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Opicina, 16. November 1992 1 page

Susanna Tamaro

 

Geh, wohin dein Herz dich trägt

Roman

Aus dem Italienischen von Maja Pflug

 

Oh Shiva, was ist deine Wirklichkeit?

Was ist dieses Universum voller Staunen?

Was bildet den Kern?

Wer lenkt das Rad des Universums?

Was ist dieses Leben jenseits der Form,

das die Formen durchdringt?

Wie können wir über Zeit und Raum, Namen und

äußere Merkmale hinaus Zugang dazu finden?

Erhelle meine Zweifel!

Aus einem heiligen Text

des kaschmirischen Shivaismus

Opicina, 16. November 1992

 

Du bist vor zwei Monaten abgereist, und seit zwei Monaten habe ich, abgesehen von einer Postkarte, auf der du mir mitteilst, daß du noch lebst, keine Nachricht von dir. Heute morgen bin ich im Garten lange vor deiner Rose stehengeblieben. Obgleich es schon Spätherbst ist, hebt sie sich mit ihrem Purpurrot noch einsam und eitel von den anderen Pflanzen ab, die längst die Farbe verloren haben. Weißt du noch, wie wir sie gepflanzt haben? Du warst zehn Jahre alt und hattest gerade Der kleine Prinz gelesen. Ich hatte ihn dir als Belohnung für deine Versetzung ge-schenkt. Du warst von der Geschichte begeistert. Am liebsten von allen Gestalten hattest du die Rose und den Fuchs; den Affenbrotbaum, die Schlange, den Piloten und all die beschränkten, eingebildeten Menschen, die auf ihren winzigen Planeten sitzend durchs All schwebten, mochtest du dagegen nicht. So sagtest du eines Morgens beim Frühstück: »Ich will eine Rose.« Auf meinen Einwand, wir hätten doch schon so viele Rosenstöcke, hast du geantwortet: »Ich will eine, die nur mir gehört, ich will sie pflegen, sie großziehen.« Natürlich wolltest du außer der Rose auch einen Fuchs. Mit der Schlauheit der Kinder hattest du den einfachen Wunsch vor dem fast unerfüllbaren geäußert. Wie sollte ich dir den Fuchs abschlagen können, nachdem ich dir die Rose zugestanden hatte? Darüber ha-ben wir lange gestritten und uns schließlich auf einen Hund geeinigt.

In der Nacht, bevor wir ihn holten, hast du kein Auge zugetan. Alle halbe Stunde hast du an meine Tür geklopft und gesagt: »Ich kann nicht schlafen.« Morgens um sieben warst du schon mit dem Frühstück fertig, gewaschen und angezogen; im Mantel bist du im Sessel gesessen und hast auf mich gewartet. Um halb neun standen wir vor dem Eingang des Tierheims, es war noch zu. Zwischen den Gittern hindurchspähend, sagtest du: »Woran werde ich merken, welcher genau der Richtige für mich ist?« Große Besorgnis lag in deiner Stimme. Ich beruhigte dich. »Mach dir keine Sorgen«, sagte ich, »denk daran, wie der Kleine Prinz den Fuchs gezähmt hat.«

Drei Tage lang gingen wir immer wieder hin. Es gab mehr als zweihundert Hunde dort drinnen, und du wolltest sie alle sehen. Du bliebst vor jedem Käfig stehen, regungslos und scheinbar unbeteiligt, in Gedanken versunken. Die Hunde warfen sich alle gegen das Gitter, bellten, sprangen hoch und versuchten, mit den Pfoten den Maschendraht zu zerreißen. Eine Wärterin des Tierheims begleitete uns. Da sie dich für ein kleines Mädchen wie alle anderen hielt, zeigte sie dir, um dich zu verlocken, die schönsten Tiere: »Schau den Cockerspaniel«, sagte sie. Oder: »Was hältst du von dem Lassie dort?« Als einzige Antwort gabst du eine Art Grunzen von dir und gingst weiter, ohne ihr zuzuhören.



Buck haben wir am dritten Tag dieses Leidenswegs gefunden. Er befand sich in einer der Boxen auf der Rück-seite, wo die kranken Hunde untergebracht wurden. Als wir ans Gitter traten, sprang er uns nicht mit allen anderen entgegen, sondern blieb auf seinem Platz sitzen und hob nicht einmal den Kopf. »Den«, hast du gerufen und auf ihn gezeigt. »Den da will ich!« Erinnerst du dich noch an das entsetzte Gesicht der Frau? Sie konnte einfach nicht begreifen, wieso du ausgerechnet diesen häßlichen Köter mitnehmen wolltest. Denn Buck war zwar ein kleiner Hund, aber in seiner Kleinheit mischten sich fast alle Rassen der Welt. Er hatte den Kopf eines Schäferhundes, die weichen Schlappohren eines Jagdhundes, die krummen Beine eines Dackels, einen buschigen Schwanz wie ein Spitz und das schwarze glatte Fell eines Dobermanns. Als wir ins Büro gingen, um die Papiere zu unterschreiben, er- zählte uns die Angestellte seine Geschichte: Er war zu Beginn des Sommers aus einem fahrenden Auto geworfen worden. Beim Fall hatte er sich schwer verletzt, und seitdem hing eines der Hinterbeine wie leblos herab.

Buck sitzt jetzt hier neben mir. Während ich schreibe, seufzt er ab und zu und stupst mich mit der Nasenspitze am Bein. Die Schnauze und die Ohren sind mittlerweile fast ergraut, und über seine Augen hat sich seit einiger Zeit jener Schleier gelegt, der immer die Augen alter Hunde trübt. Es rührt mich, wenn ich ihn ansehe. Es ist, als hätte ich einen Teil von dir hier neben mir, den Teil, den ich am meisten liebe, den, der dich vor so vielen Jahren unter den zweihundert Insassen im Tierheim den unglücklichsten und häßlichsten auswählen ließ.

Seit ich ziellos durch die Einsamkeit des Hauses wandere, sind die Jahre, in denen unser Zusammenleben von Unverständnis und schlechter Laune geprägt war, wie ausgelöscht. Die Erinnerungen, die mich in diesen Monaten umgeben, sind die Erinnerungen an dich als Kind, als verletzliches, ausgesetztes kleines Tierchen. An dieses Kind schreibe ich, nicht an die gepanzerte überhebliche Person der letzten Zeit. Die Rose hat mich dazu angeregt. Heute morgen, als ich an ihr vorbeiging, hat sie mir zugeflüstert: »Setz dich hin und schreib ihr einen Brief.« Ich weiß, daß
wir bei deiner Abreise unter anderem vereinbart haben, wir würden uns nicht schreiben, und schweren Herzens halte ich mich daran. Diese Zeilen werden nie den Flug nach Amerika antreten, um zu dir zu kommen. Wenn ich bei deiner Rückkehr nicht mehr da sein sollte, werden sie hier auf dich warten. Warum ich das sage? Weil ich vor we-niger als einem Monat zum ersten Mal in meinem Leben schwer krank gewesen bin. So weiß ich jetzt, daß es unter allen Möglichkeiten auch diese gibt: In sechs oder sieben Monaten könnte ich nicht mehr hier sein, um dir die Türe
zu öffnen und dich zu umarmen. Eine Freundin sagte vor einiger Zeit, daß bei Menschen, die nie krank waren, die Krankheit plötzlich und heftig auftritt, wenn sie dann kommt. Genau so ist es bei mir gewesen: Eines Morgens, während ich die Rose goß, hat auf einmal jemand das Licht ausgeknipst. Wenn Frau Razman mich nicht durch den
Zaun gesehen hätte, der unsere Gärten voneinander trennt, wärst du jetzt höchstwahrscheinlich Waise. Waise?
Sagt man das, wenn eine Großmutter stirbt? Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht werden Großeltern als etwas so Ne- bensächliches betrachtet, daß man kein besonderes Wort braucht, um ihren Verlust zu bezeichnen. Nach ihrem Tod ist man weder Waise noch verwitwet. Man läßt sie wie selbstverständlich am Wegrand zurück, so wie man unter- wegs zerstreut einen Regenschirm liegenläßt.

Als ich im Krankenhaus aufwachte, erinnerte ich mich an nichts mehr. Mit noch geschlossenen Augen hatte ich das Gefühl, mir wäre ein langer, schmaler, zweigeteilter Schnurrbart gewachsen, ähnlich wie die Schnurrhaare einer Katze. Als ich die Augen aufschlug, wurde mir klar, daß es sich um zwei dünne Plastikschläuche handelte; sie kamen aus meiner Nase und liefen die Lippen entlang. Um mich herum standen überall seltsame Apparate. Nach ei-nigen Tagen wurde ich in ein normales Zimmer verlegt, in dem schon zwei andere Personen lagen. Dort besuchte mich dann eines Nachmittags Herr Razman mit seiner Frau. »Daß Sie noch leben«, sagte er zu mir, »verdanken Sie Ihrem Hund, der wie verrückt gebellt hat.«

Als ich schon wieder aufstehen konnte, kam ein junger Arzt ins Zimmer, den ich auch mehrmals während der Vi-site gesehen hatte. Er nahm einen Stuhl und setzte sich an mein Bett. »Da Sie keine Verwandten haben, die für Sie sorgen und entscheiden können«, sagte er, »werde ich ohne Vermittlung eines Dritten offen mit Ihnen selbst reden müssen.« Ich sah ihm mehr zu, während er sprach, als daß ich ihm zuhörte. Er hatte schmale Lippen, und wie du weißt, haben mir Menschen mit schmalen Lippen noch nie gefallen. Seinen Worten zufolge war mein Gesundheitszustand so ernst, daß er mir nicht erlaubte, nach Hause zurückzukehren. Er nannte mir zwei oder drei Einrichtungen mit Pflegeabteilung, in die ich hätte gehen können. An meinem Gesichtsausdruck muß er mir etwas angesehen haben, denn er fügte sofort hinzu: »Denken Sie nicht an die Altersheime von früher, heute ist alles anders, die Zimmer sind hell, und rundherum gibt es große Parks, in denen man Spazierengehen kann.« – »Herr Doktor«, habe ich daraufhin zu ihm gesagt, »kennen Sie die Eskimos?« – »Natürlich«, antwortete er, während er aufstand. »Nun, sehen Sie, so will ich sterben«, und da er nicht zu verstehen schien, habe ich hinzugefügt: »Ich falle lieber mit dem Gesicht nach unten zwischen die Zucchini in meinem Garten, als daß ich in einem Zimmer mit weißen Wänden noch ein Jahr lang ans Bett gefesselt lebe.« Aber da war er schon an der Tür. Er lächelte bösartig: »So reden viele«, sagte er, bevor er verschwand, »doch im letzten Moment kommen sie alle angerannt, um sich behandeln zu lassen,
und zittern wie Espenlaub.«

Drei Tage später unterschrieb ich ein lächerliches Formular, in dem ich erklärte, daß ich, ich allein, die Verant- wortung dafür trüge, falls ich demnächst sterben sollte. Das übergab ich einer jungen Krankenschwester mit kleinem Kopf und riesigen goldenen Ohrringen, und dann machte ich mich mit meinen wenigen, in einer Plastiktüte verstauten Habseligkeiten auf den Weg zum Taxistand.

Kaum sah Buck mich am Gartentor auftauchen, fing er an, wie ein Verrückter im Kreis herumzuspringen; danach verwüstete er noch, um seine Freude zu betonen, bellend zwei oder drei Blumenbeete. Diesmal hatte ich nicht das Herz, ihn auszuschimpfen. Als er mit erdverschmierter Schnauze auf mich zukam, habe ich zu ihm gesagt: »Siehst du, mein Alter, wir sind wieder beisammen!« und ihn hinter den Ohren gekrault.

In den folgenden Tagen habe ich wenig bis gar nichts getan. Seit dem Unfall gehorcht die linke Körperhälfte mei-nen Befehlen nicht mehr wie früher. Vor allem die Hand ist sehr langsam geworden. Da es mich wütend macht, daß sie über mich siegt, tue ich alles, um sie mehr zu benutzen als die andere. Ich habe mir eine rote Schleife ums Hand- gelenk gebunden, damit ich mich jedesmal, wenn ich etwas in die Hand nehmen muß, daran erinnere, statt der Rech- ten die Linke zu benutzen. Solange der Körper funktioniert, macht man sich nicht klar, welch großer Feind er sein kann; wenn man nur einen einzigen Augenblick den Willen, ihm zu trotzen, aufgibt, ist man schon verloren.

Für alle Fälle habe ich, angesichts meiner eingeschränkten Bewegungsfreiheit, Walters Frau einen zweiten Schlüssel gegeben. Sie kommt jeden Tag vorbei und bringt mir alles, was ich brauche.

Während ich zwischen Haus und Garten umhergehe, begleitet mich der Gedanke an dich unablässig, ich bin wie besessen. Mehrere Male habe ich schon vor dem Telefon gestanden und den Hörer abgenommen, um ein Tele-
gramm an dich aufzugeben. Doch kaum antwortete die Zentrale, habe ich jedesmal wieder aufgelegt. Abends, wenn ich im Sessel saß – vor mir Leere und rundherum Stille –, fragte ich mich, was besser wäre. Für dich natürlich, nicht für mich. Für mich wäre es viel schöner, wegzugehen, wenn du bei mir wärst. Ich bin sicher, daß du deinen Aufenthalt in Amerika abgebrochen hättest, wenn ich dich von meiner Krankheit unterrichtet hätte, und hierher geeilt wärest. Und dann? Dann hätte ich womöglich noch drei oder vier Jahre zu leben, vielleicht im Rollstuhl, vielleicht halb schwachsinnig, und du würdest mich aus Pflichtgefühl pflegen. Du tätest es mit Hingabe, aber mit der Zeit würde die Hingabe sich in Wut verwandeln, in Groll. In Groll, weil die Jahre verstreichen würden und du deine Jugend vergeudet hättest; weil meine Liebe wie ein Bumerang gewirkt, dem Leben in eine Sackgasse gezwungen hätte. Das sagte die Stimme in mir, die dich nicht anrufen wollte. Kaum beschloß ich, daß sie recht hatte, meldete sich in meinem Geist eine Gegenstimme. Wie würde es dir ergehen, fragte ich mich, wenn dir beim Aufschließen der Tür nicht ich und Buck freudig entgegenkämen, sondern du das Haus leer, schon lange unbewohnt vorfändest? Gibt es etwas Schrecklicheres als eine Rückkehr, die nicht gelingt? Würde es dir etwa nicht wie eine Art Verrat vorkommen, wenn du dort drüben ein Telegramm mit der Nachricht meines Ablebens erhieltest? Wie eine Bosheit? Da du m den letzten Monaten sehr ruppig zu mir warst, würdest du denken, bestrafte ich dich, indem ich fortging, ohne dir Bescheid zu sagen. Das wäre kein Bumerang, sondern ein Abgrund, ich glaube, es ist fast unmöglich, so etwas zu überleben. Das, was du dem geliebten Menschen noch hättest sagen müssen, bleibt für immer in dir; er liegt dort unter der Erde, und du kannst ihm nicht mehr in die Augen schauen, ihn nicht mehr umarmen, nicht mehr sagen, was du ihm noch nicht gesagt hattest.

Die Tage vergingen und ich kam zu keiner Entscheidung. Dann, heute morgen, der Vorschlag der Rose. Schreib ihr einen Brief, ein kleines Tagebuch über dein jetziges Leben, das ihr bleibt. Und so sitze ich nun hier in der Küche, mit einem alten Heft von dir vor mir, und kaue auf dem Stift herum wie ein Kind, das Schwierigkeiten bei seinen Hausaufgaben hat. Ein Testament? Nicht eigentlich, eher etwas, das dich durch die Jahre begleiten soll, etwas, worin du immer lesen kannst, wenn du das Bedürfnis empfindest, mich bei dir zu haben. Fürchte dich nicht, ich will dir weder eine Predigt halten, noch dich traurig machen, sondern nur ein wenig plaudern, mit dem Gefühl der Nähe, die uns einmal verband und die in den letzten Jahren verlorengegangen ist. Da ich lange gelebt habe und
von vielen Menschen zurückgelassen wurde, weiß ich unterdessen, daß die Toten einen nicht durch ihre Abwesen-heit belasten, sondern durch das, was – zwischen ihnen und uns – nicht ausgesprochen wurde.

Schau, ich mußte plötzlich in fortgeschrittenem Alter Mutterstelle an dir vertreten, in einem Alter, in dem man für gewöhnlich nur Großelternpflichten hat. Das hatte viele Vorteile. Vorteile für dich, weil eine Großmutter als Mutter immer aufmerksamer und gütiger ist als eine Mutter als Mutter, und Vorteile für mich, weil ich mit Gewalt wieder in den Strom des Lebens hineingerissen wurde, anstatt wie meine Altersgenossinnen zwischen einer Partie Canasta und einer Nachmittagsvorstellung im Theater zu verblöden. An einem gewissen Punkt ist jedoch etwas zer- brochen. Schuld waren weder du noch ich, sondern einzig und allem die Naturgesetze.

Kindheit und Alter gleichen sich. In beiden Fällen ist man, aus unterschiedlichen Gründen, recht ungeschützt, man nimmt noch nicht – oder nicht mehr – am aktiven Leben teil, und kann für alles uneingeschränkt offen und empfänglich sein. Wahrend der Pubertät beginnt sich dann ein unsichtbarer Panzer um unseren Körper zu legen. Er bildet sich während der Pubertät und wird wahrend des gesamten Erwachsenenlebens immer dicker. Mit seinem Wachstum verhält es sich ähnlich wie bei den Perlen, je größer und tiefer die Verletzung, um so stärker ist der Panzer, der sich darum entwickelt. Im Lauf der Zeit jedoch nutzt er sich dann an den am stärksten strapazierten Stellen allmählich ab wie ein Kleid, das man zu lange getragen hat, wird fadenscheinig, bekommt bei einer schroffen Bewegung unvermutet einen Riß. Anfangs bemerkst du es gar nicht, du bist überzeugt, daß der Panzer dich noch völlig umgibt, bis du eines Tages auf einmal wegen irgendeiner Dummheit in Tränen ausbrichst wie ein Kind, ohne zu wissen, warum.

Wenn ich sage, daß sich zwischen dir und mir naturgemäß eine Kluft aufgetan hat, meine ich genau das. Zu der Zeit, als dein Panzer sich zu bilden anfing, war meiner schon in Fetzen. Du konntest meine Tränen nicht ertragen, und ich konnte deine plötzliche Härte nicht ertragen. Obgleich ich darauf vorbereitet war, daß sich mit der Pubertät dein Charakter verändern würde, fiel es mir doch sehr schwer, die Veränderung zu ertragen, als sie eingetreten war. Plötzlich hatte ich eine neue Person vor mir, und ich wußte nicht mehr, wie ich diese Person nehmen sollte. Abends, im Bett, wenn ich meine Gedanken sammelte, war ich glücklich über das, was dir passierte. Ich sagte mir, wer die Pubertät unversehrt durchlebt, wird nie wirklich groß. Am Morgen jedoch, wenn du mir die erste Tür vor der Nase zuschlugst, hätte ich nur noch heulen können! Es gelang mir einfach nicht, die Kraft zu finden, um dir die Stirn zu bieten. Falls du je achtzig Jahre alt werden solltest, wirst du verstehen, daß man sich in diesem Alter fühlt wie die Blätter Ende September. Die Tage werden kürzer, und der Baum fängt langsam an, die Nährstoffe abzuziehen. Stickstoff, Chlorophyll und Proteine werden vom Stamm aufgesogen, und mit ihnen gehen auch das Grün und die Elastizität dahin. Man hängt zwar noch dort oben, aber man weiß, daß es nur eine Frage der Zeit ist. Nacheinander fallen die Blätter in deiner Nähe herab, du siehst ihnen beim Fallen zu und lebst in der Angst, es könnte ein Wind aufkommen. Für mich warst du der Wind, die streitsüchtige Lebenskraft deiner Pubertät. Ist dir das nie klargeworden, mein Schatz? Wir haben am selben Baum gelebt, aber zu allzu verschiedenen Jahreszeiten.

Der Tag deiner Abreise kommt mir in den Sinn, wie nervös wir beide waren! Du wolltest nicht, daß ich dich zum Flughafen begleite, und immer, wenn ich dich an etwas erinnerte, was du nicht vergessen solltest, gabst du mir zur Antwort: »Ich gehe nach Amerika und nicht in die Wüste!« Und an der Tür, als ich dir mit grauenhaft schriller Stimme nachrief: »Gib auf dich acht!«, hast du, ohne dich auch nur umzudrehen, zum Abschied zu mir gesagt: »Gib du auf Bück und die Rose acht.«

Im ersten Moment war ich etwas enttäuscht von diesem Abschied, weißt du. Als sentimentale alte Frau erwartete ich mir etwas anderes, Banaleres, etwa einen Kuß oder einen liebevollen Satz. Erst am Abend, als ich, da ich nicht einschlafen konnte, im Morgenrock durch das leere Haus geisterte, wurde mir klar, daß auf Buck und die Rose auf- zupassen bedeutete, für den Teil von dir zu sorgen, der weiterhin bei mir lebt, der glückliche Teil von dir. Und mir wurde auch klar, daß sich in der Schroffheit jenes Befehls nicht Empfindungslosigkeit ausdrückte, sondern die äußerste Anspannung einer Person, die sonst gleich zu weinen anfängt. Es ist der Panzer, von dem ich vorher sprach. Deiner ist noch so eng, daß du fast keine Luft bekommst. Weißt du noch, was ich in der letzten Zeit zu dir sagte? Die Tränen, die nicht heraus können, lagern sich auf dem Herzen ab, nach und nach bilden sie eine Kruste und legen es lahm, wie der abgelagerte Kalk mit der Zeit den Mechanismus einer Waschmaschine lahmlegt.

Ich weiß, über meine Beispiele aus dem Reich der Küche kannst du nicht lachen, sondern nur die Nase rümpfen. Laß es gut sein: Jeder empfängt Anstöße aus der Welt, die er am besten kennt.

Nun muß ich dich verlassen. Buck seufzt und schaut mich mit flehenden Augen an. Auch an ihm erweist sich die Regelmäßigkeit der Natur. Wann Fressenszeit ist, weiß er zu allen Jahreszeiten mit der Pünktlichkeit einer Schweizer Uhr.

 

November

 

Heute nacht hat es stark geregnet. So heftig, daß ich mehrmals aufgewacht bin von dem Geräusch des Regens, der an die Fensterläden trommelte. Heute früh bin ich noch lange liegengeblieben, nachdem ich die Augen geöffnet hatte, denn ich war überzeugt, das Wetter sei immer noch schlecht. Wie sich die Dinge doch mit den Jahren ändern! In deinem Alter schlief ich wie ein Murmeltier – wenn mich niemand störte, konnte ich leicht bis zur Mittagszeit durchschlafen. Jetzt dagegen wache ich immer vor Sonnenaufgang auf. So werden die Tage unendlich lang. Es hat etwas Grausames an sich, findest du nicht? Die Morgenstunden sind sowieso die schrecklichsten, nichts hilft einem, sich abzulenken, man liegt da und weiß, daß die eigenen Gedanken nur noch zurückwandern können. Die Gedanken eines alten Menschen haben keine Zukunft, sie sind meistens traurig, und wenn nicht traurig, melancholisch. Diese seltsame Laune der Natur hat mich schon oft beschäftigt. Vor einigen Tagen habe ich einen Dokumentarfilm im Fernsehen gesehen, der mich nachdenklich gestimmt hat. Es ging um die Träume von Tieren. In der Tierwelt träumen, von den Vögeln aufwärts, alle viel. Die Meisen und die Tauben träumen, die Eichhörnchen und die Kaninchen, die Hunde und die Kühe auf der Weide. Sie träumen, aber nicht alle auf die gleiche Art. Die Tiere, die ihrer Natur gemäß vor allem gefressen werden, haben kurze Träume, mehr denn echte Träume sind es Bilder. Die Raubtiere dagegen haben komplizierte und lange Träume. »Für die Tiere«, sagte der Sprecher, »ist Träumen eine Art und Weise, die Überlebensstrategien auszuarbeiten; diejenigen, die auf die Jagd gehen, müssen immer neue Formen erfinden, um sich Nahrung zu besorgen, und diejenigen, die gejagt werden – sie haben ihre Nahrung normalerweise in Form von Gras stets vor sich –, haben nur eine Sorge: wie sie am schnellsten fliehen können.« Kurz und gut, die Antilope sieht im Schlaf die weite Savanne vor sich; der Löwe dagegen sieht in einem ständigen Wechsel verschie-
dener Szenen all die Dinge, die er tun muß, damit es ihm gelingt, die Antilope zu fressen. So muß es sein, habe ich mir daraufhin gesagt: Wenn man jung ist, ist man ein Fleischfresser, im Alter wird man zum Pflanzenfresser. Denn man schläft nicht nur wenig, wenn man alt ist, man träumt auch nicht, oder falls doch, kann man sich hinterher nicht daran erinnern. Als Kind und als Heranwachsende dagegen träumt man mehr, und die Träume beeinflussen entscheidend die Stimmung des Tages. Weißt du noch, wie du in den letzten Monaten nach dem Aufwachen immer geweint hast? Du bist vor deiner Kaffeetasse gesessen und die Tränen liefen dir still die Wangen hinunter. »Warum weinst du?« fragte ich dich dann, und du sagtest, untröstlich oder wütend: »Ich weiß nicht.« In deinem Alter hat man innerlich so viel in Ordnung zu bringen, man hat Pläne, und diese Pläne bergen Unsicherheiten. Das Unbewußte kennt keine Ordnung oder eindeutige Logik, die tiefsten Sehnsüchte mischen sich darin mit übergroß gewordenen, verzerrten Tagesresten, und zwischen den tiefen Sehnsüchten tauchen körperliche Bedürfnisse auf. So träumt einer, der Hunger hat, er sitze am gedeckten Tisch und könne nichts essen, einer, der friert, er sei am Nordpol und habe keinen Mantel, und einer, der eine Unhöflichkeit erdulden mußte, wird zum blutrünstigen Krieger.

Was du wohl dort zwischen Kakteen und Cowboys für Träume hast? Das wüßte ich gern. Wer weiß, ob ich, womöglich als Rothaut verkleidet, auch manchmal darin auftauche? Wer weiß, ob Buck in Gestalt eines Kojoten darin vorkommt? Hast du Heimweh? Denkst du an uns?

Gestern abend, während ich im Sessel saß und las, hörte ich plötzlich ein rhythmisches Geräusch im Zimmer, und als ich den Kopf vom Buch hob, sah ich Buck, der im Schlaf mit dem Schwanz auf den Boden klopfte. Weißt du, nach seinem seligen Ausdruck bin ich sicher, daß er dich vor sich sah, vielleicht warst du gerade zurückgekehrt, und er begrüßte dich voll Freude, oder er erinnerte sich an einen besonders schönen Spaziergang, den ihr zusammen unternommen habt. Hunde sind so empfänglich für menschliche Gefühle, durch das jahrhundertelange Zu- sammenleben sind wir fast gleich geworden. Deshalb werden sie von so vielen Leuten gehaßt. Die sehen in ihren rührend unterwürfigen Augen zu viele Dinge von sich selbst gespiegelt. Dinge, die sie lieber nicht wissen möchten. Buck träumt zur Zeit oft von dir. Mir gelingt es nicht, oder vielleicht kann ich mich nicht daran erinnern.

Als ich klein war, wohnte eine Zeitlang eine Schwester meines Vaters, die kurz davor Witwe geworden war, bei uns. Sie war eine leidenschaftliche Anhängerin des Spiritismus, und sowie meine Eltern uns nicht sahen, unter-richtete sie mich in den dunkelsten, verborgensten Winkeln über die außergewöhnlichen Mächte des Geistes. »Wenn du mit einem fernen Menschen in Kontakt treten willst«, sagte sie zu mir, »mußt du ein Bild von ihm in die Hand nehmen, ein aus drei Schritten bestehendes Kreuz machen und dann sagen: Da bin ich!« Auf diese Weise, meinte sie, würde man eine telepathische Verbindung zu der gewünschten Person herstellen können.

Heute nachmittag, bevor ich zu schreiben begann, habe ich genau das getan. Es war etwa fünf Uhr, bei dir muß es Vormittag gewesen sein. Hast du mich gesehen? Gehört? Ich habe dich flüchtig in einem jener gekachelten Lokale voller Lichter gesehen, in denen man diese Brötchen mit Hackfleisch drin ißt, ich habe dich sofort in der buntge- mischten Menge erkannt, weil du den letzten Pullover anhattest, den ich dir gestrickt habe, den mit den roten und blauen Hirschen. Das Bild war aber so kurz, so wie aus einem Fernsehfilm, daß ich keine Zeit hatte, den Ausdruck deiner Augen zu sehen. Bist du glücklich? Das ist es, was mir vor allem anderen am Herzen liegt.

Weißt du noch, wie lange wir diskutiert haben, um zu entscheiden, ob es richtig sei oder nicht, daß ich dir diesen langen Studienaufenthalt im Ausland ermögliche? Du behauptetest, es sei für dich unbedingt nötig fortzugehen, denn um erwachsen zu werden und deinen geistigen Horizont zu erweitern, müßtest du heraus aus dem erstickenden Milieu, in dem du aufgewachsen seist. Du hattest kaum das Gymnasium beendet und tapptest darüber, was du machen wolltest, wenn du groß wärest, im schwärzesten Dunkeln. Als Kind hattest du viele Vorlieben: Du wolltest Tierarzt werden, Entdecker, Arzt für arme Kinder. Von diesen Wünschen war keine Spur mehr übrig. Die anfängliche Offenheit, die du deinesgleichen gegenüber an den Tag gelegt hattest, war im Lauf der Jahre verschwun- den; alles, was Menschenliebe, Wunsch nach Gemeinschaft war, schlug mit einemmal in Zynismus um, in Ein- samkeit und unablässige, fast zwanghafte Beschäftigung mit deinem Schicksal. Wenn im Fernsehen eine besonders grausame Nachricht zu sehen war, verlachtest du mich wegen meiner mitfühlenden Worte und sagtest: »Worüber wunderst du dich in deinem Alter noch? Weißt du immer noch nicht, daß die natürliche Auslese die Welt regiert?«

Die ersten Male stockte mir bei solchen Äußerungen der Atem, mir war, als hätte ich ein Ungeheuer neben mir; während ich dich aus dem Augenwinkel beobachtete, fragte ich mich, woher du eigentlich kamst, ob es dies war, was ich dich mit meinem Beispiel gelehrt hatte. Ich habe dir nie darauf geantwortet, ich ahnte, daß die Zeit des Dialogs vorbei war, daß alles, ganz gleich, was ich sagte, nur einen Zusammenstoß herbeiführen würde. Einerseits fürchtete ich mich wegen meiner Zerbrechlichkeit vor dem sinnlosen Kräfteverschleiß, andererseits spürte ich, daß der offene Zusammenstoß genau das war, was du wolltest, daß auf den ersten weitere folgen würden, immer häufiger, immer heftigere. Ich merkte, wie unter deinen Worten die Energie brodelte, eine überhebliche Energie, zum Ausbruch bereit und nur mit Mühe gebändigt; daß ich die Unebenheiten glättete und mit gespielter Gleichgültigkeit auf deine Angriffe reagierte, zwang dich, andere Wege zu suchen.


Date: 2016-01-14; view: 109


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