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Worauf laß ich mich ein?

Die Sache paßte Wolzow nicht. „Mit dem Burschen wirst du doch allein fertig!“ Holt wußte nun ganz klar: Es ist Wahnsinn! „Gib mir einen General zum Onkel, und ich brauch keinen andern.“

Wolzow zögerte noch immer. Dann wurde er wütend. Er knallte die Karten auf den Tisch und sah Holt böse an. „Lang­sam ist mir egal, mit wem ich mich prügel.“ Holt sah, wie un­lustig Wolzow zu seinem Wort stand.

Vetter riß das Fenster auf. Sie schauten hinaus. Der mißhandelte Gefangene lag noch immer am Boden. Die anderen schaufelten. Der Posten hielt sich ein paar Meter abseits. Wolzow stapfte über den Acker und rief: „Mensch, vielleicht be­nimmst du dich hier ’n bißchen zivilisiert!“

„Das geht schief!“ flüsterte Gomulka.

Man konnte nicht verstehen, was der Posten antwortete, hörte aber Wolzow schreien: „Wer ich bin? Ich bin der Ober­helfer Wolzow! Genügt das?“ Wieder sagte der Posten etwas, trat einen Schritt zurück und hob den Karabiner, während Wolzow schimpfte: „Drisch die Iwans im Lager! Aber nicht in unserer Batterie!... Du!“ schrie er, sprang zu dem Po­sten hin und faßte ihn an der Bluse: „Was willst du mit der Knarre? Bist du verrückt? Nächstens schießen Deutsche auf Deutsche!“ Er schüttelte den Posten und ließ ihn dann ein­fach stehen.

Er setzte sich wortlos wieder an den Tisch und nahm seine Karten auf. „Schiß hat er gehabt!“ sagte Vetter. „Halt ’s Maul!“ rief Wolzow. Dann fuhr er Holt an: „Das war das erste und letzte Mal, daß ich mich von dir in so was hinein­ziehen lasse! Du mit deinen verrückten Ideen! Viel zu weich bist du!“ Holt fuhr herum: „So! Willst du mir die Freund­schaft aufkündigen?“ Er schrie: „Dann sag’s doch offen! Meinst du, ich fürcht mich vor dir?“

Wolzow blickte auf Holt und sagte verblüfft: „Du bist wohl verrückt! Ich prügel mich doch nicht mit dir“ „Einig­keit ma-ma-macht stark!“ sagte Rutscher. Wolzow rief: „Du stotterst ja wieder, Mensch, du mußt dir noch mal die Man­deln rausnehmen lassen!“ Das Gelächter wirkte versöhnend.

Die Nacht am Geschütz war lang. Kutschera hatte Kurz­urlaub. In der Batterie residierte Gottesknecht. Während des Schulunterrichts saßen die Jungen dann schlafend auf ihren Schemeln. Der Lehrer las mit monotoner Stimme aus einem Buch vor.

Mitten im Unterricht holte der UvD Wolzow auf die Be­fehlsstelle, die immer noch als Schreibstube diente. Holt fuhr aus dem Halbschlaf empor und wechselte einen Blick mit Go­mulka. Zehn Minuten später ging abermals die Tür. Gottes­knecht winkte Holt.

Holt hatte Gottesknecht noch nie so ernst gesehen, so sor­genvoll und verfallen. Der erste Abend fiel ihm ein. Damals hatte Gottesknecht das Gesicht eines müden, gealterten Man­nes gezeigt. Heute sah er verzweifelt aus.

„Holt, kennen Sie Wolzows Onkel, den General? Wir müs­sen sofort etwas unternehmen. Wolzow ist eben von der Ge­heimen Staatspolizei abgeholt worden.“



Holt nahm die Worte hin wie einen Schlag. Unsinnige Angst faßte ihn. „Ich konnte nichts tun“, hörte er Gottesknecht sa­gen. „Ihr untersteht ja nicht einmal der Militärgerichtsbar­keit, so verrückt das ist. Kriegsrechtlich seid ihr Zivilisten. Das erleichtert andererseits eine Intervention von oben.“ Im Keller der B 2 hielt ein Obergefreiter Telefonwache. Gottes­knecht schickte ihn hinaus, ließ sich von der Untergruppe eine Amtsleitung geben und meldete ein Blitzgespräch an. Er rief abermals die Untergruppe: „Hör mal, Kleine, ich hab Blitz Berlin verlangt, leg das sofort in die Hundertsieben!“

Holt fand keinen klaren Gedanken. Schließlich fragte er mühsam: „Und weswegen...“

„Tun Sie doch nicht so!“ fuhr Gottesknecht ihn an. „Das wissen Sie doch am besten! Ich kenn den Wolzow, der hätte keinen Finger gerührt. Sie stecken dahinter, Holt, kein ande­rer!“

„Herr Wachtmeister, ich .. „

„Halten Sie den Mund! Sie haben Ihrem Freund einen schlechten Dienst erwiesen!“ Gottesknecht war aufgebracht wie noch nie. „Wenn das Theater wenigstens einen Sinn ge­habt hätte! Aber wegen der Russen mit der SS anzubinden, das ist doch sinnlos! Was haben Sie sich bloß dabei gedacht?“

„Mir ist das alles erst hinterher eingefallen“, sagte Holt kläglich. Mitleid ist Schwäche, dachte er. Mit uns haben die Jagdbomber am Sonntag ja auch kein Mitleid gehabt! Daß mich der Gilbert bloß nicht verrät!

Das Telefon summte, Gottesknecht verzerrte das Gesicht vor Konzentration. „Bitte einen Augenblick, Herr Oberst!“ Er reichte Holt den Hörer und flüsterte: „Sehn Sie zu, daß Sie den General persönlich an den Apparat bekommen!“

„Herr Oberst?“ rief Holt mit heiserer Stimme. „Hier spricht Luftwaffenoberhelfer Holt. Dürfte ich bitte den Herrn Generalleutnant Wolzow sprechen? Es handelt sich um sei­nen Neffen!“

„Gefallen?“ fragte eine scharfe Stimme.

„Nein, Herr Oberst. Aber es ist dringend!“

Fern in der Leitung klang ein Besetztzeichen. Holt sagte leise: „Er holt ihn.“ Gottesknecht flüsterte hastig: „Sagen Sie, er hat sich das nur verbeten, weil’s unmittelbar vor der Baracke war! Vielleicht hat’s ihn beim Schlafen gestört oder so! Sagen Sie, es ist ein Mißverständnis!“

Am anderen Ende der Leitung wurden Schritte laut, eine ruhige Stimme sagte: „Wolzow. Was ist los?“ Holt erzählte stockend, so gut es ging. Am anderen Ende schrie es: „Ich muß schon sagen, daß ich das Theater mit euch Rotzjungen langsam satt habe!“

„Herr General“, sagte Holt verzweifelt, aber der General­leutnant schrie wütend: „Wie stellen Sie sich das vor! Bin ich der liebe Gott?“ Dann klang die Stimme ruhiger: „Ich werde sehen. Mahlzeit.“ Es knackte. Aus, vorbei. Holt wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Gelsenkirchen, spre­chen Sie noch?“ Holt legte den Hörer auf.

„Was hat er gesagt?“ fragte Gottesknecht ungeduldig. Er lachte kurz. „Böse? Das glaub ich!“ Erst jetzt wurde Holt völlig klar, was geschehen war. Wenn Wolzow ihn als An­stifter preisgab, dann holten sie auch ihn, und kein Generals­onkel half ihm aus der Schlinge.

„Wie bring ich das bloß dem Chef bei!“ sagte Gottes­knecht. „Und Sie, Holt, was machen wir, wenn die Sie auch noch holen?“

„Herr Wachtmeister“, sagte Holt, und er raffte allen Wil­len zusammen, trotz seiner Angst eine einigermaßen gute Figur abzugeben, „ich bitte Sie, Tatbericht einzureichen, daß . .. ich der Anstifter gewesen bin!“ Er hoffte inbrünstig, daß Gottesknecht diesen Vorschlag ablehnen würde.

„Sie sind ein Idiot!“ sagte Gottesknecht. „Unüberlegt und dumm, Holt, das ist ein bißchen viel! Jetzt kommen Sie sich wohl mächtig edel vor, bei soviel teutonischer Aufrichtigkeit, was? Sie wären imstande und machen aus einem Dumme­rjungenstreich eine Verschwörung, mit Anstiftern, Hintermän­nern und Statuten. Das war und bleibt ein Dummerjungen­streich, verstehen Sie? Der Wolzow prügelt sich fürs Leben gern, das weiß hier jeder. Er prügelt sich mit allen, also zu­fällig auch mal mit einem SS-Mann. Anlaß? Braucht er kei­nen. Er prügelt sich aus Sport. Dabei bleiben wir, Holt! Es hat keinen Anlaß gegeben! Den Wolzow ärgert manchmal die Fliege an der Wand, und dann sucht er Händel. So war es auch gestern.“

„Jawohl, Herr Wachtmeister!“

„Merken Sie sich das, wenn der Chef Sie fragt oder ein anderer. Was mach ich mit Ihnen?“ Er überlegte. „Sie ver­schwinden. Wenn man nach Ihnen fragen sollte, sag ich, Sie haben Urlaub. So gewinnen wir Zeit, bis sich der General einschaltet. Morgen früh sind Sie wieder hier. Bewegen Sie sich ein bißchen vorsichtig. Warten Sie am Geschütz Anton auf mich, ich sag Ihnen dort Bescheid, wie die Dinge liegen. Verschwinden Sie.“

„Oberhelfer Holt meldet sich ab auf Nachturlaub!“

„Wer weiß von der Sache?“

„Gomulka, Rutscher und Vetter.“

Gottesknecht schüttelte den Kopf, als könne er das alles gar nicht fassen.

 

Holt zog sich um und lief durch den Wald zur Straßen­bahn. Aber er ging zu Fuß. Ein Glück, daß es Gertie gibt! Er läutete bei ihr an. Doch niemand meldete sich. Er setzte sich in einem Lokal abseits in eine Ecke. Vielleicht fahnden sie schon nach mir!

Geheime Staatspolizei, Gestapo, ein geläufiges Wort. Die Vorstellung, die sich mit diesem Wort verband, war vage und unklar. Holt erinnerte sich, wie Knack im Geschichtsunter­richt den Charakter aller nationalsozialistischen Organisatio­nen erläutert hatte, auch Wesen und Aufgabe der Geheimen Staatspolizei. Holt bemühte sich, einige dieser Definitionen in seinem Gedächtnis wachzurufen. Die Geheime Staatspoli­zei ist der unerbittliche Wächter über die innere Sicherheit des Reiches, oder so ähnlich. Das verjüngte deutsche Volk schützt seine rassische Grundlage, seine Einigkeit und Kraft hart und rücksichtslos gegen alle Anschläge des Weltjuden­tums, und es bedient sich hierzu der SS und der Geheimen Staatspolizei. Oder: Die Gestapo ist der Arm des Führers, der unbarmherzig allen Feinden des Reiches das Handwerk legt. Oder: Hätte es 1918 schon eine Gestapo nationalsozialisti­schen Gepräges gegeben, so würde die Revolution der Zuhäl­ter und Deserteure brutal im Keim erstickt worden sein ...

Jetzt erst fiel Holt auf, daß jede dieser Definitionen mit einem Beiwort wie „unbarmherzig“, „brutal“ oder „rück­sichtslos“ versehen war, was den Begriff „Geheime Staats­polizei“ mit dem Geruch des Schrecklichen umgab. Womit hab ich angebunden! Was hab ich herausgefordert! Wie soll das enden! Immer neue Erinnerungen tauchten in seinem Bewußtsein auf, von weit her, gewaltsam aus dem Gedächtnis getilgt: „... Ruths Vater ist gar nicht wieder nach Hause ge­kommen, und niemand weiß, wo er jetzt ist...“, das hatte Marie Krüger erzählt, „und niemand weiß, wo er jetzt ist...“ – „Im Generalgouvernement bringen sie die Juden zu Hun­derttausenden um, die SS ...“, das war Gertie. Und der alte Mann in seinem muffigen Zimmer: „... tötet die SS heute Hunderttausende von Menschen.“

Eine Welt des Grauens tat sich auf.

Er sprang auf, warf einen Geldschein auf den Tisch und trat ins Freie. Er lief in eine Telefonzelle. Sie war außer Be­trieb. Er rannte planlos durch zerstörte Straßen, bis er ein Postamt fand. Endlich meldete sich Frau Ziesche. „Ich komm eben nach Hause, ich war bei Günter im Revier... Was gibt’s? Wo sprichst du?“ Er sagte: „Ich kann heut nicht in die Batterie zurück, erst morgen früh... Bitte, darf ich bei dir bleiben?“ Sie lachte. Er begriff nicht, warum sie so lachte. „Komm schon!“ Befreit hängte er den Hörer auf. Fürs erste war er geborgen.

Sie empfing ihn, nahm ihm den Stahlhelm ab und schob, als sie ihn ins Zimmer geleitete, gutgelaunt ihren Arm unter den seinen. „Was ist das für eine neue Mode?“ sagte sie. „Meinst du wirklich, du mußt Gruselgeschichten erfinden, wenn du bei mir bleiben willst?“ Jetzt wurde ihm klar, warum sie vorhin so gelacht hatte, und er sagte unwillig: „Du irrst dich. Ich bin in einer schlimmen Situation!“

Sie hörte sich an, was er erzählte, und während sie zuhörte, gefror ihr Gesicht. Noch ehe er fertig war, erhob sie sich, stellte das Radio ab und entzündete in nervöser Hast eine Zigarette. „Und was hast du damit zu tun?“ – „Ich hab Wolzow angestiftet“, sagte er.

„Bist du denn nicht bei Trost?“ sagte sie erregt. „Wie kannst du so etwas tun?“ Er blickte ihr in das blasse, feind­selig verschlossene Gesicht, tief enttäuscht. „Du hast recht“, sagte er müde. „Ich weiß, daß es nicht richtig war. Aber Ver­ständnis solltest du eigentlich dafür haben.“

„Nein!“ sagte sie scharf. „Da täuschst du dich gewaltig in mir. Ich bin eine deutsche Frau! Für so was habe ich nicht die Spur Verständnis!“

„Was denn, was denn“, sagte er fassungslos. „Wer hat mich denn konfus gemacht mit ‘Russischer Seele’?“ – „Ach ...“, sagte sie gedehnt und sah ihn mit einem unbeschreiblichen Ausdruck an. „Jetzt soll ich wohl an diesem Wahnsinn schuld sein?“ – „Jawohl, du!“ rief er, außer sich vor Zorn. „Streng dich nur ein bißchen an und erinnere dich!“

„So nicht, mein Lieber“, sagte sie leise, aber drohend. „So auf gar keinen Fall! Du möchtest mich wohl in die Sache hin­einziehen, ja? Gib dich keinen Illusionen hin, ich habe mehr Rückgrat als du!“ Sie beugte sich über den Rauchtisch entstellte Gesicht ihm zugewendet. „Treib mich nicht so weit, daß ich Ziesche gegen dich zu Hilfe rufen muß!“

Holt fühlte, wie ihn die Beherrschung verließ. Er wollte Frau Ziesche anschreien. Aber da erfaßte ihn verzweifelte Schwäche. Apathisch saß er im Sessel. War also Geschwätz, was sie von „russischer Seele“ erzählt hat, dachte er, hat sie gar nicht ernst gemeint...

„Such die Schuld erst einmal bei dir“, sagte Frau Ziesche, „bei den Einflüsterungen deines sauberen Herrn Vaters, bei deiner persönlichen Laschheit, der undeutschen Toleranz ...!“ Das ist allerhand! dachte Holt empört, und nun wurden auch in ihm gemeine Gedanken hochgespült. „Drohen...“, sagte er, „mit deinem Mann drohen ist sinnlos! Du denkst nämlich gar nicht daran, ihn gegen mich auszuspielen, ich könnte ihm immerhin ein paar... interessante Einzelheiten aus deinem Leben erzählen.“ Das war deutlich. Sie stieß nervös die Zigarette in die Aschenschale. Er sah mit Genugtuung, daß er die rechte Tonart gefunden hatte.

„Du entpuppst dich ja in einer netten Weise“, sagte sie. Er fiel ihr ins Wort: „Ich hab nicht zu drohen angefangen!“

Sie schwiegen beide. „Ich hab gedacht, du hilfst mir“, sagte er, „stehst mir bei... Aber du bist ja so unbeschreiblich falsch, daß...“ Jetzt fiel sie ihm ins Wort: „Du hast kein Recht, so mit mir zu sprechen!“

„Nein?“ fragte er. Zum erstenmal im Leben war er zy­nisch: „Da möcht ich wissen, was man noch anstellen muß mit dir, eh man dieses Recht hat!“ Das traf sie wie ein Schlag ins Gesicht.

„So!“ sagte er und stand auf. „Ich geh!“ Er hatte keine Freude mehr daran, sie beschimpft zu haben, er empfand we­der Scham noch Genugtuung, er fühlte in diesem Augenblick nur Gleichgültigkeit und dahinter dunkel und drohend die Angst. Auf dem Korridor konnte er seinen Stahlhelm nicht fin­den. Als er ihn schließlich auf einem Korbstuhl liegen sah, öffnete sich die Wohnzimmertür; Frau Ziesche war bleich, und die dunklen Augen glühten in dem blassen Gesicht. Leise, doch sehr deutlich sagte sie: „Du unverschämter Kerl wirst dich jetzt sofort bei mir entschuldigen!“ Er schaute sie ein wenig verwundert an und kam nicht los von ihrem Blick. Er sagte: „Es tut mir leid.“ Er faßte ihre Hand. „Verzeih mir.“

„Wolltest du wirklich fort?“ fragte sie später. – „Ja.“ – „Und an mich hast du nicht gedacht?“ – „Nein. Aber du hät­test mir gefehlt.“ – „Du bist ein dummer, unverschämter Junge“, flüsterte sie. „Und du bist falsch“, sagte er, noch im­mer böse. Aber sie drängte sich gegen ihn. „Jetzt bin ich nicht falsch“, flüsterte sie. Die Sirene trieb sie hoch.

Voralarm. Während Holt die Uniform überzog, stellte sie im Wohnzimmer das Radio an. Starke feindliche Kampfver­bände im Anflug über der deutschen Bucht. Aller Voraussicht nach galt das nicht ihnen. „Wir hätten uns Zeit lassen kön­nen“, sagte er. Sie richtete im Wohnzimmer den Teetisch her, nun saßen sie ohne Licht vor den weitgeöffneten Fen­stern. Kurz vor Mitternacht heulten die Sirenen Vollalarm. „Ich hätte mich doch lieber anziehen sollen“, sagte sie, noch immer im Kimono. Er beruhigte sie: „Es sind abfliegende Ver­bände.“ Zwanzig Minuten lang zogen die Bomber vorbei. Flak grollte im Norden. Sie standen am Fenster. Entwarnung! Sie sagte: „Jetzt ruf ich in der Batterie an und frag nach dir!“ – „Mitten in der Nacht? Frag lieber nur, wenn sich Gottesknecht meldet, er wird bestimmt noch auf der B 2 sein!“

Holt brachte sein Ohr dicht an ihr Gesicht; so konnte er mithören. Gottesknecht meldte sich. „Holt? Wer spricht denn da? Ach so! Nein, Holt hat Ausgang. Er wird morgen früh zu sprechen sein. Hier liegen günstige Nachrichten für ihn.“ Frau Ziesche sagte noch: „Das hört man gern!“ Holt warf sich aufatmend in einen Sessel.

Am Morgen schob sie ihm ein großes zusammengerolltes Heft unter den Arm. „Schau dir das an, damit du siehst, für wen du dich eingesetzt hast.“ Er stopfte die Zeitschrift durchs Koppel und rückte die Mütze zurecht, sie stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte, den Mund an seinem Ohr: „Komm bald wieder!“

In der Straßenbahn nahm er sich das Heft vor. Vom Titel­blatt grinste ihn eine grauenhafte Menschenfratze an. Dar­unter große, fahle Buchstaben: „Untermenschen...“, „IB Sondernummer“. Viele Seiten lang die gleichen tierischen Ge­sichter, mittelalterliche Teufelsmasken, verzerrt, mit gebleck­ten Raubtierzähnen. Ab und zu eine kurze, einprägsame Text­zeile: „Das Reich ist bedroht!“ Oder: „Das Antlitz Judas, lüstern nach deutschem Blute!“

Auf dem Batteriegelände wurden neue Baracken aufgestellt. Gottesknecht winkte Holt zu sich heran. „Wolzow ist wieder da.“ Er ging neben Holt durch die Feuerstellung. „Es war ein Mißverständnis, wie ich dachte.“ Holt sagte: „Ich habe Ihnen zu danken, daß...“ – „Scheren Sie sich zur Hölle!“ rief Gottesknecht.

In der Stube saß Wolzow, frühstückte und erklärte: „Minsk ist gefallen! Ich hab also recht behalten!“ Als Holt eintrat, rief er unbefangen: „Wieder im Lande?“ Er räumte Brot und Wurst in den Spind. „Sepp, Werner, kommt mal mit zur Lei­tungsprobe!“

Am Geschütz erzählte er. Man hatte ihn mit dem Wagen auf irgendeine Dienststelle gefahren und dort vor einen Ober­gruppenführer gebracht. Wolzow hatte die Anschuldigung, er habe einen SS-Mann im Dienst bedroht, sogleich zugegeben. Aber er hatte bestritten, daß dies wegen der Russen geschehen sei. Es habe sich vielmehr um eine „reine Privatsache“ ge­handelt, davon hatte er sich nicht abbringen lassen, auch nicht, als man drohte, die Wahrheit gewaltsam aus ihm herauszu­holen. Dann war er in eine Kellerzelle gesperrt, nach zwei Stunden aber wieder herausgeholt und abermals vor den Ober­gruppenführer geführt worden. Inzwischen mußte schon ein Anruf aus Berlin vorgelegen haben, denn man behandelte ihn nun wesentlich sanfter. Wenn er den wahren Grund angebe, warum er den Posten bedroht habe, so könne er nach Hause gehen. Wolzow hatte sich erinnert, daß die SS-Leute am Abend vorher in der Kantine gesessen und dort auf laute und rohe Weise über ihre Mädchen gewitzelt hatten. Dies gab er nun als Grund an. Die Schmähungen der SS-Leute gegenüber deutschen Frauen seien es gewesen, erklärte er, die ihn bewogen hätten, sich einige SS-Leute einzeln vorzuknöp­fen, jedoch sei es dann am anderen Morgen bei dem einen geblieben. Man nahm diese Antwort zu Protokoll, auch Wolzows Bemerkung, die Anzeige sei ein „hundsgemeiner Rache­akt“. „Na, und dann haben sie mich eben entlassen“, schloß er seine Erzählung. „Der Obergruppenführer hat mich noch furchtbar angebrüllt, ich soll meine Rauflust im Zaum halten, bis ich an der Front bin.“

„Du bist ganz korrekt behandelt worden?“ fragte Gomulka gespannt. Wolzow sagte: „Ja. Aber im Keller, da haben die ein paar Typen als Schließer, Mensch, richtige Zähneeinschläger!“

Holt sagte: „Ich hatte Angst, du könntest mich verraten!“ – „Wenn du wieder so eine verrückte Idee hast, dann such dir dazu einen andern!“ fuhr Wolzow ihn an. „Von deiner Hu­manitätsduselei hab ich genug. Nimm dir ein Beispiel an Ziesche! Wenn’s drauf ankommt, hat der mehr soldatische Härte als du!“

Kutschera schimpfte am anderen Tag vor versammelter Mannschaft über „die verdammte Händelsucherei von dem Wolzow“. Tage später erhielt Wolzow einen wütenden Brief seines Onkels, darin er und seine Freunde mit groben Worten aufgefordert wurden, „derartige anrüchige Scherze ein für allemal zu unterlassen“. Damit war die Angelegenheit abgetan.

Die Julitage reihten sich aneinander, trocken und heiß, dann diesig und trübe. An einem regnerischen Tag wurde die Batterie zum zweiten Male von Tieffliegern angegriffen. Eine Kette Mustang-Jagdbomber stürzte sich auf die Geschütze Dora und Cäsar. Der Sachschaden war gering. Aber zwei Tote und sechs Schwerverwundete blieben liegen. Gomulka sagte: „Das ist alles erst der Anfang. Verlaß dich drauf!“

 

12.

„Holt“, sagte Gottesknecht eines Tages, „verdient haben Sie’s nicht, aber ich gebe Ihnen einen guten Rat. Reichen Sie sofort ein Urlaubsgesuch ein, Sie und Wolzow, auch Gomulka, ehe es zu spät ist! Wie’s mit unserer Mannschaftsstärke aussieht, das wissen Sie. Noch ein paar Ausfälle, und mit Urlaub ist’s vorbei!“

Über dem Ruhrgebiet lag eine Hitzewelle. Dunst verschlei­erte die Mittagssonne. Türen und Fenster der Baracke standen offen, aber kein kühlender Luftzug strich durch die überhitz­ten Stuben. „Wir sollen den Chef gleich um Urlaub angehn“, sagte Holt. Gomulka rief: „Still!“ Wolzow las aus der Zei­tung vor: „... ,und so wird die Schlacht im Osten immer mehr zur großen Bewährungsprobe der Einzelkämpfer. Den Vorstößen schneller sowjetischer Kräfte begegnen unsere Kampf­gruppen durch Zusammenschluß in einzelnen Widerstands­räumen ...‛” Gomulka meinte: „Da hast du tatsächlich recht behalten mit deiner Lageeinschätzung!“ Wolzow las weiter: „,Während der feindliche Einbruch in Minsk von Südosten und Nordosten her geschah, stehen weiter südöstlich bis zur Beresina hin immer noch deutsche Truppen, die sich unter fortgesetzten Durchbruchskämpfen nach Westen zurückschla­gen.‛” – „Also eingekesselt!“ sagte Gomulka und nahm Wol­zow die Zeitung aus der Hand. „Außerdem geht eindeutig dar­aus hervor, daß es im Osten ein Bewegungskrieg geworden ist: ,Der Feind versucht’, heißt es, ,die Bewegung weiterhin aufrechtzuerhalten.‛“

Holt schielte auf Ziesche. Ziesche schlief, oder er gab vor zu schlafen. „Und noch immer keine Gegenmaßnahmen?“ fragte Holt. „Lies den Wehrmachtsbericht!“

Gomulka blätterte in der Zeitung. „Gegenmaßnahmen?“ Es zuckte in seinem Gesicht. „Moment! Invasionsfront... Also: ,Im Mittelabschnitt der Ostfront stehen unsere Truppen bei drückender Hitze in auch für uns verlustreichen Kämp­fen...‛”

Wolzow unterbrach ihn: „Da muß was los sein!“ Ziesche richtete sich auf und glotzte verschlafen.

„Das hat es im ganzen Krieg noch nicht gegeben“, sagte Gomulka. „Da brauchst du gar nicht so ’n ungläubiges Ge­sicht zu machen, Ziesche, schau dir die Wehrmachtsberichte an, vom Polenfeldzug bis heute! Das ist das erstemal, daß es heißt ,in auch für uns verlustreichen Kämpfen’.“ Er las weiter: „,Die heldenmütige Besatzung von Wilna’...“ – „Wilna?“ rief Holt erschrocken. „Na ja doch“, sagte Gomulka, „Wilna ist schon vor drei Tagen erreicht worden. ,An Wilna vorbei dringt der Gegner weiter nach Westen und Südwesten vor.’“ Er legte die Zeitung fort. „Sieht also nicht nach Gegen­maßnahmen aus.“

Holt saß deprimiert am Tisch. Eben noch hatte er sich auf den Urlaub gefreut. Nun war ihm diese Freude verdorben. Er wunderte sich nur immer wieder über die anderen, die all die niederschmetternden Nachrichten so empfindungslos hinnah­men oder aber ihre Gefühle besser als er zu verbergen wuß­ten. Vetter jedenfalls rief von seinem Bett: „Scheiß auf Wilna! Die solln uns hier mal ausschlafen lassen, das ist wichtiger!“

Sie schrieben Urlaubsgesuche. Holt überlegte noch einmal: Was fang ich mit dem Urlaub an? Mutter? Nein. Vater? Nein. Holt hatte seit Weihnachten nichts mehr von ihm gehört und vor ein paar Wochen, als die mitteldeutschen Industrie­zentren bombardiert worden waren, nur durch eine der vor­gedruckten Mitteilungskarten erfahren, daß sein Vater lebte. So blieb nur Wolzows Einladung. Wolzow und Gomulka hatten ihn immer wieder aufgefordert, mitzukommen. Solange man noch Freunde hat, ist alles gut! Freunde, dachte er mit leichtem Mißbehagen. Gab es zwischen Wolzow und ihm nicht eine leise Entfremdung? Aber dann erinnerte er sich an die ver­wilderte Villa, die Sommertage am Fluß ... und an Uta! Die­ser Gedanke war unangenehm. Frau Ziesche fiel ihm ein.

Er konnte unmöglich auf Urlaub fahren, ohne vorher mit ihr gesprochen zu haben. Vielleicht hatte sie Zeit, vielleicht konnten sie zusammen verreisen, wie Weihnachten... Er saß sinnend und dachte: Ob es noch einmal so wird wie da­mals? Seltsam, überall die gleiche Entfremdung! Er zog sich rasch die Ausgehuniform an. „Wo willst du hin?“ fragte Wolzow. – „Zum Zahnarzt.“ Wolzow begann zu grinsen. Da schrillte die Alarmglocke. Wolzow lief in der Badehose zum Geschütz, das Drillich unter dem Arm.

Die Sonne prallte senkrecht in den Geschützstand. Holt, in der Uniform aus Wollstoff, suchte vor den sengenden Strah­len vergeblich im Mannschaftsbunker Schutz; das Erdreich war so heiß, daß die Luft aus dem Bunker wie aus einem Backofen schlug. Er zog sich die Bluse aus. Schröder, einer der Schlesier, saß statt seiner an der Seitenrichtmaschine. „Feuer­bereitschaft!“ meldete Ziesche, der auch die Ausgehuni­form trug. Sie setzten die Stahlhelme auf. – „Einzelne schnelle Feindfingzeuge...“ – „Die obligaten Mosquitos“, sagte Gomulka. Wolzow zog sich den Ladehandschuh wieder aus und setzte sich auf einen Holm.

„De Havilland Mosquito“, sagte er dann träumerisch. „Die sind als Aufklärer vollständig unbewaffnet. Sie fliegen so schnell, daß unsere Jäger sie nur im Sturzflug einholen kön­nen.“

Ziesche fragte: „Aus was für Kanälen stammt diese Weis­heit eigentlich?“ Wolzow warf den Zigarettenstummel auf den Boden. „Das hat im ,Völkischen Beobachter’ gestanden! Aber du liest ja bloß immer die Schlagzeilen, die Kommentare mußt du lesen! Du bist zwar ein guter Nationalsozialist, aber du könntest dir endlich ein bißchen militärische Sachlichkeit angewöhnen.’

„Rohre Richtung neun!“ schrie Ziesche. In der Ferne erhob sich ein dunkles Grollen. „Die 12,8-Batterien in Bottrop schie­ßen!“ Wolzow zog sich wieder den Ladehandschuh an und dozierte weiter: „Damit stellst du dir nämlich ein unnötiges Armutszeugnis aus, wenn du die militärische Wahrheit als Zersetzung ansiehst. Nächstens sagst du noch, der Führer treibt Zersetzung, wenn er die Lage als ernst bezeichnet.“

In den Städten heulten die Sirenen Entwarnung. Ziesche schaltete am Mikrophon. „Anton verstanden. Feuerbereitschaft aufgehoben. Die schnellen Feindflugzeuge sind ins Reich ein­geflogen ... Zwei Mann bleiben an den Geschützen. Die ande­ren können essen gehen.“ – „Ich bleib“, sagte Wolzow. „Sepp, bring mir das Essen her!“

Holt zog die Bluse an und lief zur B 2. Gottesknecht furchte die Stirn. „Pünktlich siebzehn Uhr wieder hier, verstanden? Und hören Sie sich beim ,Zahnarzt’ mal die Luftlagemeldun­gen an, wenn Kampfverbände einfliegen, dann kommen Sie sofort zurück!“

Holt trabte im Laufschritt zur Straßenbahn. Vor dem Hauptbahnhof stieg er aus und lief zu Fuß weiter. Zehn Mi­nuten später klingelte er bei Frau Ziesche. Sie lief in einem Strandanzug in der Wohnung umher und hatte in der Küche Bier auf Eis stehen. „Seit den letzten Angriffen will Ziesche unbedingt, daß ich hier weggeh! Ich soll zu ihm nach Krakau kommen! Außerdem werde ich dauernd angemeckert wegen der großen Wohnung. Ziesche schreibt, es wäre besser, wenn ich zwei Zimmer abgebe, damit die Volksgenossen nicht sa­gen können, die Partei macht Schiebung.“

„Eigentlich könntest du hierbleiben, bis ich zum RAD geh“, sagte Holt. „Wir sind vorige Woche gemustert worden. Es sind ja nur noch sechs Wochen.“

„Ausgerechnet nach Krakau!“ sagte sie. „Dort sind doch bald die Russen! Da fühl ich mich hier im Keller noch wohler!“ – „Hör doch mal zu!“ rief Holt. „Ich will was mit dir be­sprechen!“

Sie hörte sich Holts Urlaubspläne an und überlegte lange. „Es wäre schön“, sagte sie. „Ich kenne einen Ort im Bayri­schen Wald ... Nein ... Es geht nicht! Du hast Urlaub, fährst nicht nach Hause, und gleichzeitig verreise ich, Ziel unbe­kannt ... das muß ja auffallen!“

Er war enttäuscht. „Überleg dir doch Ausreden!“ Sie schüt­telte den Kopf. „Ich kann das nicht riskieren. Es wäre herrlich, aber es geht nicht.“ Nach einer Weile setzte sie hinzu: „Wenn Günter Ziesche nicht wäre!“ – „Wenn, wenn!“ sagte er. „Alles verdirbt er mir, dieser ekelhafte Kerl!“ – „Sei friedlich“, meinte sie. – „Dann bleib wenigstens hier, bis ich zum RAD geh“, bat er, „ich hab sonst niemanden.“ – „Werde nicht sentimental, dazu ist gar kein Grund.“

Als der Drahtfunk meldete: „Über dem Reichsgebiet be­findet sich kein feindlicher Kampfverband“, lag Holt neben Frau Ziesche auf dem Bett. Die Fenster waren weit geöffnet. Er versuchte noch einmal, sie zu überreden: „Hast du nicht irgendwo Verwandte, daß du sagen kannst...“ – „Es geht wirklich nicht! Mir tut es selbst leid.“ Ihm war, als höre er Schritte in der Wohnung. Das mußte ein Irrtum sein. „Und wenn du vorausfahren würdest“, fragte er hartnäckig, „und ich komm später nach? Da kann doch keinem was auffallen!“

Die Tür öffnete sich, und auf der Schwelle des Schlafzim­mers stand Ziesche, tatsächlich, Luftwaffenoberhelfer Zie­sche, den Stahlhelm am Riemen in der Rechten; Holt erschrak und zog nur die Steppdecke über Frau Ziesche.

Ziesche sagte hilflos: „Aha... aha... aha!“, und ehe sie noch recht begriffen hatten, war er verschwunden wie ein Spuk. Die Tür blieb offen. Draußen fiel die Vorsaaltür ins Schloß. Holt sagte wütend: „Dieses Schwein... Dieses schwule Schwein!“

Frau Ziesche zitterte vor Schreck. Sie war bleich. „Um Got­tes willen!“ Er wollte sie beruhigen, aber sie hörte auf nichts und stammelte: „Erledigt... erledigt, er schreibt’s seinem Vater!“ Dieser Gedanke schreckte nun auch Holt. Er über­legte schwerfällig, was da zu tun sei. Gilbert muß helfen, und Ziesche muß schwören, nichts zu verraten! dachte er zuerst. Aber dieser Gedanke war sinnlos. Auf Wolzow war nicht zu rechnen, und Ziesche würde sich lieber totschlagen lassen, ehe er darauf verzichtete, seine Stiefmutter samt Holt ans Messer zu liefern. Holt saß im Bett, die Knie bis unters Kinn gezogen, und dachte: Elend, verfluchtes!

Frau Ziesche lag bewegungslos neben ihm. Sie sah auf ein­mal verfallen aus. „Er jagt mich weg“, flüsterte sie, „er jagt mich einfach weg!“ – „Warte ab“, sagte Holt. „Er wird’s nicht erfahren, dafür laß mich sorgen.“ Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte, aber der Weg in die Stellung war lang, und unterwegs würde ihm schon etwas einfallen. Er stand auf, nahm seine Sachen und ging ins Bad. Er ließ sich eiskaltes Wasser über den Kopf laufen. Frau Ziesche folgte ihm, frö­stelnd trotz der Hitze. „Er darf es nicht seinem Vater schrei­ben“, sagte sie, ein wenig gefaßter. Sie redete auf Holt ein: „Werner, was du tust, ist gleichgültig. Aber er darf es nicht seinem Vater schreiben! Du kennst den alten Ziesche nicht, er ist eitel und rachsüchtig.“ Angst griff nach Holt. Er kämmte sich, warf den Kamm hin und sagte: „Ich werde sehen.“

Er fuhr in die Batterie. Natürlich fiel ihm auch auf dem Wege nichts ein. Er dachte: „Welch ein bodenloser Leichtsinn! Das durfte nicht passieren! Und: Ich werde erst einmal mit ihm reden.

In der Stube saß Wolzow am Tisch und stocherte mit dem Zirkel auf der Karte herum. Gomulka las. Ziesche fehlte. „Laß ihn mal lieber in Ruhe“, sagte Gomulka. „Er wollte auf Nachturlaub gehen, dann ist er wiedergekommen, mit einer Stinklaune. Jetzt sitzt er in der Kantine und schreibt.“ Ziesche schrieb also schon! Es war höchste Zeit.

Es dämmerte in dem öden Kantinenraum. Hinter der Theke schlief der Küchenchef auf einem Stuhl. Vor einem der kleinen, verdreckten Fenster saß Ziesche an einem Tisch und schrieb. Als er Holt eintreten sah, raffte er seine Papiere zu­sammen. Holt setzte sich ihm wortlos gegenüber. Ziesches Ge­sicht war noch gedunsener als sonst, war blaß und rotfleckig, und die Augen blickten voller Haß.

Holt sagte: „Hör mal zu!“ – „Hau ab“, sagte Ziesche böse. „Hau bloß ab!“ – „Sachte!“ meinte Holt. Aber Ziesche brüllte los: „Verschwinde, du... du... du Schwein! Mit dir red ich nicht! Du hast die Ehre meines Vaters...“ – „Lauter!“ sagte Holt. „Noch lauter, damit der Küchenbulle was da­von hat!“ Der Obergefreite hinter der Theke war aufgewacht und schaute verständnislos auf die beiden Jungen. Dann schloß er seine Schränke ab und verließ die Kantine.

„Ich will dir mal was sagen“, meinte Holt. „Du hast was gesehen, was du besser nicht gesehen hättest. Wir beide den­ken da anders drüber, es hat gar keinen Zweck, daß wir uns lange unterhalten. Aber daß du dich hinsetzt und brühwarm alles deinem Alten schreibst, das ist... erbärmlich ist das! Wenn du dich beleidigt fühlst und für ’n Groschen Mut hast, dann machst du das mit mir ab und läßt deinen Vater aus dem Spiel!“

Es war ein rettender Gedanke: Wenn Ziesche zu bewe­gen war, die Sache als eine Art Ehrenhandel aufzufassen, dann war viel gewonnen. Aber Ziesche zischte Holt ins Ge­sicht: „Gib dir keine Mühe!“ Und schon wieder schreiend: „Ich laß die Ehre meines Vaters nicht von dir antasten! Schluß! Jetzt ist endgültig Schluß, jetzt wird aufgerechnet, vom ersten Tag an, deine ganze morsche Intellektualität... deine undeutsche Sittenlosigkeit... alles wird abgerechnet...“ Seine Stimme überschlug sich. Holt verstummte vor diesem Ausbruch. Heiser fuhr Ziesche fort: „Daß du die Frau zur... zur... daß du sie zur Hure gemacht hast, dafür wirst du von meinem Vater die Quittung bekommen! Du und sie! Und das werdet ihr noch bereuen ... bereuen ... bitter werdet ihr das bereuen!“

Holt war ratlos. Er sprang auf und packte Ziesche an der Bluse. Aber da schlug lärmend die Alarmglocke. „Da bist du grade noch mal um deine Prügel gekommen!“ sagte Holt. Ziesche stopfte zitternd vor Wut seine Papiere unter die Bluse, dann lief er ans Geschütz.

„Schneller Kampfverband über Nordwestfrankreich im Anflug auf die Reichsgrenze.“ Dabei blieb es. Drei Stunden verstrichen, es wurde Nacht. Die Flakwehrmänner schliefen im Mannschaftsbunker. Ziesche meldete: „Feuerbereitschaft!“ In den Städten heulten die Sirenen. „Gleich Vollalarm?“ sagte Gomulka verwundert. „Starke Kampfverbände über Hol­land im Anflug auf den Raum Köln – Essen“, rief Ziesche. Wolzow trieb die Flakwehrmänner aus dem Bunker. Aber die Verbände änderten ihre Flugrichtung und flogen weit im Nor­den vorüber. „Scheinangriffe, Verschleierungsmanöver“, sagte Gomulka. „Die veralbern uns und die Nachtjäger!“ Die Sire­nen heulten Entwarnung. Die Luftlagemeldungen sprachen später von Bombenabwürfen im Raum Groß-Berlin.

Holt unterhielt sich mit Gomulka. Von der B 2 her hörte man Kutschera brüllen. Ein paar Scheinwerfer suchten den Himmel ab. Die Nacht war hell. Am Zenit standen Sterne. Ringsum lagerten Dunstbänke. Im Süden wurde ein Hoch­ofen abgestochen, brennende Gichtgase färbten den Himmel blutigrot. „Was haben die schon für Bomben geschmissen!“ sagte Wolzow. „Und die Werke arbeiten immer noch!“ Zie­sche rief: „Ruhe ... Weitere starke Kampfverbände über dem Kanal im Anflug auf den Raum Emden – Oldenburg.“ Rings­um in den Städten heulten wieder die Sirenen. Eine halbe Stunde später hieß es: „In Küstennähe starke Nebelbildung. Bomber suchen Ausweichziele.“ – „Da kommen sie hierher.“ Wolzow sprach mit den Flakwehrmännern: „Wenn sie Christ­bäume setzen sollten, dann wird erst die Munition aus der Zweitausstattung rangeholt, verstanden?“ Das Auf und Ab der Sirenen: Vollalarm! Schon summten am Himmel die Bomber­pulks, und nahe im Osten fielen Leuchtzeichen, gleißend hell, sie markierten die Siedlung, die wie eine Insel zwischen den Werken lag. Nervös tasteten Scheinwerfer über den Him­mel und erloschen, ehe die optischen Feuerleitgeräte ein Ziel auffassen konnten. Das schwere Summen der Bombermotore wuchs von Nordwesten heran. Ringsum setzte wütendes Flak­feuer ein. Die fallenden Leuchtkaskaden erhellten den Ge­schützstand. Ziesche rief: „Schießen mit Funkmeßgerät!“ Und sofort: „Düppel-Störung! Starkes Sperrfeuer Richtung drei!“ Er brüllte die Richtwerte in den Geschützstand. „Barrikade... marsch!“ Die Abschüsse verschmolzen mit den nahen Bombeneinschlagen zu einem einzigen lang anhaltenden Donner. Holt, mit einer Kopfbewegung, sah Wolzow breitbeinig hinter dem Geschütz stehen, ohne Helm, und sah ihn mit gleichmä­ßigen Bewegungen Patrone auf Patrone ins Rohr schieben.

Feuerpause.

Die Flakwehrmänner warfen stumm die leeren Kartuschen aus dem Geschütz stand, irgendwer zählte: „Neununddreißig, vierzig, einundvierzig.“ Holt dachte erstaunt: Einundvierzig Schuß? Die Kaskaden erloschen. Im Osten war der Himmel nun brandrot, die Flammen schlugen gleich hinter dem zerfetz­ten Wäldchen, hinter den Schrebergärten hoch. Ein hohles Fauchen drang bis in die Stellung; in der großflächigen, dicht bebauten Siedlung entwickelte sich rasch ein Feuersturm. Einer der Flakwehrmänner, an der Wand des Geschützstandes, krümmte sich zusammen, die Hände vors Gesicht geschlagen. „Seine Leute... dort drüben“, sagte jemand rauh. „Egal!“ rief Wolzow. „Reiß dich zusammen!“ Er fettete den Verschluß ein. Wieder zitterte die Luft im Motorengeräusch. „Düppel-Störung!“ schrie Ziesche, mit einer kratzigen Stim­me, und Holt dachte schadenfroh: Hat er sich vorhin heiser gebrüllt! „Barrikadenfeuer! Höhe fünfunddreißig-dreißig, Seite achtundvierzig-zwanzig, Zünder zwohundert Grad vom Kreuz!“ Holt rückte den Kopfhörer zurecht. „Barrikade... marsch!“ schrie Ziesche. Aufs neue stiebte bei jedem Abschuß der trockene Staub ins Gesicht. Die Augen brannten, geblendet vom Mündungsfeuer. Er hörte nicht, daß Ziesche Feuerpause befahl. Auf einmal war es still. In die Stille keuchte Wolzow: „Jetzt haben die Schweine Sprengbomben in die Flammen geschmissen!“

Abermals neue Einflüge. Über Frankreich steuerten starke Kampfverbände den Raum Koblenz –Saarbrücken an. „Die haben heut nacht aber viel vor“, sagte Gomulka. Wolzow zog mit einem Flakwehrmann den Wischer durchs Rohr.

Erst morgens gegen vier, als es schon taghell war, wurden die letzten Pulks im Abflug gemeldet.

Holt hatte keine Vorstellung, wie der Streit mit Ziesche beizulegen sei. Als sie die Plane über die Kanone zogen, be­obachtete er Ziesche und atmete auf, als er ihn wie alle ande­ren in die Stube gehen sah, wo er sich erschöpft aufs Bett warf.

Den Papierkram mußte er noch unter seiner Bluse tragen. Einen Augenblick dachte Holt daran, ihm den angefangenen Brief mit Gewalt zu entreißen.

Ziesche schlief, leise schnarchend. Alle schliefen. Nur Holt lag abgespannt und übermüdet wach und suchte einen Aus­weg. Er erwog, sich doch noch Wolzow anzuvertrauen, ihn abermals beim Wort zu nehmen... Gegen sieben Uhr trieb ihn die Alarmglocke wieder ans Geschütz.

Der Morgen war frisch und klar. Im Osten, wo die Siedlung bombardiert worden war, lagerte eine undurchdringliche Rauchbank und verschleierte den Horizont. Die Leitungsprobe mit den optischen Feuerleitgeräten war kaum vorüber, als schon einzelne schnelle Maschinen gemeldet wurden. Sie flo­gen den Rhein entlang nach Süden. Ziesche meldete starke Kampf- und Jagdverbände über Südostholland. Gomulka sagte: „Bomber mit Jagdschutz? Da werden sich unsere Jäger freuen!“ – Wenn’s nur nicht wieder Tiefangriffe gibt, dachte Holt sorgenvoll.

Wolzow begann zu fluchen. Jetzt, da die Flakwehrmänner die Stellung verlassen hatten und die Jungen allein am Geschütz waren, stellte es sich heraus, daß nachts die Munition aus den Bunkern am Geschütz verschossen worden war. „Also los“, befahl Ziesche, „Patronen von der Zweitausstattung ranholen! Tempo!“ Während sie die Körbe über den Acker zum Geschütz schleppten, wurde das Auf und Ab der Sire­nen laut. Zugleich erhob sich auf der Befehlsstelle das übliche Geschrei.

Holt warf den zentnerschweren Korb auf den Acker und lief zum Geschütz. Er brachte in der Aufregung nicht den Stecker des Kopfhörers in den Kontakt an der Seitenricht­maschine. „Rohre Richtung neun!“ schrie Ziesche. Irgendwer sagte: „Pfadfinder!“ Nur schwaches Motorengeräusch drang an Holts Ohr. Er blickte auf. Drei Maschinen zogen über den Himmel, sehr schnell. Wahrscheinlich Lightnings! In der klaren Luft standen auf einmal schmale, hohe, scharf begrenzte Rauchsäulen. Holt begriff nur langsam. „Sie stecken uns ab, mit Rauchzeichen!“ brüllte Ziesche außer sich. Holt sah sich erstaunt nach allen Seiten um: überall standen die Rauchzei­chen über der Stellung, vor ihm, beim Kugelbaum mußte das sein, riesenhaft, und hinter ihm, bei der Kantine, und nun erst begriff er, daß dies Zielmarkierungen und sie selbst das Ziel waren ... Auch Wolzows Stimme war heiser: „Heut sind wir dran!“ Fern, rasch stärker werdend, erscholl Motorenlärm. „Fliegeralarm ... Flugzeug neun!“ schrie Ziesche verzweifelt. „Schießen mit Kommandohilfsgerät, direkter Anflug!“ In Holts Kopfhörer sprach es klar und deutlich: „Seite steht bei neunundvierzig-dreißig ...“ – „Anton feuerbereit!“ schrie Ziesche. „Gruppenfeuer...“ – „Schön zügig Patronen her!“ rief Wolzow, und Ziesche brüllte überschnappend: „Gruppe!“ Holt zog den Kopf zwischen die Schultern und drückte sich eng ans Geschütz. Der Schuß schmetterte und ließ die Kanone auf­bocken, die Kartusche klirrte auf einen Holm. In Holt zog Ruhe ein: Gilbert schießt! Noch ehe er das gewaltige Rauschen wahrnahm, diesen heranheulenden Orkan, erlosch der helle Morgen, die Erde hob sich und schwankte und bebte, und Holt war es, als falle er ins Bodenlose... Als er sich aufraffte und nicht wußte, was geschehen war, zitterte die Luft unter den nahen Bombermotoren, und ringsum gab es keinen Ge­schützstand mehr, nur noch umgepflügte Erde und zersplitterte Balken, und mittendrin kauerte Wolzow am Boden, und vor ihm kniete Gomulka und wickelte ihm ein Verbandpäckchen um die Stirn. Holt spuckte Schlacke und Erde aus. Wo war die Kanone? Er sah sie umgestürzt, statt des schlanken Rohres ragte ein Holm der Kreuzlafette in den Himmel, dahinter la­gen ein paar blaugraue Gestalten bewegungslos auf der schwarzen Schlacke. Er kroch zu Wolzow hin, der sich den Helm auf den verbundenen Kopf stülpte. „Los! Zu Berta!“ Holt taumelte mühsam hoch, warf einen Blick auf die leblosen Gestalten hinter und unter dem umgestürzten Geschütz, dann lief er über den zerklüfteten Acker. Er sah am Himmel, breit auseinandergeweht, die Rauchzeichen, er sah eine Kette viermotoriger Bomber in geringer Höhe die Stellung anflie­gen und warf sich zu Boden. Die Abschüsse zweier Geschütze erschreckten ihn so sehr, daß er sich in einen riesigen Bombentrichter hinabrollte. Dort lag Wolzow, mit blutigem Gesicht, und schrie: „Die zweite Welle!“ Der Motorenlärm der tief anfliegenden Bomber war so stark, daß Holt kaum verstand. Wie ein Windstoß fegte es über ihn hin. Zugleich traf ihn die Schallwelle mit solcher Gewalt, daß er sekundenlang nach Atem rang. An seinem Ohr stöhnte Wolzow: „Munition... Jetzt ist Munition in die Luft geflogen ...“ Das Dröhnen der Motoren ließ nicht nach. Ein einzelnes Geschütz schoß und verstummte. Holt und Wolzow kletterten aus dem Trichter und liefen zu Geschütz Berta.

Dort hatten Gomulka und Vetter und zwei von den Schlesiern Schutz vor den Bomben gesucht und machten nun in fieberhafter Eile die Kanone feuerbereit. Wolzow wuchtete den Verschluß auf. „Werner Geschützführer! Sepp K 1! Chri­stian K 6! Los doch, Schröder, steh nicht rum und mach K 2! Du hier, du bist K 7...“ Holt legte das Kehlkopfmikrophon um den Hals. Welch Wunder, die Leitung hatte Strom! Mit unbeschreiblicher Erleichterung vernahm er Gottesknechts Stimme. Wolzow rief: „Wir brauchen Munitionskanoniere!“ – „Hier Berta!“ meldete sich Holt. „Besetzt mit sechs Kano­nieren von Anton. Wir brauchen Munitionskanoniere!“ – „Ich schick euch Leute vom Funkmeßgerät“, sagte Gottes­knecht. „Berta! Wer ist Geschützführer? Sind Sie das, Holt?“ – „Jawohl.“ – „Wie sind die Verluste an Anton?“ – „Ich weiß nicht.“ Es summte in der Leitung. „Geschütze... mel­den!“ – „Hier Berta!“ Nur das Geschütz Cäsar folgte. Auf der B 2 brüllte Kutschera: „Wollt ihr wohl zu Dora und Emil Notleitungen legen!“

Ein paar Luftwaffenhelfer drängten sich in den Geschütz stand. „Was gibt’s auf der B 2?“ fragte Gomulka. Es gab nur Schäden durch Luftdruck. Bei Geschütz Frieda waren die Munitionsbunker detoniert. Die Leute vom Funkmeßgerät sagten apathisch: „Dort rührt sich nichts mehr!“ Wieder nahte Motorenlärm. Gottesknechts Stimme, im Kopfhörer, fremd und rauh: „Fliegeralarm! Flugzeug neun! Direkter Anflug!... Die dritte Welle!“ Holt brüllte die Kommandos heraus, ohne es zu wissen. Die Kanoniere meldeten „Einge­stellt!“ – „Berta feuerbereit!“ Er blickte zum Himmel, dort zog abermals eine Kette viermotoriger Bomber heran. „Grup­penfeuer!... Gruppe!“ Wolzow lud rasch und sicher. Nur zwei Kanonen schossen. „Gruppe!“ Wolzow zog schon ab. Das Rohr fuhr immer höher empor. „Wendepunkt!“ Die Kanone schwenkte nach Osten. Das Rauschen der Bomben war im Schießen untergegangen, ringsum wuchsen die Rauch­pilze und Erdfontänen zum Himmel, der Geschützstand bebte. Holt keuchte: „Gruppe!“ Tatsächlich, Wolzow lud und zog ab; Gottesknechts Stimme sagte im Kopfhörer: „Diesmal ging’s weit daneben!“ Wolzow schob in einer wahren Raserei Patrone um Patrone ins Rohr und schoß ohne Befehl und ohne Pause, bis Vetter meldete: „Zünder über Bereich!“

„Feuerpause!“ Gottesknechts Stimme im Kopfhörer: „Einen Moment! Luftlage!“ Es dauerte lange, bis er sich wieder mel­dete. „Alle Verbände im Abflug. Feuerbereitschaft aufgeho­ben.“ – „Berta verstanden.“ Holt war auf einmal unsagbar müde. Er riß die Hörergarnitur herunter und reichte sie Wol­zow, der auf einem Holm saß, den verbundenen Kopf in die Hände gestützt.

Holt lief zu Anton.

Er fand sich in der Stellung nicht zurecht. Zwischen den Geschützen war die Erde wie umgepflügt. Bombentrichter gähnten. Der Geschützstand von Anton war ein Haufen Erde, aus dem zersplitterte Teile der Holzverschalung ragten. Holt kletterte über die Reste des Erdwalles zu der umgestürzten Kanone. Er stieß auf Rutscher, der mit dem Unterkörper zwischen dem Pfahlwerk des Bunkers und der Lafette eingeklemmt und zerquetscht worden war. Der Anblick war schreck­lich. Holt wurde übel. Er erinnerte sich unvermittelt an Rut­schers große und schöne Schwester... Er stieg über den Leichnam hinweg. Vor einem eingedrückten Munitionsbunker, aus dem die blanken Granatpatronen massenweise herausge­rutscht waren, lagen zwei weitere Gestalten. Die eine, klei­nere, war nicht zu erkennen, denn das Gesicht war zertrüm­mert und der Stahlhelm bis über die Augen herabgeglitten. Daneben lag Günter Ziesche, noch durch die Geschützführerleitung mit der Kanone verbunden. Er lag mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken, in einer Blutlache, und das Blut war aus Ohren, Nase und Mund geflossen. Das Gesicht war selt­sam in die Breite gezogen. Wie ist das nur geschehen? dachte Holt... Rutscher und Ziesche, dachte er... Er kauerte sich auf den Boden, öffnete Ziesche die Bluse, zog die Papiere her­vor und steckte sie in die Hosentasche. Dann nahm er ihm die Erkennungsmarke ab, auch dem Kleinen, den er nicht erken­nen konnte.

Gomulka war plötzlich bei Holt, noch andere Luftwaffen­helfer und ein paar Mann vom Batteriekommando. Gomulka sah Rutscher, und sein Gesicht wurde grau. Gottesknecht stand erhöht auf dem Erdhaufen, der einmal ein Geschütz­stand gewesen war, das Notizbuch in den Händen. Holt reichte ihm die beiden Erkennungsmarken. „Der Rutscher... Herr Wachtmeister...“ – „Es ist gut. Kümmern Sie sich um Berta.“

Gomulka sprang in einen Trichter, es würgte ihn, er er­brach sich. Dann sagte er: „Bei Frieda... die ganze Bedie­nung ... in Stücke gerissen.“

Holt dachte auf einmal weit zurück. Ich hab das Elternhaus satt gehabt, ich hab die Schule satt gehabt, ich hab es nicht mehr erwarten können, ich hab mich nach dem Krieg ge­sehnt ...

Bei Berta saßen alle bedrückt und schweigend an der Ka­none. Nur Wolzow tat, als wäre nichts geschehen. „Sechsund­dreißig Bombentrichter“, sagte er. „Bomben von fünfzehn oder zwanzig Zentnern! Und der Erfolg? Zwei Geschütze sind ausgefallen. Das nenn ich aus dem vollen wirtschaften!“ – „Laß dich verbinden“, sagte Holt. Durch Wolzows Ver­band sickerte Blut. Das Haar war verklebt, das Gesicht blutbeschmiert. Wolzow verließ den Geschützstand. Holt teilte die Bedienung neu ein.

Fehlt ein ordentlicher K 7, dachte er, nachts haben wir Flakwehrmänner, und was wird tagsüber? Er brüllte: „Los! Geschützreinigen!“ Die Schlesier zogen gehorsam den Wischer durchs Rohr.

Auf dem Fahrweg hielten Sanitätsautos. Gomulka sagte: „Ich werde nie begreifen, was bei Anton passiert ist!“ Da tra­ten Kutschera und Gottesknecht in den Geschützstand. Der Hauptmann brüllte: „Heißer Morgen, was? Die Banditen ha­ben meinen Hund erschlagen, das verzeih ich denen nie!“ Holt sagte: „Wir brauchen einen K 3, einen K 7 und Muni­tionskanoniere!“ Gottesknecht notierte. „Herr Wachtmei­ster“, sagte Holt, als Kutschera gegangen war, „darf ich mal telefonieren?“ Gottesknecht sah ihn zerstreut an. „Warten Sie. Die Leitungen sind noch überbeansprucht.“ Er dachte nach. „Wenn Sie telefonieren, dann können Sie mir eine ... Benach­richtigung abnehmen.“

Die Baracke war so sehr durchgeschüttelt worden, daß ihr Inneres einem Trümmerfeld glich. Es dauerte zwei Stun­den, ehe sie ein wenig Ordnung geschaffen hatten. Ein Bom­bentreffer hatte die Latrine weggefegt, der Unrat klebte an den Barackenwänden. Wolzow, noch immer mit durchblutetem Verband, stützte beide Hände in die Hüften. „Das ist ein ur­altes Kampfmittel“, sagte er. „Schon die alten Römer haben mittels sogenannter Bailisten Scheiße in belagerte Städte ge­schossen.“ Holt schrie ihn an: „Scher dich ins Revier!“ Er lief in die Schreibstube, wo Gottesknecht über den Mann­schaftslisten saß. „Dreizehn Tote, Holt, es ist furchtbar!“ Er klopfte mit dem Stift auf die Liste. „Die Bedienung Frieda bis auf den letzten Mann. Neun von den Schlesiern, die waren alle erst sechzehn.“ Holt fragte beklommen: „Wie ist das pas­siert?“ – „Volltreffer. Es müssen Neunhundert-Kilo-Bomben gewesen sein.“ – „Und bei uns, bei Anton? Ich versteh das nicht.“ – „Eine Bombe ist dicht hinter den Erdwall im Norden gefallen; was an der Nordwand stand, ist gewisser­maßen in Feuerlee gewesen... Wer weiter weg stand, muß in den Druck- und Splitterbereich geraten sein.“ – „Da hat der Sepp ein Riesenglück gehabt! Er stand links an der Höhenrichtmaschine.“ Gottesknecht sagte: „Ihr alle habt ein Riesen­glück gehabt.“ Er erhob sich. „Ich lasse Sie allein, tun Sie mir den Gefallen.“

Holt wartete lange auf eine freie Amtsleitung. Nun war das Gestern wieder gegenwärtig, so fern, als sei ein Jahr darüber hingegangen. Er wählte. Jetzt könnte sie doch mit mir ver­reisen, dachte er, aber das Blut stieg ihm zu Kopf bei diesem Gedanken. Frau Ziesche meldete sich: „Ich hab kein Auge zu­getan, die ganze Nacht! Was ist los? Seid ihr auch bombar­diert worden? Ich hör die tollsten Gerüchte!“ – „Ja. Es war schlimm. Wir haben dreizehn Tote.“ – „Und Ziesche? Was ist mit Ziesche? Er darf auf gar keinen Fall an seinen Vater schreiben!“ Er unterbrach sie. „Ziesche kann nicht mehr an seinen Vater schreiben. Er ist tot.“ – „Tot?“ fragte sie und zog das Wort in die Länge. „Bist du sicher, daß er nicht schon gestern abend geschrieben hat?“ Er stand starr. „Nein. Er hat nicht geschrieben.“ Die Verbindung wurde unterbro­chen, die Untergruppe verlangte den Chef. Holt schaltete den Apparat nach Kutscheras Baracke.

Er stand unbeweglich in der Schreibstube. Welch Glück, daß die Verbindung abgerissen war! Plötzlich schlugen seine Zähne aufeinander. Er fror. Er trat ins Freie.

Die Stellung wimmelte von Kriegsgefangenen, die an den Bombentrichtern schaufelten. Am Geschütz Anton wartete eine der schweren Zugmaschinen. Ein Dutzend drillichgeklei­deter Flaksoldaten von der Untergruppe richtete mit Hebebäu­men und Seilwinden die umgestürzte Kanone auf. Auch Got­tesknecht stand dort, mit Vetter und Gomulka. Ein paar Gefangene arbeiteten schon an dem zertrümmerten Geschütz­stand. Holt ging zu Gottesknecht. Wolzow meldete sich ab ins Revier. Gottesknecht musterte Holt und sagte: „Jetzt müssen Sie die Zähne zusammenbeißen!“ Holt lief davon... Es ist ja vorbei! Er warf sich auf sein Bett.

13.

 

Wolzow kehrte schon am folgenden Tag in die Batterie zu­rück. Er sah ziemlich mitgenommen aus. Man hatte ihm Dut­zende von kleinen Holzsplittern aus Stirn- und Kopfhaut ge­zogen. „Da ist nicht ein Bett mehr frei im Revier“, erzählte er. „Die 109. Batterie hat fünf Tote, die 136. vierzehn. Die Ver­letzten haben sie bis nach Bochum in ein Reservelazarett bringen müssen.“

Am Abend schaltete er Ziesches kleines Radio ein. „Der Ka­sten dürfte hin sein!“ sagte Gomulka. Aber auf einmal tönte aus dem Lautsprecher die harte Stimme des Sprechers. Holt fuhr kerzengerade auf seinem Bett empor. „... Juli neunzehnhundertvierundvierzig. Auf den Führer wurde heute ein Sprengstoffanschlag verübt. Aus seiner Umgebung wurden hierbei verletzt: Generalleutnant...“

„Das ist...“, rief Gomulka. „Still!“ fuhr Wolzow ihn an. „... Mitarbeiter Berger. Leichtere Verletzungen trugen da­von: Generaloberst Jodl, die Generale Körten ...“ Holt blickte immer abwechselnd auf Wolzow und Gomulka. Wolzow beugte sich aufmerksam über das Radio. Gomulka hielt den Mund offen und starrte wie hypnotisiert auf einen Fleck an der Wand. „... Bodenschatz, Heusinger, Scherff...“ Vetter richtete sich auf, ganz langsam, und sein Gesicht spiegelte Verständnislosigkeit. „... Führer selbst hat außer leichten Ver­brennungen und Prellungen keine Verletzungen erlitten“, sagte der Sprecher im Radio. „Er hat unverzüglich darauf seine Ar­beit wiederaufgenommen und wie vorgesehen den Duce zu einer längeren Aussprache empfangen...“ – „Den Duce?“ sagte Vetter. „Er hat den Duce...?“ Wolzow herrschte ihn an: „Ruhe – „...traf der Reichsmarschall beim Führer ein.“

Schluß, aus.

Die harte Stimme war verstummt. Wolzow stand schwei­gend, den Kopf schräggelegt. Aus dem Radio ertönte Marsch­musik. Vetter fragte, als habe er nichts verstanden: „Ein Attentat? Ein Bombenattentat? So ein richtiges Bombenatten­tat?“ Wolzow entschloß sich: „Das müssen wir melden! Wer weiß, ob das außer uns jemand gehört hat!“ Er nahm seine Mütze. „Komm, Werner!“

Draußen war es noch immer heiß. Die Sonne stand in den Dunstbänken über dem Horizont. Holt packte Wolzow am Arm. „Was hat das zu bedeuten?“ – „Woher soll ich das wissen?“ sagte Wolzow. Sie liefen über den Lattenrost, der außerhalb der Feuerstellung unbeschädigt auf dem Acker lag. Zwischen den Geschützständen schaufelten die Gefangenen an den Trichtern.

Gottesknecht stand vor der Schreibstube und rauchte seine kurze Pfeife. „Na, ihr Dioskuren?“ fragte er freundlich. „Holt, wie sehn Sie denn aus? Ist Ihnen der Schock gestern so tief in die Galle gefahren?“

Wolzow trat einen Schritt an Gottesknecht heran. Der Wachtmeister nahm die Pfeife aus dem Mund und zog ein eigenartiges, gespanntes Gesicht. Er blieb eine Weile schwei­gend stehen. Dann meinte er: „Es ist gut. Der Chef ist zur Untergruppe gerufen worden und noch nicht zurück...“ Er rührte sich nicht vom Fleck. „Der... Führer lebt, sagen Sie?“ – „Jawohl. Aber ein paar Generäle sind verletzt, Jodl, Heu­singer, Admiral Voß, ich hab mir nicht alle Namen merken können...“ Gottesknecht nickte abwesend, tief in Gedan­ken. Dann rückte er seine Mütze zurecht und verschwand wortlos in der Schreibstube. Wolzow sagte: „Beim Major, da wird der Chef vielleicht schon Einzelheiten erfahren.“ – „Ich versteh das alles nicht“, sagte Holt hilflos. „Denkst du, ich?“ meinte Wolzow.

In der Stube plärrte das Radio noch immer Marschmusik. Vetter und Gomulka stritten miteinander. „Und Badoglio?“ schrie Vetter. „Wie war das bei Badoglio?“ Gomulka machte eine abweisende Handbewegung. Er sah erschöpft und ver­fallen aus. „Hört doch mit dem Gequatsche auf“, sagte Wolzow. Er dämpfte die Musik. Holt saß verwirrt und apa­thisch auf einem Schemel. Ein paar Flakwehrmänner polterten durch den Korridor in die große Stube. Holt sah auf die Uhr, es war noch nicht acht. Wolzow fuhr ihn plötzlich an: „Sitzt der Kerl hier rum! Du bist mir ein schöner Geschützführer! Hast du denn deine Nachtbedienung schon beisammen?“ Holt erhob sich widerwillig.

Während der Leitungsprobe ging Gottesknecht von Geschütz zu Geschütz. „Sie bekommen einstweilen drei Mann von Dora und Flakwehrmänner. Morgen früh wird neu eingeteilt.“

Holt war so müde, daß er nur noch einen Gedanken kannte: Schlafen, mag kommen, was will! In der Stube warf er sich aufs Bett. Schon nach einer Stunde stieß ihn Wolzow in die Rippen: „Raus! Gefechtsschaltung!“ Der übliche schnelle Kampfverband flog über das Ruhrgebiet hinweg.

Im Geschützstand warteten die Flakwehrmänner, die nun die Nachricht von dem Attentat in der Batterie verbreiteten. Vetter sagte: „Also, mir ist das jetzt restlos klar. Das sind diese Bolschewisten gewesen.“ Wolzow meinte: „Und wie kommen die Bolschewisten ins Führerhauptquartier? Wo gibt’s denn so was!“ – „Also dann waren das diese Kommunisten“, sagte Vetter.

Einer der Flakwehrmänner sagte leise und gleichgültig: „Kommunisten? Deutsche Kommunisten? Die sind alle im KZ oder im Zuchthaus.“ – „Da gehören sie ja wohl auch hin!“ rief Wolzow scharf.

Erst kurz vor Mitternacht meldete der Luftwarndienst den schnellen Kampfverband im Abflug über der deutschen Bucht. Wolzow und Holt zerrten die Persenning über die Kanone. Vetter sagte: „Die Flakwehrmänner sind komisch.“ – „Pro­leten“, knurrte Wolzow.

In der Stube drehte Vetter an dem kleinen Radio, aus dem noch immer Marschmusik ertönte. Er sagte aufgeregt: „Der Führer spricht!“ Da wurde schon die Tür aufgerissen. Auf der Schwelle stand Kutschera, groß und bedrohlich. Vetter brüllte: „Achtung!“ Der Hauptmann winkte ab. „Alles in die Kantine! Gemeinschaftsempfang!“

Holt hatte sich nur die schweren, benagelten Schuhe aus­gezogen und war angekleidet auf sein Bett geklettert. Über­müdung und Abgespanntheit hatten einen solchen Grad er­reicht, daß er alles distanziert wie ein Zuschauer im Kino erlebte, unbeteiligt, gleichsam von fern, ohne innere Anteil­nahme. Geht mich alles nichts an, dachte er. Ich wach plötz­lich auf, da sitzt Ziesche auf seinem Bett und quatscht: Der nordische Mensch ist zur Neuordnung Europas bestimmt, oder so ähnlich ... Holt sprang vom Bett. Ist das tatsächlich erst gestern passiert? Ein Tag ist wie tausend Jahre, aber warum hat Kutschera nicht den UvD geschickt?

„Vetter!“ schrie Kutschera, und seine Stimme dröhnte wie ein Gong. „Was sagen Sie zu dem Anschlag auf unseren Führer Adolf Hitler?“

„Ich?“ stammelte Vetter. „Was ich ...? Meinen Sie, was ich...?“ – „Sie pennen wohl!“ schimpfte Kutschera. Go­mulka sagte unaufgefordert: „Herr Hauptmann, in den letzten vier Tagen haben wir keine fünf Stunden geschlafen!“ Kut­schera wandte Gomulka das Pferdegesicht zu, aber da rief Gottesknecht auf dem Korridor: „Herr Hauptmann, jeden Augenblick beginnt die Führerrede!“

In der Kantine drängten sich übermüdete Luftwaffenhelfer, Obergefreite und Flakwehrmänner. Gottesknecht bediente den großen Radioapparat, der sonst in der Chefbaracke stand.

Holt hatte weit hinten, in einer Ecke, Platz genommen, wo er sich wenig beobachtet fühlte. Er machte es sich auf dem harten Stuhl so bequem wie möglich. Wolzow saß neben ihm. Holt war nur noch halb wach, die klirrende Musik aus dem Lautsprecher wirkte einschläfernd. In diesem Schwebezustand zwischen Wachen und Schlafen war die Phantasie seltsam rege. Nun verstummte die Marschmusik. Der Ansager redete und redete. Großdeutscher Rundfunk, angeschlossen die Sen­der ... Sender und immer mehr Sender, dann war es still, eine lange Weile, und Holt dachte: Es geht gleich los!... Er legte den Kopf auf die Seite, so sah er Wolzows Profil. Sein Verstand taumelte an der Schlafgrenze entlang. Wolzow ist der beste Mann in der Geschützstaffel, deutsche Volksgenossen und Volksgenossinnen, und so einen Ladekanonier soll sich eine Batterie erst einmal suchen! Ich weiß nicht, zum wieviel­ten Male nunmehr ein Attentat auf mich geplant und zur Durchführung gekommen ist, zum wievielten Male?, na, aber das muß der Führer doch eigentlich wissen, komisch, so was merkt man sich doch, also, ich würde mir das genau merken, ein Bombenattentat passiert ja schließlich nicht alle Tage... Holt riß die Augen auf. Der Führer spricht! dachte er. Es war ein Zauberwort von Kindheit an: Der Führer spricht! Und zwar spricht er heute besonders aus zwei Gründen: er­stens, damit Sie meine Stimme hören und wissen, daß ich selbst


Date: 2015-12-24; view: 185


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