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Translation – eine Wissenschaft? Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis des Übersetzens

Während der beruflichen Tätigkeit als Übersetzer wird man oft mit einer eher geringschätzigen Einstellung von fachunkundigen Kollegen und Auftraggebern konfrontiert. Oft betrachtete man den Übersetzer eher als Hilfsarbeiter und nicht als Fachkraft. Man kommt eben „…an der Tatsache nicht vorbei, dass in der Berufswelt, zumindest in der akademischen, der Übersetzer ein – fast möchte man sagen – krasser Außenseiter ist“ (Wilss). Vielen erschien es als selbstverständlich, dass man, wenn man zwei oder mehr Sprachen beherrscht, auch automatisch des Übersetzens kundig ist. Von dieser mehr oder weniger allgemein verbreiteten Einstellung ist auch in der Fachliteratur oft die Rede: „Häufig wird die übersetzerische Kompetenz immer noch als ein Abfallprodukt angesehen, das bei der Erweiterung der fremdsprachlichen Kompetenz mehr oder weniger automatisch anfällt.“ (Hönig/Kussmaul). Wolfram Wilss teilt ebenfalls diese Meinung: „Der Laie nimmt an, dass man, wenn man über entsprechende Kenntnisse in einer Ausgangssprache (AS) und einer ZS verfügt, übersetzen kann“ (Wilss). Diese Einstellung lässt sich vor allem bei Kollegen beobachten, welche zum ersten Mal auf die Hilfe eines Übersetzers angewiesen sind. Spätestens aber, wenn sie den Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Übersetzung bemerken und begreifen, schlägt Verachtung in Beachtung um – und sie fragen sich, ob das Übersetzen nun wirklich so einfach zu bewältigen ist. Die Kollegen merken, dass es eben nicht ausreicht, zwei Sprachen mehr schlecht als recht zu beherrschen, um komplizierte technologische Prozesse in einer anderen Sprache zu beschreiben. Sie erkennen mit der Zeit, dass „Übersetzen und Dolmetschen … etwas anderes ist als sprachliche Vermittlung.“ (Ammann).

Diese Geringschätzung von Fachübersetzern und Dolmetschern kommt nicht von ungefähr. Für den Laien erscheint der Übersetzungsvorgang als eine selbstverständliche Konsequenz der Beherrschung von zwei oder mehreren Sprachen, der nicht auf weiterführende Kenntnisse zurückgreift oder wissenschaftlich zu begründen ist.

Daher nehmen sie das Übersetzungswesen nicht oder nur mangelhaft als eigene wissenschaftliche Disziplin wahr. Überdies existiert die „Übersetzungswissenschaft“ als solche erst seit relativ kurzer Zeit, denn „die heute etablierten wissenschaftlichen Disziplinen haben sich im Laufe einer langen Zeit herausgebildet“ (Vermeer). Die Translationswissenschaft hingegen hat sich aber „erst seit den 50er Jahren des 20. Jh. zu einer eigenständigen Wissenschaftsdisziplin entwickelt“ (Salevsky). Wolfram Wills vertritt ebenfalls diese Meinung: „Von vereinzelten, zeitlich weit zurückliegenden Versuchen … abgesehen, ist … der Übersetzungsunterricht … erst in den drei letzten Jahrzehnten Gegenstand mehr oder minder systematischer Forschungsbemühungen gewesen“ (Wilss). Deswegen konnte sich die „Wissenschaftlichkeit“ des Translationswesens allein schon aus Zeitgründen noch nicht in den Köpfen der Menschen etablieren. Andererseits wird dieser Faktor durch die weit verbreitete Behauptung verstärkt, dass die Translation ihren Weg als eigenständige wissenschaftliche Disziplin noch nicht gefunden hat. Wie zu Zeiten der Renaissance wird man in akademischen Kreisen oft mit der Annahme konfrontiert, die Translation sei zwar ein spezifischer, dennoch ein integrativer Bestandteil der Sprachwissenschaft und nicht eine eigene wissenschaftliche Disziplin. So schreibt Rudolf Walter Jumpelt noch 1961: „Die Übersetzung als Forschungsaufgabe ist ein Gegenstand der Sprachwissenschaft“ (Jumpelt).



Wolfram Wills stellt fest, „…dass es der Übersetzungswissenschaft … trotz intensiver Bemühungen nicht gelungen ist, im wissenschaftlichen Szenario der Gegenwart richtig Fuß zu fassen und dass sie deshalb noch immer unter einer … „Akzeptanzkrise“ leidet“ (Wilss). Brigitte Horn-Helf meint dazu: „In diesem Spannungsfeld bemüht sich die Übersetzungswissenschaft seit Jahren intensiv um Emanzipation von der Sprachwissenschaft bei gleichzeitiger Distanzierung von einer kontrastiven Linguistik…“ (Horn-Helf). Diesen Weg der Selbstdefinition und der Selbstfindung hat die Translationswissenschaft scheinbar noch nicht vollzogen.

Katharina Reiß hat 1994 als Kompromisslösung folgendes formuliert: „Die Sprachwissenschaft wird und muss immer eine der wesentlichen Grundlagenwissenschaften für die Übersetzungswissenschaft bleiben…“

Diese Denkweise ist unter anderem der Tatsache zu „verdanken“, dass es innerhalb dieser Übersetzungswissenschaft“ keine allgemein gültige Theorie gibt. Stattdessen umfasst die Translatorik Dutzende verschiedene Denkansätze, die zwar „doch alle den Anspruch haben, das Gleiche, den Vorgang der Umsetzung eines Textes in eine andere Sprache zu beschreiben“, doch sich dann letztendlich „oft auch direkt widersprechen“ (Stolze). Heidrun Gerzymisch-Arbogast und Klaus Mudersbach beklagen die fehlende Methodik: „Trotz der Vielfalt übersetzungsbezogener Veröffentlichungen in jüngster Zeit steht eine wissenschaftliche Methodik des Übersetzens … noch aus.“ (Gerzymisch-Arbogast/Mudersbach). Letztlich stellen Mary Snell-Hornby und Mira Kadric fest: „Niemand behauptet, das Übersetzen sei eine Wissenschaft“, sondern in Anlehnung an Werner Koller „die wissenschaftliche Erforschung der Übersetzung als Prozess und Produkt.“ (Snell-Hornby/Kadric). Diese Rahmenbedingungen, vor allem aber das Scheitern auf dem Weg zur Herausbildung einer allgemeinen Übersetzungstheorie, verhindern nicht nur eine allgemein gültige Akzeptanz der Translatologie als Wissenschaft, sondern führen auch dazu, dass oft sogar innerhalb der Fachkreise, also unter Studierenden und Absolventen des Studienganges Übersetzer- und Dolmetscherausbildung bzw. unter berufsintegrierten Übersetzern und Dolmetschern, eine gewisse Theoriefeindlichkeit zum Vorschein kommt. „Vor allem Praktiker reagieren auf die Erwähnung der Bezeichnung (Übersetzungswissenschaft) gern allergisch mit dem Protest: Aber Übersetzen ist doch keine Wissenschaft, das ist ein Handwerk (so meist die Fachtextübersetzer), oder das ist eine Kunst (so meist die Literaturübersetzer)“ (Snell-Hornby/Kadric). Es gibt jedoch auch Versuche eines Brückenschlags zwischen „Praktikern“ und „Theoretikern“: so wurde bereits im Jahre 1983 ein „Koordinierungsausschuss Praxis und Lehre“ vom Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer der BRD installiert, das sich seitdem zwei Mal jährlich trifft, um Informationen zwischen Vertretern der universitären Einrichtungen und der Translationspraxis auszutauschen und Problemlösungen zu erarbeiten.

Ist die Translatorik überhaupt eine Wissenschaft? Um eine Wissenschaft herauszubilden, braucht man vor allem einen geeigneten Forschungsgegenstand. Die Physik, zum Beispiel, setzt sich zum Ziel, die Gesetzmäßigkeiten der Vorgänge in der Natur zu finden und diese analytisch, basierend auf empirischer Methodik der Datengewinnung und -auswertung, zu erklären. Ergo befasst sich diese „exakte Naturwissenschaft“ mit einem klar umrissenen, jedoch sehr komplizierten und vielfältigen Forschungsgegenstand, wobei es gilt, klar definierte Begriffe, wie Raum, Zeit, Körper, Materie oder Energie wissenschaftlich zu beschreiben und zu erklären. Ähnlich verhält es sich mit anderen, „anerkannten“ Wissenschaften, wobei die Naturwissenschaften im Hinblick auf einen klar definierten Forschungsgegenstand und fest umrissene Theorien und Ansätze einen deutlichen Vorsprung vor den Geisteswissenschaften haben.

Gerade bei der Definition des Forschungsgegenstandes offenbart sich das Problem der Herausbildung und Weiterentwicklung der Translationswissenschaft – es gibt keine einheitliche Terminologie. Diese ist für die Wissenschaft aber enorm wichtig. Das Chaos beginnt bereits bei der Suche nach einer geeigneten Bezeichnung des Forschungsgegenstandes, die „zwischen Ausdrücken, wie … Übersetzungswissenschaft, Übersetzungstheorie, Translationslinguistik, Translationswissenschaft, Translationstheorie, Translatologie, Translatorik….“ (Stolze) verloren zu sein scheint. Heidemarie Salevsky sieht zwar den in den 1970-er Jahren von Otto Kade, einem der „hervorragendsten Vertreter der sogenannten Leipziger Schule, die sich in den 60er Jahren in der ehemaligen DDR zu entwickeln begann“ (Prunč), vorgeschlagenen Begriff Translationswissenschaft als allgemein gültige Sammelbezeichnung des Forschungsgegenstandes, indem sie behauptet: „Nachhaltig konnte sich Translationswissenschaft erst in den 90-er Jahren des 20. Jh. gegen die eingebürgerte Bezeichnung Übersetzungswissenschaft als Oberbegriff durchsetzen“ (Salevsky). Erich Prunč formuliert ebenfalls: „Unter den konkurrierenden Bezeichnungen hat sich im deutschen Sprachraum der Name Translationswissenschaft durchgesetzt…“ (Prunč).

Zwar spricht Werner Koller von einem Oberbegriff Translationswissenschaft, der Übersetzungswissenschaft und Dolmetschwissenschaft zusammenfasst, ergänzt aber umgehend, dass der Oberbegriff auch mit Translatologie oder Translatorik zusammenzusetzen sei. Radegundis Stolze verwendet den Begriff Übersetzungstheorien und listet das „Begriffschaos“ auch in anderen Sprachräumen auf: „… (engl.) theory of translation, translation theory, translation science, translation studies, translatology, (frz.) traductologie, translatistique, théorie de la traduction…” (Stolze). Brigitte Horn-Helf spricht von „übersetzungstheoretischen Ansätzen“, „Übersetzungswissenschaft“ und „modernen Übersetzungstheorien“. Auch Mary Snell-Hornby und Mira Kadric setzen auf „Übersetzungswissenschaft“ als Oberbegriff.

Doch selbst wenn es in der Zwischenzeit eine allgemein gültige „Translationswissenschaft“ gäbe, wäre es für Studierende und Fachkräfte doch etwas verwirrend, sich mit der Fachliteratur auseinander zu setzen, die vor den 90-er Jahren (und diese Periode verzeichnet den Löwenanteil an Fachliteratur zur „Translationswissenschaft“) erschienen ist und wo eben viele verschiedene Begriffe zur Bezeichnung des Forschungsgegenstandes verwendet werden. Gewiss, die Übersetzungswissenschaft gehört zu einer relativ jungen Disziplin, deren theoretische Grundsätze größtenteils erst im 20. Jahrhundert postuliert wurden. „Die Wende … von überall verstreuten, von Vertretern unterschiedlicher Disziplinen geäußerten Ansichten über das Übersetzen zu einer eigenständigen Disziplin … erfolgte tatsächlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg“ (Snell-Hornby/Kadric).

Auch das interdisziplinäre Wesen der Translatologie trägt zu der oben erörterten „Wissenschaftlichkeitsproblematik“ bei. „Der interdisziplinäre Charakter der Wissenschaft vom Übersetzen … ist ein weiterer Grund für die Vielfalt der theoretischen Ansätze und damit auch für die Uneinheitlichkeit im Begriffsapparat“, behauptet Stolze. Neben ihrem Kerngebiet, also der Lehre vom Übersetzen und Dolmetschen, befasst sich die Translatologie direkt oder indirekt auch mit solchen Disziplinen, wie der allgemeinen Sprachwissenschaft (darunter zum Beispiel die Computerlinguistik, Fachsprachenforschung, Terminologie und Lexikologie, etc.), der Kommunikationswissenschaft, Landeskunde und Kultursoziologie. Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielt außerdem die Psychologie, bzw. die Gehirnforschung eine verstärkte Rolle bei der Entwicklung neuer theoretischen Ansätze im Bezug auf Übersetzungsprozesse. Ebenfalls mit dem Computerzeitalter wird auch die maschinelle Übersetzung als Forschungsgebiet immer interessanter.

Wenn man die oben angeführten Argumente genau betrachtet, kommt man letztendlich zum Schluss, dass es bei der zentralen Frage, ob die Translatorik nun eine eigenständige Wissenschaft, oder eben ein Teilgebiet der Sprachwissenschaft sei, „noch nicht entschieden ist, ob es sich hier um eine allgemeine, reine Theoriediskussion handelt oder vielmehr um eine angewandte Sprachwissenschaft, welche die Verbesserung konkreter Übersetzungsleistungen zum Ziel hat“ (Stolze). Sehr treffend formulieren es Mary Snell-Hornby und Mira Kadric: „Auf die immer noch oft gestellte Frage: Übersetzungswissenschaft – was ist das denn? könnte man pauschal antworten: Für die einen (inzwischen) eine Selbstverständlichkeit, für die anderen (immer noch) ein Ärgernis“ (Snell-Hornby/Kadric).


Vorlesung 2


Date: 2016-01-05; view: 196


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