Home Random Page


CATEGORIES:

BiologyChemistryConstructionCultureEcologyEconomyElectronicsFinanceGeographyHistoryInformaticsLawMathematicsMechanicsMedicineOtherPedagogyPhilosophyPhysicsPolicyPsychologySociologySportTourism






Worauf laß ich mich ein? 8 page

In der Diele stand ein Abendessen bereit. Uta brachte einen Korb frischer Tomaten. Beim Essen sagte sie übergangs­los : „Was du von deinem Vater erzählt hast, interessiert mich. Er hat sich also lieber maßregeln lassen, statt an einer kriegswichtigen Arbeit mitzuwirken?“

Er sah sie verwundert an. Ihre Stimme klang fremd und sach­lich. „Solche Charaktere hätte es mehr geben müssen.“

„Das versteh ich nicht“, sagte er.

Um ihre Mundwinkel bebte es wieder wie Spott. „Was brauchst du nach Stalingrad noch, um aufzuwachen?“

Er machte eine unwillige Kopfbewegung. Er zwang sich zur Ruhe. Dann sagte er wieder: „Ich versteh dich nicht... Und ... Deutschland?“ Er rief: „Was wird aus Deutschland?“

Sie sah ihn lange an. „Vergiß, was ich sagte.“ Sie schob den Teller von sich. „Vergiß es. Du mußt in den Krieg. Er kann noch lang dauern.“ Sie sah durch ihn hindurch. „Die Wahrheit ist für euch zu schwer: es ist ja doch alles umsonst.“ Ihr Blick faßte ihn verwirrend und streng. „Du mußt dieses Wochenende vergessen.“ Sie zögerte. „Es kann sein, daß ich bald heirate. Also bitte. Vergiß alles.“ Aber hingestoßen und liegengelassen zu werden, dagegen lehnte er sich auf: „Ich muß in den Krieg. Du zerrst mir den Boden unter den Füßen weg... Dann...“

Sie faßte, in eigenartiger Geste, mit der linken Hand an den Hals und horchte hinter dem abgebrochenen Satz her.

„Dann laß mich heut nacht zu dir“, sagte er.

Sie erhob sich so ungestüm, daß auf dem Tisch Geschirr zu­sammenstieß.

Er hörte im Obergeschoß eine Tür schlagen. Er saß verstört und frierend. Dannschloß erdie Fensterund löschte das Licht. Es war totenstill im Haus. Er stand bewegungslos in seinem Zimmer.

Er kämpfte um einen Entschluß.

Er trat hinaus auf den Flur. Noch einmal blieb er sekunden­lang stehen, vor der gegenüberliegenden Tür. Dann drückte er die Klinke nieder. Die Tür gab nach.

Durch das geöffnete Fenster fiel schwaches Licht. Sie schlang beide Arme um seinen Nacken und zog ihn zu sich in die Dunkelheit. Aber er sah ihr Gesicht unter sich, die weitgeöff­neten Augen. Das Zucken ihrer Mundwinkel verriet, daß er ihr Schmerz bereitete. Lust und Schmerz.

Er blieb bei ihr, bis es hell wurde. Der heraufdämmernde Tag war nichts anderes als ein Lichtfleck zwischen zwei Näch­ten. Er nahm zum erstenmal mit vollem Bewußtsein den An­blick lebendiger Schönheit in sich auf, und sie verbarg sich nicht vor ihm.

Doch ein anderes Bild, so unvermittelt, daß er sekunden­lang erstarrt neben ihr lag, schlug in seine Gedanken hinein: Phosphor. Furchtbare Wunden. Körper zu schwarzen Strünken verbrannt.

Er vergrub das Gesicht in ihrem Arm. Später hörte er sie sprechen: „Ich hab mich gegen dich gewehrt. Aber es soll so sein. Es ist Krieg. Wir wissen nicht, was kommt.“



Auf den ersten Stuhlreihen in der Aula hatten die Schüler der Klasse VII Platz genommen, in HJ-Uniform. Holt saß in der dritten Reihe, hinter Wolzow, unter einem der spitzbogigen Fenster. Er war zu spät gekommen. Der Oberstudiendirek­tor hatte seine Rede schon begonnen. Holt hörte nicht zu. Wir sehen uns noch am Bahnhof! Er war aus dem Dogcart ge­sprungen und losgerannt. Wir sehen uns noch. Der Traum dauerte eine Stunde fort. Er sah noch einmal, wie der Gaul mit dem zweirädrigen Wagen durch die Felder stob. Mit ge­schlossenen Augen horchte er weiter zurück: Hab ich's nun einmal getan, so will ich's auch ganz tun!

Man applaudierte. Nun dröhnten die Schritte benagelter Soh­len übers Parkett. Bannführer Knopf stieg auf das Rednerpult. „Kameraden!“ Zemtzki, der eingeschlafen war, fuhr erschrocken hoch. Knopf hatte eine scharfe Kommandostimme. „In ernster Stunde ruft der Führer seine Jugend zum Einsatz... an der Ostfront ein tödlich angeschlagener Feind gigantische Anstrengungen unternimmt, den eisernen Würgegriff loszu­werden ...“ Vetter schneuzte sich laut, aber Wolzow fuhr auf ihn los: „Hör auf! Jetzt hat Disziplin zu herrschen!“ – „. . . wie der Führer vor wenigen Tagen in seiner herrlichen Rede sagte ... der Luftkrieg ... technische und organisato­rische Voraussetzungen sind im Entstehen, die Terrorangriffe endgültig zu brechen und auch zu vergelten! Bis dahin, Kame­raden, ist es euch vergönnt, den deutschen Luftraum zu schüt­zen!“ Der Bannführer klirrte vom Podium herab und drückte jedem einzelnen die Hand.

Am Ausgang standen die Lehrer beisammen. Doktor Zickel spuckte: „Kh-kh .. . kh! Ni wahr, wenn ich das so seh, das sin doch noch Kinder, ni wahr, kh .. . kh ... daß die schon in 'n Krieg solin, e Jammer is es!“

Auf der Straße liefen Eltern und Verwandte zum Bahnhof voraus. „Nichts in der Welt bringt mich je wieder in ein Schulhaus!“ sagte Wolzow. Der scharfe Pfiff einer Trillerpfeife gellte über den Platz. „Achtung! In Linie... angetretenmarschmarsch!“ Das war Otto Barth. Und am Bahnhof wartete Uta.

Holt marschierte in der Kolonne, singend: „Wir werden weitermarschieren, wenn alles in Scherben fällt...“ Es war nicht weit bis zum Bahnhof. Der Zug lief ein. Endlich konnte sich Holt absondern. Er suchte. Weit abseits von der Menge stand sie vor der dunklen Ligusterhecke, die Vorplatz und Bahngelände schied.

Er sagte: „Ich hab's nicht abwarten können, daß es los­geht. Jetzt möcht ich bei dir bleiben.“ – „Das würde dir bald langweilig werden, wenn's immer so bliebe“, antwortete sie, aber sie sah an ihm vorbei.

Die Lok pfiff, der Zug ruckte an. Ihr Händedruck ließ eine kleine Pappschachtel in seiner Rechten zurück. Er riß sich los. Über die Hecke, über die Gleise sprang er zum anfahren­den Zug. Gomulka zog ihn in den Wagen.

Jemand brüllte den Gang entlang: „Sondermeldung! Die Fallschirmjäger haben den Duce befreit!“ Holt nahm diese Worte wahr, ohne sie zu verstehen.

Im Schneckentempo kroch der Zug durch die Berge. Holt blieb auf dem Gang. Neben ihm, steif und unbeweglich, stand Gomulka.

Holt öffnete die kleine Schachtel. Auf schwarzem Samt lag ein Kettchen, ein ziseliertes goldenes Kreuz. Er las mühsam die winzige Gravierung, die Jahreszahl 1692, und altertümliche Schriftzeichen: „Die Lieb ist unser Gott, es lebet alls durch Liebe. Wie selig war ein Mensch, der stets in ihr verbliebe.“ Dies war als einziges von ihr geblieben. Und Erinnerung.

Vor dem Fenster zog das Gebirge vorbei; tief unten schim­merte das Band des Flusses. Mit wachsender Geschwindigkeit rollte der Zug zu Tale. Holt riß die Abteiltür auf and drückte sich in eine Ecke. Im Einschlafen hörte er Vetter sagen: „Jetzt sind wir frei wie diese Fli-bus-tier!“


ERSTES BUCH

 

 

1.

 

Die Stadt war bestürzend fremd. Die Kulisse der Berge fehlte; nur Hügel zogen sich am Horizont hin. Betreten, unlustig und niedergedrückt sammelte sich die Klasse vor dem Bahnhof, einem nüchternen Backsteinbau, über dessen flachem Dach die Nachmittagssonne stand.

Im Einberufungsbefehl hieß es: „Schwere Heimatflakbatte­rie 107/III, Großkampfbahn.“ Das klang geheimnisvoll. Wolzow fragte einen Passanten. Großkampfbahn? Es war außer­halb der Stadt, sehr weit draußen, ein Sportstadion. „Da siehst du's“ sagte Holt zu Gomulka. „Was habe ich mir nicht alles darunter vorgestellt! Und nun ist es ein Fußballplatz.“ War­um kümmert sich keiner um uns? dachte er. Noch nie hatte er seine Heimatlosigkeit so deutlich empfunden wie nach dem Ab­schied von Uta. Wolzow erklärte: „Unaufgefordert tu ich kei­nen Schritt. Die wissen ja, daß wir kommen!“ um ihn scharten sich Holt, Gomulka, Vetter und Zemtzki, auch Rutscher, Weber, Branzner, Kirsch, Glaser, Gutsche, Kattner, Moebius, Schacner und Thiele. Die anderen, Nadlers Gefolgschaft, Schenke, Schönfeldt, Schulz, Götze, Grubert, Hampel, Kieback, Klein, Kuhlmann, Ebert, Kunert und Schlemm, erklär­ten wie auf Verabredung, es sei besser, zur Batterie hinauszu­marschieren. Nadler, die grüne Führerschnur an der Uniform, ließ antreten, und die kleine Kolonne verschwand um die Ecke.

„Laß sie doch gehen, die Speichellecker, die verdammten!“ sagte Wolzow mit einer wegwerfenden Handbewegung. Er überlegte. Dann ging er in eine Telefonzelle.

Holt saß bei seinem Glas Bier und hörte nicht auf das Ge­spräch der anderen. Der Abschied war noch nicht verwunden. Keiner wußte, was kam ... Schon war der Brach da. Nur Wolzows Faust hatte die Klasse zusammengehalten. Was hier an den Tischen saß, das waren auch bloß Statisten, die vor­läufig Wolzows Macht vertrauten und doch sofort ins andere Lager überlaufen würden, wenn es der Vorteil verlangte. Auf Gomulka ist Verlaß, dachte Holt. Der wird sich nie von mir und Gilbert lossagen. Auch Vetter nicht, der hängt an Gilbert wie ein Hund. Und Zemtzki? Wer weiß?

Wolzow setzte sich zu Holt. „Das war geschafft. In einer halben Stunde ist ein Lastwagen hier.“ Er erzählte. Da sei ein Mädchen am Telefon gewesen, er habe es sehr wichtig ge­macht, mit „Transportleitung und so“. „Sie hat mich ,Herr Leut­nant’ angeredet.“ – Angeredet? Hoffentlich geht's gut aus!

„Da wem die andern aber giften!“ rief Vetter.

Gomulka spielte nachdenklich mit einem Bierdeckel. „Wir müssen uns vorsehen, sonst ziehn wir den kürzeren! Zu Hause konnten wir notfalls sagen: Laßt uns in Ruh, in vier Wochen geht's zur Flak ... Aber hier ...?“

Wolzow knallte das Bierglas auf den Tisch. „Ich werde ein erstklassiger Soldat, das steht fest.“

Draußen warf die Sonne nun schon lange Schatten über den Platz. Ein grangestrichener Lastwagen klapperte um die Ecke Aus dem Führerhaus sprang ein Soldat, am Kragen die roten Spiegel der Flakartillerie, auf dem Ärmel einen Gefreitenwin­kel. „Ich soll hier 'n Leutnant Wolzow und siebenundzwanzig Mann abholen.“

Wolzow tat erstaunt. „Da muß sich das Fräulein verhört haben!“ Der Gefreite schaute mißtrauisch. „Los... rauf!“ Sie warfen das Gepäck auf den Wagen. Wolzow und Holt stiegen vorn ein. Zu dritt saßen sie auf der harten Sitzbank.

Die Stadt zeigte enge, winklige Gassen, kopfsteingepflastert, und der Wagen rumpelte und holperte, ehe er die lange Chaus­see zwischen Lauben und Schrebergärten hinausrollte. Der Gefreite saß stumm und mürrisch hinter dem Lenkrad. Wolzow kramte eine Handvoll Zigarren hervor. Der Gefreite schob sie gleichmütig in die Brusttasche. Nun taute er auf.

„Wie ist's da draußen?“ fragte Wolzow. „Schieben 'ne ru­hige Kugel“, antwortete der Gefreite, der höchstens neunzehn Jahre alt war. „Ist ja nischt los hier!“

Der Wagen hatte eine Anhöhe erklommen. Das Gelände lag weit und äffen vor ihnen. Verdrossen marschierte Nadler mit seinen Leuten den Weg entlang. „Fahr weiter!“ befahl Wolzow. Der Gefreite gab Gas. Enttäuschtes Geschrei blieb hinter ihnen zurück. „Verdammte Radfahrer“, sagte Wolzow. Der Gefreite antwortete nicht.

Weit vor ihnen, auf der Anhöhe zwischen Wiesen und Äckern, zeichnete sich das Oval des Sportstadions ab und ein vielstöckiges, hohes Tribünengebäude.

Auf dem flachen Dach waren ein paar winzige graue Ge­stalten erkennbar und ein großes, von einer Plane überdecktes Gerät.

„Sieht aus wie 'n Horchgerät, nicht?“ sagte Holt.

„Horchgerät?“ Wolzow schnob durch die Nase. „Quatsch! Erstens heißt das Ringrichtungshörer, zweitens benutzt so 'n Ding heut keine Sau mehr. Das ist ein Funkmeßgerät.“ – „Fu-MG sagen wir“, meinte der Gefreite. Der Wagen bog von der Chaussee in einen breiten, mit Schlacke bestreuten Fahrweg. Sie näherten sich dem Stadion.

Hier, auf der Anhöhe, schien noch hell und gleißend die Abendsonne und blendete Holt. Genauso hatte das Licht die Landschaft überflutet, als er mit Uta durch den Wald gegan­gen war ... Vor vierundzwanzig Stunden!

„Wir sind gleich da“, sagte der Gefreite.

Holt sah ein paar Baracken. Jenseits des Stadions, auf dem blanken Acker, erhoben sich im Kreis um eine größere Erdaufschüttung sechs graue Hügel. Der Gefreite hielt vor einer der Baracken. „Raus!“ Sie sahen dem davonklappernden Wagen nach. Niemand kümmerte sich um sie.

„Wird schon stimmen!“ sagte Wolzow. Er trat als erster durch die Barackentür. Ein schmaler Korridor und zwei einander gegenüberliegende Türen, zwei große Stuben, mit Dop­pelbetten und Spinden eingerichtet, unbewohnt, verdreckt und unordentlich. „Schlimmstenfalls müssen wir umziehen. Aber rumstehen demoralisiert.“ Wolzow beschlagnahmte die Stube, die nach Süden lag.

Holt hatte sich ein Bett am Fenster gesichert, oben, weitab von der Tür, durch ein paar Spinde gegen Sicht gedeckt. Wol­zow belegte das Bett daneben, Gomulka begnügte sich mit der unteren Lagerstatt. Der Unrat, der überall in Haufen herumlag, deprimierte Holt. Aber Wolzow nahm das Heft in die Hand. „Los, erst mal weg mit der Sauerei! Ich will mal sehn, ob ich einen Besen organisieren kann!“

Es war mäuschenstill in der Stube, aber Wolzow konnte nicht sehen, daß da ein stämmiger Mann von vielleicht fünf­unddreißig Jahren breitbeinig in der Tür stand, das Käppi schief auf dem Kopf, die blaue Uniform voller Silber. Die Jungen glotzten ihn mit aufgerissenen Augen an. Holt ver­suchte, Wolzow ein Zeichen zu geben, aber hinter den Spin­den brüllte es ungehemmt weiter: „Saustall! Da müssen ja Hottentotten drin gehaust haben!“ Dann erst sah Wolzow, daß jemand in die Stube getreten war.

„Gar nicht schlecht“, sagte der Fremde. „Hottentotten ist wirklich nicht schlecht!“ Er trat zwischen die Spinde, sein Blick ging über die Jungen hinweg und blieb an Kirsch hängen. „Name?“

Kirsch würgte das Brot hinunter, an dem er kaute, versuchte den Stern auf den silbergeränderten Schulterklappen zu deu­ten und antwortete: „Kirsch, Herr Feldwebel!“

„Schade. Bei uns heißt der Feldwebel Wachtmeister. Also noch mal: Ihr Name?“

„Kirsch, Herr Wachtmeister!“

„Jammerschade! Taucher? Frauenarzt? Kalfaktor?“

Wolzow wagte zu grinsen, und er grinste dem Vorgesetzten mitten ins Gesicht. Der zog ein wenig die Brauen hoch. Kirsch schrie, zum dritten Mal: „Luftwaffenhelfer Kirsch, Herr Wachtmeister!“

„Herrlich!“ Der Vorgesetzte strahlte. Holt beobachtete ihn unablässig. „Richtig! Sie sind gut! Sie merk ich mir! Aber eine Eins gibt das nicht, weil's erst beim dritten Mal geklappt hat. Eine Zwei sollen Sie haben!“ Er zog ein Notizbuch aus dem Waffenrock und notierte. Dann wandte er sich Wolzow zu. „Name?“ – „Luftwaffenhelfer Wolzow, Herr Wachtmei­ster!“ – „Beruf des Vaters, Wolzow?“ – „Oberst, Herr Wachtmeister! Er ist...“

„Au!“ rief der Wachtmeister. „Das durfte nicht kommen, das will ich lieber nicht gehört haben! Sagen Sie schnell den Beruf Ihres Onkels, vielleicht paßt er besser!“ – „General­major, Herr Wachtmeister!“ – „Grauenhaft!"

Holt überlegte, was daran wohl so grauenhaft sein könne, und hörte den Wachtmeister betrübt sagen: „Jetzt muß ich Ihnen Nicht genügend geben. Wissen Sie, warum?“ – „Nein, Herr Wachtmeister!“

„Diese Burschen“ – er deutete auf die umstehenden Jun­gen – „behaupten sonst, ich ziehe Sie vor, weil Sie einen On­kel bei der Generalität haben!“ Er schrieb wieder in sein No­tizbuch. „Ich bedaure Sie, Wolzow! Sie werden's bei mir sehr schwer haben!“ Dann schob er das Notizbuch zwischen zwei Knöpfe seines Warfenrockes und schaute von einem zum anderen. „Ich bin Gottesknecht. Wachtmeister Gottesknecht. Ausbildungsleiter...“ Das Gesicht blieb ernst und unge­rührt. „Die mich kennen“, fuhr erfort, „die sagen, ich sei wirklich Gottes Knecht, aber wer hier groß angibt, der wird meinen, ich sei des Teufels.“

Er schlenderte durch die Stube. „Ich brülle nie, aber ich ver­teile pausenlos Zensuren, von Eins bis Sechs, wie in der Schule. Wer fünfmal Eins hintereinander schafft, der bekommt Extra­ausgang. Kommt sehr selten vor.“ Er blieb vor Holt stehen, musterte ihn und fragte: „Ihr Name?“

„Luftwaffenhelfer Holt, Herr Wachtmeister!“ Gottesknecht zog das Buch und notierte. „Beruf des Vaters?“ – „Lebens­mittelprüfer, Herr Wachtmeister“, sagte Holt vorsichtig. – „Enorm! Da müssen Sie mal den Harzer Käse hinschicken, den's hier gibt, darin soll Gips sein und... sonstwas, damit er besser stinkt.“

Holt lachte los, Gomulka und Wolzow lachten gleichfalls, die anderen zogen verlegene Gesichter. Der Wachtmeister strahlte. „Wahrhaftig! Sie lachen über meinen Witz! Das bringt Ihnen Sehr gut!“ Er fragte Gomulka nach dem Namen und notierte. „Bei mir darf gelacht werden. Aber wer falsch lacht, bekommt Mangelhaft. Wer gar nicht lacht, bekommt pausenlos Nicht genügend wegen Feigheit!... Gomulka, Be­ruf des Vaters?“

Gomulka sagte nach kurzem Zögern: „Gerichtsmitarbeiter, Herr Wachtmeister!“ – „Richter?“ fragte Gottesknecht mißtrauisch. „Nein, Herr Wachtmeister, Rechtsanwalt!“ – „Da haben Sie aber Glück! Die Söhne der hohen Obrigkeit haben bei mir nichts zu lachen!“ Er ging zur Tür. „Zwei Mann mitkommen. Besen holen, Decken holen, Revierreinigen, dann Feierabend.“ Rutscher und Branzner folgten ihm.

Holt sagte zu Gomulka: „Sag bloß ... Was hältst du von dem?“ – „Alles Theater, alles Mache“, antwortete Wolzow. „Der ist ganz anders! Der ist eiskalt!“

Die Stube war sauber aufgeräumt, als endlich Nadler mit seinen Leuten in den Korridor polterte. Er zog ein verbittertes, gekränktes Gesicht und trug keine Führerschnur mehr. Wol­zow wies ihm die gegenüberliegende Stube an. „Das war ganz unkameradschaftlich, daß ihr uns nicht mitgenommen habt“, klagte Nadler. „Wer sich von der Hauptmacht abson­dert, hat immer mit bösen Folgen zu rechnen", erklärte Wol­zow. Der semmelblonde Kattner knallte Nadler die Tür vor der Nase zu. „Die Heinis“, erzählte Rutscher, „sind Gottes­knecht in die Arme gerannt. Er hat ihnen allen Mangelhaft gegeben, weil sie später gekommen sind a-a-als wir! Der Nadler hat Nicht genügend, weil ein Luftwaffenhelfer keine F-f-führerschnur tragen darf.“

Holt winkte Gomulka nach draußen. Vor der Baracke sah er sich vorsichtig um. Die Sonne war am Versinken und stand als große blutrote Scheibe in einer Dunstschicht über den Hügeln. Unmittelbar vor der Baracke lief der breite, schlacke­bestreute Weg entlang, an vier oder fünf weiteren Baracken vorbei, hinter denen sich das Stadion erhob. Rechts davon, im Norden, lag die Feuerstellung.

Vom Wege führten Lattenroste zu den Geschützständen. Vor einem der grauen Erdwälle blieben Holt und Gomulka stehen. Die Erde war etwa zwei Meter hoch aufgeschüttet, der Eingang sauber mit Brettern verschalt, im Zickzack durch den Wall geschnitten.

Holt ging voran. Die Wände des Geschützstandes waren mit Balken abgesteift, der Boden mit Schlacke bestreut. Schwarz gähnte der Eingang eines Unterstandes. Die Kanone war mit einer erdfarbenen Persenning zugedeckt, und nur das schlanke Rohr und die Holme der Kreuzlafette schauten dar­unter hervor. An der Kanone stand ein großer hagerer Bur­sche, der nicht viel älter als Holt sein mochte, gekleidet in eine schmucklose graublaue Uniform ohne Spiegel und Schul­terklappen. Am rechten Ohr trug er einen großen, mit dickem Gummiwulst abgedichteten Kopfhörer, um den Hals ein Kehlkopfmikrophon, dessen Schalter mit einer Klemme vorn an der Feldbluse befestigt war. Der Bursche ging einer un­verständlichen Tätigkeit nach. Er lockerte die Plane, steckte ein Kabel in einen Kontakt, hob einen zweiten Kopfhörer an das freie Ohr, lauschte angestrengt, legte den Kopfhörer weg, und während er schon am Kehlkopfmikrophon schaltete, sagte er: „Anton... Zünder gut!“ Dann stieg er über einen Holm, hob an einer anderen Stelle die Plane hoch, und das unver­ständliche Spiel wiederholte sich. „Anton... Seite gut!“ Er nahm die blaue Schimütze ab, riß die Hörgarnitur und das Kehlkopfmikrophon herunter und hängte beides in den Un­terstand. Dann sagte er, mit einem Blick auf Holt und Go­mulka: „Na?“

„Wir sind heut angekommen. Ich heiße Holt.“ – „Ober­helfer Berger.“ Der Fremde deutete eine Verbeugung an. „Schon länger dabei?“ fragte Holt. – „Halbes Jahr.“ – Holt kramte Zigaretten hervor. Sie rauchten.„Was hast du denn eben gemacht?“ fragteGomulka. – „Na, halt Leitungsprobe. Ewiger Mist. Jeden Tag dreimal, früh, mittags, abends.“–„Und sonst?“ fragte Holt. „Wie ist es sonst?“ – „Hier ist nichts los“, sagte Berger. „Ruhige Tour. Vormittags Schulunterricht, nachmittags Dienst.“ – „Und schießen? Schießt ihr manchmal?“–„Schießen? Hierher hat sich höchstens mal' n Aufklärer verirrt. Geschossen haben wir bloß in der Ausbildung, auf 'n Luftsack!“

„Miese Aussicht“, sagte Holt. Aber da verzog Berger den Mund. „Ihr werdet die Schnauze noch früh genug voll krie­gen“, sagte er. „Ihr bleibt doch nicht hier!“

Holt wechselte einen Blick mit Gomulka. „Erzähl mal. Wo kommen wir denn hin?“

„Ihr werdet hier ausgebildet, weil in dieser Gegend Ruhe herrscht“, sagte Berger. „Ihr seid Batterie 107/III, wir sind 329/XII, mit uns habt ihr gar nichts zu tun. Eure Unter­gruppe liegt woanders.“ – „Wo?“ fragten Holt und Gomulka gleichzeitig. „Bisher in Hamburg. Dort ist eure Batterie ange­griffen worden. Elf Tote, sechzehn Schwerverletzte.“

Tote? Schwerverletzte? Holt sagte: „Vielleicht sind das bloß Gerüchte!“ – „Da sind doch Leute hier, die euch aus­bilden, ein Wachtmeister und drei Obergefreite. Frag sie doch!“ Holt versuchte, sich Mut zuzusprechen. „Hamburg ist ja nun dran gewesen. Da wird sich nicht mehr viel abspielen!“

„Eben, eben!“ sagte Berger, sog an seiner Zigarette und blickte spöttisch. „Deshalb werden die Batterien aufgefüllt und im Ruhrgebiet eingesetzt.“ Holt bemerkte, daß seine Hand, in der er die Zigarette hielt, zu zittern begann. „Dort ist was los“, hörte er. „Köln und Essen hatten ja die ersten Nacht­angriffe mit tausend Bombern... Da ist das ruhige Leben hier schon was wert“, meinte Berger noch, aber Holt sagte schnell: „Bange machen gilt nicht!“ und: „Erst mal abwarten!“ und: „Wer weiß, was kommt!“ Berger lächelte. Gomulka fragte: „Wie kann denn eine Batterie solche Verluste haben?“ – „Na, halt 'n Bombenteppich drüber... Da kannst du dir nachher deine Knochen zusammensuchen!“ – „Nachts? War das 'n dummer Zufall?“ – „Zufall?“ rief Berger. „Gezielt war das! Meinst du, die da oben sind blind? Wenn die Spritzen losdonnern, mit ihren Mündungsbremsen, das siehst du bis zum Mond!“ Er trat den Zigarettenstummel aus. „Warte noch“, sagte Holt. „Werden wir alle am Geschütz ausgebildet? Oder kommen auch welche ans ... Fu-MG?“ – „Funkmeßgerät, Kommandohilfsgerät, E-Messer“, sagte Berger, „Flakfernrohr, Flug-Malsi, Telefon ... die Robusteren für die Geschützstaf­fel, zur Meßstaffel die besten Mathematiker, da werdet ihr eingeteilt, wie sie's brauchen. Es ist überall derselbe Mist. Ich zieh 'sGeschütz vor.“ Er deutete auf die kastellartige Erhe­bung in der Mitte der Feuerstellung. „Auf der B 1“– er sagte „Beh-zwo“ –, „da krebst immer der Chef rum, und wenn was nicht klappt, heißt's gleich Häschen-hüpf. Man sieht dort ja mehr, aber am Geschütz ist man schön unter sich. Ruhige Kugel, sanfte Tour, wenn der Geschützführer spurt.“

Es wurde Nacht. Ein Flugzeug mit bunten Positionslichtern brummte über sie hinweg. Berger verabschiedete sich bei den Baracken am Stadion. Holt und Gomulka gingen den Fahrweg entlang.

Gottesknecht stand in der Dämmerung, unbeweglich. Er schaute, den Kopf ins Genick gelegt, nach dem Flugzeug, das über der Stadt kreiste. Sie mußten an ihm vorbeigehen. „Her­kommen!“ – „Das gibt Mangelhaft!“ flüsterte Gomulka... „Herr Wachtmeister?“ – „Kleinen Abendspaziergang ge­macht?“ – „Mal die Lage gepeilt, Herr Wachtmeister!“ – „Na, und was Neues gehört? Von wegen... Einsatz und so?“

„Jawohl, Herr Wachtmeister!“ Wozu lügen? dachte Holt.

„Erzählen Sie mal! Da bin ich doch gespannt, was Sie zu­sammengehorcht haben!“

„Von Hamburg, Herr Wachtmeister“, antwortete Holt, „daß es... ein tüchtiges Debakel gegeben hat... Und vom Ruhrgebiet.“

„Da haben Sie doch tatsächlich alles herausbekommen! De­bakel ist übrigens glänzend gesagt... Sie kenn ich doch schon“, wandte er sich an Holt. „Sie heißen Holt, und Sie... warten Sie mal... Ihr Vater war Rechtsgelehrter, das hab ich mir gemerkt, aber der Name...“ – „Luftwaffenhelfer Go­mulka, Herr Wachtmeister“, brüllte Gomulka.

„Warum schreien Sie denn so? Ist Ihnen nicht gut? Wer wird denn an einem so friedlichen Abend derartig brüllen?“ Cottesknecht holte eine Zigarette hervor, und Holt reichte ihm nach kurzem Zögern Feuer.

„Passen Sie auf“, sagte Gottesknecht. „Ich geb Ihnen einen guten Rat. Lernen Sie unterscheiden, das ist beim preußischen Kommiß das wichtigste! Vor versammelter Mannschaft muß nun mal auch bei mir alles ruck, zuck! gehn, im Dienst ist das nötig, sonst sähe eine militärische Einheit aus wie eine Horde Papuas...“ Holt und Gomulka lachten. „Sehen Sie! Aber am Abend, wenn ich Sie privat anrede, und es schaut nicht ge­rade ein General zu, dann zeigen Sie, daß Sie gute Manieren haben, Kinderstube, Knigge, na, Sie verstehen schon.“

„Wir werden uns das merken, Herr Wachtmeister!“ sagte Holt.

„Großartig! Ich geb Ihnen jetzt Note Eins, weil Sie so fin­dige Burschen sind!“ Gottesknecht zog das Notizbuch. Aber da geschah etwas Merkwürdiges, und Holt beobachtete es mit Verwunderung. Gottesknecht hielt das Notizbuch eine Weile sinnend in der Hand, dann steckte er es langsam wieder zwischen die Knöpfe seines Waffenrockes. Er blickte unbeweglich vor sich hin, ruckte mit den Schultern, als sei ihm der Rock zu eng, bewegte den Kopf, als drücke ihn der Kragen, und in seinem Gesicht ging eine seltsame Verwandlung vor: er wechselte die Miene, die Haltung, ja auch die Stimme, als lege er eine Maske ab. Er trat dicht vor sie hin, ein nun gar nicht mehr junger Mann, sehr müde, mit gefurchtem Gesicht und einem Ausdruck tiefer Sorge in den Augen.

„Was Sie erfahren haben“, sagte er leise, „das dürfen Sie nicht wissen. Versprechen Sie mir: kein Wort zu den ande­ren ! Wenn es Gerüchte gibt... treten Sie dagegen auf. Sie müssen das verstehn. Ich werde den Leuten von der anderen Batterie verbieten, mit Ihnen zu sprechen. Sie sind zu jung. Es darf nicht sein, daß Ihre Moral untergraben ist, noch ehe es losgeht. Haben Sie mich verstanden?“

„Wir sagen nichts... Bestimmt! Sie können sich auf uns verlassen!“

„In Ordnung“, sagte Gottesknecht. „Gehen Sie gleich ins Bett. Es wird sehr anstrengend. Ich soll Sie hinbiegen, so rasch es geht. Der Tommy wartet nicht. Er wirft jede Nacht Bom­ben. Die Batterie soll rasch wieder einsatzfähig werden. Spa­ren Sie mit Ihren Kräften, Sie werden genug Kraft brauchen! Gute Nacht... Haben Sie noch was, wollen Sie noch was?“

„Ich weiß nicht, ob wir darum bitten dürfen ... Wir möch­ten beide gern zur Geschützstaffel!“ – „Bewilligt.“ Gottes­knecht ging unvermittelt davon, langsam, die Hände auf dem Rücken, den Kopf auf die Brust geneigt.

Holt sah ihm nach. Die Dunkelheit ringsum war undurch­dringlich. Er hörte Utas Stimme: Es ist ja doch alles umsonst. Ihn fröstelte.

2.

Holt stand angekleidet im Freien. Er liebte die Morgenstunde, die kurze Spanne Zeit vom fahlen Dämmerlicht bis zum Er­wachen des Tages, wenn die ersten Drosseln schlugen und an den Gräsern funkelnd der Tau hing. Er dachte an Uta.

Am vergangenen Abend hatte er einen Brief schreiben wol­len, aber er war todmüde auf seinen Strohsack gesunken. Das frühe Morgenlicht hatte ihn geweckt. Zehn Kniebeugen, wie üblich, dann draußen am Wasserhahn gewaschen, angekleidet und Gomulka und Wolzow wachgerüttelt. Nun, da in der Ba­racke eine Klingel rasselte, trat Gomulka zu Holt. „Herrlich, so früh am Morgen! Drin raufen sie um die Waschschüsseln!“

Holt pfiff ein Lied vor sich hin. „Und die Morgenfrühe, das ist unsere Zeit.“ Er dachte den Text mit. Auf einmal ver­stummte er. „Warum pfeifst du nicht weiter?“ fragte Gomulka und zitierte den zweiten Vers: „... ,Neue Lande, neue Lande wollen wir uns gewinnen’... Ich hab zwar seit vorgestern keinen Wehrmachtsbericht gehört...“ – „Die Russen haben das ganze Donezbecken zurückerobert.“ – „Und Sizilien ist endgültig hin“, brummte Gomulka.


Date: 2016-03-03; view: 199


<== previous page | next page ==>
Worauf laß ich mich ein? 7 page | Worauf laß ich mich ein? 9 page
doclecture.net - lectures - 2014-2017 year. Copyright infringement or personal data (0.428 sec.)