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Wie fassen die Sache mit Meißner Holt und Wolzow? – Ziel, Wörter, Vorbereitung, Gefühle (In welchen Termini) Warum verspottet Uta Barnim Holt? 9 page

„Da ist der italienische Verrat dran schuld“, sagte Holt. Go­mulka schwieg und scharrte mit einem Fuß in dem schwarzen Boden. Holt fühlte sich unbehaglich, und dieses Gefühl ver­stärkte sich, als Gomulka sagte: „Wenn man über die... Ka­pitulation Italiens nachdenkt, dann ... ich weiß nicht, es ist ein böses Zeichen.“ – „Man muß auch mal Rückschläge hin­nehmen können“, erwiderte Holt. „Der Führer hat gesagt, ohne Italien sind wir stärker.“ Gomulka nickte, stumm, nach­denklich.

Holt dachte: Ich darf mich von diesen pessimistischen Stim­mungen nicht beherrschen lassen, ich muß mich zusammen­nehmen.

Sieben Uhr steckte ein Obergefreiter den Kopf durch die Tür. „Raustreten, a bisserl schnell, wann i bitten darf!“ Drau­ßen rief er: „Antreten, der Größ nach, kruzitürken! I bin der Obergfreite Schmüdling, i bitt mir aus, daß i als Ausbülder mit Herr angsprochen wer... was gibt's da zu feixen? Schaun S' net so, der Dritte im zwoaten Glied!“ – „Ich hab nicht gelacht!“ rief Nadler beleidigt. Schmiedling schrie: „I bitt mir halt Düszüplün aus!“ Das Wort bereitete ihm Schwie­rigkeiten. „Herhörn! I les jetzt die Namen vor von denen, wo hier mit beisein müssen, und wann i so an Namen vorglesen hab, so ruft sich derjenige, dem sein Nam i vorglesen hab, der ruft hier!, verstehen S'?“ – „Jawohl, Herr Obergefrei­ter!“ brüllte Holt wie die anderen. Der Obergefreite las die Namen vor, von Ebert bis Zemtzki. „So! Da fehlt sich nix, und alles hat sei Ordnung. Jetzt wern S' erst amol eingkleidt!“

In der Kammer musterte ein übellauniger Unteroffizier Holt mit einem kurzen Blick, warf ihm drei lange graue Unterhosen in die Arme, Unterhemden, Wäschestücke von kratzigem, har­tem Gewebe, eine Turnhose, drei Paar wollene Socken. „Schuhgröße?“ Schon flogen ihm ein Paar hohe schwarze Schnür­schuh zu und ein Paar Gamaschen aus Segeltuch. „Raus!“ Im nächsten Raum gab es Drillichzeug, eine blaugraue Luftwaffen­uniform ohne Spiegel und Schulterklappen, einen blaugrauen zweireihigen Mantel, Schimütze, Stahlhelm, Koppel mit Schloß, Kochgeschirr, Butterdose aus gelbem Kunststoff, eine Gar­nitur blaugewürfelter Bettwäsche. „Raus! Worauf warten Sie noch?“

Draußen maulte Wolzow: „Keine Ausgehuniform?“ Schmiedling fuhr ihn an: „Meinen S', Sie bekommen Ausgang, jetzt wo Sie währenddem S' in der Ausbüldung sind?“ Er pflegte manchen Satz anders zu beenden, als er ihn begonnen hatte. „Worauf warten S' denn?“ Er rief ihnen nach: „Ziehen S' Ihnen das Drüllüch wird zur Ausbüldung getragen, wann i bitten darf!“

„Der ist halb so wild“, sagte Wolzow. „Ein Obergefreiter ist bei der Wehrmacht gar nichts. Bei uns denkt er, er kann angeben.“ – „Ich glaub, er ist ganz gemütlich“, meinte Holt. Da brüllte es schon wieder: „Raustreten!“

Zwei weitere Obergefreite stellten sich an den rechten Flü­gel. Als Gottesknecht bei den Baracken auftauchte, verdoppelte sich Schmiedlings Eifer, und sein faltiges Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung. „Ausbüldungskmando ... stüllgstann! Zur Meldung an den Herrn Wachtmeister die Augen ... links!“ Er grüßte und meldete. „Danke, lassen Sie rühren!“ Gottesknecht zeigte die Würde eines Generals. „In diesem denkwürdigen Augenblick beginnt Ihre Ausbildung. Lange soll sie nicht dau­ern, vier Wochen, höchstens sechs. Der Dienst wird anstren­gend, von früh sieben bis abends acht, eine Stunde Mittag. Die Nachtruhe von zehn bis sechs wird eisern eingehalten, sonst steig ich Ihnen aufs Dach. Preisskat und so weiter gibt's nicht, haben Sie mich verstanden?... Richtig, das wissen Sie noch nicht... Wenn ich ‘verstanden’ sage, dann ist das nur Gerede, ich hab schließlich meine Redensarten. Sag ich aber: ,Haben Sie mich verstanden?’, dann erwarte ich eine Antwort! Haben Sie das verstanden?“



„Jawohl, Herr Wachtmeister!“

„Na also! Zweimal wöchentlich drei Stunden Nachtexer­zieren. Ihre Ausbildung besteht fast ausschließlich in Geschütz-und Geräteexerzieren, gefechtsmäßig, mit allem Drum und Dran. Außerdem muß ich Ihnen 'n bißchen Flakschießlehre einbleuen, da können Sie mal zeigen, daß Sie intelligente Men­schen sind! Was sonst noch ist, Unterschied zwischen Vorge­setzten und gewöhnlichen Menschen, Gaskram, Spionageab­wehr und all das Zeug, das erledigen wir mit der linken Hand. Ordnungsübungen heute und morgen zwei Stunden, das muß genügen; wenn das Antreten nicht klappt, holen wir es sonntagnachmittags nach. Ein bißchen Bewegung wird Ihnen gut­tun. Sie, ja, der Dicke mit den Schweinsäuglein, wie heißen Sie?“

„Luftwaffenhelfer Vetter, Herr Wachtmeister!“

„Entzückend!“ rief Gottesknecht. „Herrlich, einfach un­bezahlbar! Fett wie ein Schweinchen aus der Herde des Epikur und heißt Vetter! Dafür gibt's Sehr gut!“ Er zog das No­tizbuch, und während er notierte, sagte er: „Hoffentlich wer­den Sie uns nicht noch fetter, Vetter, fetter können wir Sie bei der Flak nicht gebrauchen!“ Er quittierte das Geläch­ter mit einem Kopfnicken. „Weiter im Text. Wenn Sie heim­schreiben wollen: Absender hiesige Ortsanschrift, Großkampf­bahn, Porto brauchen Sie keins, ist Feldpost. Schreiben Sie nichts über den Dienst, ich hab das Recht, Briefe zu öffnen, und mach Stichproben.. Verpflegung wird abends nach Dienstschluß in der Küche geholt. Mittags wird in der Kantine ge­gessen.“ Er winkte die Obergefreiten zu sich. „Wir brauchen achtzehn Mann für die Geschütze, den Rest fürs Feuerleit­gerät.“

In die Reihen der Jungen kam Bewegung. Schmiedling brüll­te: „Wern S’ wohl glei...!“ – „Schmiedling!“ fiel ihm Got­tesknecht ins Wort, und obwohl er die Stimme dämpfte, konn­ten es die Jungen hören. „Sie haben keine Rekruten vor sich, son­dern Luftwaffenhelfer, wie oft soll ich Ihnen das noch sagen?“ Holt stieß Gomulka an, und Gomulka nickte unmerklich.

Der Wachtmeister sonderte die Kleinsten und Schwächsten aus, auch Zemtzki war darunter, und blickte auf die Uhr. „Bis zwölf Uhr Geschütz- und Geräteexerzieren, nach dem Essen zwei Stunden Ordnungsübungen, da verdaut sich's bes­ser.“ Er winkte den Jungen, die fürs Feuerleitgerät bestimmt waren, und zog mit ihnen und einem Obergefreiten davon. Wolzow, Holt, Gomulka und Vetter achtete darauf, daß sie nicht getrennt wurden. Rutscher, Weber, Branzner, Kirsch und Kattner gesellten sich zu ihnen. In zwei Gruppen zu neun Mann zogen sie in Richtung Feuerstellung davon.

Neun Mann und ein Obergefreiter waren eine Bedienung. Schmiedling ließ sie im Geschützstand antreten, ließ das Ge­schütz abdecken und begann.

Was mag er im Zivilberuf sein? dachte Holt. Menschen wie Schmiedling waren ihm fremd. Vielleicht hat er einen Hof im Gebirge, dort braucht so ein Bergbauer kaum ein Wort zu sprechen beim Pflügen und Säen, und nun muß er Unterricht geben... Er war wohl lieber auf seinem Hof geblieben, er ist ja ganz außer sich vor Aufregung. Aber es ist Krieg, und er muß tun, was man verlangt.

Schmiedling ließ einen der Munitionsbunker öffnen, man folgte mit Feuereifer. Alles war neu, alles war interessant. Eine Kanone, eine richtige Kanone, das war doch etwas anderes als die Schule mit ihren unregelmäßigen Verben und dem mathematischen Formelkram!

„Ist das scharfe Munition?“ fragte Vetter mit einem ehr­fürchtigen Blick auf die handtellergroßen Patronenböden, die glänzend aus den Körben hervorsahen. Schmiedling antwor­tete nicht. Er zeigte den Mannschaftsbunker, er zeigte die Holztafeln mit den Zahlen von eins bis zwölf, die ringsum im Geschützstand angebracht waren und die Richtungen mar­kierten, zwölf Norden, sechs Süden, drei Osten, neun We­sten. Wenn das Kommando laute: „Fliegeralarm, Flugzeug neun!“, dann müsse das Rohr auch schon nach Richtung neun weisen. Er kratzte sich den Hinterkopf, nahm das Käppi ab, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, und befahl fünf Minuten Pause, die man im Mannschaftsbunker ver­brachte.

Der Unterstand, den Holt gebückt durch einen schmalen Eingang betrat, nahm die volle Breite des Geschützstandes ein. An den Wänden entlang waren Holzbänke aufgestellt. Holt sah einen Verbandkasten, an eisernen Haken die Hörgarnitu­ren der Richtkanoniere und des Geschützführers, einen Ka­sten mit Werkzeug und Putzlappen und in einer Ecke einen schweren stählernen Vorschlaghammer. Wolzow, Holt und Gomulka rauchten. „Man muß es dem Schmiedling leicht machen“, sagte Holt, „er ist ein guter Kerl...“ – „Aber wenn das nicht etwas flotter geht“, sagte Wolzow, „dann mach ich den Unterricht weiter.“ Schmiedling steckte den Kopf in den Bunker und rief: „Für Ihnen is Rauchen verboten!“ Holt hielt ihm die Schachtel hin; tatsächlich, Schmiedling be­diente sich...

Dann quälte er sich weiter ab. „Jetzt wird dös schwie­rig! Dös is a Flakgeschütz, net wahr. Aber dös Geschütz is ka Gschütz net, verstehen S'?“ Wolzow entwirrte den Knoten, und Schmiedling war begeistert. „Wenn S' so gnau Bscheid wissen, dann könn S' dös erklärn, und i spar mir 's viele Gered!“ Geschütz, das sei ein Sammelbegriff für schwere Feuerwaffen, Geschütze im engeren Sinne seien schwere Feuer­waffen für indirekten Beschüß mit großem Abschußwinkel, so etwa hatte Wolzow erklärt. Dies hier sei eine Kanone, flach­feuernd, mit langem Rohr und hoher Mündungsgeschwindig­keit des Geschosses. Daß es sich bei der Flak um eine Steil­feuerwaffe handle, könne nur ein Idiot aus der großen Rohr­erhöhung schließen, befinde sich doch das Ziel in der Luft!

Schmiedling nickte zufrieden und fuhr fort. Flak acht-fünf-acht-acht heiße die Kanone. Sie sei in den zwanziger Jahren von Krupp gebaut und nach Rußland geliefert worden. Merk­würdig, dachte Holt, die Bolschewiken sind unsere Todfeinde, das sagt doch jeder, und da lieferte ihnen Krupp Kanonen? . .. Das Kaliber habe damals 7,62 Zentimeter betragen, der Russe aber habe den Kanonen ein neues Rohr vom Kaliber 8,5 Zentimeter gegeben, und da dieses Rohr für die Lafette ein wenig zu großkalibrig sei, habe man es mit einer Mün­dungsbremse versehen. „Was dös is, dös erfahren S' nach­her.“ 1941 seien die Kanonen erbeutet und von 8,5 auf das üb­liche Kaliber von 8,8 Zentimetern aufgebohrt worden. Daher der Name „Flak 8,5/8,8“, genannt „Russenspritze“. „Aber wann a Bsüchtgung is, da muß dera richtge Nam gsagt wern!“

Für diese Erklärung brauchte Schmiedling eine halbe Stun­de. „Wann Bsüchtgung ist“, sagte er, „dann müssen S' dös halt auf Anhieb von Ihnen verlangt, net wahr!“ Er sprach oft und im Ton tiefer Sorge von der Besichtigung.

Den weiteren Unterricht übernahm Wolzow, dem es viel zu langsam voranging. „Falls ich was falsch mache, können Sie mich ja verbessern“, sagte er. Schmiedling fand kaum et­was zu korrigieren, als Wolzow loslegte: Kreuzlafette, Fahr­gestell, Unter- und Oberlafette, Justierspindeln, Sockel.

„Sie sin a fixer Kopf!“ lobte Schmiedling, während Wol­zow die Verankerung der Lafette im Boden und die Funktion der Justierspindeln erklärte. Wolzow ging zum Richtmechanis­mus über. Er setzte sich auf den stählernen Sessel der Seiten­richtmaschine, der an der rechten Seite der Oberlafette an­gebracht war, stemmte die Füße auf die Fußraste, drehte am Handrad und fuhr mit der Kanone im Kreise herum wie mit einem Karussell. Jeder wollte es nachmachen, aber Schmied­ling scheuchte sie wieder hinters Geschütz.

Wolzow erläuterte, als habe er niemals im Leben etwas an­deres getan, die Rohrrücklaufbremse, auf der das Rohr ruh­te, den Luftvorholer, der das Rohr nach dem Schuß wieder in die normale Stellung zu bringen habe und mit „Bremsflüssig­keit braun“ gefüllt sei. Er stellte sich links an die Höhenrichtmaschine, drehte das Rohr steil in die Höhe und wieder hin­ab, und dann war die Zünderstellmaschine dran. So ging es fort. Das Tempo mochte Schmiedling unheimlich sein, denn er ließ immerfort wiederholen.

„Gell, dös wissen S' net, wie die Mündungsbremsn funktioniert?“ fragte Schmiedling schließlich. Wolzow sagte: „Das ist doch ganz einfach.“ Da stand plötzlich Gottesknecht im Geschützstand; wer weiß, wie lange er schon zugehört hatte. Schmiedling brüllte: „Achtung!“ Gottesknecht winkte ab. „So­so, Wolzow. Das ist also ganz einfach? Lassen Sie hören. Aber wenn Sie es nicht genau wissen, gibt es Nicht genügend.“

Wolzow sah den Wachtmeister mit zusammengekniffenen Augen und schräggelegtem Kopf an. „Herr Wachtmeister, kann ich vorher noch was anderes sagen?“ – „Da bin ich aber gespannt“, meinte Gottesknecht. Wolzow blinzelte mit den Augen. Sein Kopf schob sich langsam vor. „Ich hab das nie­mals gelernt. Die vorgeschriebenen Worte kenn ich nicht. Wenn Sie gerecht sind, dürfen Sie nur achtgeben, ob meine Erklärung sachlich richtig ist.“ Auf Schmiedlings Stirn stan­den Schweißtropfen.

„Wenn ich gerecht bin, darf ich ...“, wiederholte Gottes­knecht träumerisch. Dann sagte er: „Fangen Sie an.“

„Die Mündungsbremse“, begann Wolzow konzentriert, in einem Tonfall, als habe er ein Gedicht aufzusagen, „die Mün­dungsbremse ist an der Rohrmündung angeschraubt und wird beim Abschuß vom Geschoß durchlaufen. Während der Geschoßboden die vordere Öffnung der Mündungsbremse zeit­weilig verschließt, sind die hinter dem Geschoß herstürmen­den Pulvergase, in ihrem Bestreben, sich auszudehnen ...“

Jetzt verheddert er sich, dachte Holt.

„... gezwungen, durch seitlich in der Mündungsbremse an­gebrachte Öffnungen auszutreten. Diese Öffnungen sind in einem Winkel in die Mündungsbremse eingeschnitten, der, in Schußrichtung gesehen, nach hinten weist. Das heißt“ sagte Wolzow nun siegessicher, „die Pulvergase verlassen die Mün­dungsbremse schräg nach hinten und erteilen so dem Rohr einen nach vorn gerichteten Impuls, welcher einen Teil des Rückstoßes auffängt.“

Schmiedling atmete tief und erleichtert auf. Gottesknecht sah Wolzow an, Wolzow gab den Blick zurück. „Aufs Haar richtig“, sagte Gottesknecht. Er zog das Notizbuch. „Note Eins... Aber Sie haben meinen Gerechtigkeitssinn herausgefordert, Wolzow, und so kann ich's nun doch nicht auf sich beruhen lassen, daß sich ein Luftwaffenhelfer zum Leutnant macht, um einen Wagen zur Bahn zu bekom­men.“

Wolzows Gesicht wurde blaß.

„Sie werden sich also jeden Abend pünktlich einundzwan­zig Uhr melden, um mir die Schuhe zu putzen. Sie werden zu­geben, daß die Strafe gerecht ist.“

Schweigen..

Dann Wolzow: „Herr Wachtmeister, Sie werden zugeben, daß Sie nicht befugt sind, persönliche Dienstleistungen als Strafe zu verhängen. Ich bitte um eine Bestrafung, die den militärrechtlichen Vorschriften entspricht.“

Das geht schief, dachte Holt.

„Wolzow“, sagte Gottesknecht, „ich hätte Lust, Ihnen noch eine Eins zu geben für soviel Mut. Aber das kann kein Mut sein. Das ist Unkenntnis! Sie wissen nicht, was Sie sich antun!“ Und nun mit anderer, mit beiläufiger, üblicher Stimme: „Sie melden sich nach Dienstschluß bei mir zur Bestrafung.“

„Jawohl, Herr Wachtmeister!“

Gottesknecht sagte nur noch freundlich: „Weitermachen!“, dann verließ er den Geschützstand. Kaum war er außer Sicht­weite, atmete Schmiedling so hörbar auf, daß Holt dachte: Warum hat er solche Angst? Er hat als Ausbilder doch nichts zu fürchten.

„A böse Sach, Wolzow, die was S' Ihnen sich da eben ein­brockt ham!“

„Ach scheiß...“, sagte Wolzow mit einer wegwerfenden Handbewegung.

Granatpatron-Munition, Sprengringe, Zünder .. Zeitzün­der S 30, maximale Laufzeit dreißig Sekunden... in den Pa­tronen Diglykolröhrenpulver ... das war der Rest des heutigen Pensums.

Dann trafen sich die Jungen vom Geschütz und Feuerleitgerät in der Kantine, der früheren Gaststätte des Stadions, wo die Oberhelfer der anderen Batterie noch beim Essen saßen. Auf den rohen Holzplatten häuften sich Kartoffelschalen, da­zwischen lagen Zigarettenstummel und Knochenreste. Wol­zow fegte mit einer Handbewegung den Unrat vom Tisch, ein paar Oberhelfern auf die Knie. Den Protest erstickte er mit der Drohung: „Halt 's Maul, sonst kracht's!“

Es gab Pellkartoffeln und eine dünne Soße, in der ein paar Fleischstücke schwammen. „Mies, saumies!“ maulte Vetter. Zemtzki, Schenke und Grubert, die am Feuerleitgerät aus­gebildet wurden, saßen in der Nähe und warfen mit unver­ständlichen Begriffen um sich, Höhenvorhalt, Grundstufe, Gebrauchsstufe... Sie taten ungeheuer wichtig. Zemtzki er­zählte: „Ich bin am E-Messer... Die Meßoptik vergrößert vierundzwanzigfach!“ – „Quatsch nicht rum, wen interessiert das schon?“ sagte Wolzow. „Wer etwas auf sich hält, der geht ans Geschütz!“

Am Nebentisch wurde immer noch von einem „Handstreich“ in Italien erzählt, von einem Telefongespräch zwischen Hitler und Mussolini, schließlich von neuen Luftangriffen. „Essen erneut bombardiert! Sie haben starke Verluste und Verwüstun­gen gemeldet.“

Holt löffelte mechanisch die Kartoffeln in sich hinein. Der Gedanke: Verwüstungen, Essen, Ruhrgebiet verließ ihn auch später nicht, als er auf seinem Bett lag und Gomulka am Tisch über dem Schreibblock saß. Ich muß heut abend bestimmt an Uta schreiben, dachte er. Der Gedanke an Uta tilgte nicht die heimliche Angst. Im Gegenteil. Alles umsonst... hörte er wie­der. Und was wird aus Deutschland?

Er war froh, als Schmiedlings Stimme in die Stube drang: „Raustreten!“ Nach zwei Stunden Ordnungsübungen wurde im Geschützstand das Pensum so lange wiederholt, bis Holt die Worte Lafette, Mündungsbremse und Zeitzünder nicht mehr hören konnte. Es müsse im Schlaf sitzen, behauptete Schmiedling. Müsse unabhängig von Verstand und Gedächt­nis in Fleisch und Blut übergehen, sagte auch Wolzow am Abend. „Der Verstand kann aussetzen, das Gedächtnis kann dich im Stich lassen, dann muß das trotzdem alles noch dasein, unwillkürlich, wie eine Reflexbewegung.“

Er zog los zu Gottesknecht, um seine Strafe entgegenzuneh­men. Er war schlau genug, sich vorher von Schmiedling be­raten zu lassen. „Dös is a Rapport! Da ziehen S' den Dienst­anzug an, und dann setzen S' Ihnen an Stahlhelm setzen S' Ihnen dann auf!“ Der Zusammenstoß zwischen Wolzow und dem Wachtmeister hatte sich unterdessen herumgesprochen. Nadler beobachtete eine Weile schweigend, wie Wolzow Koppel und Schuhe blank putzte, und höhnte: „Wenn der Gottesknecht befiehlt, dann spurt der Wolzow!“ Vetter schmiß ihm einen Schnürschuh ins Kreuz. Nadler flüchtete.

Holt nahm den Briefblock vor. Er kam über die Anrede nicht hinaus, und auch diese war schon ein Problem. Wolzow kam zurück, gelassen wie üblich, aber insgeheim kochte er vor Wut. „Drei Monate Ausgangssperre! So ein gemeines Schwein!“ Später erzählte er Einzelheiten. „Er war richtig ent­täuscht, weil ich im vorschriftsmäßigen Anzug kam. Hat er mir eine Eins gegeben, der falsche Hund, für tadellosen An­zug, und anschließend drei Monate Ausgeh verbot.“

Gomulka lachte. „Und dann hat er noch nachgeschlagen, ob die Strafe auch wirklich den Vorschriften entspricht. So ein Aas!“

Holt wurde immer wieder von seinem Brief abgelenkt. „Ich hätt ihm halt vierzehn Tage lang die Schuhe geputzt, da war Ruh gewesen“, sagte Branzner, ein magerer Junge mit schwar­zem Haar, krummer Nase und großem, hüpfendem Adams­apfel. Gomulka meinte: „Ich glaube, Gottesknecht ist nicht übel. Wenn wir erst im Einsatz sind ...“

Im Einsatz! Schon wieder das Stichwort, das Holt um seine Ruhe brachte. Er ertappte sich dabei, wie er sich nach der Ge­borgenheit der Kleinstadt sehnte, und schalt sich wankelmütig. Auf dem Briefbogen stand noch immer nichts als die Anrede „Liebe Uta“ ... Ich will in den Krieg, hab ich gesagt, und nun verläßt mich der Mut!“

Er schrieb endlich einen sachlichen Bericht über den ersten Tag, soweit er glaubte, davon berichten zu dürfen.

Der Abschied, ist das wirklich erst gestern gewesen? Es liegt so weit zurück! Vorbei, für immer. Alles andere ist Illu­sion. Ich bin fast drei Jahre jünger als sie. Sie ist verlobt. Aber nun, da er schrieb, betrog er sich selbst. Es durfte nicht vorbei sein! „Laß mich nicht im Stich“, schrieb er. „Uns steht vielleicht sehr Schweres bevor. Laß mich nicht allein.“

„Der Seitenrichtkreis“, sagte Schmiedling, „hat vierasechzg Hundert Teilstrich!“

Gomulka und Branzner, eifrig bei der Sache, in der Schule gute Mathematiker, rechneten den Richtkreis in Bogengrade um und brachten so ein wenig Abwechslung in die Hirne, die vom Drill ermüdet waren. Jeder redete, wie es ihm gefiel.

„An der Höhenrichtmaschin stellen wir Grad ein“, lehrte Schmiedling, „und a jeds Grad hat vier Strich!“

An der Zünderstellmaschine hieß es „Grad vom Kreuz“; dreißig Sekunden Zünderlaufzeit entsprachen dreihundert­sechzig Grad, die Gomulka in Sekunden und Flugstrecken um­zurechnen versuchte. „Schade... dazu braucht man wohl Differentialrechnung!“

Schmiedling hatte noch nie so gelehrige Rekruten erlebt. „Die Granate . .. was die Anfangsgeschwindikeit is, die is am größten! Dös heißt die Vaunull! Dös Spritzen hat a Vaunull von achthundertsechzig...“ – „Meter pro Sekunde“, ergänzte Wolzow. Schmiedling war nicht gesonnen, sich das Durcheinander länger bieten zu lassen. Er scheuchte die Be­dienung in Reih und Glied und ließ wiederholen: Seitenricht­kreis, Höhenrichtbogen und Zünderstellmaschine. Es dauerte Tage, bis sie das Geschütz bedienen lernten.

Sie unterhielten sich immer wieder über diese Form des Drills. Wolzow sagte: „Es gibt Situationen, wo das Denken versagt. Da muß alles automatisch in den Gliedern sitzen. Die Ausbildungsmethoden sind für alles mögliche Kroppzeug, Müllkutscher, Straßenkehrer . . . Die sind so blöd, daß sie das nie kapieren würden, deshalb wird es bis zum Kotzen ge­paukt!“ Er berief sich auf die Autorität eines Obersten. „Mein Vater hat immer gesagt, die militärischen Ausbildungsvor­schriften sind so beschaffen, daß es auch das größte Rindvieh noch kapiert!“

Die Jungen, die am Feuerleitgerät ausgebildet wurden, spiel­ten sich mächtig auf. „Mit uns macht der Wachtmeister den ganzen Tag Flakschießlehre, es ist hochinteressant!“

Gomulka, als er einmal mit Holt allein vor der Baracken­tür stand, sagte: „Die Sache hat noch eine Kehrseite. Drill versüßt uns den Einsatz.“ – „Du hast recht. Wenn ich an­fangs an den Einsatz dachte, war mir ziemlich komisch ... Heute wollte Schmiedling zum fünfzigstenmal wissen, welchen Seitenwert Richtung sieben hat. Da hab ich gedacht: Mag's im Ruhrgebiet noch so schlimm werden... jedenfalls ist dann dieser sture Mist vorbei!“

„Das wollen sie erreichen.“ Gomulka nickte. „Hier ist das recht harmlos“, fuhr er fort, „ich staune, wie anständig sie mit uns umgehn. Die Rekruten in der Kaserne, die werden der­artig geschliffen, daß ihnen die Front wie 's Paradies er­scheint ... Wer schon mal draußen war, läßt sich allerdings lieber schleifen“, setzte er hinzu. Holt lachte. „Die große Wende wird schon kommen!“

„Fragt sich bloß, wie!“

„Aber Sepp!“ sagte Holt vorwurfsvoll. „So kann man nicht reden!“

„Ich rede nur zu dir so“, erwiderte Gomulka. „Ich überleg manchmal, ob wir nicht alle... die Augen zumachen, was den Krieg angeht!“

„Solche Gespräche“, sagte Holt, „... und solche Gedan­ken . .. das untergräbt die Moral, Sepp!“

Die Kanoniere hießen K 1 bis K 9 und wurden vom Geschützführer befehligt. Jeder hatte seinen Platz und seine Aufgabe. Der Geschützführer war durch eine Telefonleitung mit der Befehlsstelle verbunden, von dort erhielt er alle Anordnungen, einschließlich des Feuerbefehls. Die Feuerglocke gab dem K 3, dem Ladekanonier, das Signal zum Laden und Feuern. „Dös heißt net Schuß, sondern Gruppe“, erklärte Schmiedling und wiederholte zehnmal, daß dem Geschützführer absolut und bedingungslos zu gehorchen sei! Oft komme es vor, daß ein Luftwaffenhelfer die Funktion des Geschützführers über­nehme; dann schulde man ihm den gleichen Gehorsam.

Die neun Kanoniere mußten ihre Aufgaben erst einmal in Form von neun Sprüchen erlernen, und jeder mußte jedes Sprüchlein auswendig wissen. K 1 war Höhen- und K 2 Sei­tenrichtkanonier. K 6 bediente die Zünderstellmaschine. K 3 war der Ladekanonier, nächst dem Geschützführer der ange­sehenste Mann. K 4, K 5, K 7, K 8 und K 9 nannten sich Munitionskanoniere, und sie genossen das geringste Ansehen. Das alles, verlangte Schmiedling immer wieder, müsse man im Schlaf beherrschen.

„Weißt du was?“ sagte Wolzow eines Abends zu Holt. „Von wegen ,im Schlaf beherrschen'! Wir probieren das mal!“ Gomulka, der nachts halb zwei wach wurde, weckte Holt, und gemeinsam holten sie Wolzow aus dem Bett. „Wen neh­men wir?“ – „Den Branzner, das Rindvieh“, brummte Wol­zow. Zu dritt umstanden sie Branzners Bett. Wolzows Ta­schenlampe leuchtete. Die Nachthemden reichten nur bis an die Knie, verwaschen und immer wieder geflickt. Holt sah auf Wolzow, dem das Hemd viel zu eng war. Über dem mächti­gen Brustkorb spannte es sich zum Zerreißen, unten schauten die stachlig behaarten Beine hervor.

„Los!“ Gomulka und Holt faßten Branzner links und rechts an den Armen, rissen ihn hoch, und Wolzow leuchtete ihm ins Gesicht und brüllte: „Los! K 2!“

„K 2 stellt laufend ... laufend...“, stammelte Branzner erschrocken und schlaftrunken, dann kam er zu sich, und nun ging es wie am Schnürchen: „K 2 stellt laufend mit Hilfe der Seitenrichtmaschine die vom Kommandohilfsgerät durchge­gebenen Seitenrichtwerte am Seitenteilkreis ein und beob­achtet den Umdrehungsanzeiger!“ So, das war geschafft, und Branzner fügte hinzu: „Mensch, ihr spinnt wohl... mitten in der Nacht!“

„Schnauze! K 6, los!“ Aber da weigerte sich Branzner. Sie sahen sich nach einem neuen Opfer um, das nicht von Wolzows Gebrüll erwacht war. „Los, den Rutscher, der stottert so schön!“ Das Spiel, unter schadenfroher Anteilnahme der an­deren, wiederholte sich. Rutscher hing ihnen sekundenlang verschlafen in den Armen, aber Wolzow knuffte ihn in die Rippen und brüllte: „Los, du Heini, K 6, wird's bald?“

„K 6 ... stellt... laufend die vom Ko-Ko-Kommandohilfsgerät durchgegebenen Zünderlaufzeiten auf der Zünderstell­maschine ein und be-betätigt die Schwungma-ma-masse!“ stot­terte Rutscher.

„Tatsächlich!“ rief Wolzow. „Es klappt im Schlaf!“

Da wurde die Tür aufgestoßen, Licht flammte auf, und in der Tür stand Gottesknecht, in einem roten Bademantel, bar­häuptig, an den Füßen Pantoffeln. Er sagte böse: „Hab ich Sie erwischt! Nachtruhe eisern einhalten, hab ich ausdrücklich befohlen! Und Sie? Rumtoben, nachts halb zwei!“ Gomulka faßte sieh zuerst und wollte melden, aber Gottesknecht sagte: „Quatsch, Meldung im Nachthemd, nächstens melden Sie noch auf der Latrine!“ Jemand lachte, aber Gottesknecht rief: „Ruhe!“ Er wandte sich an Holt: „Was ist hier los? Aber ehr­lich: wen wollten Sie verdreschen, und warum?“ – „Herr Wachtmeister“, antwortete Holt, „wir wollten niemanden ver­dreschen! Wir haben nur mal ausprobiert, ob die Sprüche der Kanoniere wirklich aus dem Schlaf klappen, wie das der Ober­gefreite Schmiedling immer verlangt.“ Gottesknecht blickte eine Weile auf Holt, dabei entspannte sich sein Gesicht. „Na und? Geht's?“

„Jawohl, Herr Wachtmeister. Der Branzner hat den K 2 und der Rutscher den K 6 aus dem Schlaf aufgesagt, ohne Überlegung.“

„Sie haben Humor!“ sagte Gottesknecht. „Los, in die Bet­ten!“ Sein Blick haftete an Wolzow. „Kommen Sie her! Holt und Gomulka haben sich Schuhe angezogen, die kann ich ins Bett schicken, aber Sie, barfuß auf dem dreckigen Fußbo­den ...“ – „Herr Wachtmeister“, sagte Wolzow, „egal ha­ben Sie's mit mir!“ Gottesknecht, eine steile Falte auf der Stirn, rief: „Wolzow, jetzt reicht mir's!“ Er stemmte die Hände in die Hüften, seine Stimme war wieder ganz ruhig: „Ich hätte Sie die Füße waschen lassen und dann ins Bett geschickt. Aber jetzt. .. los, ziehen Sie Drillich an, kommen Sie raus, aber schnell, jetzt sollen Sie mal sehn, wie das ist, wenn ich's mit einem ,egal habe!“


Date: 2015-12-24; view: 123


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