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Treuepunktevon Susanne Fröhlich

Christoph ruft an. Das erste Mal für heute übrigens. Früher, als wir uns gerade kennen gelernt hatten, hat er sich fast stündlich gemeldet. Manchmal nur um mir zu sagen, wie wahnsinnig verliebt er ist. In mich! Oder wie sehr er sich nach mir sehnt. Die Zeiten sind vorbei. Wenn er heutzutage anruft, dann geht es normalerweise um logistische Fragen. Wer, wann, wo wen abholt oder Ähnliches. Was will er also jetzt? Mich spontan zum romantischen Essen einladen oder mir sagen, dass ich die tollste Frau überhaupt bin? Nein.

»Es wird ein wenig später, die Michels und ich müssen noch was durchsprechen«, sagt mein Mann. Schon wieder die doofe Michels. Die Frau gehört ja bald zur Familie, so oft wie ihr Name fällt. Was durchsprechen mit Frau Michels! Aha! Mit Miss Sexbombe aus der Kanzlei. Der neuen Allzweckwaffe, hochintelligent, Prädikatsexamen und dazu noch irre hübsch. Ich habe sie noch nie gesehen, aber als ich mal gefragt habe, wie die Michels denn so aussieht, hat mein Mann gesagt: »So wie diese Angelina Jolie, die vom Brad Pitt.« Frau Michels, oder Michelle, wie sie mein Mann mittlerweile nennt, kommt aus Kanada. Sie spricht fließend Französisch, Englisch, natürlich auch Deutsch, und kommt aus wohlhabender Familie. Ich kenne sie nicht, habe aber auch kein wirkliches Interesse daran, sie kennen zu lernen. Die nervt mich schon so. Ohne dass ich sie je gesprochen habe. Ich finde, es gibt einen Grad an Perfektion, der keinen Raum mehr für Bewunderung lässt. Alles sollte doch bitte im Bereich des Menschlichen bleiben. Hätte sie wenigstens einen fiesen Sprachfehler oder einen kleinen Silberblick oder zumindest O-Beine oder eine Zahnspange, dann könnte ich ein Auge zudrücken. Eine Hasenscharte wäre mir ehrlich gesagt noch lieber. So kann ich sie leider nur hassen. Ich bewahre trotzdem oder gerade deshalb Haltung beim Telefonat und wünsche ganz gelassen ein gutes Gespräch. Man darf eifersüchtig sein, es aber möglichst nicht zeigen. »Eifersucht zeugt von einem schwachen Selbstwertgefühl«, meint mein Mann und auf diese Blöße kann ich sehr gut verzichten. Diese Frau Michels deprimiert mich. »Vielleicht gehen wir noch eine Kleinigkeit essen. Du musst also nicht auf mich warten«, raunt mein Mann noch und verabschiedet sich schnell. Schade. Ich hätte ihm gerne noch den Picknickrucksack angeboten, denn dann könnte er mit Frau Michels ab sofort immer lauschig in der Kanzlei essen – mit Belle Michelle, wie Michelle liebevoll hinter ihrem Rücken von den männlichen Kollegen genannt wird. Solche Frauen gehören wirklich verboten. Sie schwächen die Moral der Basis. Also der Frauen, die wie ich die Fronarbeit leisten: Kinder, Küche und Co.

Gut, dass ich nicht in einem Anfall von Großmut den Bademantel für meinen Mann genommen habe. Obwohl, sollte er mal mit Belle Michelle in die Sauna wollen (zum Was-Durchsprechen oder so), kann er ja schlecht sein nahezu verwestes Teil anziehen.



Mein Picknickrucksack und ich fahren nach Hause. Wird sicherlich ein toller Abend! Christoph mit Belle Michelle beim lauschigen Abendessen im Restaurant und ich mit zwei Kindern, die Nahrung haben wollen, in die Wanne müssen und garantiert rumzanken.

Ich sammle die Kinder bei den diversen Freunden ein und freue mich auf übermorgen.

Übermorgen gehe ich zum Arbeitsamt, vielmehr zur Agentur für Arbeit. Ich will endlich wieder einen Job. Die Kinder sind, wie man so schön sagt, aus dem Gröbsten raus und ich möchte auch die Chance haben, zu einer Belle Michelle mutieren zu können. Obwohl Belle Andrea schon wesentlich weniger attraktiv und irgendwie auch verdammt affig klingt. Aber mit einem Kollegen (der ganz zufällig haargenau so aussieht wie Brad Pitt!!) abends nochmal was durchsprechen zu müssen, klingt ziemlich reizvoll. Nicht dass ich extrem rachsüchtig wäre, doch allein der Anruf bei Christoph, »du warte nicht, ich muss mit dem schönen Brad noch das eine oder andere klären!« – herrlich.

Bin gespannt, was die Fuzzis von der Agentur für Arbeit mir vorschlagen. Viel erhoffe ich mir nicht. Ich meine, man kennt ja die Berichte aus dem Fernsehen. Die vollen Gänge, die Nummernschalter und die bleichen deprimierten Gesichter der Wartenden. Aber man soll ja nicht verzagen, ohne es überhaupt probiert zu haben. Die Chancen, eine Anstellung zu finden, sind in meinem Fall sicherlich begrenzt. Ich bin nun mal nur sehr eingeschränkt flexibel. Eingeschränkt flexibel. Gibt’s das überhaupt? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Ein Ausschlusskriterium? Aber mit zwei Kindern kann ich nun mal nicht heute in Cottbus und morgen in München sein. Und auch nächtelanges Durcharbeiten scheint nicht kompatibel. Der Hort macht irgendwann zu und die Geduld der Erzieherinnen, was verspätetes Abholen angeht, hält sich in Grenzen. Auf meinen ehemaligen Arbeitgeber, den Sender Rhein-Main-Radio-und-TV, kann ich nicht bauen. Die Fernsehsendung, für die ich gearbeitet habe, »Raten mit Promis«, ist mittlerweile abgesetzt. Die Einschaltquoten waren fast nur noch unter dem Mikroskop sichtbar. Quotenspurenelemente sozusagen. Ich glaube nicht, dass es damit zu tun hatte, dass ich im Team gefehlt habe, aber der Gedanke, dass mein Weggang die Sendung ins Aus katapultiert haben könnte, ist einfach herrlich. Die freiberuflichen Redaktionsmitarbeiter sind entlassen und die wenigen Festangestellten in andere Abteilungen verschoben. Der Moderator, der unsägliche Will Heim, moderiert mittlerweile bei einem Homeshopping-Kanal. Welche Demütigung! Obwohl ich ihn nie mochte, tut er mir doch ein wenig Leid. Ich hätte aus lauter Mitleid fast schon mal ein Sushi-Messerset bei ihm gekauft, konnte mich aber in letzter Minute dann doch noch beherrschen. Vor allem, weil ich zugegebenermaßen eher selten Sushi selbst mache. Ehrlich gesagt nie. Christoph hasst Fisch, und die Kinder zucken schon bei Fischstäbchen zusammen. Von rohem Fisch gar nicht erst zu reden.

Zurück in meine ganz alte Firma will ich einfach nicht und ich glaube, ich hätte auch nicht wirklich eine Chance. Ich habe einige Jahre in meinem erlernten Beruf als Speditionskauffrau gearbeitet. Nur – die Speditionsbranche kränkelt und von der alten Mannschaft sind schon vier geschasst worden. Es sieht also nicht so aus, als würden die auf mich warten. Andererseits – irgendwo da draußen in der Welt der Arbeitenden muss es doch auch eine Aufgabe für mich geben. Ich versuche, optimistisch zu sein. Nicht grämen, bevor es nicht auch einen Anlass dazu gibt. Vorbeugend pessimistisch zu sein, mag helfen, die spätere Enttäuschung zu mildern, allerdings ist man dann auch vorher schon geknickt und das ist im Großen und Ganzen doch eher furchtbar. Also – vielleicht bin ich ja ab übermorgen wieder eine berufstätige Frau. Wenigstens jetzt will ich mich im Rausch dieser wunderbaren Vorstellung suhlen.

Viel Zeit bleibt mir dafür nicht. Claudia, meine neunjährige Tochter, mittlerweile in der vierten Klasse, und Mark mein Sohn, fast sechs Jahre alt, verlangen mal wieder volle Aufmerksamkeit. Sie streiten sich so dermaßen, dass ich kurz davor bin, das Jugendamt anzurufen, um die beiden abholen zu lassen. Ich schaffe es ohne Jugendamt. Eine Stunde später liegen sie abgefüttert und einigermaßen sauber im Bett. Und nun? Ein weiterer aufregender Abend liegt vor mir!

Ich werde auf Christoph warten. Mal hören, wie es mit Belle Michelle war. Außerdem kann ich ihn durch meine Anwesenheit vielleicht auch sanft daran erinnern, dass er schon eine Frau hat. Sicher ist sicher. Es ist nicht so, dass ich rasend eifersüchtig bin, aber seit Christoph zum Juniorpartner in der Anwaltskanzlei Langner aufgestiegen ist, lebt er praktisch in der Kanzlei. Bald werde ich den Kindern Bilder zeigen müssen, damit sie sich wieder erinnern, wie ihr Vater aussieht. Nicht dass sie irgendwann auf der Straße einen wildfremden Kerl anspringen und ekstatisch »Papa« schreien. Christoph ist ein ehrgeiziger Mann – tut all das aber selbstverständlich nur für uns, seine Familie.

Ich gucke die »Supernanny« und bin erstaunt, was es für Kinder gibt. Wo haben die wohl diese Zwergmonster aufgegabelt? Dagegen sind meine ja geradezu wohlerzogen. Immerhin hat mich noch keins angespuckt oder alte Schlampe genannt. Man wird dankbar für kleine Dinge. Ich genehmige mir eine Flasche Wein. Für mich eher ungewöhnlich. So allein vor mich hin zu picheln, macht mir eigentlich keinen Spaß. Aber heute Abend verlangt mein Körper nach Alkohol. Bin gespannt, wann mein Mann sich nach Hause bequemt.

Nach dem dritten Glas Rotwein ist es Viertel nach zehn und kein Christoph weit und breit. Ob ich mal anrufe? Ich meine, er könnte ja einen Unfall gehabt haben oder eine fiese Panne. Vielleicht braucht er Hilfe? Ich wähle seine Handynummer und komme mir schon beim Wählen doof vor. Wie so eine Kontrolltante, typisch eifersüchtige hysterische Ehefrau. Es antwortet seine Mailbox.

Ich lege auf. Wie ich das hasse. Nie geht mein Mann an sein Telefon. Wozu hat der überhaupt ein Handy? Wie oft habe ich ihm erklärt, dass ein Handy an sein muss, um seine Funktion zu erfüllen. Ich habe wortreich Horrorszenarien entwickelt: »Stell dir mal vor, ich wäre mit Claudia oder Mark in der Notaufnahme und müsste entscheiden, ob das Bein abgenommen werden soll oder so was Ähnliches. Da wäre es doch sinnvoll, wenn du auch was dazu sagen würdest. Dazu musst du dein Handy aber anmachen.« Er ist durch solche Schilderungen nicht zu erschüttern.

Aber warum hat er jetzt sein Handy aus? Eine Stimme tief in mir drin sagt, dass er an Michelle rumbaggert. Belle Michelle. Versucht gerade, sie in ein Hotelzimmer zu locken, und will dabei selbstverständlich nicht durch häusliche Kontrollanrufe gestört werden. Um diese unsinnige Idee zu vertreiben, trinke ich schnell noch ein Glas Rotwein. Wer weiß, wie die gerade rumfingern? Ich kippe das Zeug runter wie Wasser und hoffe, es ist einer von Christophs guten Weinen. Eine der Flaschen, die erst in drei bis vier Jahren ihr wahres Aroma entwickeln und als Investition für die Zukunft angeschafft wurden. Eine der Flaschen, die ich nicht mal berühren darf. Mein Mann liebt Rotwein. Seine Schätze liegen unten im Keller fein säuberlich in einem eigens dafür angeschafften Weinregal. Christophs Traum ist ein extra Weinkeller. Am besten mit so einem Weinschrank, in dem konstant eine bestimmte Temperatur herrscht. Schnickschnack, meiner Meinung nach. Es gäbe wahrlich Dinge, die wir dringender brauchen könnten. Aber welche Anschaffung wie wichtig ist, darüber waren wir schon immer unterschiedlicher Ansicht.

Noch ein Glas Rotwein später ist es halb zwölf. Ich glaube, der tickt nicht richtig. Wie lange dauert »eben mal was durchsprechen«? Ich könnte ihm ein paar knallen. Der macht sich einen flotten Abend mit Belle Michelle und ich hänge zu Hause rum und schütte mich mit Rotwein zu. Je mehr ich darüber nachdenke, umso saurer werde ich. Meine rationale Seite meldet sich. Ich sollte ins Bett gehen. Die Warterei macht einen ja komplett mürbe. Andererseits – jetzt habe ich so lange ausgeharrt, da möchte ich schon noch sehen, in welchem Zustand mein Ehemann hier einläuft. Und vor allem wann! Einen Telefonversuch mache ich noch. Ich meine, kann ja sein, dass er sich bei meinem letzten Anruf in einem gigantischen Funkloch befunden hat. Die Technik weist durchaus Lücken auf. So sind wir Frauen – suchen immer brav Entschuldigungen für männliches Fehlverhalten. Was sind wir doch für erbärmlich harmoniesüchtige Wesen! Ich wähle und wieder antwortet nur die Mailbox. Diesmal spreche ich drauf. Ich begnüge mich mit einer klaren, knappen Nachricht: »Ruf mich an. Sofort.« Das sollte reichen. Wirklich freundlich war das jetzt nicht, aber immerhin deutlich. Ich hatte eine ähnliche Tonlage wie diese Domina in der Werbung für eine Masochisten- Telefonhotline. (…)

Aufgabenstellung:

1. Fertigen Sie eine Inhaltsangabe des Textes an, die die wesentlichen Gedanken des Textes enthält und leicht lesbar ist.

2. Deuten Sie den Text in Form einer Textinterpretation; klären Sie dabei auch die Frage der Gattungszugehörigkeit.

3. Kann man sagen, dass das im Text behandelte Thema für die Moderne typisch ist? Beziehen Sie in Ihre Überlegungen Vergleichstexte mit ein.

 


Date: 2016-03-03; view: 178


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