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Und sterbensmüde dachte er: War doch alles vorbei! 3 page

Holt saß müde auf der Bank vor dem Dorfkrug. Die Szene war ihm gleichgültig. Alles war ihm gleichgültig. Wolzow ließ antreten. Im ersten Glied sagte jemand: „Das beste war Schlußmachen.“ Wolzow drohte: „Wer türmt, ist Deserteur, und Deserteure hänge ich eigenhändig auf.“ Man murrte nicht, man zeigte kein Zeichen von Zustimmung. Wolzow setzte sich auf die Bank und sah in den Himmel. Die Sonne hinter dem Gewölk näherte sich dem Horizont. Vetter trat aus dem Haus, verteilte ein paar Dauerwürste und erklärte: „Ich koch in der Waschküche Nudeln!“ Wolzow saß unbeweglich. Aber dann sprang er auf.

Das helle Klirren der Panzerketten, das Summen von Mo­toren ... Die Panzer näherten sich rasch. Vetter stürzte schimpfend aus dem Gasthof und raffte Helm und Waffen auf. „Reihe... rechts!“ Wolzow führte die Gruppe aus dem Dorf.

Das Dorf zog sich lang hin. Als sie die letzten Häuser hin­ter sich ließen, dröhnten die Motoren so nahe, daß die Gruppe in panischer Flucht davonstürzte.

Die Landstraße führte nach Norden. Links dehnte sich eine endlose Brachfläche bis zum westlichen Horizont, wo nun die Wolkendecke auseinanderriß und den grellen, gelbroten Strah­lenbündeln der Abendsonne Raum gab. Ein paar ferne Busch­inseln, dahinter ein lichtes Birkenwäldchen, boten Schutz und Deckung. Dorthin floh die Gruppe, regellos und ohne Befehl. Rechts der Landstraße lag ein Acker, leicht ansteigend zu be­waldeten Bergen am östlichen Horizont, und über diesem Acker breitete sich schon die Dämmerung aus.

Wolzow schrie: „Das ist falsch!“ Er orientierte sich mit einem Rundblick, er brüllte: „Haaaalt! Nach rechts!“Niemand hörte auf ihn. Nur die letzten machten kehrt und rannten auf die Straße zurück, Vetter und vier jüngere Soldaten in schwar­zen Panzeruniformen. Wolzow zerrte Holt fluchend am Arm nach rechts. Die anderen flüchteten über die Wiese dem hell erleuchteten Horizont entgegen.

Wolzow wies mit dem Arm nach Osten in die Dämmerung, die tiefer herabsank. „Die Flakstellung!“ Holt sah vor den dunklen Bergen den Acker grau und dunkel...

Die Panzer stießen aus dem Dorf heraus, rollten die Landstraße entlang, hielten, schwenkten die Türme nach Westen und feuerten mit Maschinengewehren und Sprenggranaten auf die fliehenden Soldaten, die sich vom hellerleuchteten Horizont wie Schießscheiben abzeichneten.

Wolzow, Holt, Vetter und die vier Soldaten rannten nach Osten über den nassen Acker. Als Holt den Kopf wendete, sah er die lange Reihe der Panzer auf der Chaussee aufgefahren, schwarz und drohend vor dem flammenden Horizont. Holt rannte weiter und erblickte vor sich dunkle Umrisse, wie von Erdwällen oder Bunkern... Wolzow schrie: „Die Flakstel­lung!“ Auf der Landstraße fuhren die Panzer an. Maschinengewehrgarben peitschten durch den Abend.



Sie erreichten die grauen Erdhügel, die Kanonen und Fahr­zeuge einer zerschlagenen 8,8-Zentimeter-Batterie. „Die Jabos haben alles zur Sau gemacht!“ schrie Vetter. Eine Kanone war aus der Lafette gekippt, ein toter Flaksoldat lag dabei, überall Tote. Das Gelände fiel nach Osten in eine Kiesgrube ab, ein Hohlweg führte in die Kiesgrube hinein. Zwischen zwei niedrigen Sandhängen, fast unsichtbar im Schatten, stand eine Kanone, den breiten Schutzschild nach Westen gekehrt. Wol­zow brüllte: „Hierher!“ In der Kiesgrube lag umgestürzt ein dreiachsiger Lastwagen, Patronenkörbe waren daneben verstreut, ringsum klafften Bombentrichter. Wolzow zog eine Pa­trone aus einem Korb. „Panzergranaten! Die Einundvierziger, mit Erdzieleinrichtung! Holt laden, Vetter die Höhe, ich nehm die Seite!“ Er stieß Holt hinter die Kanone. Die vier Soldaten in den schwarzen Uniformen schleppten Munition heran. Wol­zow brüllte: „Holt... du sollst laden, hörst du nicht!“ Holt wuchtete den Verschluß auf, schob eine Patrone ins Rohr, der Verschluß schepperte zu. Holt faßte den Abzug.

Erst jetzt sah er, daß hinter dem Dorf auf der Chaussee nur noch drei Panzer hielten. Die anderen waren weitergerollt. Scharf umrissen hoben sich die drei Silhouetten vom westlichen Horizont ab, wo nun der flammende Sonnenball die Erde be­rührte und sein Licht über die Ebene warf. Die Kanone stand im Schatten. Vetter, das Auge an der Richtoptik, rief: „Hab ihn!“ – „Von rechts nach links!“ Das war Wolzow. „Gruppe!“ Holt zog gehorsam ab. Der Schuß krachte. Es war wie eine Erinnerung: der alte Donner, der als harter Windstoß den Körper traf, in den ungeschützten Ohren schmerzte und bei­ßenden Rauch in die Augen trieb ... Das Rohr lief weit zu­rück, spie die rauchende Kartusche aus, lief vor, Holt lud, er war leer und ausgeglüht, alles geschah mechanisch. Er hörte, durch das Klingen in den Ohren, Wolzow rufen: „Zu kurz, Vetter!... Gruppe!“ Nun schmetterte Schuß auf Schuß hin­aus.

Die Panzer mochten gegen den dunklen Osthimmel nur schlecht sehen. In die Kolonne kam erst Bewegung, als der vor­derste Sherman als qualmendes Wrack zusammensank. Die anderen zwei Wagen fuhren an, zogen auseinander, drehten sich schwerfällig nach rechts und rollten über den Acker heran.

Während das Rohr wieder zurücklief und Holt automatisch nach einer Patrone langte, sah er, wie eine Rauchsäule sich aufkräuselte und gelbrotes Feuer wie ein riesiger Ball auf­sprang. .. „Gruppe!“ brüllte Wolzow, Holt zog ab, die bei­den Panzer krochen über den flachen Acker. Und nun blitzten auch ihre Kanonen auf... Neben der Flak flammte der erste Einschlag in die Sandböschung, warf Kies hoch und streute glühenden Stahl über die Kanone. Holt duckte sich. „Grupprl“ Der Luftdruck einer einschlagenden Granate ließ ihn taumeln, er klammerte sich am Verschluß fest, er bückte sich nach einer Patrone, er zog schon ab, er sah in einer blendenden, trichterförmig hochfahrenden Flammensäule den tonnenschweren Turm eines Panzers durch die Luft fliegen, dann riß ihm ein Einschlag die Beine unter dem Leib fort, die Kanone schwankte, der letzte Panzer war sehr nahe. Holt taumelte vom Acker hoch... „Gruppe!“ Da hielt der Panzer mit zerschossener Kette keine dreißig Meter vor ihm und spie weißes Feuer, die Turm-MGs blitzten dünn, aber schon umfloß ihn in feurigen Bä­chen brennendes Benzin ... „Gruppe!“ Er zerbarst in gewal­tiger Detonation.

Die Stille war so beängstigend, daß Holt ein Schauer der Furcht über den Rücken lief. Der Horizont im Westen verblaßte, es war dunkel, der flackernde Schein der brennenden Panzer drang bis an die Kanone. Vetter stand neben der Höhenrichtmaschine, halb in die Knie gehockt, patschte sich mit beiden Händen auf die Schenkel und lachte wie ein Irrer, und plötzlich begann er zu kreischen: „Wir siegen... paßt auf... wir siegen!“ Wolzow erhob sich von seinem Sitz, nahm den Helm ab und schrie, mit einem Flackern in den Augen: „Ich mach die ganze Kompanie fertig...! Alle mach ich fer­tig!“ Holt taumelte ein paar Schritte zur Seite. Er bückte sich. Da lagen zwei der jungen Panzersoldaten neben einem Patro­nenkorb, und die Splitter einer Sprenggranate hatten sie bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

 

Sie liefen den Bergen entgegen. Hinter ihnen brannten die Panzer. Der Weg stieg an, dann führte er wieder hinab ins Tal. Die beiden Soldaten blieben zurück. Wolzow merkte es erst, als sie wieder ein Dorf erreichten, wo überall weiße Fah­nen aus den Fenstern hingen. „Die Schweine wollen alle nicht mehr“, fluchte Wolzow. Ein Gehöft, nahe am Walde, war leer und verlassen. Sie drangen in das unverschlossene Wohnhaus ein. „Wir bleiben!“ Wolzow stapfte die Treppe hoch und warf sich angekleidet, mit verdreckten Stiefeln in ein Bett. Holt übernahm die Wa­che. Er lief zwischen den Weidenbüschen und dem ersten Ge­höft auf und ab. Es wurde empfindlich kalt. Dann dämmerte der Morgen. Fern summte ein Motor. Holt lief ins Haus und jagte die Holztreppe hoch. „Sie kommen!“ Ein Auto rollte die Straße entlang, ein offener, viereckiger Wagen, und darin saßen, Gewehre zwischen den Knien, Soldaten mit runden Helmen und khakifarbenen Uniformen. Holt floh durch die Küche, über den Hof. Vom Tor her fielen Schüsse. Wolzow und Vetter blieben im Schutz der Scheunenwand stehen und schössen zurück. Als Holt den nahen, schützenden Wald er­reicht hatte, krachte eine Handgranate. Er sah sich um. Die Scheune stand in hellen Flammen. „Das war ich!“ sagte Vet­ter. „Ich hab eine Handgranate ins Stroh geschmissen.“

Sie wanderten nach Nordosten und wichen allen Dörfern aus. Wolzow vertiefte sich in die Karte. Wieder stieg ein Berg­hang vor ihnen an. Vom Kamm sahen sie einen Fluß, der sich in Schleifen durch die Berge wand. An seinem Ufer lag ein Flecken. Eine weiße Steinbrücke überspannte das Gewässer.

Sie näherten sich vorsichtig der Brücke. Dort lehnte ein Sol­dat am Geländer, legte den Kopf in den Nacken und trank aus einer Flasche. Die Bewegung war unverkennbar.

Oberfeldwebel Burgkert grinste. Er war schwer betrunken, schwenkte die Schnapsflasche und sagte: „Die Rekruten!“ Er ging mit ihnen stadtwärts. „Division ,Schlageter’“. Er trank. „Spähtruppunternehmen. Den Spähtrupp haben die Jabos gefressen. Aber ich hab wieder ein Auto.“ – „Sind hier Trup­pen?“ fragte Wolzow. – „Ja. Ich“, sagte Burgkert. Vetter feixte. Burgkert fuhr fort: „Ich warte, bis sie kommen, dann jag ich die Brücke hoch. Zwanzig Panzerfäuste.“ – „Zündung?“ fragte Wolzow. – „Elektrisch. Haben die Pioniere gemacht, eh sie getürmt sind.“

Burgkert hatte sich in einer Villa verschanzt. In dem dicht bepflanzten Vorgarten waren Löcher ausgehoben, von dort konnte man bis hin zur Brücke sehen. Sie nisteten sich in einem großen Parterrezimmer ein. „Die Leute sind fuchsteufelswild. Die haben kochendes Wasser stehn. Aber nicht für die Amis“, sagte Burgkert.

Holt ging ein Stück in den Flecken hinein. In den Straßen standen Menschen vor den Häusern. Überall wehten weiße Fahnen. Holt begriff nur langsam, daß erhobene Fäuste, Flüche und Verwünschungen, daß die Ausbrüche von Haß ihm galten, seiner Anwesenheit, seinen Absichten. Enge Gassen, dachte er, Fachwerkhäuser, sie haben ja recht, ein paar Panzerfäuste, und der halbe Ort brennt ab! Aber weiter reichte sein Denken nicht mehr. Mein Schicksal, ihr Schicksal... Mag es seinen Lauf nehmen.

In der Villa schlief Burgkert einen schweren, betrunkenen Schlaf. Holt legte sich auf den Teppich.

„Sie sind da!“ schrie Wolzow. Burgkert fuhr hoch, trank noch einmal und reichte auch Holt seine Feldflasche. Vetter und Wolzow lagen in den Löchern vor der Villa. Auf der Chaussee, dicht vor der Brücke, hielt ein Sherman, mit geöff­netem Turmluk. Der Kommandant starrte durch den Feldstecher. Wolzow legte Panzerfäuste vor sich hin. „Der traut sich nicht rein!“ Burgkert kauerte über dem Zündmechanis­mus. Vetter rief: „Achtung ... er macht die Luke dicht!“ Mo­torenlärm sprang auf. Der erste Panzer rollte klirrend über die Brücke, ein zweiter folgte, ein dritter... Burgkert zündete. Die Detonation deckte das Dach der Villa ab und schlug wie eine Sturmbö in den Garten ... Ein Panzer hielt vor dem Haus, Vetter sprang mit einer Panzerfaust zwischen die Bü­sche. Als der Panzer in die Luft flog, krachten vom Fluß her die ersten Sprenggranaten in die Villa. „In die Stadt!“ brüllte Burgkert. Der Panzer vor den Schützenlöchern brannte mit einer riesigen, fast unbewegten und stark rußenden Flamme. Vom jenseitigen Ufer feuerten Panzerkanonen in den Flecken. Holt lief die Straße entlang. Fünfzig Meter vor ihm rannten Wolzow und Burgkert, und sie deuteten nach links in eine Gasse und liefen weiter. Holt überquerte die Gasse und sah sich unmittelbar hinter dem Heck eines Panzers, sah den weißen Stern auf blauem Felde, und aus den Auspuffrohren schlug ihm heißes Gas ins Gesicht. . . Holt ließ sich zu Boden fallen. Ein schmetternder Schlag betäubte ihn. Als er zu sich kam, flöß vor seinem Gesicht brennendes Benzin aufs Pflaster, er kroch in die Deckung der Häuser. Von der anderen Seite schoß Vetter eine zweite Panzerfaust ab, und die Detonation warf Holt gegen die Mauer. Er erhob sich und taumelte die Straße hoch. Das Schießen ringsum war verstummt. Wolzow und Burgkert standen in einem Hausflur und spähten die Straße hinab zur Brücke. „Hier ... sauf!“ sagte Burgkert. Sie liefen durch die Stadt, an einem qualmenden Panzerwrack vorbei. Vetter wartete schon am Ortsausgang, bei einem klei­nen, offenen Kübelwagen. Burgkert fuhr mit einem Höllen­tempo über die Schlaglöcher. Hinter ihnen brannte die Stadt. Der Alkohol stieß Holt noch tiefer in Gleichgültigkeit und Apathie. Er saß auf dem Rücksitz, neben ihm war alles mit Schnapsflaschen vollgepackt. So geht das weiter: auf Panzer lauern, auf Panzer schießen, vor Panzern fliehen und wieder auf Panzer lauern, ohne Ende.

Burgkert fuhr mit halsbrecherischem Tempo.

„Das ist schon die Leipzig-Altenburger Gegend!“ sagte Wolzow. Sie jagten zwischen Feldern entlang.

Vor ihnen lag Wald, noch fern. „Jabos!“ schrie Vetter. Burgkert bremste scharf. Sie liefen über den Acker zu einer großen Strohmiete. Burgkert machte fluchend kehrt. Aus der Deckung der Strohballen sah Holt, wie der Oberfeld­webel einen Arm voll Schnapsflaschen aus dem Wagen raffte, wie er in einer Wolke aus Feuer und Erde verschwand, wäh­rend der Jagdbomber steil nach oben zog.

Sie standen um den brennenden Wagen. Burgkert, zur Seite geschleudert, lag tot auf dem Feldweg.

 

13.

In einem Dorf liefen sie einem Kommando der Feldgendar­merie in die Arme. Mit etwa hundert Versprengten aller Trup­penteile wurden sie auf Lastwagen in die nächste Kaserne ge­fahren; der Gebäudekomplex war hell erleuchtet, als gebe es keinen Luftkrieg. Hier fanden sie Leutnant Wehnert wieder. Er zeigte sich erfreut. „Sie kommen wie gerufen! Ich hab eine Alarmkompanie, es fehlt an Dienstgraden, Gefreite als Zug­führer! Sie übernehmen sofort einen Zug, Wolzow!“ Der Zug lag auf drei Stuben und wartete, blutjunge Burschen, von überallher zusammengeholt, von Panzerschulen, aus einem ROB-Bataillon der Grenadiere, auch Arbeitsmänner waren da­bei, die man in feldgraue Uniformen gesteckt hatte. Auf den Stuben redete man von neuen Waffen, von der großen Wende des Krieges.

In der Waffenkammer saß ein betrunkener Unteroffizier. Jeder nahm sich, was ihm gefiel, auch in der Kleiderkammer, wo Holt endlich den dicken, wattierten Überrock gegen Tarn­kleidung aus Segeltuch eintauschte. Den Rest der Nacht und den folgenden Tag lagen sie in einer Stube auf Strohsäcken herum. Wolzow hatte ein Zeitungsblatt aufgetrieben und las daraus vor. „Siegen oder fallen!“ ... „Einzige Parole für den Volkskrieg.“ Der Wehrmachtsbericht sprach von „örtlichen Kämpfen an der Ostfront“, von einer „Abwehrschlacht im Ruhrgebiet“, dann war Schweinfurt genannt und gleichzeitig Erfurt erwähnt. „Da kennt sich keine Sau aus!“ sagte Wol­zow. „Keine Front mehr, nur überall Panzerkeile...“ Man unterhielt sich über die deutschen Siegeschancen. Jemand er­zählte von einem BDM-Mädchen aus Aachen, das den Ame­rikanern fanatisch ... Holt lief aus der Stube.

Er stand am Fenster des langen Korridors. Auf dem Hof, unter Bogenlampen, wurden ein paar Selbstfahrlafetten mit der langen 7,5-Zentimeter-Kanone munitioniert. Wolzow schlen­derte den Korridor entlang. „Das war eine Panzerjäger-Ka­serne, überall stehen noch Selbstfahrlafetten und Pak mit Zugmaschinen rum, aber es fehlt Sprit... Ein Jammer! Über­haupt ... alles desertiert, alles haut ab; seit die Amis über den Rhein sind, wird kaum noch Widerstand geleistet. Ich versteh das nicht!“ Er schlug Holt auf die Schulter. „Im Un­teroffizierskasino versaufen sie die letzten Schnapsvorräte.“

Sie fanden einen Tisch. Wolzow brachte Bier und Kognak und stützte die Arme auf den Tisch. „Möcht wissen, was mein Onkel macht.“ Er trank. Holt saß stumm im Trubel der Be­trunkenen.

In der Nacht wurden sie alarmiert. Wehnerts Kompanie marschierte aus der Kaserne. Der Leutnant fehlte. Wolzow erklärte: „Er fährt mit dem Kommandeur und dem Bataillons­adjutanten.“ – „Sie haben einen LKW voll Fresserei“, rief Vetter. Sie marschierten den ganzen Tag, am Straßenrand entlang, kilometerweit auseinandergezogen. Zurückgehende Truppen begegneten ihnen. „Die einen gehen zurück, die an­deren gehen vor. Möcht wissen, was hier gespielt wird“, sagte Wolzow. Abends kampierten sie in einem Dorf, in Scheunen und Ställen.

Im Wirtshaus saß ein Kommando SS. Wolzow spielte mit den SS-Leuten bis tief in die Nacht hinein Skat. Am Morgen erzählte er: „Prächtige Kerle! Die sind übrigens ganz in unsrer Nähe zu Hause. Vorgestern haben sie in einem Maiden­lager genächtigt, da war was los! Den Mädchen haben sie so lange eingeredet, die Neger und Mongolen werden sie fressen, bis sie alles mitgemacht haben.“ Er lachte. „Sie warten auf ein paar Führer, die wollen ein fliegendes Standgericht aufma­chen.“ Mit Genugtuung setzte er hinzu: „Dann gehen sie end­lich gegen die Deserteure vor!“

Die Kompanie marschierte weiter. Am Nachmittag wurde sie von Jagdbombern angegriffen. Das Gelände war günstig, es gab kaum Verluste. Dann erreichte die Kompanie das Marschziel, das Dorf Greifensleben. Ein paar Feldgeschütze standen am Dorfrand. Ein Fernsprechbautrupp legte Telefonleitimgen. In der Gaststube des Wirtshauses richtete Wolzow eine Art Befehlsstelle ein. Er war der einzige, der Initiative zeigte. Die Unteroffiziere Boek und Winkler saßen apathisch am Ofen. Am späten Abend langte eine zweite Alarmkompa­nie an. Der Führer, ein Oberfeldwebel, war schwer verwundet., Jagdbomber hatten die Kompanie gelichtet. Die Verwunde­ten wurden ins Nachbardorf gebracht, nach Bucheck, wo der Bataillonsverbandplatz eingerichtet worden war. Als die Tele­fonverbindung zum Bataillon hergestellt war, ließ es sich Wol­zow nicht nehmen, ausführlich den Kampfauftrag zu er­läutern.

Das Bataillon hielt drei Ortschaften besetzt, Greifensleben, Bucheck und den Flecken Gerstedt, eine Stadt von fünftau­send Einwohnern, von Fabriken umgeben, schwer bombenzer­stört. Die Fernverkehrsstraße stieß von Süden nach Norden durch das hügelige, sparsam bewaldete Land, erst an Greifens­leben, dann an Gerstedt vorbei, wo der Bataillonsstab einge­zogen war. Westlich Gerstedt lag das große Bauerndorf Bucheck. „Wir gehören zur Division ,Körner’, zu einer neu auf­gestellten Armee, deren Südflanke wir hier decken.“ Holt hörte es müde und teilnahmslos.

In der Nacht trafen drei 7,5-Zentimeter-Pak auf Selbst­fahrlafetten in Greifensleben ein. Gegen ein Uhr wurde im Süden Kanonendonner laut und verstummte bald. Das Batail­lon in Gerstedt, wo auch Wehnert untergekrochen war, gab bekannt, daß Panzerspitzen auf der Autobahn im Süden nach Hermsdorf–Glauchau vordrängten. Gegen Morgen rief das Bataillon die Kompanie nach Gerstedt, zur Verteidigung des Gefechtsstandes, wie es hieß. „Und wer bleibt hier?“ fragte Wolzow. Die zuletzt angekommene Alarmkompanie war füh­rerlos, sie bestand aus halbausgebildeten Rekruten, Schülern militärischer Spezialschulen. „So einen Haufen kann man doch nicht sich selbst überlassen! Boek, du bleibst hier!“ Wolzow telefonierte mit dem Bataillonsadjutanten. Dann sagte er zu Holt: „Ich hab den Eindruck, daß die das alles gar nicht inter­essiert.“

Draußen stand die Kompanie marschfertig. Boek blieb teilnahmslos und zusammengesunken im Wirtshaus sitzen. Die Kompanie marschierte ab.

Nach anderthalb Stunden, als es hell wurde, sahen sie zur Rechten, ein wenig talwärts, das helle Band der Fernverkehrs­straße, die etwa zwei Kilometer von Gerstedt entfernt nach Norden lief, über die Landstraße, aus dem Städtchen nach Osten hinab zur Chaussee, fuhren zwei Personenwagen, bo­gen in die Chaussee ein und rasten nach Norden davon.

Wolzows Gesicht erstarrte. Er lief mit Winkler, Vetter und Holt an der Spitze der Kompanie. Er brüllte plötzlich einen Gefreiten an: „Kommando übernehmen!“, und dann rannte er schon über die Wiesen, Holt hinter sich herziehend, gefolgt von Vetter und Winkler. In einer Senke stießen sie auf einen mehrere Meter breiten Bach. Endlich gab es eine Brücke. Sie liefen keuchend zwischen die Gärten und Villen. Im Osten glänzte der Horizont. Auf der Straße zeigte ein Wegweiser die Richtung zum Bataillonsgefechtsstand.

Der Troß-LKW stand vor einer Villa. Hier liefen viele Tele­fonkabel zusammen. Auf dem Gehsteig hinter dem Last­wagen türmten sich Munitionskisten, Gewehre, Maschinen­gewehre, ein Arsenal von Waffen und Munition, unordentlich hingeworfen, in Eile abgeladen. Unter der zurückgeschlagenen Plane sah Holt Kisten mit Verpflegung, Kognak, Kommißbrot, Marmeladeneimer, Kanister mit Butter. Der Fahrer, ein Gefreiter, stand neben dem Führerhaus. Aus der Gartenpforte trat Leutnant Wehnert, einen Koffer in der Hand, den Man­tel über dem Arm. Er sah Wolzow, stutzte, ging weiter und reichte seinen Koffer ins Führerhaus.

Wolzow trat vor Wehnert hin, faßte mit der Linken das Schloß der Maschinenpistole, die um seinen Hals hing, und hob die Rechte zum Gruß. „Zweite Kompanie...“ Holt war zu abgehetzt, um recht zu verstehen, aber was Wehnert sagte, das verstand er. „Beziehen Sie die vorbereiteten Feldstellun­gen.“ – „Wo ist der Kommandeur?“ fragte Wolzow. – „Der Kommandeur ist im Begriff, den Gefechtsstand zu wechseln“, sagte Wehnert leichthin, „und ich...“ – „... und Sie fol­gen mir in den Gefechtsstand!“ Holt hörte die Drohung in Wolzows Stimme.

Wehnerts Gesicht wurde blaß. Seine blauen Augen richte­ten sich auf Wolzow. Er faßte mit einer Hand die Autotür, setzte den Fuß auf das Trittbrett und rief in seinem härtesten Befehlston: „Sie haben einen Offizier vor sich! Was erlauben Sie sich!“ – „Vetter!“ schrie Wolzow. „Nimm dem Fahrer die Schlüssel weg!“ Vetter, gehorsam wie ein Schäferhund, schob den Leutnant zur Seite und kletterte ins Führerhaus. Holt hörte ihn schimpfen: „Mach keinen Mist, sonst...“ Der Fahrer stieg aus und begegnete Wehnerts Blick mit einem Schulterzucken. Er ging ein paar Schritte die Straße ent­lang und blieb abwartend stehen.

Wehnert plusterte sich auf: „Sind Sie wahnsinnig! Ich be­fehle Ihnen...“ Wolzow zitterte vor Wut. „Der Komman­deur ist getürmt! Und du willst auch türmen, du feiges Schwein! Den Kompanietroß mitnehmen! Das Desertieren werd ich dir austreiben, du Lump!“ brüllte er. „An die Laterne mit jedem, der türmen will!“

Wehnert langte nach der Pistolentasche, aber Vetter packte ihn auf einen Wink Wolzows von hinten am Koppel und riß ihm die Waffe heraus. Alle Aufgeblasenheit fiel von Wehnert ab. Er sah hilfesuchend auf Unteroffizier Winkler. Winkler war blaß, er rührte sich nicht. „Ich enthebe Sie Ihrer Befehls­gewalt und nehme Sie in Haft“, rief Wolzow. „Vetter, reiß ihm die Schulterstücke runter!“ Vetter fetzte die silbernen Rangabzeichen ab, daß Wehnert taumelte. Sie schoben ihn durch den Vorgarten in die Villa. Der Gefechtsstand war im Keller in der geräumigen, sauberen Waschküche eingerichtet. Den großen, aus Brettern und Holzböcken gefügten Tisch be­deckten Karten. Auf einer Bank standen Telefone und ein Funkgerät, auch einen Radioapparat gab es, und unter dem Fenster ein eisernes Feldbett. Ein Ausgang führte in den Gar­ten, ein zweiter durch einen Gang in den Kohlenkeller.

Wehnert stand bleich neben der Tür; er raffte sich noch einmal zu einem Protest auf: „Sie werden sich zu verantwor­ten haben! Winkler, Sie machen sich der Meuterei mitschuldig, wenn Sie ...“ Wolzow sprang auf den Leutnant zu und schlug ihm die Faust ins Gesicht.

Vor Holts Blick wurde eine ähnliche Szene lebendig: wie Wol­zow am Rabenfelsen Meißner zusammengeschlagen hatte ... „Ich werd dir helfen... du Lump!“ Wolzow schlug ein zweites Mal zu, und Wehnerts Kopf prallte gegen die Keller­wand.

Holt glaubte den Schlag zu spüren.

Wolzow sagte: „Den möcht ich langsam zu Tode schinden.“

„Großmäuliger Feigling... hat er dich mal genannt“, hetzte Vetter.

In allen Kellern waren die Fenster unvergittert. Wolzow meinte: „Dann wär’s das beste, du legst ihn um, Vetter. Oder noch besser: Such einen Strick!“ – „Jawohl“, schrie Vetter, „einen Strick suchen, Herr Unteroffizier!“ Er machte kehrt. Wehnert rief in Todesangst: „Ich verlange ein Gericht! Ich bin Offizier! Sie haben kein Recht! Winkler, so helfen Sie mir doch!... Das ist doch nicht möglich... um Gottes willen!“ Er schrie, mit verschwollenem Mund: „Nicht aufhän­gen!!“

Vetter brachte eine Wäscheleine.

Wehnert zitterte. „Der Führer“, sagte Wolzow, „hat be­fohlen : Wer den Tod in Ehren fürchtet, stirbt ihn in Schande. Hängen wir ihn gleich auf, Winkler?“

Unteroffizier Winkler schwieg. In seinem Gesicht stand Angst. Aber dann schüttelte er den Kopf. Holt sagte: „Nein!“ – „Vetter?“ fragte Wolzow. „Aufhängen!“ rief Vetter. „Nichts wie aufhängen! Wenn ich dran denk, wie der uns geschliffen hat, dann bloß schnell aufhängen! Draußen, am Birnbaum!“

Wolzow sagte: „Da werd ich die Entscheidung treffen.“ Er sah Wehnert an und zog den Augenblick in die Länge. Weh­nert verlor die letzte Beherrschung und flehte stammelnd: „Wolzow ... Gnade!“ Seine Zähne schlugen aufeinander. Wolzow überlegte lange. „Was machen wir mit ihm, daß er nicht türmt? Ich bring ihn bei der ersten Gelegenheit zum Regiment, den will ich hängen sehn!“

Wehnert atmete auf.

Wolzow überlegte noch immer. Vetter trat zu ihm hin und flüsterte etwas, und Wolzows Gesicht verzerrte sich.

„Gut.“

Während Vetter durch den Vorgarten zum Wagen lief, sagte Wolzow: „Der Wehnert wird narkotisiert, damit er nicht türmen kann!“

Vetter flößte dem willenlosen Leutnant Kognak ein, aus einem Trinkbecher, eine ganze Flasche. Wehnerts Augen wur­den glasig. Vetter stieß ihn auf das Feldbett, wo er weiter­trinken mußte, bis er bewußtlos liegenblieb.

„Erledigt“, sagte Wolzow. Holt wischte sich über die Stirn.

„Was wird nun... aus dem Bataillon?“ fragte Unteroffi­zier Winkler.

Wolzow schaute Holt, Vetter und Winkler ins Gesicht. „Das Bataillon wird seinen Auftrag unter allen Umständen ausführen. Das Bataillon hört auf mein Kommando.“

Unteroffizier Winkler wandte überrascht den Kopf zu Wolzow um. Er sagte: „Hier wird aber nirgends mehr gekämpft.“ – „Wo ich befehle“, sagte Wolzow, „wird gekämpft. Wer anders denkt...“ Er schlug auf die Pistolentasche. Vet­ter stand mit der Wäscheleine dabei.

Wolzow trat an den Tisch und beugte sich über die Karte. Aus dem Radioapparat ertönte die Stimme des Sprechers: „Aus dem Führerhauptquartier... Großangriff im Osten hat begonnen .. .“ Wolzow starrte das Radio an. „... Panzerspit­zen im weiteren Vordringen ... Erbitterter Widerstand ... Auch westlich Erfurt... Saale zwischen Jena und Halle über­schritten ...“ Und jetzt: „Aufruf des Führers ...“ Satzfetzen, die sich in Holts Teilnahmslosigkeit hineinschoben: „Berlin bleibt deutsch ... Wien wird wieder deutsch ...“ Wütend schaltete Wolzow das Radio ab. „Wir haben einen Kampfauf­trag! Alles andere geht uns nichts an!“ Er beugte sich wieder über die Karte. „Holt, stell die Verbindung zum Regiment her!“

Holt probierte mechanisch die Telefone durch. In Greifens­leben meldete sich Boek. Wolzow schrie: „Er soll die Selbst­fahrlafetten herschicken!“ Auf dem zweiten Apparat meldete sich Bucheck, ein Stabsarzt, der von Wahnsinn und Schlußmachen redete. Die aufgeregte Stimme drang blechern aus dem Hörer. „Leg auf!“ zischte Wolzow. „Ruf das Regiment!“ Aber die Leitung zum Regiment blieb tot. Niemand meldete sich.

Alles getürmt, dachte Holt.

Wehnert, auf dem Feldbett, stöhnte.

Wolzow ging mit Holt, Vetter und Winkler durch die Stadt. Eine Hauptstraße, ein kleiner, viereckiger Marktplatz, ein paar schmale Gassen, ringsum Villen in Gärten. Haupt­straße, Markt und die Nebengassen lagen in Trümmern, zer­bombt und ausgebrannt. Nordwestlich der Stadt dehnte sich eine Industrieanlage, von einer großen Siedlung umgeben. Dort wehten weiße Fahnen. In der Stadt selbst begegneten sie kei­nem Zivilisten. Auch die Villen am Stadtrand waren geräumt.


Date: 2015-12-24; view: 193


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