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Untersuchungsrichter

Wieder ein schmuckloses Zimmer und zwei Schreibpulte mit meterhohen Aufsätzen.

Ein alter, großer Mann mit weißem, geteiltem Vollbart, schwarzem Gehrock, roten, wulstigen Lippen, knarrenden Stiefeln.

»Sie sind Herr Pernath?«

»Jawohl.«

»Gemmenschneider?«

»Jawohl.«

»Zelle Nr. 70?«

»Jawohl.«

»Des Mordes an Zottmann verdächtig?«

»Ich bitte, Herr Untersuchungsrichter – –«

»Des Mordes an Zottmann verdächtig?«

»Wahrscheinlich. Wenigstens vermute ich es. Aber – –«

»Geständig?«

»Was soll ich denn gestehen, Herr Untersuchungsrichter, ich bin doch unschuldig!«

»Geständig?«

»Nein.«

»Dann verhänge ich Untersuchungshaft über Sie. – Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter.«

»Bitte, so hören Sie mich doch an, Herr Untersuchungsrichter, – ich muß unbedingt heute noch zu Hause sein. Ich habe wichtige Dinge zu veranlassen – –«

Hinter dem zweiten Schreibtisch meckerte jemand.

Der Herr Baron schmunzelte. –

»Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter.«

Tag um Tag schlich dahin, Woche um Woche, und immer noch saß ich in der Zelle.

Um zwölf Uhr durften wir täglich hinunter in den Gefängnishof und mit anderen Untersuchungsgefangenen und Sträflingen zu zweit 40 Minuten im Kreis herumgehen auf der nassen Erde.

Miteinander zu reden, war verboten.

In der Mitte des Platzes stand ein kahler, sterbender Baum, in dessen Rinde ein ovales Glasbild der Muttergottes eingewachsen war.

An den Mauern wuchsen kümmerliche Ligusterstauden, die Blätter fast schwarz vom fallenden Ruß.

Ringsum die Gitter der Zellen, aus denen zuweilen ein kittgraues Gesicht mit blutleeren Lippen herunterschaute.

Dann ging's wieder hinauf in die gewohnten Grüfte zu Brot, Wasser und Wurstabsud und sonntags zu faulenden Linsen.

Erst einmal war ich wieder vernommen worden:

Ob ich Zeugen hätte, daß mir »Herr« Wassertrum angeblich die Uhr geschenkt habe?

»Ja: Herrn Schemajah Hillel – – das heißt – nein« (ich erinnerte mich, er war nicht dabei gewesen) – – »aber Herr Charousek« – (nein, auch er war ja nicht dabei).

»Kurz: also niemand war dabei?«

»Nein, niemand war dabei, Herr Untersuchungsrichter.«

Wieder das Gemecker hinter dem Schreibtisch und wieder das:

»Führen Sie den Mann hinaus, Gefangenwärter!« – – –

Meine Besorgnis um Angelina war einer dumpfen Resignation gewichen: Der Zeitpunkt, wo ich um sie zittern mußte, war vorüber. Entweder Wassertrums Racheplan war längst geglückt, oder Charousek hatte eingegriffen, sagte ich mir.

Aber die Sorge um Mirjam trieb mich jetzt fast zum Wahnsinn.

Ich stellte mir vor, wie sie Stunde um Stunde darauf wartete, daß sich das Wunder erneuere, – wie sie früh am Morgen, wenn der Bäcker kam, hinauslief und mit bebenden Händen das Brot untersuchte, – wie sie vielleicht um meinetwillen vor Angst verging.



Oft in der Nacht peitschte es mich aus dem Schlaf, und ich stieg auf das Wandbrett und starrte empor zu dem kupfernen Gesicht der Turmuhr und verzehrte mich in dem Wunsch, meine Gedanken möchten zu Hillel dringen und ihm ins Ohr schreien, er solle Mirjam helfen und sie erlösen von der Qual des Hoffens auf ein Wunder.

Dann wieder warf ich mich auf das Stroh und hielt den Atem an, bis mir die Brust fast zersprang, – um das Bild meines Doppelgängers vor mich zu zwingen, damit ich ihn zu ihr schicken könnte als einen Trost.

Und einmal war er auch erschienen neben meinem Lager mit den Buchstaben: Chabrat Zereh Aur Bocher in Spiegelschrift auf der Brust, und ich wollte aufschreien vor Jubel, daß jetzt alles wieder gut würde, aber er war in den Boden versunken, noch ehe ich ihm den Befehl geben konnte, Mirjam zu erscheinen. – – –

Daß ich so gar keine Nachricht bekam von meinen Freunden!

Ob es denn verboten sei, einem Briefe zu schicken? fragte ich meine Zellengenossen.

Sie wußten es nicht.

Sie hätten noch nie welche bekommen – allerdings wäre auch niemand da, der ihnen schreiben könnte, sagten sie.

Der Gefangenwärter versprach mir, sich gelegentlich zu erkundigen.

Meine Nägel waren rissig geworden vom Abbeißen und mein Haar verwildert, denn Schere, Kamm und Bürste gab es nicht.

Auch kein Wasser zum Waschen.

Fast ununterbrochen kämpfte ich mit Brechreiz, denn der Wurstabsud war mit Soda gewürzt statt mit Salz. – – Eine Gefängnisvorschrift, um dem »Überhandnehmen des Geschlechtstriebs vorzubeugen.«

Die Zeit verging in grauer, furchtbarer Eintönigkeit.

Drehte sich wie im Kreis wie ein Rad der Qual.

Da gab es die gewissen Momente, die jeder von uns kannte, wo plötzlich einer oder der andere aufsprang und stundenlang auf und nieder lief wie ein wildes Tier, um sich dann wieder gebrochen auf die Pritsche fallen zu lassen und stumpfsinnig weiter zu warten – zu warten – zu warten.

Wenn der Abend kam, zogen die Wanzen in Scharen gleich Ameisen über die Wände und ich fragte mich erstaunt, warum denn der Kerl in Säbel und Unterhosen mich so gewissenhaft ausgeforscht habe, ob ich kein Ungeziefer hätte.

Fürchtete man vielleicht im Landesgericht, es könne eine Kreuzung fremder Insektenrassen entstehen?

Mittwoch vormittags kam gewöhnlich ein Schweinskopf herein mit Schlapphut und zuckenden Hosenbeinen: der Gefängnisarzt Dr. Rosenblatt, und überzeugte sich, daß alle vor Gesundheit strotzten.

Und wenn einer sich beschwerte, gleichgültig worüber, so verschrieb er – Zinksalbe zum Einreiben der Brust.

Einmal kam auch der Landgerichtspräsident mit – ein hochgewachsener, parfümierter Halunke der »guten Gesellschaft«, dem die gemeinsten Laster im Gesicht geschrieben standen, und sah nach, ob – alles in Ordnung sei: »ob sich noch immer kaner derhenkt hobe«, wie sich der Frisierte ausdrückte.

Ich war auf ihn zugetreten, um ihm eine Bitte vorzutragen, da hatte er einen Satz hinter den Gefangenwärter gemacht und mir einen Revolver vorgehalten. – »Was ich denn wolle«, schrie er mich an.

Ob Briefe für mich da seien, fragte ich höflich. Statt der Antwort bekam ich einen Stoß vor die Brust vom Herrn Dr. Rosenblatt, der gleich darauf das Weite suchte. Auch der Herr Präsident zog sich zurück und höhnte durch den Türausschnitt: – ich solle lieber den Mord gestehen. Eher bekäme ich in diesem Leben keine Briefe.

Ich hatte mich längst an die schlechte Luft und die Hitze gewöhnt und fröstelte beständig. Selbst, wenn die Sonne schien.

Zwei der Gefangenen hatten schon einige Male gewechselt, aber ich achtete nicht darauf. Diese Woche waren es ein Taschendieb und ein Wegelagerer, das nächste Mal ein Falschmünzer oder ein Hehler, die hereingeführt wurden.

Was ich gestern erlebte, war heute vergessen.

Gegen das Wühlen der Sorge um Mirjam verblaßten alle äußeren Begebenheiten.

Nur ein Ereignis hatte sich mir tiefer eingeprägt – es verfolgte mich zuweilen als Zerrbild bis in den Traum:

Ich hatte auf dem Wandbrett gestanden, um hinauf in den Himmel zu starren, da fühlte ich plötzlich, daß mich ein spitzer Gegenstand in die Hüfte stach, und als ich nachsah, bemerkte ich, daß es die Feile gewesen war, die sich mir durch die Tasche zwischen Rock und Futter gebohrt hatte. Sie mußte schon lange dort gesteckt haben, sonst hätte sie der Mann in der Flurstube gewiß bemerkt.

Ich zog sie heraus und warf sie achtlos auf meinen Strohsack.

Als ich dann herunterstieg, war sie verschwunden, und ich zweifelte keinen Augenblick, daß nur Loisa sie genommen haben konnte.

Einige Tage später holte man ihn aus der Zelle, um ihn einen Stock tiefer unterzubringen.

Es dürfe nicht sein, daß zwei Untersuchungsgefangene, die desselben Verbrechens beschuldigt wären, wie er und ich, in der gleichen Zelle säßen, hatte der Gefangenwärter gesagt.

Aus ganzem Herzen wünschte ich, es möchte dem armen Burschen gelingen, sich mit Hilfe der Feile zu befreien.

Mai

Auf meine Frage, welches Datum denn wäre – die Sonne schien so warm wie im Hochsommer und der müde Baum im Hof trieb ein paar Knospen – hatte der Gefangenwärter zuerst geschwiegen, dann aber mir zugeflüstert, es sei der 15. Mai. Eigentlich dürfe er es nicht sagen, denn es sei verboten, mit den Gefangenen zu sprechen, – insbesondere solche, die noch nicht gestanden hätten, müßten hinsichtlich der Zeit im unklaren gehalten werden.

Drei volle Monate war ich also schon im Gefängnis und noch immer keine Nachricht aus der Welt da draußen!

Wenn es Abend wurde, drangen leise Klänge eines Klaviers durch das Gitterfenster, das jetzt an warmen Tagen offen war.

Die Tochter des Beschließers unten spiele, hatte mir ein Sträfling gesagt.

Tag und Nacht träumte ich von Mirjam.

Wie es ihr wohl ging?!

Zuzeiten hatte ich das tröstliche Gefühl, als seien meine Gedanken zu ihr gedrungen und stünden an ihrem Bette, während sie schlief, und legten ihr lindernd die Hand auf die Stirne.

Dann wieder, in Momenten der Hoffnungslosigkeit, wenn einer nach dem andern meiner Zellengenossen zum Verhör gefuhrt wurde, – nur ich nicht, – drosselte mich eine dumpfe Furcht, sie sei vielleicht schon lange tot.

Da stellte ich dann Fragen an das Schicksal, ob sie noch lebe oder nicht, krank sei oder gesund, und die Anzahl einer Handvoll Halme, die ich aus dem Strohsack riß, sollte mir Antwort geben.

Und fast jedesmal »ging es schlecht aus«, und ich wühlte in meinem Innern nach einem Blick in die Zukunft; – suchte meine Seele, die mir das Geheimnis verbarg, zu überlisten durch die scheinbar abseits liegende Frage, ob wohl für mich dereinst noch ein Tag kommen würde, wo ich heiter sein und wieder lachen könnte.

Immer bejahte das Orakel in solchen Fällen, und dann war ich eine Stunde lang glücklich und froh.

Wie eine Pflanze heimlich wächst und sproßt, war allmählich in mir eine unbegreifliche, tiefe Liebe zu Mirjam erwacht, und ich faßte es nicht, daß ich so oft hatte bei ihr sitzen und mit ihr reden können, ohne mir damals schon klar darüber geworden zu sein.

Der zitternde Wunsch, daß auch sie mit gleichen Gefühlen an mich denken möchte, steigerte sich in solchen Augenblicken oft bis zur Ahnung der Gewißheit, und wenn ich dann auf dem Gange draußen einen Schritt hörte, fürchtete ich mich beinahe davor, man könnte mich holen und freilassen und mein Traum würde in der groben Wirklichkeit der Außenwelt in nichts zerrinnen.

Mein Ohr war in der langen Zeit der Haft so scharf geworden, daß ich auch das leiseste Geräusch vernahm.

Jedesmal bei Anbruch der Nacht hörte ich in der Ferne einen Wagen fahren und zergrübelte mir den Kopf, wer wohl dann sitzen möchte.

Es lag etwas seltsam Fremdartiges in dem Gedanken, daß es Menschen gab da draußen, die tun und lassen durften, was sie wollten, – die sich frei bewegen konnten und da und dort hingehen, und es dennoch nicht als unbeschreiblichen Jubel empfanden.

Daß auch ich jemals wieder so glücklich werden würde, im Sonnenschein durch die Straßen wandern zu können; – – ich war nicht mehr imstande, es mir vorzustellen.

Der Tag, an dem ich Angelina in den Armen gehalten, schien mir einem längstverflossenen Dasein anzugehören; – ich dachte daran zurück mit jener leisen Wehmut, wie sie einen beschleicht, wenn man ein Buch aufschlägt und findet dann welke Blumen, die einst die Geliebte der Jugendjahre getragen hat.

Ob wohl der alte Zwakh noch immer Abend für Abend mit Vrieslander und Prokop beim »Ungelt« saß und der vertrockneten Eulalia das Hirn konfus machte?

Nein, es war doch Mai: – die Zeit, wo er mit seinem Marionettenkasten durch die Provinznester zog und auf grünen Wiesen vor den Toren den Ritter Blaubart spielte.

Ich saß allein in der Zelle. – Vóssatka, der Brandstifter, mein einziger Gefährte seit einer Woche, war vor ein paar Stunden zum Untersuchungsrichter geholt worden.

Merkwürdig lange dauerte diesmal sein Verhör.

Da. Die eiserne Vorlegestange klirrte an der Tür. Und mit freudestrahlender Miene stürmte Vóssatka herein, warf ein Bündel Kleider auf die Pritsche und begann, sich mit Windeseile umzukleiden.

Den Sträflingsanzug warf er Stück für Stück mit einem Fluch auf den Boden.

»Nix hamms mer beweisen könna, dö Hallodri. – Brandstiftung! – Ja doder –« er zog mit dem Zeigefinger an seinem unteren Augenlid. »Auf den schwarzen Vóssatka sans jung. – Der Wind war's, hab i g'sagt. Und bi fest blimm. Den kennens iazt eispirrn, wanns'n derwischen – den Herrn von Wind. – No servus heit abend! – Do werd aufdraht. Beim Loisitschek.« – Er breitete die Arme aus und tanzte einen »G'strampften«. – »Nur einmahl im Leböhn blie–het der Mai.« Er stülpte sich mit einem Krach einen steifen Deckel mit einer kleinen blaugesprenkelten Nußhäherfeder darauf über den Schädel. – »Ja, richtig, das wird Ihna intrissirn, Herr Graf: wissens was Neies? Eana Freund, der Loisa, is ausbrochen! – Grad hab i's erfahrehn oben bei die Hallodri. Schon vurigen Monat – gegen Uldimoh hat er das Weide gesucht und ist längst ieber – pbhuit« – er schlug sich mit den Fingern auf den Handrücken – »ieber alle Bergöh.« –

»Aha, die Feile«, dachte ich mir und lächelte.

»Alsdann haltens Ihna jetzt auch bald dazu, Herr Graf,« der Brandstifter streckte mir kameradschaftlich die Hand hin, »daß Sie möglichst bei Zeitöhn freikommen. – Und wenn Sie mal kein Geld nicht habehn, fragen Sie sich nur beim Loisitschek nach dem schwarzen Vóssatka. – Kennte mich jedes Mädel durten. So! – Alsdann Servus, Herr Graf. War mir ein Vergniegen.«

Er stand noch in der Türe, da schob der Wärter schon einen neuen Untersuchungsgefangenen in die Zelle.

Auf den ersten Blick erkannte ich in ihm den Schlot mit der Soldatenmütze, der einmal neben mir bei Regenwetter in dem Torbogen der Hahnpaßgasse gestanden hatte. Eine freudige Überraschung! Vielleicht wußte er zufällig etwas über Hillel und Zwakh und alle die andern?

Ich wollte sofort anfangen, ihn auszufragen, aber zu meinem größten Erstaunen legte er mit geheimnisvoller Miene den Finger an den Mund und bedeutete mir, ich solle schweigen.

Erst als die Tür von außen abgesperrt und der Schritt des Gefangenwärters auf dem Gange verhallt war, kam Leben in ihn.

Mir schlug das Herz vor Aufregung.

Was sollte das bedeuten?

Kannte er mich denn, und was wollte er?

Das erste, was der Schlot tat, war, daß er sich niedersetzte und seinen linken Stiefel auszog.

Dann zerrte er mit den Zähnen einen Stöpsel aus dem Absatz, entnahm dem entstandenen Hohlraum ein kleines gebogenes Eisenblech, riß die anscheinend nur locker befestigte Schuhsohle ab und reichte mir beides mit stolzer Miene hin. –

Alles in Windeseile und ohne auf meine erregten Fragen auch nur im geringsten zu achten.

»So! Einen schönen Gruß vom Herrn Charousek.«

Ich war so verblüfft, daß ich kein Wort herausbringen konnte. –

»Brauchens' bloß Eisenblechl nähmen und Sohlen ausanand brechen in der Nacht. Oder wann sunst niemand siecht. – Ise nämlich hohl inewändig« – erklärte der Schlot mit überlegener Miene, »und finden Sie sich drinn eine Brieffel von Herrn Charousek.«

Im Übermaß meines Entzückens fiel ich dem Schlot um den Hals, und die Tränen stürzten mir aus den Augen.

Er wehrte mich voll Milde ab und sagte vorwurfsvoll:

»Missen sich mehr zusammennähmen, Herr von Pernath! Mir habens me nicht eine Minutten zum Zeitverlieren. Es kann sich soffort herauskommen, daß ich in der falschen Zellen bin. Der Franzl und ich habens me unt beim Pordjöh die Nummern mitsamm vertauscht.« –

Ich mußte wohl ein sehr dummes Gesicht gemacht haben, denn der Schlot fuhr fort:

»Wann Sie das auch nicht verstähn, macht nix. Kurz: ich bin hier, Pasta!«

»Sagen Sie doch,« fiel ich ihm ins Wort, »sagen Sie doch, Herr – – Herr – – –«

»Wenzel,« – half mir der Schlot aus, »ich heiße der schöne Wenzel.«

»Sagen Sie mir doch, Wenzel, was macht der Archivar Hillel, und wie geht es seiner Tochter?«

»Dazu ist jetz keine Zeit nicht«, unterbrach mich der schöne Wenzel ungeduldig. »Ich kann ich doch im näxen Augenblick herausgeschmissen werden. – Also: ich bin ich hier, weil ich einen Raubanfall extra eingestanden hab – –«

»Was, Sie haben bloß meinetwegen, und um zu mir kommen zu können, einen Raubanfall begangen, Wenzel?« fragte ich erschüttert.

Der Schlot schüttelte verächtlich den Kopf: »Wenn ich wirklich einen Raub anf all begangen hätt, mecht ich ihm doch nicht eingestähen. Was glauben Sie von mir!?«

Ich verstand allmählich: – der brave Kerl hatte eine List gebraucht, um mir den Brief Charouseks ins Gefängnis zu schmuggeln.

»So; zuverderscht« – er machte ein äußerst wichtiges Gesicht – »muß ich Ihnen Unterricht in der Ebilebsie gäben.«

»Worin?«

»In der Ebilebsie! – Gäbm S' amal scharf Obacht und merkens Ihna alles genau! – Alsdann schaugens här: Zuerscht macht me Speichel in der Goschen;« – er blies die Backen auf und bewegte sie hin und her, wie jemand, der sich den Mund ausspült – »dann kriegt me Schaum vorm Maul, sengen S' so«: – er machte auch dies. Mit widerwärtiger Natürlichkeit. »Nachhe drehte ma die Daumen in die Faust. – Nachhe kugelt me die Augen raus« – er schielte entsetzlich – »und dann – das ise sich bisl schwär – stoßt me so halbeten Schrei aus. Segen S', so: Bö – bö – bö, und gleichzeitig fallt me sich um.« Er ließ sich der Länge nach zu Boden fallen, daß das Haus zitterte, und sagte beim Aufstehen:

»Das ise sich die natierliche Ebilebsie, wie's uns der Dr. Hulbert gottsälig beim ›Bataljohn‹ gelernt hat.«

»Ja, ja, es ist täuschend ähnlich,« gab ich zu, »aber wozu dient das alles?«

»Weil Sie sich zuerscht aus der Zellen rausmissen!«, erklärte der schöne Wenzel. »Der Dr. Rosenblatt is doch ein Mordsochs! Wenn einer schon gar kan Kopf mehr hat, sagt der Rosenblatt immer noch: der Mann ise sich pumperlgesund! – Nur vor die Ebilebsie hat e' an Viechsräschpäkt. Wann aner daas gut kann: gleich ise drieben in der Krankenzelle. – – Und da ise sich das Ausbrechen dann ein Kinderspielzeug;« – er wurde tief geheimnisvoll – »den Fenstergitter in der Krankenzelle ise nämlich durchgesägt und nur schwach mit Dreck zusammengepappt. – Es ise sich das ein Geheimnis vom Bataljohn! – Sie brauchen dann bloß ein paar Nächte scharf aufpassen und, wenn Sie eine Seilschlingen vom Dach herunter bis vors Fenster kommen segen, heben Sie leise den Gitter aus, damit niemand nicht aufwacht, steckens die Schultern in die Schlinge, und mir ziegen Ihnen hinauf aufs Dach und lassen Ihnen auf der andern Seiten hinunter auf die Straßen. – Pasta.«

»Weshalb soll ich denn aus dem Gefängnis ausbrechen?« wandte ich schüchtern ein, »ich bin doch unschuldig.«

»Das ise doch kein Grund, um nicht auszubrechen!«, widerlegte mich der schöne Wenzel und machte vor Erstaunen kreisrunde Augen.

Ich mußte meine ganze Beredsamkeit aufbieten, um ihm den verwegenen Plan, der, wie er sagte, das Resultat eines »Bataillons« beschlusses war, auszureden.

Daß ich »die Gabe Gottes« von der Hand wies und lieber warten wollte, bis ich von selbst freikommen würde, war ihm unbegreiflich.

»Jedenfalls danke ich Ihnen und Ihren braven Kameraden auf das allerherzlichste,« sagte ich gerührt und drückte ihm die Hand. »Wenn die schwere Zeit für mich vorüber ist, wird es mein erstes sein, mich Ihnen allen erkenntlich zu zeigen.«

»Ise gar nicht nätig«, lehnte Wenzel freundlich ab. »Wann Sie ein paar Glas ›Pils‹ zahlen, nähmen wir sich dankbar an, abe sunst nix. Pan Charousek, was ise jetz Schatzmistr vom Bataljohn hat e' uns schon erzählt, was Sie für ein heimlicher Wohltäter sin. Soll ich ihm was ausrichten, wenn ich in paar Täg wieder herauskomm?«

»Ja, bitte,« fiel ich rasch ein, »sagen Sie ihm, er möchte zu Hillel gehen und ihm mitteilen, ich hätte soviel Angst wegen der Gesundheit seiner Tochter Mirjam. Herr Hillel solle sie nicht aus den Augen lassen. – Werden Sie sich den Namen merken?: Hillel!«

»Hirräl?«

»Nein: Hillel.«

»Hillär?«

»Nein: Hill–el.«

Wenzel zerbrach sich fast die Zunge an dem für einen Tschechen unmöglichen Namen, aber schließlich bewältigte er ihn doch unter wilden Grimassen.

»Und dann noch eins: Herr Charousek möge – ich lasse ihn herzlich drum bitten – sich auch, soweit es in seiner Macht steht, der »vornehmen Dame« – er weiß schon, wer darunter zu verstehen ist – annehmen.«

»Sie meinen sich wahrscheinlich die adlige Flietschen, die was da Gspusi ghabt hat mit dem Niemetz – dem Dr. Sapoli? – No, die hat sich doch scheiden lassen und ise mit dem Kind und dem Sapoli fürt.«

»Wissen Sie das bestimmt?«

Ich fühlte meine Stimme zittern. So sehr ich mich um Angelinas willen freute, – es krampfte mir doch das Herz zusammen.

Wieviel Sorge hatte ich ihretwegen getragen und jetzt – – – war ich vergessen.

Vielleicht glaubte sie, ich sei wirklich ein Raubmörder.

Ein bitterer Geschmack stieg mir in die Kehle.

Der Schlot schien mit dem Feingefühl, das verwahrlosten Menschen seltsamerweise eigen ist bei allen Dingen, die sich um Liebe drehen, erraten zu haben, wie mir zumute war, denn er blickte scheu weg und antwortete nicht.

»Wissen Sie vielleicht auch, wie es Herrn Hillels Tochter, dem Fräulein Mirjam geht? Kennen Sie sie?«, fragte ich gepreßt.

»Mirjam? Mirjam?« – Wenzel legte sein Gesicht in nachdenkliche Falten – »Mirjam? – Gäht sich die öfters in der Nacht zum Loisitschek?«

Ich mußte unwillkürlich lächeln. »Nein. Ganz bestimmt nicht.«

»Dann kenn ich sie nicht«, sagte Wenzel trocken.

Wir schwiegen eine Weile.

Vielleicht steht in dem Briefchen etwas über sie, hoffte ich.

»Daß den Wassertrum der Deiwel g'holt hat«, fing Wenzel plötzlich wieder an, »wärden Sie sich wohl schon gehärt haben?«

Ich fuhr entsetzt auf.

»No ja.« – Wenzel deutete auf seine Kehle. – »Murxi, murxi! Ich sag ich Ihnän; es war Ihnän schaislich. Wie sie den Laden aufgebrochen haben, weil er sich paar Täg nicht hat segen lassen, war ich natierlich der erschte drin; – wie denn nicht! – Und da hat e' durten g'sässen, der Wassertrum, in einem dreckigen Lähnsessel, die Brust voller Blut und die Augen wie aus Glas. – – – Wissen S', ich bin ich ein handfeste Kerl, aber mir hat sich alles gedräht, sag ich Ihnän, und ich hab' gemeint, ich hau ich ohnmächtig hi–iin. Furt' a furt' hab' ich mir vorsagen missen: Wenzel, hab' ich mir vorg'sagt, Wenzel, reg' dich nicht auf, es is doch bloß ein toter Jud. – Er hat eine Feile in der Kehle stecken gehabt und im Laden war sich alles umedum geschmissen. – Ein Raubmord natierlich.«

»Die Feile! Die Feile!« Ich fühlte, wie mir der Atem kalt wurde vor Grausen. Die Feile! So hatte sie also doch ihren Weg gefunden!

»Ich weiß ich auch, wer's war«, fuhr Wenzel nach einer Pause halblaut fort. »Niemand anders, sag ich Ihnän, als der blattersteppige Loiso. – Ich hab' ich nämlich sein Taschenmesser auf dem Boden im Laden entdeckt und rasch eing'stäckt, damit sich die Polizei nicht draufkommt. – Er ise sich durch einen unterirdischen Gang in den Laden – – –« er brach mit einem Ruck seine Rede ab und horchte ein paar Sekunden lang angestrengt, dann warf er sich auf die Pritsche und fing an, fürchterlich zu schnarchen.

Gleich darauf klirrte das Vorhängeschloß und der Gefängniswärter kam herein und musterte mich argwöhnisch.

Ich machte ein teilnahmsloses Gesicht und Wenzel war kaum zu erwecken.

Erst nach vielen Püffen richtete er sich gähnend auf und taumelte, gefolgt von dem Wärter, schlaftrunken hinaus.

Fiebernd vor Spannung faltete ich Charouseks Brief auseinander und las:

Den 12. Mai.

»Mein lieber armer Freund und Wohltäter!«

Woche um Woche habe ich gewartet, daß Sie endlich freikommen würden, – immer vergebens, – habe alle möglichen Schritte versucht, um Entlastungsmaterial für Sie zu sammeln, aber ich fand keins.

Ich bat den Untersuchungsrichter, das Verfahren zu beschleunigen, aber jedesmal hieß es, er könne nichts tun – es sei Sache der Staatsanwaltschaft und nicht die seinige.

Amtsschimmel!

Eben erst, vor einer Stunde, gelang mir jedoch etwas, von dem ich mir den besten Erfolg erhoffe: ich habe erfahren, daß Jaromir dem Wassertrum eine goldene Taschenuhr, die er nach der damaligen Verhaftung seines Bruders Loisa in dessen Bett gefunden hatte, verkauft hat.

Beim ›Loisitschek‹, wo, wie Sie wissen, die Detektivs verkehren, geht das Gerücht, man hätte die Uhr des angeblich ermordeten Zottmann – dessen Leiche übrigens noch immer nicht entdeckt ist – als corpus delicti bei Ihnen gefunden. Das übrige reimte ich mir zusammen: Wassertrum et cetera!

Ich habe mir Jaromir sofort vorgenommen, ihm 1000 fl gegeben – –« Ich ließ den Brief sinken, und die Freudentränen traten mir in die Augen: nur Angelina konnte Charousek die Summe gegeben haben. Weder Zwakh, noch Prokop, noch Vrieslander besaßen so viel Geld. Sie hatte mich also doch nicht vergessen! – Ich las weiter:

»– 1000 fl gegeben und ihm weitere 2000 fl versprochen, wenn er mit mir sofort zur Polizei ginge und eingestünde, die Uhr seinem Bruder zu Hause entwendet und verkauft zu haben.

Das alles kann aber erst geschehen, wenn dieser Brief durch Wenzel bereits an Sie unterwegs ist. Die Zeit reicht nicht aus.

Aber seien Sie versichert: es wird geschehen. Heute noch. Ich bürge Ihnen dafür.

Ich zweifle keinen Augenblick, daß Loisa den Mord begangen hat und die Uhr die Zottmanns ist.

Sollte sie es wider Erwarten nicht sein, – nun, dann weiß Jaromir, was er zu tun hat: – Jedenfalls wird er sie als die bei Ihnen gefundene agnoszieren.

Also harren Sie aus und verzweifeln Sie nicht! Der Tag, wo Sie frei sein werden, steht vielleicht bald bevor.

Ob trotzdem ein Tag kommen wird, wo wir uns wiedersehen?

Ich weiß es nicht.

Fast möchte ich sagen: ich glaube es nicht, denn mit mir geht's rasch zu Ende, und ich muß auf der Hut sein, daß mich die letzte Stunde nicht überrascht.

Aber eins halten Sie fest: wir werden uns wiedersehen.

Wenn auch nicht in diesem Leben und nicht wie die Toten in jenem Leben, aber an dem Tag, wo die Zeit zerbricht, – wo, wie es in der Bibel steht, der HERR die ausspeien wird aus seinem Munde, die lau waren und weder kalt noch warm. – – –

Wundern Sie sich nicht, daß ich so rede! Ich habe nie mit Ihnen über diese Dinge gesprochen und, als Sie einmal das Wort ›Kabbala‹ berührten, bin ich Ihnen ausgewichen, aber – ich weiß, was ich weiß.

Vielleicht verstehen Sie, was ich meine, und wenn nicht, so streichen Sie, ich bitte Sie darum, das, was ich gesagt habe, aus Ihrem Gedächtnis. – – Einmal, in meinen Delirien, glaubte ich – ein Zeichen auf Ihrer Brust zu sehen. – Mag sein, daß ich wach geträumt habe.

Nehmen Sie an, wenn Sie mich wirklich nicht verstehen sollten, daß ich gewisse Erkenntnisse gehabt habe – innerlich! – fast schon von Kindheit an, die mich einen seltsamen Weg geführt haben; – Erkenntnisse, die sich nicht decken mit dem, was die Medizin lehrt oder Gott sei Dank noch nicht weiß; hoffentlich auch nie erfahren wird.

Aber ich habe mich nicht dumm machen lassen von der Wissenschaft, deren höchstes Ziel es ist, einen – ›Wartesaal‹ auszustaffieren, den man am besten niederrisse.

Doch genug davon.

Ich will Ihnen erzählen, was sich inzwischen zugetragen hat:

Ende April war Wassertrum so weit, daß meine Suggestion anfing zu wirken.

Ich sah es daran, daß er auf der Gasse beständig gestikulierte und laut mit sich selbst sprach.

So etwas ist ein sicheres Zeichen, daß die Gedanken eines Menschen sich zum Sturm rotten, um über ihren Herrn herzufallen.

Dann kaufte er sich ein Taschenbuch und machte sich Notizen.

Er schrieb!

Er schrieb! Daß ich nicht lache! Er schrieb.

Und dann ging er zu einem Notar. Unten vor dem Hause wußte ich, was er oben machte: – er machte sein Testament.

Daß er mich zum Erben einsetzte, habe ich mir allerdings nicht gedacht. Ich hätte wahrscheinlich den Veitstanz bekommen vor Vergnügen, wenn's mir eingefallen wäre.

Er setzte mich zum Erben ein, weil ich der einzige auf der Erde bin, an dem er noch etwas gutmachen könnte, wie er glaubte. Das Gewissen hat ihn überlistet.

Vielleicht war's auch die Hoffnung, ich würde ihn segnen, wenn ich mich nach seinem Tode durch seine Huld plötzlich als Millionär sähe, und dadurch den Fluch wettmachen, den er in Ihrem Zimmer aus meinem Mund hat mit anhören müssen.

Dreifach hat demnach meine Suggestion gewirkt.

Rasend witzig, daß er heimlich also doch an eine Wiedervergeltung im Jenseits geglaubt hat, während er sich's das ganze Leben lang mühselig ausreden wollte.

Aber so ist's bei allen den Ganzgescheiten; man sieht es schon an der wahnwitzigen Wut, in die sie geraten, wenn man's ihnen ins Gesicht sagt. Sie fühlen sich ertappt.

Von dem Moment an, wo Wassertrum vom Notar kam, ließ ich ihn nicht mehr aus dem Auge.

Des Nachts horchte ich an den Verschlagbrettern seines Ladens, denn jede Minute konnte die Entscheidung fallen. –

Ich glaube, durch Mauern hindurch würde ich das ersehnte schnalzende Geräusch gehört haben, wenn er den Stöpsel aus der Giftflasche gezogen hätte.

Es fehlte vielleicht nur eine Stunde, und mein Lebenswerk war vollbracht.

Da griff ein Unberufener ein und ermordete ihn. Mit einer Feile.

Lassen Sie sich das Nähere von Wenzel erzählen, mir wird es zu bitter, alles das niederschreiben zu müssen.

Nennen Sie es Aberglaube, – aber, wie ich sah, daß Blut vergossen worden war – die Dinge im Laden waren befleckt davon, – kam es mir vor, als sei mir seine Seele entwischt.

Etwas in mir, – ein feiner, untrüglicher Instinkt – sagt mir, daß es nicht dasselbe ist, ob ein Mensch von fremder Hand stirbt oder von eigener: – daß Wassertrum sein Blut mit sich in die Erde hätte nehmen müssen, dann erst wäre meine Mission erfüllt gewesen. – Jetzt, wo es anders gekommen ist, fühle ich mich als Ausgestoßener, als ein Werkzeug, das nicht würdig befunden wurde in der Hand des Todesengels.

Aber ich will mich nicht auflehnen. Mein Haß ist von der Art, die übers Grab hinaus geht, und noch habe ich ja mein eigenes Blut, das ich vergießen kann, wie ich will, damit es dem seinigen nachgehe im Reich der Schatten auf Schritt und Tritt. – – –

Jeden Tag, seit sie Wassertrum verscharrt haben, sitze ich draußen bei ihm auf dem Friedhof und horche in meine Brust hinein, was ich tun soll.

Ich glaube, ich weiß es bereits, aber ich will noch warten, bis das innere Wort, das zu mir spricht, klar wird wie eine Quelle. – Wir Menschen sind unrein, und oft bedarf es langen Fastens und Wachens, bis wir das Flüstern unserer Seele verstehen. – – –

In der verflossenen Woche wurde mir offiziell vom Gericht mitgeteilt, daß mich Wassertrum zum Universalerben eingesetzt hat.

Daß ich für mich keinen Kreuzer davon anrühre, brauche ich Ihnen wohl nicht zu versichern, Herr Pernath. – Ich werde mich hüten, ›ihm‹ – für ›drüben‹ eine Handhabe zu geben.

Die Häuser, die er besessen hat, lasse ich versteigern, die Gegenstände, die er berührt hat, werden verbrannt, und was an Geld und Geldeswert sich dann ergibt, fällt nach meinem Tode zu einem Drittel Ihnen zu. –

Ich sehe im Geiste, wie Sie aufspringen und protestieren, aber ich kann Sie beruhigen. Was Sie bekommen, ist Ihr rechtmäßiges Eigentum mit Zinsen und Zinseszinsen. Schon lange wußte ich, daß Wassertrum vor Jahren Ihren Vater und seine Familie um alles gebracht hat, – erst jetzt bin ich in der Lage, es aktenmäßig nachweisen zu können.

Ein zweites Drittel wird unter die zwölf Mitglieder des »Bataillons« verteilt, die den Dr. Hulbert noch persönlich gekannt haben. Ich will, daß jeder von ihnen reich wird und Zutritt bekommt zur Prager – »guten Gesellschaft«.

Das letzte Drittel gehört zu gleichen Teilen den nächsten sieben Raubmördern des Landes, die mangels zureichender Beweise freigesprochen werden müssen.

Ich bin das dem öffentlichen Ärgernis schuldig.

So. Das wäre wohl alles.

Und jetzt, mein lieber, lieber Freund, leben Sie wohl und gedenken Sie zuweilen

Ihres

aufrichtigen und dankbaren

Innocenz Charousek.«

Tief erschüttert legte ich den Brief aus der Hand. Ich konnte mich nicht freuen über die Nachricht von meiner bevorstehenden Enthaftung.

Charousek! Armer Mensch! Wie ein Bruder kümmerte er sich um mein Schicksal. Bloß, weil ich ihm einst 100 fl geschenkt hatte. Wenn ich ihm nur einmal noch die Hand drücken könnte!

Ich fühlte: ja, er hatte recht; der Tag würde nie kommen.

Ich sah ihn vor mir: seine flackernden Augen, die schwindsüchtigen Schultern, die hohe, noble Stirn.

Vielleicht, daß alles ganz anders gekommen wäre, wenn eine hilfreiche Hand rechtzeitig in dies verdorrte Leben eingegriffen hätte.

Noch einmal las ich den Brief durch.

Wieviel Methode in Charouseks Irrsinn lag! Ob er überhaupt irrsinnig war?

Ich schämte mich beinahe, diesen Gedanken auch nur einen Augenblick geduldet zu haben.

Sagten seine Anspielungen nicht genug? Er war ein Mensch wie Hillel, wie Mirjam, wie ich selbst; ein Mensch, über den die eigene Seele Gewalt gewonnen hatte, – den sie durch die wilden Schluchten und Klüfte des Lebens emporführte in die Firnenwelt eines unbetreten Landes.

Er, der doch ein ganzes Leben auf Mord gesonnen, stand er nicht reiner da, als irgendeiner von denen, die naserümpfend umhergehen und angelernte Gebote eines unbekannten, mythischen Propheten zu befolgen vorgeben?

Er hielt das Gebot, das ihm ein übermächtiger Trieb diktierte, ohne an eine »Belohnung« hier oder jenseits auch nur zu denken.

Was er getan hatte, war es etwas anderes als frömmste Pflichterfüllung in des Wortes verborgenster Bedeutung?

»Feig, hinterlistig, mordgierig, krank, eine problematische – eine Verbrechernatur« – ich hörte förmlich, wie das Urteil der Menge über ihn lauten mußte, wenn sie mit ihren blinden Stallaternen in seine Seele hineinzuleuchten käme, – dieser geifernden Menge, die nie und nimmer begreifen wird, daß die giftige Herbstzeitlose tausendfach schöner und edler ist als der nützliche Schnittlauch. – – –

Wieder ging das Türschloß draußen, und ich hörte, daß man einen Menschen hereinschob.

Ich drehte mich nicht einmal um, so sehr war ich erfüllt von dem Eindruck des Briefes.

Kein Wort über Angelina, nichts von Hillel stand darin.

Freilich: Charousek mußte in größter Eile geschrieben haben, die Schrift verriet es mir.

Ob mir wohl noch ein Brief von ihm heimlich überbracht werden würde?

Ich hoffte heimlich auf den morgigen Tag, auf den gemeinsamen Rundgang der Gefangenen im Hof. – Da war es noch am leichtesten, daß mir irgendeiner vom »Bataillon« etwas zusteckte.

Eine leise Stimme schreckte mich aus meinen Grübeleien:

»Würden Sie gestatten, mein Herr, daß ich mich Ihnen vorstelle? Mein Name ist Laponder. Amadeus Laponder«.

Ich drehte mich um.

Ein kleiner, schmächtiger, noch ziemlich junger Mann in gewählter Kleidung, nur ohne Hut, wie alle Untersuchungsgefangenen, verbeugte sich korrekt vor mir.

Er war glattrasiert wie ein Schauspieler, und seine großen, hellgrün glänzenden, mandelförmigen Augen hatten das Eigentümliche an sich, daß, so geradeaus sie auch auf mich gerichtet waren, sie mich doch nicht zu sehen schienen. – Es lag so etwas wie – Geistesabwesenheit darin.

Ich murmelte meinen Namen und verbeugte mich ebenfalls und wollte mich wieder umdrehen, konnte aber lange den Blick von dem Menschen nicht wenden, so fremdartig wirkte er auf mich mit dem pagodenhaften Lächeln, das die aufwärts gezogenen Mundwinkel der feingeschwungenen Lippen beständig seinem Gesicht aufdrückten.

Er sah fast aus wie eine chinesische Buddhastatue aus Rosenquarz, mit seiner faltenlosen, durchsichtigen Haut, der mädchenhaft schmalen Nase und den zarten Nüstern.

»Amadeus Laponder, Amadeus Laponder«, wiederholte ich vor mich hin.

»Was er wohl begangen haben mag?«

Mond

»Waren Sie schon beim Verhör«, fragte ich nach einer Weile.

»Ich komme soeben von dort. – Hoffentlich werde ich Sie hier nicht lange inkommodieren müssen«, antwortete Herr Laponder liebenswürdig.

»Armer Teufel,« dachte ich mir, »er ahnt nicht, was einem Untersuchungsgefangenen bevorsteht.«

Ich wollte ihn langsam vorbereiten:

»Man gewöhnt sich allmählich an das Stillsitzen, wenn einmal die ersten, schlimmsten Tage vorüber sind.« – – –

Er machte ein verbindliches Gesicht.

Pause.

»Hat das Verhör lange gedauert, Herr Laponder?«

Er lächelte zerstreut:

»Nein. Ich wurde bloß gefragt, ob ich geständig sei, und mußte das Protokoll unterschreiben.«

»Sie haben unterschrieben, daß Sie geständig sind?« fuhr es mir heraus.

»Allerdings.«

Er sagte es, als ob es sich von selbst verstünde.

Es kann nichts Schlimmes sein, legte ich mir zurecht, weil er so gar keine Aufregung zeigt. Wahrscheinlich eine Herausforderung zum Duell oder etwas Ähnliches.

»Ich bin leider schon so lange hier, daß es mir wie ein Menschenleben vorkommt«; – ich seufzte unwillkürlich, und er machte sofort eine teilnehmende Miene. »Ich wünsche Ihnen, daß Sie das nicht mitzumachen brauchen, Herr Laponder. Nach allem, was ich sehe, werden Sie bald auf freiem Fuß sein.«

»Wie man's nimmt«, antwortete er ruhig, aber es klang wie ein versteckter Doppelsinn.

»Sie glauben nicht?«, fragte ich lächelnd. Er schüttelte den Kopf.

»Wie soll ich das verstehen? – Was haben Sie denn gar so Schreckliches begangen? Verzeihen Sie, Herr Laponder, es ist nicht Neugierde von mir, – lediglich Teilnahme, daß ich frage.«

Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er, ohne mit der Wimper zu zucken:

»Lustmord.«

Mir war, als hätte er mich mit einem Stock über den Kopf geschlagen.

Vor Abscheu und Grausen konnte ich keinen Ton herausbringen.

Er schien es zu bemerken und blickte diskret zur Seite, aber nicht das leiseste Minenspiel in seinem automatenhaft lächelnden Gesicht verriet, daß er über mein plötzlich verändertes Benehmen verletzt gewesen wäre.

Wir wechselten kein Wort weiter und blickten stumm aneinander vorbei. – – –

Als ich mich nach Einbruch der Dunkelheit niederlegte, folgte er sogleich meinem Beispiel, entkleidete sich, hängte sorgsam seine Kleider an den Wandnagel, streckte sich aus und schien, nach seinen ruhigen, tiefen Atemzügen zu schließen, unmittelbar darauf fest eingeschlafen zu sein.

Die ganze Nacht konnte ich nicht zur Ruhe kommen.

Das beständige Gefühl, ein solches Scheusal in meiner nächsten Nähe zu haben und dieselbe Luft mit ihm atmen zu müssen, war mir so gräßlich und aufregend, daß die Eindrücke des Tages, Charouseks Brief und all das erlebte Neue tief in den Hintergrund traten.

Ich hatte mich so gelegt, daß ich den Mörder beständig im Auge behielt, denn ich würde es nicht haben ertragen können, ihn hinter mir zu wissen.

Die Zelle war vom Schimmer des Mondes matt durchdämmert, und ich konnte sehen, daß Laponder regungslos, fast starr, dalag.

Seine Züge hatten etwas Leichenhaftes bekommen, und der halbgeöffnete Mund erhöhte diesen Eindruck.

Viele Stunden hindurch änderte er nicht ein einziges Mal seine Lage.

Erst spät nach Mitternacht, als ein dünner Mondstrahl auf sein Gesicht fiel, kam eine leise Unruhe über ihn und er bewegte unaufhörlich die Lippen, wie jemand, der im Schlaf spricht. Es schien immer dasselbe Wort zu sein, – ein zweisilbiger Satz vielleicht, – so wie:

»Laß mich. Laß mich, Laß mich.«

Die nächsten paar Tage vergingen, ohne daß ich Notiz von ihm genommen hätte, und auch er brach niemals das Schweigen.

Sein Benehmen blieb nach wie vor gleich liebenswürdig. Sooft ich auf und ab gehen wollte, sah er es mir sofort an und zog höflich, wenn er auf der Pritsche saß, die Füße zurück, um mir nicht im Wege zu sein.

Ich fing an, mir Vorwürfe wegen meiner Schroffheit zu machen, konnte aber den Abscheu vor ihm beim besten Willen nicht loswerden.

So sehr ich gehofft hatte, mich an seine Nähe gewöhnen zu können, – es ging nicht.

Selbst in den Nächten hielt es mich wach. Kaum eine Viertelstunde verbrachte ich im Schlaf.

Abend für Abend wiederholte sich haargenau derselbe Vorgang: Er wartete respektvoll, bis ich mich ausstreckte, zog dann seine Kleider aus, legte sie pedantisch in Falten, hängte sie auf, und so weiter und so weiter.

Eines Nachts – es mochte um die zweite Stunde sein – stand ich schlaftrunken vor Müdigkeit wieder auf dem Wandbrett, starrte in den Vollmond, dessen Strahlen sich wie glitzerndes Öl auf dem kupfernen Gesicht der Turmuhr spiegelten, und dachte voll Trauer an Mirjam.

Da hörte ich plötzlich leise ihre Stimme hinter mir.

Sofort war ich wach, überwach, – fuhr herum und horchte.

Eine Minute verging.

Schon glaubte ich, ich hätte mich getäuscht, da kam es wieder. Ich konnte die Worte nicht genau verstehen, aber es klang wie:

»Frag' mich. Frag' mich.«

Es war bestimmt Mirjams Stimme.

Schlotternd vor Aufregung stieg ich, so leise ich konnte, herab und trat an das Bett Laponders.

Das Mondlicht schien voll auf sein Gesicht, und ich konnte deutlich unterscheiden, daß er die Lider offen hatte, doch nur das Weiße der Augäpfel war sichtbar.

An der Starre der Wangenmuskeln sah ich, daß er im Tiefschlaf lag.

Nur die Lippen bewegten sich wieder wie neulich. Und allmählich verstand ich die Worte, die hinter seinen Zähnen hervordrangen:

»Frag' mich. Frag' mich.«

Die Stimme war der von Mirjam täuschend ähnlich.

»Mirjam? Mirjam?« rief ich unwillkürlich, dämpfte aber sofort den Ton, um den Schläfer nicht zu erwecken.

Ich wartete, bis sein Gesicht wieder starr geworden war, dann wiederholte ich leise:

»Mirjam? Mirjam?«

Sein Mund formte ein kaum vernehmbares, aber doch deutliches:

»Ja.«

Ich legte mein Ohr dicht an seine Lippen. Nach einer Weile hörte ich Mirjams Stimme flüstern – so unverkennbar ihre Stimme, daß mir Kälteschauer über die Haut liefen.

Ich trank die Worte so gierig, daß ich nur den Sinn begriff. Sie sprach von Liebe zu mir und von dem unsagbaren Glück, daß wir uns endlich gefunden hätten – und uns nie wieder trennen würden – hastig – ohne Pause, wie jemand, der fürchtet, unterbrochen zu werden und jede Sekunde ausnützen will.

Dann wurde die Stimme stockend – erlosch zeitweilig ganz.

»Mirjam?« fragte ich, bebend vor Angst und mit eingezogenem Atem, »Mirjam, bist du gestorben?«

Lange keine Antwort.

Dann fast unverständlich:

»Nein. – Ich lebe. – Ich schlafe.«

Nichts mehr.

Ich lauschte und lauschte.

Vergebens.

Nichts mehr.

Vor Ergriffenheit und Zittern mußte ich mich auf die Kante der Pritsche stützen, um nicht vornüber auf Laponder zu fallen.

Die Täuschung war so vollständig gewesen, daß ich Mirjam momentelang tatsächlich vor mir liegen zu sehen glaubte und alle meine Kraft zusammennehmen mußte, um nicht einen Kuß auf die Lippen des Mörders zu drücken.

»Henoch! Henoch!« – hörte ich ihn plötzlich lallen, dann immer klarer und artikulierter: »Henoch! Henoch!«

Sofort erkannte ich Hillel.

»Bist du es, Hillel?«

Keine Antwort.

Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, daß man Schlafenden, um sie zum Reden zu bringen, die Fragen nicht ins Ohr stellen dürfe, sondern gegen das Nervengeflecht in der Magengrube richten müsse.

Ich tat es:

»Hillel?«

»Ja, ich höre dich!«

»Ist Mirjam gesund? Weißt du alles?« fragte ich schnell.

»Ja. Ich weiß alles. Wußte es längst. – Sei ohne Sorge, Henoch, und fürchte dich nicht!«

»Kannst du mir verzeihen, Hillel?«

»Ich sage dir doch: sei ohne Sorge.«

»Werden wir uns bald wiedersehen?« – Ich fürchtete, die Antwort nicht mehr verstehen zu können; schon der letzte Satz war nur noch gehaucht worden.

»Ich hoffe es. Ich will warten – auf dich – wenn ich kann – dann muß ich – Land –«

»Wohin? In welches Land?« – ich fiel beinahe auf Laponder – »In welches Land? In welches Land?«

»– Land – Gad – südlich – Palästina –«

Die Stimme erstarb.

Hundert Fragen schössen mir in der Verwirrung durch den Kopf: Warum nennt er mich Henoch? Zwakh, Jaromir, die Uhr, Vrieslander, Angelina, Charousek.

»Leben Sie wohl und gedenken Sie meiner zuweilen«, kam es plötzlich wieder laut und deutlich von den Lippen des Mörders. Diesmal in Charouseks Tonfall, aber ähnlich so, als hätte ich selbst es gesagt.

Ich erinnerte mich: es war wörtlich der Schlußsatz aus Charouseks Brief. –

Das Gesicht Laponders lag bereits im Dunkel. Das Mondlicht fiel auf die Kopfenden des Strohsacks. In einer Viertelstunde mußte es aus der Zelle verschwunden sein.

Ich stellte Frage auf Frage, bekam aber keine Antwort mehr:

Der Mörder lag unbeweglich da wie eine Leiche und hatte die Lider geschlossen.

Ich machte mir die heftigsten Vorwürfe, alle die Tage über in Laponder nur den Verbrecher und niemals den Menschen gesehen zu haben. –

Nach dem, was ich soeben erlebt, war er offenbar ein Somnambuler – ein Geschöpf, das unter dem Einfluß des Vollmonds stand.

Vielleicht hatte er den Lustmord in einer Art Dämmerzustand begangen. Bestimmt sogar. –

Jetzt, wo der Morgen graute, war die Starrheit aus seinen Zügen gewichen und hatte dem Ausdruck seligen Friedens Platz gemacht.

So ruhig kann ein Mensch doch nicht schlummern, der einen Mord auf dem Gewissen hat, sagte ich mir.

Ich konnte den Moment, wo er aufwachen würde, kaum erwarten.

Ob er wohl wüßte, was geschehen war?

Endlich schlug er die Augen auf, begegnete meinem Blick und sah zur Seite.

Sofort trat ich zu ihm und ergriff seine Hand: »Verzeihen Sie mir, Herr Laponder, daß ich bisher so unfreundlich zu Ihnen gewesen bin. Es war das Ungewohnte, das –«

»Seien Sie überzeugt, mein Herr, ich begreife vollkommen,« unterbrach er mich lebhaft, »daß es ein scheußliches Gefühl sein muß, mit einem Lustmörder beisammen zu sein.«

»Reden Sie nicht mehr davon«, bat ich. »Es ist mir heute nacht so mancherlei durch den Kopf gegangen, und ich werde den Gedanken nicht los, Sie könnten vielleicht – – –« ich suchte nach Worten.

»Sie halten mich für krank«, half er mir heraus.

Ich bejahte: »Ich glaube es aus gewissen Anzeichen schließen zu dürfen. Ich – ich – darf ich Ihnen eine direkte Frage stellen, Herr Laponder?«

»Ich bitte darum.«

»Es klingt etwas merkwürdig, – aber – würden Sie mir sagen, was Sie heute geträumt haben?«

Er schüttelte lächelnd den Kopf: »Ich träume nie.«

»Aber Sie haben aus dem Schlaf gesprochen.«

Er blickte überrascht auf. Dachte eine Weile nach. Dann sagte er bestimmt:

»Das kann nur geschehen sein, wenn Sie mich etwas gefragt haben.« – Ich gab es zu. »Denn wie gesagt, ich träume nie. Ich – ich wandere«, setzte er nach einer Pause halblaut hinzu.

»Sie wandern? Wie soll ich das verstehen?«

Er schien nicht recht mit der Sprache heraus zu wollen, und ich hielt es für angezeigt, ihm die Gründe zu nennen, die mich bewogen hatten, in ihn zu dringen, und erzählte ihm in Umrissen, was nachts geschehen war.

»Sie können sich fest darauf verlassen,« sagte er ernst, als ich zu Ende war, »daß alles auf Richtigkeit beruht, was ich im Schlaf gesprochen habe. Wenn ich vorhin bemerkte, daß ich nicht träume, sondern ›wandere‹, so meine ich damit, daß mein Traumleben anders beschaffen ist als das – sagen wir: normaler Menschen. Nennen Sie es, wenn Sie wollen, ein Austreten aus dem Körper. – – So war ich z. B. heute nacht in einem höchst sonderbaren Zimmer, zu dem der Eingang von unten herauf durch eine Falltür führte.«

»Wie sah es aus?« fragte ich rasch. »War es unbewohnt? Leer?«

»Nein; es standen Möbel darin; aber nicht viele. Und ein Bett, in dem ein junges Mädchen schlief – oder wie scheintot lag, – und ein Mann saß neben ihr und hielt seine Hand über ihre Stirn.« – Laponder schilderte die Gesichter der beiden. Kein Zweifel, es waren Hillel und Mirjam.

Ich wagte vor Spannung kaum zu atmen.

»Bitte, erzählen Sie weiter. War sonst noch jemand im Zimmer?«

»Sonst noch jemand? Warten Sie – – – nein: sonst war niemand mehr im Zimmer. Ein siebenflammiger Leuchter brannte auf dem Tisch. – Dann ging ich eine Wendeltreppe hinunter.«

»Sie war zerbrochen?« fiel ich ein.

»Zerbrochen? Nein, nein; sie war ganz in Ordnung. Und von ihr zweigte seitlich eine Kammer ab, darin saß ein Mann mit silbernen Schnallen an den Schuhen und von fremdartigem Typus, wie ich noch nie einen Menschen gesehen habe: von gelber Gesichtsfarbe und mit schrägstehenden Augen; – er war vornüber gebeugt und schien auf etwas zu warten. Auf einen Auftrag vielleicht.«

»Ein Buch – ein altes großes Buch haben Sie nirgends gesehen?«, forschte ich.

Er rieb sich die Stirn:

»Ein Buch sagen Sie? – Ja. Sehr richtig: ein Buch lag auf dem Boden. Es war aufgeschlagen, ganz aus Pergament, und mit einem großen, goldenen ›A‹ fing die Seite an.«

»Mit einem ›I‹, meinen Sie wohl?«

»Nein, mit einem ›A‹.«

»Wissen Sie das bestimmt? War es nicht ein ›I‹?«

»Nein, es war bestimmt ein ›A‹.«

Ich schüttelte den Kopf und fing an zu zweifeln. Offenbar hatte Laponder im Halbschlaf in meinem Vorstellungsinhalt gelesen und alles wirr durcheinander gebracht: Hillel, Mirjam, den Golem, das Buch Ibbur und den unterirdischen Gang.

»Haben Sie die Gabe zu ›wandern‹, wie Sie es nennen, schon lang?«, fragte ich.

»Seit meinem 21. Jahr – – –«, er stockte, schien nicht gern davon zu reden; da nahm seine Miene plötzlich den Ausdruck grenzenlosen Erstaunens an, und er starrte auf meine Brust, als ob er dort etwas sähe.

Ohne auf meine Verwunderung zu achten, ergriff er hastig meine Hand und bat – fast flehentlich:

»Um Himmels willen, sagen Sie mir alles. Es ist heute der letzte Tag, den ich bei Ihnen verbringen darf. Vielleicht schon in einer Stunde werde ich abgeholt, um mein Todesurteil anzuhören – –.«

Ich unterbräche ihn entsetzt:

»Dann müssen Sie mich mitnehmen als Zeugen! Ich werde beschwören, daß Sie krank sind. – Sie sind mondsüchtig. Es darf nicht sein, daß man Sie hinrichtet, ohne Ihren Geisteszustand untersucht zu haben. So nehmen Sie doch Vernunft an!«

Er wehrte nervös ab: »Das ist doch so nebensächlich, – bitte, sagen Sie mir alles!«

»Aber was soll ich Ihnen denn sagen? – Reden wir doch lieber von Ihnen und – –«

»Sie müssen, ich weiß das jetzt, gewisse, seltsame Dinge erlebt haben, die mich nah angehen, – näher als Sie ahnen können; – – ich bitte Sie, sagen Sie mir alles!«, flehte er.

Ich konnte es nicht fassen, daß ihn mein Leben mehr interessierte als seine eigenen, doch wahrhaftig genügend dringenden Angelegenheiten; um ihn aber zu beruhigen, erzählte ich ihm alles, was mir an Unbegreiflichem geschehen war.

Bei jedem größeren Abschnitt nickte er zufrieden, wie jemand, der eine Sache bis zum Grund durchschaut.

Als ich zu der Stelle kam, wo die Erscheinung ohne Kopf vor mir gestanden und mir die schwarzroten Körner hingehalten hatte, konnte er es kaum erwarten, den Schluß zu erfahren.

»Also, aus der Hand geschlagen haben Sie sie ihm«, murmelte er sinnend. »Ich hätte nie gedacht, daß es einen dritten ›Weg‹ geben könnte.

»Es war das kein dritter Weg«, sagte ich, »es war derselbe, wie wenn ich die Körner abgelehnt hätte.«

Er lächelte.

»Glauben Sie nicht, Herr Laponder?«

»Wenn Sie sie abgelehnt hätten, wären Sie wohl auch den ›Weg des Lebens‹ gegangen, aber die Körner, die magische Kräfte bedeuten, wären nicht zurückgeblieben. – So sind sie auf den Boden gerollt, wie Sie sagen. Das heißt: sie sind hiergeblieben und werden von Ihren Vorfahren so lange gehütet, bis die Zeit des Keimens da ist. Dann werden die Kräfte, die in Ihnen jetzt noch schlummern, lebendig werden.«

Ich verstand nicht: »Von meinen Vorfahren werden die Körner behütet?«

»Sie müssen es teilweise symbolisch auffassen, was Sie erlebt haben«, erklärte Laponder. »Der Kreis der bläulich strahlenden Menschen, der Sie umstand, war die Kette der ererbten ›Iche‹, die jeder von einer Mutter Geborene mit sich herumschleppt. Die Seele ist nichts ›Einzelnes‹, – sie soll es erst werden, und das nennt man dann: ›Unsterblichkeit‹; Ihre Seele ist noch zusammengesetzt aus vielen ›Ichen‹ – so, wie ein Ameisenstaat aus vielen Ameisen; Sie tragen die seelischen Reste vieler tausend Vorfahren in sich: – die Häupter Ihres Geschlechtes. Bei allen Wesen ist es so. Wie könnte denn ein Huhn, das aus einem Ei künstlich erbrütet wurde, sich sogleich die richtige Nahrung suchen, wenn nicht die Erfahrung von Jahrmillionen in ihm stäke? – Das Vorhandensein des ›Instinkts‹ verrät die Gegenwart der Vorfahren im Leib und in der Seele. – Aber, verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht unterbrechen.«

Ich erzählte zu Ende. Alles. Auch das, was Mirjam über den »Hermaphroditen« gesagt hatte.

Als ich innehielt und aufblickte, bemerkte ich, daß Laponder weiß geworden war wie der Kalk an der Wand und Tränen über seine Wangen liefen.

Rasch stand ich auf, tat, als sähe ich es nicht, und ging in der Zelle auf und nieder, um abzuwarten, bis er sich beruhigt haben würde.

Dann setzte ich mich ihm gegenüber und bot meine ganze Beredsamkeit auf, ihn zu überzeugen, wie dringend nötig es wäre, den Richtern gegenüber auf seinen krankhaften Geisteszustand hinzuweisen.

»Wenn Sie wenigstens den Mord nicht eingestanden hätten!«, schloß ich.

»Aber ich mußte doch! Man hat mich auf mein Gewissen gefragt«, sagte er naiv.

»Halten Sie denn eine Lüge für schlimmer als – als einen Lustmord?«, fragte ich verblüfft.

»Im allgemeinen vielleicht nicht, in meinem Fall gewiß. – Sehen Sie: als ich vom Untersuchungsrichter gefragt wurde, ob ich gestünde, hatte ich die Kraft, die Wahrheit zu sagen. Es stand also in meiner Wahl, zu lügen oder nicht zu lügen. – Als ich den Lustmord beging – – bitte, ersparen Sie mir die Details: es war so gräßlich, daß ich die Erinnerung nicht wieder aufleben lassen möchte – – als ich den Lustmord beging, da hatte ich keine Wahl. Wenn ich auch bei vollkommen klarem Bewußtsein handelte, so hatte ich dennoch keine Wahl: irgend etwas, dessen Vorhandensein in mir ich nie geahnt hatte, wachte auf und war stärker als ich. Glauben Sie, wenn ich die Wahl gehabt haben würde, ich hätte gemordet? – Nie habe ich getötet – nicht einmal das kleinste Tier, – und jetzt wäre ich es schon gar nicht mehr imstande.

Nehmen Sie an, es wäre Menschengesetz: zu morden, und auf die Unterlassung stünde der Tod – ähnlich, wie es im Krieg der Fall ist, – augenblicklich hätte ich mir den Tod verdient. – Weil mir keine Wahl bliebe. Ich könnte ganz einfach nicht morden. Damals, als ich den Lustmord beging, lag die Sache umgekehrt.«

»Um so mehr, wo Sie sich jetzt quasi als ein anderer fühlen, müssen Sie alles aufbieten, dem Richterspruch zu entgehen!«, wandte ich ein.

Laponder machte eine abwehrende Handbewegung: »Sie irren! Die Richter haben von ihrem Standpunkt aus ganz recht. Sollen sie einen Menschen wie mich vielleicht frei umherlaufen lassen? Damit morgen oder übermorgen wieder das Unheil losbricht?«

»Nein; aber in einer Heilanstalt für Geisteskranke sollte man Sie internieren. Das ist es doch, was ich sage!«

»Wenn ich irrsinnig wäre, hätten Sie recht«, erwiderte Laponder gleichmütig. »Aber ich bin nicht irrsinnig. Ich bin etwas ganz anderes, – etwas, was dem Irrsinn sehr ähnlich sieht, aber gerade das Gegenteil ist. Bitte, hören Sie zu. Sie werden mich sogleich verstehen. – – – Was Sie mir vorhin von dem Phantom ohne Kopf – ein Symbol natürlich: dieses Phantom; den Schlüssel können Sie leicht finden, wenn Sie darüber nachdenken – erzählten, ist mir einst genauso passiert. Nur habe ich die Körner angenommen. Ich gehe also den ›Weg des Todes‹! – Für mich ist das Heiligste, das ich denken kann: meine Schritte vom Geistigen in mir lenken zu lassen. Blind, vertrauensvoll, wohin der Weg auch führen mag: ob zum Galgen oder zum Thron, ob zur Armut oder zum Reichtum. Niemals habe ich gezögert, wenn die Wahl in meine Hand gelegt war.

Darum habe ich auch nicht gelogen, als die Wahl in meiner Hand lag.

Kennen Sie die Worte des Propheten Micha:

»Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist,

und was der Herr von dir fordert,«?

Würde ich gelogen haben, hätte ich eine Ursache geschaffen, weil ich die Wahl hatte; – – als ich den Mord beging, schuf ich keine Ursache; nur die Wirkung einer in mir schlummernden, längst gelegten Ursache, über die ich keine Gewalt mehr besaß, wurde frei.

Also sind meine Hände rein.

Dadurch, daß das Geistige in mir mich zum Mörder werden ließ, hat es eine Hinrichtung an mir vollzogen; dadurch, daß mich die Menschen an den Galgen knüpfen, wird mein Schicksal losgelöst von dem ihrigen: – ich komme zur Freiheit.«

Er ist ein Heiliger, fühlte ich, und das Haar sträubte sich mir vor Schauder über meine eigene Kleinheit.

»Sie haben mir erzählt, daß Sie durch den hypnotischen Eingriff eines Arztes in Ihr Bewußtsein lange die Erinnerung an Ihre Jugendzeit vergessen hatten«, fuhr er fort. »Es ist das das Kennzeichen – das Stigma – aller derer, die von der ›Schlange des geistigen Reiches‹ gebissen sind. Es scheint fast, als müßten in uns zwei Leben aufeinandergepfropft werden, wie ein Edelreis auf den wilden Baum, ehe das Wunder der Erweckung geschehen kann; – was sonst durch den Tod getrennt wird, geschieht hier durch Erlöschen der Erinnerung – manchmal nur durch eine plötzliche innere Umkehr.

Bei mir war es so, daß ich scheinbar ohne äußere Ursache in meinem 21. Jahr eines Morgens wie verändert erwachte. Was mir bis dahin lieb gewesen, erschien mir mit einemmal gleichgültig: Das Leben kam mir dumm vor wie eine Indianergeschichte und verlor an Wirklichkeit; die Träume wurden zu Gewißheit – zu apodiktischer, beweiskräftiger Gewißheit, verstehen Sie wohl: zu beweiskräftiger, realer Gewißheit, und das Leben des Tages wurde zum Traum.

Alle Menschen könnten das, wenn sie den Schlüssel hätten. Und der Schlüssel liegt einzig und allein darin, daß man sich seiner ›Ichgestalt‹, sozusagen seiner Haut, im Schlaf bewußt wird, – die schmale Ritze


Date: 2015-12-18; view: 107


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