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Wer hat den Besseren?

Der falsche Scheitel meines Vaters war erst der Anfang des gemeinsamen Bemühens unserer Familie, John bei uns hei­misch werden zu lassen. Am Nachmittag des folgenden Tages sagte meine Mutter zu mir, ich solle John unsere Stadt zeigen, damit er sie besser kennen lernte. Sie sagte das in sehr bestimmtem Ton, der mich gleich an mein Versprechen erinnern sollte, mich für Johns Wohl verantwortlich zu fühlen.

Unsere Stadt war klein und deswegen schnell kennen zu lernen.

John bekam das Rad meiner Mutter. Nach der Schule fuhren wir mit den Fahrrädern zum Schwimmbad und ich sagte:

"Das ist unser Schwimmbad!"

Und John nickte ein klein wenig. Wir fuhren zu unserem Feuerwehrhaus und ich sagte: „Das ist unsere Feuerwehr!"

Wir fuhren zu unserem sechsstöckigen Hochhaus, auf das die Stadt so stolz war. Ich sagte: „Das ist unser Hochhaus!" Wir fuhren zur1 Shell-Tankstelle und ich sagte: „Das ist unse­re Shell-Tankstelle!"

Wir fuhren zur Esso-Tankstelle und ich sagte: „Das ist unse­re Esso-Tankstelle!"

Wir fuhren zum Supermarkt und ich sagte: „Das ist unser Supermarkt!"

Wir fuhren zur Schule, und da John die Schule schon kann­te, sagte ich:

„Die Schule kennst du ja schon!"

Nachdem John auf diese Weise in unserer Stadt heimisch geworden war, trafen wir auf dem Rückweg den blöden Kurt mit seinem Dennis.

Das heißt eigentlich: meinem Dennis. Ich sah ihn schon von weitem und er mich auch. John und ich fuhren auf dem Gehsteig20 nebeneinander. Instinktiv fing ich an, mich mit John zu unterhalten. Weil John ja nicht sprach, tat ich so, dass man von fern meinen konnte, wir würden miteinander sprechen. Ich lachte ihn an und nickte bejahend zu Fragen, die er nicht gestellt hat­te. Einmal schlug ich ihm lachend auf die Schulter, als hätte er einen Witz gemacht.

„Tu doch nicht so, als ob du dich mit dem John unterhalten würdest", sagte Kurt, als wir ihn erreichten, „jeder weiß, dass dein John nicht spricht."

„Klar spricht der", sagte ich. „Wieso soll der John nicht

sprechen? Er ist doch Sprachenschüler!"

„Warum sagt er dann nichts?", fragte Kurt.

„Was soll er denn sagen?"

„Was weiß denn ich. Vielleicht, Guten Tag'."

„Und wenn er keine Lust hat? Wenn du ihm zu blöde bist für, Guten-Tag-Sagen'?"

„Weil er nichts redet!"

„Klar redet er!"

„Ich hör nichts!"

„Dein Dennis redet ja auch nichts!" „Klar redet der was!"

Dann gab er dem Dennis ein Handzeichen. Und Dennis sagte:

„Fischers Fritze fischt frische Fische!" Das sagte er mit einem englischen Akzent, der sich anhör­te, als hätte er einen Kaugummi halb verschluckt. Und dann gab der blöde Kurt dem Dennis noch ein Zeichen. Und der Dennis sagte: „Frische Fische fischt Fischers Fritze!" „Das kann deiner nicht!", sagte Kurt. „Klar könnte er das, wenn er wollte", sagte ich. „Aber wir sind ja kein Zirkus zu Hause, wo man Kunststücke auf­führen muss."



Wir schwiegen, kurz und schenkten uns giftige Blicke.

„Der Vater vom John hat einen Jaguar", sagte ich dann. „Macht dreihundert Sachen21!"

„Das ist doch gar nichts", sagte Kurt, „der Vater vom Dennis kennt die Königin und fährt einen Rolls Royce."

„Dass ich nicht lache!", sagte ich. „Die Mutter vom John ist die Friseuse von der Königin. Und bekommt für jedes Mal Haare schneiden tausend Dollar!"

„Wenn schon, dann Pfund!", sagte Kurt. „Mir doch egal!", sagte ich. Plötzlich fing der blöde Kurt zu schreien an. „Ist dir überhaupt nicht egal!", brüllte er. „Du und dein blö­der John! Meiner ist viel besser! Er kann «Fischers Fritze» vor- und rückwärts."

„Ist überhaupt nicht besser!", brüllte ich zurück.

„Ist er schon! Gib doch zu, dass du meinen Dennis viel lie­ber hättest als deinen stummen John!", brüllte Kurt. „Der Dennis ist sowieso meiner. Weil er mir von Anfang an zugeteilt worden ist!", brüllte ich zurück. „Aber kannst ihn behalten! Mein John kann Karate und wenn ich ihm ein Zeichen gebe, haut der dich und deinen Dennis zusammen wie ein Kartenhaus!"

„Karate! Dass ich nicht lache!", brüllte der Kurt. „Wenn der Karate kann, bin ich der Kaiser von China! Mein Dennis ist englischer Meister im Judo!"

Ich packte den John hinten am Kragen und hielt ihn so fest, dass ich ihn würgte.

„Kannst froh sein, dass ich ihn festhalte!", schrie ich und schüttelte den John. „Sonst würde er sich auf dich stürzen und dich in der Luft zerfetzen22! Er ist sowieso schon bis aufs Blut gereizt!"

„Dass ich nicht lache! Der Dennis würde den locker um­hauen! ", schrie Kurt.

Wahrend der blöde Kurt und ich uns so anschrien, guckten der John und der Dennis sich fragend an. Die hatten keine Ahnung, was da mit ihnen geschah. Als sich der John von mir losmachte, stürzte sich der blöde Kurt auf mich und

stieß mich von meinem Fahrrad runter. Im nächsten Augen­blick wälzten wir uns beide auf dem Boden. Mal hatte ich den blöden Kurt im Schwitzkasten23, mal der blöde Kurt mich. Als wir uns so richtig dreckig gemacht hatten, kam ein Erwachsener vorbei und zerrte uns Streithähne ausei­nander.

Zu Hause verschwand der John gleich in seinem Zimmer, während ich, zerzaust und schmutzig, wie ich war, zu mei­ner Mutter ging, um mich zu beschweren. „Wie siehst du denn aus!", sagte sie. erschrocken. „Wie steh ich denn da mit so einem Austauschschüler!", schimpfte ich. „Ich will auch so einen haben wie den Dennis von dem blöden Kurt. Der ist viel besser. Der kann, Fischers Fritze' vor- und rückwärts. Außerdem gehört der Dennis sowieso eigentlich mir. Können wir uns nicht einen

Rechtsanwalt nehmen und vor Gericht gehen? Dass der Kurt dann tauschen muss?"

Vergessen war bei mir der gemeinsame Vorsatz, den John bei uns heimisch zu machen.

Meine Mutter versuchte mich zu beruhigen. Sie sagte, dass es nicht darauf ankäme ,,Fischers Fritze' vor- und rückwärts zu können. Und dass die Menschen nun mal verschieden seien.

„Lass dich überraschen!", sagte sie gut gelaunt. „Wir haben noch längst nicht alles versucht, um den John zum Spre­chen zu bringen. Dein Vater und ich, wir haben da so eine Idee ..."



Date: 2016-01-03; view: 270


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