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Trotz allem: Teuer!

Von: Friederike Lübke

DIE ZEIT Nº 39/2014. Oktober 2014

 

Amerikanische Studenten finden die deutsche Hauptstadt "pretty cool". Doch ein Studium können sich viele in Berlin nicht leisten. Sie besuchen lieber Summer Schools.

"Oh mein Gott, ist das kalt hier!" Das war Aria Zhous erster Gedanke, als sie Ende August in Berlin aus dem Flugzeug stieg. Gestartet war die Studentin in Kalifornien. In Europa war sie vorher noch nie. Jetzt lebt Aria seit vier Tagen in Deutschland, an die Kühle des hiesigen Sommers hat sie sich noch nicht gewöhnt, aber sie ist mittlerweile zu beschäftigt, um sie zu bemerken. Sie hat sich aufgemacht, die Stadt kennenzulernen, in der sie ein Semester lang studieren wird. Mit mehreren Dutzend Studenten aus den USA fährt sie an diesem Nachmittag auf einem Ausflugsschiff über die Spree. Himmel und Fluss tragen einheitliches Berliner Grau, Nieselregen geht auf die Köpfe nieder. Aber die Studenten finden alles, was sie sehen, "pretty cool!"

Die Ansicht ist weit verbreitet, dass diese Faszination der Hauptgrund ist, weswegen immer mehr Amerikaner zum Studium nach Deutschland kommen oder besser gesagt: in die Hauptstadt. Keine andere Region ist anziehender."Berlin hat einen unglaublichen Ruf in Amerika", sagt Dirk Verheyen, der an der Freien Universität (FU) US-Studenten betreut. An allen drei Berliner Unis ist die Zahl der US-Studenten in den letzten Jahren gestiegen. 2012 waren es dem amerikanischen Open-Doors-Bericht zufolge 9.370, im Jahr zuvor waren es noch 9.018. Deutschland rangiert auf der Liste der beliebtesten Gastländer in den USA zwar nur auf Platz 6, aber die Zahl der amerikanischen Studenten, die hierherkommen, hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Es sind inzwischen sogar mehr als im englischsprachigen Australien.

Das ist bemerkenswert, denn nur 1,4 Prozent aller amerikanischen Studenten gehen überhaupt ins Ausland. Bei den Deutschen sind es hingegen etwa 30 Prozent. Für Amerikaner ist es weitaus schwieriger, in Deutschland zu studieren, als umgekehrt. Das liegt nicht nur an der Sprache, sondern vor allem an den hohen Studiengebühren in den USA. Damit sich die US-Studenten Kurse an ausländischen Unis anrechnen lassen können, dürfen sie sich an vielen Hochschulen nicht beurlauben lassen. Sie müssen weiterhin bezahlen, auch wenn sie im Ausland sind. Wenn sie dann im Gastland nicht alle nötigen Kurse belegen können, verlängert sich ihr Studium zusätzlich und wird noch teurer. Deswegen überlegen sich viele den Schritt über die Grenze gut.

Die FU Berlin hat daher auch ein besonderes Angebot für die Bedürfnisse amerikanischer Studenten konzipiert. Die Berlin European Studies, die Aria Zhou und ihre Kommilitonen belegt haben, sind eine Mischung aus Summer School und Auslandssemester. Sie beginnen schon vor dem deutschen Regelsemester und passen damit perfekt in den Stundenplan der US-Unis. Zudem entsprechen sie inhaltlich dem, was amerikanische Studenten in Deutschland suchen.



Wenn die jungen Erwachsenen auf dem Ausflugsdampfer sich zu Deutschland äußern sollen, fällt vielen zuerst eines ein: "beer" . Was Bier anbelangt, gilt Deutschland als Land der unbegrenzten Möglichkeiten. In Amerika darf man erst ab 21 Jahren trinken, das amerikanische Bachelorstudium ist damit zum größten Teil – zumindest nach dem Gesetz – alkoholfrei.

Aber natürlich sind die Studenten nicht deshalb hier. Der Aufenthalt in Deutschland ist für viele eine Reise zu ihren eigenen Wurzeln, in die Heimat ihrer Mutter oder ihrer Großeltern. Viele haben in den USA Deutsch im Haupt- oder Nebenfach belegt, sie wollen nun lernen, die Sprache fließend zu sprechen. Ein Wirtschaftsstudent sagt, er könne sich vorstellen, später hier zu arbeiten, aufgrund der guten ökonomischen Lage. Eine Geschichtsstudentin erzählt, sie habe sich auf den Zweiten Weltkrieg spezialisiert.

Schon auf der Bootsfahrt werden ihre Erwartungen an das Land voll erfüllt. Von Charlottenburg bis zum Treptower Park gibt es kaum einen Uferstreifen, an dem nicht irgendetwas steht oder passiert, das mit Geschichte oder Politik oder Gesellschaft zu tun hat. Und das sich nur mit sperrigen deutschen Worten wie "Bun-des-in-nen-mi-nis-te-ri-um" oder "Neu-bau-pro-jekt-pla-nung" beschreiben lässt. Dirk Verheyen, der akademische Direktor der Berlin European Studies, spricht über den Bordlautsprecher von Krieg, Teilung, Mauertoten und dem Bundespräsidenten. Wenn man die amerikanischen Studenten fragt, was ihnen hier gefällt, sagen sie, Berlin sei so vielfältig, sicher, grün und "so clean!" Im multikulturellen Straßenbild fühlen sie sich wohl. Das Tempo der Deutschen kommt ihnen angenehm langsam vor. Von den öffentlichen Verkehrsmitteln sind sie begeistert. Auf die Frage, was sie hier vorhaben, sagen alle: reisen.

Aus amerikanischer Perspektive liegt Berlin nicht mitten in Brandenburg, sondern mitten in Europa. Man muss sich vor Augen halten, dass Frankreich kleiner ist als Texas. Wer amerikanische Entfernungen gewohnt ist, dem erscheint ganz Europa ziemlich überschaubar. Entsprechend findet Bildung für die amerikanischen Studenten nicht nur an der Hochschule statt.

Daher machen auch einige amerikanische Elite-Unis sich das Interesse ihrer Studenten an Europa zunutze: Stanford oder die New York University haben in Berlin Ableger gegründet, für die sie Professoren aus Übersee einfliegen lassen. So ermöglichen sie ihren Studenten eine Auslandserfahrung an der eigenen Uni – und kassieren weiterhin Studien- und manchmal sogar noch zusätzliche Gebühren. Die neue Online-Uni Minerva (ZEIT Nr. 37/14), die ihren Studenten nicht nur Internetkurse anbietet, sondern sie auch in vier Jahren an sieben Studienorte weltweit schickt, hat neben Hongkong, London und New York auch Berlin als Standort ausgewählt.

Ein ganzes Masterstudium hingegen absolvieren nur wenige Amerikaner in Deutschland, denn dafür müssten sie die Sprache fließend beherrschen. Englischsprachige Studiengänge gibt es jedoch nicht in allen Fächern. Brandon Goeller hatte Glück. An der Humboldt-Uni in Berlin fand er den englischen Masterstudiengang Fishery Science and Aquaculture. Gerade hat er das Studium abgeschlossen. Auch ihm war Deutschland nicht ganz fremd: Sein Urgroßvater stammt aus Rheinland-Pfalz; in der Familie Goeller sagt man noch "Geh ins Bett" und "Mach schnell". In Goellers Heimatstadt Pittsburgh gibt es so viele deutsche Einwanderer, dass sie im Football-Stadion die Hotdogs mit Sauerkraut verkaufen.

Das Masterstudium war dann allerdings ganz anders, als er es aus den USA kannte. In dem kleinen Liberal Arts College, an dem er seinen Bachelor gemacht hat, gab es eine interdisziplinäre Ausrichtung und flache Hierarchien. "Ich bin oft in die Sprechstunde eines Professors gegangen, das war normal", sagt er. Für die Studiengebühren, die er bezahlte, wurde er gut betreut. In Deutschland erlebte er vor allem Frontalunterricht, Prüfungen, für die er sehr viel auswendig lernen musste, und ein Studium mit wenig Praxisnähe. "Mir wäre es lieber gewesen, man hätte sich im Unterricht mehr austauschen können", sagt er. Dass es ihm trotzdem gefallen hat, lag daran, dass ihm das Land so gut gefällt – und dass er so viel reisen konnte.

(http://www.zeit.de/2014/39/berlin-studium-auslandssemester)

 

 


Date: 2015-12-24; view: 221


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