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Worauf laß ich mich ein? 1 page

1.

Der Wecker rasselte. Werner Holt schreckte aus dem Schlaf, sprang aus dem Bett und stand ein wenig taumelig im Zimmer. Er fühlte sich nicht erfrischt, sondern matt und benommen. Sein Kopf schmerzte. In einer Stunde begann der Schulunterricht.

Durch die weitgeöffneten Fenster flutete Sonnenlicht. Der Mai des Jahres 1943 endete mit heißen, trockenen Tagen, mit prachtvollem Badewetter. Der Fluß, der bei der kleinen Stadt reißend durch die Berge brach, lockte mit seinen grünen Ufern weit mehr als das ziegelrote Schulhaus und seine muffigen Räume.

Mathematik, Geschichte, Botanik und Zoologie, dachte Holt, und dann zwei Stunden bei Maaß, Studienrat Maaß, Latein und Englisch. Die Übersetzung aus dem Livius muß ich bei Wiese abschreiben, in der großen Pause. Wenn ich bei Zickel drankomm, meck-meck, dann gibt's ein Fiasko... Allmäh­lich wich der dumpfe Schmerz, der hinter der Stirn saß. Er erinnerte sich jetzt, erregend und beängstigend geträumt zu haben, von der Marie Krüger und ihrem zigeunerhaft bunten Rock, und dann von einer Schlägerei mit Wolzow.

Ich bin krank, dachte er, als ihn bei der dritten Kniebeuge vor dem offenen Fenster ein Schwindelgefühl ergriff, ich geh nicht in die Schule, mir ist elend, ich bleib im Bett. Nein! Das ist unmöglich. Wenn ich heut fehle, dann hab ich verspielt, dann heißt es, ich hab Angst vor Wolzow. Bei diesem Ge­danken wurde ihm noch elender. Es hatte gestern mit Wolzow Krach gegeben, es hatte vorgestern, es hatte jeden Tag Krach gegeben; und heute war die Prügelei fällig. Er fürchtete nie­manden in der Klasse, aber gegen Wolzow hatte er keine Chance: und damit war er erledigt. Denn ein unbesiegter Held war, von Homer bis heute, so gewaltig wie sein Mund­werk, aber ein besiegtes Großmaul war nur noch lächerlich.

Es ist ein Jammer, dachte Holt, als er sich unlustig und frierend mit kaltem Wasser wusch und dabei in den Spiegel starrte; es ist ein großer Jammer: Wolzow und ich, wir würden die ganze Schule beherrschen, wenn wir Freunde wären, denn die älteren Jahrgänge sind beim Militär, wir sind die oberste Klasse.

Er trocknete sich ab. Er befühlte Wangen und Oberlippe: der Bart ließ sich Zeit, das war Holts Kummer. Er rasierte sich nur aus Prestigegründen. Mit sechzehneinhalb noch fast ohne Bart... eine Schande! Kein Wunder, daß er sich mit so einer glatten Haut nicht an die Marie Krüger herantraute, wenn sie dann und wann wie eine Katze in der Badeanstalt herumstrich. Immerhin: als er ihr kürzlich begegnet war, da – besann sich genau – hatte sie ihn mit einem verwirrenden Blick an­geschaut ... Außerdem: kratzte es am Kinn nicht doch schon ganz ordentlich?

Einsfünfundsiebzig groß, siebenundsechzig Kilo schwer, schmal, doch muskulös, aber neben Wolzow, der einsachtundachtzig maß und fast neunzig Kilo wog, eben doch bei­nahe knabenhaft. Dunkeläugig, dunkelhaarig sah er sich im Spiegel, und das Haar war sehr widerborstig und ringelte sich gern in die Höhe. Er kämmte sich, er kleidete sich an. Der Kopfschmerz war vergangen, nur ein dumpfer Druck wollte nicht von der Stirn weichen. Auch machte das Schlingen Be­schwerden, und der Mund war trocken.



Wolzow galt seit eh und je als der größte Flegel der Schule, zweimal Consilium, das drittemal nur durch Intervention sei­nes Generalsonkels dem Hinauswurf entgangen. – Und ich Idiot komm neu in die Klasse und lauf ihm den Rang ab, statt seine Freundschaft zu suchen! Das war ein Freund, Gilbert Wolzow, ein Freund wie Hagen von Tronje, Winnetou oder Roller!

Er war fertig, er stopfte ein paar Bücher in die Aktentasche, dann lief er die Treppen hinab.

Das Haus gehörte den Schwestern Eulalia und Veronika Dengelmann, eigentlich deren Mutter, einer fünfundachtzigjährigen Greisin, die wegen Altersschwachsinn entmündigt worden war. Die beiden Schwestern, zweiundfünfzig und sechsundvierzig Jahre alt, unterhielten eine Pension, „Kost und Logis für alleinstehende Herren“. Holt wurde verwöhnt, da seine Mutter großzügig zahlte; er war zeitlebens verwöhnt worden. Seit zwei Monaten lebte er in der Pension und tyran­nisierte die Schwestern.

Er trat in das Wohnzimmer im Erdgeschoß und rief nach dem Kaffee. Veronika Dengelmann, die jüngere der Schwe­stern, das Gesicht dick mit Fett eingerieben und die Haare voller Lockenwickel, setzte die Tasse und den Teller mit Bro­ten vor ihn hin. „Guten Morgen.“

Holt antwortete nicht. Er dachte: Ich bin krank. Gleich wird sie wieder anfangen: Beeilen Sie sich ... Das Schlucken schmerzte, die Kehle war wund. Fräulein Dengelmann sagte: „Beeilen Sie sich! Es fällt wieder auf uns zurück, wenn Sie zu spät kommen ...“

Holt schob den Teller mit den Broten von sich. Durch die Tür trat Eulalia, in einen verwaschenen Schlafrock gewickelt. Sie hat ein Gesicht wie ein Schaf, dachte er, und Veronika sieht aus wie der Vollmond.

„Sehen Sie zu, daß Sie fortkommen“, sagte nun auch Eula­lia, „es ist gleich sieben . ..“ Er warf ihr einen bösen Blick zu. Wenn Wolzow mich verdroschen hat, dachte er, muß ich et­was so Verrücktes anstellen, daß mein Ansehen wiederher­gestellt wird. Bei Maaß, beim Ordinarius! Ich habe alle Lehrer hereingelegt, Zickel, meck-meck, Schöner, Gruber, alle... Mag Zemtzki sticheln: Bei Maaß traust du dich nicht... Bei Maaß traut sich keiner, nicht mal Wolzow. Aber ich bin gerissen, ich fange auch Maaß, und das wird mich zum Helden des Tages machen. Ich werde bei Maaß die Sprache verlieren, und wenn er mich bestrafen will, zieh ich ein ärztliches At­test aus der Tasche, daß ich seit gestern taubstumm bin; aber woher nehm ich das Attest? Oder ich werde bei einer Antwort den Mund nicht mehr schließen und bloß noch lallen können, Maulsperre, Kieferklemme, da wird die Klasse toben vor Freude, und wenn Maaß vor Wut einem Schlaganfall nah ist, gibt mir jemand die vereinbarte Ohrfeige, und dann ist alles wieder in Ordnung; da soll er mir erst mal was beweisen! Das ist eine gute Idee! Oder... ob man ihn mit seinen wahn­sinnigen Schachtelsätzen reinlegen kann?

Er saß unbeweglich am Tisch. Ein herrlicher Tag! Ich möchte ein Segelboot haben! Man könnte... Sein Blick fiel durch das Fenster auf die gebeugte Gestalt der alten Dengel­mann; die Greisin tappte durch die Beete und riß die jungen Kohlrabipflanzen aus dem Boden, eine nach der anderen... „Fast jeden Tag kommen Sie zu spät zur Schule“, schimpfte Veronika Dengelmann, „gestern traf ich Herrn Benedict...“ Benedict? Das war der Turnlehrer, und er war harmlos... Und jetzt reißt die Alte tatsächlich auch noch die Salatpflan­zen aus! „Passen Sie auf Ihren Grünkram auf“, sagte Holt, „die Alte ist im Garten!“ – „Ogottogott!" Türen schlugen. Im Garten erhob sich Gezeter.

Holt verließ das Haus. Langsam ging er die Bahngleise ent­lang; er ließ sich Zeit, er kam sowieso zu spät zum Unter­richt, und Ausreden gab es genug. Meistens mußten die ge­schlossenen Bahnschranken herhalten.

„Holt!“ rief es hinter ihm. „Warte!“

Das ist Rutscher, der verdirbt mir den Schulweg. Fritz Rut­scher war der Sohn eines vor zwei Jahren verstorbenen Stu­dienrates. „Schon sieben durch“, keuchte er, „... müssen uns beeilen!“ Er war vom schnellen Lauf so außer Atem, daß er das Stottern vergaß.

„Hast du Angst?“ sagte Holt mürrisch. „Zu zwein“, stam­melte Rutscher, ein semmelblonder Junge, „zu zwein findt man bessere Ausreden!“ Sie überquerten die Bahngeleise. Nun führte die Bismarckallee, breit und von Linden gesäumt, hinab in die kleine Stadt. Links und rechts standen Villen.

Hier wohnen Barnims, dachte Holt. Er blickte neugierig auf ein großes, geklinkertes Haus. Oberst Barnim hatte zwei Töch­ter. Gerda, fünfzehnjährig, besuchte die Mädchen-Oberschule; Holt traf sie manchmal auf dem Schulweg, ein mageres, som­mersprossiges Mädchen. Sie soll noch eine Schwester haben, Uta Barnim, die ist neunzehn, Abitur mit Auszeichnung, und voriges Jahr war sie Gebietsmeisterin im Tennis; ich hab sie noch nie gesehen, aber alle sagen, sie ist das schönste Mäd­chen in der Stadt. Und hier wohnt der Peter Wiese, gleich nebenan. Der ist natürlich längst in der Schule, der Wiese-Peter, ein richtiger Miesepeter, der Primus, der alles weiß und lateinische Reden halten kann, aber nie einen Jux mitmacht. Er spielt wunderbar Klavier.

Schon oft war Holt, unter irgendeinem Vorwand, im Hause des Amtsrichters Wiese erschienen und hatte schließlich ge­sagt: „Spiel doch mal was, du ...“ Dann setzte sich der kränk­liche und schwache Peter an den Flügel. Holt konnte stun­denlang zuhören, unbeweglich in einem Sessel.

Vor Holts Augen drehten sich feurige Kreise, es rauschte in seinen Ohren ... Er rang nach Atem. „Was hast du?“ rief Rutscher. Ein Kälteschauer lief über Holt hin, dann wurde ihm heiß. Sollte er wirklich krank sein? Alles war ganz nahe herangerückt, wie durch ein Vergrößerungsglas anzusehen, und Rutschers Stimme hatte ein Echo ...

„Was sagen wir dem Schöner?“ fragte Rutscher. – „Am Bahnübergang war 'nVerkehrsunfall. Da ist ein Radfahrer mit einem Lieferwagen zusammengestoßen.“ – Rutscher staunte: „Hast du das g-g-gesehn?“ – „Das sagen wir! Wir mußten der Polizei alles zu Protokoll geben.“ –„Großartig!“ Rut­schers Phantasie entzündete sich. „Ich werd sagen, der Rad­fahrer hat ganz f-f-furchtbar geblutet!“ – „Hör auf“, sagte Holt. „Und laß mich reden, verstanden?“

Holt blieb in der Tür stehen und überschaute den Klassen­raum. Schöner, der Mathematiklehrer, stand an der Tafel und malte sie wie üblich voll Zahlen. Er war ein Mann von acht­undsechzig Jahren, der, wie fast alle Lehrer der Schule, schon einmal pensioniert gewesen und nun wieder zum Unterricht herangezogen worden war. Er ließ die Schüler in Ruhe und rechnete selbst; seine Unterrichtsstunden verliefen still; nie­mand, außer Peter Wiese, arbeitete mit. Holt sah, daß der dicke Christian Vetter, Sohn eines Schreibwarenhändlers, hin­ten in der Ecke am Fenster mit irgendwem Karten spielte. Gilbert Wolzow, wegen seiner Körpergröße quer in der Bank, saß über einem dicken Buch und las.

Holt brachte seine Entschuldigung in einem frechen und provozierenden Ton vor, der sie von vornherein unglaubhaft machte... Der blutende Radfahrer wurde mit Geschrei be­grüßt, aber es klang ein wenig lustlos. Nur Fritz Zemtzki, ein Bürschlein mit brandrotem Haar, quäkte mit heller Kinder­stimme: „O Gott, der arme, arme Radfahrer!“, aber auch das fand keine Resonanz. Es war wieder still; in der Ecke warf Vetter seine Trümpfe auf den Tisch.

Schöner trug Holts Verspätung ins Klassenbuch ein. Rut­scher war unbemerkt auf seinen Platz geschlichen. Die Ein­tragung hatte keine Bedeutung, denn Schöner schrieb mit Blei­stift, und seine Eintragungen wurden wieder ausradiert, jeder Tadel und auch die Schulaufgaben. Aber als Holt in der Pause mit einem Radiergummi aufs Katheder stieg, rief Wolzow mit rauher, wüster Stimme: „Na, da hast du Schiß, daß der Maaß was erfährt!“

Holt klappte das Klassenbuch zu. Mochte die Eintragung stehenbleiben! „Ich und Schiß?“ sagte er. „Vor Maaß haben an­dere Leute Schiß, auch wenn sie sonst mit der Schnauze vorn­an sind!“ – „Meinst du mich?“ fragte Wolzow drohend und legte den Kopf auf die Seite. . Aber da schrillte schon, vom Korridor her, der Warnungspfiff, und Knack marschierte ins Zimmer, dreißigjährig, wegen eines Herzfehlers wehrdienst­untauglich, Studienassessor Knack. „Heil Hitler, Kameraden!“

Die Klasse antwortete: „Heil Hitler!“ – „...Kamerad Knack“, rief Holt hinterher, denn er wollte es Wolzow zei­gen. In der Klasse gab es unterdrücktes, beifälliges Geläch­ter. Wolzow biß sich auf die Lippe. Zum zweiten Male an die­sem Morgen wurde Holt ins Klassenbuch eingetragen, getadelt wegen „unarischer Frechheit“, wie Knack mit seiner schnar­renden Kommandostimme bekanntgab. Dann begann der Ge­schichtsunterricht. Dies ist Wolzows Stunde, dachte Holt.

Gilbert Wolzow war ein paar Monate über sechzehn Jahre alt. Sein Vater, der Oberst Wolzow, stand als Regimentskom­mandeur an der Ostfront. Wenn man Wolzows Erzählungen glauben durfte, so waren die Wolzows ein preußisches Offi­ziersgeschlecht, das seit zweihundert Jahren ausnahmslos Of­fiziere hervorgebracht hatte; der Bruder des Obersten Wol­zow war Generalmajor. Auch Gilbert wollte Offizier werden, und er bereitete sich von Kind an darauf vor.

Er war der ungekrönte König der Klasse, ja der Schule, der die Cliquen und Schülergruppen mit Gewalt zusammenhielt und niemals, bis Holt in die Klasse eingetreten war, Wider­spruch geduldet hatte. Er war zugleich der „frechste und faulste Schüler der Anstalt“, wie Maaß, der Klassenlehrer, des öfteren sagte, denn er stand in den meisten Fächern so jam­mervoll schlecht, daß seine Versetzung in die nächste Klasse diesmal gefährdet schien. Aber in allem, was mit Krieg, Kriegs­wesen, Kriegsgeschichte, mit Waffentechnik und Kriegsgerät zu tun hatte, war er ein Phänomen. Er hatte frühzeitig be­gonnen, die kriegswissenschaftliche Bibliothek seines Vaters zu lesen, und sein erstaunlich gutes Gedächtnis hatte eine Fülle von Einzelheiten behalten, über die er nach Belieben verfügte; entfiel ihm doch einmal ein Schlachtendatum, der Name eines Feldherrn, so schlug er in dem dicken Taschenbuch nach, das er immer mit sich herumschleppte... Jetzt saß er zurückge­lehnt in seiner Bank, das Gesicht mit den grauen Augen und der Adlernase emporgehoben zu Knack.

Knack und Wolzow führten während des Geschichtsunter­richts endlose Debatten. Knack charakterisierte seine Geschichtsauffassung des öfteren als „rassisch-völkisch“. Wolzow stand neben seiner Bank und erklärte: „Geschichte, das ist Krieg. Von 1469 vor bis 1930 nach Christi Geburt hat es nur zweihundertvierundsechzig Jahre Frieden, aber dreitausendeinhundertfünfunddreißig Jahre Krieg gegeben...“ – „Vergessen Sie nicht das rassische Moment“, ergänzte Knack, „die wertmäßigen Unterschiede der Völker, die rassischen Triebkräfte...“

Holt saß stumm auf seinem Platz und hörte Knack mit der ewig gleichen, schnarrenden Stimme sagen: „Das Reich grün­det sich bewußt auf uralte mythische Vorstellungen und Kräfte des Volkes...“ Er döste vor sich hin, der Kopf schmerzte, und der Hals war wie zugeschnürt... Neben ihm saß Sepp Gomulka, Sohn eines Rechtsanwaltes, ein braunhaariger, kluger Junge, der sich meist zurückhielt und sich nur manchmal, im Übermut, an den Ausschreitungen der Klasse gegen die al­ten Lehrer beteiligte. Er war ein Einzelgänger, trieb sich mit seinem Kleinkalibergewehr in den Wäldern umher und schoß Eichelhäher, statt sich den Schulaufgaben zu widmen. Wäh­rend Knack redete und redete, schnitzte Gomulka mit einem Messer an seiner Bank und sammelte die Späne in einer Tüte aus Löschpapier... Auf dem Platz vor Holt saß der zarte, ewig kränkelnde Peter Wiese, der diesen Sommer zu seiner Kräftigung täglich zwei Stunden in der Badeanstalt zu verbringen und Sport zu treiben hatte, eine Maßnahme, unter der er litt. Holt schrieb auf einen Zettel: „Gib mir deine La­teinübersetzung!“ Er wollte für den Weigerungsfall eine Dro­hung hinzusetzen, unterließ es aber und schob den Zettel zu Wiese. Wiese las und nickte.

Aber in der großen Pause fand Holt keine Gelegenheit, die Übersetzung abzuschreiben, obwohl eine fehlende Hausauf­gabe bei Studienrat Maaß schlimme Folgen haben konnte. Die Schüler begaben sich ins Biologiezimmer. Der bevorstehende Unterricht bei Doktor Zickel, genannt Meck-meck, riß sie aus ihrer Lethargie. Christian Vetter, blond, mit rundem Kinder­gesicht und blanken Schweinsäuglein, wegen seiner Körperfülle seit eh und je gehänselt und verspottet, probierte ein paar quiekende und grunzende Geräusche aus. Wolzow und Holt standen mit gleichmütigen Gesichtern beieinander. Gomulka wetzte sein Messer an der Gasleitung des Experimentier­tisches, und Kirsch, Tischlersohn, von Knack als Vertreter des „bodenständigen Handwerks“ gefeiert, futterte Brot auf Brot in sich hinein, wodurch er zu wachsen hoffte, denn er war nur einssechzig groß. Nadler, ein stämmiger blonder Junge, wurde von seinen Freunden Schönfeldt, Grubert und anderen umlagert, die in der Nachrichten-HJ seine Untergebe­nen waren. Hingegen war Wolzows Laufbahn als HJ-Führer nach verheißungsvollem Start schon vor zwei Jahren ge­endet, nachdem er seinen Stammführer mit den Worten ste­hengelassen hatte: „Von so einem militärischen Rindvieh nehm ich doch keine Befehle entgegen!“

Zemtzki piepste plötzlich: „Gilbert, das mußt du zugeben: den Knack hat der Werner prima veralbert!“ – „Scher dich vor die Tür und paß auf!“ befahl Wolzow. Dann sagte er zu Holt: „Glaub bloß nicht, es war was Besonderes.“ Er blickte sich suchend um. Dann trat er zur Tafel. Dort stand ein Skelett, das Doktor Zickel im Unterricht brauchte, neben dem großen Aquarium. Wolzow, in Breeches und Stiefeln, den Brustkorb von einem verwaschenen HJ-Hemd umspannt, holte ein Stück Holzkohle aus der Hosentasche und begann, den Totenschädel zu beschmutzen. Peter Wiese erblaßte. Er fürchtete Wolzow, den er „miles gloriosus“, ruhmredigen Kriegsmann, nannte; Holt freilich hatte gloriosus kurzerhand mit „prahlerisch“ übersetzt.

Jetzt malte sich Angst in Wieses Gesicht, denn er, der Primus, wurde als erster nach dem Täter befragt, und da er niemals einen Lehrer belog, beim Verrat abef erbarmungslos Prügel bezog, geriet er jedesmal in Gewissensnot, aus der ihn andere mit der Lüge erlösen mußten, Wiese könne nichts wis­sen, er sei nicht im Zimmer gewesen ...

Wolzow sah Holt ins Gesicht und fragte: „Wie findest du das?“ Holt ging wortlos zur Tafel, nahm den Schädel vom Skelett und warf ihn in das große Aquarium. Wasser und Schlingpflanzen schwappten auf den Boden.

Die Klasse tobte. Dann wurde es still. Man blickte gespannt auf Wolzow. Wolzow verlor die Beherrschung. „Warte!“ schrie er, leicht nach vorn geneigt. „Wenn du wirklich soviel Mut hast, dann komm heute um vier zum Rabenfelsen, damit ich dir endlich ...!“ – „Du bist wohl am Ende?“ höhnte Holt. „Was Beßres als Prügel fällt dir wohl nicht ein?“ – „Jetzt dreh ich ein Ding“, schrie Wolzow, „von dem die ganze Stadt sprechen soll!“ Zemtzki steckte den Kopf zur Tür herein. „Gilbert... nicht! Nein! Du... fliegst, wenn sie dich erwi­schen!“ – „Seht den großen Wolzow!“ spottete Holt. „Er will sich prügeln, aber er hat Schiß vor den Paukern!“

Wolzow starrte auf das Aquarium, wo der verunstaltete Totenschädel durch die Ranken der Wasserpest grinste und die roten Leiber sechs tropischer Zierfische im grünen Was­ser hin und her glitten. „Sepp!“, befahl Wolzow, „schaff mir das Katzenvieh vom Hausmeister her!“

„Gilbert“, sagte Gomulka, „laß das... Maaß wirft dich raus!“ Aber jemand rief schon Zemtzki auf dem Korridor zu: „Du sollst dem Wolzow die Katze bringen!“

Zemtzki brachte die Katze, ein getigertes, wildes Biest, das argwöhnisch äugte, nervös durch die lärmenden Stimmen der Jungen. Wolzow nahm sie mit einem Griff seiner Rechten am Fell; sie legte sich flach gegen seine Brust, die Schwanzspitze krümmte sich leise. Wolzow streichelte sie. „Ruhig, Miez­chen! Gleich gibt's was Schönes...“ Er tauchte den nackten linken Arm ins Aquarium. „... was Schönes zu fressen ... was Markenfreies... eine Sonderzuteilung!“ Dann warf er den ersten Fisch auf den Boden... Die Katze war mit einem Satz abgesprungen und verschwand mit dem zappelnden Salm­ler unter einer Bank. Stumm und atemlos sah die Klasse zu, wie Wolzow Prachtschmerlen und Barben aus dem Aquarium fischte. Die Katze begann laut zu schnurren. Sie fraß, daß es knirschte, und ihre Augen funkelten. Dann schlich sie davon, leckte sich das Maul, noch immer schnurrend, und von Doktor Zickels Fischen blieben nur ein paar glänzende Schuppen auf dem Fußboden zurück.

„So!“ sagte Wolzow. Das Schweigen war wie eine Huldi­gung, die er gelassen entgegennahm. „So, mein Lieber! Wer hat hier Schiß vor den Paukern?“ Er ging zu seinem Platz, setzte sich und nahm sein Buch vor. Er war blaß. Er rief: „Ver­giß nicht, heut um vier!" Aber Holt dachte nur dies: Er fliegt, und ich hab ihn dazu getrieben ...

Zemtzki pfiff.

Doktor Zickel war ein verkümmertes Männlein mit dem Habitus eines zwölfjährigen Jungen, dem man den Kopf eines Greises aufgesetzt hat. Er trat vor die Klasse, in Knickerbockers, grüner Joppe und weißem Hemdchen mit geöffnetem Bubikragen. Mit einer heiseren Knabenstimme rief er den Hitlergruß. Seine Rede war voller Eigenarten: er pflegte öfters „ni wahr“ zu sagen und gab, zwischen die Worte eingestreut, ein seltsames Geräusch von sich, eine Mischung aus Hü­steln und Räuspern, die wie „kh-kh“ klang. Er sagte: „Wo is ... ni wahr ... das Klassenbuch ... kh-kh ...?“ Aus einer Ecke kam ein gedämpftes „Meck-meck“, was ihn nervös machte, ohne daß er darauf eingegangen wäre... Er war viel Kummer gewohnt. Sein Blick fiel auf das kopflose Skelett, und die magere Brust hob sich in erregten Atemzügen. „Das is ... kh-kh ... das is enne Lumperei is das, ni wahr...“ Er schaute wild in die Klasse, dann sah er aufs Aquarium, und er wankte.

„Wer ... wer is es gewesen?“

„Herr Lehrer!“ rief der kleine Zemtzki. „Ich bin es nicht gewesen, aber ich bin es nicht allein nicht gewesen, die ande­ren sind es auch alle nicht gewesen!“

Zickel war außer sich. Er trat ans Aquarium, und er schrie, mit einer Wut, die seinen schmächtigen Körper erzittern ließ: „Wer... kh-kh ... hat den Schädel... ihr feigen Gesellen ... kh-kh ... wer hat den Schädel von dem armen Skelett, ni wahr, das is doch auch emal e Mensch gewesen ... wer hat'n ins Aquarium...?“ Aber jetzt erst erkannte er das ganze Ausmaß dessen, was man ihm angetan hatte, und Sekunden lang brachte sein bebender Mund nichts als ein spuckendes „Kh . . . kh-kh . . .“ hervor.

„Wolzow! Haben Sie ... die Fische ...?“

„Lassen Sie mich doch mit Ihren kindischen Verdächtigun­gen in Ruhe“, knurrte Wolzow, ohne aufzustehen... Und nun log die Klasse mit einer Ausdauer, an der Zickels Wut verpuffte. Verzweifelt begann er eine Untersuchung, aber da seinem Zorn jede physische Grundlage fehlte, die langwierige und ermüdende Befragung der Schüler zu überdauern, log man immer dreister und verhöhnte ihn, und Zickel ermattete, dem Weinen nahe.

„Fische?“ sagte Holt, als er an der Reihe war, mühsam, mit schwerer Zunge, er hatte kaum noch die Kraft aufzustehen. „Die Fische sind weg? Vielleicht. .. hat der Totenkopf sie ge­fressen!“ Das Gejohl der Klasse erreichte kaum sein Ohr. „Elender Bube... kh! Los, Vetter, wo sind die schönen roten Fische?“

„Rote Fische?“ sagte Vetter. „Warn das denn Fische? Ich dachte immer, das sind Tomaten!“

„Herr Lehrer“, rief Zemtzki, und er stocherte mit dem Zeigefinger in der Luft herum, „ich hab die roten Fische ge­sehen! Gestern warn sie noch da! Heißa! Aber sechs, nein, so viele warn das nicht!“

„Wie viele ... kh-kh ... haben Sie gesehn?“ fragte Zickel mit neuer Hoffnung.

„Na, so null bis eins“, antwortete Zemtzki, und er sah dem Lehrer mit großen blauen Augen unschuldsvoll ins Gesicht.

Die Untersuchung verlief ergebnislos. Studienrat Maaß setzte sie fort. Holt nahm nicht teil an dem Durcheinander, das in der Pause herrschte. Er saß zusammengesunken auf sei­nem Platz im Klassenzimmer, der Schweiß brach auf seiner Stirn hervor, und der Kopf schmerzte... „Du hast ein ganz rotes Gesicht“, sagte Gomulka teilnahmsvoll, „wie gespren­kelt, bist du krank?“ Holt schüttelte den Kopf.

Die Katze brachte alles ans Licht; sie hatte in der Woh­nung des Hausmeisters die unverdauten Fische wieder ausgebrochen. Ein Lehrer hatte den Ruf gehört: „Du sollst dem Wolzow die Katze bringen...“ Wolzow war überführt. Er stand neben seiner Bank und log beharrlich, er wisse von nichts, man möge ihn in Ruhe lassen, er sei es nicht gewesen.

Maaß hockte dick und massig hinter dem Katheder. Das Sonnenlicht, das durch die Fenster fiel, spiegelte sich auf sei­ner Glatze, die von schlohweißem Haar umrahmt war. Das runde und feiste Gesicht grinste triumphierend, die Augen hinter der hellen Hornbrille waren kalt und mitleidlos auf Wolzow gerichtet. „Sie sind erledigt, Wolzow“, sagte er, mit einem begeisterten Zittern in der Stimme, „auch ohne Ge­ständnis erledigt.“ Er schielte über die Ränder der Hornbrille hinweg auf sein Opfer. Es war sein Steckenpferd, verworrene Schachtelsätze zu konstruieren, die er mit strenger Logik zu Ende sprach; er hielt die Klasse mit diesen Sätzen in Span­nung, er vollendete auch den schwierigsten Satz und heimste das ehrfürchtige Aufatmen der Schüler als Beifall ein. „Unsere Anstalt“, begann er, „die einmal vom strengen Geist des Lern­eifers und Gehorsams regiert, durch Sie jedoch wie durch einen Bazillus vergiftet wurde, mit Anarchie und Disziplin­losigkeit, was kein zweites Mal Ihr Onkel wird sanktionieren können...“, er legte eine Pause ein, um die Spannung zu steigern, und dann vollendete er: „... wird nun endlich und endgültig von Ihnen befreit werden. Ich beglückwünsche mich zu diesem Erfolg.“ Alle Augen waren auf Wolzow gerichtet. Wolzow sah bewegungslos vor sich hin; nur Holt, zurück­gelehnt und zusammengesunken, blickte auf Maaß. Er dachte: Wolzow wird nicht relegiert werden! Wolzow ist ab heute mein Freund.

„Nehmen Sie Ihre Tasche, Wolzow, und verlassen Sie auf der Stelle das Schulhaus. Sie sind relegiert. Der Brief des Di­rektors folgt Ihnen auf dem Fuß.“

„Moment“, sagte Holt.

Er erhob sich. Er fühlte Wolzows Blick auf sich gerichtet. Er lehnte sich rücklings gegen die Bank. „Der Brief des Direk­tors“, sagte er, und seine Stimme krächzte, „folgt Wolzow nicht auf dem Fuß. Wolzow ist es nicht gewesen ... Man hat sich ... verhört.. . Wolzow soll mir die Katze bringen, wurde gerufen...“ Er mußte seine Worte sehr langsam formen, denn die geschwollene Zunge versagte den Dienst. „Ich bin es gewesen", sagte er. Peter Wiese, das Gesicht auf Holt ge­richtet, erstarrte in Staunen und Bewunderung... „Ich bin es gewesen .. . Wiese wird es bezeugen ...“ Wiese erhob sich, wie unter einem Zwang, und zum erstenmal in seinem Leben belog er einen Lehrer, als er mit tief auf die Brust gesunkenem Kopfe sagte: „Ja ... Holt war es ... ich bezeuge es.“

Holt hörte nur noch das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Vier Stunden Karzer? Egal! Blauer Brief an meine Mutter? Sie wird bloß lachen . . . Und jetzt sieht er ins Klas­senbuch ... Die Eintragungen? Wenn er wüßte, wie egal mir das alles ist!

„Sieh mal an“, sagte Maaß, wütend vor Enttäuschung. „Zwanzig Minuten zu spät gekommen ist das elende Früchtchen außerdem...“ Er wurde ironisch, das war der Ausdruck höchsten und gefährlichsten Zornes. „Hatte Ihre Wirtin, ich glaube mich zu erinnern, daß sie Dengelmann heißt, Eusebia Dengelmann, doch halt, nein, Eulalia war wohl der Name, ein wohlklingender Name, der aus dem Griechi­schen stammt...“ Er schaute bewegungslos durch die Gläser der Hornbrille auf die Schüler, die atemlos an seinem Munde hingen, und vollendete: „... wieder einmal Nasenbluten?“

Holt blinzelte. Er sah auf einmal alle Gestalten und Gegen­stände in verschwommenen Umrissen; in seinen Ohren hallte als vielfaches Echo das letzte Wort: Nasenbluten... Nasen­bluten ... Wohltuende Müdigkeit überkam ihn, Gleichgültig­keit. Man müßte ein Segelboot haben, dachte er, jetzt, wo Gil­bert mein Freund ist, und nun ist's geschafft: Wolzow geret­tet, und er wird mir's danken!

„Reden Sie!“

Ach so. Ich muß ja noch den Maaß veralbern! dachte Holt. Er wird ungeduldig? Ich will dir schon antworten! Deine Schachtelsätze imponieren mir nicht, das kann ich schon lange! „Mitnichten“, sagte er. Sein Gesicht war rot, nur von den Nasenflügeln über die Mundwinkel bis zum Kinn war ein blas­ses Dreieck ausgespart. Eine Bewegung lief durch die Klasse, und Maaß, bei dem altertümlichen Wort „mitnichten“, furchte die Stirn. „Mitnichten hat die Nase meiner Wirtin, deren Name Eulalia... Eulalia, wie Sie die Güte, sich zu erinnern, hatten, lautet, geblutet, aber...“, das Aber schrie er hinaus, denn Maaß hatte den Mund schon geöffnet, um Holt zu unterbrechen, „aber mich ... hatte morgens die Polizei... da ein Fahrrad, das ein Mann, der eine graue Jacke... die vielfach geflickt war, trug... fuhr... mit einem Auto, das auf der Straße... die über die Geleise, die vom Bahnhof, der unmittelbar bei meiner Wohnung ... liegt... kommen ... führt... entlangkam ... zusammenstieß ... gebeten ...“


Date: 2016-03-03; view: 111


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