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Opicina, 16. November 1992 5 page

Einerseits empfand ich Erleichterung bei ihrer Entscheidung, einen Arzt aufzusuchen, um aus ihrem Zustand ständiger Krise herauszukommen. Im Grunde, sagte ich mir, war es schon ein Fortschritt, wenn Ilaria sich dazu entschlossen hatte, jemanden um Hilfe zu bitten; andererseits jedoch war ich, da ich ihre Anfälligkeit ja kannte, in Sorge wegen der Person, der sie sich anvertraut hatte. Sich in jemand anderes Kopf hineinzuversetzen erfordert im-
mer äußerstes Zartgefühl. »Wie hast du ihn gefunden?« fragte ich sie. »Hat ihn dir jemand empfohlen?« Doch sie zuckte als Antwort nur mit den Schultern. »Was verstehst du schon davon?« sagte sie und brach die Unterredung mit einem überheblichen Lächeln ab.

Obwohl sie in Triest in einer eigenen Wohnung lebte, kam sie gewöhnlich wenigstens einmal in der Woche zum Mittagessen zu mir. Seit dem Beginn der Therapie waren unsere Gespräche bei diesen Gelegenheiten immer von großer und gewellter Oberflächlichkeit gewesen. Wir sprachen von den Ereignissen in der Stadt, vom Wetter; wenn das Wetter schön und in der Stadt nichts los war, schwiegen wir fast die ganze Zeit.

Schon nach ihrer dritten oder vierten Fahrt nach Padua bemerkte ich jedoch eine Veränderung. Anstatt daß wir beide über Nichtigkeiten redeten, stellte sie mir jetzt Fragen: Sie wollte alles über die Vergangenheit wissen, über mich, über ihren Vater, über unsere Beziehung. Es war keine Zuneigung in ihren Fragen, keine Neugier: Der Ton war der eines Verhörs; sie wiederholte die Frage mehrmals, beharrte auf winzigen Einzelheiten, zweifelte Episoden an, die sie selbst erlebt hatte und an die sie sich genau erinnerte; mir war, als redete ich nicht mit meiner Tochter, in diesen Augenblicken, sondern mit einem Kommissar, der mir um jeden Preis das Geständnis eines Verbrechens abringen wollte. Eines Tages verlor ich die Geduld und sagte zu ihr: »Sag mir endlich klar und deutlich, worauf du hinauswillst.« Sie sah mich mit einem leicht ironischen Blick an, nahm eine Gabel, klopfte damit an das Glas, und als das Glas kling machte, sagte sie: »Auf das, womit alles anfing. Ich will wissen, wann und warum ihr mir die Flü- gel gestutzt habt, du und dein Mann.«

Dieses Mittagessen war das letzte, an dem ich mich von ihr ins Kreuzverhör nehmen ließ; schon in der folgenden
Woche sagte ich ihr am Telefon, sie könne gern kommen, aber unter einer Bedingung, nämlich daß zwischen uns nicht ein Prozeß, sondern ein Gespräch stattfinde.

Ob ich ein schlechtes Gewissen hatte? Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, ich hätte über sehr viele Dinge mit Ilaria sprechen müssen, aber es erschien mir weder richtig noch heilsam, derart heikle Sachen unter dem Druck eines Verhörs zu enthüllen; hätte ich ihr Spiel mitgespielt, wäre ich, anstatt eine neue Beziehung zwischen zwei erwachsenen Menschen herzustellen, nur für immer schuldig gewesen, und sie für immer das Opfer, ohne eine Möglichkeit der Erlösung.



Viele Monate später sprach ich wieder einmal mit ihr über ihre Therapie. Sie ging unterdessen mit ihrem Doktor ganze Wochenenden lang in Klausur; sie hatte stark abgenommen und redete oft fast wie im Fieber, was ich vorher nie bei ihr bemerkt hatte. Ich erzählte ihr vom Bruder ihres Großvaters, von dessen erster Berührung mit der Psychoanalyse, und fragte sie dann ganz unverfänglich: »Zu welcher Schule gehört dein Analytiker?« – »Zu kei-ner«, antwortete sie, »oder besser gesagt zu einer, die er selbst gegründet hat.«

Von dem Augenblick an wurde das, was nur eine leichte Beunruhigung gewesen war, echte tiefe Sorge. Es gelang mir, den Namen des Arztes herauszufinden, und bei einer kurzen Überprüfung entdeckte ich auch, daß er keines- wegs Arzt war. Die Hoffnungen, die ich am Anfang auf die Wirkung der Therapie gesetzt hatte, brachen mit einem Schlag zusammen. Natürlich war es nicht das Fehlen des Titels an sich, das mich mißtrauisch machte, sondern das Fehlen des Titels zusammen mit der Feststellung, daß Ilarias Zustand sich ständig verschlechterte. Wenn die Behandlung etwas taugte, dachte ich, müßte nach einer anfänglichen Phase des Schlechtgehens allmählich eine Besserung eintreten; zwischen Zweifeln und Rückfällen müßte sich langsam die Erkenntnis einen Weg bahnen. Ila- ria dagegen hatte nach und nach aufgehört, sich für das zu interessieren, was sie umgab. Sie war nun schon seit meh- reren Jahren mit dem Studium fertig und tat nichts, sie hatte sich von ihren wenigen Freunden entfernt, und ihre einzige Tätigkeit bestand darin, mit der Besessenheit eines Insektenforschers ihre inneren Regungen zu beobachten. Die Welt drehte sich um das, was sie in der Nacht geträumt hatte, um einen Satz, den ich oder ihr Vater zwanzig Jahre zuvor zu ihr gesagt hatten. Ich fühlte mich angesichts dieses Zerfalls ihres Lebens völlig ohnmächtig.

Erst drei Sommer später zeigte sich für einige Wochen ein Hoffnungsschimmer. Kurz nach Ostern hatte ich ihr vorgeschlagen, eine gemeinsame Reise zu unternehmen; zu meiner großen Überraschung hatte Ilaria den Gedanken nicht von vornherein abgelehnt, sondern, von ihrem Teller aufsehend, gesagt: »Wo könnten wir denn hinfahren?» – »Ich weiß nicht«, hatte ich geantwortet, »wohin du willst, an jeden Ort, an den wir gern möchten.«

Noch am selben Nachmittag warteten wir ungeduldig auf die Öffnung der Reisebüros. Wochenlang klapperten wir sie der Reihe nach ab auf der Suche nach etwas, das uns gefallen könnte. Zum Schluß entschieden wir uns für Griechenland – Kreta und Santorin –, Ende Mai. Die praktischen Dinge, die wir vor der Abreise erledigen mußten, bescherten uns ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, wie wir es vorher noch nie gehabt hatten. Sie war wie besessen vom Kofferpacken, von der Angst, etwas von grundlegender Wichtigkeit zu vergessen; um sie zu beruhigen, kaufte ich ihr ein Heftchen: »Schreib alles hinein, was du brauchst«, sagte ich zu ihr, »und wenn du es eingepackt hast, machst du ein Kreuzchen daneben.«

Abends, beim Schlafengehen, bedauerte ich, nicht eher daran gedacht zu haben, daß eine gemeinsame Reise eine ausgezeichnete Möglichkeit war, die Beziehung wiederherzustellen. Am Freitag vor der Abreise rief Ilaria mich mit metallischer Stimme an, ich glaube von unterwegs, aus einer Telefonzelle. »Ich muß nach Padua«, sagte sie, »ich komme spätestens Dienstagabend zurück.«

»Mußt du unbedingt?« fragte ich, aber sie hatte schon eingehängt.

Bis zum Donnerstag hörte ich nichts mehr von ihr. Um zwei Uhr klingelte das Telefon, ihr Ton schwankte zwi- schen Härte und Bedauern. »Es tut mir leid«, sagte sie, »aber ich komme doch nicht mit nach Griechenland.« Sie wartete auf meine Reaktion, ich wartete auch darauf. Nach einigen Sekunden antwortete ich: »Mir tut es ebenfalls sehr leid. Aber ich fahre trotzdem.«

Sie verstand meine Enttäuschung und versuchte, sich zu rechtfertigen: »Wenn ich mitfahre, laufe ich vor mir selber davon«, flüsterte sie.

Wie du dir vorstellen kannst, waren es sehr traurige Ferien, ich bemühte mich, den Fremdenführern zu folgen, mich für die Eandschaft, die Archäologie zu interessieren; aber in Wirklichkeit dachte ich nur an deine Mutter, wo- hin ihr Leben sich entwickelte.

Ilaria, sagte ich mir, ähnelt einem Bauern, den, nachdem er seinen Garten angebaut und die ersten Pflänzchen hat sprießen sehen, die Furcht überkommt, sie könnten Schaden nehmen. Also kauft er, um sie vor allen Unbilden zu schützen, eine schöne wasser- und winddichte Plastikplane und spannt sie darüber; um die Blattläuse und die Larven fernzuhalten, besprüht er die Pflänzchen mit reichlich Insektenvertilgungsmittel. Er arbeitet pausenlos, es gibt keinen Augenblick der Nacht oder des Tages, an dem er nicht an den Garten denkt und daran, wie er ihn schützen kann. Dann, eines Morgens, als er die Plane hochhebt, erlebt er die häßliche Überraschung, daß die Pflänzchen alle verfault sind, abgestorben. Hätte er sie frei wachsen lassen, wären einige trotzdem gestorben, aber andere hätten überlebt. Neben den von ihm gepflanzten Dingen wären, vom Wind und von den Insekten mitgebracht, andere gewachsen, manche wären Unkraut gewesen, das hätte er ausgerissen, aber andere wären vielleicht Blumen geworden, die mit ihren Farben die Gleichförmigkeit des Gemüsegartens aufgeheitert hätten. Verstehst du? Es geht nicht ohne Freigebigkeit im Leben: Den eigenen kleinen Charakter zu pflegen und dabei nichts mehr von dem wahrzunehmen, was rundherum ist, bedeutet, zwar noch zu atmen, aber tot zu sein.

Indem sie ihrem Geist eine übermäßige Strenge auferlegte, hatte Ilaria in sich die Stimme des Herzens erstickt.
Durch die vielen Diskussionen mit ihr hatte sogar ich Angst bekommen, dieses Wort auszusprechen. Einmal, als sie noch ein sehr junges Mädchen war, hatte ich zu ihr gesagt: Das Herz ist der Sitz des Geistes. Am nächsten Morgen hatte ich auf dem Küchentisch das bei dem Stichwort Geist – spirito – aufgeschlagene Lexikon gefunden, eine Definition war mit Rotstift unterstrichen: farblose Flüssigkeit, zum Konservieren von Obst geeignet.

Heutzutage denkt man bei Herz gleich an etwas Naives, an Dutzendware. In meiner Jugend war es noch möglich, es ohne Verlegenheit zu erwähnen, jetzt dagegen ist es ein Ausdruck, den niemand mehr benutzt. Wenn einmal da- von die Rede ist, dann nur in bezug auf etwaige Funktionsstörungen: Es geht nicht um das Herz in seiner Gesamtheit, sondern nur um eine Blutleere der Herzkranzgefäße, ein leichtes Arterienleiden; aber von ihm selbst, davon, daß es der Sitz der menschlichen Seele ist, wird nicht mehr gesprochen. Sehr oft habe ich mich nach dem Grund für diese Achtung gefragt. »Wer auf sein Herz vertraut, ist ein Tor«, sagte Augusto oft, die Bibel zitierend. Warum sollte er ein Tor sein? Vielleicht weil sein Herz einer Brennkammer ähnelt? Weil Dunkel herrscht dort drinnen, Dunkel und Feuer? Der Verstand ist so modern wie das Herz alt. Wer auf das Herz hört – denkt man dann –, steht dem Tierreich nahe, dem Unkontrollierten, wer auf den Verstand hört, ist den höchsten Geistesdingen nahe. Und wenn es nun gar nicht so wäre, wenn eher das Gegenteil stimmte? Wenn gerade durch dieses Übermaß an Vernunft das Leben verarmte?

Während der Heimreise aus Griechenland hatte ich es mir zur Gewohnheit gemacht, einen Teil des Vormittags in
der Nähe der Kommandobrücke zu verbringen. Es gefiel mir hineinzuspähen, das Radargerät und all die kompli- zierten Apparaturen zu beäugen, die anzeigten, wohin wir fuhren. Dort, während ich die verschiedenen Antennen beobachtete, die in der Luft zitterten, kam mir der Gedanke, daß der Mensch immer mehr einem Radio ähnelt, das nur eine Frequenz empfangen kann. Es geschieht in etwa das gleiche wie mit den kleinen Transistorradios, die man als Werbegeschenk in Waschmitteln findet: Obwohl auf der Skala alle Sender verzeichnet sind, gelingt es in Wirklichkeit, wenn man am Sucher dreht, nicht, mehr als einen oder zwei Sender zu empfangen, der Rest ist ein Rauschen im Äther. Ich habe den Eindruck, daß der übermäßige Gebrauch des Geistes in etwa die gleiche Wirkung hervorruft: Von all der Wirklichkeit, die einen umgibt, kann man nur einen kleinen Ausschnitt erfassen. Und in diesem Ausschnitt herrscht oft Verwirrung, weil er voller Wörter ist, und die Wörter uns meistens nur im Kreis herumführen, anstatt uns einen weiteren Raum zu eröffnen.

Verstehen erfordert Stille. Als junge Frau wußte ich das nicht, ich weiß es erst, seit ich mich dumm und einsam durchs Haus bewege wie ein Fisch in seinem runden Kristallglas. Es ist so ähnlich, wie wenn du einen schmutzigen Fußboden mit dem Besen oder mit einem nassen Lappen säuberst: Nimmst du den Besen, fällt der Staub, der aufge-wirbelt wird, zum großen Teil auf die Gegenstände rundherum; benutzt du dagegen einen feuchten Lappen, wird der Fußboden glänzend und glatt. Die Stille ist wie der feuchte Lappen, sie wischt die Stumpfheit des Staubs für immer fort. Der Geist ist ein Gefangener der Worte; wenn er einem Rhythmus folgt, so dem unordentlichen Rhythmus der Gedanken; das Herz dagegen atmet, von allen Organen ist es das einzige, das pulsiert, und dieses Pulsieren erlaubt es ihm, mit dem Pulsieren größerer Dinge in Einklang zu treten. Manchmal lasse ich aus Versehen den Fernsehapparat den ganzen Nachmittag an; auch wenn ich gar nicht hinschaue, folgt mir sein Geräusch durch alle Zimmer, und abends beim Zubettgehen bin ich viel nervöser als sonst und habe Mühe einzuschlafen. Das ständige Geräusch, der Lärm sind eine Art Droge, wenn man sich daran gewöhnt hat, kann man nicht mehr ohne sie auskommen.

Ich möchte nicht zu weit gehen mit meinem Bericht, noch nicht. Die Seiten, die ich heute geschrieben habe, kommen mir ein bißchen so vor, als hätte ich eine Torte zubereitet und dabei verschiedene Rezepte zusammenge- mischt – ein paar Mandeln und dann Ricotta, Rosinen und Rum, Löffelbiskuits und Marzipan, Schokolade und Erd-
beeren –, kurz und gut, eine dieser schrecklichen Sachen, die du mich einmal hast versuchen lassen mit der Bemer- kung, das nenne man Nouvelle cuisine. Ein Durcheinander? Kann sein. Ich stelle mir vor, daß ein Philosoph, wenn er diese Seiten läse, wahrscheinlich ständig den Rotstift zücken würde, wie alte Eehrerinnen. »Widersprüchlich«, würde er schreiben, »Thema verfehlt, dialektisch unhaltbar.«

Und wenn sie erst einem Psychologen in die Hand fielen! Er könnte einen ganzen Artikel schreiben über die gescheiterte Beziehung zu meiner Tochter, über alles, was ich verdränge. Doch auch wenn ich etwas verdrängt hätte, welche Bedeutung hätte das jetzt noch? Ich hatte eine Tochter und habe sie verloren. Sie hat mit dem Auto einen tödlichen Unfall gebaut. Am selben Tag hatte ich ihr gesagt, daß jener Vater, der ihrer Meinung nach an so vielen Problemen schuld war, nicht ihr richtiger Vater war. Diesen Tag habe ich vor Augen wie einen Filmstreifen, nur daß er nicht durch den Projektor läuft, sondern unbeweglich an der Wand hängt. Ich kenne die Szenenfolge auswendig, kenne von jeder Szene alle Einzelheiten. Nichts entgeht mir, alles ist in mir, pulsiert im Wachen und im Schlafen durch meine Gedanken. Es wird auch nach meinem Tod noch weiter pulsieren.

Die kleine Amsel ist erwacht, in regelmäßigen Abständen steckt sie ihren Kopf aus dem Loch und stößt ein ent-
schlossenes Piep aus. »Ich habe Hunger«, scheint sie zu sägen, »füttere mich gefälligst, worauf wartest du noch?« Ich bin aufgestanden und habe im Kühlschrank nachgesehen, ob es etwas Passendes für sie gäbe. Da aber nichts dabei war, habe ich zum Telefon gegriffen, um Walter zu fragen, ob er vielleicht ein paar Würmer hätte. Während ich die Nummer wählte, habe ich zu ihr gesagt: »Sei nur froh, meine Kleine, daß du aus einem Ei geschlüpft bist und nach deinem ersten Flug vergessen hast, wie deine Eltern aussahen.«

 

November

 

Heute früh, kurz nach neun, kam Walter mit seiner Frau und einem Säckchen voll Würmer. Er hat sie bei einem Cousin aufgetrieben, der gern zum Fischen geht. Es waren Mehlwürmer. Mit seiner Hilfe habe ich die junge Amsel vorsichtig aus der Schachtel herausgeholt, ihr Herz klopfte wie verrückt unter den weichen Brustfedern. Mit einer
Pinzette habe ich die Würmer von dem kleinen Teller genommen und ihr hingehalten. Aber so appetitanregend ich
sie auch vor ihrem Schnabel hin und her schwenkte, sie wollte nichts davon wissen. »Sperren Sie ihr den Schnabel mit einem Zahnstocher auf«, spornte mich Walter daraufhin an, »oder mit den Fingern«, aber ich hatte natürlich nicht den Mut dazu. Irgendwann ist mir dann wieder eingefallen, da wir ja schon viele junge Vögel zusammen auf- gezogen haben, daß man sie von der Seite am Schnabel stupsen muß, also habe ich es versucht. Und tatsächlich hat die kleine Amsel sofort den Schnabel aufgesperrt, als wäre eine Feder dahinter. Nach drei Würmern war sie schon satt. Frau Razman hat einen Kaffee aufgesetzt – ich kann das nicht mehr, seit meine Hand mir nicht mehr richtig gehorcht –, und wir haben noch ein wenig geplaudert. Ohne die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der beiden wäre mein Leben viel schwieriger. In einigen Tagen wollen sie in eine Gärtnerei, um Blumenzwiebeln und Samen für den nächsten Frühling zu kaufen. Sie haben mich eingeladen, mitzufahren. Ich habe weder ja noch nein gesagt. Morgen früh um neun wollen wir noch einmal telefonieren.

 

Jener Tag war der achte Mai. Ich hatte den Vormittag damit verbracht, im Garten nach dem Rechten zu sehen, die Akelei blühte und der Kirschbaum war voller Knospen. Zur Mittagessenszeit tauchte plötzlich, ohne Vorankündi-gung deine Mutter auf. Sie hatte sich stumm von hinten angeschlichen. »Überraschung!« rief sie auf einmal, und mir fiel vor Schreck der Rechen aus der Hand. Ihr Gesichtsausdruck paßte nicht zu der gespielten freudigen Erregung ihres Ausrufs. Sie war ganz gelb und preßte die Lippen zusammen. Beim Sprechen fuhr sie sich dauernd durchs Haar, strich es aus dem Gesicht, zog daran, steckte sich eine Strähne in den Mund.

Dies war in letzter Zeit ihr normaler Zustand, daher habe ich mir keine Sorgen gemacht, als ich sie so sah, je- denfalls nicht mehr als sonst. Ich habe sie gefragt, wo du seist. Sie antwortete, sie habe dich zum Spielen bei einer Freundin gelassen. Während wir auf das Haus zugingen, zog sie ein ganz zerdrücktes Sträußchen Vergißmeinnicht aus der Tasche. »Heute ist Muttertag«, sagte sie, blieb stehen und sah mich reglos an, die Blumen in der Hand, ohne sich zu entschließen, einen Schritt zu tun. Also habe ich den Schritt getan, bin auf sie zugegangen und habe sie zärtlich umarmt und mich bedankt. Als ich ihren Körper an meinem spürte, erschrak ich. Sie war furchterregend starr, und während ich sie an mich drückte, hatte sie sich noch mehr versteift. Ich hatte das Gefühl, als wäre ihr Körper innerlich völlig ausgehöhlt, kalte Luft ging von ihm aus wie von einer Grotte. Da dachte ich an dich, ich erinnere mich noch genau. Was wird bloß aus der Kleinen, habe ich mich gefragt, bei einer Mutter in diesem Zustand? Anstatt sich zu bessern, hatte sich die Situation im Lauf der Zeit verschlechtert, ich war besorgt um dich, um deine Entwicklung. Deine Mutter war sehr eifersüchtig und brachte dich so wenig wie möglich zu mir. Sie wollte dich vor meinem negativen Einfluß bewahren. Wenn ich schon sie ruiniert hatte, sollte es mir wenigstens nicht gelingen, dich zu ruinieren.

Es war Zeit zum Mittagessen, und nach der Umarmung bin ich in die Küche gegangen, um eine Kleinigkeit herzurichten. Das Wetter war mild. Wir haben den Tisch im Freien gedeckt, unter der Glyzinie. Ich habe das grün-
weiß karierte Tischtuch aufgelegt und eine kleine Vase mit den Vergißmeinnicht in die Mitte gestellt. Siehst du? Ich erinnere mich an alles mit einer für mein wackeliges Gedächtnis unglaublichen Genauigkeit. Ob ich ahnte, daß
dies das letzte Mal sein würde, an dem ich sie lebend sah? Oder habe ich nach der Tragödie versucht, die zusammen verbrachte Zeit künstlich auszudehnen? Wer weiß. Wer kann das sagen?

Da ich nichts vorbereitet hatte, habe ich eine Tomatensauce gekocht und Ilaria gefragt, ob sie lieber Penne oder
Fusilli essen wollte. Von draußen hat sie hereingerufen: »Ist mir gleich«, worauf ich die Fusilli ins kochende Wasser warf. Als wir am Tisch saßen, habe ich ihr ein paar Fragen über dich gestellt, Fragen, auf die sie ausweichend ant- wortete. Über unseren Köpfen flogen unentwegt Insekten hin und her. Sie krochen in die Blüten, krabbelten wieder heraus, ihr Summen übertönte fast unsere Stimmen. »Das ist eine Wespe. Erschlag sie! Erschlag sie!« schrie sie, wo-bei sie vom Stuhl sprang und alles umkippte. Daraufhin habe ich mich vorgebeugt, um nachzusehen, und festge- stellt, daß es eine Hummel war. »Es ist keine Wespe, es ist eine Hummel, die sticht nicht«, habe ich zu ihr gesagt. Nachdem ich das Insekt vom Tischtuch verscheucht hatte, habe ich ihr die Nudeln auf den Teller zurückgetan. Noch ganz außer sich setzte sie sich wieder hin, griff zur Gabel und spielte ein wenig damit herum, nahm sie von einer Hand in die andere, dann stützte sie die Ellbogen auf dem Tisch auf und sagte: »Ich brauche Geld.« Dort, wo die Nu- deln hingefallen waren, prangte ein großer roter Fleck auf der Tischdecke.

Die Sache mit dem Geld zog sich schon seit vielen Monaten hin. Noch im vergangenen Jahr hatte Ilaria mir vor Weihnachten gestanden, sie habe zugunsten ihres Analytikers einige Papiere unterschrieben. Als ich sie um nähere Erklärungen bat, war sie wie immer ausgewichen. »Eine Bürgschaft«, hatte sie gesagt, »eine reine Formalität.« So terrorisierte sie mich ständig, wenn sie mir etwas sagen mußte, sagte sie es nur halb. Auf diese Weise lud sie ihre Angst auf mich ab, und danach gab sie mir nicht die nötigen Informationen, die mir erlaubt hätten, ihr zu helfen. Ein unterschwelliger Sadismus steckte in all dem. Und außer dem Sadismus ein rasendes Bedürfnis, immer im Mittelpunkt irgendwelcher Besorgnis zu stehen. Meistens jedoch stellten sich diese Hiobsbotschaften als pure Erfindung heraus.

Sie sagte zum Beispiel: »Ich habe Krebs an den Eier Stöcken«, und ich fand nach kurzen, angstvollen Nachfor-schungen heraus, daß sie nur die Vorsorgeuntersuchung hatte machen lassen, die alle Frauen machen. Verstehst du? Es war so ähnlich wie die Geschichte, in der einer immer schreit: Feuer! Feuer! In den letzten Jahren hatte sie mir so viele Tragödien verkündet, daß ich zuletzt aufgehört hatte, daran zu glauben, oder ihr jedenfalls weniger glaubte. Da- her hatte ich, als sie mir sagte, sie habe irgendwelche Papiere unterschrieben, zunächst nicht weiter darauf geachtet und auch nicht darauf bestanden, mehr zu erfahren. Ich war des zermürbenden Spiels so überdrüssig. Auch wenn ich in sie gedrungen wäre und die Sache früher entdeckt hätte, wäre es dennoch zwecklos gewesen, denn die Papiere hatte sie ja längst unterschrieben, ohne mich auch nur zu fragen.

Der echte Zusammenbruch kam Ende Februar. Da erst erfuhr ich, daß Ilaria mit diesen Papieren in Höhe von dreihundert Millionen Lire für die Geschäfte ihres Arztes bürgte. In den zwei Monaten hatte die Gesellschaft, für die sie die Bürgschaft unterschrieben hatte, Bankrott gemacht, es gab ein Loch von beinahe zwei Milliarden und die Banken hatten begonnen, das Geld einzufordern. An diesem Punkt war deine Mutter zu mir gekommen, um sich aus- zuweinen und zu fragen, was sie bloß tun solle. Die Bürgschaft bestand nämlich in der Wohnung, in der sie mit dir lebte; die forderten die Banken nun ein. Du kannst dir vorstellen, wie ich getobt habe. Mit über dreißig Jahren war deine Mutter nicht nur keineswegs in der Lage, sich selbst zu ernähren, sondern hatte auch das einzige aufs Spiel gesetzt, was sie besaß, die Wohnung, die ich ihr bei deiner Geburt überschrieben hatte. Ich war wütend, ließ es mir aber nicht anmerken. Um sie nicht weiter zu beunruhigen, tat ich ganz unbesorgt. »Mal sehen, was wir tun können.«

Da sie in eine völlige Teilnahmslosigkeit verfallen war, habe ich einen guten Anwalt gesucht. Ich habe mich auch als Detektiv betätigt und alle Informationen gesammelt, die wir brauchen konnten, um den Prozeß mit den Banken zu gewinnen. So erfuhr ich, daß der Arzt ihr schon seit mehreren Jahren starke Psychopharmaka verabreichte. Wenn sie während der Sitzungen ein wenig niedergeschlagen war, bot er ihr Whisky an. Er wiederholte ihr unaufhörlich, sie sei seine Lieblingsschülerin, die begabteste von allen, und bald würde sie eine eigene Praxis aufmachen und selbst andere Menschen behandeln können. Mir läuft es kalt den Rücken hinunter, wenn ich diese Sätze nur wiederhole. Weißt du, was das heißt, wenn Ilaria bei ihrer Anfälligkeit, ihrer Verwirrung, ihrem völligen Mangel an innerem Gleichgewicht, von einem Tag zum nächsten andere Menschen hätte behandeln können. Ohne diesen Zwischenfall wäre es so gut wie sicher dazu gekommen: Ohne mir ein Wort zu sagen, hätte sie angefangen, die gleiche Kunst auszuüben wie ihr Guru.

Natürlich hatte sie nie gewagt, mit mir in aller Deutlichkeit über dieses Vorhaben zu sprechen. Wenn ich sie fragte, warum sie in keiner Weise ihr Literaturstudium nutzte, antwortete sie mit einem schlauen Lächeln: »Du wirst schon sehen, wart’s nur ab...«

Manche Dinge tun sehr weh, wenn man über sie nachdenkt. Und wenn man sie dann ausspricht, wird der Schmerz noch viel größer. In jenen schrecklichen Monaten ging mir etwas auf, worauf ich bis dahin nie gekommen war. Ich weiß nicht, ob ich gut daran tue, es dir zu berichten, doch nachdem ich nun einmal beschlossen habe, dir nichts zu verbergen, lasse ich die Katze aus dem Sack. Nun, siehst du, ich verstand mit einemmal, daß deine Mutter kein bißchen intelligent war. Es hat mich sehr viel Mühe gekostet, es zu begreifen und es hinzunehmen, erstens, weil man sich bei den eigenen Kindern immer etwas vormacht, und zweitens, weil es ihr mit all ihrem falschen Wissen, all ihrer Dialektik ausgezeichnet gelungen war, darüber hinwegzutäuschen. Hätte ich den Mut gehabt, es rechtzeitig zu merken, hätte ich sie mehr beschützt, hätte sie unerschütterlicher liebgehabt. Vielleicht hätte ich sie dann retten können.

Das war das Wichtigste, und ich habe es erst gemerkt, als fast nichts mehr zu machen war. Angesichts der Lage war die einzige Möglichkeit die, sie für unzurechnungsfähig erklären zu lassen und einen Prozeß wegen Hörig- machens anzustrengen. An dem Tag, an dem ich ihr mitteilte, daß wir – der Rechtsanwalt und ich – beschlossen hatten, diesen Weg einzuschlagen, bekam deine Mutter einen hysterischen Anfall. »Das machst du mit Absicht«, schrie sie, »das hast du dir nur ausgedacht, um mir das Kind wegzunehmen.« Insgeheim jedoch dachte sie bestimmt nur an eines, da bin ich sicher, daß nämlich, wenn sie für unzurechnungsfähig erklärt würde, es mit ihrer Karriere für immer vorbei wäre. Sie ging mit verbundenen Augen am Rand eines Abgrunds entlang und glaubte immer noch, sie befände sich zum Picknick auf einer Wiese. Nach diesem Anfall befahl sie mir, dem Rechtsanwalt das Mandat zu entziehen und nichts mehr zu unternehmen. Sie suchte selbst einen anderen Anwalt auf; sonst erfuhr ich über die Sache nichts mehr bis zu dem Tag der Vergißmeinnicht.

Verstehst du, in welchem Seelenzustand ich war, als sie, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, das Geld von mir verlangte? Natürlich, ich weiß, ich rede von deiner Mutter, und du hörst aus meinen Worten jetzt vielleicht nur eine kalte Grausamkeit heraus, du denkst, sie hatte recht, mich zu hassen. Doch erinnere dich an das, was ich dir zu An- fang sagte: Deine Mutter war meine Tochter, ich habe viel mehr verloren als du. Du bist an ihrem Verlust unschuldig, ich dagegen nicht, keineswegs. Wenn es dir ab und zu so vorkommt, als spräche ich mit Abstand von ihr, versuch, dir vorzustellen, wie groß mein Schmerz sein mag, wie sehr dieser Schmerz ohne Worte ist. Der Abstand besteht nur scheinbar, er ist der Puffer, der mir das Weitersprechen ermöglicht.

Als sie von mir forderte, ihre Schulden zu bezahlen, sagte ich zum ersten Mal in meinem Leben nein zu ihr,
einfach nein. »Ich bin keine Schweizer Bank«, antwortete ich, »diese Summe habe ich nicht. Auch wenn ich sie hätte, würde ich sie dir nicht geben, du bist groß genug, um für deine Taten selbst die Verantwortung zu übernehmen. Ich hatte nur eine Wohnung, die habe ich dir überschrieben. Wenn du sie verloren hast, geht es mich nichts mehr an.«

Daraufhin begann sie zu jammern. Sie fing einen Satz an, brach ihn mittendrin ab, fing einen neuen an; es gelang
mir nicht, in Inhalt oder Abfolge irgendeinen Sinn, eine Logik zu erkennen. Nach etwa zehn Minuten Gejammer war sie wieder bei ihrer fixen Idee angelangt: dem Vater und seiner angeblichen Schuld, die vor allem darin bestand, daß er ihr so wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte. »Es muß eine Wiedergutmachung geben, verstehst du das oder nicht?« schrie sie mich mit einem schrecklichen Flackern in den Augen an.


Date: 2016-01-14; view: 66


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