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Wer ist Mister Bologna?

VON MARION SCHMIDT

DIE ZEIT Nº 26/2014

 

Vor 15 Jahren wurde das Bachelor-Master-System beschlossen. Was kaum jemand weiß: Die größte europäische Studienreform hat ein deutscher Beamter im Alleingang eingefädelt. Eine Begegnung mit Hans Rainer Friedrich VON

19. Juni 2014

Der 19. Juni 1999 ist ein revolutionärer Tag für die Hochschulen in Europa und für Hans Rainer Friedrich. Jahrelang hat er sich darauf vorbereitet, hat Papiere geschrieben, Ideen entwickelt, verworfen, verfeinert. Er ist dafür quer über den Kontinent gereist, Paris, London, Rom. Und jetzt Bologna, die Stadt mit der ältesten Universität Europas, ein besonderer Ort: Seit Jahrhunderten kommen hier Studenten und Professoren aus aller Welt zusammen. Als Hans Rainer Friedrich am 17. Juni nach Italien fliegt, ist er aufgeregt. "Da haste jetzt ein großes Ding angeschoben, und das kriegste jetzt fertig", sagt er. In seiner Stimme schwingt der Tonfall des Ruhrgebiets mit.

Das "große Ding" ist die Bologna-Erklärung, die damals, vor fünfzehn Jahren, von 29 europäischen Ländern unterzeichnet worden ist. Sie beschließen, ein zweistufiges Studiensystem einzuführen, mit Leistungspunkten und vergleichbaren Abschlüssen. Sie wollen einen einheitlichen europäischen Hochschulraum schaffen, in dem die Universitäten international wettbewerbsfähiger sind und die Studenten mobiler. Eine große Idee ausformuliert von einem deutschen Ministerialbeamten. Was bis heute kaum jemand weiß: Es war Hans Rainer Friedrich, der eher unscheinbare damalige Abteilungsleiter für den Bereich Hochschule im Bundesbildungsministerium, der diese Jahrhundertreform praktisch im Alleingang über Jahre geplant, eingefädelt und durchgesetzt hat.

 

"Das hatte was von einem gelungenen Coup", sagt Johanna Witte, die über den Bologna-Prozess promoviert hat, "ein Geniestreich." Die Hochschulforscherin hat mit allen relevanten Akteuren von damals gesprochen, Friedrich ist für sie eine Schlüsselfigur. "Er war auf deutscher Seite der wichtigste Mann", so Witte. Ohne ihn hätte es die Bachelor-Master-Reform in Deutschland zu dem Zeitpunkt in der Form wohl nicht gegeben. Ohne ihn hätte es allerdings womöglich auch nicht so viele Probleme bei der Umsetzung gegeben. Friedrichs Rolle ist durchaus umstritten. "Er war ein Kämpfer für die Sache, aber mit Methoden, die dem Prozess letztlich geschadet haben", sagt Wolf-Michael Catenhusen. Er war 1999 Staatssekretär im Bundesbildungsministerium und hat die Bologna-Erklärung in Vertretung der Ministerin Edelgard Bulmahn unterzeichnet.

Hans Rainer Friedrich, der gerade 70 Jahre alt geworden ist, wirkt nicht gerade wie ein durchtriebener Strippenzieher. Wer ihn in Bonn in seiner Wohnung mit Blick auf den Rhein besucht, trifft einen höflichen, älteren Herrn mit wachem Geist und manchmal schelmisch blitzenden Augen. Er ist niemand, der sich in den Vordergrund drängt.



29 Jahre lang hat er dem Staat gedient, er ist Mitglied der FDP, war Bürochef von Jürgen Möllemann im Bundesbildungsministerium und Leiter der Hochschulabteilung unter Jürgen Rüttgers. Ein Beamtenleben immer in der zweiten oder dritten Reihe. Immer hat er all die wichtigen Gesetze und Programme vorbereitet, mit denen am Ende die Minister glänzen konnten. Das hat ihn nicht gestört, solange man ihn in Ruhe seine Sachen machen ließ.

Mit Bologna hat Friedrich sein Lebensthema gefunden und die Chance, einmal ein ganz großes Rad zu drehen. Auch wenn er selbst das so nicht sagen würde. Eigentlich müsste er davon schwärmen, was ihm da 1999 gelungen ist. Macht er aber nicht. "Ich bin kein besonders ekstatischer Mensch", sagt er, ganz pflichtbewusster Beamter, so ruhig, dass man das auch sofort glaubt.

Durch die Bologna-Reform soll ein einheitlicher europäischer Hochschul- raum entstehen, die Unis sollen international wettbewerbsfähiger werden. Dazu wird das Studium in den mittlerweile 48 Mitgliedstaaten zweigeteilt, in ein Bachelor- und ein Masterstudium. Der Bachelor soll berufsqualifizierend sein. Um Studienleistungen überall anzuerkennen und die Mobilität der Studenten zu fördern, wurde ein Leistungspunktesystem (ECTS) eingeführt. Studiengänge sollen auf ihre Qualität überprüft werden. In Deutschland wollte man auch die Abbrecherquote und die Studiendauer senken.

Früh hat Friedrich die Defizite der europäischen Hochschulsysteme erkannt. In den 1990er Jahren sind die Unis in Deutschland, wie auch in anderen Ländern überfüllt, verkrustet, international nicht wettbewerbsfähig. Die Absolventen sind im Schnitt 28 Jahre alt, wenn sie die Uni verlassen, viele brechen ihr Studium vorher ab, nur wenige gehen zum Studieren ins Ausland. Der Reformdruck ist hoch. "Europa wurde in der Welt als Flickenteppich wahrgenommen", sagt Friedrich, "unattraktiv für ausländische Studenten und Wissenschaftler."

Bologna soll nun die Probleme lösen, die ohnehin vorhanden sind. Ein kürzeres Bachelorstudium sei vor allem für Kinder aus bildungsfernen Familien besser plan- und finanzierbar. Davon ist Friedrich bis heute überzeugt, auch aus eigener Erfahrung: Er war eines von vier Kindern, sein Studium der Volkswirtschaftslehre hat er selbst finanziert und deshalb zügig beendet. "Ich wäre gern ins Ausland gegangen, aber das konnte ich mir nicht leisten."

(http://www.zeit.de/2014/26/bologna-reform-hans-rainer-friedrich)

 

 

KAPITEL 2.FAMILIE


Date: 2015-12-24; view: 139


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