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VORTRAG, GEHALTEN IN EINEM ZYKLUS GEMEINVERSTÄNDLICHER EINZELVORTRÄGE, VERANSTALTET VON DER UNIVERSITÄT MÜNCHEN, SOMMER 1921

Konrad Ferdinand Meyer läßt im "Hutten" den alten Pfarrer von Ufenau sagen:

Erfahrt, daß unter uns, die wir bemüht

Um die Natur sind, ein Geheimnis glüht!

Mit hat's ein fahr'nder Schüler anvertraut.

Neigt euch zu mir! Man sagt's nicht gerne laut.

Ein Chorherr lebt in Thorn, der hat gewacht,

Bis er die Rätsel deutete der Nacht.

Herr Köpernick beweist mit bünd'gem Schluß,

Daß staunet unsre Erde wandern muß!

Dasselbe Staunen, das vor 400 Jahren die Menschheit bei der Kunde von der Umwälzung des Kopernikus erfaßte, ist heute lebendig, wo es sich um eine neue Umwälzung im Weltbilde handelt, vergleichbar der kopernikanischen, ja vielleicht mit ihren erkenntnistheoretischen Wurzeln noch tiefer reichend. Dasselbe geheimnisvolle Dunkel wie damals "man sagt's nicht gerne laut" umweht die neue Theorie von Raum, Zeit und Schwere. Wird es mir gelingen, das Dunkel in etwas zu lichten? Ich weiß nur zu gut, daß dies ohne die sichere Leitschnur des mathematischen Gedankens letzten Endes unmöglich ist. Für viele meiner Behauptungen werde ich den Beweis schuldig bleiben müssen, da er sich nur aus der vollen Kenntnis der physikalischen Tatsachen und zum guten Teil nur mit den Hilfsmitteln der mathematischen Rechnung erbringen ließe. Ich muß zufrieden sein, wenn ich Ihnen eine Vorstellung von den Problemen und von den Gedankengängen, die zu ihrer Lösung führen, geben kann. Etwas genauer möchte ich dann darauf eingehen, wie es mit der erfahrungsmäßigen Prüfung der neuen Lehre steht. Insbesondere werde ich von der Sonnenfinsternis des Jahres 1919 zu sprechen haben. Während in Fachkreisen das Interesse an der Relativitätstheorie seit 15 Jahren lebendig ist, datiert das allgemeine Aufsehen und die Popularität der Theorie erst von ihrer Bestätigung durch diese Sonnenfinsternis.

"Ihr meint, wie sitzen ruhig hier? Erlaubt,

Wir schweben, wie von Adlerkraft geraubt"

so fährt der Pfarrer von Ufenau zu reden fort. "Wir sitzen ruhig hier." Und doch drehen wir uns, so belehrt uns Kopernikus, um die Erdachse mit einer Geschwindigkeit von einigen hundert Metern in der Sekunde; gleichzeitig bewegt sich die Erde und wir mit ihr um die Sonne mit einer Geschwindigkeit von 30 km in der Sekunde, also hundertmal schneller, als der Schall die Luft durcheilt. Und die Sonne selbst bewegt sich gegen die Fixsterne und führt die Erde und uns selbst "wie mit Adlerkraft" fort. Von diesem ganzen zusammengesetzten Bewegungsvorgang spüren wir nichts, es sei denn, daß wir mit genauen Hilfsmitteln ausgerüstet sind, um an den Sternen Beobachtungen zu machen. Wir müssen daraus schließen: Bewegung an sich ist nicht beobachtbar, sie ist an sich nichts. Nur relative Bewegung können wir konstatieren. Und weiter: Der Raum ist an sich nichts, das Fortschreiten im Raum betrifft keine wirkliche Tatsache. Es gibt keinen absoluten Raum. Der Raum existiert nur durch die in ihm enthaltenen Körper und Energien. Ein Fortschreiten im Raum ist nur zu messen am Rauminhalt und läßt sich überhaupt nur denken relativ zu den raumerfüllenden Körpern und Energien.



Dies ist das Relativitätsprinzip der klassischen Mechanik. Es bildet seit 200 Jahren die Grundlage für das Studium der himmlischen und irdischen Bewegungen. Der genaue Ausdruck dieses ältesten Relativitätsprinzips lautet: Es ist unmöglich, festzustellen, ob sich ein System von Körpern als Ganzes in Ruhe oder in gleichförmig geradliniger Bewegung befindet, sofern wir nur innerhalb dieses Körpersystems Erfahrungen anstellen und keine Merkmale außerhalb desselben beobachten können. Wir können also nichts von der fortschreitenden Bewegung der Erde bemerken, wenn wir keinen Ausblick nach dem Fixsternhimmel haben. Mit der drehenden Bewegung der Erde ist es allerdings zunächst anders, sie fällt nicht unter das Relativitätsprinzip der klassischen Mechanik, da bei ihr die Richtung der Geschwindigkeit fortgesetzt wechselt. In der Tat können wir sie durch Pendelbeobachtungen auf der Erde messen oder an der Abplattung der Erde nachweisen. Wir werden hierauf zurückkommen, wenn wir das allgemeine, über die klassische Mechanik hinausgehende Relativitätsprinzip entwickelt haben werden.

Gehen wir von der Mechanik zur Optik über. Die Erscheinungen des Lichtes beruhen, wie wir heutzutage wissen, auf der Ausbreitung elektromagnetischer Felder. Die Optik und Elektrodynamik glaubte einen L i c h t ä t h e r nötig zu haben, einen feinen materialisierten Raum, in dem sich die Lichtwirkungen ausbreiten sollten. Hiernach wäre es denkbar, absolute Bewegung im Raum als Bewegung gegen den Lichtäther durch Lichtstrahlen nachzuweisen. Ein Lichtstrahl, der sich im Sinne der Erdbewegung, diese überholend, fortpflanzt, sollte sich relativ zur Erde langsamer fortpflanzen als ein Lichtstrahl, der senkrecht zur Erdbewegung fortschreitet. Das Relativitätsprinzip wäre damit durchbrochen und die absolute Bewegung der Erde im Raum nachweisbar. Der Versuch ist mit außerordentlicher Schärfe von M i c h e l s o n angestellt worden und lieferte kein Anzeichen der Erdbewegung. Es hätte keinen Zweck, wenn ich Ihnen den Michelsonschen Versuch näher schildern wollte. Die Überzeugung von seiner bindenden Kraft könnte ich Ihnen doch nicht beibringen, ohne mich in experimentelle Einzelheiten zu verlieren. Der Versuch ist so schwierig und verlangt so außerordentliche Hilfsmittel, daß er nur zweimal durchgeführt worden ist. Hier, wie in vielen anderen Punkten, muß ich auf Ihren guten Glauben an die Zuverlässigkeit der physikalischen und astronomischen Messungen rechnen können. Der Michelsonsche Versuch und andere weniger genaue Erfahrungen zeigen also, daß das Relativitätsprinzip zu Recht besteht, daß absolute Bewegung auch nicht optisch als Bewegung gegen den Lichtäther nachgewiesen werden kann. Daraus folgt weiter, wie Einstein hervorhob, daß der Lichtäther keine reale, beobachtbare Existenz besitzt. Er ist nicht physikalisch, sondern metaphysisch, ein verkappter absoluter Raum und als solcher irreführend.

Aber noch weiter: Die Lichtfortpflanzung findet statt in Raum und Zeit. Sie hat, von der im Sonnensystem fortschreitenden Erde aus gemessen, dieselbe Geschwindigkeit, wie sie von der Sonne aus gesehen werden würde, die doch an der Erdbewegung nicht teilnimmt. Wir nennen allgemein B e z u g s s y s t e m ein physikalisches Laboratorium, welches mit Maßstäben und Uhren zu Raum- und Zeitmessung ausgerüstet ist. Dieser Hörsaal ist ein Bezugssystem, da ich in ihm die jeweilige Lage eines bewegten Körpers durch seine Abstände von dreien seiner Begrenzungsebenen und durch die Angaben einer Uhr bestimmen kann. Drei solche Abstände nennt man die R a u m k o r d i n a t e n des betrachteten Punktes, die zugehörige Zeitangabe kann man seine Zeitkoordinate nennen. Wir haben es hier mit einem irdischen Bezugssystem zu tun. Wir können uns aber auch ein entsprechendes Bezugssystem auf der Sonne oder auf einem gegen die Erde bewegten Eisenbahnzuge denken. Die allgemeinen Tatsachen der Lichtfortpflanzung zeigen nun, daß sich das Licht in jedem Bezugssystem in gleicher Weise ausbreitet, nämlich in Kugelwellen mit der gleichen Lichtgeschwindigkeit, unabhängig von dem Bewegungszustande der Lichtquelle gegen den Beobachter. Das scheint widerspruchsvoll zu sein. Denn wenn wir eine Kugelwelle, die sich im irdischen Bezugssystem ausbreitet, von der Sonne aus betrachten, so würde auf der Vorderseite (das sei diejenige Seite, nach der die augenblickliche Geschwindigkeit des Erdkörpers gerichtet ist) zur Lichtgeschwindigkeit noch die Erdgeschwindigkeit hinzukommen; auf der Rückseite der Welle würde sich die Erdgeschwindigkeit von der Lichtgeschwindigkeit abziehen. Die Vorderseite der Welle würde also, von der Sonne aus gesehen, schneller fortschreiten als die Rückseite. Das widerspricht dem Relativitätsprinzip und den optischen Erfahrungen. Die Lichtwelle weiß nichts davon, ob sie zum Bezugssystem der Erde oder der Sonne gehört. Jedem Beobachter erscheint sie als Lichtwelle von der gleichen Fortpflanzungsgeschwindigkeit.

Der Widerspruch löst sich dadurch, daß wir auch die Zeit ihres absoluten Charakters entkleiden. Jedes Bezugssystem hat seine eigene Zeitskala. Es gibt keine absolute universale Zeit. Die Mechanik leugnete den absoluten Raum, ließ aber die absolute Zeit bestehen; sie konnte es tun, ohne in Schwierigkeiten zu geraten, weil sie nicht über so exorbitante Geschwindigkeiten wie die Lichtgeschwindigkeit verfügt. Die Optik und Elektrodynamik verlangen auch die Relativierung der Zeit. Auch die Zeit ist an sich nichts. Sie besteht nur vermöge der sich in ihr abspielenden Ereignisse. Diese Ereignisse, z. B. eine Lichtwelle, sind real und objektiv; die Beurteilung des zeitlichen Ablaufs aber hängt vom Standpunkt des Beobachters, vom Bezugssystem ab. Daraus folgt weiter: Es gibt keine absolute Gleichzeitigkeit. Zwei Ereignisse, die in meinem Bezugssystem gleichzeitig sind, sind vom Standpunkte eines relativ gegen mich bewegten Bezugssystems aus nicht gleichzeitig. Wenn ich mir einmal erlaube (in Fig. 1), Zeit und Raum durch zwei Richtungen in der Zeichenebene darzustellen,

so sind die beiden Ereignisse A und B gleichzeitig im Bezugssystem (Raum Zeit); A ist aber früher als B im Bezugssystem (Raum Zeit), welches durch die punktierten Achsen dargestellt wird. Diese bildliche Darstellung, die hier nur als Gleichnis aufgefaßt werden möge, gibt sogar den wirklichen Sachverhalt zahlenmäßig wieder, wenn wir auf der Zeitachse mit einem im Verhältnis der Lichtgeschwindigkeit vergrößerten Maßstab messen, wobei dann die in der Figur durch die Strecke a b dargestellte Ungleichzeitigkeit nur als winzig kleine Zeitdifferenz erscheint.

Ein anderes Beispiel: Von der Erde löst sich in einem bestimmten Augenblick ein ihr gleiches Abbild los und entfernt sich von ihr mit einer gewissen Geschwindigkeit. Zwei Zwillinge, A und B, werden in diesem Augenblick geboren, A bleibt auf der Erde, B wird auf ihr Abbild ausgesetzt. Sie entwickeln sich auf den beiden identischen Sternen bei identischen Lebensverhältnissen in genau identischer Weise, aber in verschiedenem Zeitmaß. Wenn A irgendwie Kunde von B erhält, findet er, daß B langsamer lebt, daß er in seinem Lebensalter und in seinen Lebensschicksale immer etwas hinter A zurückbleibt. Dasselbe konstatiert B von A; A ist jünger als B vom Standpunkte des B, B ist jünger als A vom Standpunkte des A.

Es wurde kürzlich vorgeschlagen, das Wort Relativitätstheorie zu ersetzen durch Standpunktslehre. Das Wort ist gut; es verdeutscht und verdeutlicht den wesentlichen Inhalt der neuen Auffassung. Wenn wir den Standpunkt wechseln, indem wir ihn von der Erde auf ihr Abbild verlegen oder auf einen über die Erde fahrenden Eisenbahnzug, sehen wir, was an unserem Weltbilde vom Standpunkt abhängt, also gewissermaßen subjektive Zutat ist, und was vom Standpunkte unabhängig ist, also in den Dingen liegt. Raum und Zeit sind vom Standpunkte abhängig oder relativ; auch die Auffassung zweier Ereignisse als gleichzeitig ist es. Aber die Ereignisse selbst sind wirklich, ebenso wie die Tatsache einer sich ausbreitenden Lichtwelle oder wie ein Menschenleben. Dabei ist jeder Standpunkt zulässig und gleichberechtigt mit jedem anderen. Es gibt keinen bevorzugten Ätherstandpunkt oder Erdstandpunkt oder Sonnenstandpunkt: daß die Erscheinungen von jedem Standpunkte gesehen miteinander harmonieren, trotz mancher Paradoxien, und niemals in wirkliche Widersprüche geraten können, zeigt die mathematische Ausführung der ganzen Lehre.

Man wolle den Sinn des Wortes Relativität ja nicht so deuten, als ob alles Geschehen vom Standpunkte des Beobachters abhinge, als ob alles subjektiv wäre. Gerade der Wechsel des Standpunktes läßt erst das Naturgesetz in seinem unveränderlichen Kern hervortreten. Die Relativitätstheorie hat nicht nur eine negative, wegräumende, sie hat vor allem eine positive, aufbauende Seite. Als positive Aufgabe der Standpunktslehre wollen wir ausdrücklich statuieren: Die Gesetzmäßigkeit in der Natur als einen "Felsen aus Erz" aufzurichten, der hinüberragt über die wechselnden Erscheinungsformen von Raum und Zeit, der von allen Standpunkten aus zu sichten ist für denjenigen, dessen Auge mit dem Fernblick des mathematischen Organs ausgerüstet ist. Die Aufräumung alles metaphysischen, unbeobachtbaren Absoluten war ein großes Verdienst der neuen Theorie. Aber die Aufrichtung des für alle Standpunkte und Bezugssysteme Gültigen, Bleibenden und Unabhängigen war ihr größeres Verdienst. Mathematisch erreicht die Theorie dieses, indem sie die Unveränderlichkeit (Invarianz) der die Naturgeschehnisse beschreibenden Gleichungen gegenüber beliebigen Transformationen derjenigen Hilfsgrößen (Koordinaten von Raum und Zeit, Feldstärken, Energien) nachweist, durch die wir die Naturgeschehnisse beschreiben.

Das ist gerade der Unterschied zwischen Mach und Einstein, dem Vorarbeiter und dem Vollender des Relativitätsgedankens. Bei Mach war der Blick auf das Negative gerichtet. Er wollte das Gestrüpp entfernen, das den Ausblick auf die Wirklichkeit versperrt, das Vorurteil eines absoluten Raumes und einer absoluten Zeit. Aber ihm entschwand bei dieser nützlichen Rodearbeit unter den Händen der Glaube an die Festigkeit der Naturgesetze. Er sagt einmal: "Die absolute Exaktheit, die vollkommen genaue eindeutige Bestimmung der Folgen einer Voraussetzung besteht nicht in der sinnlichen Wirklichkeit, sondern nur in der Theorie." Die Naturgesetze werden ihm zu ökonomischen Maßnahmen, zu Ordnungsschematen, in die sich die Mannigfaltigkeit der Erscheinungen bequem unterbringen läßt. Aber das ist es nicht, was wir brauchen. Naturgesetze von so unbestimmter und formalistischer Art wären kaum der Mühsal und Aufregung des Forschens wert. Der tastende Naturforscher, der auf dunklen Wegen nach einem geahnten Ziel strebt, braucht einen helleren Leitstern als die Machsche Lehre. Positivismus heißt diese Lehre bei seinen Nachfolgern, trotzdem ihr Verdienst wesentlich in der Negation des Unbeobachtbaren liegt. Einstein denkt anders. Das Negieren des Metaphysischen ist ihm nur das Mittel, um den Weg frei zu bekommen zur höchsten Bejahung der Naturgesetze, zu ihrer invarianten Gültigkeit, unabhängig von jedem Standpunkte. Es ist charakteristisch, daß die Positivisten den halben Einstein, den abbauenden, begeistert loben, den anderen Einstein, den aufbauenden, aber nicht anerkennen wollen. Ich hatte kürzlich einen ausgiebigen Briefwechsel mit einem geistvollen Vertreter des Positivismus, einen Briefwechsel, der natürlich zu keiner Einigung führte. Zum Schluß schrieb ich dem Kollegen: "Wenn Sie uns nicht die Exaktheit der Naturgesetze lassen, kann es zwischen uns keinen wirklichen Frieden, sondern nur eine achtungsvolle gegenseitige Duldung geben."

Wir sind mit unseren letzten Äußerungen schon hinübergeglitten von dem Gedankenkreis der ursprünglichen, speziellen Relativitätstheorie zu der allgemeinen, voraussichtlich endgültigen Theorie; jene datierend von 1905, diese von 1915. Jene ließ nur die gleichförmig und geradlinig bewegten Bezugssysteme als berechtigt zu, diese erkennt jeden Standpunkt an und verwendet grundsätzlich alle möglichen Bezugssysteme zur Beschreibung der physikalischen Erscheinungen, also beliebig gedrehte und beschleunigte Bezugssysteme, veränderliche Maßstäbe und beliebig laufende Uhren. Sie behauptet, daß die Naturgesetze ihre Form beibehalten auch bei so allgemeiner Beschreibung, wenn wir nur von Anfang an den richtigen, hinreichend verallgemeinerten mathematischen Ausdruck der Naturgesetze wählen. Ein wichtiger Schritt auf dem Wege zu dieser allgemeinsten Auswirkung des Relativitätsgedankens war M i n k o w s k i s vierdimensionale Zusammenfassung von Raum und Zeit.

Die Zeit hat eine Ausdehnung, der Raum drei; beide zusammen haben vier Dimensionen, das heißt: zur Fixierung eines Raumzeitpunktes, zur Beschreibung eines Ereignisses in Raum und Zeit sind vier unabhängige Zahlen erforderlich, von denen drei die räumliche, eine die zeitliche Lage angeben. Minkowski spricht von der v i e r d i m e n s i o n a l e n W e l t als der Zusammenfassung von Raum und Zeit. Es lassen sich auf diese vierdimensionale Welt die Gesetze der gewöhnlichen dreidimensionalen Geometrie übertragen, teils in zeichnerischer, teils und besonders erfolgreich in rechnerischer Verallgemeinerung. Ich kann von Ihnen nicht verlangen, daß Sie sich eine vierdimensionale Welt vorstellen sollen. Denn ich kann es selbst nicht. Aber wir können uns leicht eine zweidimensionale Welt vorstellen. Nehmen Sie einmal an, daß Sie als denkendes Wesen mit all Ihren Erfahrungen und Sinnen in eine Ebene gebannt wären. Dann gäbe es für Sie kein Oben und Unten, sondern nur ein Nebeneinander. In dieser ebenen Welt können sich Lichterregungen als Kreise, wie die Wellen auf einer Wasseroberfläche, fortpflanzen. Sie können in der Ebene Erfahrungen sammeln und sich eine Geometrie aufbauen, die E u k l i d i s c h e G e o m e t r i e der Ebene, wie wir sie in der Schule gelernt haben. Aber Sie können niemals zu der Vorstellung z. B. eines Würfels gelangen. Sie können auf einer Geraden Ihrer Ebene ein Lot innerhalb der Ebene errichten, aber Sie können sich nicht anschauungsgemäß ein Lot auf der Ebene vorstellen, weil es für Sie nichts außerhalb Ihrer Ebene gibt. Wenn Sie aber als Flächenwesen hinreichende mathematische Phantasie haben, so können Sie doch begrifflich von Ihren zwei zu drei Dimensionen fortschreiten. Sie brauchen nur statt Ihrer zwei Koordinaten in der Ebene drei Koordinaten als Rechnungsgrößen einzuführen und können das Lot auf der Ebene durch Gleichungen in diesen drei Koordinaten beschreiben, von denen Sie sich allerdings nur zwei richtig vorstellen können. In demselben Verhältnis wie diese Flächenwesen zur dreidimensionalen Euklidischen Raumgeometrie, stehen wir zur vierdimensionalen Weltgeometrie. Wenn wir sie uns auch nicht vorstellen können, so können wir doch in ihr denken und rechnen. Insbesondere können wir uns ebene und räumliche Ausschnitte aus dieser Welt konstruieren, die dann wieder unserer Anschauung zugänglich sind.

Im dreidimensionalen Raum ist uns die Erscheinung der perspektivischen Verkürzung geläufig. Diese Tischplatte erscheint mir von der Seite gesehen schmäler, als von oben gesehen. (Der Positivist, dem die Empfindungen selbst das letzte und einzige sind, würde sogar sagen: sie ist von der Seite gesehen schmäler als von oben gesehen.) Unter dasselbe Bild der perspektivischen Verkürzung, wenn wir es auf die vierdimensionale Welt übertragen, lassen sich alle die seltsamen Folgerungen bringen, die die Relativitätstheorie gezogen hat. Ein gegen den Beobachter bewegter Körper erscheint in der Bewegungsrichtung verkürzt (Lorentz-Kontraktion als einfachste Erklärung des Michelson-Versuches). Der Zeitablauf in einem gegen den Beobachter bewegten Bezugssystem erscheint diesem Beobachter verlangsamt (Aufhebung der Gleichzeitigkeit, Verjüngung eines unserer beiden Zwillinge vom Standpunkte des anderen). Die Masse eines Körpers, z. B. eines Elektrons, das sich gegen den Beobachter bewegt, erscheint diesem vergrößert, nämlich größer als einem Beobachter, der auf dem bewegten Körper selbst seine Beobachtungsgeräte aufstellt und die Masse des für ihn ruhenden Körpers mißt. Dieses Gesetz von der Massenveränderlichkeit des Elektrons wurde zum Prüfstein der ursprünglichen speziellen Relativitätstheorie. Zuerst bestritten, hat es sich im Laufe der Jahre mit immer größerer Genauigkeit als wahr herausgestellt, am schärfsten in den Feinsten Äußerungen bewegter Elektronen, in den Spektren der einfachsten Atome. Seitdem darf der Vorstellungskreis der speziellen Relativitätstheorie als experimentell gesichert gelten; seitdem haben wir uns in der vierdimensionalen Minkowskischen Welt wohnlich eingerichtet und wissen uns in ihren zum Teil paradox verzerrten Anblicken zurechtzufinden.

Aber ich muß leider noch höhere Anforderungen an Ihre Abstraktion stellen. Denn nun muß ich Ihnen zeigen, wie Einstein die alte Rätselkraft der Gravitation in sein System eingearbeitet hat. Die Gravitation war seit Newton in der Formel des Newtonschen Gesetzes: "proportional den wirkenden Maßen, umgekehrt proportional dem Quadrat ihrer Entfernungen" erstarrt. Darüber hinaus hatte sich aus unseren täglichen Erfahrungen über die Erdschwere oder aus den Beobachtungen der Astronomen über die Gravitationswirkungen zwischen den Gestirnen nichts über ihre Wirkungsweise ergeben. Unter allen Kräften hatte sich die Gravitation allein als momentane Fernwirkung behauptet. Erst Einstein konnte ihr neue beobachtbare Seiten abgewinnen. Ich will Ihnen nicht den Weg schildern, wie Einstein nach manchen Kreuz- und Quergängen zum Ziel gekommen ist, sondern nur das Ziel selbst schildern, zu dem er gelangt ist.

Stellen wir uns wieder auf den Standpunkt unseres Flächenwesens, aber versetzen wir uns diesmal nicht in eine Ebene, sondern in eine gekrümmte Fläche, z. B. auf eine Kugel. Wir können uns nicht aus der Kugeloberfläche entfernen, wir können nichts außerhalb der Kugeloberfläche wahrnehmen, weder dringt irgendeine Kunde vom Äußern noch vom Innern der Kugel zu uns. Es gibt auch jetzt für uns kein Oben und Unten, sondern nur ein Nebeneinander. Unsere Welt ist wie vorher nur zweifach ausgedehnt. Sie ist in diesem Falle übrigens nicht unendlich groß, sondern sie schließt sich im Endlichen. Es gibt keine Geraden in unserer Welt, sondern nur gewisse geradeste Linien. Das sind im Falle der Kugel die größten Kreise, z. B. die Meridiane von irgendeinem Pol aus, aber nicht die Parallelkreise. Stoßen wir einen Massenpunkt in der Ebene an, so läuft er in einer geraden Linie. Stoßen wir ihn in gleicher Weise auf der Kugel an, so läuft er, sich selbst überlassen und von keinen äußeren Kräften beeinflußt, in einer geradesten Linie, in einem größten Kreise um die Kugel herum. Die natürlichen kräftefreien Bahnen sind in der gekrümmten Fläche die geradesten Linien, wie sie in der nicht gekrümmten Ebene die geraden Linien sind. Konstruieren wir uns in der Kugelfläche eine Geometrie, so wird sie von der gewöhnlichen Euklidischen Geometrie verschieden. Auf der Kugeloberfläche haben wir den einfachsten Fall der sogenannten Nicht-Euklidischen Geometrie. Während es in der Euklidischen Geometrie bekanntlich heißt: Die Winkelsumme im Dreieck ist gleich zwei Rechten, heißt es in der Nicht-Euklidischen Kugelgeometrie: Die Winkelsumme im Dreieck ist größer als zwei Rechte. Konstruieren wir z. B. ein Dreieck aus lauter geradesten Linien auf folgende Weise: Wir gehen vom Nordpol N auf einem Meridian bis zum Äquator, diesen entlang um ein Viertel seines Umfanges und abermals auf

einem Meridian zum Pol zurück, das letzte Stück im entgegengesetzten Sinne zu den eingezeichneten Pfeilen, auf deren Bedeutung wir später zurückkommen. Jeder Winkel dieses Dreiecks ist ein Rechter (in der Figur mit R bezeichnet), die Winkelsumme gleicht drei Rechten, also größer als zwei Rechte, wie es unser Satz von der Winkelsumme in der Nicht-Euklidischen Geometrie verlangt.

Alle diese Behauptungen sind bequem durch die Anschauung zu kontrollieren. Aber nun kommt ein Schritt, zu dem eine gewisse intellektuelle Unerschrockenheit gehört. Unser Flächenwesen soll sich im Anschluß an seine Kugelfläche begrifflich einen dreifach ausgedehnten Raum konstruieren, der dieselben Eigenschaften hat wie seine Kugelfläche, in dem z. B. der Nicht-Euklidische Satz von der Winkelsumme allgemein gilt, und in dem alle geradesten Linien in sich zurücklaufen, also keine geraden Linien sind. Einen solchen "gekrümmten Raum" können wir uns nicht vorstellen; und doch müssen wir uns begrifflich und rechnerisch in ihm orientieren. Und mehr noch, wir müssen zu einer gekrümmten v i e r d i m e n s i o n a l e n W e l t fortschreiten und nicht nur zu einer gleichmäßig, nach Art der Kugel gekrümmten Welt, sondern zu einer Welt von w e c h s e l n d e n K r ü m m u n g s v e r h ä l t n i s s e n.

Was hat nun dieser seltsame geometrische Vorstellungskreis mit der Gravitationstheorie zu tun? Gehen wir zunächst nochmals der besseren Übersicht wegen in unsere flache, nur zweifach ausgedehnte Welt zurück. Die Fläche sei zwar im allgemeinen und ungefähren eben, also nicht gekrümmt; sie habe aber Buckel, gekrümmte Auswölbungen an solchen Stellen, wo sich Massen befinden. Jede Materie ist Sitz mannigfacher Energieformen, chemischer und physikalischer Energien, welche in der Bindung der Atome untereinander und in dem Aufbau der Atome stecken. Statt Materie können wir daher auch allgemeine Energie im weitesten Sinne des Wortes sagen. Überall, wo sich physikalische Ereignisse abspielen und daher Energie lokalisiert ist, insbesondere in den Stellen stärkster Energiekonzentration, der greifbaren Materie, soll unsere flache Welt ausgewölbt sein, mehr oder minder, je nachdem wir es mit größerer oder geringerer Energiekonzentration zu tun haben. Betrachten wir insbesondere zwei solcher Buckel: einen von überwiegender Wölbung, den wir Sonne nennen, und einen kleinen Buckel, den wir Planet nennen. Wir geben letzterem einen Anstoß und lassen ihn durch unsere Welt laufen. Wäre der Sonnenbuckel nicht da und alles eben, so würde sich unser Planet auf gerader Bahn bewegen. Das Vorhandensein des Sonnenbuckels hat zur Folge, daß er sich statt dessen auf einer geradesten Bahn bewegt. Diese weicht von der Geraden um so mehr ab, je näher der Planet an die Sonne herankommt.

Sie sehen hiernach bereits, wie sich dieses zweidimensionale Gleichnis zur Gravitationstheorie verhält. An den Stellen großer Energiekonzentration ist die Raumzeitstrukur eine singuläre, gekrümmte. die geradesten Bahnen in der Nähe solcher Stellen weichen weit ab von den geraden Bahnen; sie verhalten sich annähernd so, wie wir es aus der alten Gravitationstheorie her wissen, als Keplerellipsen. Dabei haben wir nicht nötig, eine besondere Gravitationskraft einzuführen. Bahnen, die lediglich unter dem Einfluß der Gravitation durchlaufen werden, sind kräftefreie, geradeste Bahnen; ihre Krümmung spiegelt nur die durch die Energieanhäufung bewirkte Weltkrümmung wider. Der Ausgangspunkt der Relativitätstheorie bleibt dabei durchaus erhalten. Raum und Zeit sind an sich nichts. Sie erhalten ihre Eigenschaften, ihre Struktur erst durch die in ihnen enthaltenen physikalischen Energien aufgeprägt.

Die Bahnen sind nach dieser Gravitationstheorie angenähert Keplerbahnen, aber nicht genau. Das Newtonsche Gesetz ergibt sich nur in erster Näherung; bei genauerer Rechnung treten Abweichungen auf. Die Ellipse ist keine geschlossene, sondern eine langsam sich drehende, eine solche von fortschreitendem Perihel. (Perihel heißt bekanntlich der Punkt größter Sonnennähe auf der Planetenbahn.) Die Figur zeigt in sehr Übertriebenem Maßstabe diesen Perihelfortschritt. Er ist um so stärker zu erwarten, je näher der Planet der Sonne kommt, also beim Merkur, dem sonnennächsten der Planeten am stärksten. Nach den Beobachtungen und Rechnungen der Astronomen tritt nun in der Tat beim Merkur eine Perihelbewegung auf, die sich nach der Newtonschen Theorie nicht erklären läßt. Sie beträgt hier 43 Bogensekunden im Jahrhundert; das will sagen, daß erst nach 30 000 Jahrhunderten die Merkurbahn in ihre Anfangslage zurückgekehrt erscheint. Bei den sonnenferneren Planeten, z. B. bei der Erde, ist das Fortschreiten des Perihels dagegen unmeßbar klein.

Gerade diesen Wert von 43 Sekunden im Jahrhundert ergab nun die Einsteinsche Rechnung auf Grund seiner neuen Auffassung der Gravitation. Man beachte wohl: der Einsteinsche Gedankengang nahm seinen Ausgang von erkenntnistheoretischen Forderungen, hatte nirgends eine Unbestimmtheit oder Lücke, wußte von Hause aus nichts vom Merkurperihel und führte doch zwangläufig auf den astronomischen Beobachtungswert.

Ich darf nicht verschweigen, daß eine kritische Überprüfung der astronomischen Angabe von 43 Sekunden, die Herr Kollege Großmann kürzlich durchgeführt hat, diesen Wert unsicherer erscheinen läßt, als die Astronomen bisher annahmen. Der wahrscheinlichste Wert liegt nach Herrn Großmann etwas tiefer als 43 Sekunden. Bis die Astronomen sich hierüber geeinigt haben werden, kann man also nur sagen, daß die neue Gravitationstheorie jedenfalls die Größenordnung der Merkur-Perihelbewegung richtig wiedergibt.

Wir kehren zu unserem Bilde des Sonnenbuckels in der zweidimensionalen flachen Welt zurück. Statt eines Planeten jagen wir jetzt einen Lichtstrahl an der Sonne vorbei. Auch dieser läuft auf einer geradesten Bahn; bei fehlender Weltkrümmung würde er eine gerade Bahn beschreiben. Auch hier wirkt, wie bei dem Planeten, die Krümmung des Raums in der Sonnennähe so, als ob eine Anziehung von der Sonne auf den Lichtstrahl ausgeübt würde, als ob der Lichtstrahl nach der Sonne hin fiele. Man denke an die analogen, aber im Grunde doch wesensverschiedenen Verhältnisse bei der atmosphärischen Strahlenbrechung, wo sich der Lichtstrahl in der Erdatmosphäre ebenfalls krümmt. Was wir hier zu erwarten haben, zeigt die nächste Figur. Der Stern A, der sein Licht hart an der Sonne vorbeischickt, erscheint dem Erdbeobachter nicht in A, sondern wegen der gekrümmten Form des Lichtweges in der Verlängerung des Strahlenendes, d. h. an der Stelle B des Himmelsgewölbes. Sonnennahe Sterne zeigen also eine scheinbare Ablenkung vom Sonnenrande fort. Natürlich läßt sich diese Ablenkung nur bei einer t o t a l e n S o n n e n f i n s t e r n i s beobachten, weil sonst das Sternlicht vom Sonnenlicht überstrahlt wird.

Am 29. Mai 1919 fand eine Sonnenfinsternis statt, die in Brasilien total war. Deutschland war von ihrer Beobachtung ausgesperrt, England rüstete zwei Expeditionen aus. Die Ergebnisse sind mir zugeschickt worden. Die Konstellation war besonders günstig, weil 7 verhältnismäßig helle Sterne in Sonnennähe standen. Unser Bild in Figur 5 stellt die verdunkelte Sonne mit ihrem leuchtenden Strahlenkranze, der Korona, dar. Die 7 Sterne sind durch kleine Kreise markiert.

Von den Sternen aus sind die Ablenkungen als gerade Strecken aufgetragen, wie sie theoretisch nach Einstein sich errechnen; sie verlaufen in radialer Richtung und sind für die sonnennäheren Sterne größer als für die sonnenferneren. Der Maßstab ist dabei viele tausendmal übertrieben. Am Sonnenrande ist die theoretische Ablenkung nur 1,7 Bogensekunden, d. h. so klein, daß wir sie in unserem Bilde gar nicht einzeichnen können; im doppelten Abstande von der Sonnenmitte ist die Ablenkung noch halbmal kleiner. In demselben übertriebenen Maßstab sind nun auch die beobachteten Ablenkungen als Striche mit einer Pfeilspitze eingetragen. Die wirklichen Ablenkungen auf der photographischen Platte sind nur unter dem Mikroskop auszumessen und überhaupt nur indirekt festzustellen. Außer der Sonnenfinsternisaufnahme selbst wurde eine Aufnahme einige Wochen nach der Sonnenfinsternis gemacht, zu einer Zeit, wo sich die Sonne aus der fraglichen Gegend des Fixsternhimmels entfernt hatte. Überdies wurde eine dritte Vergleichsplatte aufgenommen, die in das photographierende Fernrohr verkehrt, d. h. mit der Glasseite nach außen, mit der Schichtseite nach innen eingelegt war. Diese Vergleichsplatte konnte dann mit den beiden Bebachtungsplatten, der bei der Sonnenfinsternis und der nach derselben aufgenommenen, Schicht auf Schicht zur Deckung gebracht werden. Die Ablenkungen der Sterne sind durch dieses indirekte Verfahren unter dem Mikroskop ausgemessen und nach dem Ausgleichsverfahren rechnerisch ermittelt worden. Wie unsere Figur zeigt, stimmen die so gewonnenen empirischen Ablenkungen aufs überraschendste mit den theoretischen überein. Sie zeigen nicht nur, wie diese annähernd die radiale Richtung vom Sonnenmittelpunkte nach außen hin (was zum Teil durch das angewandte Ausgleichsverfahren bewirkt wird, also noch nicht ohne weiteres beweisend wäre), sondern sie zeigen auch durchweg fast dieselbe Größe und die von der Theorie geforderte Größenabnahme bei zunehmender Entfernung des Sterns von der Sonne.

Dies wird besonders überzeugend im nächsten Bilde dargetan, welches dem englischen Originalbericht entnommen ist. Nach oben hin sind die Sternablenkungen, nach rechts hin die reziproken Abstände vom Sonnenmittelpunkte aufgetragen, mit denen die theoretischen Ablenkungen proportional gehen. Die Abnahme der Ablenkung mit zunehmender Entfernung von der Sonne wird theoretisch durch die stark ausgezogene Gerade dargestellt. Die wirklichen Beobachtungspunkte (durch starke Punkte wiedergegeben) liegen dieser Geraden äußerst nahe, viel näher als der punktierten Geraden, welche nach einer älteren, nicht konsequenten Theorie Einsteins die Sternablenkung darstellen würde. Man wende nicht ein, daß die Ablenkung des Sternortes durch die Sonnenatmosphäre bewirkt sein könnte. In so großen Entfernungen, wie sie hier in Frage kommen, ist die Sonnenatmosphäre einfach belanglos. Die astronomischen Sachkundigen sind sich darüber einig, daß die Beweiskraft der englischen Sonnenfinsternisaufnahmen bündig ist.

Das Ziel jeder Wissenschaft ist, nach einem schönen Worte des Mathematikers Jacobi, die Ehre des menschlichen Geistes. Der 29. Mai 1919 wird für alle Zeiten ein Ehrentag des menschlichen Geistes bleiben.

Neben dem Merkurperihel und den Sonnenfinsternisbeobachtungen gibt es noch ein drittes Kriterium für die Einsteinsche Gravitationstheorie: die Rotverschiebung von Spektrallinien, die auf der Sonne entstehen, gegenüber den Spektrallinien des gleichen Stoffes, wenn sie unter irdischen Verhältnissen hervorgerufen werden. Man kennt, seitdem es eine Astrophysik gibt, die Erscheinung des sogenannten Dopplereffektes. Sie besteht in der Verschiebung eines Spektrums nach der roten Seite hin bei Sternen, die sich von der Erde entfernen, in einer Verschiebung nach der violetten Seite bei Sternen, die auf die Erde zukommen. Die Größe dieser Verschiebung entspricht der Geschwindigkeit, mit der sich der betreffende Stern von uns fort oder auf uns zu bewegt. Man pflegt daher auch die von Einstein vorhergesagte Rotverschiebung im Sonnenspektrum durch eine Geschwindigkeit zu charakterisieren, die im Dopplereffekt dieselbe Rotverschiebung bewirken würde, und zwar beträgt diese Geschwindigkeit 0,6 Kilometer in der Sekunde.

Über den physikalischen Grund dieser Rotverschiebung sei hier nur soviel gesagt, daß er natürlich nicht wie der gewöhnliche Dopplereffekt in einer relativen Bewegung der Sonne gegen die Erde, sondern in dem Gravitationsfelde der Sonne liegt. Dieses ist außerordentlich viel stärker als das Schwerefeld der Erde. Die Rotverschiebung entspricht direkt dem Unterschied der Schwere an der Sonnenoberfläche und Erdoberfläche.

Das geeignetste Versuchsobjekt zur Prüfung dieses Effektes bilden Linien der sogenannten Zyanbanden. Merkwürdigerweise konnten die mit den besten Hilfsmitteln ausgestatteten amerikanischen Sternwarten keine systematische Verschiebung dieser Linien nach der roten Seite nachweisen. Die Bonner Physiker Grebe und Bachem haben aber erst gezeigt, mit welcher Vorsicht man beim Vergleich der Sonnenlinien und der Linien aus irdischen Lichtquellen vorgehen muß, um sichere Resultate zu erhalten. Beide Spektren enthalten nicht nur die in Rede stehenden Zyanlinien, sondern daneben ein Gewirr von Linien anderen Ursprungs, die sich jenen überlagern. Photometriert man ein solches Spektrum, d. h. stellt man die Lichtintensität in ihrer Abhängigkeit von der Wellenlänge durch ein Schaubild dar, so entsteht eine Zackenkurve nach Art eines Gebirgskammes. Nur solche Linien sind einwandfrei, die im Schaubild durch eine isolierte Zacke dargestellt werden; wenn eine Erhebung fremden Ursprungs in der Nähe liegt, fälscht sie die Lage der Hauptzacke und macht sie zur Untersuchung der Rotverschiebung ungeeignet. Bei diesem kritischen Vorgehen erwiesen sich von 36 gemessenen Zyanlinien nur 9 als unverdächtig und brauchbar. Nach R. T. Birge ist die Auswahl sogar noch weiter zu beschränken auf zwei von diesen Linien. Und siehe da: Wenn alle verdächtigen Linien ausgeschaltet und nur die 9 bzw. 2 tadellosen benutzt werden, so ergibt sich der richtige Betrag der Rotverschiebung, wie er von Einstein vorhergesagt wurde, nämlich rund 0,6 Kilometer in der Sekunde.

Ich möchte noch ein letztes Beispiel zur Sprache bringen, welches zwar nicht als Prüfstein der Einsteinschen Gravitationstheorie, wohl aber als Mittel zu ihrer Veranschaulichung wertvoll ist. Wir wissen, daß ein Kreisel, der aufgezogen ist und keinen äußeren Kräften unterliegt, bestrebt ist, seine Richtung im Raume beizubehalten. Unsere Erde ist ein solcher Kreisel von gewaltigen Ausmessungen. Freischwebend im Raum würde er die Richtung seiner Drehachse nicht ändern. In Wirklichkeit beschreibt die Erdachse in langsamstem Tempo einen Kegel um die Normale zur Erdbahnebene (Ekliptik). Figur 8 zeigt die Erde mit eingezeichneter Erdachse in ihrem Umlauf um die Sonne und deutet in ihrer Stellung am weitesten rechts den Kegel an, den die Erdachse im Verlauf vieler Umläufe beschreibt. Der Kegel wird erst in 26 000 Jahren vollständig durchlaufen, in jedem Jahr beträgt die Winkelverlagerung 50 Sekunden (Präzession der Äquinoktien). Nach der gewöhnlichen Auffassung rührt diese Verlagerung der Erdachse von der Anziehung der Sonne auf den am Äquator wulstförmig aufgetriebenen Erdkörper her, also daher, daß die Erde kein kräftefreier, sondern ein von der Sonnengravitation beeinflußter Kreisel ist. In der Einsteinschen Theorie aber ist die Gravitation keine äußere Kraft; die Gravitationsbahnen der fortschreitenden sowohl wie der drehenen Erdbewegung verlaufen kräftefrei als geradeste Bahnen im gekrümmten Raume; die Erdachse sollte also im Schwerfelde sich selbst parallel bleiben. Was aber heißt: sich selbst parallel bleiben im Nicht-Euklidischen Sinne, bei gekrümmter Raumstruktur?

Wir ziehen nochmals unsere Figur 2 zu Rate. Wir gehen jetzt vom Nordpol aus zunächst auf unserem ersten Meridian äquatorwärts und halten dabei stets einen geraden Stab vor uns hin. Zweifellos bleibt er bei dieser Wanderung sich selbst parallel, da er dabei ja dauernd in die Richtung einer geradesten Bahn, in den Meridian, weist. Im Äquator angelangt, steht er senkrecht zu diesem. Soll er sich selbst parallel bleiben, so muß er dauernd senkrecht zum Äquator gehalten werden, solange wir den Äquator abschreiten. Gehen wir auf dem zweiten Meridian zum Pole zurück, so bleibt unser Stab wieder sich selbst parallel, wenn er dauernd die Richtung dieses Meridians einhält. Kommen wir in den Pol zurück, so hat sich, wie unsere Figur zeigt, unser Stab um einen rechten Winkel gedreht, trotzdem er dauernd mit sich parallel war! Nehmen wir statt des Stabes einen Kreisel zur Hand, so stellt sich dessen Drehachse selbst so ein, wie wir soeben die Stabachse richteten; es gilt also für den Kreisel das gleiche wie für unseren Stab: Trotzdem er mit sich parallel bleibt, schließt er nach beendetem Umgang einen Winkel gegen seine Anfangslage ein. Der Grund liegt in der Krümmung der Kugelfläche. Bei einem Umgang in der Ebene, das heißt: wenn wir ein ebenes Dreieck mit einem Kreisel in der Hand umschreiten, würde von einer Winkelverlagerung des Kreisels keine Rede sein.

Die Anwendung auf das Problem der Erdachse ist unmittelbar einleuchtend. Dem Umgang um das Kugeldreieck entspricht bei der Erde ihr jährlicher Umgang um die Sonne, der Kugelkrümmung die von der Sonne bewirkte gekrümmte Raum-Zeit-Struktur. Indem die Erdachse nach einem Umgang um die Sonne in den Frühlings-Tagundnachtgleichenpunkt zurückkehrt, schließt sie einen Winkel mit sich ein. Dieser beträgt zwar nicht, wie in unserem Beispiel, einen Rechten, sondern nur 50 Sekunden, hat aber dieselbe Bedeutung wie jener, er zeigt uns nämlich an, daß der umlaufene Flächeninhalt der Erdbahn nicht eben, sondern gekrümmt war. Man sieht, wie schön und einfach sich die ältere Auffassung, nach der die Gravitation als äußere Kraft wirkt, in die neuere Auffassung umsetzt, nach der sie sich nur auf dem Wege über die Verkrümmung der Welt äußert. Beide Auffassungen sind im Ergebnis gleich; nur insofern, als die neue Auffassung eine Korrektion am Newtonschen Anziehungsgesetz mit sich bringt, eine Korrektion, die sich z. B. in der Perihelbewegung des Merkur äußerte, wird auch die nach Einstein berechnete Winkelverlagerung der Erdachse bei ihrem jährlichen Umgang um die Sonne ein wenig verschieden von der nach Newton berechneten ausfallen. Doch betrifft diese Verschiedenheit nur die höheren Dezimalen der angegebenen Zahl von 50 Sekunden. Als Kriterium für oder wider Einsteins Gravitationstheorie wird also diese Erscheinung nicht dienen können, insbesondere deshalb nicht, weil zu ihrer praktischen Verwertung eine anderweitige Kenntnis der Mondmasse erforderlich wäre.

Hiernach kehren wir von Sonne, Mond und Sternen zu unserem Standpunkt auf der rotierenden Erde zurück. Nach unserem Relativitätsglauben ist jeder Standpunkt berechtigt, auch derjenige auf einem rotierenden Bewegungssystem. Die Naturgesetze gelten für diesen Standpunkt ebenso wie für jeden anderen, wenn wir sie nur hinreichend allgemeingültig gefaßt haben. Ja, es entsteht die Frage: Was heißt überhaupt rotieren? Hat es einen Sinn, von der rotierenden Erde zu reden, wenn Sonne und Fixsterne nicht da Wären, an denen wir die Rotation der Erde doch erst wahrnehmen können? Würde es nicht wieder einen absoluten Raum oder einen Äther voraussetzen, gegen den die Drehung gedacht wird, wenn wir von der Erddrehung schlechtweg, ohne Beziehung zum Sternhimmel, sprechen wollten? Wie aber steht es dann mit den Folgen der Erddrehung, den Fliehkräften, die wir bei der Drehung des Foucaultschen Pendels oder die wir in der Abplattung der Erde beobachten? Wenn die Erddrehung nur relativ zu den Gestirnen gedacht werden kann, nur durch Vorhandensein äußerer Massen ermöglicht wird, so können auch die Fliehkräfte der Erddrehung ihre Existenz nur dem Vorhandensein der Gestirne verdanken, sie müssen als Wechselwirkungen zwischen diesen und den Massen der Erde aufgefaßt werden.

Bis zu diesem fundamentalen Schluß war Mach gekommen. Durch ihn hat er Einstein den Weg bereitet. Mach stellte eine Frage und Einstein beantwortete sie. Er beantwortete sie zugleich mit seiner Antwort auf die Rätselfrage der Gravitation. Die Gravitation erwies sich als eine Scheinkraft, de ihren Grund in der Raumstruktur hat. Auch die Fliehkräfte sind Scheinkräfte oder Trägheitskräfte, die nach Newton ihren Grund in dem absoluten Charakter der Rotation haben würden. D i e s e n Grund können wir nicht gelten lassen. Aber stellen wir uns auf den Standpunkt des gedrehten Bezugssystems. Wenn äußere Massen und Geschehnisse vorhanden sind, die an der Drehung nicht teilnehmen, so wandern diese gegen das Bezugssystem. Da sie ihrerseits eine Verzerrung der Raumstruktur bedingen, de mit ihnen umläuft, erscheint die Raumkrümmung vom gedrehten System aus anders als ohne Drehung. Diese vom Standpunkt abhängige Änderung der Raumkrümmung bedingt Scheinkräfte, die wir mit der Gravitation auf eine Stufe stellen können. Diese Scheinkräfte sind die Fliehkräfte der Erdumdrehung. Wären aber Massen und Geschehnisse außerhalb der Erde nicht vorhanden, so könnten Fliehkräfte nicht auftreten; die im Raum isolierte Erde könnte sich, physikalisch gesprochen, nicht drehen, das heißt: sie könnte keine beobachtbaren Anzeichen ihrer Umdrehung verraten.

Die Wesensgleichheit von Schwerkräften und Trägheitskräften, auf die wir so geführt worden sind, findet ihre überzeugende Bestätigung in der Gleichheit von schwerer und träger Masse. Vor hundert Jahren durch Bessels Pendelbeobachtungen bewiesen, hat diese Identität zweier scheinbar verschieden definierter Größen viel zu wenig Beachtung gefunden. Erst jetzt sind uns die Augen geöffnet, sie richtig zu sehen und sie in Zusammenhang zu bringen mit der Erneuerung unserer Zeit-Raum-Auffassung und mit der Vertiefung aller Naturgesetze.

Was würde nun unser Pfarrer von Ufenau zu dieser Wendung der Dinge sagen, wenn sie ihm ein fahrender Schüler des zwanzigsten Jahrhunderts anvertrauen würde? Würde er glauben, daß Herr Köpernick umsonst gewacht hat? Sicherlich nicht. Der Wechsel des Standpunktes, den Kopernikus vornahm, war der erste Schritt zur Wahrheit. Der Erdstandpunkt des Ptolemäischen Systems mußte zuerst einmal aufgegeben und durch den Sonnenstandpunkt des Kopernikanischen ersetzt werden. Indem Kopernikus Sonne und Fixsterne stillstehen und die Erde wandern hieß, erhielt er ein vereinfachtes Weltbild. Die Raumkrümmung wird von diesem Standpunkt aus so gering wie möglich, der Raum erscheint so euklidisch, als es nach Lage der Sache sein kann. Deshalb wird der Kopernikanische Standpunkt für alle Zeiten dem rechnenden Astronomen und dem beobachtenden Erdbewohner die besten Dienste leisten. Aber dieser Standpunkt ist nicht mehr der einzig mögliche. Es ist zwar sehr unpraktisch, aber nicht mehr falsch zu sagen: Die Erde ruht und die Sonne wandert. Darüber hinaus sehen wir mit E i n st e i n den wahren und endgültigen Standpunkt darin: alle Standpunkte souverän zu umfassen, je nach der besonderen Aufgabe den Standpunkt besonders zu wählen und zu der Überzeugung vorzudtingen: Die Natur ist, unabhängig von dem wechselnden menschlichen Standpunkte, immer gleich groß und gleich gesetzmäßig.

GEGENWARTSFRAGEN DES DEUTSCHEN WIRTSCHAFTSLEBENS
VON UNIVERSITÄTSPROFESSOR DR. GOETZ BRIEFS (WÜRZBURG)

Anmerkung: Der Aufsatz wurde Ende August 1921 abgeschlossen. G.B.

Wer dieses Thema liest, möchte leicht geneigt sein, es umzuändern in: die Fraglichkeit des deutschen Wirtschaftslebens. Und wer sich mit dem vollen Ernst dieser Fraglichkeit erfüllt hat und sieht, welche Zusammenhänge heute von der Wirtschaft in alle anderen deutschen Lebens gebiete bis in die Kultur, in die politische Freiheit und das Volksleben ausstrahlen, möchte wohl von der Fraglichkeit des deutschen Lebens im ganzen sprechen und die düstersten Zukunftsbefürchtungen daran anschließen.

Zu jäh ist für uns alle dieser Titanensturz, den Volk und Reich seit jenen tragischen Juli- und Augusttagen 1914 erlebt haben. Wir sind wie betäubt vom Sturz. Wir wissen nur eines: Nicht am Boden liegen bleiben! Sonst ist Ehre, Reich und Volk auf immer verloren. Wo standen wir? Wo stehen wir? Das sind die festen Punkte, an denen wir Richtung nehmen, um uns zunächst einmal mit der vollen Schwere dessen zu erfüllen, was geschehen ist, und um an ihnen zu ermessen, was nun geschehen soll.

Wo standen wir? Wir jüngere Generation kennen aus eigenem Erlebnis der Vorkriegszeit nur das starke, stolze Reich, das im Inneren Einigung und Blüte, nach außen schimmernde Wehr und hohe Geltung besaß. Die Reibungen unseres innerpolitischen und wirtschaftlich-sozialen Lebens schienen uns Wachstumsschmerzen, die keinen verschonen, aber mit denen man fertig wird. Unsere Weltgeltung stand auf der Stärke einer gewaltigen Kriegsmacht und einer Wirtschaftsmaschine von unerhörter Leistungsfähigkeit, aber auch auf sozialen Kulturtaten und geistigen Leistungen, die vorbildlich waren. Mit diesen Eindrücken von Macht, Größe und Reichtum erfüllte sich unsere Seele. Wer von uns draußen war, sah auf allen Meeren, in allen Ländern die Zeichen eines aufstrebenden, gewerbefleißigen, "in allen Künsten und Hantierungen geschickten" Volkes, das im Herzen Europas saß und von dort aus das Reich seines wirtschaftlichen und technischen Unternehmungsgeistes aufbaute. Das war das Deutschland der jüngsten Vorkriegsgeneration. Ihre Väter und Großväter noch hatten das andere alte Deutschland gekannt, jenes Deutschland, das weltpolitisch und weltwirtschaftlich nicht viel mehr als ein geographischer Begriff, "Provinz" war; jenes Deutschland, dessen Getreideausfuhr der Londoner Produktenbörse den Namen "Baltic" gab, jenes bäuerlich-handwerkerliche Deutschland, das oft genug auslaufende fremde Schiffe mit Sand als Ballast befrachten mußte, weil ihm Waren zur Ausfuhr fehlten, jenes Deutschland, dessen Vorstellung für Gladstone noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts verbunden war mit Ärmlichkeit, Spießbürgertum, viel Militär und einem Bündel von Kleinstaaten. Und greift man nun zurück auf die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, dann taucht man in die schwere Luft eines kontinentalen bäuerlich-handwerkerlichen Volkstums ein, das politisch nicht zu eigener Form kam, dessen Ohnmacht im Konzert der Völker mit seiner Zersplitterung wetteiferte, und das im ganzen mehr Objekt als Subjekt der hohen Politik war. Wenn in jenen Zeiten der deutsche Name in fremden Landen respektvoll genannt wurde, dann war es um der Werte des G e i s t e s willen. Wer von den großen Geistern unserer klassischen Zeit war Prophet und Seher genug, vorauszuschauen, was aus diesem Volke im Laufe zweier oder dreier knapper Generationen werden sollte! Wer von ihnen h o f f t e auch nur auf jene Wendungen in unserem Geschick, die wir als Volk bald nahmen? Dem Briten die See, dem Franzosen das Land, dem Deutschen das Reich des Geistes: das war jene nicht etwa schmerzvoll den Tatsachen entnommene, sondern aus innerstem Bewußtsein gewertete Teilung der Erde, die Schiller in einem seiner Gedichte vor Augen hat. Freilich: das konnte der Dichter wohl nicht ahnen, daß das "Luftreich der Gedanken" der Boden sein werde, auf dem der beispiellose deutsche Aufstieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts reifen würde. Man möge in dem trefflichen Buche: "Die deutsche Volkswirtschaft im 19. Jahrhundert" selbst nachlesen, was Sombart mit großer Meisterschaft der Darstellung zu erzählen weiß von dem Leben der dritten Generation vor uns, von ihrem Schaffen und Mühen, von der Kleinheit und so schien uns wenigstens in den reichen Tagen der Vorkriegszeit Ärmlichkeit dieses Lebens! "Eine an Dürftigkeit grenzende Einfachheit" allerorten, in Wirtschaft und Staat, im privaten Leben und in der Gesellschaft!

Beengt, klein, dürftig blieb im ganzen genommen das Dasein unseres Volkes bis in hohe Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts. Gewiß, es kamen schon stärkere Impulse; im Westen und Süden regte sich industrielles Leben, das in Friedrich List den genialen Anwalt seiner Bedeutung für das ganze Volkstum fand. Aber der eigentliche Aufmarsch der deutschen Wirtschaft zu jener Stärke und Geltung, in deren Bewußtsein wir aufgewachsen sind, liegt sehr erheblich später. Noch in den sechziger Jahren hatten wir eine stärkere Getreideausfuhr als Einfuhr; erst 1873 verschwand der letzte Getreideausfuhrüberschuß, der Weizenüberschuß. Es war damals noch nicht die Konkurrenzunfähigkeit der deutschen Landwirtschaft die Ursache der Einfuhrüberschüsse bei Getreide, sondern die verstärkte Hinwendung der Landwirtschaft zum Kartoffel-, Futtermittel- und Rübenbau. Aber diese Wendung leitete eine wirtschaftliche Umwälzung ein: an der Zuckerrübe wurde eine der ersten und blühendsten deutschen Industrien wach, auf den Kartoffelböden des Ostens entstand eine landwirtschaftliche Nebenindustrie (Brennereien und Stärkefabriken) von großer Bedeutung. Im Westen und Süden entwickelte sich im Anschluß an eine alte Tradition des Gewerbefleißes eine Industrie der Textilien, des Eisens und der Kohle; sie hatte jahrzehntelang einen schweren Stand gegenüber der hochentwickelten englischen Industrie wie auch gegenüber dem französischen und belgischen Wettbewerb, der teilweise mit Ausfuhrprämien arbeitete. Aufschwungsimpulse von größter Bedeutung waren die Reichseinigung, die Kriegsentschädigung von 1870 und das gehobene Nationalgefühl, das nach dem glorreichen Kriege durch das deutsche Volk ging. Die Bevölkerung wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in starken Rhythmen, das industrielle Leben entfaltete sich, wenn auch über Wellentäler von Depressionen weg, so doch im ganzen stark und nachhaltig; die Schutzzollgesetzgebung von 1879 kräftigte jenes Doppelfundament der deutschen Wirtschaft, Industrie und Landwirtschaft gegen die vom Weltmarkt her drohenden Erschütterungen. Wenn schon in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die deutsche Industrie- und Reichtumsentfaltung den ausländischen Beobachtern so überraschend und gestehen wir auch das, in mancher Hinsicht überstürzt und gewaltsam vorkam, so waren das nur Auftakte zu jener ungeheuren, fast möchte man sagen: elementaren Expansion, die mit dem neuen Jahrhundert einsetzte.

Drei Züge kennzeichnen diesen neuen Abschnitt der deutschen Wirtschaftsentfaltung: das Aufschießen von Riesenbetrieben, zumal in der Kohlen- und Eisenindustrie, in der chemischen und Elektrizitätsindustrie; weiterhin der Organisationsprozeß der deutschen Wirtschaft in Gestalt von Betriebskombinationen, Kartellen, Syndikaten, Interessengemeinschaften usw.; und drittens das Vordringen der wissenschaftlich fundierten Industriewirtschaft, mit anderen Worten: der wirtschaftlichen Auswertung naturwissenschaftlicher Forschungen einerseits, andererseits des Aufbaues von Betrieben und Unternehmungen nach Methoden, die wissenschaftlich auf ihre höchste Zweckmäßigkeit ausgeklügelt sind. Während Großbetriebe, Kartelle und Truste Ergebnisse von Tendenzen sind, die alle moderne Wirtschaft in fast allen Ländern kennzeichnen, ist der Weg zur Wirtschaft über die Wissenschaft ein spezifisch deutscher Weg gewesen; seine geistigen und sittlichen Voraussetzungen lagen nur hier in der Stärke und Reinheit vor, die nötig waren, ihn zu beschreiten und zu erobern. Jedenfalls ist das Schrittmaß der deutschen Wirtschaftsentwicklung unter dem Antrieb jener neuen Organisationsformen und Produktionsmethoden so schnell, daß in seinem Gefolge schwerwiegende Erscheinungen im Inneren des deutschen Volkskörpers auftauchten. Noch schwerer wiegende nach außen!

Ein wachsendes Volk auf schmaler Rohstoffbasis! Was das wachsende Volk an Nahrung und Kleidung brauchte, konnte der deutsche Boden allein nicht hergeben; die Einfuhr mußte über eine Million Tonnen Brotgetreide und für eine Milliarde Mark (Goldmark!) Futtermittel zuschießen; dazu Milliardenbeiträge für Wolle, Baumwolle, Erze usw. Wir könnten diese wenigen Angaben noch vermehren um den Hinweis auf den stark anwachsenden Tonnengehalt unserer Handelsflotte, die Ausweise unserer Banken, die deutsche Kapitalanlage im Auslande, unsere Steuerkraft und vieles andere mehr. Doch genug der Zahlen! Sie sind heute schmerzvolle Erinnerungen. Wer sich sinnfällig den Unterschied des damaligen und des heutigen Deutschlands vergegenwärtigen will, überlege nur einen Augenblick den Wert der Mark von heute gegenüber dem der alten Goldmark. Der Unterschied redet eine Sprache, die auch der Einfältige versteht.

Und doch müssen wir noch einmal vom alten Deutschland reden, ehe wir uns dem armen Deutschland unserer Tage zuwenden, und zwar nach einer doppelten Hinsicht. Ein Volk, das keine Hoffnung mehr sieht und auf Generationen hinaus Wüstenwanderung vor sich hat, gibt sich auf. Haben wir dazu Anlaß? Wir hätten Anlaß dazu, wenn alle Wurzeln unserer Vorkriegsblüte verdorrt wären. Stellen wir fest, welches diese Wurzeln waren. 1. La n d als Grundlage von Ackerbau und Viehzucht, Land als Fundstätte von Rohstoffen und Kraftquellen, Land als räumliche Grundlage von Leben und Wohnen. Nach allen drei Richtungen haben wir schmerzvollste Verluste erlitten, aber keine, die nicht mehr oder minder zu mildern wären. 2. Die natürliche Lebenskraft der N a t i o n: Arbeitskraft, Geschlechtsverteilung, Altersaufbau, Gesundheit. Auch hier sind schwere Einbußen zu verbuchen, aber wiederum keine, die nicht auszugleichen oder zu ertragen wären. 3. K a p i t a l k r a f t, Vermögensmacht, Reichtum, "Wohlstand": hier liegt die gewaltigste Einbuße vor, diejenige auch, die am wenigsten von heute auf morgen ausgeglichen werden kann. Hier ist Anlaß, in der Tat von einer hochgradigen Verarmung zu reden. Teils ist sie eine Folge der Erschöpfung unserer Reichtumsquellen durch den Krieg, teils der Ausplünderung und Ausraubung durch den Frieden. Wenn es heute ein "Proletariervolk" im Sinne eines Volkes, das in Dürftigkeit von der Hand in den Mund lebt, gibt, dann sind w i r e s. Wir sind das Proletariervolk, auf das für Jahrzehnte hinaus ungeheuerliche Verpflichtungen gelegt sind. Wir sind ein verarmtes, ausgeraubtes Volk, das noch von seiner Hände Arbeit und von seiner Armut Fabelsummen in Gold ausgepreßt bekommt. Hier liegt der Punkt, wo die Wirtschaftslage in das allgemeine Leben des ganzen Volkes auf Jahrzehnte hinaus empfindlich einzuschneiden droht. Alle Kultur, alle Zivilisation, alle Bildung des Geistes und des Herzens, alle soziale Fürsorge, alle gute Verwaltung, alle Schaffung von Recht und Sicherheit hängt mit tausend Fäden an der Wirtschaftsblüte; sie entscheidet über das Leben ungeborener Geschlechter, und vor allem darüber, ob der junge Aufwuchs der Nation an Leib und Seele verkrüppelt und verwildert aufwächst oder nicht; sie entscheidet darüber, ob Mitteleuropa zurücksinkt in die stumpfe Dumpfheit und Stickigkeit einer geistig und physisch elenden Volksmasse, und weiterhin darüber, ob sich damit die Nachtschatten über ganz Europa senken. Denn man kann nicht das Mittelstück eines Kultur- und Zivilisationszusammenhanges mit frevlen Händen herausbrechen und sich dabei einbilden, das könnte den Anschlußstücken in Ost und West von Vorteil sein. Die wirtschaftliche Erschöpfung bei gleichzeitiger Überbürdung mit Verpflichtungen ist der Boden der schlimmsten Gegenwartsbefürchtungen; an diesem Punkte kann a l l e s fraglich werden. Ob die Befürchtungen sich verwirklichen, hängt ab von der Freiheit, die man unserer Arbeitskraft, unserer Unternehmungslust und unserem Erfindergeist im fremden Lande gewähren wird, und hängt nicht zuletzt ab von der tätigen Hilfe in Gestalt von Krediten, Rohstoffvorschüssen und vor allem Verpflichtungserleichterungen, die uns das Ausland gewährt 4. S i t t l i c h e E i g e n s c h a f t e n: Arbeitswilligkeit, Arbeitsfreude, Arbeitsdisziplin, Sparsamkeit, Genügsamkeit, Wille zum Vorwärtsstreben, Mut zum Leben. Wer will behaupten, daß diese Eigenschaften, die gewiß zeitweise getrübt und in manchen Einzelgruppen heute noch geschwächt sind, im ganzen unerträglich gelitten hätten? Nur interessierte Böswilligkeit oder Unverstand kann derartiges behaupten. Festzustellen ist wohl, daß das Maß der Leistungen nicht so stürmisch und ungezügelt ist wie früher. Aber das hat seine besonderen Gründe in schlechter Lebenshaltung, wirtschaftlichen Beengungen durch den Friedensvertrag und seine Folgen und ist übrigens zu einem Teil eine verständliche Reaktionserscheinung auf de ungeheueren Anforderungen der letztem sieben Jahre. 5. D e r d e u t s c h e S t a a t. Sicher war das alte Staatsgefüge mit seiner inneren Ordnung, seiner Stärke und Macht nach außen ein gewichtiger Hebel wirtschaftlichen Aufstiegs. Zweifellos hat die allgemeine Heerespflicht Eigenschaften geweckt und gefördert, Sachverhalte geschaffen, die der Wirtschaft zugute kamen. Was ein starker, politisch unabhängiger Kultur- und Machtstaat der Wirtschaft zu bieten vermag, weiß kein Volk besser als das deutsche. Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, daß unser Staat von heute so schwer nach außen und innen zu tragen hat, so überbürdet ist mit Aufgaben und toten Lasten, daß ihm die Wirtschaft eher helfen muß, als er der Wirtschaft helfen kann. Das sind Folgen des Krieges und des Friedens, Folgen aber auch der gerade in Deutschland so weit verbreiteten Neigung, in allen Nöten des Lebens nach dem Staate zu rufen. Und doch ist es nicht so, wie mancher wohl gelegentlich denken möchte, als ob der Staat von heute nur eine to


Date: 2015-12-11; view: 120


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