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Opicina, 16. November 1992 3 page

Diese Begebenheit bezeichnet meiner Ansicht nach meinen Eintritt ins Erwachsenenalter. Mit sechs Jahren? Ja genau, mit sechs Jahren. Argo war weggegangen, weil ich böse gewesen war, mein Betragen hatte also einen Einfluß auf das, was um mich war. Einen Einfluß, der zum Verschwinden, zu Zerstörung führte.

Von da an waren meine Handlungen nicht mehr unbeschwert, nicht mehr folgenlos. Vor Angst, noch weitere
Fehler zu begehen, habe ich sie nach und nach auf ein Mindestmaß beschränkt, bin apathisch und zögerlich gewor- den. Nachts preßte ich den Ball zwischen den Händen und sagte weinend: »Argo, bitte komm zurück, auch wenn ich etwas verkehrt gemacht habe, mag ich dich doch lieber als alle anderen.« Als mein Vater einen neuen Welpen mit nach Hause brachte, wollte ich ihn nicht einmal ansehen. Er war für mich ein Fremder, und so mußte es bleiben.

Heuchelei bestimmte die Kindererziehung. Ich erinnere mich noch genau, wie ich einmal, als ich beim Spazieren- gehen mit meinem Vater an einer Hecke vorüberkam, ein totes Rotkehlchen fand. Ohne jede Scheu hob ich es auf und zeigte es ihm. »Leg’s wieder hin«, hatte er sofort geschrien, »siehst du denn nicht, daß es schläft?« Der Tod war, wie die Liebe, ein Thema, über das nicht gesprochen werden durfte. Wäre es nicht tausendmal besser gewesen, wenn sie mir gesagt hätten, daß Argo tot war? Mein Vater hätte mich in den Arm nehmen und zu mir sagen können: »Ich habe ihn getötet, weil er krank war und zuviel leiden mußte. Wo er jetzt ist, ist er viel glücklicher.« Natürlich hätte ich mehr geweint, wäre verzweifelt gewesen, monatelang wäre ich immer wieder zu der Stelle gegangen, wo er begraben lag, hätte lange durch die Erde hindurch mit ihm gesprochen. Dann hätte ich ganz langsam angefangen, ihn zu vergessen, andere Dinge wären interessant geworden, andere Leidenschaften hätten mich ergriffen, und Argo wäre in meinen Gedanken in den Hintergrund getreten wie eine Erinnerung, eine schöne Erinnerung meiner Kindheit. Auf diese Weise aber wurde Argo zu einem kleinen Toten, den ich in mir trage.

Deshalb sage ich, daß ich mit sechs Jahren schon groß war, weil an die Stelle der Freude schon die Angst, an die Stelle der Neugier schon die Gleichgültigkeit getreten war. Waren mein Vater und meine Mutter denn Ungeheuer? Nein, keineswegs, für die damalige Zeit waren sie völlig normal.

Erst im Alter begann meine Muter, mir etwas über ihre Kindheit zu erzählen. Ihre Mutter war gestorben, als sie noch klein war, und hatte zuvor einen Jungen gehabt, der mit drei Jahren an einer Lungenentzündung starb. Sie war gleich danach gezeugt worden und hatte nicht nur das Unglück gehabt, als Mädchen geboren zu werden, sondern auch am gleichen Tag, an dem der Bruder gestorben war. Um an dieses traurige Zusammentreffen zu erinnern, hatte man sie schon als Säugling in die Farbe der Trauer gekleidet. Über der Wiege hing ein großes Ölgemälde des Bru- ders. Es sollte ihr jedesmal, wenn sie die Augen öffnete, vergegenwärtigen, daß sie nur ein Ersatz war, eine blasse
Kopie von jemandem, der besser war. Verstehst du? Wie sollte man sie da beschuldigen wegen ihrer Kälte, wegen ihrer Lebensferne? Sogar Affen, die anstatt von der eigenen Mutter in einem aseptischen Labor aufgezogen wer- den, trauern nach einer Weile und gehen schließlich ein. Und wer weiß, was wir finden würden, wenn wir noch weiter nachforschten, um zu sehen, wie es ihrer Mutter oder der Mutter ihrer Mutter ergangen war.



Normalerweise folgt das Unglück der weiblichen Linie. Wie manche genetischen Anomalien wird es von der Mutter an die Tochter weitergegeben. Und anstatt sich allmählich zu verlieren, wird es immer heftiger, unausrottbarer und größer. Für die Männer war es damals ganz anders, sie hatten ihren Beruf, die Politik, den Krieg; sie konnten ihre Kraft nach außen wenden, sie ausleben. Wir nicht. Wir haben uns Generationen um Generationen nur zwischen Schlafzimmer, Küche und Bad bewegt; wir haben Tausende von Schritten getan, von Handgriffen ausgeführt, und dabei immer den gleichen Groll, die gleiche Unzufriedenheit mit uns herumgetragen. Ob ich Feministin geworden bin? Nein, fürchte nichts, ich versuche nur, mit klarem Verstand zu erkennen, was dahintersteckt.

Weißt du noch, wie wir in der Nacht vom 15. August aufs Vorgebirge hinaufwanderten, um dem Feuerwerk zu- zusehen, das am Meer veranstaltet wurde? Unter all den Raketen war ab und zu eine, die zwar zündete, aber es nicht schaffte, zum Himmel aufzusteigen. Nun, wenn ich an das Leben meiner Mutter denke, an das meiner Großmutter, an das Leben vieler Menschen, die ich kenne, dann fällt mir genau dieses Bild ein – sie implodieren, anstatt aufzusteigen.

 


November

 

Irgendwo habe ich gelesen, daß Manzoni, während er Die Verlobten schrieb, sich jeden Morgen beim Aufstehen
freute, allen seinen Personen wiederzubegegnen. Das kann ich von mir nicht behaupten. Obwohl viele Jahre darüber hinweggegangen sind, bereitet es mir keinerlei Vergnügen, über meine Familie zu sprechen, meine Mutter ist mir re-gungslos und feindselig wie ein Janitschar im Gedächtnis geblieben. Heute früh habe ich, damit etwas Luft ist zwi-schen mir und ihr, zwischen mir und den Erinnerungen, einen Spaziergang durch den Garten gemacht. In der Nacht hatte es geregnet, nach Westen zu war der Himmel hell, während hinter dem Haus noch große lila Wolken drohten. Um nicht vom nächsten Schauer überrascht zu werden, bin ich wieder hineingegangen. Kurz darauf brach ein Gewitter los und im Haus wurde es so dunkel, daß ich die Lichter anmachen mußte. Ich habe den Fernseher und den Kühlschrank ausgesteckt, damit sie nicht vom Blitz beschädigt werden, dann habe ich die Taschenlampe ge- nommen und bin in die Küche gegangen, um unsere tägliche Verabredung einzuhalten.

Doch kaum hatte ich mich gesetzt, wurde mir klar, daß ich noch nicht bereit war, vielleicht war die Luft zu aufge- laden, meine Gedanken sprangen durch die Gegend wie Funken. Also bin ich wieder aufgestanden und ziellos ein wenig durchs Haus gegangen, den unerschrockenen Buck dicht hinter mir. Ich bin in das Zimmer gegangen, wo ich mit deinem Großvater schlief, dann in mein jetziges – das früher deiner Mutter gehörte –, dann in das schon so lange unbenutzte Eßzimmer, und schließlich in deines. Während ich so von einem Raum in den anderen ging, fiel mir wieder ein, wie das Haus auf mich gewirkt hatte, als ich es zum ersten Mal betrat: Es hatte mir überhaupt nicht gefallen. Nicht ich hatte es ausgesucht, sondern mein Mann Augusto, und auch er hatte sich überstürzt entschieden. Wir brauchten einen Platz zum Wohnen und konnten nicht mehr länger warten. Da das Haus ziemlich groß war und einen Garten hatte, war es ihm vorgekommen, als entspräche es allen unseren Anforderungen. Von dem Augenblick an, in dem wir das Gartentor öffneten, hatte ich gleich den Eindruck, es sei von schlechtem, ja sogar schlechtestem Geschmack; weder in den Farben noch in den Formen paßte irgendein Teil zu einem anderen. Von der einen Seite betrachtet, sah es aus wie ein Schweizer Chalet, von der anderen hätte es, mit seinem großen Bullauge in der Mitte und dem Stufengiebel, eines jener holländischen Häuser sein können, die an den Grachten stehen. Und aus der Ferne gesehen hatte man den Eindruck, daß es mit seinen sieben verschiedenen Schornsteinen nur aus einem Märchen stammen konnte. Es war in den zwanziger Jahren gebaut worden, besaß aber kein einziges Merkmal, das es als Haus aus jener Epoche auswies. Daß es keine Identität hatte, beunruhigte mich, ich habe Jahre gebraucht, um mich daran zu gewöhnen, daß es mein Zuhause war und das Eeben meiner Familie in seinen Wänden stattfand.

Als ich gerade in deinem Zimmer war, ist bei einem Blitz, der näher eingeschlagen hatte als die anderen, die Sicherung durchgebrannt. Anstatt die Taschenlampe anzuknipsen, habe ich mich auf dein Bett gelegt. Draußen rauschte heftiger Regen und der Wind pfiff, drinnen gab es andere Geräusche, Knarren, kleine dumpfe Töne, das Geräusch von arbeitendem Holz. Während ich mit geschlossenen Augen dalag, kam mir das Haus einen Augen- blick lang vor wie ein Schiff, ein großes Segelschiff, das über die Wiese dahingleitet. Der Sturm hatte sich erst um die Mittagszeit gelegt, vom Fenster deines Zimmers aus habe ich gesehen, daß zwei große Äste vom Nußbaum ab- gebrochen waren.

Jetzt bin ich wieder in der Küche, auf meinem Schlachtfeld, habe gegessen und das bißchen Geschirr gespült, das ich gebraucht hatte. Buck schläft zu meinen Füßen, erschöpft von den Aufregungen des heutigen Vormittags. Je älter er wird, um so mehr versetzen Gewitter ihn in einen Schreckenszustand, von dem er sich nur mühsam erholt.

In den Büchern, die ich gekauft hatte, als du noch in den Kindergarten gingst, las ich irgendwann auch, daß die Wahl der Familie, in die man hineingeboren wird, von der Stufe abhängt, die man bei der Seelenwanderung erreicht hat. Man hat diesen Vater und diese Mutter, weil nur er und nur sie uns erlauben werden, einen winzig kleinen Schritt nach vorn zu tun. Wenn es aber so ist, hatte ich mich damals gefragt, warum tritt man dann so viele Gene-rationen lang auf der Stelle? Warum macht man Rückschritte, anstatt vorwärtszukommen?

Kürzlich stand in der wissenschaftlichen Beilage einer Zeitung, daß die Evolution vielleicht gar nicht so funktio-niert, wie wir immer angenommen hatten. Nach den neusten Theorien finden die Veränderungen nicht allmählich statt. Die längere Pfote, der anders geformte Schnabel, der der Erschließung anderer Nahrungsquellen dient, bilden sich nicht nach und nach, Millimeter für Millimeter, Generation um Generation heraus. Nein, sie treten plötzlich auf: Von der Mutter zum Sohn ist auf einmal alles anders. Zur Bestätigung gibt es Skelettüberreste, Kieferknochen, Hufe, Schädel mit anderen Zähnen. Von sehr vielen Arten sind nie Übergangsformen gefunden worden. Der Großvater ist so und der Enkel anders, zwischen einer Generation und der nächsten hat ein Sprung stattgefunden. Wenn das auch auf das Innenleben der Menschen zuträfe?

Die Veränderungen mehren sich unbemerkt, ganz allmählich, und irgendwann kommen sie zum Ausbruch. Plötzlich unterbricht eine Person den Kreislauf, beschließt, anders zu sein. Schicksal, Vererbung, Erziehung, wo beginnt das eine, wo endet das andere? Wenn du auch nur einen Augenblick innehältst, um darüber nachzudenken, überkommt dich Bestürzung angesichts des großen Geheimnisses, das hinter all dem verborgen ist.

Kurz vor meiner Hochzeit hatte die Schwester meines Vaters von einem mit ihr befreundeten Astrologen ein Horoskop für mich machen lassen. Eines Tages stand sie mit einem Blatt Papier in der Hand vor mir und sagte: »Hier, das ist deine Zukunft.« Auf dem Blatt war eine geometrische Zeichnung, die Linien, mit denen die Punkte
der verschiedenen Planeten miteinander verbunden waren, formten viele Zacken. Als ich es sah, dachte ich – ich erinnere mich noch genau –, da ist keine Harmonie drin, keine Kontinuität, sondern lauter Sprünge, lauter so un- vermittelte Kehrtwendungen, daß es jedesmal wirkt wie ein Sturz. Auf die Rückseite hatte der Astrologe geschrie- ben: »Ein schwieriger Weg, du wirst dich mit all deinen Tugenden wappnen müssen, um ihn bis zum Ende zu gehen.«

Die Sache hatte mich stark beeindruckt, denn bis zu dem Moment war mir mein Leben sehr banal erschienen; es hatte zwar auch Schwierigkeiten gegeben, aber diese Schwierigkeiten waren mir recht nichtig vorgekommen,
mehr denn Abgründe war es einfach das übliche Auf und Ab in der Jugend gewesen. Auch als ich dann erwachsen wurde, Ehefrau und Mutter, Witwe und Großmutter, habe ich mich nie von dieser scheinbaren Normalität entfernt. Das einzige außergewöhnliche Ereignis, wenn man es so nennen kann, war der tragische Tod deiner Mutter. Und doch log diese Sternenkarte, wenn man es genau betrachtet, im Grunde genommen nicht: Unter der soliden, glatten Oberfläche, hinter meinem Alltagstrott einer bürgerlichen Frau verbarg sich in Wirklichkeit eine ständige Bewegung, die aus kleinen Aufschwüngen, Zerrissenheiten, unerwarteten Finsternissen und tiefsten Einbrüchen bestand. Oft gewann in meinem Leben die Verzweiflung die Oberhand, ich fühlte mich wie die Soldaten, die, im Stechschritt marschierend, auf der Stelle treten. Die Zeiten änderten sich, die Menschen änderten sich, alles änderte sich um mich her, und ich hatte den Eindruck, immer am selben Fleck zu bleiben.

Der Tod deiner Mutter hat der Gleichförmigkeit dieses Marsches den Gnadenstoß versetzt. Die ohnedies beschei-dene Vorstellung, die ich von mir hatte, brach schlagartig in sich zusammen. Falls ich bisher ein oder zwei Schritte vorwärts getan habe, sagte ich mir, so hat es mich jetzt plötzlich zurückgeworfen, ich habe auf meinem Weg den Tiefpunkt erreicht. In jenen Tagen fürchtete ich, nicht mehr weiter zu können, mir war, als sei der winzige Bruchteil von Dingen, den ich bis dahin verstanden hatte, blitzartig ausgelöscht worden. Zum Glück habe ich mich diesem depressiven Zustand nicht lange überlassen können, das Leben mit seinen Anforderungen ging ja weiter.

Das Leben warst du: Klein, schutzlos, ohne einen anderen Menschen auf der Welt, hast du dieses stille, traurige Haus mit deinem unvermittelten Lachen, deinem Weinen erfüllt. Als ich deinen großen Kinderkopf zwischen Tisch und Sofa hin und her schwanken sah, habe ich, das weiß ich noch, gedacht, daß wohl doch nicht alles vorbei sei. Der Zufall hatte mir in seiner unvorhersehbaren Großzügigkeit noch eine Chance gegeben.

Der Zufall. Einmal hat der Mann von Frau Morpurgo mir erzählt, dieses Wort gebe es im Hebräischen nicht. Um etwas die Zufälligkeit Betreffendes auszudrücken, müssen sie das Wort Hasard benutzen, das aus dem Arabischen kommt. Das ist komisch, findest du nicht? Es ist komisch, aber auch beruhigend: Wo Gott ist, ist kein Platz für den Zufall, nicht einmal für das einfache Wort, das ihn bezeichnet. Alles ist geordnet, von oben geregelt, alles, was dir geschieht, geschieht dir, weil es einen Sinn hat. Ich habe diejenigen, die sich ohne Zögern diese Weltanschauung zu eigen machen, immer sehr um ihre Unbeschwertheit beneidet. Was mich betrifft, so ist es mir bei allem guten Willen nie gelungen, sie mehr als zwei Tage hintereinander durchzuhalten: Vor dem Grauen, vor der Ungerechtigkeit bin ich immer zurückgewichen; anstatt sie dankbar zu rechtfertigen, haben sie in mir stets ein Gefühl heftiger Auflehnung ausgelöst.

Jetzt jedoch werde ich etwas wirklich Gewagtes tun, nämlich dir einen Kuß schicken. Wie du diese Küsse haßt, nicht wahr? Sie prallen an deinem Panzer ab wie Tennisbälle. Aber das ist völlig nebensächlich, ob es dir gefällt oder nicht, einen Kuß schicke ich dir trotzdem, du kannst nichts dagegen tun, denn in diesem Augenblick schwebt er schon durchsichtig und leicht über den Ozean.

 

Ich bin müde. Mit einer gewissen Angst habe ich das, was ich bisher geschrieben habe, noch einmal durchgelesen. Wirst du etwas verstehen? So viele Dinge drängen sich in meinem Kopf; um herauszukommen, schubsen sie einander beiseite wie die Damen beim Schlußverkauf. Wenn ich über etwas nachdenke, gelingt es mir nie, systematisch vorzugehen, den Faden entsprechend einer Logik von Anfang bis Ende aufzurollen. Manchmal glaube ich, daß es so ist, weil ich nie auf der Universität war. Ich habe sehr viele Bücher gelesen, war auf viele Dinge neugierig, aber immer mit einem Gedanken bei den Windeln, einem am Kochtopf und einem dritten bei den Gefühlen. Wenn ein Botaniker durch eine Wiese geht, wählt er die Blumen nach einer genauen Ordnung aus, er weiß, was er sucht und was ihn überhaupt nicht interessiert; er entscheidet, sondert aus, stellt Verbindungen her. Wenn aber ein Spaziergänger durch die Wiese geht, werden die Blumen auf andere Weise ausgewählt, eine, weil sie gelb ist, eine andere, weil sie blau ist, eine dritte, weil sie duftet, die vierte, weil sie am Wegrand blüht. Genauso ist mein Verhältnis zum Wissen gewesen, glaube ich. Deine Mutter warf es mir immer vor. Wenn wir miteinander diskutierten, unterlag ich fast sofort. »Du denkst nicht dialektisch«, sagte sie zu mir. »Wie alle Bourgeois bist du nicht in der Lage, das, was du denkst, ernsthaft zu verteidigen.«

So wie dich eine wilde, namenlose Unruhe erfüllt, war deine Mutter von Ideologie erfüllt. Für sie war die Tatsa- che, daß ich von kleinen anstatt von großen Dingen redete, ein ständiges Ärgernis. Sie sagte, ich sei reaktionär und kranke an bürgerlichen Phantasien. Ihrer Ansicht nach war ich reich und daher dem Überflüssigen, dem Luxus verfallen und besaß einen natürlichen Hang zum Bösen.

So, wie sie mich manchmal ansah, war ich sicher, daß sie mich, hätte es ein Volkstribunal mit ihr als Vorsitzender gegeben, zum Tode verurteilt hätte. Mein Unrecht war, in einer kleinen Villa mit Garten statt in einer Baracke oder einer Mietskaserne in der Vorstadt zu leben. Zu diesem Unrecht kam noch hinzu, daß ich eine kleine Rente geerbt hatte, die für unser beider Lebensunterhalt reichte. Um nicht die Fehler zu machen, die meine Eltern begangen hatten, interessierte ich mich für das, was sie sagte, oder bemühte mich jedenfalls darum. Ich habe sie nie ausge- lacht und auch nie durchblicken lassen, wie fremd mir alle totalitären Ideen waren, doch sie muß mein Mißtrauen ge- genüber ihren vorgefertigten Sätzen dennoch gespürt haben.

Ilaria ging in Padua auf die Universität. Sie hätte genau sogut in Triest studieren können, aber sie war zu unduld-sam, um weiter mit mir zusammenzuleben. Jedesmal, wenn ich ihr vorschlug, ich könnte sie besuchen, antwortete sie mir mit einem feindseligen Schweigen. Sie kam sehr langsam mit dem Studium voran, ich wußte nicht, mit wem sie sich die Wohnung teilte, sie hatte es mir nie sagen wollen. Da ich ihre Anfälligkeit kannte, machte ich mir Sorgen. Es hatte den Mai ’68 gegeben, die besetzten Universitäten, die Studentenbewegung. Wenn ich bei ihren seltenen Anrufen ihren kurzen Berichten zuhörte, wurde mir klar, daß ich ihr nicht mehr folgen konnte, daß sie sich immer mit Feuereifer für irgend etwas einsetzte und dieses Etwas ständig wechselte. Meiner Mutterrolle gehorchend,
versuchte ich, sie zu verstehen, aber es war sehr schwierig: Alles war verkrampft, unbeständig, es gab zu viele neue Ideen, zu viele absolute Begriffe. Anstatt mit ihren eigenen Worten zu reden, benutzte Ilaria ein Schlagwort nach dem anderen. Ich fürchtete um ihr seelisches Gleichgewicht: Sich zugehörig zu einer Gruppe zu fühlen, mit der sie dieselben Gewißheiten, dieselben absoluten Dogmen teilte, verstärkte auf besorgniserregende Weise ihre natürliche
Neigung zur Überheblichkeit.

Als sie im sechsten Studienjahr war, nahm ich, beunruhigt, daß ihr Schweigen länger andauerte als sonst, den Zug und fuhr sie besuchen. Das hatte ich noch nie getan, seit sie in Padua wohnte. Als sie die Tür öffnete, war sie entsetzt. Anstatt mich zu begrüßen, griff sie mich an: »Wer hat dich eingeladen?« Und ohne mir Zeit für eine Antwort zu lassen, setzte sie hinzu: »Du hättest mir Bescheid sagen müssen, ich wollte gerade gehen. Ich habe heute früh eine wichtige Prüfung.« Sie war noch im Nachthemd und es war offensichtlich, daß es sich um eine Ausrede handelte. Ich tat, als bemerkte ich nichts, und sagte: »Nun gut, dann werde ich eben auf dich warten, und danach werden wir das Ergebnis zusammen feiern.« Kurz darauf ging sie wirklich, so überstürzt, daß sie die Bücher auf dem Tisch liegenließ.

Als ich in der Wohnung allein war, tat ich das, was jede andere Mutter auch getan hätte: Ich begann, in ihren Schubladen zu stöbern, ich suchte nach einem Zeichen, nach etwas, das mir helfen könnte zu verstehen, welche Richtung ihr Leben genommen hatte. Es war nicht meine Absicht, ihr nachzuspionieren, Zensur auszuüben oder mich wie ein Inquisitor zu verhalten, solche Dinge lagen meinem Charakter schon immer fern. Ich fühlte nur eine große Angst in mir, und um sie zu besänftigen, brauchte ich einen Anknüpfungspunkt. Abgesehen von Flugblättern und ein paar revolutionären Propagandaschriften fiel mir nichts in die Hände, kein Brief, kein Tagebuch. An einer Wand ihres Schlafzimmers hing ein Plakat, auf dem stand: »Die Familie ist so luftig und anregend wie eine Gaskammer.« Auf seine Weise war das ein Indiz.

Ilaria kam am frühen Nachmittag heim und sah noch genauso abgehetzt aus, wie sie fortgegangen war. »Wie ist es dir in der Prüfung ergangen?« fragte ich sie so liebevoll wie möglich.

Sie zuckte die Achseln. »Wie immer«, und nach einer Pause fügte sie hinzu: »Bist du deswegen gekommen? Um
mich zu kontrollieren?«

Ich wollte einen Zusammenstoß vermeiden, daher antwortete ich ihr in ruhigem, entgegenkommendem Tonfall, daß ich nur einen einzigen Wunsch hätte, nämlich den, ein wenig mit ihr zu reden.

»Reden?« fragte sie ungläubig. »Und worüber? Über deine mystischen Spinnereien?«

»Über dich, Ilaria«, sagte ich daraufhin leise und versuchte, ihren Augen zu begegnen.

Sie trat ans Fenster, den Blick starr auf eine Weide mit matten, herabhängenden Zweigen gerichtet: »Ich habe nichts zu erzählen, jedenfalls dir nicht. Ich will keine Zeit verlieren mit pseudointimem kleinbürgerlichem Ge- schwätz.« Dann blickte sie von der Weide auf ihre Armbanduhr und sagte: »Es ist spät, ich habe eine wichtige Versammlung. Du mußt gehen.«

Ich gehorchte ihr nicht, ich stand auf, doch anstatt zu gehen, trat ich zu ihr und nahm ihre Hände in meine. »Was ist los?« fragte ich sie. »Worunter leidest du?« Ich hörte, wie ihr Atem rascher ging. »Dich in diesem Zustand zu se-hen tut mir in der Seele weh«, setzte ich hinzu. »Auch wenn du mich als Mutter ablehnst, lehne ich dich nicht als
Tochter ab. Ich möchte dir helfen, aber wenn du mir nicht entgegenkommst, kann ich nichts tun.«

Da begann ihr Kinn zu zittern, wie früher, wenn sie als Kind dem Weinen nahe war; sie riß sich los und drehte sich ruckartig zur Zimmerecke um. Ihr schmaler, angespannter Körper wurde von tiefen Schluchzern geschüttelt. Ich strich ihr übers Haar, und so eisig ihre Hände waren, so heiß war ihr Kopf. Sie drehte sich abrupt um, umarmte mich und verbarg ihr Gesicht an meiner Schulter. »Mama«, sagte sie, »ich... ich...«

Genau in dem Augenblick klingelte das Telefon.

»Laß es läuten«, flüsterte ich ihr ins Ohr.

»Ich kann nicht«, antwortete sie, während sie sich die Augen trocknete.

Als sie den Hörer abnahm, war ihre Stimme wieder fremd und metallisch. Das kurze Gespräch klang, als sei etwas Schwerwiegendes vorgefallen. Tatsächlich sagte sie gleich danach zu mir: »Es tut mir leid, aber jetzt mußt du wirklich gehen.« Wir verließen zusammen das Haus, an der Tür ließ sie sich zu einer raschen, schuldbewußten Umarmung hinreißen. »Niemand kann mir helfen«, flüsterte sie, während sie mich drückte. Ich begleitete sie zu ihrem Fahrrad, das unweit an einen Mast angeschlossen war. Sie saß schon im Sattel, als sie zwei Finger unter meine Perlenkette schob und dabei sagte: »Ja, ja, die Perlen sind dein Erkennungszeichen; seit du geboren bist, hast du noch nie den Mut gehabt, einen Schritt ohne sie zu machen!«

Nach so vielen Jahren Abstand ist es diese Episode aus dem Leben mit deiner Mutter, die mir am häufigsten in den Sinn kommt. Ich denke oft daran. Wie ist es möglich, frage ich mich, daß von allen Dingen, die wir zusammen erlebt haben, in meiner Erinnerung diese immer zuerst auftaucht? Gerade heute, während ich zum soundsovielten Mal darüber nachdachte, fiel mir das Sprichwort ein: »Die Zunge geht immer dahin, wo der Zahn weh tut.« Was hat das damit zu tun, wirst du dich fragen. Und ob es damit zu tun hat, sehr viel sogar. Diese Situation kommt mir so oft in den Sinn, weil sie die einzige ist, in der ich die Möglichkeit hatte, eine Veränderung einzuleiten. Deine Mutter hatte zu weinen angefangen, sie hatte mich umarmt: In dem Augenblick hatte sich ihr Panzer einen Spaltbreit geöffnet, eine winzige Ritze, durch die ich hineingekonnt hätte. Wäre ich erst einmal drinnen gewesen, hätte ich es machen können wie die Dübel, die aufgehen, kaum daß sie in der Mauer drin sind: Nach und nach spreizen sie sich und gewinnen ein wenig Raum. Ich hätte mich in einen festen Bezugspunkt in ihrem Leben verwandelt. Dazu hätte ich Mut gebraucht. Als sie zu mir sagte: »Du mußt jetzt gehen«, hätte ich bleiben müssen. Ich hätte in einem Hotel in der Nähe ein Zimmer nehmen und jeden Tag wieder bei ihr anklopfen müssen; so lange, bis sich der Spalt in einen Durchgang verwandelt hätte. Es fehlte nur noch wenig, ich spürte es.

Aber ich habe es nicht getan: Aus Feigheit, Faulheit und falschem Schamgefühl habe ich ihrem Befehl gehorcht. Ich hatte die Zudringlichkeit meiner Mutter gehaßt, ich wollte eine andere Mutter sein, ihre Freiheit achten. Hinter der Maske der Freiheit verbirgt sich oft Interesselosigkeit, der Wunsch, nicht verwickelt zu werden. Die Grenze ist sehr schmal, sie zu überschreiten oder nicht zu überschreiten ist die Frage eines Augenblicks, einer Entscheidung, die man trifft oder nicht; ihre Bedeutung wird dir erst klar, wenn der Augenblick vorbei ist. Erst dann bereust du es, erst dann begreifst du, daß in jenem Augenblick nicht Freiheit, sondern Einmischung nötig gewesen wäre: Du warst anwesend, die Sache war dir bewußt, und aus diesem Bewußtsein hätte die Verpflichtung zu handeln entstehen müssen. Die Liebe ist nichts für Faule, um sich in aller Fülle zu entfalten, verlangt sie manchmal eindeutige, starke Taten. Verstehst du? Ich hatte meiner Feigheit und meiner Trägheit das edle Mäntelchen der Freiheit umgehängt.

Der Gedanke, daß es ein Schicksal gibt, kommt mit den Jahren. Wenn man so alt ist wie du, sieht man alles, was geschieht, als Erzeugnis des eigenen Willens an. Du fühlst dich wie ein Arbeiter, der Stein um Stein die Straße vor sich baut, die er wird gehen müssen. Erst viel später merkst du, daß die Straße schon da ist, daß jemand sie dir schon vorgezeichnet hat und dir nichts bleibt, als sie weiter zu gehen. Es ist eine Entdeckung, die man gewöhnlich um die Vierzig herum macht, da etwa beginnt man zu ahnen, daß die Dinge nicht nur von einem selbst abhängen. Es ist ein gefährlicher Augenblick, in dem die Eeute nicht selten in einen klaustrophobischen Fatalismus hineinschlittern. Um das Schicksal in seiner ganzen Wirklichkeit zu sehen, mußt du noch ein paar Jahre verstreichen lassen. Um die Sechzig herum, wenn der Weg, der hinter dir liegt, länger ist als der, den du noch vor dir hast, siehst du etwas, was du noch nie bemerkt hattest: Der Weg, den du gegangen bist, war nicht gerade, sondern voller Scheidewege, bei jedem Schritt gab es einen Wegweiser, der in eine andere Richtung deutete; von einer Stelle ging ein Pfad ab, von einer anderen ein grasbewachsener Feldweg, der sich im Wald verlor. Manche dieser Abzweigungen hast du einge- schlagen, ohne es überhaupt zu merken, andere hattest du gar nicht gesehen; du weißt nicht, wohin die, die du links liegengelassen hast, dich geführt hätten, ob an einen besseren oder schlechteren Ort; du weißt es nicht und trauerst
ihnen doch nach. Du hättest etwas tun können und hast es nicht getan, du bist rückwärts gegangen anstatt vorwärts. Das Gänsespiel, erinnerst du dich noch daran? Nicht viel anders geht esim Leben.

An den Gabelungen deines Weges begegnest du anderen Leben, ob du sie kennenlernst oder nicht, ob du in einen tiefen Austausch mit ihnen trittst oder sie nicht beachtest, hängt allein von der Wahl ab, die du in einer Sekunde triffst; ob du weitergehst oder abbiegst, bestimmt, auch wenn du es nicht weißt, oft über deine ganze Existenz und
über die der Menschen, die mit dir zusammenleben.


Date: 2016-01-14; view: 92


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