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Worauf laß ich mich ein? 13 page

Ziesches Lachen war gezwungen. „Also Stiefmutter.“

Jetzt erst, mit angewinkeltem Unterarm, gab sie Holt die Hand. Ihr Blick verwirrte ihn. Die eine Sekunde, die er den Kopf neigte, ging in ihm alles durcheinander: Ziesches Mut­ter, Stiefmutter, sie ist wie ein Mädchen, zart und zierlich. Er hob den Kopf. Ich darf sie nicht so anstarren! Er war ver­wirrt.

Sie gingen zu dritt weiter. Nach ein paar Schritten meinte Ziesche verstimmt: „Wir wollten ins Kino!“ Sie antwortete ungezogen und launisch wie ein Kind: „Ich hab mir’s über­legt. Eigentlich habe ich gar keine Lust.“ Ziesche rief ungehal­ten: „Da hätten wir doch gleich zu Hause bleiben können!“ – „Weißt du was“, sagte Frau Ziesche, nun in bester Laune. „Wir kehren um. Ich brühe einen Tee, und wir plaudern!“

„Nein!“ Ziesche blieb stehen. „Ich geh ins Kino, mach, was du willst. Heil Hitler!“ Mit rotem Kopf drehte er sich um und verschwand in der Menschenmenge.

Holt war von dieser Szene unangenehm berührt. Er wußte nicht, wie er sich nun verhalten sollte. Sie lief neben ihm her und redete ungehemmt: „Ich hab meine liebe Not mit dem Kerl. Wissen Sie, seine Mutter, das war so eine Super­blonde ... Arische... Mit mir kann er sich nun nicht abfin­den!“ Sie blieb stehen. „Und Sie? Lassen Sie mich auch ein­fach allein?“ Sie war kleiner als er und sah ihn von unten aus ihren dunklen Augen an, mit einem ängstlichen und hilf­losen Gesicht.

Ihre Art, so eindeutig zu schauspielern, verwirrte ihn im­mer mehr. „Wenn Sie erlauben“, sagte er beklommen, „be­gleite ich Sie...“ Sie lächelte. Das schmale Gesicht war ihm vertraut, als habe er es seit langem täglich gesehen. „Wohin?“ fragte er.

„Nach Hause!“ Er hatte Mühe, seinen Schritt dem ihren anzupassen. „Sie sind von auswärts? Was machen Sie, wenn Sie Ausgang haben?“ Man gehe ins Kino, sitze in Cafes her­um und spiele Billard... – „Und die Mädchen?“ fragte sie. „Die Dämchen aus dem Lyzeum?“

Für manchen sei das die ... einzige Abwechslung gewisser­maßen ... Er könne es schon verstehen, meinte er. – „Für manchen? Für Sie also nicht?“ – „Nein“, sagte er befremdet. Es paßte ihm nicht, so ausgefragt zu werden.

„Mit sechzehn Jahren in die Flakbatterie gesteckt, schreck­lich! Ihr seid doch noch Kinder!“ Er suchte eine Antwort, spitz, geistreich-ironisch sollte sie sein... Er schwieg, er dachte: Hab ich das nötig, mich beleidigen zu lassen?... Aber als sie vor dem Eingang eines großen Miethauses fragte: „Mögen Sie eine Tasse Tee mit mir trinken?“, da antwortete er glück­lich: „Ja, gern ...“ und folgte ihr.

Er half ihr aus dem schwarzen Pelzmantel und sah sie nun in einem braunen Wollkleid, schlank und schmalhüftig wie einen Knaben. Sie führte ihn in ein Zimmer, wo er verlegen auf dem bunten Teppich stehen blieb. Sein Blick haftete an einer großen, gerahmten Photographie, die auf dem Tisch der Leselampe stand und das Gesicht eines vielleicht fünfzig­jährigen Mannes zeigte, ein großflächiges, derbes Gesicht über dem Kragen der SS-Uniform, ein wenig gedunsen, und es glich, unter der paspelierten Uniformmütze mit dem Totenkopf, dem Gesicht Günter Ziesches... Das muß sein Va­ter sein! Holt drehte das Bild um und las: „Meiner heisgeliebten Gerti“ – tatsächlich, „heißgeliebt“ war mit s geschrieben, in klobiger und abstoßend primitiver Schrift – zum 26. Ge­burtstag von ihrem Erwin.“ Das Datum: „Krakau, 14. Härtung 1942.“ Fast achtundzwanzig Jahre alt ist sie also. Erregt starrte er auf das Bild, auf dieses gedunsene, brutale Gesicht. Sein Inneres füllte sich bis in den letzten Winkel mit Haß auf die­sen Menschen in der protzigen Uniform, der nicht orthogra­phisch schreiben konnte und der Mann einer so wunderbaren, mädchenhaften Frau war ...



Hinter ihm ging eine Tür. Mit flinken Bewegungen deckte Frau Ziesche den Teetisch. Sie lächelte freundlich und plau­derte: „Es ist nicht mehr sehr gemütlich hier. Wir haben fast alles ausgelagert. Eines Tages erwischt es auch dieses Haus.“

Er saß ihr stumm und verbittert gegenüber. Sie fragte teil­nahmsvoll: „Was ist mit Ihnen?“ – „Nichts. Ich hab keine Ruhe. Bestimmt gibt’s Alarm.“ Sie beugte sich zum Radio hin. Widerwillig verfolgte er mit seinem Blick ihren schlanken Arm. „... Reichsgebiet kein feindlicher Kampf verband.“ Sie suchte Musik. „Sind Sie nun beruhigt?“ Sie lehnte sich be­quem in ihren Sessel.

Ich will fort! dachte Holt. Wäre ich lieber ins Kino gegan­gen! Er glaubte in seinem Rücken den Blick des blonden, breitgesichtigen Mannes zu fühlen. Er konnte nicht ständig auf den Boden blicken, er mußte sie ansehen, wie sie mit unter­geschlagenen Beinen auf dem Sessel hockte. Ein zartes Profil, und das lange dunkle Haar gebündelt im Nacken, zu einem lockeren Knoten geschlungen . . . „Es ist besser, wenn ich gehe.“ Er stand auf. „Ich hab keine Ruhe.“ Sie sah ihn be­fremdet an. Dann sagte sie in unverbindlicher Liebenswürdig­keit: „Wenn Sie meinen? Ich will Sie nicht halten!“

Auf dem Korridor zog er sich eilig den Mantel über. Sie gab ihm die Hand. Plötzlich stammelte er: „Bitte... Sie dür­fen nicht bös sein...“

Erstaunt zog sie die Brauen hoch. Er wagte nicht, sie anzusehen. „Darf ich wiederkommen?“ Sie antwortete unbefan­gen. „Warum nicht? Ich hab Telefon. Günter gibt Ihnen die Nummer!“

Er lief hastig die Treppen hinab und irrte planlos durch die Straßen. Dann fuhr er in die Batterie zurück.

Er fand an diesem Abend lange keinen Schlaf. Vetter rö­chelte leise. Holt starrte in die Dunkelheit.

Er sah mandelförmige Augen, dunkles Haar, das zu einem lockeren Knoten geschlungen war.

Und Uta?

Er beschloß, Frau Ziesche aus dem Weg zu gehen.

 

6.

 

Am Sonntag morgen hatte Kutsehera schlechte Laune und nahm einen nachlässigen Gruß zum Anlaß, die Batterie andert­halb Stunden mit Fußdienst zu plagen. Die Alarmklingel erlöste die Jungen.

Nach dem üblichen Sonntagsessen, Rinderbraten mit einer Soße, die „Bratenwasser Din A 4“ genannt wurde, Sauer­kraut und Pellkartoffeln, zog der sonntägliche Besucherstrom in die Batterie, Eltern und Bekannte der Luftwaffenhelfer aus den umliegenden Städten.

Vetter drosch mit Kirsch und Rutscher den gewohnten Sonntagnachmittagsskat. Er versicherte: „Das ist hier ein prima Leben! Na, meine Sippe soll in Zukunft mal versuchen, mich zu verdreschen!“ Wolzow las im Clausewitz. Gomulka lag auf dem Bett und schlief.

Holt schrieb an Uta. Da steckte jemand den Kopf in die Stube und sagte: „Ziesche, in der Kantine ist Besuch für dich.“ Ziesche verschwand. Das kann nur sie sein! dachte Holt. Uta war vergessen. Soll ich nachschaun, ob sie’s wirklich ist?

Zemtzki trat ins Zimmer. Vetter zählte seine Stiche: „Achtundfünfzig, zwoundsechzig, es reicht!“ – „Gilbert“, piepste Zemtzki, „du sollst ans Geschütz Cäsar kommen, dort probiern die Obergefreiten eine hydraulische Ladeschale aus!“ Wolzow klappte das Buch zu. „Das muß ich mir ansehen!“ Er warf die Tür ins Schloß.

Ich kann nicht nach der Kantine laufen, ich mach mich ja lächerlich, dachte Holt. „Was ist ’n das: Ladeschale?“ fragte jemand. Vetter erklärte: „Bei der 12,8- und 15-Zentimeter-Flak sind die Patronen so schwer, daß man sie nicht mehr von Hand laden kann. Bei der 8,8 gibt’s so was nicht!“ Nein, bei der 8,8 gibt’s das nicht, dachte Holt. Ladeschale ist Blöd­sinn... „Sepp!“ schrie er aufspringend und rüttelte Go­mulka. „Sepp! Da stimmt was nicht! Schnell!“ Er lief schon den Lattenrost entlang.

Geschütz Cäsar lag im Westen, am Abhang der Anhöhe, ein wenig tiefer als die B 2. Holt konnte im Laufen flach über den Geschützstand hinwegsehen. Die Kanone war abgedeckt. Gestalten mit Schirmmützen, also Luftwaffenhelfer! Er rannte quer über den Acker, dann war er schon am Ziel. Der Ge­schützstand wimmelte von Oberhelfern.

Sie hatten Wolzow überwältigt, hatten ihn über einen Holm gezerrt, sein Oberkörper war bis zum Gürtel in die große Persenning verstrickt. Auf diesem Bündel knieten vier, fünf Mann und hielten es nieder. Drei Mann hatten jedes Bein ge­packt, und Günsche stand daneben und hieb mit einer mehrschwänzigen Lederpeitsche auf Wolzows Rücken. Holt warf sich dazwischen. Dann war auch Gomulka da, er hatte seinen Knüppel mit und drosch drauflos. Holt konnte sich noch einmal befreien, dann wurde er überwältigt. Aber Wolzow war frei.

Er schleuderte die Persenning von sich, sein Gesicht war blau, die Augen quollen aus den Höhlen, er schnappte ein paar­mal nach Luft, dann schlug er los. Zunächst schlug er Holt heraus, der arge Prügel bezog, dann unterlief er Günsche, packte ihn und warf ihn in eine Ecke. Und während bisher alles lautlos vor sich gegangen war, begann Wolzow nun vor Wut heiser zu brüllen.

Da war Gottesknecht da. Holt lief das Blut aus der Nase. Es dauerte eine Weile, bis Wolzow sich einigermaßen beruhigt hatte; er stand mit verzerrtem Gesicht vor Gottesknecht und glotzte ihn an.

Ein paar der Oberhelfer blieben liegen. Günsche war tat­sächlich besinnungslos. Ein Zwilling hockte stöhnend auf dem schlackebestreuten Boden, beide Hände vors Gesicht gepreßt, und zwischen den Fingern lief das Blut hervor; er war mit dem Kopf gegen das Geschütz geprallt. Dann krümmten sich noch zwei am Boden, die keine Luft bekamen. Das war harm­los. Blutige Nasen oder verschwollene Lippen hatten sie alle. Nur Gomulka war heil geblieben; er hatte seine Latte in Stücke geschlagen und hielt den Stumpf noch in der Hand.

„Gomulka!“ sagte Gottesknecht. „Holen Sie den Sanitäter!“ Dann schaute er auf Günsche, der sich noch immer nicht rührte. Erst als ihm der Sanitäts-Obergefreite ein Fläschchen mit Salmiakgeist unter die Nase hielt, schlug er die Augen auf, übergab sich und war nicht fähig, ohne Hilfe zu stehen. „Gehirnerschütterung!“ Der Zwilling hatte eine tiefe, klaf­fende Platzwunde von der Stirn bis zum Backenknochen; das linke Auge war zugeschwollen. „Herr Wachtmeister, Günsche und Pingel müssen ins Revier.“

„Na los“, sagte Gottesknecht. Auf einmal waren nur noch Holt, Wolzow und Gomulka da. Sie deckten die Plane über das Geschütz. Gottesknecht sah ihnen schweigend zu. „Herr Wachtmeister“, sagte Wolzow schließlich, „es war Notwehr!“ Gottesknecht antwortete nicht. „Die haben mich hierherge­lockt und sind elf Mann hoch über mich hergefallen.“ – „Hal­ten Sie den Mund, Wolzow“, sagte Gottesknecht müde, „das interessiert mich nicht. Mich interessiert nur, daß die nächsten Tage zwei Mann am Funkmeßgerät fehlen!“ – „Da können die andern Herrn vom Fu-MG eben solange nicht ausgehen!“ sagte Holt wütend. Der Wachtmeister schüttelte den Kopf. „Was macht ihr mir für Sorgen! Wie soll ich denn das dem Chef beibringen?“

Der Hauptmann, als NSFO, als „Nationalsozialistischer Führungsoffizier“, hielt am Montag in der Kantine „wehrpolitischen Führungsunterricht“, „WF-Unterricht“ genannt. Er zog seinen Fahrermantel aus, warf ihn Gottesknecht hin und stemmte die Fäuste in die Hüften. „Mal herhörn! Ge­stern haben sich welche gekloppt. Zwei mußten ins Revier! Wo gibt’s denn so was! Wer schuld war, interessiert mich nicht. Die Batterie hat acht Tage Ausgehverbot. Bedankt euch hei den Kerlen, die euch das eingebrockt haben!“ Dann be­gann er mit dem Unterricht. Lage an den Fronten, politische Lage, Panzerschlacht bei Schitomir, bisher schwerster Luft­angriff auf Berlin, fanatischer Widerstand ... Holt hörte nicht hin. Das gilt uns: die euch das eingebrockt haben, dachte er.

Am Abend sagte Wolzow. „Ich hab’s satt. Jetzt geh ich nach Berta und rede mit den Oberhelfern.“ – „In die Höhle des Löwen?“ sagte Gomulka. „Aber das nützt nichts!“ – „Man muß es versuchen“, meinte Wolzow. Holt sagte: „Kei­nesfalls gehst du allein! Los, Sepp, Christian, wir gehn mit!“

Die Oberhelfer zeigten sich überrascht, als die vier in die Stube traten. Sie lagen auf den Betten, ein paar saßen am Tisch. Gemütliche Bude, dachte Holt. Die Spinde waren zu einer Wand zusammengeschoben, hinter der sich die Betten verbargen. Vor dem Fenster stand ein großes Aquarium mit Fischen, auf den Fensterbrettern blühten Azaleen und Alpen­veilchen.

Wolzow stand mitten im Zimmer. „Welch hoher Besuch!“ spottete jemand. Wolzow sagte ruhig: „Wir sollten uns in Zu­kunft vertragen!“ – „Vertragen?“ rief ein Zwilling und fuhr in seinem Bett hoch. „Jetzt, wo mein Bruder fürs Leben ent­stellt ist?“ – „Ich hab niemanden überfallen“, erwiderte Wol­zow. Der Oberhelfer Wilde erhob sich. „Es gibt ungeschrie­bene Gesetze beim Militär. Vertragen können wir uns, wenn ihr eure Abreibung weghabt!“ Wolzow schrie, mit einem Schritt auf Wilde, der eilig den Tisch zwischen sich und Wol­zow brachte: „Noch so ein hinterhältiger Überfall... dann gnade euch Gott!“ Die Oberhelfer stimmten ein Hohngeläch­ter an, aber es klang nicht echt.

„Es hat keinen Zweck“, sagte Holt später. „Das nennt sich nun Kameradschaft: einer bekämpft den anderen. Ich hab mir das anders vorgestellt im Einsatz. Eine verschworene Gemein­schaft...“ – „Blödes Gewäsch!“ schimpfte Wolzow. Vetter rief: „Verschworene Gemeinschaft, da mußt du dir erst fünf­zig mit dem Ochsenziemer verpassen lassen!“

Holt und seine Freunde waren isoliert. Die Jungen aus ihrer Klasse, die in der Meßstaffel dienten, biederten sich bei den Oberhelfern an.

Der Dezember brachte schwere nächtliche Flächenangriffe auf die umliegenden Städte.

Holt erhielt dann und wann Post von seiner Mutter, bekam regelmäßig von seinem Onkel aus Hamburg Zigarettenpäck­chen und bat manchmal um Geld, denn die fünfzig Pfennig täglichen „Ehrensoldes“ reichten nicht. Sein Gesuch um Kurz­urlaub zu Weihnachten wurde bewilligt. Er überlegte lange. Uta, an die er zuerst dachte, hatte schon im November ge­schrieben, daß sich ihre Familie zu Weihnachten im Schwarz­wald treffe; zu seiner Mutter zu fahren, dazu spürte er keine Neigung. Er fühlte sich einsam. Er rief Frau Ziesche an.

Gottesknecht saß in der Schreibstube und unterhielt sich mit der rundlichen Nachrichtenhelferin, die laut Batterieklatsch die Geliebte des Hauptmanns war. Holt schielte mißtrauisch auf Gottesknecht. Es dauerte ewig, bis er eine freie Amtslei­tung bekam. Dann endlich hörte er Frau Ziesches Stimme, verzerrt und klirrend. „Natürlich, kommen Sie, ich habe Gä­ste, es paßt ausgezeichnet!“ Er machte sich auf den Weg, von einer beklemmenden Erwartung erfüllt.

Vor dem Hause standen zwei klapprige Autos. Ein Mäd­chen öffnete und half ihm aus dem Mantel. Er legte den Stahl­helm auf den Boden. Ein Militärmantel, am Haken, zeigte keine Offiziersschulterstücke, wie Holt erleichtert feststellte. Er hörte Tanzmusik und Gelächter.

Er kannte das Zimmer. Die Flügeltüren zu den angrenzen­den Räumen waren geöffnet. Aus einem Kreis von etwa zwanzig Personen, Männern und Frauen, kam Frau Ziesche auf ihn zu, feierlich, unnahbar, Dame des Hauses. Sie reichte ihm die Fingerspitzen. Der Besitzer des Uniformmantels, ein gro­ßer blonder und bleicher Unteroffizier, am Waffenrock den Ärmelstreifen des Panzergrenadierregiments „Großdeutsch­land“, wurde von allen „Großdeutschland“ angeredet. Wenn ihm das Mädchen ein Tablett mit Likörgläsern hinhielt und er sich bediente, so rief jemand: „Großdeutschland kann nicht genug bekommen“, und alle lachten.

Holt saß in einem Sessel, noch sehr befangen. Frau Zie­sche, neben ihm, erklärte liebenswürdig und nicht ohne eine Spur Vertraulichkeit: „Ehemalige Berufskollegen, Sänger vom Operettenhaus. Sie wissen noch nicht, daß ich Tänzerin bin? Ich war hier ein paar Jahre Primaballerina... Ich war gar nicht schlecht! Ich hab auch im Ausland gastiert. Wenn Sie’s interessiert, zeig ich Ihnen Bilder.“ Sie lachte: „Herrgott, das waren Zeiten!“

Holt rührte sich nicht und lauschte ihren Worten, beglückt durch soviel Vertraulichkeit. Ihre Nähe verwirrte und erregte ihn. „Amüsieren Sie sich gut“, hörte er sie sagen, und scherz­haft: „Nehmen Sie sich vor den Mädchen in acht! Es sind bloß Choristinnen, ich hab sie nicht gern im Haus, aber die Män­ner brauchen jemanden zum Tanzen.“ Er blieb allein.

Er ließ keinen Blick von ihr. Sie trug ein Hausgewand aus brauner Seide, einen weiten und langen Hosenrock mit schlich­tem Kasack, dessen Ärmel so weit waren, daß sie oft bis zur Schulter zurückliefen und dann die weißen, nackten Arme zeigten. Das Haar war zu einem griechischen Knoten hochge­bunden. Als einzigen Schmuck trug sie in den Ohrläppchen ein paar kleine glitzernde Steine. In Holt glomm ein Funke Eifer­sucht auf all die Männer, die sie hier umgaben. Er neidete ihnen jedes Lächeln und jedes Wort.

„Kamerad, da wolln wir mal!“ Das war der bleiche Unter­offizier, und er reichte Holt ein Glas mit Kognak. Ringsum tanzte man zur Musik des Plattenspielers. „Urlaub?“ fragte der Unteroffizier mit schwerer Zunge. „Oder hier im Einsatz? Ich... bin auf Fronturlaub ... Wissen Sie was?“ Er trank. „Zappendüster! Mensch ... Kamerad ...“ Er wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. „Ich geh in drei Tagen wieder an die Ostfront... Prost!“ Die Gläser waren frisch gefüllt. „Kamerad... es ist wirklich zappendüster! Die Welt ist so sehr verjudet, daß sie uns schließlich doch unterkriegen!“

Frau Ziesche stand plötzlich bei ihnen und sagte mit heller Stimme, nicht ohne Schärfe: „Hab ich dir nicht verboten, vom Krieg zu reden? Geh tanzen!“ Der Unteroffizier durchmaß mit unsicheren Schritten das Zimmer. Frau Ziesche setzte sich zu Holt und sagte in gespieltem Groll: „Sie sind ungezo­gen! Es gehört sich, daß man mit der Dame des Hauses tanzt!“

„Ich kann nicht tanzen“, gestand er. Sie rief den Mädchen am Plattenspieler zu: „Einen Foxtrott!“ Dann nahm sie ihn an der Hand und führte den einfachen Schritt vor. Er begriff schnell. „Geht ja ausgezeichnet“, meinte sie. Mit klopfendem Herzen hielt er sie im Arm, vorsichtig und behutsam, als sei sie aus Porzellan. Mit der Rechten fühlte er durch die Seide hindurch ihr Schulterblatt. Die Platte war abgelaufen. Er bat ungestüm: „Noch einmal... bitte!“ Er geriet, in den Tanz ver­tieft, unaufhaltsam in einen Zustand von Erregung und Be­geisterung. Er zog sie leicht und dann ein wenig fester an sich und erschrak darüber.

Als auch dieser Tanz, viel zu schnell, beendet war, erschien sie ihm unnahbarer denn je. Eifersüchtig sah er sie mit einem anderen tanzen. Man reichte eine Platte mit belegten Broten herum. Ölsardinen! Aber er lehnte ab, obwohl er hungrig war. Schließlich setzte er sich zu den Choristinnen, ließ sich einen Kognak und gleich noch einen zweiten einschenken, aber das Geschwätz der Mädchen, die geschminkten Gesichter, es war ihm alles zuwider.

Er raffte sich auf und bat Frau Ziesche abermals um einen Tanz. Der Kognak gab ihm den Mut, einen der Schauspieler, der ihm zuvorzukommen drohte, einfach beiseite zu schieben. Sie lachte. „Siehst du, Fritz, die tapferen Krieger werden vor­rangig behandelt!“ Er sah auf sie herab. In seinem Blut kreiste der Alkohol. Wenn ich mit ihr allein war, ich würde sie küs­sen! Es gab einen dumpfen Fall, Gläser zersplitterten, die Choristinnen kreischten. Der Unteroffizier war hingestürzt und lag nun auf dem Parkett. Zwei der Schauspieler hoben ihn auf. Frau Ziesche wandte kaum den Kopf. „Bringt ihn ins Bad! ... Er ist betrunken“, sagte sie zu Holt. „Er hat so sehr Angst vor der Front, daß er sich dauernd betrinkt!“ Sie sah auf die Uhr. „In zehn Minuten werfe ich die Bande raus!“

Im Radio tickte der Drahtfunk. Dann sagte der Sprecher: „... feindliche Kampf verbände im Anflug auf das Reichsge­biet...“ Gefechtsschaltung! dachte Holt. Fort! Ein Auto an­halten . . . dann schaff ich’s! Aber er sah die Angst in Frau Ziesches Gesicht.. . Ich bleibe! Es war üblich, aber nicht Vorschrift, bei Alarm den Ausgang abzubrechen. Ich bleibe!

Die Gäste polterten die Treppe hinab, man schleppte den bezechten Unteroffizier in eines der Autos. Frau Ziesche kom­mandierte inzwischen das Pflichtjahrmädchen: „Lassen Sie das Geschirr! Bringen Sie die Koffer in den Keller!“ Sie ließ sich im Pelz in einen Sessel fallen. Die Sirenen gaben Vor­alarm. Holt öffnete in dem finsteren Zimmer alle Fenster. Kalte Luft drang in die verrauchte Wohnung. Im Hause hörte man die Leute in den Keller laufen.

Frau Ziesche war hilflos und ängstlich wie ein Kind. „Wer soll das aushalten! Die dauernden Alarme! Zum Verzwei­feln!“ Holt sagte: „Warum bleiben Sie hier in Essen?“ – „Mein Mann meint, es macht einen schlechten Eindruck ...“ – „Unsinn! Wenn Sie umkommen, macht das einen besseren Eindruck?“ Sein Maß auf den dicken blonden Mann war frisch und unverbraucht.

Die Sirenen heulten los, auf und ab. „Wir müssen in den Keller!“ – „Nicht so eilig“, meinte er, am Radio, sehr über­legen. „Sie sind erst in den Hundertfünfzigkilometerbereich eingeflogen... Bekommen Sie den Flaksender?“ – „Das ver­steht doch kein Mensch ...“ – „Ich versteht schon!“

Sie kniete neben ihm vor dem Rundfunkgerät nieder. Die Skala des Radios beleuchtete ihr Gesicht. Zemtzki hatte Holt die große Karte mit den Planquadraten erklärt. „Schneller Verband von Martha-Heinrich vierundsechzig nach Nord­pol-Ida siebzehn ...“ – „Das sind die Pfadfinder, etwa bei Dinslaken . . . Wenn sie ihre Richtung beibehalten, fliegen sie südlich an uns vorbei...“ Das Ticken verstummte, die Stimme des Sprechers war wieder da: „Schneller Verband von...“ – „Sie fliegen vorbei.“ – „Und wann wird es ge­fährlich?“ fragte sie. – „Ich erklär Ihnen das gelegentlich ganz genau.“ Er horchte auf den Sprecher. „Die Bomber flie­gen hinterher, sie lassen uns in Ruhe.“

„Dieser Ziesche hätte mir das längst erklären können!“ sagte sie. Draußen setzte schweres Flakfener ein, durch die geöffne­ten Fenster drang der Geschützdonner, beängstigend nahe. Holt horchte. „Da schießt jemand auf die Pfadfinder!“ – „Eine Ruhe haben Sie! Ich will in den Keller, ich habe Angst!“ Sie nahm ihn am Arm und ließ sich die Treppe hinabführen.

Der Luftschutzwart lehnte mürrisch an der Haustür und be­trachtete Holt neugierig. „Wird Zeit, daß Sie runterkom­men!“ Der Keller war tief und mit Balken abgesteift. Eine Menge Menschen drängten sich in den Gängen zusammen. Frau Ziesche schloß ganz hinten eine Tür auf. „Ich mag nicht unter all den Leuten sitzen.“ Das kleine, saubere Kellergelaß war gleichfalls mit starken Baumstämmen abgestützt. Das wird nicht viel nützen, dachte Holt mißtrauisch. Er wünschte sich in den Geschützstand, unter freien Himmel.

Sie setzten sich, sie hielt noch immer seinen Arm fest und rückte fröstelnd an ihn heran. Im Kellergang leuchtete schwa­cher Lichtschein. Das Flakfeuer klang nur gedämpft in den Keller.

Sie saßen stumm beieinander. Nach einer Weile sagte sie: „Die Leute draußen machen mich immer ganz verrückt. Aber Sie wirken beruhigend auf mich.“ Er erwiderte: „Ich hätte hier unten vielleicht auch Angst. Aber ich bin so froh, daß ich mit Ihnen zusammen sein kann.“ Er spürte, daß sie ihn an­schaute und dann wieder geradeaus blickte. Vom Kellergang klang Geschwätz und Kindergeschrei zu ihnen herein. Aber das hörte Holt kaum. Er sah die junge, mädchenhafte Frau neben sich, in den Pelz gewickelt, aus dem nur das schmale und jetzt so blasse Gesicht hervorschaute. Der Knoten hatte sich gelöst, und das Haar fiel schwer und mattglänzend in den Nacken und mischte sich mit dem Pelz. Sie hatte den Kopf rücklings gegen die Kellerwand gelegt. „Warum sind Sie neulich fortgelaufen?“ fragte sie halblaut.

„Ich war auch heut beinah wieder gegangen...“ – „Und warum?“ – „Wenn... Sie mit anderen tanzen, ich ertrag das nicht...“ Sie lächelte. „Ich kann nicht dafür...“, sagte er, „ich weiß, es ist dumm...“ Er erhielt keine Antwort. Der Luftschutzwart brüllte in den Kellergang: „Entwarnung!“

Holt schaute auf die Armbanduhr. Es war kurz nach elf. „Ich muß fort.“ Wie beim erstenmal stand er mit gesenktem Kopf vor ihr, hielt ihre Hand und fragte: „Darf ich wieder­kommen?“ Sie sagte langsam: „Eigentlich sind Sie doch alt genug, zu wissen, was Sie dürfen und was Sie nicht dürfen.“ Er hatte noch nie ein so undurchschaubares Gesicht gesehen.

 

Er dachte unaufhörlich über diese seltsame Bekanntschaft nach. Während des tatenlosen Wartens am Geschütz und während des Schulunterrichts drehten sich seine Gedanken um nichts anderes als um die dunkelhaarige Frau. Anfangs störte ihn dabei die Erinnerung an Uta. Aber dann kapitulierte er vor diesem neuen Gefühl, das offenbar stärker war. Es ging nicht ohne Selbstvorwürfe ab.

Am Tage vor seinem nächsten Ausgang rief er bei Frau Ziesche an. Ob er kommen dürfe? „Natürlich, wenn Sie nichts Besseres vorhaben!“

Sie öffnete selbst, sie war allein in der Wohnung. Wieder zeigte sie sich ganz anders, als er sie bisher kennengelernt hatte, sie war von bestürzender Sachlichkeit. Im Wohnzimmer hockte sie sich auf der Couch nieder. Er zog einen Sessel her­an. Sie rauchten. „Warum sagten Sie: ,Wenn Sie nichts Bes­seres vorhaben’?“ fragte er. „Es gibt nichts, was mir lieber wäre, als Sie zu besuchen!“ – „So?“ sagte sie gedehnt und rekelte sich auf der Couch. „Auch nicht, an ein gewisses Fräu­lein Barnim zu schreiben?“ Er geriet so sehr außer Fassung, daß er vor Hilflosigkeit frech wurde: „Sie spionieren mir nach?“

„Ein bißchen“, meinte sie und warf die Zigarette in die Aschenschale. „Jedenfalls hab ich aus meinem Stiefsohn etwas Wichtiges herausgehorcht.“ – „Und. . . das wäre?“ – „Daß Sie offenbar keiner von denen sind, die sich einer Eroberung rühmen“, sagte sie langsam und sah ihn dabei fest und her­ausfordernd an, „daß Sie, kurz gesagt, den Mund halten kön­nen.“

Er saß wie gelähmt in seinem Sessel, bis sein Blick auf die große, gerahmte Photographie fiel. Die Erregung, die sein Blut durch die Adern trieb, schlug für einen Augenblick in sinnlose Wut um. Er schmetterte das Bild des dicken blon­den Mannes aufs Parkett, daß die Scherben umherflogen. Sie stieß einen erschreckten Schrei aus. Er faßte nach ihr. Sie zog ihn zu sich herab. Er nahm ihre Gier für Leidenschaft.

Er blieb bis zum späten Abend. Sie lagen im Schlafzimmer, in dem breiten Bett. Er schaute ihr unablässig ins Gesicht, das völlig entspannt war, als wolle er erraten, was hinter der Stirn vor sich ging. Er fragte unvermittelt: „Liebst du mich?“

Sie schlug überrascht die Augen auf. Ihr Blick ließ ihn ver­gessen, wie albern seine Frage war. Schon schloß sie die Augen wieder, seufzte ein bißchen und sagte: „Ja.“ Dann lächelte sie, mit geschlossenen Augen. .

Sie lügt! „Es ist nicht wahr, du liebst mich nicht!“

Sie wandte den Kopf zu ihm hin. „Liebe...“, sagte sie verächtlich, „was ist denn Liebe? Ich bin doch kein Backfisch! Hingabe ... was willst du mehr?“

„Und ... das Herz?“ fragte er hilflos. Sie zog seinen Kopf an ihre Brust. „Sei still!“ Ehe er ging, fragte sie: „Kannst du nicht Nachturlaub nehmen, wie die anderen?“

7.

„Mein Stiefsohn darf uns unter gar keinen Umständen auf die Spur kommen“, sagte Frau Ziesche zu Holt. Da er nun manchmal erst im Morgengrauen in die Batteriestellung zu­rückkehrte, erfand er eine „Freundin“, Hausangestellte in Gelsenkirchen. „Daß nur Ziesche nichts erfährt“, warnte sie immer wieder, „es gäbe eine Katastrophe!... Er haßt mich, sieh dich vor!“

Eine Zeitlang versuchte Holt, Ziesche ein wenig näherzu­kommen, und er fragte ihn einmal: „Was ist dein Vater?“ Ziesche gab Auskunft: „Reichsbeauftragter für die Festigung deutschen Volkstums im Generalgouvernement.“ Holt konnte sich darunter nicht viel vorstellen. „Was hat er denn da zu tun?“ Ziesche erklärte es genau. „Du weißt ja, daß die Polen eine minderwertige Rasse sind. Aber es gibt Abstufungen, zum Beispiel blonde Slawen, deren germanischer Blutanteil von früher her sehr hoch ist. Mein Vater sucht solche Kinder aus, in den Konzentrationslagern und auch sonst. Sie werden zu deutschen Familien gebracht oder im Reich deutsch erzogen. Später sollen sie aufgenordet werden; durch Nachwuchssteue­rung kann man rassisch höherstehende Typen schaffen.“ – „Und die Eltern?“ fragte Holt. Ziesche hob die Schultern.


Date: 2016-03-03; view: 177


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