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Worauf laß ich mich ein? 16 page

Sie erschrak, doch unter dem Griff seiner Hand wurde ihr Gesicht weich, die Lider senkten sich über die Augen. Sie raffte sich auf und sagte: „Was erlaubst du dir!“

Ach so! Er ließ sie los, sein Kopf schmerzte wieder, er war müde. Er nahm seinen Mantel von der Sessellehne und setzte die Mütze auf. Sie beobachtete ihn gleichmütig. Seine Energie war schon verpufft. Er wartete auf ein Wort. Aber sie schwieg. Als er die Treppen hinabstieg, überfiel ihn Ver­zweiflung: Jetzt bin ich ganz allein! Er hatte keinen Stolz mehr, kehrte um und klingelte. Sie ließ sich Zeit, bis sie öff­nete. Er stand vor der Tür, die Mütze in der Hand, sie zog ihn in den Flur, sie strich ihm ein paar Haare aus der Stirn und lächelte. „Dummer Kerl! Ruf mich an, wenn du Ausgang hast.“ Er stand unbeweglich vor ihr. „Du darfst...“ – „Wofür hältst du mich!“ sagte sie. „Eine Frau hat ihre Mög­lichkeiten!“

Die Geschütze wurden aus der Werkstatt zurückgebracht, es gab Arbeit über Arbeit. Anton hatte ein neues Rohr erhal­ten. Die gesamte Munition wurde gegen Patronen mit neu­artigen Granaten ausgetauscht. Tags darauf kehrte Gomulka aus dem Revier zurück. Ein Befehl der Untergruppe ernannte Holt und seine Klassenkameraden zu Luftwaffenoberhelfern. Gomulka, ein Pflaster am Hinterkopf, sagte: „Jetzt helfen wir nicht mehr, jetzt oberhelfen wir.“

Am Nachmittag langte der Ersatz in der Batterie an, Schü­ler vom Jahrgang achtundzwanzig, aus Schlesien. Holt, Wolzow, Vetter und Gomulka standen bei der Schreibstube und sahen zu, wie die Neuen von den Lastwagen kletterten und an der Kammerbaracke vorbeidefilierten. „So sind wir auch mal angekommen“, meinte Gomulka. Holt nickte. Es war ewig her. „Leute, es ist geschafft!“ krähte Vetter. „Jetzt sind wir die Alten!“

Die Batterie trat auf dem Fahrweg an und wurde eingeteilt. Die neuernannten Oberhelfer von der Geschützstaffel wur­den als Geschützführer und Richtkanoniere auf alle sechs Geschütze verteilt. Mit Mühe konnte Schmiedling Wolzow, Holt, Gomulka und Vetter bei Anton behalten. Kutschera, barhäuptig wie immer, von seinem Hund gefolgt, trat vor die Front. „Mal herhörn!“ Diesmal sagte er kein Wort von Selbsterziehung. Gomulka bemerkte dazu auf der Stube: „Es hat ihm schon lange nicht mehr gepaßt. Aber er konnte sein Prin­zip nicht widerrufen.“ – „Selbsterziehung eines Haupt­manns“, spottete Holt.

Die Batterie war wieder feuerbereit. Gegen Mitternacht zog Wolzow noch einmal den Wischer durch das neue Rohr. Sei es, daß die Neuen am Funkmeßgerät noch unsicher waren, daß sie Angst hatten oder sich von der üblichen Düppel-Stö­rung verwirren ließen, das Schießen klappte in dieser Nacht schlecht. Die Batterie schoß nach Süden, die Bomber brumm­ten im Norden vorbei. Wolzow fluchte, denn aus dem neuen Rohr flöß brennendes Öl und versengte ihm den Ladehand­schuh. In den Feuerpausen hörten sie, fern beim Funkmeß­gerät, Kutschera toben.



Den Bestand der Batterie bildeten zu zwei Dritteln die Neuen vom Jahrgang achtundzwanzig. Außer den sechsund­zwanzig Oberhelfern aus Holts Klasse waren nur fünf der alten Oberhelfer hiergeblieben, Dusenböker und Hörschel­mann, die beiden Entfernungsmesser aus Hamburg, und Ziesche mit zwei seiner Klassenkameraden aus Essen. Die bei­den Hamburger fanden sich abends bei Wolzow in der Stube ein, brachten Zigaretten und Schnaps mit und hörten sich eine Weile geduldig Wolzows Hohnreden an. Dann feierte man Versöhnung. Günsche war ganz allein an allem schuld ge­wesen!

 

9.

In den nächsten Wochen ließ Kutschera täglich Batterieexer­zieren auf den Dienstplan setzen. Er schickte die Lehrer weg: „Latein? Schießen ist wichtiger!“ Die Briten flogen jede Nacht, die Amerikaner jeden Tag nach Deutschland hinein; im April steigerte sich die Angriffstätigkeit noch mehr und nahm nicht wieder ab. Das ständige Batterieexerzieren nahm den Jungen die letzte freie Zeit. Schmiedling aber sagte: „Dös is a Zeichen für a Bsüchtgung is dös!“ Tatsächlich kündigte Ende April der Untergruppenkommandeur seinen Besuch an. Der Termin wurde immer wieder verschoben, und erst im Mai rollte die Autokolonne in die Batterie.

Der Major zog einen Kometenschweif von Hauptleuten und Leutnants hinter sich her, verschwand erst einmal in der Chefunterkunft und ließ die angetretene Batterie warten. „Die saufen jetzt einen prima Begrüßungsschnaps“, erklärte Vetter ungeniert laut. – „Ruhe im Glied!“ schnauzte irgendwer. Dann nahte Major Behling mit seinem Gefolge, und als die Melderei begann, rollte hupend eine neue Wagenkolonne ins Batteriegelände. Gomulka murmelte im Stillgestanden: „Ach, du ahnst es nicht!“ Denn einer großen Limousine entstieg der General der Flakartillerie Bergmann, in Begleitung eines Obersten und mehrerer Oberstleutnants und Majore. Kutschera zog sein Pferdegesicht in die Breite; so schlecht er beim Untergruppenkommandeur angeschrieben war, so sehr beliebt war er beim General. Er stellte sich an den rechten Flügel seiner Batterie.

Der General scheute sich nicht, die Erkennungsmarken vor­zeigen zu lassen und dann die Sohlen der Schuhe zu be­sichtigen. Dann wünschte er ein gefechtsmäßiges Batterieexer­zieren. Es war ein klarer, warmer Tag. Als Zielmaschine flog eine Heinkel He 111. Die B 2 war so sehr mit Offizieren voll­gestopft, daß die Luftwaffenhelfer kaum die Geräte bewegen konnten. Der General wünschte Kutschera als taktisch, den Wachtmeister als technisch Schießenden zu sehen. Ehe die Befehle die Wendeltreppe des Instanzenweges vom General bis zum Hauptmann herabgestiegen waren, hatte sie die Meßstaffel schon ausgeführt. „Ich sehe“, sagte der General zu­frieden, „Sie haben Ihre Batterie tadellos in Schwung!“ Nach zehn Minuten Exerzieren war es soweit: „Gefechtsschal­tung!“ Gottesknecht ließ das Müo auslegen, die Heinkel über­flog die Batterie und brummte zum nächsten Flughafen.

Der General verabschiedete sich eilig. Zurück blieb der Ma­jor. Er übernahm das Kommando über die Untergruppe und schickte seinen Adjutanten an die Ringleitung. Zehn Minu­ten später meldete die Luftlage starke Kampfverbände mit Jagdschutz über Holland im Anflug auf die Reichsgrenze. Zugleich hieß es: Im Raum Köln–Essen noch vereinzelte eigene Transport- und Schulmaschinen. Als Feuerbereitschaft befohlen wurde, nahm Kutschera den Helm ab, zog sich Man­tel und Waffenrock aus und ließ sich den Fahrermantel aus seiner Baracke bringen. Er hatte die Augen überall. „Los, dalli, das Müo einziehen!“ Der Major sagte: „Da sind doch noch eigene Maschinen oben, Hauptmann, da können Sie doch nicht das Müo wegnehmen!“ Kutschera wandte das Gesicht dem Major zu und kniff die Augen zusammen. „Es ist Vor­schrift, Herr Major! Wir haben Feuerbereitschaft. In ein paar Minuten sind die Bomber hier!“

Auf der B 2 herrschte Verwirrung, ob Kutscheras Befehl auszuführen sei oder nicht. Der Major sagte, gereizt über den Widerspruch: „Lassen Sie das Müo noch liegen, so geht das ja auch nicht, wie Sie das handhaben!“ Kutschera kratzte sich nachdenklich den Kopf, als gebe es keinen Major auf der B 2, aber er widersprach nicht länger. „Man kann sich doch nicht wörtlich an die Vorschriften halten“, sagte der Major noch. Das Müo blieb liegen, ein zehn mal zehn Meter großes Quadrat aus leuchtend weißen Tüchern, mit einem Kreuz darin, aus einer Höhe von zehn-, auch zwölftau­send Metern gut zu sehen, eine Zielscheibe mitten in der Feuerstellung, und nach ein paar Minuten dachte kein Mensch mehr daran.

Im Nordwesten flog der erste Pulk in den Batteriebereich, fünftausend Meter hoch, und Kutscheras „Feuer frei!“ fand beim Kommandeur keinen Widerspruch. Die Batterie schoß Gruppenfeuer mit vier Geschützen, sie schoß sehr genau, so daß der Major, das Fernglas an den Augen, „Großartig!“ rief. Pulk auf Pulk zog in südöstlicher Richtung an ihnen vorbei. Die Batterie schoß gleichmäßig und ohne Nervosität. Dann änderte ein Verband von sechzehn Boeing Fortress II nach den ersten Gruppen die Flugrichtung. „Neuer Zielweg!“ rief Gottesknecht, und sofort: „Direkter Anflug!“ Da fiel ihnen allen wieder das Müo ein, aber da war es längst zu spät.

Die Abschüsse schmetterten. Die Leute am Kommando­hilfsgerät und am Entfernungsmesser duckten sich und lasen mit verzerrten Gesichtern die Richtwerte ab, bis sie in der Optik die Bomber ihre Last ausklinken sahen: da warf sich vom Major bis zum Luftwaffenhelfer alles in die Deckung der Brustwehr, nur Gottesknecht drückte zusammengekrümmt die Feuerglocke, und Kutschera stand barhäuptig und tobte:

„Wollt ihr wohl das Müo einziehen, ihr Banditen!“ Das Schießen setzte aus, nur zwei Geschütze feuerten in rascher Folge sinnlose Schüsse in den Himmel.

Auf einmal war Zemtzki da, der kleine Zemtzki, er kam wohl aus dem Keller, hatte einen hochroten Kopf und stocherte mit dem Zeigefinger in der Luft herum wie in der Schule: „Ich ... ich ... Herr Hauptmann!“ Dann lief er wie ein Wie­sel über den Acker und raffte die Tücher zusammen. Aber da war das entnervende Geräusch der Bombermotoren schon zu­gedeckt von einem hohlen Sausen, das anschwoll zu orkan­artigem Rauschen. Die Erde bebte, die Geschütze schwankten und rissen an den Verankerungen, ein sekundenlanger Don­nerschlag spaltete den Tag, und Rauchpilze und Erdfontänen wuchsen in eins zusammen und löschten die Sonne aus. Split­ter jaulten über Geschützstände und B 2 hinweg. Dann war Schweigen. Und in das Schweigen hinein plauzten ein, zwei Geschütze Schuß auf Schuß, die anderen Kanonen fielen ein, das Feuerleitgerät arbeitete wieder, und wütend und unkonzentriert schoß die Batterie hinter dem abfliegenden Pulk her. Kein Geschütz war getroffen worden. Die B 2 sah etwas mitgenommen aus, aber auch dort war nichts passiert. Nur Zemtzki, Fritz Zemtzki, lag tot vor der Befehlsstelle.

Am Abend ging Holt durch die von Bombenkratem zer­klüftete Stellung. In den Baracken waren die Scheiben zer­klirrt, die Dächer beschädigt, überall wurde gebaut, gesägt und gehämmert. Ein Trupp Flaksoldaten von der Untergruppe legte neue Fernsprechleitungen.

Holt stand in der Baracke des Waffenmeisters, wo zwischen Werkzeugen und Ersatzteilen Zemtzki auf der Erde lag, Luftwaffenoberhelfer Fritz Zemtzki, mit einer Decke zugedeckt. Holts Augen brannten. Das Entsetzen des Bombenteppichs war noch nicht verwunden. Lange stand er vor dem grauen Bündel. In einem Gefühl, das aus Angst und Neugier gemischt war, schlug er die Decke zurück. Da lag Zemtzki. Das Gesicht war unversehrt, war frech und jungenhaft wie je. Aber der halbe Brustkorb fehlte... Das Herz schlug nicht mehr. Als es noch schlug, hatte der Tote, dieser Zemtzki, den alten Gru­ber veralbert: „Bitte schön, der Holt spinnt, er kann nichts dafür, er hatte Gehirnscharlach!“ Er hatte mit Holt zusam­men in den Bergen gehaust und sich einst ein Schweineschwänzchen als Trophäe an die Mütze gesteckt. Immer aber hatte er frech und ein bißchen tückisch aus seinen blauen Augen geschaut, und frech und unschuldsvoll war er zeitlebens gewesen. Jetzt war er tot.

Die Tür knarrte. Gomulka suchte Holt, trat ein und verzog den Mund wie im Ekel. Die Zahnlücke entstellte ihn und ver­wandelte jede Bewegung des Gesichts in ein Grinsen. Holt bückte sich und schlug die Decke über den Leichnam.

„Am l.Juni wär er siebzehn geworden“, sagte Gomulka. „Ja“, sagte Holt, „das wär er. Beinahe.“

Im Geschützstand bei Anton setzte sich Holt auf einen La­fettenholm. Gomulka lehnte am Eingang des Mannschaftsbun­kers. Sie rauchten. Gomulka sagte: „Vielleicht bin ich der nächste!“ – „Oder ich“, sagte Holt.

Gomulka lispelte ein wenig durch die Zahnlücke. „Es ist mir von Tag zu Tag unheimlicher geworden, daß sie uns un­geschoren lassen. Mein Vetter ist in Darmstadt eingesetzt. Dort lagen Anfang des Jahres vierzehn schwere Batterien, zehn Heimatflakbatterien und vier aktive. In der Nähe ist ein Werk, wo sie Panzer bauen. Die Amerikaner wollten es mehr­fach angreifen, aber die vierzehn Batterien haben so genau ge­schossen, mit dem Kommandogerät, daß die Pulks ihre Bom­ben nicht ins Ziel gebracht haben. Da sind sie zwei Wochen lang Angriffe gegen die Batterien geflogen. Sie haben Hunderte von Bomben auf jede Feuerstellung geworfen. Sie haben sämtliche Funkmeßgeräte zerschmissen, und von den vierzehn Batterien sind grad noch zwanzig Geschütze übriggeblieben. Jeder dritte Luftwaffenhelfer ist gefallen, jeder zweite ver­wundet. Das Werk ist obendrein kaputt. Es kommt ihnen nicht drauf an. In Kassel hat sie ein Anderthalbmeterschein­werfer gestört, mit dem die Batterien nachts optisch geschossen haben, da haben sie auf diesen einen Scheinwerfer mehr als dreihundert Zentner Sprengbomben geworfen. Ich sag dir: Wir kommen auch noch dran!“

„Sie werden uns zur Sau machen“, sagte Holt.

„Sie werden ganz Deutschland zur Sau machen“, sagte Gomulka. Dann schwiegen sie lange. Aber Gomulka fing wieder an: „Die Russen sind immer noch nicht zum Stehen gebracht. Odessa ist gefallen. Wenn das so weitergeht...“

„Da muß ja nun wirklich bald was geschehen“, sagte Holt.

„Fragt sich bloß, was?“

„Ich weiß nicht“, sagte Holt. Von der B 2 brüllte jemand: „Leitungsprobe!“ Gomulka hängte sich die Geschützführerlei­tung um. Nachher sprachen sie von anderen Dingen.

Aber in den Stuben wurde die halbe Nacht gestritten, ob der Kommandeur am Tode Zemtzkis schuld sei. Ziesche protestierte erregt: „Das Führerprinzip duldet keine zerset­zende Kritik. Ihr wollt verschworene Kämpfer sein? Der­artige Bemerkungen über einen Führer sind einfach Wehrkraftzersetzung!“ Auch Wolzow fuhr Gomulka an und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch: „Schluß! Es ist Krieg, da kann es jeden erwischen.“ Er breitete seine Karten aus.

Am anderen Morgen, nach schwerer nächtlicher Schieße­rei, erlebte die zum Appell angetretene Batterie eine Über­raschung. Kutschera nahte in voller Uniform. „Heil Hitler, Batterie! Der Major war sehr zufrieden. Der Herr General gleichfalls. Die Division ist inzwischen mit der Prüfung der Unterlagen fertig geworden und hat festgestellt, daß von den vierunddreißig Abschüssen im Bereich seit September vier auf unsere Rechnung kommen. Ruhe im Glied! Die vier Abschüsse sind uns zugesprochen worden. Wenn ihr Farbe habt, ihr Säcke, könnt ihr die Ringe an die Rohre pinseln.“ Die Un­ruhe war nicht mehr zu unterbinden. Kutschera stand einen Augenblick unschlüssig, dann schrie er: „Batterie... still-stann! Wir gedenken des Kameraden Zemtzki, der für Führer und Vaterland gefallen ist. Rührt euch!... Herhörn! Die Bat­terie hat in Hamburg schon mal schwere Verluste gehabt. Ein Toter ist nischt Neues! Der Zemtzki hat Mut gehabt, dafür hat ihm der Major das Ekazwoo verliehen. – Ruhe im Glied! Nun sag ich eins: Wenn das Gequatsche auf den Stu­ben nicht aufhört, von wegen dem Müo und so ... Ich greif mir die Meuterer raus und sperr sie ein! Krieg ohne Tote, wo gibt’s denn so was!“

Vier Abschüsse! Zemtzki war vergessen. Wolzow zeigte sich aufgekratzt. „Noch zwei Abschüsse, dann gibt’s das Flak­schießabzeichen.“ Holt ging mit Gomulka den Lattenrost ent­lang, er fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. „Sepp! Die vier Abschüsse, das ist bloß das schlechte Gewissen vom Ma­jor!“ – „Schau dich um“, sagte Gomulka. „Gestern war alles deprimiert, und jetzt?“

Im Unterricht saß Holt zerstreut und unaufmerksam auf seinem Schemel. Schließlich ging er in die Stube hinüber und warf sich auf sein Bett. Wenn ich falle, wird tags darauf kein Mensch mehr an mich denken.

Gottesknecht riß die Tür auf. „Pfui! Sie schwänzen wie­der!“ sagte er. „Holen Sie den Gomulka raus!“ Holt folgte. „Mitkommen! Sie beide haben den Zemtzki doch näher gekannt, helfen Sie mir mal, den Brief an seine Mutter zu schreiben.“ In der Schreibstube sagte er zu Holt: „Übrigens hat eine Dame angerufen und gefragt, ob Ihnen was passiert ist. Hat sich rumgesprochen, daß wir Zunder bekommen ha­ben. Ich hab gesagt, Sie sind wohlbehalten und der Ziesche auch.“

Sie war in Sorge um mich, dachte Holt freudig. Aber dann erschrak er: Und der Ziesche auch... Wußte Gottesknecht? Holt schielte zur Seite. Der Wachtmeister schrieb eifrig und unbeteiligt, und nur Gomulka zog ein merkwürdiges Gesicht.

„Er war das einzige Kind“, sagte Gomulka. Auf dem Schreib­tisch lag das Eiserne Kreuz mit dem roten Ordensband. Zemtzki hat nichts mehr davon, dachte Holt. Wenn ich das EK hätte... Bei einem Luftwaffenhelfer würde es Aufsehen erregen!

Gottesknecht las vor: „. .. in treuer Pflichterfüllung ...“

War es seine Pflicht, dachte Holt, in den Bombenregen hin­auszulaufen? Was mochte in ihm vorgegangen sein? Ob er sich auszeichnen wollte?

„Was schaun Sie denn so?“ fragte Gottesknecht. „Die Sache mit dem Müo kann ich doch wirklich nicht schreiben!“

„Die werden das bestimmt erfahren“, meinte Holt.

„Jetzt ist Schluß!“ rief der Wachtmeister. „Die Ketzerei steht Ihnen ja an der Stirn geschrieben! Holt, in diesem Krieg sind schon Millionen umgekommen, Soldaten, Frauen und Kin­der, das wissen Sie, und es hat Sie bis gestern nicht gestört.“

„Herr Wachtmeister“, sagte Gomulka, „aber ich denke, es wäre ...“ – „Halten Sie den Mund!“ fuhr ihn Gottesknecht an, „Meinen Sie, ich unterhalte mich hier in der Schreibstube mit Ihnen über den Dunst, der Ihnen gestern vom Gehirn weg­gepustet worden ist?“

Holt sah Gottesknecht verständnislos an. Was soll denn das nun wieder bedeuten? Gottesknecht beugte sich über den Tisch. Er sagte leise: „Der Ziesche führt Tagebuch! Der Ziesche notiert jedes Wort, das ihr vor ihm sprecht! ,Wo hat G-Punkt die exakte Zahl der feindlichen Bomberverluste her . . . Fragezeichen!’ Rotwerden ist sinnlos, Gomulka! Air Mar­shall Harris’ Flugblatt an das deutsche Volk, was? Ich bitte mir aus, daß ihr in Zukunft den Mund haltet. Macht mir keinen Kummer, ich hab’s schwer genug, mich immer wieder zwischen euch und den Chef zu stellen. Habt ihr mich verstanden?“

Sie antworteten beide nicht.

Der Ziesche schreibt alles auf, dachte Holt erschrocken. Er überlegte fieberhaft, ob in seinen Gesprächen tatsächlich etwas zersetzend oder feindlich gewesen sei... Gomulka sagte fast unhörbar: „Ich versteh, Herr Wachtmeister.“ In diesem Augen­blick trat die Nachrichtenhelferin in die Schreibstube. Got­tesknecht sagte unbefangen: „Das genügt. Sie können wie­der zum Unterricht gehn.“ Sie grüßten und verließen die Baracke. Holt war verwirrt. In diesem Krieg sind schon Millionen umgekommen... und es hat sie bis heute nicht gestört... Sollte das ein Vorwurf sein? „Sepp, wie verstehst du das, was Gottesknecht gesagt hat? Was meint er mit ,Flugblatt an das deutsche Volk’?“

„Mir ist das alles unklar“, sagte Gomulka.

„Früher hab ich gewußt, was los ist“, sagte Holt. „Seit ich bei diesem Haufen bin, ist es, als würde mir langsam der Bo­den unter den Füßen weggezogen.“

„Früher hast du gewußt, was los ist?“ fragte Gomulka. „Wirklich?“

„Es ist... der innere Schweinehund“, erwiderte Holt. „Wir müssen stur werden. Alle Soldaten sind stur!“

Dieser Gedanke befriedigte ihn wenig. Schicksal, Gesetz des Handelns, fanatisch glauben, dachte er wieder; sind wir wirklich willenlos, ausgeliefert, nur. . . Figuren im großen Spiel? Aber das Nachdenken und Grübeln, überlegte er, bringt nichts ein. Hart werden. Glauben. Sich fanatisch der Sache verschwören. Es geht nicht, daß mich ein paar Bomben aus dem Gleichgewicht bringen!

Was ist mit mir los? dachte er.

Gottesknecht ließ ihn bis zum Abend in die Stadt, „zum Zahnarzt“, wie der UvD ins Wachbuch schrieb. Holt setzte sich eine Viertelstunde in das Cafe in der Rotthausener Straße, wo die Urlauber aller Batterien mit ihren Mädchen zusam­mensaßen, er traf ein paar Bekannte. Der Bombenangriff auf die 107. Batterie war allgemeines Gesprächsthema. Die abge­magerten, unausgeschlafenen Jungen mit den übernächtigen Augen schimpften auf den Major. „Er soll ja als erster flach­gelegen haben!“ Holt sagte aggressiv: „So geht’s ja auch nicht! Derartige Gerüchte sind Wehrkraftzersetzung!“ Es wa­ren Ziesches Worte. Holt ärgerte sich, ausgerechnet Ziesche nachgeäfft zu haben.

Er versuchte, Frau Ziesche anzurufen, aber das Leitungs­netz war durch die letzten Bombenabwürfe gestört. Schließlich bekam er auf einem Postamt Verbindung. „Warum kommst du nicht her? Ich war in Sorge um dich!“ Ihre Worte stimmten ihn froh. Aber als er mit ihr zusammensaß, als sie das Radio anstellte, brachte der Wehrmachtsbericht Nach­richten, die niederschmetternd auf ihn wirkten. Schlacht in Süditalien, Großangriffe auf Valmontone... Sewastopol ge­fallen. „Nordamerikanische Jagdflugzeuge führten gestern Angriffe auf Ortschaften in Nord- und Mitteldeutschland... Verluste... Nächtliche Terrorangriffe auf Kiel und Dort­mund ... Orte im rheinisch-westfälischen Raum...“ – „Das sind wir“, sagte er, „die Bomber werden immer frecher.“

Frau Ziesche hörte die Berichte ungerührt an und fragte, warum er den Kopf hängenlasse, er sei ja heute unleidlich! Er versuchte, ihr sein Herz auszuschütten, und erzählte von Zemtzkis sinnlosem Tod. Aber auch sie sagte: „Nimm dich zusammen! Denk an die Ostkämpfer, dagegen bist du in der Sommerfrische bei deiner Batterie!“ Als er sich mißmutig ver­abschiedete, meinte sie versöhnlich: „Sieh zu, daß du dich mal richtig ausschläfst. Nimm doch nicht alles so tragisch!“

Frühzeitig flogen zwei Mosquitos in sehr schnellem Flug von Norden her über den wolkenlosen Himmel, zehntau­send Meter hoch, zwei winzige Pünktchen, die kurze Kon­densstreifen hinter sich herzogen. Sie flogen drei oder vier weite Kreise über den umliegenden Ruhrstädten. Fern grollten die Abschüsse einer 12,8-Zentimeter-Batterie. Wolzow starrte zum Himmel und schimpfte: „Jetzt photographieren sie die ganze Gegend! Brauchen wir uns zu wundern, wenn die Bom­ber sich so gut zurechtfinden?“ Die beiden Mosquitos flogen nach Norden ab.

Etwa hundert Kriegsgefangene zogen in die Stellung, von einem halben Dutzend blutjunger SS-Leute bewacht. „Rus­sen!“ sagte Wolzow, als sie den Geschützstand verließen. „Was wollen die denn hier?“

Der stereotype Kram lateinischer Grammatik, von dem Holt längst kein Wort mehr verstand, war heute so langweilig, daß Holt sich hinausstahl und sich in der Stube aufs Bett legte. Durch das Fenster sah er ein Dutzend der Gefangenen nahe der Baracke Bombentrichter zuschaufeln. Er brannte sich eine Zigarette an, ging ins Freie und sah ihnen zu.

Die erdfarbenen Gestalten, die mühsam mit Schaufeln und Spaten die Erdschollen in den Krater warfen, erwiesen sich aus wenigen Metern Entfernung als kaum noch menschenähnliche, ausgemergelte und hohlwangige Wesen mit überdimensio­nalen Schädeln und eingefallenen Gesichtern, grau wie die Mäntel, die viel zu weit um die stakigen Körper schlotterten. Holt hielt die angerauchte Zigarette gedankenlos einem der Gefangenen hin, der sich erst nach allen Seiten umsah, auch zögernd seinen dunklen Blick auf Holt richtete, ehe er sie nahm, die Lunge voll Rauch sog und die Zigarette weiter­reichte.

Holt empfand einen schmerzhaften Druck in der Brust. Mitleid ist Schwäche! sagte er zu sich selbst, aber er fischte doch die angebrochene Zigarettenpackung aus der Tasche. Er wollte sie den Gefangenen hinwerfen, doch dann ging er die paar Schritte über den Acker und drückte die Schachtel in eine rauhe Hand. Als er vor dem Gefangenen stand, sah er mit Erschütterung, daß die Tierhaftigkeit aller dieser Gestalten nichts anderes war als das letzte Stadium eines unvorstellbaren körperlichen Verfalls. Er wollte in seiner Verwirrung auch noch die Streichholzschachtel wegschenken. Da sagte der Gefangene mühsam, als bereite das Sprechen ihm Schmerzen: „Brot!“

Holt lief in die Stube zurück und riß seinen Spind auf. Sie hungern! dachte er. Im Essenfach lagen genug Lebensmittel. Butterkeks und Drops wurden seit Wochen täglich als Alarm­zulage verteilt und häuften sich in den Spinden. Er verstaute alles in seinen Taschen und zog dann den Mantel über, denn offen durfte er die Lebensmittel nicht hinaustragen. Was er zu tun im Begriff war – darüber war Holt sich klar –, war verboten und galt als strafbar. Er zögerte und wurde un­sicher. Dann schob er doch das Brot unter den Mantel und dachte: Mag es strafbar sein, mögen es... Untermenschen sein, ich würde auch keinen Hund verhungern lassen! Dann fiel ihm ein, daß es zehn, zwölf Männer waren. Er riß auch Gomulkas Spind auf. Sepp würde es billigen, dessen war er sicher. Eine halbe Dauerwurst, Brot, ein Würfel Kunsthonig, reichlich Keks... Er raffte alles zusammen. Dann sah er die halbe Flasche Korn stehen, die Gomulka für seinen Geburtstag aufsparte. Er nahm die Flasche an sich.

Ruhig verließ er die Stube, nicht gesonnen, sich erwischen zu lassen. Sorgsam sah er sich um. Außer den arbeitenden Gefangenen war niemand zu sehen. Wer weiß, wo sich der Posten herumdrückte! Die Fenster der großen Stube lagen auf der anderen Seite.

Er lief über das Feld. Die Gefangenen rissen das Brot in Stücke und versteckten es unter ihren Kleidern. Sie arbei­teten weiter. Einer nach dem anderen kletterte auf den Grund des Bombentrichters hinab und trank aus der Kornflasche. Holt ging in die Stube zurück und legte sich auf sein Bett. Er versuchte zu schlafen.

Später fing er Gomulka auf dem Korridor ab und zog ihn ins Freie. Gomulka blickte sich unwillkürlich um, als Holt er­zählte. Dann sagte er: „Gut... Ich bin einverstanden.“ – „Ob es richtig ist?“ fragte Holt. „Sie sind unsere Feinde.“ – „Sie haben nicht angefangen“, sagte Gomulka.

In der Stube saß Wolzow auf einem Hocker und schnippelte mit dem Fahrtenmesser am Nagel seiner großen Zehe herum. Vetter und Rutscher saßen auf ihren Betten. Ziesche redete mit Schwung und Enthusiasmus, und die anderen hörten heute tatsächlich zu.

„Seht sie euch ruhig aus der Nähe an“, sagte Ziesche, als Holt und Gomulka in die Stube traten. „Das ist sehr lehr­reich. Klarer kann der Beweis, daß es sich um einen rassisch ganz minderwertigen Typ handelt...“ – „Bei den Russen?“ fragte Gomulka. – „Ja. Ihr braucht euch bloß mal die Ge­sichter anzusehen...“ Gomulka unterbrach Ziesche schon wieder: „Die Russen sind als Slawen aber doch Arier, sagte er.

„Wieso?“ fragte Ziesche verblüfft. „Ach so! Arier?“

 

„Ja, natürlich“, sagte Gomulka. „Das mußt du doch wissen!“

„Sieh mal“, erwiderte Ziesche, während er seine Gedanken ordnete. „Auch unter den arischen Rassen, verstehst du... Also die sind nicht einheitlich, nicht wahr! In Rußland, also da liegt die Sache klar, da ist das Element der Organisation seit je germanisch und nicht slawisch gewesen. Unter allen Ariern stehen die Germanen weitaus am höchsten, weil sie die nordische Rasse am reinsten verkörpern.“ Erst jetzt merkte Holt, wie sehr Gomulka Ziesche aus dem Konzept gebracht hatte.

„Das sollte dir eigentlich alles klar sein...“, sagte Ziesche aggressiv, „aber du mit deinem slawischen Namen bist über­haupt lasch und angekränkelt...“

Wolzow hatte bisher zugehört, den nackten Fuß im Schoß, den Dolch in der Hand. „Was soll denn das heißen? Du denkst wohl, du bist allein ein guter Nationalsozialist?“ – „Dein Name ist auch nicht arischer!“ sagte Holt.

Vetter lachte meckernd. Ziesche lief puterrot an. Er wackelte mit dem Kopf. „Mein Name entstand durch Abschleifung aus einem rein germanischen! Aber auf den Namen kommt es nicht an, vielmehr...“ – „Schon gut“, sagte Gomulka. „Nur eins ist mir noch unklar: Selbst wenn die Slawen nicht so hochwertig sind wie die nordische Rasse, deswegen sind sie doch immer noch Arier! Kann man sie denn da als Untermen­schen bezeichnen?“

Ziesche fühlte wieder sicheren Boden unter den Füßen. „In der Vergangenheit hättest du mit deinem Einwand recht gehabt, früher, als in Rußland noch die staatstragende germa­nische Oberschicht herrschte. Durch die Herrschaft des Bol­schewismus ist das anders geworden. Der jüdische Bolschewis­mus hat die rassisch-völkische Grundlage der Slawen total zer­stört. Natürlich ist der Bolschewismus reif zum Untergang, denn der Jude als Ferment der Dekomposition ...“


Date: 2016-03-03; view: 169


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