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Uuml;BERSETZUNGSTHEORETISCHE ANSÄTZE IN DER NEUHOCHDEUTSCHEN ZEIT

Im 17. Jahrhundert gab es unter den literarischen Übersetzern sowohl Anhänger der Verfremdung als auch Anhänger der Einbürgerung. Entscheidend war, welches Ziel der Übersetzer favorisierte, ob er fremde Elemente in die Zielkultur einführen (verfremden) oder/und die Gedanken des Ausgangstextes für die Zielgruppe verständlich machen (einbürgern) wollte.

Auch Johann Wolfgang von Goethe verglich die beiden grundlegenden Übersetzungsprinzipien: "Es gibt zwei Übersetzungsmaximen: die eine verlangt, dass der Autor einer fremden Nation zu uns herüber gebracht werde, dergestalt, dass wir ihn als den Unsrigen ansehen können; die andere hingegen macht an uns die Forderung, dass wir uns zu dem Fremden hinüber begeben, und uns in seine Zustände, seine Sprachweise, seine Eigenheiten finden sollen."

Schleiermacher meint von der Dichotomie zwischen „Eindeutschen“ und „Verfremden“ folgendes: „Entweder der Uebersetzer läßt den Schriftsteller möglichst in Ruhe, und bewegt den Leser ihm entgegen; oder er läßt den Leser möglichst in Ruhe und bewegt den Schriftsteller ihm entgegen.“

Martin Heidegger formulierte das Problem des Übersetzens so: "Hier wird das Über setzen zu einem Über setzen an das andere Ufer, das kaum bekannt ist und jenseits eines breiten Stromes liegt. Da gibt es leicht eine Irrfahrt und zumeist endet sie mit einem Schiffbruch."

Arthur Schopenhauer fand, die treue Übersetzung wirke meist tot und unnatürlich, eine freie Übersetzung hingegen sei oft eine falsche Übersetzung. Eine elegante Formel für den Streit zwischen Originaltreue und ästhetischer Wirkung stammt von Voltaire: Er verglich Übersetzungen mit Frauen, die entweder schön, dann aber nicht treu, oder treu, aber nicht schön seien.

Ermutigend wirkt die weise Bemerkung Goethes: "Was man auch von der Unzulänglichkeit des Übersetzens sagen mag, so ist und bleibt es doch eins der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltwesen."

Goethe meinte: Jede Übersetzung ist Interpretation. Interpretation birgt aber Gefahren – für den Text und für den Übersetzer. Der Übersetzer Etienne Dolet wurde im Jahr 1546 wegen einer Übersetzung auf dem Scheiterhaufen verbrannt: Er hatte Sokrates die Worte in den Mund gelegt, dass nach dem Tod nichts mehr käme. Die Pariser Universität beschuldigten Dolet, die Unsterblichkeit der Seele in Frage gestellt zu haben und zwar durch Wörter, die im Original nicht zu erkennen seien. Doch Dolet hatte nicht Wort für Wort, sondern dem Sinn entsprechend übersetzt. Sein Grundsatz lautete: "Jene, die versuchen, Zeile für Zeile oder Vers für Vers zu übersetzen, sind Narren."

Schleiermacher

In seiner Abhandlung „Ueber die verschiedenen Methoden des Uebersezens" (1813), dem im 19. Jahrhundert im deutschen Sprachraum wohl wichtigsten theoretischen Beitrag zum Übersetzen, stellt Friedrich Schleiermacher die Prinzipien dar, die seiner Platon-Übersetzung zugrunde liegen. Es ist ein Aufsatz, in dem wichtige Probleme und Aspekte sind, mit denen sich eine Theorie des Übersetzens zu beschäftigen hat:



1.Übersetzung ist ein Vorgang des Verstehens und des Zum-Verstehen-Bringens: es ist ein hermeneutischer Prozess. Dieser Vermittlungsvorgang ist nicht nur zwischen verschiedenen Sprachen notwendig, son­dern auch innerhalb einer Sprache (zwischen verschiedenen Dialekten, historischen Sprachstufen, zwischen den Sprachen verschiedener sozialer Schichten). Schleiermacher weist darauf hin, dass man sogar seine eigenen Texte nach einer gewissen Zeit wieder „übersetzen" müsse.

2. Texte, in denen die Sprache gleichsam Vehikel ist, um intersubjektiv identisch erfasste Sachverhalte zu vermitteln und zu „transportieren", stellen andere Übersetzungsprobleme als Texte, in denen die spezifisch einzelsprachliche Sprachform mit dem transportierten Inhalt eine Einheit höherer Ordnung bildet. Es geht also um die Unterscheidung ver­schiedener Textgattungen, die an den Übersetzer unterschiedliche Anforderungen stellen. Schleiermacher unterscheidet zwischen dem Dolmetschen, das sich auf Texte des „Geschäftslebens" bezieht, und dem Übersetzen, das es mit Texten der Wissenschaft und der Kunst zu tun hat:

Je weniger in der Urschrift der Verfasser selbst heraustrat, je mehr er lediglich als auffassendes Organ des Gegenstandes handelte und der Ordnung des Raumes und der Zeit nachging, um desto mehr kommt es bei der Übertragung auf ein bloßes Dolmetschen an. So schließt sich der Übersetzer von Zeitungsartikeln und gewöhnlichen Reisebeschreibungen zunächst an den Dolmetscher an, und es kann lächerlich werden, wenn seine Arbeit größere Ansprüche macht und er dafür angesehen sein will als Künstler verfahren zu haben. Je mehr hingegen des Verfassers eigentümliche Art zu sehen und zu verbinden in der Darstellung vorgewaltet hat, je mehr er irgend einer frei gewählten oder durch den Eindruck bestimmten Ordnung gefolgt ist, desto mehr spielt schon seine Arbeit in das höhere Gebiet der Kunst hinüber, und auch der Übersetzer muss dann schon andere Kräfte und Geschicklichkeiten zu seiner Arbeit bringen und in einem anderen Sinne mit seinem Schriftsteller und dessen Sprache bekannt sein als der Dolmet­scher.

3. Bei Schleiermacher ist die Unterscheidung angelegt zwischen Terminologien, die sich in verschiedenen Sprachen eins-zu-eins entsprechen, weil sie sich auf problemlos abgrenzbare und konventionell abgegrenzte Sachverhalte beziehen, und jenen Teilen der Lexik, die nicht Sachen erfassen, sondern Begriffe, Gefühle, Einstellungen, die, da sie geschichtlich geworden sind und sich in der Geschichte verändern, mit der Sprache als einem geschichtlichen Phänomen auf spezifische Weise verknüpft sind:

Alle Wörter, welche Gegenstande und Thätigkeiten ausdrücken, auf die es ankommen kann, sind gleichsam geaicht, und wenn ja leere übervorsichtige Spitzfindigkeit sich noch gegen eine mögliche ungleiche Geltung der Worte verwahren wollte, so gleicht die Sache selbst alles unmittelbar aus. Ganz anders auf jenem der Kunst und Wissenschaft zugehörigen Gebiet, und überall wo mehr der Gedanke herrscht, der mit der Rede Eins ist, nicht die Sache, als deren willkürliches vielleicht aber fest bestimmtes Zeichen das Wort nur dasteht. Das Problem des Übersetzens, der Übersetzbarkeit, des Verstehens und Auslegens stellt sich nur beim zweiten Fall. Das System der Begriffe und der Zeichen ist von Sprache zu Sprache verschieden; die Übersetzbarkeit einzelner Ausdrücke ist also prinzipiell in Frage gestellt. Und anders als bei Sachtexten ist die „Textwirklichkeit" dichterischer und philosophischer Texte nicht an Gegenständen und Sachverhalten außerhalb der Textwirklichkeit messbar und eventuell korrigierbar.

4.Texte der Wissenschaft und der Kunst (d. h. philosophische und poetische Texte) sind als unübersetzbar zu betrachten: hier ist das, was gesagt wird, und wie es sprachlich gefasst ist, auf einzelsprachspezifische Weise verbunden. Die Sprache ist nicht nur Vehikel von Inhalten, son­dern sie ist selbst Inhalt bzw. determiniert diese Inhalte. Mit anderen Worten: Wenn man den betreffenden Text adäquat verstehen will, muss man in den „Geist der Sprache" eindringen, in das also, was in der Spra­che selbst gedacht ist. Diese Position wird uns immer wieder begegnen bei der Behandlung des Problems der Übersetzbarkeit.

5.Nach Schleiermacher müssen Texte so übersetzt werden, dass dem Leser der „Geist der Sprache" des Originals auch in der Übersetzung vermittelt wird. Die Übersetzung muss versuchen, dem Leser

ein solches Bild und einen solchen Genuss zu verschaffen, wie das Lesen des Werkes in der Ursprache dem so gebildeten Manne gewährt, den wir im besseren Sinne des Worts den Liebhaber und Kenner zu nennen pflegen, dem die fremde Sprache geläufig ist, aber doch immer fremde bleibt, der nicht mehr wie die Schüler sich erst das einzelne wieder in der Muttersprache denken muss, ehe er das Ganze fassen kann, der aber doch auch da wo er am ungestörtesten sich der Schönheiten des Werkes erfreut, sich immer der Verschiedenheit der Spra­che von seiner Muttersprache bewusst bleibt.

Es geht also um das Prinzip der Wirkungsgleichheit, die sich bei Schlei­ermacher nicht an einem imaginären Originalleser, sondern an zeitgenössischen „gebildeten" Lesern des Originals orientiert.

Die Übersetzung hat sich nach Schleiermacher so weit wie möglich an der Sprache des Originals auszurichten. Es ist die Methode des Verfremdens, die gekennzeichnet ist durch eine Haltung der Sprache, die nicht nur nicht alltäglich ist, sondern die auch ahnden lässt, dass sie nicht ganz frei gewachsen, vielmehr zu einer fremden Ähnlichkeit hinübergebogen sei". Nur mit dieser Methode ist die „treue Wiedergabe" des Origi­nals in der ZS gewährleistet. Der Vorwurf der Ungelenkheit in der ZS ist dabei in Kauf zu nehmen, denn anders ist der „Geist der Sprache" gar nicht in die ZS zu retten.

 

Humboldt

Drei Jahre nachdem Schleiermacher seine Abhandlung über das Übersetzen in der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin verlesen hat, erscheint 1816 Wilhelm von Humboldts Übersetzung des „Agamemnon" von Aeschylos. In der Einleitung dazu beschäftigt er sich mit ähnlichen Fragen wie Schlei­ermacher. Bezüglich des Verfremdens unterscheidet er zwischen Fremdheit und Fremde:

Mit dieser Ansicht ist freilich nothwendig verbunden, dass die Uebersetzung eine gewisse Farbe der Fremdheit an sich trägt. Solange nicht die Fremdheit, sondern das Fremde gefühlt wird, hat die Uebersetzung ihre höchsten Zwecke erreicht; wo aber die Fremdheit an sich erscheint, und vielleicht gar das Fremde verdunkelt, da verrath der Uebersetzer, dass er seinem Original nicht gewachsen ist. Das Gefühl des uneingenommenen Lesers verfehlt hier nicht leicht die wahre Scheidelinie. Wenn man in ekler Scheu vor dem Ungewöhnlichen noch weiter geht, und auch das Fremde selbst vermeiden will, so wie man wohl sonst sagen hörte, dass der Uebersetzer schreiben müsse, wie der Originalverfasser in der Sprache des Uebersetzers geschrieben haben würde (ein Gedanke, bei dem man nicht überlegte, dass, wenn man nicht bloss von Wissenschaften und Thatsachen redet, kein Schriftsteller dasselbe und auf dieselbe Weise in einer andern Sprache geschrieben haben würde), so zerstört man alles Uebersetzen und allen Nutzen desselben für Sprache und Nation.

 

Gottsched

Die unterschiedlichen übersetzungstheoretischen Positionen in neu-hochdeutscher Zeit haben ihren Ausgangspunkt in der deutschen Aufklärung; sie können an Johann Christoph Gottsched (1700-1766) bzw. dem Kreis um Gottsched in Leipzig und an Johann Jacob Breitinger (1701-1776) festgemacht werden. Gottscheds und Breitingers Übersetzungshaltungen sind im Zusammenhang mit unterschiedlichen poetischen, ästhetischen und literatursprachlichen Auffassungen zu sehen, die im Streit um die Milton-Übersetzung Johann Jacob Bodmers aufeinanderprallen. Gemeinsam ist beiden die rationalistische Sprachauffassung, nach der zwischen den Sprachen prinzipielle Übersetzbarkeit besteht, weil sie sich wesenhaft gleich sind. Beide sind sich zugleich durchaus bewusst, dass sich Sprachen nicht eins zu eins entsprechen. Sie unterscheiden sich in der Stellungnahme dazu, wie sich Übersetzer Schwierigkeiten gegenüber verhalten sollen, die sich aus der Einzelsprachspezifik sog. Redensarten (d. h. „Arten zu reden") und Konstruktionen ergeben.

Für Gottsched sind Übersetzungen dann gute Übersetzungen, wenn sie mit den Grundsätzen der aufklarerischen normativen Poetik übereinstimmen. Wo ein Original diesen Regeln nicht entspricht, hat der Über­setzer die Aufgabe, zu „bessern", zu erweitern, zu straffen, zu kürzen: die Übersetzung soll sich nahtlos in die Originalliteratur einfügen. Dazu gehört auch, dass sie den Regeln der Sprachkunst folgt; das bedeutet für Gottsched, dass die Übersetzung ganz deutsch zu sein hat.


Date: 2016-01-05; view: 203


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