

Dann hüpfte ich vor Übermut auf einem Bein ins Hotel, und der Portier fragte besorgt, ob ich mir weh getan hätte.

Das Spiel im Schloß

Schloß H., 27. August, abends

Ich sitze in meinem Schloßgemach und werde bald zu Bett gehen. Vorher will ich noch eine Zigarre rauchen und ein Glas Burgunder trinken. Der Kellner Franz hat mir eine Flasche auf den Tisch gestellt.

Franzi hatte mich morgens in Salzburg abgeholt. Ich hatte gerade noch Zeit, Karl 'Guten Tag' zu sagen undihm dafür zu danken, daß er Konstanze und mir geholfen hatte. Dann trennten sich unsere Wege. Karl wollte noch einmal den wunderbaren Hofbrun­nen mit den prachtvollen Pferden malen. Ich fuhr mit dem jungen Grafen zum Schloß hinaus.

Konstanze stand »zufällig« auf der Freitreppe und machte einen Knicks. Sie trug tatsächlich ein kurzes, schwarzes Kleid, eine noch viel kürzere Tändel­schürze und ein weißes Rüschenhäubchen.

»Wie heißen Sie, schönes Kind?« fragte ich.

»Konstanze, gnädiger Herr.«

»Warum 'gnädiger Herr'? Sagen Sie nur 'Herr Dok­tor' zu mir! Das genügt.«

Ich wandte mich an Franzi, der meinen Koffer trug. »Das gilt auch für Sie, Franzi!«

Das Stubenmädchen machte wieder einen Knicks und sagte: »Wie Sie wünschen, gnädiger Herr Dok­tor!«

»Vorsicht!« sagte Franzi leise.

Im Schloßportal erschien ein großgewachsener Herr mit grauem Haar. Er verbeugte sich.

»Erlauben Sie mir, Sie willkommen zu heißen. Ich bin der Diener des Grafen und betreue zur Zeit das ganze Haus. Haben Sie schon gefrühstückt?«

»In Reichenhall.«

»Sehr wohl. Das Mittagessen findet um ein Uhr im 'Gelben Zimmer' statt. Franz wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen und das Gepäck nach oben bringen. Hoffent­lich fühlen Sie sich bei uns wohl.«

In seinem Gesicht bewegte sich keine Miene. Er ver­beugte sich und ging ins Schloß.

Franzi zeigte mir mein Zimmer und ging sofort, um den Mittagstisch zu decken. Kaum war er aus der Tür, da klopfte es.

»Herein!«

Es war das Stubenmädchen. Sie fragte, ob sie mir beim Auspacken des Koffers helfen könnte.

»Treten Sie näher, schönes Kind!« sagte ich.

Ich nahm eine Jacke aus dem Koffer und warf sie ihr zu.

»Wohin hängt ein Stubenmädchen die Jacke?«

»Über das Schlüsselloch, Herr Doktor!«

Beim Mittagessen lernte ich die Amerikaner, die alle als schmucke Tiroler ankamen, kennen: Den beleibten und sehr schweigsamen Celophantütenfabrikanten; seine hagere Ehefrau; den zweiten Sekretär, einen dicken Mann mit großen Brillengläsern; den Sohn, einen stämmigen jungen Mann, der prinzipiell nur spricht, während erbaut; und die Tochter Emily, eine jener unsentimentalen, hübschen, blonden jungen Damen, vor denen man Angst bekommen kann.

Franzi brachte die Speisen herein. Ich glaube übri­gens, daß er Angst vor der blonden Emily und ihren blauen Augen hat. Konstanze brachte den Wein. Mizzi, ihre jüngere Schwester, fuhr die Schüsseln auf einen Servierwagen in das Zimmer. Sie ist ein schlan­kes Mädchen mit zwei lustigen Grübchen.

 

 

Der alte Graf beaufsichtigte den Verlauf der Mahlzeit und gab der Millionärin, die außergewöhnlich viel wissen wollte, bereitwillig Auskunft. Emily wollte sich mit mir unterhalten. Das Stubenmädchen Konstanze blickte besorgt herüber. Deshalb zog ich es vor, der jungen Dame durch den Servierkellner mitteilen zu lassen, daß ich kein Wort Englisch verstünde. Aber Emily Namarra scheint Unterhaltungen zwischen zwei Menschen, die einander nicht verstehen können, für besonders interessant zu halten. Zum Glück fuhr die ganze Familie sehr bald in einem riesigen Wagen fort. Und auch am Abend hatten sie es eilig. Sie gin­gen in »Figaros Hochzeit«.

Am Nachmittag traf ich im Schloß den alten Grafen, der noch keine Ahnung hat, daß ich sein Schwiegersohn bin. Wir gingen miteinander über den Hof.

»Sind Sie schon lange auf Schloß H. in Diensten?« fragte ich leutselig.

»Sehr lange, Herr Doktor.«

»Stimmt es, daß Graf H. Theaterstücke schreibt?«

»Das mag schon seine' Richtigkeit haben.«

»Wo haben Sie ein so gutes Englisch gelernt?«

»In Cambridge.«

Ich lachte. »Sie haben studiert?«

»Graf H., nicht ich. Ich war ihm von seinen Eltern zur Bedienung mitgegeben worden.«

Er bewegte keine Miene.

»Schade, daß der Graf auf Reisen ist. Ich hätte ihn gern kennengelernt, da mich die Meinung deutscher Schriftsteller über den Konjunktiv interessiert.«

»Worüber?«

»Über den Konjunktiv! Das ist die Möglichkeits­form der Tätigkeitswörter. Und über den Optativ.«

»Aha«, sagte er. »Der Herr Graf wird es sicher

bedauern, sich mit Ihnen nicht über diese Formen der Verben unterhalten zu können. Interessante Themen liebt er über alles.«

Er hatte sich völlig in der Gewalt und tat, als ver­stünde er gar nichts.

»Ich könnte vielleicht die Fragen, die mir am Her­zen liegen, notieren, und Sie könnten ihm diese Noti­zen geben, wenn er zurückkommt.«

»Eine ausgezeichnete Idee!«

»Sie glauben nicht, daß er mir eine solche Bitte übel­
nimmt?«
.,.,1 ,^

»Gewiß nicht. Der Herr Graf ist ein sehr höflicher Mensch.«

Ich finde, man soll Schriftsteller, die etwas Besonde­res schreiben wollenj unterstützen. Ich machte also ein besorgtes Gesicht und fragte: »Wo ist der Graf H. eigentlich zur Zeit?«

»In Ventimiglia, Herr Doktor.«

»So, so. In Ventimiglia.« Ich kratzte mich nachdenk­lich hinter dem Ohr und sagte: »Spätestens morgen muß ich nämlich eine Arbeit über die bayrisch-öster­reichischen Idiotika abschicken. Der Graf könnte mir in dieser Sache bestimmt wichtige Hinweise geben.« Nun tat ich, als hätte ich eine plötzliche Idee: »Das ist ein guter Gedanke! Ich werde mit dem Grafen telefo­nieren! Seien Sie doch so liebenswürdig und melden Sie am Abend ein Ferngespräch nach Ventimiglia an.«

Er zögerte einen kurzen Augenblick. Dann sagte er:

»Wie Sie befehlen, Herr Doktor.«

Ich bot ihm eine Zigarre an.

»Danke höflichst. - Ich muß leider ins Büro.«

Er verbeugte sich und ging mit ruhigen Schritten ins Schloß.

 

Beim Abendessen trat er geheimnisvoll neben meinen Stuhl und teilte mir mit, daß der Herr Graf Ventimig­lia bereits am Nachmittag verlassen habe. Ich bedauerte das und dankte ihm für sein Bemühen. Konstanze und Franzi blickten ihn und mich verwun­dert an. Sie wußten nichts von unserem Gespräch im Hof und konnten nichts verstehen.

Nachdem die Amerikaner aus dem Haus gegangen waren, spazierte ich in aller Ruhe um das Schloß herum. In einem Fenster zu ebener Erde war Licht. Ich ging vorsichtig näher und blickte in eine geräumige Küche. Die ganze Dienerschaft' saß am Tisch und aß Abendbrot. Der alte Graf mußte ihnen gerade etwas ^Spaßiges erzählt haben. Das Fenster war offen. Die beiden Schwestern lachten, und Franzi sagte: »Papa, ich kann mir nicht helfen, aber ich finde, du hättest in dieser Sache-mutiger sein sollen.«

»Wie denn?«

»Du hättest den Doktor ans Telefon rufen können, und dann hättest du von einem der Zimmerapparate als Graf H. aus Ventimiglia mit ihm sprechen kön­nen.«

»Das wäre gerade das Richtige gewesen! "Optativ,

 

Konjunktiv, bayrisch-österreichische Idiotika! Ich bin doch -«

»Kein Idiot!« meinte Mizzi, die jüngere Schwester.

»Kein Schulmeister, wollte ich eigentlich sagen«, korrigierte der Graf.

Neben dem Grafen saß eine entzückende alte Dame. Sie sah aus wie die Kaiserin Maria Theresia. »Schreib dir wenigstens Franzis Vorschlag auf«, erklärte sie. »Vielleicht kannst du etwas Ähnliches in deinem Stück verwenden.«

Der alte Herr nickte, zog ein Büchlein aus der Tasche und machte sich Notizen.

»Ist Doktor Rentmeister eine brauchbare Figur in dem Stück?« fragte Konstanze.

»Du hast dich wohl in ihn verliebt?« Mizzi beugte sich neugierig vor.

»Verliebt? Eine ausgezeichnete Idee«, sagte der Graf und schrieb weiter.

Konstanze lächelte. »Für das Stück?«

»Liebschaften mit Standesunterschied sind immer gut!«, behauptete Franzi.

Die Tante Gräfin erhob sich und ging zum Fenster. Da schlich ich leise davon.

Von meinem Zimmer aus kann ich das Salzburger Schloß sehen: Sogar jetzt, am späten Abend. Denn ein Scheinwerfer, der zu Ehren der Fremden über die Stadt wandert, hebt dieses alte Schloß aus der Dunkelheit heraus und läßt es in Helligkeit strahlen.

Eben hat es geklopft.

»Wer ist da?«

»Das Stubenmädchen, Herr Doktor. Ich möchte fra­gen, ob der Herr Doktor noch einen Wunsch hat.«

»Gewiß, schönes Kind. Könnte ich einen Gutenachtkuß bekommen?«

»Aber selbstverständlich, Herr Doktor. Unsere Gäste sollen sich doch wohl fühlen!«

Ich öffne die Tür.

Die Tischszene

Reichenhall, 28. August, nachts Der Vormittag verlief friedlich. Die Sonne schien, der Himmel war blau, und ich traf mich mit Karl auf dem Sebastiansfriedhof. Hier liegen Mozarts Vater und Mozarts Frau begraben, und in der Mitte des Friedhofs steht die Gabrielskapelle, in der Wolf Dietrich von Raitenau, der große Salzburger Renaissancefürst, ruht.

Am Nachmittag schien die Sonne noch immer! Tat­sächlich! Nun sind die Festspiele fast zu Ende, und das Wetter wird schön. Und so wurde heute zum ersten­mal der »Jedermann« im Freien gespielt.

Konstanze kam in die Stadt, um einzukaufen. Wir erledigten gemeinsam ihre Besorgungen und wander­ten dann über die Plätze, die an dem Domplatz, dem Zuschauerplatz des Jedermannspieles, liegen.

Die Stimme des Jedermann klang zu uns herüber. Jedermanns alte, fromme Mutter saß am Residenz­platz in den Kolonnaden und wartete auf ihr Stichwort. Auf dem Kapitelplatz standen der »Gute Gesell« und die »Buhlschaft«. Auch der Bettler, der Jedermanns Gewissen vergeblich zu bewegen versucht, und die Kinder, die mit Blumenkörben zur Tischszene kom­men, waren da. Ab und zu erschien ein Spielwart und holte die Schauspieler zu ihrem Auftritt.

So war der Tag harmonisch vergangen. Aber bei unse­rem Abendessen brach das Drama aus. Da hatten wir unsere eigene »Tischszene«.

Emily Namarra, die amerikanische Blondine, gab das Stichwort. Sie winkte den alten Grafen an den Tisch und fragte ihn trocken, ob Zärtlichkeiten mit der Dienerschaft im Preis inbegriffen seien.

Der alte Herr erkundigte sich erstaunt, was sie zu einer so außergewöhnlichen Frage veranlasse. Mit ihrem schneeweißen Finger zeigte sie auf mich und erklärte, daß ich das Stubenmädchen geküßt habe.

Der alte Graf sah Konstanze prüfend an. Sie wurde feuerrot. Er blickte erstaunt zu mir herüber. Die Situa­tion war ziemlich peinlich. Dann wandte er sich an die Amerikanerin. Ihre Vermutung, das Küssen sei im

Preis inbegriffen, müsse er energisch abweisen. Ver­traulichkeiten zwischen den Gästen und der Diener­schaft seien auf Schloß H. höchst unerwünscht.

Zu Konstanze sagte er: »Ehrvergessene Stuben­mädchen kann ich nicht gebrauchen. Ich kündige Ihnen zum Ersten des Monats!«

Nun wurde ich böse. »Konstanze, Ehrvergessenheit brauchst du dir von einem Diener nicht vorwerfen zu lassen!«

»Mit Ihnen rede ich später«, sagte er würdevoll.

»Tun Sie es gleich«, sagte ich, »später bin ich nicht mehr hier!«

Franzi flüsterte seiner Schwester ein paar Worte zu. Und jetzt fragte sie: »Was soll ich denn tun, Georg?«

»Das wird ja immer besser. Das Stubenmädchen duzt die Gäste!« Ich glaube, der Graf war wirklich entrüstet. »Konstanze, Sie sind ein... ein Frauenzimmerl«

Ich erhob mich und stieß empört den Stuhl zurück. »Jetzt ist's aber genug! Konstanze, du verläßt dieses Haus nicht am ersten September, sondern sofort! Packe deinen Koffer! Ich bringe dich zunächst nach Salzburg. Eine Stellung wie hier findest du jeden Tag.«

Die Amerikaner folgten unserer Auseinandersetzung mit Interesse. Nur der Sohn des Millionärs aß ruhig weiter. Heute schwieg er sogar beim Kauen.

»Ich verbiete Ihnen, über mein Stubenmädchen zu bestimmen«, rief der Graf. »Sie bleibt hier!«

»Sie bleibt nicht hier. Sie ist nicht mehr Ihr Stuben­mädchen. Derartige Beleidigungen brechen jeden Ver­trag.«

Franzi spielte mit. Er sagte: »Ich fahre Sie in die Stadt.«

»Das wirst du...« Der alte Graf vergaß fast seine Rolle. »Das werden Sie nicht tun, Franzi! Sonst wird auch Ihnen gekündigt!«

»Aber Leopold«, sagte Franzi, »ich achte Sie viel zu sehr! Ich werde Sie doch nicht im Stich lassen). Nein, nein, ich bleibe bei Ihnen!«

Konstanze band ihre weiße Tändelschürze ab und drückte sie dem sprachlosen Vater in die Hand. Dann lief sie aus dem Zimmer.

Es ging alles so schnell, daß der alte Graf überhaupt keine Gelegenheit hatte, mit Konstanze ein privates Wort zu sprechen. Die Amerikaner hängten sich mit neugierigen Blicken an den alten Grafen. Die Tante kam, von Mizzi gerufen, verwundert aus der Küche und war fassungslos. Mizzi amüsierte sich, ohne die Zusammenhänge näher zu kennen. Und Franzi bemühte sich, das Tempo dieser Szene nicht zu ver­schleppen.

Ehe die anderen die Situation begriffen hatten, saßen wir, Konstanze, Franzi und ich - aneinandergedrückt und von Koffern umgeben - in dem kleinen Auto und fuhren nach Salzburg hinein, durch Salz­burg hindurch, über die Grenze, nach Reichenhall, vor das Hotel Axelmannstein. Konstanze ließ sich ein Zimmer geben. Dann tranken wir darauf, daß alles gut enden möge.

Franzi war bester Laune. Er sagte: »Ich verstehe zwar nichts vom Dichten, aber eines steht fest: Der alte Herr soll nicht mit lebendigen Menschen experi­mentieren.«

Konstanze war mitleidiger. »Wann willst du Papa die Wahrheit sagen?«

»Um Fehler einzusehen, braucht man Zeit. Vier­undzwanzig Stunden muß er zappeln.«

Konstanze ist in ihr Zimmer gegangen. Franzi ist zurückgefahren. Morgen früh wird er anrufen und einen Bericht geben. Ich habe jetzt Hunger. Im Schloß H. haben wir ja nur die Suppe gegessen!

 

Das Interregnum

Reichenhall, 29. August, nachmittags Franzi rief uns früh am Morgen an. Sein Vater ist noch immer unruhig. Gestern abend war er heimlich in Salzburg und hat in der ganzen Stadt nach Konstanze gesucht. Er ist sich natürlich darüber klar, daß die Komödie nicht eine Tragödie werden wird. Aber immerhin: Eine seiner Töchter ist mit einem völlig fremden Menschen, der sie für ein Stubenmädchen hält, weggelaufen! Das will ihm nicht in den Kopf gehen. Und er vesteht im Grunde sein eigenes Thea­terstück nicht mehr.

Ich bin neugierig, wie das Wiedersehen mit ihm wird!

Vor dem Mittagessen spielten Konstanze und ich Ten­nis, und nach dem Essen mietete ich ein Auto. Wir fuhren zum Königssee und mit dem Schiff nach St. Bartholomä. Der Kapitän erklärte uns die herrliche Landschaft und blies schließlich, um das Echo hören zu können, wunderbar auf einer Trompete.

Aber noch schöner war die herrliche Fahrt über die Alpenstraße. Über und neben uns der Watzmann und die anderen Gipfel mit ihrem Schnee. Unter uns grüne Täler, kleine Dörfer und Bauerngärten. Es war fast zu schön!

Der Großstädter, der die Natur nur in kleinen Men­gen erlebt, ist der Natur in Großausgabe kaum gewachsen!

 

Übrigens welch ein Tag! Eben noch mitten im ewigen Schnee. Jetzt in der Hotelhalle. In zwei Stunden drü­ben im Salzburger Dom zu Mozarts »Requiem«. -Karl hat angerufen. Er hat Karten für uns.

Reichenhall, 29. August, nachts »Wie schön war doch das Leben!... Heiteren Sinnes muß man es auf sich nehmen... So beende ich nun meinen Todesgesang. Ich darf ihn nicht unvollendet lassen.«

Das sind die Worte in einem Brief, den Mozart zwei Monate vor seinem Tod schrieb. Was er nicht unvoll­endet lassen durfte, war das Requiem. Er vollendete es nicht. Als man am Bett des jungen sterbenden Mozart die fertigen Teile spielte, brach er in Schluchzen aus. »Habe ich es nicht gesagt, daß ich dieses Requiem für mich schreibe?«

In der folgenden Nacht starb er.

Dieses letzte Werk des großen Salzburger Kompo­nisten entstand als/ Salzburger Komödie! Mozart schrieb das Werk im Auftrag eines großen Unbekann­ten, der ihm mehrmals einen Diener schickte und ihn mahnen ließ, die Arbeit zu vollenden.

Der große Unbekannte war ein Graf Franz von Walsegg. Dieser Graf Walsegg behauptete sein Leben lang, ein bedeutender Komponist zu sein. Für diese Idee brauchte er viel Geld. Er gab den Meistern seiner Zeit heimliche Aufträge, und unter seinem Namen wurden ihre Werke aufgeführt. Alle wußten, daß er nicht der Komponist war, und doch taten sie, als ob er es wäre. Er brauchte ein Requiem, als seine Ehefrau gestorben war und er ihr einen Totengesang zu kom­ponieren 'schuldete.

Deshalb schickte er seinen alten Diener zu Mozart, und deshalb schrieb Mozart das Requiem.

Graf H., Konstanzes Vater, und jener Graf Walsegg

sind beide von dem gleichen österreichischen Adel und aus derselben komödiantischen Familie!

Kunst und Wirklichkeit, Theater und Leben sind sonst zwei getrennte Gebiete. Hier sind beide ein unlösbar Ganzes!

Sollte das der Grund sein, daß hier - wie schon die alten Italiener meinten - das Glück wohnt?

 

 


Date: 2016-01-03; view: 411


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