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Zu: A. Gryphius: Es ist alles eitel

Es ist alles eitell

Du sihst / wohin du sihst nur eitelkeit auff erden.

Was dieser heute bawt / reist jener morgen ein:

Wo itzund städte stehn / wird eine wiesen sein

Auff der ein schäffers kind wird spilen mitt den heerden.

 

Was itzund prächtig blüht sol bald zutretten werden.

Was itzt so pocht vnd trotzt ist morgen asch vnd bein.

Nichts ist das ewig sey / kein ertz kein marmorstein.

Izt lacht das gluck vns an / bald donnern die beschwerden.

 

Der hohen thaten ruhm mus wie ein traum vergehn.

Soll denn das spiell der zeitt / der leichte mensch bestehn.

Ach! was ist alles dis was wir für köstlich achten /

 

Als schlechte nichtikeitt / als schatten staub vnd windt.

Als eine wiesenblum / die man nicht wiederfindt.

Noch wil was ewig ist kein einig mensch betrachten.

(1643 v)

 

 

Zu: A. Gryphius: Es ist alles eitel

Das 1643 entstandene Sonett von Andreas Gryphius verweist schon im Titel "Es ist alles eitel" auf ein Zentralthema des barocken Lebensgefühls: die Vergänglichkeit allen irdischen Seins.

Wie eine Art These, die in der ersten Zeile in direkter Anrede an den Leser noch einmal aufgegriffen wird, wirkt die Überschrift des Gedichtes: Es ist alles eitel. Eitelkeit ist hier ‑das wird im folgenden deutlich ‑ im Sprachgebrauch, der damaligen Zeit im Sinne von Vergeblichkeit, Nichtigkeit, Vergänglichkeit gemeint. Diese erste Zeile macht aber eine wichtige Einschränkung durch den Zusatz "auf Erden". Unausgesprochen klingt also schon an, daß jenseits dieser Erde eine Welt ohne "Eitelkeit" denkbar ist.

Ab der zweiten Zeile werden eine Reihe von Beispielen angeführt, die in verschiedenen Variationen die These von der "Eitelkeit auf Erden" ausführen und belegen. Dem Aufbau wird die Zerstörung, der städtischen Kultur, die unbebaute Naturlandschaft antithetisch gegenübergestellt. Im 2. Quartett wird der Grundgedanke fortgeführt, nur geht es hier nicht mehr um die Vergänglichkeit der Zivilisation, sondern um die Vergänglichkeit der belebten und unbelebten Natur und des menschlichen Schicksals. Die blühende Natur ist dem Verfall ausgeliefert, die vitale Lebenskraft wird der Verwesung anheimfallen, die materiellen Güter sind vergänglich, und das Glück wird den Beschwerden weichen.

Selbst der Ruhm der „hohen Thaten", der in Liedern und Poesie als „unsterblich" gilt, „muß wie ein Traum vergehn." Die Frage: "Soll denn das Spil der Zeit / der leichte Mensch bestehn ?" ist angesichts dieser Beispiele nur noch rhetorisch. Und so kommt Gryphius in den Zeilen 11 ‑ 13 zu einer Bilanz: alles ‑Zivilisation, Natur, materielle Güter, Ruten und der "leichte Mensch"‑ ist "schlechte Nichtigkeit"

Diese "Weltbilanz" mündet in der 14. Zeile in einer Art Pointe: "Noch wil was Ewig ist kein einig Mensch betrachten.“ Hier wird der Leser auf eine mögliche Errettung aus aller Vergänglichkeit und Vergeblichkeit verwiesen: Betrachtet, d.h. beachtet der Mensch das einzig Ewige, Gott, so kann er seine Seele retten.



In einer Art Finalstruktur geht das Sonett von einer These aus, es folgt eine alle Bereiche umfassende Beweisführung und in der Schlußzeile ‑dem pointiertem Ende des Gedichts‑ wird die Antithese aufgezeigt. In einer strengen, antithetischen Form wird in diesem Sonett das Vanitas‑Thema ausgeführt. Die metrische Form ‑sechshebiger Jambus mit Mittelzäsur ‑ entspricht mit ihrer Zweiteilung dem gedanklichen Gegensatz vom Entstehen und Vergehen, so daß Versmaß und inhaltliche Antithetik eine Einheit bilden. Um diese Struktur nicht schematisch werden zu lassen, wird in einigen Zeilen die Mittelzäsur "überspielt". Auch die Verzahnung der Zeilen und Strophen durch die Reimbindung unterstützt die Antithetik.

 

Das Gedicht begnügt sich in typisch barocker Manier nicht mit einem Bild: von Zeile 2 bis 13 wird in vielen Exempeln ‑teilweise in syntaktisch parallel gebauten Zeilen‑ eine ganze Metaphorik der Vergänglichkeit ausgebreitet. Das Gedicht erreicht auch dadurch eine große Eindringlichkeit. Es will den Leser offenbar überzeugen.

Zusammenfassend laßt sich sagen, daß dieses Sonett mit seiner Vanitas‑Thematik, in seinem inhaltlich antithetischen Aufbau, seinen Parallelismen, seiner Kumulation von Beispielen, seiner klaren Finalstruktur und seinen entsprechenden metrischen und strophischen Bau geradezu ein programmatisches, beispielhaftes Gedicht des Barockzeitalters ist.

30jähriger Krieg, Leid und Zerstörung, soziale Unruhen, Pest, Verfolgung einerseits und höfische und kirchliche Repräsentation und Prunkentfaltung andererseits waren soziale Erfahrungen der damaligen Zeit, die auch der Autor Andreas Gryphius machte. D.h. "Vergänglichkeit" ist seit der frühen Kindheit an vom Autor erfahren und erlitten worden.

Selbst wenn man die christlichen Grundüberzeugungen nicht teilt: Durch die eindringlichen Bilder und die behutsame Art, in der Gryphius die „Rettung" anklingen läßt, ohne direkt von Gott, Seele, Himmel oder Glauben zu sprechen, vermag dieses Gedicht auch mehr als dreihundert Jahre nach seiner Entstehung in unserer materiell orientierten '“Konsumgesellschaft" Denkanstöße zu vermitteln.

Andreas Gryphius: Es ist alles eitel


Date: 2016-03-03; view: 125


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