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Zur Semantik von Wortbildungskonstruktionen

Um die Bedeutung von WBK zu ermitteln, bedient man sich allgemein des Kompositionalitätsprinzips. Es besagt, dass sich die Bedeutung einer WBK aus der Be­deutung ihrer Bestandteile und der Bedeutung der Relation zwischen den Bestandtei­len ergibt. Ist dies der Fall, spricht man von morphosemantischer Motivation.

Allerdings tendieren WBK als Benennungseinheiten, diachron gesehen, zu einer ganzheitlichen Semantik, die sich nicht mehr an den Bedeutungen ihrer Bestandteile orientiert (Prozess der Demotivierung, Idiomatisierung). Zwischen den Polen mor­phosemantischer Motivation einerseits und völliger Idiomatisierung andererseits gibt es Übergänge, die in der geläufigen Abstufung vollmotiviert, teilmotiviert, idiomatisiert deutlich werden. Während bei teilmotivierten WBK die Gesamtbedeutung noch mit den Bedeutungen der Bestandteile assoziiert, aber nicht mehr aus ihnen ab­geleitet werden kann (vgl. Tischler = 'jemand, der Tische herstellt' gegenüber dem vollmotivierten Lehrer = 'jemand, der lehrt'), ist der Bedeutungszusammenhang der Bestandteile bei idiomatisierten Bildungen überhaupt nicht mehr transparent (vgl. Buchhalter, Eigenbrötler). Häufig sind die Bestandteile auch formal nicht mehr in­terpretierbar (vgl. Brombeere, verlieren).

Zur Umsetzung des Kompositionalitätsprinzips wird meist das Verfahren der Paraphrasierungangewendet, bei dem durch eine „semantisch mehr oder weniger äquivalente Wortverbindung" die Bedeutungsbe­ziehung innerhalb einer WBK erhellt werden kann:

Schichtarbeit - 'Arbeit in Schichten',

Schieferdach - 'Dach, das mit Schieferplatten gedeckt ist',

breitschultrig - 'breite Schultern habend'.

Allerdings muss dieses Verfahren kritisch betrachtet werden, da es ohne formalisiertes Instrumentarium zur Wie­dergabe semantischer Zusammenhänge relativ vage bleibt. Die Bedeutung einer Wortbildung ist ein weites und vages Deutungspotenzial, ein offener Deutungsrahmen. In diesem Rahmen ergibt sich der Sinn im jeweiligen kommunikativen Zusammenhang. Etablierte Wortbildungen haben auch etablierte Deutungen; selbst sie können aber wieder aufgebrochen werden, wenn die konkurrie­rende Deutung im Zusammenhang abgesichert ist. Der Rezipient hat nur die Bausteine und kein Zeichen für die Natur ihrer Verbindung. Er muss mit seinen Ressourcen die Verbindung erschließen:

Ø die Wortbildungsgeneralregel: X hat mit Y zu tun,

Ø die Kategorie und die Bedeutung der Bausteine,

Ø sein Kontextwissen,

Ø allgemeine Kommunikationsprinzipien,

Ø sein Weltwissen.

Ausgangspunkte der Deutung sind Wortart, Kategorie und Bedeu­tung der Bausteine. So wird ein NN-Kompositum wie Käsemesser gedeutet auf der Basis des Be­deutungswissens, dass Messer zum Schneiden da sind und Käse ein Nahrungsmittel ist, das man schneidet. Da liegt es nahe, dass die beiden Bausteine das miteinander zu tun haben, dass es sich um ein Messer zum Käseschneiden handelt. Stahl schneidet man gewöhn­lich nicht, aber da Messer meistens aus Metall sind, liegt bei Stahl­messer nahe, dass es sich um ein Messer aus Stahl handelt. Man könnte aber auch Messer haben, die Stahl schneiden; Eisensäge wird meistens so verstanden, und anders wieder Motorsäge. Insofern ist der Deutungsrahmen offen.



Normaler­weise finden wir Wortbildungen in Texten. Texte bestimmen die Deutung und bieten Hinweise. Im kommunikativen Zusammenhang dominiert das stereotype Weltwissen. So ist etwa Scheinwerfer etabliert als 'Lampe mit hellem Lichtstrahl'. Da­mit ist die prinzipielle Vagheit nicht beseitigt oder gar Eindeutigkeit sichergestellt: Auf den Sarg werfen Chinesen Geldscheine. Jeder Scheinwerfer... Im passenden Kontext könnte sogar jemand gemeint sein, der nur zu werfen scheint.


Date: 2015-12-17; view: 214


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