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Und sterbensmüde dachte er: War doch alles vorbei! 4 page

Sie besichtigten die Feldstellungen östlich der Stadt. Der Graben zog sich von Süden nach Norden in Windungen an dem Flecken entlang, dicht vor dem Saum der Gärten. Die Alarmkompanie hielt den Graben besetzt, zweihundert blut­junge Burschen, bis auf ein paar Gefreite führerlos, aber gut bewaffnet. Wolzow zählte neun Maschinengewehre. Die Sol­daten hockten in den Gräben, ihr Optimismus war verkrampft. Wilde Gerüchte: „Herr Unteroffizier, kommt Verstärkung, stimmt das?“ – „Jawohl“, sagte Wolzow, „auch schwere Waffen!“ – „Herr Unteroffizier! Heut nacht sollen im Osten neue Waffen eingesetzt worden sein ... der Russe in vollem Rückzug...“ – „Sobald die offizielle Nachricht eintrifft, laß ich’s bekanntgeben“, sagte Wolzow.

Am östlichen Ende der Stadt führte die Hauptstraße vom Markt durch die Villen hinab zur Chaussee. Vetter notierte Wolzows Anordnungen. „Hier links und rechts eine Pak in Stellung bringen. Die dritte weiter hinten in die Villengärten.“ Winkler blieb im Graben. Sie liefen in die Stadt zurück, die Hauptstraße entlang. „Drei Keller mit Hinterausgang zu Bun­kern herrichten... Panzerfäuste hinbringen! Drei Panzerjagdkommandos bilden. Ein Zug als Reserve in die Stadt.“ Vom Marktplatz führte ein Gäßchen zum südlichen Stadt­rand, wo in der langen Reihe der Villen der Gefechtsstand lag.

Dort klingelte das Telefon. Holt nahm den Hörer ab. Eine rauhe Stimme meldete, die Selbstfahrlafetten seien von Grei­fensleben nach Bucheck gelangt. „Läßt sich alles gut an“, sagte Wolzow. Er studierte wieder die Karte. Mit gespreizten Bei­nen am Tisch, nach vorn geneigt, die Arme seitwärts auf die Platte gestützt, so stocherte er mit dem Zirkel herum, maß Entfernungen, rechnete, leise murmelnd.

Holt erinnerte sich unvermittelt, wie Wolzow bei der Flak die Lage erklärt, wie er in der Kaserne am Sandkasten ge­spielt hatte... Und er sah ihn heute nicht anders als damals über die Karte gebeugt und hörte ihn sagen: „überlegene Tak­tik ... bessere Stellung ... Aufmarsch ... Überraschungs­moment ...“

Wohin führt das? dachte Holt...

Wie lange noch...?

Als es Mittag wurde, langten die drei Selbstfahrlafetten in Gerstedt an. Vetter meldete die Ausführung aller Befehle. Noch einmal besichtigte Wolzow die dünn besetzte Linie, die Bunker in den Ruinen... Dann saßen sie im Gefechtsstand, wo Wehnert noch immer röchelnd im Schlaf lag.

Das Telefon schrillte. Holt nahm den Hörer auf, es war eine Reflexbewegung. Unteroffizier Boek redete aufgelöst und in panischer Furcht von Panzern... Hunderten von Panzern. „Sie halten auf der Höhe von Greifensleben“, schrie Holt. Wolzow sagte: „Die fahren vorbei!“ Er schickte Vetter zu den Selbstfahrlafetten. „Wenn sie zu uns hochkommen sollten, werden die ersten in die Stadt hineingelassen!“

Holt dachte: Panzer. Hunderte von Panzern! Er hörte noch Boeks bebende Stimme, aber Wolzow stand wieder an der Karte und hielt Vorträge in den leeren Keller hinein: „Ich glaube kaum, daß sie uns hier mit starken Panzerkräften an­greifen ... im Süden bereits bis in den Raum Zwickau–Chem­nitz ... erhebt sich die Frage ...“



Seit Tagen war Holt wie gelähmt, er befand sich in einem Zustand der Apathie, und sein Hirn vermochte die Eindrücke der Umwelt nur oberflächlich zu verarbeiten. Aber nun war es, als erwache er, als komme er zu sich. War es Wolzows Stimme, die rauh und schneidend an sein Ohr drang?

Wolzow redete und redete: „...werde die Amerikaner schlagen ... nach allen Regeln der Kriegskunst.“

„Wolzow!“ schrie Holt und zitterte plötzlich vor Erregung. „Jeden Augenblick können die Panzer...“ – „Panzer? Das dauert noch! Also, ich kenn die amerikanische Taktik. Ich werde sie schlagen!“ Ein Melder riß die Tür auf und starrte entgeistert auf den schlafenden Leutnant. Dann schrie er: „Panzer! Massen von Panzern!“ Wolzow langte nach der Maschinenpistole und packte Holt am Arm. „Raus!“ Er schob ihn aus dem Keller.

Holt lag im Graben neben Wolzow, nahe der Landstraße. Auf der Chaussee im Tal klirrten Panzer vorbei. Die Kom­panie verkroch sich tiefer im Graben. Wolzow sah auf Holt. „Was hab ich gesagt? Sie fahren vorbei!“ Er zählte. Bei achtzig hörte er auf zu zählen. Mindestens noch einmal so­viel rollten vorbei.

Dann verstummte langsam der Motorenlärm. Ein Melder kroch durchs Gebüsch und stieg in den Graben. Vetters Hand­schrift: „In Greifensleben motorisierte Infanterie. Boek Lei­tung durchschnitten und kapituliert.“ Wolzow las. Er zischte etwas Unverständliches. Eine Viertelstunde später klirrten wie­der Panzerketten heran. Zehn Shermans rollten bis zur Höhe des Fleckens und bogen auf die Landstraße ab. Dort hielten sie lange Zeit. Unterdessen fuhr eine lange Kette von Wagen, mit Infanterie besetzt, auf der Chaussee vorbei nach Norden, Zugmaschinen mit Geschützen, und immer wieder motorisierte Infanterie. Das letzte Dutzend der Fahrzeuge hielt bei den Shermans vor der Stadt.

Wolzow brüllte den Laufgraben entlang: „Die Panzer ... vorbeilassen!“

Die zehn Shermans rollten in rascher Fahrt die Landstraße hoch, näherten sich dem Ortseingang und drangen in den Flecken ein, sehr nahe an Holt und Wolzow vorbei. Die beiden Pak, in ihren gut gedeckten Stellungen im Gebüsch, begannen zu feuern.

Wolzow schrie: „In die Stadt! Schnell!“

Holt tauchte ins nahe Gebüsch, lief an einer feuernden Selbstfahrlafette vorbei, hörte stadtwärts Panzerfäuste deto­nieren, wieder und wieder. Dann hämmerten Maschinen­gewehre, Sprenggranaten donnerten in die Gärten, Obstbäume zerknickten, blühende Fliederbüsche segelten durch die Luft, ein Schuppen sprang in Fetzen, Feuer, Qualm. Holt rannte über die bebende Erde, erreichte die Hauptstraße, kletterte durch die Ruinen und stieg durch einen Kellergang in den ersten Bunker. Der Keller war verqualmt, durch das Fenster leuchtete gelber Flammenschein, ein paar Soldaten brüllten durcheinander. Jemand drückte Holt eine Panzerfaust in die Hand.

Draußen faßte sein Blick, wie im Traum, einen brennenden Panzer. Aber drei oder vier schössen Sprenggranaten in die Ruinen. Holt lief zur Hauptstraße. Zu seiner Linken, auf dem Marktplatz, flog ein Sherman in die Luft... Rechts ein bren^ nendes Wrack, davor ein Panzer, der mit der Kanone in die Stadt hineinfeuerte.

Jemand warf sich neben Holt aufs Pflaster, das war Wolzow. „Geh ihn an, es ist der letzte!“

Holt lag unbeweglich. Er hatte das rasende Herzklopfen der Todesangst. Aber auf einmal war es vergangen, er spürte seinen Körper nicht mehr, als sei er schwerelos. In seinem Inneren sagte eine herausfordernde Stimme: Geh! Es ist die beste Lösung.

Er erhob sich. Einen imaginären Punkt suchen, festhalten mit dem Blick... und vorwärts, marsch! Er lief gegen den Panzer, fixierte die Walzenblende am Turm; er traf, und die Detonation schmetterte ihn zu Boden.

Ringsum war alles still, nur das Feuer brauste. Wenig ent­fernt stand ein Haus in Flammen. Holt wischte sich die Augen, die von Staub und Pulverdampf brannten.

„Die Infanterie sitzt ab!“ schrie es, und dann: „Vier Pan­zer sind zurück zur Chaussee!“

 

Am Ortseingang, zwischen den Büschen, in einem Meer von Flammen, brannten die beiden Selbstfahrlafetten... Unter­offizier Winkler keuchte: „Die dritte ist heil... Und die bei­den Besatzungen hier...“ – „Scheiß auf die Besatzungen!“ schrie Wolzow. „Die Kanone brauch ich! Die dritte Pak zu­rück in die Stadt!“ Er stieß Holt in den Graben. Vetter kroch zu ihnen hin, mit einem Maschinengewehr. Holt sah, daß man hinter der Chaussee Granatwerfer in Stellung brachte. Die vier Shermans richteten ihre Kanonen auf die Häuser. Es heulte schon heran und schmetterte in die Stadt... „Laß sie angreifen!“ sagte Wolzow. „Gegen ein Dutzend Maschinen­gewehre bergan über freies Feld! Vetter! Du führst den Zug aus der Stadt zum Gegenstoß ...“ Vetter kroch zurück. Wol­zow brüllte Holt an: „Was ist denn mit dir los? Nimm doch das Maschinengewehr!“

Eine Rakete stieg gleißend empor... Was soll das? Wol­zow drehte den Kopf zur Seite, sah nach oben, rutschte, erstarrt vor Schreck, von der Brustwehr in den Graben und verkroch sich im sandigen Boden . .. Holt begriff nichts. Da brach das Gewitter los. Jagdbomber glitten über den Himmel, kippten über die Tragflächen und stießen herab, und entlang des Stadtrandes flog in Fontänen und dann in einer einzigen zusammenhängenden Masse die Erde zum Himmel auf und schmetterte mit Stahl vermengt auf den Boden zurück, und der Boden bebte wie unter vulkanischen Eruptionen... Schwarze Nacht, treibender Rauch, zum Himmel emporstei­gendes Erdreich, das den Tag löschte, von rotem, rußigem Feuer und gelben Blitzen durchzuckte Nacht, Detonationen, Raketen, Bomben, dumpfes Gehämmer der Bordkanonen, verschmelzend zu einem einzigen Ton, den das Motorengeheul der niederstoßenden Maschinen überschrie ... Holt lag be­wegungslos, das Gesicht zum Himmel gekehrt, während rasend schnell die Bilder wechselten: vom Wahnsinn entstellte Ge­sichter, heranrasende Jäger, brüllende Einschläge, der Graben, der einstürzte, tonnenschwer niedergepreßtes Erdreich, be­wegungslose Gestalten, und Feuer, überall Feuer ... Das Grauen sickerte tiefer und tiefer in Holts Bewußtsein und löschte jede Regung. Sein Gesicht erstarrte in einer Grimasse.

Die Jagdbomber flogen ab.

Die Stille, die zurückblieb, füllte sich mit dem Geschrei der Verwundeten. Aber schon zitterte die Erde unter den her­annahenden Panzern. Die vier Shermans rollten feuernd den Graben entlang, Brustwehr samt Besatzung mit breiten Ket­ten zermalmend, ein paar Panzerfäuste detonierten, ohne zu treffen, und die Panzer krochen auf die Landstraße und roll­ten in die Stadt, wo sie die letzte Pak empfing. Aber da riß das Hurra der Angreifer die Überlebenden aus dem Graben hoch.

Holt tauchte aus dem Loch, Augen und Mund voll Sand, riß das MG auf die Brustwehr, zögerndes Schießen setzte ein, Handgranaten barsten. Die Amerikaner waren am Graben, liefen nach links zur Straße hin; dort war der Einbruch gelun­gen. Die braunen Gestalten sprangen in den Graben und roll­ten ihn auf... Wolzow brüllte. Holt warf das MG herum. Die Amerikaner strömten regellos und ungeordnet zur Einbruchstelle. Wolzow warf Handgranaten. Wo die Landstraße zwi­schen die ersten Häuser führte, hieben die Amerikaner alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte oder sein Heil in der Flucht suchte... Wolzow kletterte aus dem Graben, brül­lend: „Vorwärts!“ Auf der Landstraße stieß die Pak zwischen den Häusern hervor und in den Haufen der Amerikaner hin­ein, gefolgt von dem Zug, an dessen Spitze Vetter stürmte. Die verwirrten Amerikaner gingen zurück. Die Pak feuerte Sprenggranaten unter die Fliehenden, rollte weit die Landstraße vor und beschoß die Fahrzeuge auf der Chaussee. Wolzow raffte ein paar Leute zusammen und riß sie mit gegen die Landstraße, wo Vetters Leute mit Kolben und Seitengewehr auf die Amerikaner eindrangen. Holt schleppte keuchend das MG, an der Hüfte angeschlagen, die Rechte am Zweibein, die Linke am Abzug. Noch hielt sich unter einer Baumgruppe ein Dutzend Amerikaner, um einen Neger geschart, aber als der Neger fiel, war das Handgemenge entschieden.

Die Kompanie behauptete den Flecken und den verschütte­ten Graben.

Wolzow geriet in Raserei. Er trieb, im Gesicht weiß vor Wut, einen der jungen Soldaten vor sich her, der während des Handgemenges ins Gebüsch geflüchtet war, trieb ihn zum Straßenrand und schoß ihn nieder. Vetter erschoß mit seinen Leuten ein paar khakifarbene Gestalten, die schon in die Stadt eingedrungen waren und nun vergebens die Hände hoben. Man erschoß auf Wolzows Befehl auch die Verwundeten. Die viel zu weit vorgeprellte Pak stand in Flammen. Aber das alles entging Holt. Er saß weit abseits auf einer Munitionskiste bei den Villengärten, er hatte den Helm abgebunden und vergrub das Gesicht in den Händen.

Ruhe trat ein. Endlich wurde es Abend.

14.

Im Gefechtsstand brannte eine Petroleumlampe. Wolzow schnallte das Koppel mit der Pistole ab und warf es auf die Bank zwischen die Telefone. Auch Vetter legte die Waffen weg, öffnete den Kragen der Feldbluse und beugte sich dann prüfend über den Leutnant.

„Jedenfalls hat die Kompanie die Stellung gehalten“, sagte Wolzow.

Unteroffizier Winkler stand nahe der Tür; er machte eine fahrige Handbewegung. „Die Kompanie?“ Seine Stimme war vom Schreien brüchig. „Es gibt keine Kompanie mehr. Noch fünfzig Mann. Sie sind fertig.“

„Die müssen sich erholen“, sagte Wolzow barsch. „Die müssen weiterkämpfen. Meinetwegen teil Schnaps aus.“ Aber Winkler machte keine Anstalten, den Keller zu verlassen. „Die Jabos...“, sagte er heiser, und sein Gesicht war eingefallen, wie tot, und nicht einmal mehr Angst hatte darin Platz, „die Jabos ... und unsere Verluste ... Es ist Wahnsinn!“

Wolzow schaute auf. Winkler verstummte unter seinem Blick. Wolzow trommelte nervös mit den Fingern auf der Karte. „Die Verwundeten nach Bucheck zurück. Vetter! Häu­ser am Stadtrand herrichten zur Verteidigung. Feldwachen draußen lassen. Jetzt wird aus den Häusern gekämpft!“

Vetter schrie hackenknallend: „Jawohl, Herr Unteroffizier!“ Er raffte Koppel und Maschinenpistole auf. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß.

Wolzow telefonierte mit Bucheck. Er sprach kaum ein Wort und hörte mit unbewegtem Gesicht, was am anderen Ende in die Leitung gesprochen wurde. „In Bucheck ist SS eingetrof­fen.“ Er legte den Hörer auf. „Die werden den Wehnert hän­gen“, sagte er, während er zum Tisch trat. Dann stand er lange über die Karte gebeugt.

Winkler lehnte erschöpft am Türpfosten. Er hielt dieAugen geschlossen, sein Brustkorb hob und senkte sich, als sei er noch immer außer Atem. Er hatte den Helm nicht abgelegt, um seinen Hals hing die Maschinenpistole. „Wolzow“, sagte er, „der Junge.. der Kleine vorhin... Es war...“ Er verstummte, als Wolzow den Kopf hob, aber sein Blick irrte durch den Keller und blieb auf Holt haften.

Holt hockte zwischen den Telefonen. Er hatte das Grauen nicht verwunden. Der Halbschlaf vermengte die frischen Einrücke des Gefechts mit vielen Bildern der Vergangenheit. Alles war noch einmal da, die Schlägerei am Rabenfelsen, die verhungernden Gefangenen in der Batterie, die Sägemühle in den Karpaten, die Gestreiften im offenen Grab. Er wehrte sich gegen die Bilder, er wurde sie nicht los. Spät nach Mitternacht kehrte Vetter zurück. Er brüllte sei­nen Bericht in den Keller.

Holt fuhr zusammen.

„Zur Lagebesprechung“, sagte Wolzow.

Vetter hängte die Maschinenpistole an einen Haken neben der Tür. Wolzow stülpte sich Wehnerts Offiziersmütze auf den Kopf. Er fröstelte und ließ sich von Vetter auch Wehnerts Mantel mit den silbernen Schulterstücken umhängen. Die Pe­troleumlampe warf seinen Schatten, ins Riesenhafte verzerrt, gegen die weißgekalkte Kellerwand.

„Meine Herren!“ Holt horchte auf. Da war wieder die Stimme, rauh, schneidend, eine fremde Stimme, sie jagte Holt einen Kälteschauer über den Rücken: eine Stimme, die Be­fehle schrie, die Stimme des Schicksals, und sie stach in die Tiefe seiner Erschöpfung, wie sie einst in alle Träume, in die Urlaubsstunden oder ins stille Krankenzimmer hineingedrun­gen war, eine Stimme, vor deren Klang es kein Entrinnen gab.

„Die Kompanie hat den ersten Angriff abgewiesen und wird...“

Holt war von bleischwerer Müdigkeit erfüllt. Wolzows Rede wischte diese Müdigkeit fort. Holt hörte zu, und der Augen­blick kam, da die Worte aufhörten, bloßer Schall zu sein, da er ihren Sinn aufnahm: „... heldenhaft untergehn ...“

Das Wort war oft gefallen. Es hatte in allen Lesebüchern gestanden, von der Heiligen Schar des Pelopidas bis zu den Figuren Ernst Jüngers, und besonders im letzten Jahr hatte es die Spalten der Zeitungen gefüllt: heldenhaft untergehn. Es war Phrase gewesen, Drohung, hysterischer Angstschrei. Aber jetzt, in Wolzows Mund, war es ein Todesurteil.

Es gibt keine Lösung, dachte Holt.

Wolzow hielt ihm die Zigarettenschachtel hin, aber Holt bewegte verneinend den Kopf. Wolzow rauchte. „Ich bin zeit meines Lebens ein Verfechter des Schlieffenschen Cannae-Gedankens gewesen ... schon Clausewitz lehrt, daß konzentri­sches Wirken ... Napoleon formuliert, der Schwächere darf nicht...“ Das Gerede Wolzows weckte in Holt ein Gefühl der Fassungslosigkeit, als höre er einen solchen Vortrag zum erstenmal. Wer ist das, dachte er, der dort am Kartentisch sieht?

„... gekommen wäre, wenn nicht... und ich hätte, falls... gelingen würde, aber... wäre bestimmt gelungen, wenn ...“ Hätte, wäre, würde, wenn ...

Der Vorhang riß mitten durch. Holt erwachte. Er kam zu sich. Auf einmal sah er den düsteren Keller, den Kartentisch, den betäubten Leutnant nicht mehr unscharf, verzerrt, wie durch Nebel. Auf einmal faßte sein Blick alle Dinge klar und in harten Umrissen. Sein Denken setzte ein, mit einer Folge­richtigkeit, einer Schärfe, die eine halbe Ewigkeit unter Apa­thie und Gleichgültigkeit begraben gewesen war, wenn er über­haupt jemals darüber verfügt hatte, er, der Suchende mit verbundenen Augen, im dunklen Zimmer... Der Mechanismus seines Denkens pflügte in Sekunden alle Erfahrungen um, deutete alle Eindrücke neu, kehrte sein Leben vom Kopf auf die Füße und lief von der Vergangenheit her unaufhaltsam in die Gegenwart dieser Szene hinein.

Er sah wie gebannt auf Wolzow. Er kannte ihn nun zwei Jahre, eine lange Zeit. Zwei Jahre lang hatten sie zusammen gekämpft. Sie hatten bei der Flak nebeneinander am Geschütz gestanden, sie hatten Tiefangriffe und Bombenteppiche über­lebt, sie hatten das Gefecht in den Karpaten überdauert, sie waren im Osten durch den Schneesturm geflohen, sie hatten in einem Panzer gesessen. Vom Dummejungenstreich bis zum Nahkampf gegen die Amerikaner hatten sie alles gemeinsam erlebt. Holt kannte Wolzow, nichts war neu, nichts kam über­raschend.

Aber in dieser zweiten Stunde nach Mitternacht, an einem Aprilmorgen des Jahres 1945, war ihm, als habe er bis heute nichts, gar nichts von Wolzow gewußt. Er starrte ihn an, als sei das ein fremder Mensch, der dort groß und wuchtig, mit nervösem Zucken der Brauen am Kartentisch stand, seine Er­klärungen mit Handbewegungen untermalte und gerade sagte: „Ich würde einen solchen Angriff...“ Ein fremder Mensch, mochte das gelbe Licht der Petroleumlampe auch ein bekann­tes Gesicht beleuchten.

Eine geschlagene, ausgeblutete Truppe, dachte Holt weiter, lag draußen zwischen Bäumen und Büschen und in zerbomb­ten Kellern und schlief in tödlicher Erschöpfung, kaum einer ohne durchbluteten Verband, ohne Gehirnerschütterung, ohne Nervenschock.

Es war, als zerbreche etwas in Holts Brust. Der dort, dieser Wolzow, dachte er, steht an der Karte, draußen liegt die Truppe, das sind Menschen, und sie sind doch nichts als die einfachste Größe in einer Gleichung mit vielen Unbekannten, sind nur Pfeile auf der Karte, Schachfiguren, kleine Symbole im großen Sandkasten, sind Gegenstände für Wolzow, sonst nichts. Was aber ist Wolzow für sie, für mich?

Eine Ahnung beschlich Holt, verdichtete sich, wurde zur Gewißheit. Es nahm ihm den Atem. Die Binde fiel von seinen Augen, das dunkle Zimmer wurde hell.

Er ist ihr Schicksal.

Schicksal, dachte er, Vorsehung, Gott, wir sind ausgeliefert, Figuren im großen Spiel... Schicksal, dachte er, mein Schick­sal heißt Wolzow.

Wo hab ich meine Augen gehabt, meinen Verstand? Mein Schicksal ist ein Mensch, ein lebender Mensch mit Leib und Hirn und schlagendem Herzen, der sich Macht anmaßt über Leben und Tod, er oder ein anderer, wie hier im Keller, so überall, im ganzen Land, im Kleinen, im Großen... Und er sah nun: Das Anonyme, das System, wohlgeordnet, mit Rang­abzeichen und Uniformen, eine Hierarchie der Gewalt ist un­ser aller Schicksal! Lüge, Betrug war alles, Verdummung war Gott und die Vorsehung nichts als Berechnung! Nicht Schick­salsmacht über Getriebenen, hieß es, nicht Vorsehung über vorgezeichnetem Weg, nicht Gott über Irdischen, Sterblichen, sondern Menschen über Menschen, Machthaber über Macht­losen, und immer Sterbliche über Sterblichen!

Er faßte Wolzow ins Auge. Er hatte noch nie mit solcher Klarheit in einen Menschen hineingesehen. Dieser Unteroffizier mit der Leutnantsmütze, der den Kopf voller Pläne hat, voller durchführbarer und undurchführbarer, auf jeden Fallaber mörderischer Pläne, zugleich voller historischer Ereignisse und Parallelen, für jeden Fehler ein Beispiel und für jeden To­ten ein Beispiel, dieser Mensch dort, nicht anders als Ziesche und Ziesches Vater, Böhm, Wehnert und wie all das Gesindel hieß, ist ein Symbol: ein Verbrecher, der mit angemaßter Macht Mensch auf Mensch in den Tod schickt, ein Mörder von Berufung und Beruf. Und ich war sein Werkzeug, seine Kreatur, sein Zutreiber, dachte Holt.

Das Gefühl der Schuld stieg in ihm hoch. Es wollte ihn zu­rückstoßen in die alte Apathie: Ich hab auf der falschen Seite gestanden, von Anfang an, in der Slowakei, im Osten, immer, bis heute. Ich hab alles mitgemacht. Ich hab geschwiegen und zugesehn. Etwas davon war auch in mir. Und nun bin ich schuldig.

In seinem Inneren braute sich ein neues Gefühl zusammen: brennender Haß. Er verstand nun alles. Er verstand den Aus­bruch Gomulkas, damals, an der Panzersperre, er verstand die Worte des Gefreiten: Das sind sie! Das will nicht aussterben, das mordet weiter. Sie sind die schlimmsten. Und er erkannte, auf welche Seite er gehört hätte: zu Sepp, zu dem Gefreiten, zu der Slowakin, zu den Gestreiften. Er sah auf Wolzow: Das sind sie, unsre Verderber, und der dort bereitet schon neue Morde vor, zeichnet Angriffspfeile und erklärt, warum ein Teil der Kräfte von Norden angesetzt wird... ein Teil der Kräfte, alles in allem fünfzig Mann!

Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen: Das Stückchen Land ringsum, dieses Dreieck der Dörfer, Chaussee, Hügel und Bach, das war nichts anderes als ein überdimensionaler Sandkasten, in dem Wolzow Schicksal spielte mit Machtlosen und Verderben plante, sinnlos und mit der gespenstischen Lust eines Menschen, der einer zweihundertjährigen Mörderfamilie entstammt.

Späte Erkenntnis, zu späte Erkenntnis. Signale über Signale wurden mißdeutet und überhört: alles umsonst, dreckige Arbeit, Chlorkohlensäuremethylester, Russengefangene, Zähneeinschläger, Schulhof, Sägemühle, Zug der Gestreiften. Ich war blindes Werkzeug des Verbrechens, Handlanger des Un­rechts. Schaurige Bilanz! Achtzehn Jahre umsonst gelebt, acht­zehn Jahre mißbraucht und betrogen, und nun schuldig, schul­dig. Und der Haß wuchs und schlug wie eine Flamme in ihm hoch: Im Ende lehn ich mich auf, gegen das „Schicksal“, ich biet ihm die Stirn, ich bin stärker, ich spring in die Schranken.

Ich lege Wolzow das Handwerk.

Wolzow sagte: „Wir werden also jetzt sofort die Amerika­ner bei ihren Fahrzeugen überfallen. Äußere dich zu den Einzelheiten, Holt.“

Es war soweit. Draußen dämmerte der Tag. Holt setzte den Helm auf. Er dachte flüchtig: Meine Mutter... Aber nichts regte sich bei diesem Gedanken. Mein Vater... er hat mir alles gesagt. Aber er hat mir die Wahrheit hingeworfen, wie man einem Hund einen Knochen hinwirft, da war ich zu stolz und wollte die Wahrheit nicht hören, auch das ist meine Schuld.

„Los, äußere dich!“ rief Wolzow ungeduldig. Holt stand auf und faßte die Maschinenpistole. Er sagte: „Die Truppe geht zurück oder kapituliert.“

Winkler, neben dem Ausgang, beugte sich nach vorn und starrte Holt überrascht an.

Wolzow stützte die Hände auf den Kartentisch und hob das Gesicht.

Holt ging zum Radio. Aus dem Lautsprecher drang die Stimme des Sprechers: „Erbitterte Kämpfe... Durchbruch russischer Panzer zwischen Muskau und Guben... Durch­bruch im Raum Wriezen... Durchbruch... Durchbruch...“ – „Stell ab!“ schrie Wolzow. „Hier wird gekämpft bis auf den letzten Mann!“

Holt sagte: „Es wird nicht mehr gekämpft!“

„Nimm dich in acht“, zischte Wolzow. „Ich hab schon einen umgelegt, eigenhändig, reiß dich zusammen, sonst...“

Holt nahm Wolzows Koppel mit der Pistolentasche und warf es durch die Tür in den dunklen Kohlenkeller.

„Es ist aus, Wolzow!“ sagte Holt. Wolzows Gesicht verzerrte sich.

„Winkler!“ schrie Holt.

Winkler riß mit einem Griff Vetters Maschinenpistole vom Haken. Vetter fuhr zurück und starrte hilfesuchend auf Wolzow.

Wolzows Hände tasteten über die Uniform, dann sprang er gegen Holt. Holt stieß den Kartentisch um. Die schwere Platte warf Wolzow gegen die Kellerwand. Holt hob die Maschi­nenpistole, er richtete sie auf Wolzow, er schrie: „Du bringst keinen mehr um, Wolzow!“

Wolzow starrte in die Mündung der Waffe, starrte in Holts Gesicht und wurde fahl. Aus seiner Stirn brach Schweiß, ein Zittern ging über seine Gestalt. Er blieb unbeweglich stehen.

„Winkler“, sagte Holt. „Sie übernehmen wieder das Kom­mando. Gehn Sie nicht nach Bucheck zurück, dort soll SS sein, gehn Sie südlich durch die Wiesen oder gleich in Ge­fangenschaft, wie Sie meinen...“ Auf einmal versagte seine Stimme.

Winkler hielt den Türgriff in der Hand. „Komm mit, Holt!“ – „Ich komm nach.“ Die Tür fiel hinter Winkler ins Schloß.

Wolzow sagte mit einer kratzigen Stimme: „Das ist Ver­rat! Die Truppe ist noch gut für vierundzwanzig Stunden Häuserkampf!“

Holt fuhr herum. Er schrie: „Gestern waren’s zweihundert; und wieviel sind übriggeblieben? ... Du willst hier Lesebuch­geschichten aufführen, aber...“ Er brach ab. Bei dem ist jedes Wort vergeblich.

„Ich fühl mich nicht zum Henker berufen“, sagte Holt, „ich geh.“ Er rief: „Aber lauf mir nicht über den Weg, Wolzow! Verkriech dich irgendwo, aber laß dich nicht vor mir sehen!“

Er stand schon in der Tür. Als Wolzow nicht mehr die Waffe auf sich gerichtet fühlte, geriet er außer sich. Er schrie, nach vorn geneigt: „Warte, du Verbrecher! Warte, ich hol die SS aus Bucheck, ich komm wieder, du sollst hängen, ich will dich hängen sehn neben Wehnert!“ Seine Stimme über­schlug sich.

Holt warf die Tür ins Schloß. Er ging langsam durch die Gärten zum Stadtrand.

Die Chaussee im Tal war von Nebel verhüllt, und der Ne­bel verbarg die Fahrzeuge der Amerikaner und hüllte auch die zurückgehende Truppe ein. Holt fand den Graben, die Villen am Stadtrand verlassen. Zwischen Bombentrichtern lagen die Toten. Die Stadt war menschenleer.

Holt stand am Ortseingang bei einem der zertrümmerten Panzer. Die letzten Soldaten zogen gebückt durchs Gebüsch und tauchten im Nebel unter. Dann war Stille. Holt sah zu den Amerikanern hinüber. Nun, da der Bruch vollzogen war, da er sich losgesagt hatte von aller Vergangenheit, fühlte er sich einsam. Was wird nun aus mir? Er dachte an Gomulka.

So stand er lange, an den rußigen Stahl des Panzers ge­lehnt.

Es war nun taghell. Langsam hob sich der Nebel. Holt hörte Geschrei, das mußte in der Stadt sein. Er wendete sich um und ging in Richtung Marktplatz.

Benagelte Stiefel knallten über das Pflaster. Jemand rannte die Straße hoch zum Ortsausgang, das war Vetter. Holt drückte sich in eine Mauerecke. Aber Vetter kam auf ihn zu, waffenlos und mit dem Gesicht eines Menschen, dem der Schreck Verstand und Überlegung geraubt hat. Er packte Holt an beiden Armen und stammelte: „Der Wolzow ... sie wollen ihn...“ Er schrie: „Sie wollen ihn hängen!“ Der Mund schnappte auf und zu und stieß Worte hervor: „Von Bucheck die SS... die suchen auch nach dir... Ihr Führer ist der Meißner...“ Er brüllte verzweifelt: „Der Meißner von da­heim ... du kennst den doch!“

Die Szene mit Vetter mochte ein Spuk sein, ein Alptraum, aber dann schlug es wie der Blitz ein: Meißner hängt Wolzow! Er dachte daran, zu fliehen, geradewegs zu den Ame­rikanern, die Chaussee hinab, aber dann stieg in ihm wieder der Haß hoch, die Bilder der Erinnerung waren da: der alte Ziesche, die Sägemühle, die Wachmänner der Gestreiften ... Und der Gedanke, in dieser letzten Minute des Krieges das Gewehr umzudrehen, löschte alle Überlegungen aus.

Er lief los, durch enge Querstraßen, im Bogen zum Markt, er suchte den Keller, der zu einem Bunker hergerichtet wor­den war, er pirschte sich durch den Garten und sprang hinab in das Kellerloch. Mit einem Blick überschaute er Waffen und Geräte, die hier zurückgelassen worden waren. Vetter stand bebend am Hinterausgang, der in den Garten mündete. Holt kletterte auf den Kistenstand unter dem Fenster. Er sah Gestalten auf dem Marktplatz, keine fünfzig Meter entfernt, vor der Kulisse eines ausgebrannten Sherman. Er hörte Wolzow schreien. Dann öffnete sich der Kreis. Holt sah Wolzow, die Ellenbogen auf dem Rücken mit einem hellgelben Offiziers­koppel zusammengeschnürt, barhäuptig und schon den Strick um den Hals. Man schleifte ihn zu der Brunnenfigur, die aus­sah wie ein Kandelaber. Der große, blonde SS-Führer war wirklich Meißner. Wehnert stand taumelnd dabei und deutete mit dem ausgestreckten Arm auf Wolzow, der wie ein Tier brüllte, mit unkenntlicher Stimme.

Das alles sah Holt, und es zog sich sekundenlang wie ein Vorhang über seinen Blick, aber der Vorhang riß mitten durch. Man warf den Strick über die Brunnenfigur. Holt dachte: Die Mörder henken sich gegenseitig!

Er sprang in den Keller. Er raffte ein MG auf. Vetter stand fahl und hilflos im Halbdunkel, eine Maschinenpistole in den Händen. Holt stieg mit dem MG und einem Munitionskasten zum Fenster hoch. Schloß zurück, Deckel auf, Deckel zu, ent­sichern, runter das Visier, Anschlag.


Date: 2015-12-24; view: 231


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