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Worauf laß ich mich ein? 18 page

Gottesknecht betrachtete lange die Karte; dann sagte er, ohne den Blick zu heben: „Da kam Ihre neue Front aber schon verdammt nahe an Ostpreußen heran!“

Wolzow hob die Schultern. „Vor der Linie Dünaburg– Minsk–Sluzk, da geh ich jede Wette ein, bringt die Russen kein Mensch mehr zum Stehen!“

Gottesknecht setzte seine Mütze auf, rückte sie umständ­lich zurecht und sah Wolzow mit einem dunklen Blick an. „Sie haben doch Vertrauen zur Führung, Wolzow?“ fragte er.

„Jawohl, Herr Wachtmeister!“

Gottesknecht klopfte mit dem Knöchel hart auf den Tisch. „Ich würde nicht gar zu oft solche ‘Lagebesprechungen’ ab­halten! Ich empfehle Ihnen dringend, in unerschütterlichem Vertrauen auf unseren Führer zu blicken, besonders immer dann, wenn Ziesche im Zimmer ist. Haben Sie mich verstan­den?“

„Jawohl, Herr Wachtmeister!“

„Großartig! Na, Holt, und Sie? Was hocken Sie denn auf einmal so traurig in der Ecke?“ Er wandte sich an Wolzow. „Sehen Sie sich mal Ihren Freund an! Ich bin ja Psychologe genug, um zu wissen, daß der Holt voller Zuversicht auf den Endsieg baut, und wenn er jetzt so niedergeschmettert in der Ecke sitzt, dann bloß, weil ihm wieder mal irgendeine Wei­bergeschichte über den Kopf wächst. Aber der Ziesche, oder so einer, der könnte jetzt auf Holt zeigen und sagen: Der Wolzow hat ihn moralisch fertiggemacht mit seiner defätisti­schen Einschätzung der Lage! Er könnte zum Chef laufen und eine bildschöne Meldung machen: Der Wolzow zersetzt die Wehrkraft seiner Kameraden! Und wie das weitergeht, so mit Tatbericht und allem Komfort, das ist Ihnen ja bekannt. Sehen Sie, und wir wollen doch unter allen Umständen ver­meiden, daß so was passiert, nicht?"

„Jawohl, Herr Wachtmeister!“

„Na also. Und Sie, Holt, Sie ziehn ein anderes Gesicht, aber sofort! Sie sind überhaupt ein ganz wankelmütiger Mensch! Kaum hat Ihnen die V 1 ein bißchen die Moral aufgemöbelt, da genügt ein Blick auf die Karte, und Sie kippen aus den Pantinen. Schlecht, Holt! Nehmen Sie sich ein Bei­spiel an Wolzow, der hat eine geradezu napoleonische Ge­lassenheit ... Gesundheitlich geht’s Ihnen doch gut, Holt?“

„Jawohl“, sagte Holt, der sich verhöhnt und elend fühlte.

„Das ist immer noch die Hauptsache. Also . . .“, er wandte sich zur Tür, „dann haut euch mal bald aufs Ohr, Jungs, wer weiß, ob ihr heut nacht zum Schlafen kommt. Gute Nacht!“

„Gute Nacht, Herr Wachtmeister!“

Wolzow faltete wortlos die Karte zusammen. Gomulka trat ans Fenster und blickte in den späten Sommerabend hinaus. Holt sagte: „Wirklich ein Original, dieser Gottesknecht, nicht?“ Es klang verkrampft. Er sagte leise und schnell: „Gil­bert, auf Ehre und Gewissen: Täuschst du dich auch nicht? Ist es wirklich so, wie du sagst?“

Wolzow antwortete: „Ich kann mich täuschen. Es kann noch viel interessanter sein, denn ich hab keine Ahnung, wie­viel Divisionen in den Kesseln stecken und was weiter west­lich an Reserven zur Verfügung steht.“



„Aber da versteh ich nicht, wie du so gleichgültig darüber reden kannst! Mein Gott, was soll denn werden? Es geht doch um Deutschland! Bewegt dich das gar nicht?“

„Mich?“ sagte Wolzow erstaunt. „Aber man muß das doch auseinanderhalten, ob man selbst im Schlamassel drinsteckt oder ob man die Lage allgemein beurteilt. Hier, an der Karte, da ist das wie beim Schach, wo man sich als fairer Spieler über jede schöne Kombination des Gegners freut. Außerdem nützt das doch nichts, wenn man den Kopf hängen läßt!“

„Ich kann das nicht. Ich muß immer denken: Und wie geht das weiter?“

„Woher soll ich das wissen? Der Führer wird sich schon was einfallen lassen! Das ist ja schließlich nicht der erste Krieg, wo’s mal Rückschläge gibt und doch noch gut endet. Hannibal stand nach der Schlacht bei Cannae vor dem schutz­losen Rom, da hätte keiner mehr einen Groschen fürs Römische Reich gegeben, und dann kam’s doch anders! Oder die Goten, die sind unter Totila nach Byzanz gerückt, und kein Mensch hätte sie aufhalten können, und doch hat Narses noch den Krieg gewonnen.“ Er zählte weitere historische Beispiele auf. „Friedrich nach Kunersdorf... Das Marnewunder 1914, da haben die Franzosen genauso dagesessen wie heute wir und ha­ben gedacht: Die Lage ist mies!“

Die Analogien verfehlten nicht ihre Wirkung. Holt schämte sich: Ich bin wankelmütig und schwach. Nichts ist verloren, wenn ein jeder an seinem Posten ausharrt!

11.

Es war ein Sonntag im Juli, das schöne Wetter hielt an. Der Tag war tropisch heiß. Dunst verschleierte den Himmel, über den Werken ringsum lagerte der Rauch der Schlote in grauen Bänken.

Schmiedling lehnte an der Bunkerwand und erzählte, was er sich für den Urlaub alles vorgenommen habe. Ziesche horchte in den Kopfhörer und verfärbte sich. „Mehrere starke Jagdverbände über Holland! Mit Tiefangriffen muß gerech­net werden.“ Tiefangriffe? dachte Holt verwundert. Warum nicht gar!

Wolzow nahm die Warnung ernst. Er schnauzte: „Seit Ostern gibt’s überall Tiefangriffe! Sepp, Werner, hängt euch an die Leitung! Nahfeuerpatronen!“ – „Nahfeuer?“ sagte Vetter erstaunt. „Mach bloß keine Witze!“

Ein paar Minuten verstrichen. Auf der B 2 schrie eine Stimme: „Motorengeräusch Richtung neun!“ Und schon: „Verband in neun!“ Fern, aber nicht allzu hoch, zog ein Schwärm einmotoriger Flugzeuge vorüber. Wolzow streifte die Feldbluse über den nackten Oberkörper. Das Motoren­geräusch schwoll auf einmal mächtig an. Ziesche schrie mit einer Stimme, die sich überschlug: „Tiefflieger Richtung neun!“ Holts Herzschlag setzte aus. Unwillkürlich riß er das Geschütz nach Westen herum. Eine Woge von Lärm spülte heran. Zwölf Mustang-Jäger rasten über die Stellung hinweg, stießen erst über dem Wäldchen im Osten tief herab und feuerten mit Bordkanonen und Maschinengewehren in die Schrebergärten und Laubenkolonien. „Neuer Anflug Richtung drei!“ brüllte Ziesche. Die Mustangs flogen zum zweiten­mal sehr tief an; sie hatten die Batterie entdeckt, lösten ein paar Bomben und schössen mit Bordwaffen auf B 2 und Ge­schützstände.

Eine Druckwelle warf Holt gegen die Kanone, Rauch füllte den Geschütz stand, in der Dunkelheit klirrte Stahl, Holz brach ... Fern, undeutlich, überschrie Wolzow das Motoren­geheul: „Werner, verdammt, nach links!“ Eine fremde, ent­stellte Stimme: „Volle Deckung!“ Das Dunkel wehte ausein­ander, eine einzelne Maschine raste auf den Geschützstand zu, so tief, daß hinter dem Glas der Kabine das Gesicht des Piloten maskenhaft heranwuchs. Ein Satz, Holt war im Mann­schaftsbunker. Dort schnallte Wolzow den Helm fest und schrie: „Die Kanone ist hin! Der Luftvorholer läuft aus! Wer­ner, Christian, Sepp, los... zu Berta!“ Holt sprang hinter ihm her. Der graue Barackenhaufen am Fahrweg brannte. Ne­ben dem Geschützstand ein breiter, flacher Trichter. Holt lief. Motorenlärm, der sich ins Unerträgliche steigerte. Holt warf sich hin. Wie eine Sturmbö fegte es über ihn hinweg. Er lief und erreichte den Geschützstand. Dort stemmte Wol­zow den Verschluß auf. Auch Vetter und Gomulka waren da, barhäuptig, und rissen einen Munitionsbunker auf. Wolzow warf eine Nahfeuerpatrone ins Rohr. Eine Maschine raste her­an, Holt zog den Kopf zwischen die Schultern. Die Kanone wankte, Wolzow schrie: „Daneben!“ Holt hatte keinen Ein­schlag gehört, eine Rauchwolke trieb über den Geschütz­stand. „Links, Werner, ja so! Weiter runter, Sepp!“ Der Schuß schmetterte, die Kanone bebte, Holt dachte befreit: Gilbert schießt! Vetter brüllte: „Neuer Anflug Richtung neun!“ Die Maschine war schon über die Jungen hinweg, auf dem Erdwall stiebte Dreck hoch. Wieder zog Wolzow ab, der Schuß krachte. „Feierabend! Hülsenklemmer!“ Auf einmal war es ganz still. Gomulka keuchte: „Verflucht... o verflucht!“

Holt erhob sich taumelnd vom Richtsitz. Wolzow spähte über den Erdwall. Er sagte: „Sie sind weg!“ Und: „Brennt ganz schön... Bloß die Chefbude steht noch!“ Holt nahm den Helm ab und befühlte seinen Kopf. Das Feuer knisterte.

Sie traten ins Freie. Die B 2 wimmelte von Menschen. Bei den Geschützen im Norden rief es langgezogen: „Sa-ni-täää-ter!“ Anton bot ein Bild der Verwüstung. Schmiedling lag be­wegungslos in einer Blutlache. Ein paar der Schlesier standen verängstigt herum. „Helft doch dem Ziesche!“ rief jemand.

Die Westwand des Geschützstandes war eingedrückt. Zie­sche lag auf dem Rücken zwischen zwei Holmen, seine Beine waren bis über die Knie unter dem Erdreich begraben; er lag bewegungslos, mit offenen, hervorquellenden Augen, sein Unterkiefer bebte. Sie wuchteten einen Balken der umgestürz­ten Holzverschalung hoch und zogen Ziesche hervor. „Es ist nicht zu glauben! Die Beine sind heil!“ – „Der Balken hat auf einem Pfahl aufgelegen“, erklärte Wolzow ungerührt, „sonst hätte er ihm die Knochen zerquetscht!“

Sie standen alle um Schmiedling herum, der auf dem Bauch lag, die Hände in den Schlackebelag des Bodens gekrallt. „Und mich hat er ,Leiche’ genannt!“ rief Vetter. „Dabei hätte der lieber auf sich selbst aufpassen sollen!“ – „Halt ’s Maul“, sagte Gomulka. Holt stand stumm dabei und sah auf den toten Schmiedling. Er hat vier Kinder, dachte er.

Ziesche stand unversehrt auf, alle Glieder schlotterten. „Nervenschock!“ sagte Wolzow. „Das gibt sich!“ – „Lei­tungsprobe!“ rief es von der B 2. Die Leitungen waren ohne Strom. Gottesknecht trat in den Geschützstand. „Verluste?“ – „Schmiedling tot“, meldete Wolzow, „und Ziesche leicht beschädigt.“ – „Und das Geschütz?“ – „Der Luftvorholer dürfte endgültig hinüber sein“, sagte Wolzow. Gottesknecht notierte und ging.

Vier Tote und elf Verwundete war die Bilanz dieses Sonn tagvormittags. Die Nachrichtenhelferin war in der Schreib­stube umgekommen, verbrannt. Vier Geschütze waren beschä­digt, zwei davon wurden bis zum Abend wieder einsatzfähig. Anton und Dora mußten in die Werkstatt gebracht werden. Bei Anton hatte ein Geschoß den Luftvorholer zerschlagen. Ein Splitter mochte Schmiedling getötet haben. Dora war von einer Splitterbombe getroffen worden, von der Bedienung wa­ren zwei Luftwaffenhelfer gefallen und fünf verletzt. Auf der B 2 war Nadler gefallen.

Am Nachmittag ging der Hauptmann mit Gottesknecht durch die Stuben. Ziesche lag auf seinem Bett, noch immer mit zitternden Gliedern. Kutschera stieß die Tür auf, winkte ab und fragte: „Wie geht’s?“ Sein Blick fiel auf Ziesche, der apathisch auf dem Strohsack lag. „Wie sehn Sie denn aus, Mensch?“ Gottesknecht flüsterte ein paar Worte, Kutschera fragte: „Wolln Sie ins Revier?“ Ziesche schüttelte den Kopf. „Nein, Herr Hauptmann.“ Kutschera nickte befriedigt. Sein Blick fiel auf Holt. „Habt ihr Banditen dem Ziesche nicht eher helfen können?“ – „Herr Hauptmann“, sagte Holt, „ich hab das alles erst hinterher gemerkt. Wir sind zu Berta, an was anderes hat keiner gedacht!“ Wieder nickte Kutschera. „Na, Wolzow, aber ehrlich: War’s schlimm?“ Wolzow legte den Kopf auf die Seite und sah den Hauptmann an: „Herr Haupt­mann! Da gehören ein paar Zweizentimeterkanonen in die Stellung! Das Nahfeuer hat doch bloß eine moralische Wir­kung!“ – „Klugscheißen kann jeder“, sagte der Hauptmann und langte nach dem Türgriff. Gottesknecht sagte: „Ich schick nachher den UvD durch, zur Leitungsprobe, der Fernsprech-Bautrupp ist schon da.“ Kutschera, schon in der Tür, wendete noch einmal den Kopf. „Hat jemand ’n Wunsch?“ – „Waaas?“ rief Vetter. „Na, Herr Hauptmann, auf das Ge­metzel war eigentlich eine Flasche Schnaps fällig, und der Küchenbulle könnte mal wieder eine Büchse Rindfleisch raus­rücken!“ – „Mensch“, rief Kutschera, „nischt als Fressen und Saufen im Sinn!“

Holt legte sich auf sein Bett. Er schloß die Augen. Es ist vorbei, mag es wiederkommen, es war weniger schlimm, als ich fürchtete. Ich hatte keine Zeit, Angst zu haben. Es ist wohl auch keine Zeit, Schmerz zu empfinden, wenn es trifft... Schmiedling hat ein rasches Ende gehabt. Aber dann schauderte ihn bei dem Gedanken, hilflos zu liegen wie Ziesche, den Blick zum Himmel gerichtet, wo die Jagdbomber ent­langrasen ... das muß furchtbar sein!

Der Sanitäter brachte Ziesche ein Schlafmittel. Kaum war er gegangen, warf Ziesche die Tabletten zum Fenster hin­aus. „Richtig“, sagte Wolzow.

Holt dachte: Der Tiefangriff war schlimmer als die Bomben damals, als Fritz starb. Zemtzki, Nadler... nun sind es schon zwei aus der Klasse. Und Schmiedling.

Schmiedling, dachte Holt. Da hat er nun solche Angst vor der Front gehabt, und hier, in der Heimat, erschlägt es ihn. Vielleicht wäre er draußen am Leben geblieben. Oder sollte er fallen? War es ihm bestimmt? Wieder dachte er: Schicksal, Vorsehung... Ist alles Zufall? Schmiedling war mir immer sehr fremd, ein Mensch aus einer anderen Welt. Was für eine Welt ist das?

Der UvD riß die Tür auf. „Leitungsprobe, dalli!“ Holt ging mit Wolzow und Vetter zu Berta. Eine Zugmaschine würgte Anton aus dem Geschützstand. Ein Kommando Ge­fangener schaufelte die Trichter zu, arbeitete an dem verwü­steten Geschützstand, besserte die Lattenroste aus und räumte den Schutt der verbrannten Baracken fort. Wolzow begann Munition zu reinigen. „Der Hülsenklemmer war nämlich überflüssig“ erklärte Vetter. Holt blickte von der Arbeit auf. Vetter war nicht mehr das dicke, weinende Kerlchen, das sich ewig zurückgesetzt fühlte. Vetter war groß und stark gewor­den, roh und draufgängerisch.

Kutschera ließ tatsächlich Schnaps verteilen und auch „Rind­fleisch im eigenen Saft“. Wolzow öffnete eine Flasche und hielt sie Ziesche hin. „Heute“, sagte er, „bist du zuerst dran. Wenn du nicht immer so dußlig quatschen würdest, könnten wir zwei die besten Freunde sein.“ Ziesche lächelte und trank. Wolzow hob ihm den Arm samt Flasche: „Bißchen mehr, Mensch!“ Ziesche verschluckte sich, der Schnaps lief ihm übers Gesicht und in den Halsausschnitt. „Du bist mir ein schöner Germane“, spottete Wolzow, „kannst nicht mal saufen!“ Er gab die Flasche weiter. Holt fühlte den Alkohol brennend in der Kehle. Ein Schauer lief über den Rücken. Dann breitete sich wohlige Wärme in ihm aus, Klarheit und Zufriedenheit. Das Leben ist doch schön! Das Leben ist ge­fährlich, aber es lohnt sich. Und jetzt ruf ich Gertie an, dachte er.

Im Keller der B 2, der nun provisorisch als Schreibstube diente, saß Gottesknecht und las den „Völkischen Beobachter“. Holt wählte Frau Ziesches Nummer. „Werner? Gott sei Dank! Hier gehen die tollsten Gerüchte um, ist es denn wahr?“ – Holt vermied vor Gottesknecht jede Anrede. „Komm zu mir“, sagte Frau Ziesche. – „Das geht heut nicht.“ – „Ist Ziesche wohlauf?“ fragte sie endlich. „Er hat Glück gehabt“, sagte Holt, und nun mußte Gottesknecht erraten, mit wem er sprach, „er ist unverletzt, bloß mit den Nerven runter.“ Er glaubte, die Verbindung sei unterbrochen. Aber da meldete sie sich wieder: „Schade, daß du nicht kommen kannst! Laß dich recht bald bei mir sehen!“ – „Ja. Natürlich.“ – „Und paß auf dich auf, hörst du?“ Sie sorgt sich um mich, dachte er, während er den Hörer auf die Gabel legte. Er wäre gern zu ihr gefahren, nun war ihm der Sonntag verleidet. Viele Luftwaffenhelfer ließen sich von ihren Mädchen besuchen. Warum hab ich nicht eine Freundin, mit der ich mich hier sehen lassen kann?

Vetter und Rutscher gaben keine Ruhe, ehe Holt nicht mit ihnen Skat spielte. Vetter reizte: „Achtzehn...“ Wolzow sagte: „Das hat mit Klugscheißerei gar nichts zu tun. Wir brauchen eine Zwozentimeterflak!“ – „Vierundzwanzig?“ wiederholte Holt unschlüssig. „Ich passe. Meinst du, daß die was nützen würde?“ Vetter rief: „Vier, sieben, dreißig, drei, sechs...?“ – „Und ob!“ sagte Wolzow. „Wenn hier eineVierlingsflak gestanden hätte, da wären die Fetzen geflogen!“ – „Die hätten auch eine Vierlingsflak zur Sau gemacht!“ – „Vierzig!“ rief Vetter. Wolzow sagte brummig; „Aber von den Mustangs hätten mindestens zwei dran glauben müs­sen!“ – „Grand!“ sagte Vetter stolz.

Sie spielten. Wolzow, den „Clausewitz“ vor sich, meinte: „Da haben sie nun auf der B 2 die beiden MGs, und keiner hat geschossen!“ Gomulka sagte von seinem Bett her: „Es wäre auch sinnlos gewesen!“ – „Vierundachtzig, siebenund­achtzig, einundneunzig, Schneider!“ sagte Vetter. „Heute sind fünfzehn Mann ausgefallen. Ob’s da großen Urlaub gibt?“ Ziesche brummte von seinem Bett her: „Im gegenwär­tigen Stadium des Krieges ist Urlaub überflüssig!“ – „Kaum kann der Ziesche wieder den Mund aufmachen“, krähte Vetter, „da quatscht er dämlich! So was!“ Ziesche schrie be­bend: „Ich laß mir diese Beleidigungen nicht mehr gefallen!“ –„Was willst du denn machen?“ fragte Vetter. „Du weißt ja genau, daß wir dir nach Belieben den Popo voll hauen kön­nen!“ Aber Wolzow sagte: „Christian, laß den Ziesche in Ruhe, der gehört jetzt zu uns alten Kriegern!“ Holt wechselte einen Blick mit Gomulka.

Ziesche mußte am Abend doch ins Revier gebracht wer­den. Das Gliederzittern wollte nicht nachlassen. „Hoffent­lich wird er nicht so ’nSchüttler!“ sagte Rutscher. Aber der Sanitäter erklärte fachkundig: „Der kriegt Prontosil und spurt wieder.“ Wolzow verbrachte den Tag in der Kantine. Am Abend erzählte er: „Dort sitzen die SS-Leute vom Russen­kommando. Die schweinigeln was weg!“

Nachts dröhnte der Himmel von Bombermotoren. Weit im Osten fielen Leuchtzeichen. „Dortmund!“ sagte Holt. Er war an Berta Geschützführer. Ringsum schoß Flak. Dann feuerte auch die 107. Batterie.

Der Lehrer fand am anderen Morgen fast keine Schüler vor. Holt, Gomulka und Wolzow halfen, Geschütz Anton in Stel­lung zu bringen. Der Luftvorholer war geschweißt worden. Die Kriegsgefangenen schlossen den Geschützstand. Wolzow befahl Munitionsreinigen. „Ich will so bald keinen Hülsen­klemmer mehr erleben!“ Sie zogen die Hemden aus und ar­beiteten. „Hier an der Kanone ist das Leben noch am er­träglichsten“, sagte Holt.

Am Nachmittag wurde Gefechtsschaltung befohlen. Die Luftlagemeldungen nannten Ludwigshafen, Mannheim und Schweinfurt. Weitere Bomberverbände flogen über die Alpen in den süd- und südostdeutschen Raum. Am späten Nachmit­tag lag Holt übermüdet auf seinem Bett. Gomulka steckte den Kopf durch die Tür und rief ihn heraus.

Er war aufgeregt. „Schau dir das an!“

Beim Kugelbaum arbeiteten die Kriegsgefangenen an einem Trichter. Der SS-Posten stieß mit dem Kolben seines Kara­biners nach einem der Gefangenen, stieß ihn zu Boden und trat ihn mit Füßen.

Holt lief in die Stube zurück, wo Wolzow mit Vetter und Rutscher beim Kartenspiel am Tisch saß. „Gilbert! Draußen schlägt ein SS-Mann die Gefangenen!“

„Na und...?“ fragte Wolzow gedehnt. „Was gehn denn mich die Russen an!“

Ja. Was gehen uns die Russen an? „Wir sollten uns das nicht bieten lassen, Gilbert.“ – „Jetzt laß mich endlich mit diesem Kroppzeug zufrieden!“ schimpfte Wolzow. Aber Holt rief: ,„Du hast mir einmal geschworen, wenn ich dich um was bitte...“

Worauf laß ich mich ein?

Die Sache paßte Wolzow nicht. „Mit dem Burschen wirst du doch allein fertig!“ Holt wußte nun ganz klar: Es ist Wahnsinn! „Gib mir einen General zum Onkel, und ich brauch keinen andern.“

Wolzow zögerte noch immer. Dann wurde er wütend. Er knallte die Karten auf den Tisch und sah Holt böse an. „Lang­sam ist mir egal, mit wem ich mich prügel.“ Holt sah, wie un­lustig Wolzow zu seinem Wort stand.

Vetter riß das Fenster auf. Sie schauten hinaus. Der mißhandelte Gefangene lag noch immer am Boden. Die anderen schaufelten. Der Posten hielt sich ein paar Meter abseits. Wolzow stapfte über den Acker und rief: „Mensch, vielleicht be­nimmst du dich hier ’nbißchen zivilisiert!“

„Das geht schief!“ flüsterte Gomulka.

Man konnte nicht verstehen, was der Posten antwortete, hörte aber Wolzow schreien: „Wer ich bin? Ich bin der Ober­helfer Wolzow! Genügt das?“ Wieder sagte der Posten etwas, trat einen Schritt zurück und hob den Karabiner, während Wolzow schimpfte: „Drisch die Iwans im Lager! Aber nicht in unserer Batterie!... Du!“ schrie er, sprang zu dem Po­sten hin und faßte ihn an der Bluse: „Was willst du mit der Knarre? Bist du verrückt? Nächstens schießen Deutsche auf Deutsche!“ Er schüttelte den Posten und ließ ihn dann ein­fach stehen.

Er setzte sich wortlos wieder an den Tisch und nahm seine Karten auf. „Schiß hat er gehabt!“ sagte Vetter. „Halt ’s Maul!“ rief Wolzow. Dann fuhr er Holt an: „Das war das erste und letzte Mal, daß ich mich von dir in so was hinein­ziehen lasse! Du mit deinen verrückten Ideen! Viel zu weich bist du!“ Holt fuhr herum: „So! Willst du mir die Freund­schaft aufkündigen?“ Er schrie: „Dann sag’s doch offen! Meinst du, ich fürcht mich vor dir?“

Wolzow blickte auf Holt und sagte verblüfft: „Du bist wohl verrückt! Ich prügel mich doch nicht mit dir“ –„Einig­keit ma-ma-macht stark!“ sagte Rutscher. Wolzow rief: „Du stotterst ja wieder, Mensch, du mußt dir noch mal die Man­deln rausnehmen lassen!“ Das Gelächter wirkte versöhnend.

Die Nacht am Geschütz war lang. Kutschera hatte Kurz­urlaub. In der Batterie residierte Gottesknecht. Während des Schulunterrichts saßen die Jungen dann schlafend auf ihren Schemeln. Der Lehrer las mit monotoner Stimme aus einem Buch vor.

Mitten im Unterricht holte der UvD Wolzow auf die Be­fehlsstelle, die immer noch als Schreibstube diente. Holt fuhr aus dem Halbschlaf empor und wechselte einen Blick mit Go­mulka. Zehn Minuten später ging abermals die Tür. Gottes­knecht winkte Holt.

Holt hatte Gottesknecht noch nie so ernst gesehen, so sor­genvoll und verfallen. Der erste Abend fiel ihm ein. Damals hatte Gottesknecht das Gesicht eines müden, gealterten Man­nes gezeigt. Heute sah er verzweifelt aus.

„Holt, kennen Sie Wolzows Onkel, den General? Wir müs­sen sofort etwas unternehmen. Wolzow ist eben von der Ge­heimen Staatspolizei abgeholt worden.“

Holt nahm die Worte hin wie einen Schlag. Unsinnige Angst faßte ihn. „Ich konnte nichts tun“, hörte er Gottesknecht sa­gen. „Ihr untersteht ja nicht einmal der Militärgerichtsbar­keit, so verrückt das ist. Kriegsrechtlich seid ihr Zivilisten. Das erleichtert andererseits eine Intervention von oben.“ Im Keller der B 2 hielt ein Obergefreiter Telefonwache. Gottes­knecht schickte ihn hinaus, ließ sich von der Untergruppe eine Amtsleitung geben und meldete ein Blitzgespräch an. Er rief abermals die Untergruppe: „Hör mal, Kleine, ich hab Blitz Berlin verlangt, leg das sofort in die Hundertsieben!“

Holt fand keinen klaren Gedanken. Schließlich fragte er mühsam: „Und weswegen...“

„Tun Sie doch nicht so!“ fuhr Gottesknecht ihn an. „Das wissen Sie doch am besten! Ich kenn den Wolzow, der hätte keinen Finger gerührt. Sie stecken dahinter, Holt, kein ande­rer!“

„Herr Wachtmeister, ich .. „

„Halten Sie den Mund! Sie haben Ihrem Freund einen schlechten Dienst erwiesen!“ Gottesknecht war aufgebracht wie noch nie. „Wenn das Theater wenigstens einen Sinn ge­habt hätte! Aber wegen der Russen mit der SS anzubinden, das ist doch sinnlos! Was haben Sie sich bloß dabei gedacht?“

„Mir ist das alles erst hinterher eingefallen“, sagte Holt kläglich. Mitleid ist Schwäche, dachte er. Mit uns haben die Jagdbomber am Sonntag ja auch kein Mitleid gehabt! Daß mich der Gilbert bloß nicht verrät!

Das Telefon summte, Gottesknecht verzerrte das Gesicht vor Konzentration. „Bitte einen Augenblick, Herr Oberst!“ Er reichte Holt den Hörer und flüsterte: „Sehn Sie zu, daß Sie den General persönlich an den Apparat bekommen!“

„Herr Oberst?“ rief Holt mit heiserer Stimme. „Hier spricht Luftwaffenoberhelfer Holt. Dürfte ich bitte den Herrn Generalleutnant Wolzow sprechen? Es handelt sich um sei­nen Neffen!“

„Gefallen?“ fragte eine scharfe Stimme.

„Nein, Herr Oberst. Aber es ist dringend!“

Fern in der Leitung klang ein Besetztzeichen. Holt sagte leise: „Er holt ihn.“ Gottesknecht flüsterte hastig: „Sagen Sie, er hat sich das nur verbeten, weil’s unmittelbar vor der Baracke war! Vielleicht hat’s ihn beim Schlafen gestört oder so! Sagen Sie, es ist ein Mißverständnis!“

Am anderen Ende der Leitung wurden Schritte laut, eine ruhige Stimme sagte: „Wolzow. Was ist los?“ Holt erzählte stockend, so gut es ging. Am anderen Ende schrie es: „Ich muß schon sagen, daß ich das Theater mit euch Rotzjungen langsam satt habe!“

„Herr General“, sagte Holt verzweifelt, aber der General­leutnant schrie wütend: „Wie stellen Sie sich das vor! Bin ich der liebe Gott?“ Dann klang die Stimme ruhiger: „Ich werde sehen. Mahlzeit.“ Es knackte. Aus, vorbei. Holt wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Gelsenkirchen, spre­chen Sie noch?“ Holt legte den Hörer auf.

„Was hat er gesagt?“ fragte Gottesknecht ungeduldig. Er lachte kurz. „Böse? Das glaub ich!“ Erst jetzt wurde Holt völlig klar, was geschehen war. Wenn Wolzow ihn als An­stifter preisgab, dann holten sie auch ihn, und kein Generals­onkel half ihm aus der Schlinge.

„Wie bring ich das bloß dem Chef bei!“ sagte Gottes­knecht. „Und Sie, Holt, was machen wir, wenn die Sie auch noch holen?“

„Herr Wachtmeister“, sagte Holt, und er raffte allen Wil­len zusammen, trotz seiner Angst eine einigermaßen gute Figur abzugeben, „ich bitte Sie, Tatbericht einzureichen, daß . .. ich der Anstifter gewesen bin!“ Er hoffte inbrünstig, daß Gottesknecht diesen Vorschlag ablehnen würde.

„Sie sind ein Idiot!“ sagte Gottesknecht. „Unüberlegt und dumm, Holt, das ist ein bißchen viel! Jetzt kommen Sie sich wohl mächtig edel vor, bei soviel teutonischer Aufrichtigkeit, was? Sie wären imstande und machen aus einem Dumme­rjungenstreich eine Verschwörung, mit Anstiftern, Hintermän­nern und Statuten. Das war und bleibt ein Dummerjungen­streich, verstehen Sie? Der Wolzow prügelt sich fürs Leben gern, das weiß hier jeder. Er prügelt sich mit allen, also zu­fällig auch mal mit einem SS-Mann. Anlaß? Braucht er kei­nen. Er prügelt sich aus Sport. Dabei bleiben wir, Holt! Es hat keinen Anlaß gegeben! Den Wolzow ärgert manchmal die Fliege an der Wand, und dann sucht er Händel. So war es auch gestern.“

„Jawohl, Herr Wachtmeister!“

„Merken Sie sich das, wenn der Chef Sie fragt oder ein anderer. Was mach ich mit Ihnen?“ Er überlegte. „Sie ver­schwinden. Wenn man nach Ihnen fragen sollte, sag ich, Sie haben Urlaub. So gewinnen wir Zeit, bis sich der General einschaltet. Morgen früh sind Sie wieder hier. Bewegen Sie sich ein bißchen vorsichtig. Warten Sie am Geschütz Anton auf mich, ich sag Ihnen dort Bescheid, wie die Dinge liegen. Verschwinden Sie.“

„Oberhelfer Holt meldet sich ab auf Nachturlaub!“

„Wer weiß von der Sache?“

„Gomulka, Rutscher und Vetter.“

Gottesknecht schüttelte den Kopf, als könne er das alles gar nicht fassen.

 

Holt zog sich um und lief durch den Wald zur Straßen­bahn. Aber er ging zu Fuß. Ein Glück, daß es Gertie gibt! Er läutete bei ihr an. Doch niemand meldete sich. Er setzte sich in einem Lokal abseits in eine Ecke. Vielleicht fahnden sie schon nach mir!

Geheime Staatspolizei, Gestapo, ein geläufiges Wort. Die Vorstellung, die sich mit diesem Wort verband, war vage und unklar. Holt erinnerte sich, wie Knack im Geschichtsunter­richt den Charakter aller nationalsozialistischen Organisatio­nen erläutert hatte, auch Wesen und Aufgabe der Geheimen Staatspolizei. Holt bemühte sich, einige dieser Definitionen in seinem Gedächtnis wachzurufen. Die Geheime Staatspoli­zei ist der unerbittliche Wächter über die innere Sicherheit des Reiches, oder so ähnlich. Das verjüngte deutsche Volk schützt seine rassische Grundlage, seine Einigkeit und Kraft hart und rücksichtslos gegen alle Anschläge des Weltjuden­tums, und es bedient sich hierzu der SS und der Geheimen Staatspolizei. Oder: Die Gestapo ist der Arm des Führers, der unbarmherzig allen Feinden des Reiches das Handwerk legt. Oder: Hätte es 1918 schon eine Gestapo nationalsozialisti­schen Gepräges gegeben, so würde die Revolution der Zuhäl­ter und Deserteure brutal im Keim erstickt worden sein ...


Date: 2016-03-03; view: 169


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