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VIII. Das Unbewußte im organischen Bilden.

Das Kind hat Lungen, ehe es athmet, Augen, ehe es sieht, und kann doch auf keine Weise anders (!) als durch Hellsehen von den zukünftigen Zuständen Kenntniß haben, während es die Organe bildet.

(170.)

Wirklich? – Auf keine andere Weise? – Was Sie sagen!

ii576 Auf Seite 177 vergleichen Sie den Organismus wieder mit einer Maschine. Sollten Sie, sollten Sie – – – – ? Aber nein! Ich darf nicht zu hart sein.

 

B. Das Unbewußte im menschlichen Geist.

I. Der Instinkt im menschlichen Geist.

Das Mitleid ist der bedeutungsvollste Trieb für die Erzeugung solcher Handlungen, welche das Bewußtsein für sittlich gute oder schöne, für mehr als bloß pflichtmäßige erklärt; es ist das Hauptmoment, welches demjenigen Gebiet der Ethik, welches man als das der Liebespflichten bezeichnet, eine Wirklichkeit verleiht, von der erst nachmals der Begriff abstrahirt wurde.

(189.)

Ich bemerke hier lediglich: Im Verkehrten, Absurden einerseits, oder im Halbwahren andererseits sind Sie immer der Nachtreter Schopenhauer’s. Vom Guten hingegen, den Pessimismus ausgenommen, hielt Sie stets Ihr perverser »unbewußter« Instinkt, Ihr mystisches Traumorgan zurück.

 

II. Das Unbewußte in der geschlechtlichen Liebe.

Der Mensch, dem so mannigfache Mittel zu Gebote stehen, den physischen Trieb zu befriedigen, die ihm alle dasselbe leisten, wie die Begattung, – –

(198.)

Was soll ich hierzu sagen? Erlauben Sie mir, Ihnen zunächst ein kräftiges Pfui! zuzurufen.

Dann frage ich: Mannigfache Mittel? Nur das Mittel der Onanie können Sie anführen; denn die Entleerung der Genitalien im Schlafe steht dem Menschen nicht »zu Gebote«, während Päderastie und Bestialität in die Kategorie der Begattung gehören, obgleich sie widernatürlich sind. Hatten Sie aber Onanie und Päderastie und Sodomie im Auge, so darf ich wohl fragen: Wie konnten Sie diese Ausschweifungen neben die natürliche geschlechtliche Begattung stellen?

Sie nennen im Fortgang des Abschnitts (der eine stümperhafte Copie der herrlichen genialen Abhandlung Schopenhauer’s: »Metaphysik der Geschlechtsliebe« ist) das Geschäft der Begattung ekelhaft und schamlos; so daß ich wohl, auf Grund Ihrer obigen Unterscheidung, zu schließen berechtigt wäre, daß Sie die angeführten |

ii577 widernatürlichen Laster nicht für ekelhaft und schamlos halten. Ich meine aber, daß Derjenige, welcher aus den Bordellen gar nicht mehr herauskommt, himmelhoch höher zu stellen ist als der blöde stumpfe Unglückliche, der in den Krallen der einsamen Wollust liegt.

Sie hätten, als guter Pessimist, jede bewußte Entleerung der Genitalien verabscheuen sollen. Die Natur unterstützt ja den Enthaltsamen freundlichst, und schließlich weicht auch von ihm die düstere Melancholie, welche der unbefriedigte Geschlechtstrieb im Gefolge hat.



Ich setze obige Stelle auf das Conto der von Ihnen bitter bereuten Sätze und lasse damit den ekelhaften Gegenstand fallen. –

Das bloße Fleisch wird allemal zum Aas.

(203.)

Die Natur kennt keine höheren Interessen als die der Gattung; denn die Gattung verhält sich zum Individuum, wie ein Unendliches (!) zum Endlichen.

(210.)

Sie machen ferner auf Seite 199 einen Unterschied zwischen einem physischen Geschlechtstrieb, der mit der Organisation der Genitalien verknüpft ist, und einem metaphysischen, einem Instinkt.

Ich nehme an, Herr von Hartmann, daß Sie die Anekdote vom alten Fritz und dem Grenadier, der eine nackte Statue repräsentiren sollte, kennen. Die Antwort des Grenadiers: »Majestät, Der hat seinen eigenen Kopf«, drückt auf populäre Weise das ganze Problem des Unbewußten aus; denn im Geschlechtstrieb ist der unbewußte individuelle Wille geradezu concentrirt.

Wie kommen Sie nun dazu, den Geschlechtstrieb in zwei Triebe zu spalten: in einen mit der Organisation der Genitalien verknüpften und in einen metaphysischen Instinkt? Soll ich Ihnen sagen, auf welchem fetten Boden Ihrer Philosophie diese Giftblüthe, dieses Unkraut der philosophischen Lüge gewachsen ist? Wieder auf dem von Ihnen aufgefrischten Gegensatz der ausgedehnten zur denkenden Substanz, der Materie zum Geist, des Leibes zur Seele.

O, Sie eingefleischter Cartesianer!

Der Leib, Herr von Hartmann – merken Sie sich Das gefälligst für den ganzen Rest Ihres Lebens, – ist der durch die subjektiven Formen gegangene Wille. Der Leib ist Objekt; der Wille Ding an sich; beide eine Sache, die nur von zwei verschiedenen Seiten aufgefaßt wird: einmal im innersten Selbstbewußtsein, dann von außen, vermittelst des Bewußtseins anderer Dinge.

ii578 Die Genitalien sind also nichts Anderes als der angeschaute Wille zu zeugen.

Sie sind ja ein ganz rasender Principienmultiplicator. Auch haben Sie es glücklich so weit gebracht, daß Ihr Talent in der Fülle Ihrer Principien erstickt ist.

Soll ich Ihnen ferner in Betreff der ersten Stelle einen Monolog des Franz Moor in Schiller’s Räubern citiren? Sie werden wissen, welchen ich meine. In der bewußten Befriedigung des Geschlechtstriebs, gleichviel ob sie im Bordell oder im Ehebette stattfindet, denkt jeder Mensch nur an sich. Sein Fleisch kann gar nicht hierbei zum »Aas« werden (203), denn es ist ja, als Ding an sich, nichts Anderes als glühender, lodernder, auf Leben, Leben, Leben gerichteter unbewußter Dämon.

Der Mensch kann auch in der Begattung gar nicht anders als an sich allein denken, und der Philosoph muß ihm Recht geben. Die Energie, welche der Mensch in jedem Zeugungsgeschäfte, auch in einem solchen, wo ein mißleiteter, verirrter Dämon demselben vorsteht, entfaltet, ist nur die verzehrende glühende Sehnsucht nach einem Weiterleben nach dem Tode. Die Gattung kann bei der Begattung gar nicht mitspielen, weil es überhaupt keine metaphysische Gattung giebt, und verweise ich Sie wegen des Näheren auf Seite 533 meiner Philosophie der Erlösung. Es giebt nur Individuen in der Welt und speciell die menschlichen können sich nur durch Begattung im Leben erhalten. Deshalb ihr Ernst, ihre verzehnfachte Kraft, ihre gluthvolle Energie, ihre furchtbare dämonische Wildheit und Aufregung, wann sie in der Zeugungsstunde mit dem Tode ringen.

Die Gattung verhält sich zum Individuum wie ein Unendliches zum Endlichen.

(210.)

Ich erinnere Sie an unsere obigen Untersuchungen der Unendlichkeit. Wir haben gefunden, daß Unendlichkeit ein Begriff ist, der mit den subjektiven Erkenntnißfähigkeiten, resp. Formen steht und fällt, und ich habe Sie gebeten, sich zu merken, daß »Unendlichkeit« deshalb nur freventlich auf das reale Gebiet, auf ein Ding an sich oder auf die Totalität der Dinge an sich (das Weltall) übertragen werden könne. In diesem Spiegel sehen Sie jetzt Ihr unklares Denken: das Bild des blühendsten Unsinns.

ii579 Das Geheimnißvolle, das Dämonische in der Geschlechtsliebe, ist durchaus individuell, obgleich die vorweltliche Gottheit durch den bestimmenden Impuls, den sie allen Individuen bei ihrem Zerfall ertheilte, in alles Gegenwärtige, mithin auch in die Geschlechtsliebe hereinragt. Der bestimmte Dämon eines Mannes will unbewußt mit größter Sicherheit nur die Begattung mit diesem bestimmten Weibe. Er weiß sich über dieses ausschließliche Wollen keine Rechenschaft zu geben und oft geht er zu Grunde, wenn er dasselbe nicht befriedigen kann. Warum? Weil das erzeugte dritte Individuum, resp. im letzteren Falle die unglückliche Liebe, die versagte Befriedigung, ein Glied in der Kette der Bedingungen ist, durch welche allein er erlöst werden kann. Auf der Erlösung des Einzelnen beruht aber die Erlösung des Weltalls, welches ja nur die Collectiv-Einheit aller Einzelnen ist. Da nun das Weltall einen einheitlichen Ursprung hat, so dient auch in jeder Zeugung das Individuum unmittelbar sich selbst und mittelbar dem Weltall. Dieses Weltall ist jedoch nicht die »objektiv gesetzte Erscheinung« einer noch lebenden Einheit, noch schweben hinter den Individuen gespensterhafte unsichtbare Objektivationen (Gattungen) dieser erträumten Einheit.

Was Sie hiernach von Ihrer sinnlosen Phrase

Der Proceß der Liebe bleibt für das Bewußtsein des Einzelnen mit einem inneren Widerspruch gegen seinen Egoismus behaftet

(211.)

zu halten haben, werden Sie sich jetzt selbst sagen können.

 

III. Das Unbewußte im Gefühl.

Schmerzen können sich erstens durch den Grad, d.i. die intensive Quantität unterscheiden und zweitens durch die Qualität; denn bei gleicher Stärke kann der Schmerz continuirlich oder intermittirend, brennend, kältend, drückend, klopfend, stechend, beißend, schneidend, ziehend, zuckend, kitzelnd sein.

(218.)

In diesem Satze, Herr von Hartmann, ist Ihr Geist deutlicher gespiegelt als in irgend einem anderen: das Bild zeigt mir einen ganz confusen Geist.

Der Grad ist immer Qualität oder Intensität. Von einer Quantität kann überhaupt beim Gefühl schlechterdings nicht |

ii580 geredet werden, weil es nur im Punkte des Bewußtseins empfunden wird. Will man geistreich spielen, so kann man etwa sagen: der Grad sei qualitative Quantität oder auch quantitative Qualität; dann darf man aber auch von keiner anderen Quantität mehr sprechen.

Ein stechender Schmerz z.B. ist seiner specifischen Qualität nach stechend; er kann ferner stark oder schwach sein, was wiederum als Intensität mit der Qualität zusammenfällt. Sage ich also: »ein starker stechender Schmerz«, so bezeichne ich immer nur die Qualität; ich trete damit auf keine Weise aus der Begriffssphäre »Qualität« heraus.

Kant’s Abhandlung über die Kategorien der Qualität hätte Sie doch vor solchem Unsinn bewahren sollen! Aber ich weiß schon längst, daß Sie mit einer Oberflächlichkeit ohne Gleichen, mit dem verwerflichsten Dilettantismus die Werke der großen Philosophen gelesen haben, und wundere mich bei Ihnen über gar Nichts mehr. Kant hat den Grad definirt als intensive Größe, im Gegensatz zur extensiven Größe, und eine andere Erklärung ist auch gar nicht möglich.

O Sie rasender Apollopriester auf dem Dreifuß! –

Die Wahrnehmung ist die Ursache des Schmerzes.

(219.)

Nehmen wir an, daß Sie sich mit einer Nadel stechen. Sie empfinden einen Schmerz. Ist die Wahrnehmung des Schmerzes die Ursache des Schmerzes, oder ist es die Nadel?

Ach, Herr von Hartmann! Ich versichere Sie, daß ich als dreijähriges Kind solchen Unsinn nicht geschwatzt habe.

Wenn man sich nun fragt, was man denn mit dem klar gewordenen Theil (des Gefühls) gethan habe, während man ihn mit vollem Bewußtsein erfaßte, so wird man sich sagen müssen, daß man ihn in Gedanken (!!), d.h. bewußte Vorstellungen (!!) übersetzt habe, und nur (!) so weit das Gefühl sich in Gedanken übersetzen läßt, nur so weit ist es klar bewußt geworden. Daß sich aber das Gefühl, und wenn auch nur theilweise, hat in bewußte Vorstellungen umgießen lassen, das beweist (!) doch wohl, daß es diese Vorstellungen schon unbewußt enthielt, denn sonst würden ja die Gedanken in der That nicht dasselbe (!) sein können, was das Gefühl war.

(231.)

ii581 Herr von Hartmann! Besinnen Sie sich einen Augenblick und – ich wette Millionen gegen Eins, daß Sie sich dann schamroth abwenden.

Die Grundfunctionen des Gehirns sind Vorstellen, Fühlen und Denken: drei ganz verschiedene Functionen, obgleich alle auf dem Geiste beruhen. Das finden Sie auf der ersten Seite jeder Psychologie. Denken ist nicht Vorstellen und nicht Fühlen, Fühlen ist nicht Denken und nicht Vorstellen, Vorstellen ist nicht Fühlen und nicht Denken. Gemeinsam ist allen das Bewußtsein, d.h. nur im Bewußtsein fühlen wir, denken wir, stellen wir vor.

Soll ich Ihnen das Geheimniß obiger Gewaltthätigkeit klarlegen? – Wohlan! Sie hatten schon eine solche Fülle von Principien, daß Sie es doch für bedenklich halten mußten, neben die unbewußte Vorstellung noch zu stellen:

1) bewußtes Fühlen

2) unbewußtes Fühlen

3) bewußtes Denken

4) unbewußtes Denken.

Das hätte ja mit:

5) unbewußtem Vorstellen

6) bewußtem Vorstellen

7) unbewußtem Willen

8) bewußtem Willen

9) Leib

10) unbewußtem All-Einen Willen

11) unbewußter All-Einer Vorstellung

12) unbewußtem All-Einen Denken

13) unbewußtem All-Einen Fühlen

14) unbewußtem All-Einen Geist

ein logisches Wespennest oder besser einen logischen Rattenkönig gegeben. Da beschlossen Sie denn, Sie blutdürstiger Romantiker, den alten Prokrustes nachzuahmen. Sie legten den Geist in Ihr logisches Bett, oder besser mit Ihren Worten: in Ihr alogisches, noch besser: antilogisches Bett, und als Sie bemerkten, daß die beiden Beine des armen Schelms: Fühlen und Denken, über dem Fußgestell des Bettes herabhingen, hieben Sie dieselben kurzerhand ab und sagten lächelnd: Fühlen, Denken und Vorstellen ist Eines und dasselbe.

ii582 Denken Sie einen Schmerz oder fühlen Sie ihn unmittelbar? Sie fühlen ihn unmittelbar und wenn Sie darüber denken, so denken Sie etwa: »Ach! wäre ich ihn los!« oder Sie sinnen auf ein Mittel, das Sie davon befreien könnte. Aber den Schmerz selbst denken, das wird Ihnen nimmermehr gelingen, obgleich Sie ein ganz wunderbar organisirtes Wesen zu sein scheinen,

O Sie großer, großer Philosoph! –

Schon auf Seite 3 hatten Sie gesagt:

Das Gefühl läßt sich in Willen und Vorstellung auflösen.

Sie großer logischer Chemiker! Sie mußten dem Willen gegenüber nur Ein Princip haben, und deshalb mußte die Vorstellung Gefühl und Denken unter sich begreifen. O Sie philosophischer Bosco und Bellachini!

 

IV. Das Unbewußte in Charakter und Sittlichkeit.

Der Wille des Individuums verhält sich wie ein potentielles Sein, wie eine latente Kraft, und sein Uebergang in die Kraftäußerung, in das bestimmte Wollen, erfordert als zureichenden Grund ein Motiv, welches allemal (!!) die Form der Vorstellung hat.

(233.)

Das Motiv muß also »allemal« die Form der Vorstellung haben! –

Sie werden einsehen, Herr von Hartmann, daß die Kritik Ihrer Philosophie eine sehr ermüdende Arbeit für mich und dabei keineswegs ergötzlich, wie etwa die Jagd, ist. Der Jäger verfolgt unverdrossen das Wild, und seine Jagdlust betäubt die Empfindung der Müdigkeit. Ich aber muß, ohne die allergeringste Jagdfreude zu haben, Sie bis in Ihre verborgensten Schlupfwinkel verfolgen, ja, ich werde immer bald von Wehmuth, bald von Mitleid, bald von Aerger, bald von Ungeduld und Unwillen bewegt, kurz, ich komme gar nicht mehr aus den Gefühlen der Unlust heraus. Ich habe, als ich als Kürassier diente, bequem hundert und mehr Rechts- und Links- und Schwadronshiebe gehauen, – dann aber wurde der Arm plötzlich lahm. Was damals die physische Ermattung bewirkte, das bewirkt jetzt der geistige Ueberdruß. Die Luft Ihrer Philosophie ist erdrückend schwül, namentlich für Einen, der gewohnt ist, im reinen Aether der Wahrheit zu athmen.

ii583 Sie werden mir deshalb nicht übel nehmen, wenn ich wieder einmal unseren gemeinsamen Meister Schopenhauer auf die Mensur schicke. Er hat, wie Ihnen bekannt ist, Hegel brillant »abgeführt«; er wird auch mit Ihnen kurzen Proceß machen.

»Wenn Dunkelgrau stellenweise durch alle Nüancen in Weiß übergeht, so ist allemal die Ursache das Licht, welches Erhabenheiten und Vertiefungen ungleich trifft: ergo –.«

»Wenn Geld in meiner Kasse fehlt, so ist die Ursache allemal, daß mein Bedienter einen Nachschlüssel hat: ergo –.«

Auf einen solchen Schluß aus einem, oft nur fälschlich generalisirten, hypothetischen, aus der Annahme eines Grundes zur Folge entsprungenen Obersatz muß jeder Irrthum zurückzuführen sein (ausgenommen Rechnungsfehler).

(W. a. W. u. V. I. 95.)

Muß mich »allemal« eine Vorstellung motiviren? –

Ist ein Gefühl oder ein Gedanke, welche ganz bestimmt keine Vorstellungen sind, wenn man nicht der Sprache und ihren Begriffen die denkbar größte Gewalt anthun will, nicht in tausend und abertausend Fällen zureichendes Motiv für eine menschliche Handlung? z.B. Hitze, Kälte, Zahnschmerz u.s.w.? –

Seite 236 sagen Sie:

Ist die Erkenntniß erst im Klaren, so ist es sofort auch der Wille.

Auf Seite 237 dagegen sagen Sie:

Die Grundlage des Charakters kann wohl durch Uebung und Gewohnheit (vermöge absichtlicher oder zufälliger Einseitigkeit der vor das Bewußtsein tretenden Motive) modificirt werden, aber nie durch Lehre; denn die schönste Kenntniß der Sittenlehre ist todtes Wissen, wenn Sie auf den Willen nicht als Motiv wirkt, und ob sie das thut, hängt allein von der Natur des individuellen Willens selbst, d.h. vom Charakter ab.

Hier habe ich Sie zu fragen:

1) Ist eine Lehre kein »vermöge absichtlicher oder zufälliger Einseitigkeit vor das Bewußtsein tretendes Motiv«?

2) Kann die Erkenntniß nicht in’s Klare über eine Lehre kommen?

3) Muß dann aber nicht auch sofort der Wille im Klaren darüber sein und hungrig ergreifen, was ihm die edle |

ii584 Vorstellung gegeben hat? Denn der Wille ist Ihrer Lehre nach, doch nur eine absolut leere Form, die allemal nur wollen kann, was ihr die Vorstellung giebt.

Sie fahren fort:

Darum sehen wir ferner, daß alle Religionen, wie beschaffen ihre Sittenlehre auch sein mag, gleich viel oder gleich wenig Einwirkung auf die Moralität ihrer Bekenner üben.

(238.)

Das Resultat ist: Das ethische Moment des Menschen, d.h. dasjenige, was den Charakter der Gesinnungen und Handlungen bedingt, liegt in der tiefsten Nacht des Unbewußten.

(ib.)

Im Schlechten, Herr von Hartmann, Das habe ich Ihnen bereits gesagt, sind Sie allemal der Nachtreter Schopenhauer’s, ein Schüler, welcher die Fehler des Meisters maßlos vergrößert. Was wären wir ohne die fast zweitausendjährige Einwirkung des Christenthums? frage ich Sie. In Betreff der zweiten Stelle aber verweise ich Sie auf meine Ethik, woselbst ich nachgewiesen habe, daß das ethische Moment im hellsten Licht des Bewußtseins liegt, das die »tiefste Nacht« des Unbewußten erhellt, läutert und vernichtet.

 

V. Das Unbewußte im ästhetischen Urtheil und in der
künstlerischen Production.

Hieraus folgt, daß das ästhetische Urtheil nichts Apriorisches ist, sondern etwas Aposteriorisches oder Empirisches.

(245.)

Das Resultat ist: daß das ästhetische Urtheil ein empirisch begründetes Urtheil ist, seine Begründung aber in der ästhetischen Empfindung hat, deren Entstehungsproceß durchaus in’s Unbewußte fällt.

(246.)

Noch Niemand, Herr von Hartmann, hat so seicht und leichtfertig wie Sie über Aesthetik und Kunst geschrieben.

Zur ersten Stelle bemerke ich: daß ein Urtheil allemal das Product einer Vermählung apriorischer Regeln mit einem bestimmten Erfahrungsstoff ist. Deshalb hat auch das ästhetische Urtheil einen unerschütterlichen idealen Grund im Kopfe des Menschen, und zwar gewöhnlich einen unbewußten (Schönheitssinn), der sich aber, wie alle idealen Formen, in das Licht des Bewußtseins rücken läßt, wo man denselben alsdann bis in seinen Kern erleuchtet sieht.

ii585 Weil Schopenhauer das Formal-Schöne nicht kannte und Sie, als Talent, immer nur an den Rockschößen der Genialen hängen, so kennen auch Sie keine apriorischen Schönheitsregeln und hüllen sich (Stelle Nr. 2) in die Nacht des Unbewußten, wo man so bequem philosophiren und seine Unwissenheit verbergen kann; denn bei Nacht, wie Ihnen bekannt ist, sind alle Ochsen schwarz.

 

VI. Das Unbewußte in der Entstehung der Sprache.

Sie beantworten die Frage Steinthal’s:

Welcher Geist im Menschen, d.h. welche Thätigkeitsform des menschlichen Geistes hat Sprache erzeugt?

mit den Worten:

Welche andere Antwort ist hierauf denkbar, als die der unbewußten Geistesthätigkeit, welche mit intuitiver Zweckmäßigkeit sich hier in den Naturinstinkten, dort in den intellektuellen (!) Instinkten, hier in individuellen, dort in cooperativen Masseninstinkten auswirkt, und überall mit fehlloser hellsehender Sicherheit dem Maaße des sich darbietenden Bedürfnisses entspricht?

(267.)

Verstehen Sie spanisch, Herr von Hartmann? Wenn nicht, so werden Sie wohl ein spanisches Wörterbuch zur Hand nehmen und das Wort »Oel« darin aufsuchen können. Thun Sie es, so werden Sie »aceite« finden.

Aceite aber ist das lateinische acetum, aciditas das italienische aceto, acidume, acidità, das französische acide, zu deutsch: Essig oder Säure. Ein ganzes romanisches Volk hat also, in Widerspruch mit seinen sämmtlichen romanischen Brüdern, eine Verwechselung eintreten lassen und für Oel (lateinisch: oleum, italienisch: olio, französisch: huile) Das gesetzt, was für Essig stehen sollte. Ein schöner »cooperativer Masseninstinkt!« Ein schönes »fehlloses Hellsehen!«

Die Sprache ist entstanden durch cooperative Thätigkeit des Dämons und des Geistes, und die Naturlaute und ersten Begriffe sind im Geiste Einzelner weitergebildet worden. Erfinden Sie heute eine neue Sprache und lassen sämmtliche Kinder auf der Erde diese Sprache erlernen, so wird in siebenzig Jahren die ganze Menschheit nur eine einzige Sprache sprechen, welche kein Mensch |

ii586 auf dämonischen Antrieb umzubilden Lust haben würde. Ein bewußtes Bedürfniß würde alsdann allein entscheiden.

Glauben Sie wirklich heute noch, als Mann, an einen Masseninstinkt, der etwas Anderes wäre als ein resultirender aus Einzel- Instinkten? Gewiß nicht; denn die Männlichkeit bringt andere Gedanken als das Jünglingsalter. Glauben Sie ferner, daß eine Revolution durch einen solchen idealen Masseninstinkt allein je herbeigeführt worden ist? Gewiß nicht. Jede Revolution hatte ihre Führer, deren Kraft durch die Kraftsumme vieler Einzelnen, welche als bloße Werkzeuge hinter ihnen standen, vertausendfacht wurde. Hätten wir in Deutschland eine so starke sociale Strömung wie die gegenwärtige ohne den einzigen Lassalle?

 

VII. Das Unbewußte im Denken.

Daß aber wirklich der eigentliche Proceß in jedem, auch dem kleinsten Schritte des Denkens intuitiv und unbewußt (!) ist, darüber kann wohl nach dem bisher Gesagten kein Zweifel obwalten.

(283.)

Ich beziehe mich hier auf das Vorhergegangene. Das Gehirn denkt nicht immer, sondern es functionirt nur immer: bald bewußt, und dann denkt es; bald unbewußt, und dann denkt es nicht, sondern ist nur unbewußt thätig. Ihre Behauptung: das Denken sei allemal, im kleinsten Schritte, intuitiv und unbewußt, ist dreist, keck, bornirt.

So sieht der geniale Feldherr den Punkt für die Demonstration oder den entscheidenden Angriff, auch ohne Ueberlegung.

(283.)

Genialität ist vor Allem eine Gehirnerscheinung, die mit dem Gehirne steht und fällt. Sie wird erhöht durch eine energische Blutactuirung. Im genialen Feldherrn wirkt der unbewußte Dämon und die bewußte Genialität immer zusammen: eine blinde Biene könnte keine Zelle bauen; ein blinder Fischadler müßte, trotz seines unfehlbaren Instinkts, verhungern; und sähe der Feldherr nicht die Stellung des Feindes, wäre er sich derselben nicht klar bewußt, so würde er auch den entscheidenden Angriff nicht machen können. Sein Befehl zum Angreifen ist ein aus der Tiefe seines Blutes aufsteigender Impuls, aber dieser blinde Impuls ist durch eine bewußte Geistesthätigkeit bedingt.

ii587

VIII. Das Unbewußte in der Entstehung der sinnlichen
Wahrnehmung.

Ich habe diesen Gegenstand bereits mit Ihnen besprochen, und werden Sie sich erinnern, daß ich Ihr Verfahren, diesen Abschnitt nicht an die Spitze Ihres Buches gestellt zu haben, unredlich nennen mußte.

 


Date: 2015-01-02; view: 118


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