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Wie fassen die Sache mit Meißner Holt und Wolzow? – Ziel, Wörter, Vorbereitung, Gefühle (In welchen Termini) Warum verspottet Uta Barnim Holt? 17 page

„Waaas?“ machte Vetter.

„Na ja, so sagt der Führer! Als zerstörerische Kraft... er kann das mächtige Reich nicht erhalten, und das Ende der Judenherrschaft wird zugleich auch das Ende Rußlands als Staat sein. Der Führer hat ganz klar gesagt, daß wir vom Schicksal ausersehen sind, Zeugen einer Katastrophe zu wer­den ...“

Zeugen einer Katastrophe zu werden, wiederholte Holt in Gedanken, und dieser Satz hakte sich in seinem Gehirn fest.

„... die die gewaltigste Bestätigung für die Richtigkeit der völkischen Rassentheorie ist.“

Gomulka sagte: „Na ja. Aber sieh dir mal die Frontlage im Osten an.“

Ziesche rief erregt: „Was da gegen unsere Front anrennt, das ist fanatisiertes Pack! Sie werfen die letzten Reserven in den Kampf, Greise und Kranke ...“ Wolzow schnürte sich den Schuh zu und begann zu schimpfen: „Jetzt werde ich dir mal was sagen, du abgeschliffener Germane! Die Wehrmacht lasse ich auf gar keinen Fall beleidigen! Willst du etwa sa­gen, daß unsere Divisionen von Greisen und Kranken geschla­gen worden sind?“

„Geschlagen ...“, protestierte Ziesche, aber Wolzow rief aufgebracht: „Natürlich, geschlagen! In Stalingrad vernich­tet! Bei Radomysl und Brussilow geschlagen! Bei Kirowgrad vernichtet! Bei Schumsk und Ostropol geschlagen! Bei Kamenez und Skala vernichtet! Von Greisen, was, und Kranken, wie?“

Holt, anfangs voller Schadenfreude, fühlte wieder eisige Beklommenheit. Ziesche raffte sich auf und schrie: „Die Über­macht ist vorübergehend so groß, daß ...“

„Übermacht!“ höhnte Gomulka. „Wieviel Junge und Ge­sunde müssen die erst haben bei solcher Übermacht an Greisen und Kranken!“ Wolzow stieß das Fahrtenmesser in die Tischplatte. „Herrgott, Ziesche, bist du blöd!“ rief er. „Das ist ja unbeschreiblich, wie saudumm, saudumm du bist! Da muß man ja Mitleid haben, so schrankenlos blöd, wie du bist! So was will ein Nationalsozialist sein! Quatscht der Kerl von Zusammenbruch und letzten Reserven! Soll ich dir mal an der Karte zeigen, was sich diesen Winter an der Ostfront abge­spielt hat?“

Ziesche, nun ebenfalls wütend, rief: „So! So! So! Du meinst also ... Du willst... Ich meine... Der Führer hat ge­sagt“, schrie er, aber da schraken sie alle zusammen: die Glocke schrillte, die Spannung löste sich. Stahlhelm, Gasmaske, dachte Holt, dann lief er mit den anderen zur Kanone.

 

10.

In den ersten Junitagen ließ die Aktivität der anglo-amerikanischen Luftwaffe über Nacht spürbar nach. Nur die nächt­lichen Störflugzeuge, Verbände der schnellen Mosquitos, flo­gen weiterhin über die Grenzen, und am Tage kreisten die Aufklärer in großer Höhe über dem Land. Nach den un­unterbrochenen Tages- und Nachtangriffen auf Städte und Einzelziele in den ersten Monaten des Jahres gab dieses Ab­flauen der Luftoffensive in den Stuben und an den Geschüt­zen unermüdlich Gesprächsstoff. Wolzow brütete über der Karte und vermutete eine „neue Teufelei“. Ziesche aber er­klärte mit unverhohlenem Triumph: „Unsere verbissene Ab­wehr! Jetzt geht ihnen der Atem aus!“



Gottesknecht, der nicht ohne Besorgnis die wachsende ner­vöse Zerrüttung bei den Jungen beobachtete, setzte es bei Kutschera durch, daß nachts erst bei Feuerbereitschaft ge­weckt wurde, wenn keine Kampfverbände gemeldet waren. So fanden die Jungen nun ein paar Nächte lang seit Monaten das erstemal wieder reichlicher Schlaf. Sogleich ließ der ständige Streit nach, die Nervosität legte sich, und ein optimistischer Geist zog in die Batterie ein. Wolzow vertrug sich wieder mit Ziesche, und Kutschera brüllte nicht mehr durch die Batte­rie, raffte sich dann und wann sogar zu einem groben Witz auf und spielte während der Feuerbereitschaft mit Blitz, seinem Hund. Schmiedling wurde wieder redselig wie in der Ausbildungszeit und freute sich auf seinen Urlaub. Für Holts Wohlbefinden tat der Wehrmachtsbericht ein übriges. Im Osten, so erklärte Wolzow an der Karte, stand die Front von Narwa bis zu den Karpaten; der monatelange Rückzug hatte ein Ende gefunden. Vielleicht, so sagte Wolzow, seien die Russen nun doch am Ende ihrer Kraft! Er war sich mit Ziesche einig, daß der amerikanische Vormarsch in Italien demgegenüber gering wog, und auch der Fall Roms konnte den allgemeinen Optimismus kaum dämpfen. „Italien“, erklärte Ziesche, „ist Nebenkriegsschauplatz. Die Entscheidung über das Schicksal des Reiches, das hat der Führer oft genug gesagt, fällt im Osten!“.

Wolzow, der tagaus, tagein über seinen strategischen Bü­chern saß und, von Ziesche dazu angeregt, nun auch „Mein Kampf“ las, benutzte die Ruhepause, die Methode der Selbst­erziehung gegen die Neuen anzuwenden. Das Opfer, das er aussuchte, hieß Voigt, Munitionskanonier an Geschütz An­ton. „Dieser Voigt“, erklärte Wolzow, „ist der einzige von den Neuen, der sich nicht freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hat. Dem werde ich kriegerische Tugend beibringen.“ Holt und Gomulka machten nicht mit. So zog Wolzow mit dem verwilderten Vetter eines Nachts zur Baracke Anton, wo Voigt mit dreiundzwanzig anderen Luftwaffenhelfern in der großen Stube schlief. Eine solche Übermacht hätte sich er­folgreich zur Wehr setzen können, aber man ließ Voigt im Stich und schaute zu, wie Wolzow in die Stube einbrach. Voigt machte Anstalten, sich zu verteidigen, aber er wurde aus der Baracke geschleppt und kopfüber ins Löschwasserfaß gesteckt. In der nächsten Nacht goß ihm Wolzow einen Eimer brackigen Löschwassers ins Bett. Dann erfuhr Gottesknecht von der Sache und verbot Wolzow jede weitere Mißhandlung bei Strafe.

An einem klaren, heißen Junitag langweilte sich Holts Klasse im Geschichtsunterricht. Holt blickte sehnsüchtig durch das weitgeöffnete Barackenfenster. Jetzt am Fluß in der Sonne liegen! träumte er. Die Klasse döste vor sich hin. Nur Wol­zow, wie immer im Geschichtsunterricht, war bei der Sache und erklärte die Schlacht bei Cannae. Da schrillte die Alarm­glocke. Mit nackten Oberkörpern nahm man an der Kanone ein Sonnenbad. Die Luftlagemeldungen sprachen von einzel­nen Aufklärern. Auf der Befehlsstelle erhob sich das übliche Geschrei: „Motorengeräusch Richtung neun!“ Kutschera nahte mit seinem Hund. Die Geschütze schwenkten die Rohre nach Westen. „Flugzeug neun!“ schrie der Flugmelder am Flakfernrohr. Der Hauptmann brüllte vom Acker her: „Frage Typ!“ Es war eine Lockheed P 38 F Lightning, die in zehntausend Meter Höhe über den Himmel jagte.

Holt blickte in das strahlende, blendende Blau, wo die un­sichtbare Maschine einen kurzen Kondensstreifen hinter sich herzog. Wolzow beschattete mit dem Ladehandschuh das Ge­sicht und setzte sich dann verärgert auf einen Holm, denn an Schießen war nicht zu denken. Dennoch gab das Kommandohilfsgerät Richtwerte durch, Seiten- und Höhenrichtkanonier meldeten eingestellt. Aber die Zünderwert blieben weit über Bereich. Der Kondensstreifen verwehte in der Ferne. Auf der B 2 erhob sich von neuem Unruhe.

Die Richtleute am Entfernungsmesser, Ebert und Nadler, hatten die Maschine im Gesichtsfeld behalten und sahen sie nach Osten abfliegen. Als Dusenböker, der Entfernungsmes­ser, den Blick von der vierundzwanzigfachen Meßoptik löste, wurde als winziges Pünktchen eine zweite Maschine im Seh­feld erkennbar.

„Herr Wachtmeister“, rief Nadler. „Da ist... die Lightning stürzt ab!“ brüllte er. Dusenböker preßte wieder die Augen an die Okulare. „Quatsch“, sagte Kutschera. Dusenböker bestätigte: „Es stimmt...“ Es war eine Sensation. Kutschera stieß Nadler beiseite und beugte sich über die Gläser, rieb sich die Augen und sagte: „Ihr Heinis, den Tropenkoller habt ihr!“ Auf der Befehlsstelle trat wieder Ruhe ein.

„Eine Lightning in zehntausend Meter Höhe abschießen „wer soll denn das gewesen sein?“ fragte Wolzow. Der vor­sichtige Gottesknecht ließ bei der Untergruppe anfragen, aber auch dort wußte man nichts.

Die Feuerbereitschaft wurde aufgehoben. Kutschera, wie immer, wenn er nicht zum Schießen gekommen war, fing auf der B 2 zu schimpfen an: Die Disziplin sei lasch, die Flug­melder pennten, dieser Nadler fresse Bonbons im Dienst! Schon wurden die ersten Luftwaffenhelfer zehn Runden um die B 2 gejagt. „Und den Brüdern an den Kanonen, denen werd ich...“ Aber da rief, da kreischte der Flugmelder am Flakfernrohr: „Flugzeug drei!!“ Dann deutete er nach oben. „Dort!“ Kein Motorengeräusch war zu hören. Alles starrte verblüfft zum Himmel. Kutschera rief: „Frage Typ!!“ Endlich schwenkten Entfernungsmesser und Kommandohilfsgerät her­um. „Frage Typ!“ brüllte Kutschera. Der Flugmelder antwor­tete nicht. Die Geräteführer meldeten: „Ziel aufgefaßt!“ Kut­schera brüllte außer sich: „Frage Typ, Mensch, wird’s bald!“ Dusenböker hob den Blick von der Meßoptik. „Keine Ahnung, Herr Hauptmann!“ Der Flugmelder stammelte: „Das ... ich ...“ Dann fing er an: „Grobansprache Eindecker, ohne Motor, ohne Höhenleitwerk, ohne Fahrwerk...“ – „Sind Sie besoffen?“ dröhnte Kutschera. „Ja, seid ihr denn alle schwach­sinnig!“ Gottesknecht hielt ihm das Glas hin. „Die Maschine ist unbekannt.“ – „Also dann“, schrie Kutschera, „Feuer frei!“ Ein kleines, silberglänzendes Flugzeug zog am Himmel lautlose Kreise.

„Fliegeralarm... Flugzeug sechs!“ gellte es an den Ge­schützen. „Schießen mit Kommandohilfsgerät!... Gruppen­feuer!“ und: „Gruppe!“ Die Abschüsse schmetterten, Rauch wehte über die B 2 hinweg. Aus dem Keller brüllte jemand: „Feuerverbot von der Untergruppe! Jäger am Feind!“ – „Wo gibt's denn so was!“, rief Kutschera, während am Himmel dumpf die Granaten detonierten. Da schrie Dusenböker: „Herr Hauptmann, die Maschine hat deutsche Hoheitsab­zeichen!“

Es gab niemanden in der Batterie, der jetzt nicht zum Himmel emporblickte, auf das Flugzeug, dessen Lautlosigkeit un­heimlich wirkte. „Noch eine Gruppe“, sagte Wolzow, „und er war runtergekommen!“ Die Maschine, nach einer letzten Schleife, glitt nach Süden davon.

„Das ist der Jäger, der die Lightning abgeschossen hat!“ Ziesche sprach als erster von einer „neuen Waffe“. Am Nach­mittag rannte Wolzow von der Schreibstube zur Baracke und zog sich rasch die Ausgehuniform an. Ein Telefonanruf hatte die Flugmelder und Geräteführer aller Batterien zur Unter­gruppe befohlen. Wolzow lief natürlich mit. In einer Wolke von Bierdunst kehrte er am Abend in die Stube zurück.

Man schlief schon. „Los, raustreten, ihr Penner!“. Er saß auf dem Tisch und berichtete: „Wir waren auf dem Flieger­horst. Dann sind wir alle noch ins Cafe Italia, und die Olle hat ein Faß Starkbier angestochen, abgesteckt, angesteckt, mein ich.“ – „Was ist mit der Maschine?“ rief Holt. – „Tolle Sache.“ Es handle sich um ein neues Jagdflugzeug. „Raketen­jäger!“ sagte Wolzow. „Heißt Me 163. Soll phantastisch schnell sein, über tausend Stundenkilometer...“ Seine Worte gingen in Geschrei unter. „Ruhe!“ Der Jäger habe westlich Dortmund tatsächlich die Lightning abgeschossen. „Der Ra­ketensatz brennt bloß kurze Zeit, dann muß die Maschine ir­gendwo bauchlanden. Der Pilot hat ganz schön geflucht. Hatte nicht mal Erkennungszeichen mit. Es sollen noch andere neue Typen in Erprobung sein. Me 262, das ist ein Strahlflugzeug, wie das funktioniert, das weiß keiner.“

Die Wende des Luftkrieges! dachte Holt. Im Einschlafen sah er Schwärme der neuen Jäger die Bomber hinwegfegen... Und ich, dachte er, war oft so wankelmütig und schwach ... Im Cafe Italia saßen am nächsten Tag Luftwaffenhelfer aller Batterien. Das gestrige Ereignis entzündete die Phantasie. Man erzählte unglaubliche Geschichten und sagte den neuen Maschinen die Vernichtung ganzer Bomberverbände nach. Das unvermittelte Ende der Luftoffensive wurde den neuen Jägern zugeschrieben. Holt hockte in einem angenehmen Zustand von Schläfrigkeit auf dem alten Plüschsofa und ließ sich von den Mädchen etwas über einen Sanitätseinsatz erzählen, auf den sie sich vorbereiteten. Er hörte nicht zu und überlegte, ob um diese Zeit Frau Ziesche daheim erreichbar sei. Er ließ die Mädchen sitzen und lief durch die zerstörten Straßen. Aus den Krupp-Werken ergoß sich zum Schichtwechsel ein Strom von Men­schen. Die Fabriken sind nicht totzukriegen, dachte er.

Frau Ziesche zeigte sich über seinen Besuch erfreut und hörte sich geduldig den Bericht über das rätselhafte Flug­zeug an. „Rom hat dein Raketenjäger jedenfalls nicht geret­tet“, sagte sie, und er ärgerte sich. Sie gingen zusammen ins Kino. Der uralte Kriminalstreifen beeindruckte Holt wenig, aber die Aufnahmen der Wochenschau verfolgte er mit Interesse. Da waren Panzer zu sehen, die sich mit Sturmgeschützen herumschlugen.

Draußen empfing sie ein klarer und milder Sommerabend. Der böige Wind milderte die Hitze. Sie gingen langsam durch die Straßen einer Villenvorstadt. Nirgendwo Grün, nur Staub und Ruß, die Luft verraucht und unrein... Holt erinnerte sich an die uferlosen Wälder, an Berge und Steinbruch. „Wenn man verreisen könnte, jetzt im Sommer“, sagte er.

Sie sah ihn prüfend von der Seite an, dann lief sie eine Weile wortlos neben ihm her. „Du warst in der letzten Zeit oft patzig und ungezogen.“ – „Du mußt das verstehen“, erwiderte Holt. „Im April, im Mai, es war fast zuviel... Die Nerven ... Außerdem ...“ – „Außerdem?“ – „Ich war in einer verdammten Krise“, sagte Holt. „Jetzt, wo es hinter mir liegt, seh ich erst, wie zerrüttet ich war. Ich hatte Zweifel an allem. Am Endsieg, an mir selbst. Ja, ich hab .. .“ Sie stieß ihn, da er innehielt, ermunternd mit dem Ellenbogen an. „Ich hab nicht mehr gewußt, ob ich dich . .. mag.“

Sie lachte klingend und drückte seinen Arm. „Auf den Scheiterhaufen mit dem Ketzer!“ Er fragte: „Bist du mir böse?“ – „Schrecklich!“ sagte sie. „Du wirst feierlich abschwören müssen!“

Die Straßenzüge ringsum lagen in Schutt, über den Ruinen, über sattem Unkraut stand friedlich der Abend. „Es ist heute wie am Anfang, als ich dich kennenlernte“, sagte Holt. „Was hast du eigentlich gedacht, damals auf der Straße?“

„So fragt man nicht“, antwortete sie. „Du wirst es nie ler­nen! Man zwingt eine Frau nicht, über etwas nachzudenken, das besser ungedacht und unklar bleibt. Frauen wollen nicht nachdenken über ihr Gefühl.“ – „Warum nicht?“ Sie sagte nachdenklich: „Warum soll ich mir meiner Schwäche bewußt werden? Aber du verstehst das nicht. Bei euch ist das anders. Ein Mann fühlt sich bestätigt in Eitelkeit und Herrsch­sucht ...“ Er verstand sie nur halb. „Ich hab mich wie ein Sklave gefühlt, damals.“ – „Mit den Jahren gibt sich das hof­fentlich“, sagte sie lachend. „Die Frau will ja auch ein bißchen Furcht haben vor dem Mann, sonst wird es langweilig.“

„Wie konnte ich damals ahnen“, sagte er unwillig, „daß du...“ – „Sprich es nur ruhig aus“, erwiderte sie. „Daß ich als verheiratete Frau und so weiter, das meinst du doch? Es ist eben deine Unerfahrenheit. Sonst hättest du gewußt, daß verheiratete Frauen am leichtesten zu erobern sind.“ Sie setzte, in einem Tonfall von Trotz, hinzu: „Jede verheiratete Frau ist zu haben. Jede! Der Mann muß die Frau nur fühlen las­sen, daß Widerstand nutzlos ist.“

Das Gespräch behagte ihm nicht, es erinnerte ihn an all das Zweifelhafte, Anrüchige in seiner Beziehung zu ihr. Er sagte ablenkend: „Und doch glaube ich, du würdest es mir sehr übelnehmen, wenn ich einmal den Kopf gegen dich durchset­zen wollte!“ – „Weil dein Trotz immer den gleichen dum­men Grund hat!“ rief sie aufgebracht.

„Verstehst du das nicht?“ fragte er. „Kannst du nicht ein­sehen, wie schwer es für mich ist, in deinem Leben nur... eine Randfigur zu sein?“

„Du bist dumm! Du bist auf ein Stück Papier eifersüchtig. Du wirst nächstens noch meinen Hauswirt hassen, an den bin­det mich nämlich auch ein formeller Vertrag! Wenn du großes Kind ein wenig erfahrener wärst“, rief sie, „dann wür­dest du einsehen, daß höchstens er Grund hätte...“ Sie schwieg unvermittelt. „Ich hab schon viel zuviel gesagt!“ Sie ging rascher. „Vielleicht lassen sie uns heute einmal zufrie­den!“

Tatsächlich verging die Nacht ohne Fliegeralarm. Am frü­hen Morgen schlief Holt fest und traumlos. Da weckte Frau Ziesche ihn unsanft. Er hatte so gründlich Batterie, Krieg und Kanone vergessen, daß ihn das Wachwerden wie eine Ent­täuschung überkam. „Hör zu!“ rief Frau Ziesche, die Hand am Lautstärkeregler des kleinen Radios, das auf ihrem Nacht­tisch stand.

Holt blinzelte. Aus dem Radio drangen Worte. „... hat der Feind seinen seit langem vorbereiteten und von uns erwarteten Angriff auf Westeuropa begonnen... zu ihrem blutigen Opfergang auf Befehl Moskaus angetreten... gelang dem Feind, von See her an mehreren Stellen... im Gebiet der Seine-Bucht starke Luftlandeverbände ... Treffer auf Schlachtschiffseinheiten .. . Kampf gegen die Invasionstruppen ist in vollem Gange ...“ Sie schaltete ab und schüttelte ihn: „Wach endlich auf!“ Dann sagte sie: „Da hast du’s!“ Er zog sich fröstelnd die Steppdecke bis unter das Kinn. „Es wird ein neues Dieppe geben!“ Nun fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. „Jetzt versteh ich! Deshalb haben uns die Bomber in Ruhe gelassen!“

Frau Ziesche schob ihm eine angebrannte Zigarette zwi­schen die Lippen. „Nun ist es doch ein Zweifrontenkrieg!“ Er rang noch mit der Enttäuschung, aber er sagte: „Sei nicht so pessimistisch!“ Frau Ziesche folgte ihm ins Bad. Er rasierte sich. Sie steckte sich mit nackten Armen die Haare hoch und fragte: „Du willst in die Batterie?“ – „Da gehör ich jetzt wohl hin“, antwortete er.

Günter Ziesche stand vor der Baracke, von ein paar der Neuen aus Schlesien umgeben. „Nun können wir endlich auch die amerikanischen Truppen vernichtende Schläge fühlen las­sen!“ Vetter steckte den Kopf mit verwildertem Haar aus dem Fenster und spottete: „Paß auf, daß die Bomber dich nicht mal vernichtende Schläge auf den Gehirnkasten fühlen las­sen!“ Während des Unterrichts stand Wolzow in der Stube über seinen Landkarten. Wenige Tage später beugte er sich noch tiefer, noch nachdenklicher über den Tisch. „Die Russen greifen die karelische Landenge an!“ Ziesche erklärte: „Die­ser russische Angriff in Karelien ist nichts als ein Schwäche­zeichen.“ – „In der Normandie“, fuhr Wolzow fort, „ha­ben sich gestern die beiden Landeköpfe vereinigt!“ – „Um so besser!“ rief Ziesche. „Da können wir sie in einem An­sturm ins Meer werfen!“ Der Sprecher, in Ziesches kleinem Radio, sagte: „Der Sturm hat begonnen. Die Brust hebt sich im Vorgefühl wahrhaft entscheidender Stunde.“ Wolzow, über seiner Karte, kratzte sich lange den Kopf.

Zum Nachmittagsappell ließ sich wieder einmal Kutschera sehen. „Herhörn! Ich hab eine Nachricht, wird heut durch den Rundfunk kommen, ’s geht los! Die Stunde der Vergel­tung ist da! Ruhe im Glied! Seit heute morgen liegt London unter dem pausenlosen Feuer neuartiger deutscher Spreng­körper schwersten Kalibers.“ Nach einigen Tagen wurden Einzelheiten bekannt, und der Name: „V 1“.

Holt registrierte Hochgefühl und Niedergeschlagenheit in jähem Wechsel, ein Auf und Ab seiner Stimmung, das ihn er­schreckte. Die Nachrichten vom Einsatz der neuartigen Spreng­körper machten die niederdrückenden Meldungen aus Frank­reich vergessen. Als Rundfunk und Zeitungen sich in optimi­stischen Meldungen überschlugen, war Gomulka der einzige, der darüber die Hiobsbotschaft zur Kenntnis nahm: „Die Amerikaner sind aus dem Landekopf Cotentin herausgesto­ßen.“ Tags darauf wurde der Fall von St. Sauveur gemeldet.

Mit voller Wucht setzten nun wieder die britischen und amerikanischen Luftangriffe ein. Rasch hintereinander flogen die Amerikaner Tagesangriffe auf verschiedene Industrie­werke der engeren Umgebung, die Briten Nachtangriffe auf Oberhausen, Duisburg und Gelsenkirchen. Eines Nachts wur­den die Gelsenkirchener Hydrierwerke getroffen und brannten tagelang. Schießen und Munitionsschleppen füllte im alten Rhythmus das Leben der Jungen aus. Die Luftlagemeldungen berichteten nun immer häufiger von lebhafter Feindtätigkeit in weit östlich liegenden Räumen. Die Zahl der Einflüge und der eingesetzten Maschinen nahm zu. Die Luftkämpfe am Tag lie­ßen langsam nach, die Stunde kam, da Wolzow sagte: „Sie haben die Luftherrschaft über dem Reichsgebiet!“ Eines Nachts schössen sie mehr als hundert Gruppen; anschließend schleppten sie Munition, bis sie vor Erschöpfung taumelten. Da war es Gomulka, der in einem Koller von Wut Ziesche anschrie: „Ich denke, durch ,unsere verbissene Abwehr’ ha­ben die Bomber den Atem verloren, was?“

Optimismus und Begeisterung gehörten vollends der Ver­gangenheit an, als eine Nachricht, erst als Gerücht durchge­sickert, dann bestätigt, die Jungen in Furcht versetzte: Nörd­lich Recklinghausen, auch bei Duisburg und Dortmund, waren Flakbatterien bombardiert worden. Pfadfinder hatten am hei­lichten Tage das Batteriegelände mit Rauchzeichen abgesteckt und die Bomber in mehreren Wellen ihre Last auf die Kano­nen geschüttet.

„Wir kommen auch dran!“ sagte Gomulka. Holt hatte Angst. Die Alarmglocke jagte ihm einen Schauer der Furcht über den Rücken. Erst wenn die Kanonen losdonnerten, wurde er ruhiger. Ich muß die Angst unterkriegen, ich muß! Nach einiger Zeit sagte er sich: Ich werde nicht schlimmer versa­gen als alle anderen. Auch die anderen haben Angst.

Ziesche hörte dreimal wöchentlich die Kommentare Hans Fritzsches und versuchte anschließend, die Jungen mit neuen Argumenten von besserer Führung und kommender Stunde aufzupulvern. Wolzow stand unterdessen nachdenklich über der Karte. „Großoffensive im Osten“, sagte er. „Männer, da ist was los!“ Seine Gelassenheit wurde Holt unheimlich.

Ziesche hatte Ausgang, Rutscher und Vetter spielten mit Kirsch in der Kantine Skat. Wolzow holte seine Landkarten aus dem Spind. Holt sprang in einem plötzlichen Entschluß vom Bett und fragte mit gespielter Gleichgültigkeit, „Was gibt’s Neues?“ Gleich war auch Gomulka da. „Es sieht ernst aus!“ sagte Wolzow. „Die Halbinsel Cotentin ist in amerikanischen Händen.“ Er faltete die Karte von Frankreich auseinander. Holt verfolgte die Zirkelspitze, mit der Wolzow nun auf Cherbourg tippte, und sagte erleichtert: „Das ist die Halbinsel Cotentin? Aber das ist ja nur ein ganz kleines Stück von Frankreich!“

„Es ist immerhin ein strategischer Raum“, erklärte Wol­zow. „Jetzt können sie sich einen großzügigen Aufmarsch lei­sten. Doch das alles ist noch recht harmlos, wenn man’s mit der Ostfront vergleicht.“

„Sieht’s dort so böse aus?“ fragte Holt bedrückt.

Wolzow schnob durch die Nase. Er legte die Karte von Osteuropa auf den Tisch. Da öffnete sich die Tür. Gottes­knecht trat ein. „Weitermachen!“ Er sah sich prüfend in der Stube um. „Die Herren bei der Lagebesprechung, wenn ich mich nicht irre? Na, Wolzow, auf Ihre Lagebeurteilung bin ich gespannt! Schießen Sie los.“

„Wolzow schaute Gottesknecht mit schräggelegtem Kopf an, als wolle er sagen: Du hast mir gerade noch gefehlt! Dann meinte er zögernd: „Aber ich muß mir das alles rekonstruie­ren, das ist gar nicht so einfach.“ – „Rekonstruieren? Wie meinen Sie das?“ – „Na, eben zusammenbasteln. Der Wehr­machtsbericht gibt ja keinen Überblick. Da wird hier mal ’n örtlicher Einbruch, dort eine Absetzbewegung gemeldet und ab und zu ein paar Ortsnamen. Bloß die Kommentare im ‛Völ­kischen’ verraten was davon, wie’s wirklich aussieht, da muß man sich ein Bild von den Geschehnissen zusammenstückeln.“

„Also stückeln Sie“, sagte Gottesknecht. „Lassen Sie hören! Aber wenn Sie Unsinn reden, gibt’s Mangelhaft!“

„Bis zum 20. Juni“, begann Wolzow, „stand die deutsche Front etwa folgendermaßen: von der Schwarzmeerküste west­lich Odessa über Jassy zu den Karpaten, nach Norden über Brody bis zum Pripjet. Dort schloß sich der Mittelabschnitt als ein dicker Bogen an, der etwa dreihundert Kilometer nach Osten verlief, den Pripjet entlang, dann nordöstlich bis Rogatschow und Shlobin, nun im Bogen über den Dnepr nach Norden und zurück aufs westliche Dnepr-Ufer, um Witebsk vorgebuchtet, dann ein Stück zurück nach Westen bis Polozk. Dort schloß sich der Nordabschnitt an, dessen Front steil nach Norden bis zum Peipus-See und weiter bis Narwa führte.“ Er zeigte den Frontverlauf auf der Karte. „Wenn ich mir die­sen Frontbogen angeschaut habe, ist mir ganz komisch gewor­den, weil man ja in jedem Lehrbuch der Strategie und Taktik nachlesen kann, daß solche Frontbögen fast immer ins Auge gehn, siehe Stalingrad! Die riesige Südflanke im Mittelab­schnitt, hier, wo sie von Westen dreihundert Kilometer lang nach Osten läuft, ist zwar durch die Pripjet-Sümpfe gedeckt, wo im Sommer kein Mensch Krieg führen kann. Trotzdem ist dieser Bogen mit seiner riesenlangen Front ein weiches Ei, wenn ich mal so sagen darf.“ – „Sie dürfen.“

„Tatsächlich haben die Russen nun diesen Frontbogen an­gegriffen, an vier Stellen, zwischen dem Einundzwanzigsten und Dreiundzwanzigsten, hier, beiderseits Witebsk, dann hier bei Orscha, bei Mogilew und schließlich beiderseits Bobruisk. Der Wehrmachtsbericht sprach schon nach dem ersten An­griffstag von ,örtlichen Einbrüchen’, die ,abgeriegelt’ worden wären. Das hat wohl nur bis zum nächsten Morgen gestimmt. Nehmen wir als Beispiel die beiden Einbrüche nördlich und südlich Witebsk: am Einundzwanzigsten begann dort der Angriff, spätestens am Dreiundzwanzigsten waren die Rus­sen an beiden Stellen durch die deutsche Front gebrochen, und am Vierundzwanzigsten müssen sich beide Stoßkeile ver­einigt haben. Daß Witebsk trotzdem noch tagelang im Wehr­machtsbericht genannt wurde, der übliche Kram mit schweren Abwehrkämpfen und so, das beweist, daß ...“ Wolzow zö­gerte.

„Na, was denn?“ fragte Gottesknecht. „Herr Wachtmeister, wenn die Russen schon im Vormarsch weit nach Westen sind und östlich davon im Raum Witebsk schwere Kämpfe gemeldet werden, dann nenne ich das einen Kessel.“ Schweigen. Gottesknecht riß ein Streichholz an und rauchte.

„Die Falle um Witebsk ist zu“, fuhr Wolzow fort. „Die Russen stoßen so rasch nach Westen vor, daß mir ganz mul­mig ist! Dasselbe muß sich im Angriffsraum Orscha–Mogilew abgespielt haben: es hieß ,örtliche Einbrüche’, einen Tag spä­ter fallen Namen von Orten, die viel weiter westlich liegen. Am schlimmsten aber sieht es hier aus: der Stoß auf Bobruisk muß mit unheimlicher Wucht geführt worden sein. Ich hab besonders aufgepaßt, wann die Russen nördlich Bobruisk den Dnepr erreicht haben. Es klingt wie ein Witz, Herr Wacht­meister, aber die Russen müssen tatsächlich gleichzeitig mit unseren Divisionen über den Fluß gegangen sein! Jedenfalls gibt es zur Zeit zwischen Mogilew und Beresino Abwehr­kämpfe, während im Raum Mogilew, Orscha und Bobruisk noch gekämpft wird; dort scheint der größte Kessel entstan­den zu sein.“ Wolzow legte den Zirkel hin und stützte beide Hände auf den Tisch. „Orscha ist gefallen, Mogilew und Bo­bruisk sind abgeschnitten. In dem tiefen Raum zwischen dem Dnepr und der Beresina operieren die Russen. Sie müssen jeden Tag die Beresina erreichen. Offenbar haben sie Bewe­gungsfreiheit, während im Norden die Front von Narwa bis Polozk frei in der Luft hängt, mit offener Südflanke. Die nörd­lich Witebsk durchgebrochenen Keile brauchen nur nach Norden einzudrehen, um Polozk zu umgehen, wenn sie nicht etwas anderes im Schilde führen, nämlich in einer weiten Um­fassungsbewegung den ganzen Mittelabschnitt bis Minsk ein­zuschnüren und dabei möglichst rasch zur ostpreußischen Grenze durchzustoßen.“

Gottesknecht war sehr ernst, als er fragte: „Und was ist da zu tun?“

Wolzow begann zu grinsen. „Eine Prüfungsfrage für ’n Generalstäbler ist das, Herr Wachtmeister! Nach den klassi­schen Regeln der Kriegskunst gilt noch immer der Satz, unter allen Umständen eine Umklammerung durch den Feind zu vermeiden. Ich würde versuchen, auf der Linie Minsk–Sluzk eine neue Front aufzubauen.“


Date: 2015-12-24; view: 202


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